10. Capitel.
Auf einem alten Dampfer — Die Insel Nias — Niasser — Niasser und Dajaker — Ein gefährliches Landen — Oel glättet die stürmischen Wogen — Schmutzige Fiaker — Ein Haudegen — Die Engländer in Padang — Vortheile eines hölzernen Hauses — Padang ist ein grosser Garten — Malaiische Silberarbeiten — Das Zodiakallicht — „Der Culturzwang“ — „Das Gouvernement der Westküste Sumatras“ — Der Padrikrieg.
Auf dem »General Pel« schien so manches nicht in Ordnung zu sein. Schon in der Nähe der Insel Babi[85]erschien der erste Maschinist so oft auf dem Deck, um dem Schiffscapitain dienstliche Mittheilungen zu machen, dass wir etwas unruhig wurden. Im scherzenden Tone theilte uns dieser mit, dass wir alle Aussicht hätten, wegen eines Defectes der Maschine steuerlos den Wellen uns anvertrauen zu müssen, welche uns sicher und gewiss auf die Insel Nias bringen würden, und dass wir in höchstens 2 Tagen als saftiger Braten dem Radja von Nias vorgesetzt werden würden. Den scherzenden Worten lag aber ein Gran Wahrheit zu Grunde; das Schiff neigte sich immer mehr und mehr auf die Backbordseite. Wir hatten bereits die Grenze Atjehs überschritten und passirten die Provinz Trumon und sahen im Hintergrunde die Spitzen der Berge Trumon und Kokohan und steuerten beinahe in gerader Richtung auf die vor uns liegenden »Zahlreichen Inseln« (Pulu banjak) zu. Hier endlich theilte uns der Schiffscapitain mit, dass in einen der Kessel ein Leck gekommen sei, und dass wir daher mit halber Kraft fahren müssten. Gefahr sei keine vorhanden; er sei jedoch bereit, auf eigene Verantwortung in Singkel zu landen, »wenn die Passagiere Furcht hätten«. Ich wusste natürlich, dass dieser Vorschlag nicht ernst gemeint war, weil jeder Schiffscapitain den Auftrag hat, so schnell als möglich seinem Ziele zuzusteuern; aber als Sprecher aller Passagiere glaubte ich ihm folgende Frage vorlegen zu müssen: »Singkel ist berüchtigt durch seine schweren Sumpffieber. DerAufenthalt von einigen Stunden in diesem Hafen sei hinreichend, die Malaria zu acquiriren«; ich müsste ihn also fragen, was er für seine Person für bedenklicher halte: Mit der defecten Maschine weiter zu fahren oder einen halben oder einen ganzen Tag in dem Hafen von Singkel vor Anker zu liegen. Er gab uns die Antwort, dass er in diesem Falle unbedingt weiter fahren würde. Auch die anwesenden Damen fühlten sich durch diese Antwort beruhigt, und so fuhren wir auf einem Dampfer, der mit seinem Hauptmaste einen Winkel von beinahe 60° gegen den Horizont einnahm.
Wir waren im Gebiete des »Gouverneurs der Westküste Sumatras«[86], welches in 3 Residentien eingetheilt wird: Tapanuli, Padangs Oberländer und Padangs Tiefland.
Glücklich passirten wir die Inseln Mansalar, Nias und Steininseln (P. Batu) und erreichten endlich den 23. September ohne jedes unangenehme Intermezzo die Residenzstadt Padang.
Eine grosse Inselreihe beschützt die Westküste Sumatras wie ein mächtiger Wall vor den stürmenden und brausenden Wogen der Südsee, und nur diesen Inseln ist es zu danken, dass an zahlreichen Punkten schöne und gute Häfen angelegt werden konnten. Leider gehört keine dieser Inseln zu dem gewinntragenden Besitze Hollands. Selbst die Insel Nias hat bis jetzt der Insel Sumatra und indirect dem holländischen Reiche keinen anderen Nutzen gebracht als den Export seiner schönen Frauen. Schon vor 200 Jahren schloss die ostindische Compagnie mit einigen der zahlreichen Fürsten dieser Insel einen Handelscontract, welcher im Jahre 1756 erneuert wurde, ohne dass die Errichtung einer Factory auch nur die Kosten derselben gedeckt hätte. Die Engländer errichteten (während ihres Interregnums auf Sumatra) auf dem Hügel Sitoli ein kleines Fort, um mit bewaffneter Hand dem Sklavenhandel entgegentreten zu können. Es gelang ihnen ebensowenig als den Holländern, welche im Jahre 1836 dieses Fort aufhoben und einen atjeeischen Häuptling zum politischen Agent von Nias einsetzten. Der »Bock erwies sich als schlechter Gärtner«, und 1840 wurde wieder auf demselben Hügel ein kleines Fort gebaut. Als aber 1846 der Lieutenant Donleben bei der topographischen Aufnahme dieser Insel von den Niassern überfallen wurde, sah sich die holländische Regierung veranlasst, ernste Maassregeln zu treffen, um demRäuberwesen auf Nias ein Ende zu machen. Aber erst der Expedition, welche den 29. December 1855 Padang verliess, und jener vom Jahre 1863 gelang es, die ganze Insel zu unterwerfen und sie dem »Gouvernement der Westküste von Sumatra« einzuverleiben.[87]
Die Niasser sind Heiden und stehen oder sagen wir standen vor 50 Jahren noch auf derselben Stufe der Civilisation als die Dajaker auf Borneo.[88]Thatsächlich sollen sie in ihrer Hautfarbe, in ihrem Körperbau, in ihren Sitten und Gebräuchen, in ihren Wohnungen und in ihrem Gottesdienste so verwandt mit den Dajakern sich zeigen, dass viele Ethnographen sie von Borneo abstammen lassen, während andere in ihnen Abkömmlinge von den Battakern des östlichen Sumatra sehen wollen. Gegen beide Theorien sind die Einwände so zahlreich, dass man wirklich am besten sie über Bord wirft und die genannten drei Volksstämme als Urbewohner ihres Landes betrachtet, welche durch die grosse Völkerwanderung im vierten Jahrhundert mehr oder weniger in ihren Sitten und Gebräuchen beeinflusst wurden. Durch diese Theorie lässt sich viel leichter die Aehnlichkeit der Niasser und Dajaker erklären, als dass Nias von Borneo oder umgekehrt Borneo von Nias bevölkert worden wäre.
