KRANKEN-TOILETTE

KRANKEN-TOILETTE

Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke „herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine traurigeStagnationdes Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer, nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem Besuchstageverfälltder Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, Energie hängen leider nicht von Besuchstagenab der Anverwandten. Man schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine Hoffnung zuläßt — — —.


Back to IndexNext