HEIMLICHE LIEBE
Wir müssen von den Gefühlenunserer eigenen Seeleleben können! Das ist die „neue Religion“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten impressionablen Nerven. Man kann uns alleswegnehmen, allesrauben, allesverhindern, allesverbieten— — nur nichtunsereGefühle, die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsereunbesiegbare Machtunserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen, nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zumPreise der Entfernten! Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?! Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen sie uns als dieihrigen, vermittels derKraft unsererunzähmbaren, unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert dieverbietendeMenschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „Du darfst!“
Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machenaus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir das irgend jemandverbieten?! Niemand kann mir meineLeiden verbieten, er kann sie nur steigern, und das istgut für meine Seele— — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, dieniemand,niemandsieht?!