Nias, die grösste Insel der miocenen Inselreiche, hat einen Flächenraum von 4500 ☐km, hat keine Vulcane, zahlreiche kleine Flüsse, drei Gebirgsketten mit zahlreichen kleinen Bergen, worunter der Hili Matjua mit 600 Metern die grösste Höhe besitzt, hat keine Seen, einige gepflasterte Wege, sonst zahlreiche Fusspfade, birgt Eisen, Kupfer und Gold in seinen Bergen, den sumatranischen Hirsch, Wildschweine, Rehe (Kidang), den Kees, den fliegenden Maki, den fliegenden Hund, das Schuppenthier, den Musang, die Otter und das Stachelschwein[89]in seinen Wäldern, und seine Flora unterscheidet sich ebenfalls nur wenig von der der Insel Sumatra.
Die Niasser sind im Durchschnitt 160 cm gross, haben eine gelbweisse bis lichtbraune Hautfarbe, schwarze Haare, keine breiten Nasenflügel (wie z. B. der Malaie), und zahlreich sollen unter ihnen die Albinos sein. Die tägliche Kleidung besteht aus einem Gürtel (wie der Djawat bei den Dajakern), Weste und einem Kopftuch bei den Männern; die Frauen tragen einen kurzen Sarong, Armringe, blaue Korallenschnüre, Armringe und Ohrringe aus Kupfer, welchedie Ohrläppchen, wie bei den Frauen auf Borneo, bis auf die Schultern ausdehnen. Die Galakleidung der Häuptlinge ist allerdings sehr reich und soll oft einen Werth von 3–4000 fl. haben; die Krone mit einer hornförmigen, ungefähr einen Meter langen Spitze, der Fächer, ein goldener Halskragen und ein Dolch mit goldenem Griffe sind die theueren Kleidungsstücke eines Häuptlings, welcher sich in seinem ganzen Schmucke den Fremden zeigen will.
Die einzelnen Gebräuche, welche auch bei den Dajakern üblich sind und geradezu herausfordern, einen Vergleich mit diesen beiden räumlich so weit entfernten Volksstämmen zu ziehen, sind folgende:
Bewaffnet sind beide immer und zwar mit Lanze, Schild und Kopfmesser (Fig. 22). Beide tättowiren sich, die Niasser feiern ebenso zahlreiche, viele Tage dauernde Feste wie die Dajaker; beide kennen Kriegstänze der Männer, und der Tanz der Frauen im Reigen ist auf Borneo beinahe ganz derselbe wie auf der Insel Nias. Die Religion beider Stämme ist im Principe nichts anderes als ein Beschwören jener Geister, welche die Menschen mit Unheil und Krankheiten bedrohen. Der gute Geist »Lubu langi« wird von den Niassern ziemlich vernachlässigt, während den Adjus Opfer gebracht werden müssen, um sie für die Menschen günstig zu stimmen. (Der gefährlichste dieser übelwollenden Geister heisst Nadaaja.)
Soweit beide Stämme bereits mit den Europäern in Berührung gekommen sind, gebrauchen sie im Handelsverkehr Münzen; im Uebrigen herrscht der Tauschhandel — mit Gold; für europäisches Papiergeld haben sie noch kein Verständniss.
Warum Nias im indischen Archipel öfters und häufiger genannt wird, als alle übrigen Inseln jener grossen Schutzmauer, welche die Westküste Sumatras gegen die brausenden und stürmenden Wogen der Südsee beschützen, ist mir nicht bekannt; vielleicht ist sie ethnographisch interessanter; vielleicht hat der Sklavenhandel auf dieser Insel die holländische Regierung gezwungen, mit dieser Insel sich stark zu beschäftigen; oder sollten seine schönen Frauen die Ursache ihres Ruhmes sein?
Fig. 23. Ein Kampong (malaiisches Dorf) auf und an den Ufern eines Flusses.(Vide Seite 181.)
Fig. 23. Ein Kampong (malaiisches Dorf) auf und an den Ufern eines Flusses.
(Vide Seite 181.)
Ohne auch nur die Mentawei-Inseln[90]zu sehen, welche mit Padang auf derselben geographischen Breite (1° S. B.) liegen, kam also unserBoot den 23. August zwischen den Walfischklippen und den Pisanginseln um 9 Uhr Morgens vor Anker. Der Emmahafen, welcher jetzt südlich von dem damaligen Hafen angelegt und mit modernen Einrichtungen für den Transport von Waaren und besonders der Kohlen aus den Ombilienfeldern versehen ist, war im Jahre 1888 erst projectirt. Wer nur einmal in dem alten Hafen landen musste, versteht nicht, dass es erst der jüngsten Zeit vorbehalten bleiben musste, die grosse Handelsstadt Padang auf bequeme und ungefährliche Weise erreichen zu können. Obwohl die vorliegenden Inseln die Gewalt der Wogen des südlichen Oceans brachen, geschah es nur zu oft, dass ein Landen unmöglich war, und dass die blaue Fahne auf dem Walle zum Zeichen wehte, dass wegen schweren Wellenganges der Verkehr mit der Rhede verboten war. Als wir am 23. August 1888 ankamen, bestand officiell kein Hinderniss, sofort an Land zu gehen; der Kahn jedoch, welcher mit der Dampfbarcasse das Ufer verliess, um die Passagiere abzuholen, tanzte auf den Wogen schwindelerregend und schaukelnd auf und ab. Wir standen am Deck, um dem komischen Treiben der Affen (Cercopithecus) zuzusehen, welche bei unserer Ankunft von dem Affenberge herabeilten, um in den durch die Schiffsschraube aufgepeitschten Wellen zu spielen. Meine Frau wandte plötzlich den Blick gegen den Landungsplatz und sah die Dampfbarcasse hinter einer hohen Welle in die Tiefe der See verschwinden. Mit einem Schrei des Entsetzens wies sie nach der Unglücksstätte. Lächelnd beruhigte ich sie mit der Versicherung, im nächsten Momente das kleine Schiff auf der Spitze des Wellenberges erscheinen zu sehen. So geschah es auch; aber meine Frau verweigerte, bei diesem »hohen Stand der See« an’s Land zu gehen. Es war wirklich ein gefährlicher Moment, als die Dampfbarcasse vor der Falltreppe lag, um die Passagiere aufzunehmen. Bald hoben die Wogen das kleine Schiff hoch über die Treppe, bald wurde es mit grosser Kraft gegen den Schiffsrumpf geschleudert, bald sank es einen Meter tief unter die Treppe. Mit Stangen und Haken und Tauen in den Händen gelang es den Matrosen, diesen kleinen Dampfer in der Nähe der Treppe zu halten und das Einsteigen der Passagiere zu ermöglichen. Nur eine viertel Stunde dauerte die Fahrt nach der Küste, und auch wir stürzten von einem Wellenberg in’s Wellenthal, um im nächsten Augenblicke wie eine Nussschale auf dem folgenden Wellenberg zu schaukeln und zu schwanken.
Schon seit vielen Jahrhunderten ist es bekannt, dass die Wellen des stürmenden Meeres durch etwas auf die Oberfläche gegossenes Oel geglättet werden; bereits Aristoteles, Plutarch und Plinius erwähnen diese Eigenschaft des Oeles[91], und im Jahre 1881 hatte Shields mit gutem Erfolge im Hafen von Peterhead (Schottland) das Oel zur Beruhigung der See angewendet. Ich selbst hatte Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Beobachtungen zu überzeugen. Es ist daher unverständlich, dass die holländische Regierung niemals daran gedacht hat, in diesem Hafen und auch auf Java eine ausgedehnte Anwendung des Oeles zur Beruhigung einer grossen Brandung einzuführen.
Der neue Emmahafen bei Padang hat bei ruhiger See allerdings jetzt kein Bedürfniss dafür; die Schiffe ankern direct an dem Wall, und nur für den Fall, dass sie auf eine Landung warten müssen, werfen sie einige hundert Meter vom Lande entfernt die Anker in die See.
Gegen 11 Uhr kamen wir in’s Hôtel, und da ich in Uniform gekleidet war, benützte ich diese Gelegenheit mich zu melden und gleichzeitig mit meiner Frau eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen. Die Miethwagen sind in Padang um nichts weniger schmutzig und sehen ebenso verfallen aus als in Batavia, Samarang u. s. w. Die Wagenvermiether kaufen auf Auctionen die ältesten, schmutzigsten und verwahrlostesten Mylords, Landauer u. s. w. und bringen sie sofort in Gebrauch, ohne auch nur einen Cent auf ihre Renovirung zu verwenden.
Speciell in Padang waren diese Ruinen alter Herrlichkeit damals im Localverkehr geradezu eine Sammlung von gefährlichen und antihygienischen Antiquitäten.
Drei bis vier mal im Monate brachte nämlich ein Dampfer von Atjeh jene unglücklichen Patienten, welche in den militärischen Gesundheitsetablissements der »Padangschen Oberländer« Erholung suchten und fanden. Diejenigen Patienten, welche nicht marschiren konnten, wurden in diesen Miethwagen nach dem Spitale gebracht, welches zwei km weit (neben der Caserne) vom Hafen entfernt war. Natürlich befanden sich darunter auch viele Dysenterie-, Malaria- und selbst Cholerapatienten, ohne dass (wenigstens damals) sich jemand mit der Desinfection dieser Wagen bemüht hätte. Seitdem der Emmahafen im Gebrauch ist, haben sich diese Verhältnissebedeutend gebessert. Die Eisenbahn, welche in’s Innere des Landes führt, giebt eine Seitenlinie für das Spital ab, und alle Patienten werden per Waggon bis zum Thore des Spitals gebracht.
Wir hatten keine Wahl und fuhren also ebenfalls mit einem solchen hässlichen und schmutzigen Fiaker (?) vom Hôtel aus zunächst zum Spitalchef, um meine Ankunft bei meinem Chef und darnach bei dem Platzcommandanten zu melden. (Meine Frau blieb natürlich im Wagen, auf mich wartend.) Letzterer hatte jedoch »keine Zeit« mich zu empfangen; ja noch mehr; um gewiss nicht mit mir zusammenkommen zu müssen, gab er dem Adjutanten den Befehl, meinen Marschbefehl nicht nur für die Ankunft, sondern auch für die Abreise am 26. August sofort zu visiren. Der Anlass zu diesem gespannten Verhältnisse zwischen mir und dem Obersten ist interessant und so charakteristisch für den Haudegen, der »einen einmal gegebenen Befehl nicht zurücknimmt«, dass ich nicht umhin kann, ihn ausführlich mitzutheilen.
Im November 1886 befand ich mich in Kuta-radja in Garnison und bekam den Auftrag, einen Krankentransport nach Padang zu begleiten und mit dem Dampfer, welcher auf seiner Fahrt von Batavia nach Atjeh in Padang anlegen wird, meine Rückreise anzutreten. Als dieser Dampfer in dem Hafen anlegte, hatte er die gelbe Flagge auf dem Topp des grossen Mastbaumes als Signal, dass ansteckende Kranke sich an Bord befanden. Der Platzcommandant gab den Garnisonsbefehl aus, dass niemand an Bord dieses Schiffes gehen und dass überhaupt kein Verkehr mit diesem Schiffe stattfinden dürfe. Da ich und ein Oberarzt, welcher ebenfalls auf diese Gelegenheit wartete, nach Atjeh zurückzukehren, keine Ursache hatten, wegen der Cholera auf dem Schiffe unsere Abreise aufzuschieben, meldeten wir uns den Tag vor der Abreise des Schiffes reglementair bei diesem Platzcommandanten für die Abreise, und ich frug vorsichtshalber, ob das Verbot, mit diesem Schiffe zu reisen, auch auf mich und meinen Collegen Anwendung fände.
»Nein, Sie beide sind als Aerzte natürlich davon ausgeschlossen; es wird ja Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe sehr erwünscht, wenn nicht geradezu nöthig sein.«
»Natürlich,« erwiderte ich, »gehen auch die Krankenwärter mit, welchen ebenfalls in ihrem Marschbefehle angeordnet wurde, mit dieser Gelegenheit zurückzukehren.«
»Nein, die Krankenwärter bleiben hier.«
»Aber ich bitte, Herr Oberst! Wir können die Krankenwärter nicht entbehren; wir können die an Bord befindlichen Cholerapatienten wohl behandeln, aber wir können sie nicht verpflegen. Dazu gehören ja die darin geübten Krankenwärter.«
»Nun, dann werden die Kameraden den Patienten die nöthige Pflege zukommen lassen, wenn Sie es nicht thun können oder nicht wollen.«
»Aber Herr Oberst! Wir können uns ja bei einer ansteckenden Krankheit nicht auf die Pflege der Kameraden verlassen.«
»Nun ist es genug, Herr Doctor! Die Krankenwärter bleiben hier, Sie beide reisen morgen ab; einen einmal gegebenen Befehl nehme ich nicht zurück. Guten Morgen!« —
Mit einem militärischen Grusse empfahlen wir uns, und kaum waren wir bei der Thür, als der Oberst X. mich allein zurückrief und mir verwies, dass die Masche der Feldbinde nicht an ihrem Orte, d. h. hinter dem Griffe des Säbels sass. Als wir beide den nächsten Morgen auf’s Schiff kamen, waren alle Krankenwärter anwesend, welche mit uns die Reise gemacht hatten. Offenbar hat sich dieser Haudegen genirt, vor mir eingestehen zu müssen, dass jedermann in die Lage kommen könnte, »einen einmal gegebenen Befehl« widerrufen zu müssen.
Nach diesen obligaten Vorstellungen fuhren wir durch die Stadt, um die Zeit vor der »Rysttafel« durchzubringen und gleichzeitig einen Totaleindruck von dieser Stadt zu bekommen.
Padang hatte schon im Jahre 1666 eine holländische Niederlassung; als im Anfange des 19. Jahrhunderts die Insel Sumatra in den Besitz von England kam, übersiedelten viele englische Familien von Singapore, von der Insel Pinang und von Malacca dahin und brachten ein neues Element in diese übrigens gut malaiische Stadt. Das englische Interregnum dauerte nur bis zum Jahre 1824, und die eingewanderten Engländer blieben im Lande, vermehrten sich, ohne jedoch den Charakter der Stadt zu beeinflussen. Im Allgemeinen ist ja der Unterschied der englischen und holländischen Städte in den Colonien geradezu auffallend. Der Engländer behält auch in den Tropen seine heimathlichen Sitten und Gebräuche bei; der Holländer jedoch fügt sich so viel als möglich in die Sitten des Landes.[92]In Padang ist heute von der Anwesenheit dieses englischen Elementes absolut gar nichts zu merken: es ist eine holländisch-indischeStadt wie jede andere auf Java oder Borneo oder Sumatra. (Medan auf der Ostküste dieser Insel ist eine Ausnahme.)
Die Häuser selbst tragen ausgesprochen den indischen Charakter (Fig. 2u.Fig. 23). Sie bestehen aus Holz, ruhen auf Pfählen und sind mit Atap gedeckt. Auch steinerne Häuser sah ich in Padang; sie fallen aber geradezu durch ihre Einfachheit und ich möchte sagen auch durch ihre Stillosigkeit auf. Dazu gehören vier Privathäuser, der Justizpalast (?), das Haus des Gouverneurs, das Hauptgebäude des Militär-Spitales, die Wohnungen der Officiere, die Bureaux und Magazine der grossen europäischen Firmen und die meisten chinesischen Wohnungen.
Wir besuchten einen alten Collegen und hatten also gute Gelegenheit, ein malaiisches Haus in allen seinen Theilen besichtigen zu können. Seine Vortheile gegenüber dem steinernen Hause oder dem der Javaner überwiegen die Nachtheile.
Es stand auf ungefähr einen Meter hohen Pfählen, hatte Wände aus Holz, und eine hölzerne Treppe mit Geländer führte in die vordere Veranda. Das Dach war mit Atap, d. i. den getrockneten Blättern der Nipahpalme, gedeckt und überragte das Haus um ungefähr 2 Meter, d. i. die ganze Breite der Veranda. Kaum hatten wir unsern alten Bekannten begrüsst, konnte ich mich der Bemerkung nicht enthalten, wie sie denn in einem solchen einfachen Hause wohnen könnten. Schon der erste Schritt, den wir in der Veranda machten, erschütterte das ganze Haus. Lachend erwiderte er: »Sehen Sie, Herr College: Die Vortheile dieses Schüttelns kennen Sie ja gar nicht. Wenn irgend ein Dieb oder sagen wir ein Liebhaber meiner 56-jährigen Frau in der Nacht das Haus betreten wollte, würde das Schütteln mich sofort aus dem Schlafe wecken. Auch die Elefanten, die sich glücklicherweise nicht in unsere Nähe wagen, können sich unmöglich an den Pfeilern dieses Hauses reiben, ohne dass wir es merken. Ein Tiger wagt es nicht einmal, aus einem solchen Hause seine Beute sich zu holen. Kommt aber ein Erdbeben, so werden wir ganz gut durchgeschüttelt, aber wir fürchten uns nicht im geringsten, unter seinen Trümmern getödtet zu werden. Auf Java stehen die meisten Kamponghäuser ohne Pfähle auf dem Boden; Schlangen, Frösche und alles mögliche Ungeziefer kommen leicht in ein javanisches Bauernhaus. Hier werden wir von diesen ungeladenen Gästen nicht heimgesucht. Sehen Sie sich unsere Wohnung näher an. Hier in diesem Zimmer steht mein Pianino und daneben meinBücherkasten. Das Pianino hat seinen schönen hellen Klang beibehalten, den es bei seiner Ankunft hatte, und kein einziges Buch in meinem Bücherkasten ist mit Schimmel bedeckt. Gehen Sie hin zum Oberstabsarzt X., welcher in einem steinernen Hause wohnt; er wohnt allerdings standesgemäss, während ich als pensionirter alter Regimentsarztnurin einem Kamponghause, in einem malaiischen Wohnhaus wohne. Aber schauen Sie sich sein Pianino an; Sie spielen doch Klavier; wenn Sie die Tasten anschlagen, brummen Ihnen die verrosteten Saiten ein Lied vor, dass Sie aus den Nebentönen und von falschen Tönen ein Studium machen können. Uebrigens ist es gar nicht wahr, dass ich, wie die Leute mir vorwerfen, in einem Kamponghause wohne. Die Eingeborenen haben ja gar kein Geld, sie sind zu arm dazu, um ein solch elegantes Haus sich zu bauen. Ihre Häuser haben nur Wände aus Bambusmatten und der Boden ist ebenfalls nur ein Flechtwerk aus Bambus oder aus dünnen Aesten aus weichem Holz. In einem solchen Hause haben es die Herren Mörder und die etwaigen Liebhaber der Hausfrau sehr leicht, den Eigenthümer aus dem Wege zu räumen; sie stecken ganz einfach die Lanze durch die Lücken des Bodens, und der Eigenthümer ist eine Leiche. Dies habe ich natürlich nicht zu fürchten, weil dieses Haus von einem reichen Malaien und zwar einem Nachkommen des Radja von Menangkabau gebaut wurde; es besteht also ganz aus Brettern und nur das Dach verräth den nationalen Ursprung. Dieses primitive Dach hat auch einige Vortheile und nur wenige Nachtheile. Die versengenden Strahlen der Tropensonne sind nicht im Stande, durch dieses Dach ins Haus zu dringen; also zu jener Stunde des Tages, in welcher durch die senkrecht herabfallenden Strahlen die Luft geradezu heiss zu nennen ist, ist das Innere meines Hauses am wenigsten von der Tropenwärme belästigt. Aber auch niemals dringt der Regen in die Wohnung; die ersten Regentropfen befeuchten die Blätter hinreichend, um die ganze Bedeckung zu einer compacten Masse umzuwandeln, welche selbst durch den stärksten Wind nicht gelockert wird. Wenn Sie heute Abend beim Oberstabsarzt X. eine Visite machen werden, wird es keine 10 Minuten dauern, bis seine Frau, eine echte Nonna, das Gespräch auf uns, resp. auf unser Haus leiten wird; sie wird es als eine Schande bezeichnen, dass ich als Arzt in einem »malaiischen Hause« wohne. Wenn dies geschieht, schauen Sie sich sofort die Mauern ihrer Veranda an. Wenn nicht zufällig heute früh der Kebóng (= Gartenknecht)die Mauern mit der Kalkquaste übertüncht hat, werden Sie bis zur Höhe des Tisches die braunen Streifen der Feuchtigkeit sehen, welche aus dem Boden in die Mauern dringt. Noch besser können Sie sich davon überzeugen, wenn in der Frühe des Morgens die Thüren des Hauses geöffnet werden und man aus der frischen Luft in’s Haus tritt. Sie haben keine Idee, wie dumpfig die Luft in einem solchen steinernen Hause während der Nacht wird. Schauen Sie sich übrigens meinen Plafond an und den im Hause des Oberstabsarztes. Hier sehen Sie zwischen den Wänden und dem Dache einen freien Raum von ungefähr 20 cm; durch diesen dringt die im Hause durch unsere Ausdünstungen mit Kohlensäure geschwängerte Luft hinaus in’s Freie. Dort bleibt sie am Plafond hängen, weil die Fenster weit vom Plafond entfernt sind. Allerdings hat »Mutter die Frau« in meinem Hause grosse Scherereien mit dem Staub, welcher bei Windschlägen vom Plafond in’s Innere fällt, und manchmal ist es thatsächlich hier so warm, dass sie bedauert, nicht in einem steinernen Hause zu wohnen. Wenn sie aber dann wiederum hört, mit wie vieler Mühe die Frau Oberstabsarzt den Schimmel von ihren Schuhen und von ihren Kleidern fernhalten kann, dann ist sie wiederum mit ihrem Schicksal versöhnt, in einem »malaiischen Hause« wohnen zu müssen. Beinahe hätte ich noch den bedeutendsten Vortheil eines hölzernen Hauses anzuführen vergessen. Mein Haus steht, wie Sie sehen, auf Pfählen von 1 Meter Höhe; steinerne Häuser müssen auf dem Grunde stehen. Der Boden ist reiner Alluvialboden und geschwängert von pflanzlichen und thierischen Organismen; Korallenkalk mit seinen todten Korallenthieren wurde verwendet, um dem Grunde, auf welchem die Häuser gebaut werden, eine grössere Härte zu geben. Die aus diesem verpesteten Grunde aufsteigenden Miasmen werden in meinem Hause mit jedem Zugwinde in die freie Luft getrieben; bei einem Hause ohne Pfähle bleiben sie in dem Boden, dringen in die Mauern und gelangen von diesen in die Wohnräume. Nein; ich bleibe in meinem Kamponghause wohnen und habe gar kein Verlangen nach einem noblen, steinernen Hause.«
Im Ganzen und Grossen konnte ich diesem Herzensergusse meines alten Collegen meine Zustimmung aus Ueberzeugung geben; ich hatte ja schon damals Gelegenheit gehabt, in allen möglichen Sorten von Häusern zu wohnen, und noch heute würde ich aus denselben Ursachen einem hölzernen Hause unbedingt den Vorzug einräumen.
Es war keine officielle Visitenzeit, da diese in Indien um 7 Uhr beginnt. Wir entfernten uns, nachdem wir noch versprochen hatten, vor unserer Weiterreise noch einmal vorzusprechen und uns für den guten Willen bedankt hatten, als er uns zur »Rysttafel« einladen oder eine Contrevisite machen wollte. Wir fuhren noch eine halbe Stunde in der Stadt herum, sahen zwei Mühlen zur Entpolsterung des Reises, zwei Eisfabriken, zwei Buchdruckereien, eine Mineralwasserfabrik, vierzehn chinesische Mühlen zur Entpolsterung des Reises, fünf chinesische Brodbäckereien, vierzig malaiische Schmiede, fünf chinesische Oelmühlen, einige Ziegelfabriken und zahlreiche Werkstätten von Silber- und Goldschmieden, und zuletzt fuhren wir durch einen Kampong, an dessen Ausgang eine Gruppe malaiischer Frauen (Fig. 24) stand, welche ich, nach ihren Haartrachten zu urtheilen, für Bewohner des nordöstlichen Atjehs gehalten hätte.
Endlich hatten wir nach der Behauptung des Kutschers »ganz Padang« gesehen. Es ist eine echt tropische Stadt; alle Häuser sind mit einem kleinen Garten umgeben — nur nicht das »Officierscampement«, oder es wird besser bezeichnet mit den Worten: Padang ist ein grosser Garten, in welchem hin und wieder ein Haus gesehen wird. Palmen und Bananen, Waringinbäume sind die auffallenden Vertreter der Tropenflora; jedes Haus hat in seiner Veranda eine grössere oder kleinere Zahl Blumentöpfe mit Rosen, Dalias, Pegonias u. s. w. u. s. w. Die lieblichen, duftenden und bunten Kinder der Flora zieren die Häuser, während die Waldriesen in den Gärten unser Staunen erregen und die Obstbäume mit ihren herrlichen, oft riesigen und stark duftenden Früchten unsern Gaumen und nicht weniger unser Geruchsorgan ergötzen.
Um 12 Uhr kamen wir im Hôtel an und wurden von einer Schaar Hausirer empfangen, welche im Allgemeinen in den Häfen der holländischen Colonien lange nicht so lästig sind als jene in Singapore oder in Port Said u. s. w. Zahlreiche Nationen hatten unter ihnen ihre Vertreter; chinesische, javanische, arabische, klingalesische Händler boten die Industrieproducte ihres Landes oder europäische Waaren und malaiische Goldschmiede ihre Silber- und Goldwaaren feil. Es waren darunter wirklich reizende Nippessachen in Filigran gearbeitet. Am häufigsten verkauften sie indische Früchte aus Silber verfertigt, so z. B. Durian, Ananas, Rambutan u. s. w.; ich erstand jedoch eine Möbel-Garnitur en miniature, welcheallerliebst aussah; einen Divan, einen Tisch, sechs Sessel und zwei Schemel; auch zwei aus Gold gearbeitete Durians erstand ich um ziemlich niedrigen Preis. Sie hatten dabei einen eigenthümlichen Maassstab im Gebrauch. Sie hatten eine kleine Waage bei sich und gebrauchten statt Gewichte Silbermünzen für die aus Silber verfertigten Nippessachen. Obwohl ich noch bezweifle, dass diese Silberwaaren denselben Feingehalt als die betreffenden Silbermünzen hatten, so gingen sie niemals in ihrer Preisforderung unter dieses Gewicht; immer musste man mehr bezahlen als das Gewicht der betreffenden Münze; anderseits muss ich gestehen, dass sie sich oft mit einem Arbeitslohn als Gewinn begnügten, der für einen europäischen Arbeiter oder Künstler geradezu undenkbar wäre. Auch bieten sie sich zur Anfertigung von Armbändern, Haarnadeln, Gürteln und Ringen nach jeder beliebigen Form an und gebrauchen in gleicher Weise das Gewicht der erhaltenen Silbermünzen zur Controlle des Silbergehaltes. Am häufigsten verfertigen sie für die Frauen der Eingeborenen Platten zu einem silbernen Gürtel und verwenden dazu die silbernen Ryksdaalder (= à 4¼ Mark) und weisen in der Regel die Münzen anderer Staaten als minderwerthig zurück, so z. B. die auf der Ostküste Sumatras stark circulirenden mexikanischen, japanischen und amerikanischen Dollars. Diese Gürtel haben jedoch nur geringen künstlerischen Werth, weil das zu dünnen Platten geschlagene Metall gepresst wird. Alle anderen Sachen zeigen die Filigranarbeiten geradezu in ihrer Vollkommenheit und können mit den schönsten Erzeugnissen in der Türkei, Schweden, Holland, Ungarn an Feinheit der Arbeit concurriren. Diese Kunst ist so ziemlich beinahe unter allen malaiischen Stämmen dieser Insel verbreitet; die Padangschen Silberarbeiten sind jedoch die schönsten.
Das Hôtelleben in Padang unterscheidet sich nur wenig von dem anderer Städte auf den Inseln des indischen Archipels. Die Hôtels sind primitiv eingerichtet, bieten für den mässigen Preis von 4–6 fl. per Tag oder 90–120 fl. per Monat volle Verpflegung, incl. freies Eiswasser und Genever vor den zwei Hauptmahlzeiten, und gestatten in ziemlich ausgedehnter Weise das freie ungenirte Leben des häuslichen Herdes. Die Damen erscheinen zur Rysttafel (Mittagstisch) auch in Padang in Haustoilette, und in der Veranda, welche die einzelnen Hôtelzimmer begrenzt, sieht man das ganze Familienleben der verheiratheten Gäste coram publico sich abspielen. Bereits im zweiten Band habe ich dieses den Europäern fremd erscheinendesociale Bild ausführlich geschildert, und ich will darum nur noch mittheilen, dass Padang[93]noch mehr als alle indischen Städte dem Sprüchwort huldigt: Ländlich, sittlich.
Mit dem gewöhnlichen Tagesprogramm schlossen wir diesen ersten Tag unseres Aufenthaltes in Padang. Nach dem Nachtmahl zogen wir die Haustoilette an und setzten uns in die vordere Veranda des Hôtels, um »Klima zu schiessen«.[94]Wir waren von den eng anschliessenden Kleidern befreit und athmeten und transpirirten also freier und bequemer. Ein leiser Zephyrwind wehte von Osten her über die Stadt. Vor uns lag das Meer, und tosend und brüllend stürzten sich die Wellen zwischen den kleinen Inseln auf das naheliegende Ufer, und tiefe Finsterniss bedeckte den Horizont, und nur selten öffneten sich die Wolken, um irgend einem Stern sein Licht den Weg zu uns zu gestatten. Plötzlich erhellt sich der ganze Horizont in einem lichtblauen Seelicht, und eine feurige Kugel, beinahe so gross als ein Menschenkopf, fiel vor unseren Augen in die Tiefe des westlichen Horizontes. Nach wenigen Secunden war das Meteor spurlos verschwunden, und nur das Zirpen einiger Grillen störte die majestätische Ruhe der Tropennacht. Wir gingen zu Bett. Es war eine warme Nacht, und wir transpirirten so stark, dass wir zweimal aufstehen und die Leibwäsche wechseln mussten. Um 5¼ Uhr wurden wir wach und eilten sofort hinaus in die vordere Veranda, um uns an der frischen Morgenluft zu erquicken. Die Sonne stand noch unter dem Horizonte; aber das Zodiacallicht, dieser »beständige Schmuck der Tropennächte«, hatte bereits seine Lichtbündel gegenden Zenith gesendet, und der Gegenschein fiel trotz seines schwachen Lichtes mir sofort auf, so dass ich meine Frau auf dieses schöne Phänomen aufmerksam machen konnte, welches auch in Europa bekannt ist, aber den Städtebewohnern beinahe niemals auffällt. Wie wenigen selbst sehr intelligenten Männern ist dieser Terminus technicus »Zodiacallicht« geläufig, obschon Fachmänner schon vor mehr als 200 Jahren eine ausführliche Beschreibung dieses oft reizenden Phänomens gebracht haben! Vor uns lag der westliche Horizont; wir haben also des Morgens nur den Gegenschein sehen können. Nachmittags um ¾6 war der Himmel unbedeckt, und ich konnte meiner Frau das Zodiacallicht in seiner ganzen Pracht demonstriren. Es war ein heller kegelförmiger Schein von grösserer Intensität als die Milchstrasse und hatte eine etwas weniger helle Hülle. Auch in Indien ist diese Erscheinung trotz ihrer relativ schönen Pracht der grossen Menge unbekannt. Die Erklärung für diese auffallende Thatsache ist nicht schwer. Die scheidende Sonne erzeugt am westlichen Himmel geradezu ein Feuermeer; das intensivste Gelb spiegelt in den Wolken abwechselnd mit einer tiefen rothen Gluth ein so scharfes, blendendes und reizendes Farbenbild ab, dass das Auge davon gesättigt und selbst ermüdet dem nachfolgenden Zodiacallicht keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.
Der Tropen Pracht und Herrlichkeit, die Ueppigkeit ihrer Fauna und Flora vereinigen sich in der westlichen Hälfte Sumatras mit einem sanften herrlichen Klima, das in den höheren Regionen geradezu subtropisch genannt werden kann und jeden Vergleich mit dem des südlichen Italiens erlaubt.
Erst in dem letzten Decennium dachte die holländische Regierung daran, in grösserem Maassstabe den Reichthum des Landes zu heben und legte im Süden der Stadt einen neuen Hafen, den Emmahafen, an und baute eine Eisenbahn, welche vorläufig dem Transporte der Kohlen aus den Ombilienfeldern zu Statten kam.
In früheren[95]Jahren war der bedeutendste Exportartikel der Caffee, dessen Bau vielen Kampongs, unter dem Namen »Gouvernementscultur«, im Robotdienste auferlegt wurde (neben Reis, Pfeffer, Kokosnüssen, Muskatnüssen, Tabak und Djattiholz (Tectonia grandis)); d. h. den Einwohnern der einzelnen Kampongs wurde befohlen,eine gewisse Anzahl Caffeebäume zu pflanzen und deren Erträgnisse gegen 15 fl. per Pikol (= 62½ Kilo) in die Lagerhäuser der Regierung einzuliefern, welche bei niedriger Schätzung 24 Fl. (= 40 Mark) per Pikol verdiente.
Dieser »Culturzwang« ist schon sehr alt; mir wenigstens ist schon aus dem Jahre 1823 ein derartiger Erlass bekannt. Wie es mit allen Gesetzen und Reglements ergeht, so geschah es damals und so geschieht es auch noch heute, dass die Ausführung des »Culturzwanges« in den einzelnen Bezirken stark variirte. Dieser war, wie der Herr P. J. Kooreman im Jahre 1900 im »Indischen Gids« mittheilte, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Zwang stricte dictu.
... »Alles geschah im Robotdienst, und vor Anbruch des Tages kamen hohe und niedrige Beamte mit ihren Knechten in die Kampongs, um die Männer, manchmal selbst handtastlich, aus ihren Häusern in ihre Caffee-, Pfeffer- und Reisfelder oder nach den Wegen, Brücken und Wasserleitungen zu jagen, wo sie unter strenger Aufsicht oft vierzehn Tage hintereinander schwere Arbeit verrichten mussten. Faulheit oder Nachlässigkeit wurden mit Extraarbeit, Geldstrafe, Zwangsarbeit oder mit Blockarrest bestraft. Bis zum Jahre 1852 mussten die Gefangenen für ihre Kost selbst sorgen, und, wurde ihnen von den Verwandten kein Essen gebracht, mussten sie entweder Hunger leiden oder das Essen von den Polizeisoldaten oder von den Gefängniss-Aufsehern um theures Geld erstehen. Kein Gestrafter wurde entlassen, bevor die Geldstrafe und die Auslagen bezahlt waren. Eigensinnige Cultur- und Robotschuldige wurden mit Stockschlägen oder Ohrfeigen zur Gehorsamkeit gebracht, und gelang es nicht mit diesen Zuchtmitteln, dann wurden sie damit bestraft, dass sie einige Stunden mit einem Fuss in einem Block stehen mussten, welcher ungefähr einen Meter hoch war. Manchmal wurden ganze Familien aus ihren Kampongs und ganze Kampongs zur Auswanderung gezwungen.Wurde nicht genug Caffee gepflanzt und eingeliefert, oder wurden nicht genug Robotdienste geleistet, dann wurden die Häuptlinge dafür angesprochen, und sie wurden mit Extraarbeit, Arrest, Blockarrest, Abschied aus dem Dienste, man behauptet sogar mit Verbannung nach der Insel Nias gestraft. Hin und wieder machte die Garnison einen Marsch in die Kampongs, wo die gegebenen Befehle nicht genau ausgeführt waren, und dann mussten Häuptlinge und Bevölkerung zur Strafe für Logis und Nahrung der Soldaten sorgen.«
... »Alles geschah im Robotdienst, und vor Anbruch des Tages kamen hohe und niedrige Beamte mit ihren Knechten in die Kampongs, um die Männer, manchmal selbst handtastlich, aus ihren Häusern in ihre Caffee-, Pfeffer- und Reisfelder oder nach den Wegen, Brücken und Wasserleitungen zu jagen, wo sie unter strenger Aufsicht oft vierzehn Tage hintereinander schwere Arbeit verrichten mussten. Faulheit oder Nachlässigkeit wurden mit Extraarbeit, Geldstrafe, Zwangsarbeit oder mit Blockarrest bestraft. Bis zum Jahre 1852 mussten die Gefangenen für ihre Kost selbst sorgen, und, wurde ihnen von den Verwandten kein Essen gebracht, mussten sie entweder Hunger leiden oder das Essen von den Polizeisoldaten oder von den Gefängniss-Aufsehern um theures Geld erstehen. Kein Gestrafter wurde entlassen, bevor die Geldstrafe und die Auslagen bezahlt waren. Eigensinnige Cultur- und Robotschuldige wurden mit Stockschlägen oder Ohrfeigen zur Gehorsamkeit gebracht, und gelang es nicht mit diesen Zuchtmitteln, dann wurden sie damit bestraft, dass sie einige Stunden mit einem Fuss in einem Block stehen mussten, welcher ungefähr einen Meter hoch war. Manchmal wurden ganze Familien aus ihren Kampongs und ganze Kampongs zur Auswanderung gezwungen.
Wurde nicht genug Caffee gepflanzt und eingeliefert, oder wurden nicht genug Robotdienste geleistet, dann wurden die Häuptlinge dafür angesprochen, und sie wurden mit Extraarbeit, Arrest, Blockarrest, Abschied aus dem Dienste, man behauptet sogar mit Verbannung nach der Insel Nias gestraft. Hin und wieder machte die Garnison einen Marsch in die Kampongs, wo die gegebenen Befehle nicht genau ausgeführt waren, und dann mussten Häuptlinge und Bevölkerung zur Strafe für Logis und Nahrung der Soldaten sorgen.«
Es wird wohl niemanden wundern, dass solche Zustände den holländischen Dichter Douwes Dekker[96]zu jenem Aufschrei der Entrüstung veranlassten, welcher als Roman unter dem Namen »Max Havelaar« vor 40 Jahren (Mai 1860) nicht nur »Insulinde«,sondern auch ganz Holland aus seinem Indifferentismus herausriss. Wenn aber Douwes Dekker später bei einem Congress in Brüssel Holland darum den »Raubstaat zwischen der Maass und Schelde« nannte, ging er zu weit und charakterisirte sich selbst als das, was er thatsächlich ist, als einen Phantasten.
Sehen wir uns die thatsächlichen Verhältnisse etwas näher an. Wir müssen dabei scharf unterscheiden zwischen dem Malaien der Küste und jenem des Innern des Landes. Der erstere ist durch den Contact mit den seefahrenden Nationen und durch den steten Kampf mit dem Meere ein unternehmender, handeltreibender Seefahrer geworden (in früheren Zeiten war er auch Seeräuber), der bis in die entlegensten Inseln des Archipels mit seiner Paun gelangt. Der Malaie des »Oberlandes« ist jedoch nichts mehr und nichts weniger als ein grosses Kind. Sorglos lebt er in den Tag, so lange die üppige Tropennatur die Mittel für seinen Unterhalt freigebig schafft, und fröhnt seinen Gelüsten: der Liebe, dem Würfelspiel und in einigen Gegenden dem Opium. Er denkt nicht an den morgigen Tag, an etwaige schlechte Ernte, an Wechselfälle des Lebens. Misslingt die Ernte, tritt Hungersnoth ein, überfallen Tiger seine Herde, überströmen die ausgetretenen Wassermassen seine Felder u. s. w., dann ist er Fatalist bis zum Uebermaass. »Tuwan Allah Kassih«[97]ist sein Loosungswort, und er thut dann nur das Unvermeidliche, um sich aus seinen Nöthen zu retten.
Diesem Volke gegenüber hat Holland als die herrschende Macht die moralische Pflicht der Pädagogik, die Menschen zur Arbeit zu führen und, wenn es nöthig ist, selbst zu zwingen. Die Erfahrung bestätigt die Richtigkeit dieser Pflicht; der Zwang ist nöthig, um »dem grossen Kinde« den Segen der Arbeit zum Bewusstsein zu bringen. Wir sehen ja jetzt z. B. in der Provinz Palembang, dass jener Theil, aber auch nur jener Theil, welcher Decennien lang unter dem »Culturzwang« geseufzt hat, den Nutzen der »Caffeecultur« u. s. w. jetzt erkennt undfreiwillig arbeitet. In den anderen Theilen des Landes, d. h. in jenem Gebiete, welches durch seine Unabhängigkeit niemals einen Culturzwang kannte, haben sich die Zustände noch nicht weit über die erste Stufe der Civilisation erhoben und ungeheuere Schätze ruhen ungehoben im Schoosse der Erde.
Der Culturzwang hatte im vorigen Jahrhundert gewiss seine Berechtigung. Wenn aber der Herr Kooreman mittheilt, dass manheute überall gegen den jetzt herrschenden »mildenCulturzwang« Antipathie habe, dass:
»wo und bei wem wir uns informirten, immer diese Antipathie so gross war, dass ein Wiederaufblühen der Caffeecultur d. h. bloss durch bessere Controlle und bloss durch sanften Zwang oder durch Ueberredung unmöglich sei.»Will die Regierung mehr Caffee haben, dann möge sie die Stockschläge für nachlässige Culturpflichtige wiederum einführen und ebenso streng als früher anwenden; dann allein kann sie ebensoviel, wenn nicht mehr Caffee als früher erhalten. So urtheilen die besten Häuptlinge über das jetzt herrschende Princip und wir sind ganz ihrer Ansicht.« ...
»wo und bei wem wir uns informirten, immer diese Antipathie so gross war, dass ein Wiederaufblühen der Caffeecultur d. h. bloss durch bessere Controlle und bloss durch sanften Zwang oder durch Ueberredung unmöglich sei.
»Will die Regierung mehr Caffee haben, dann möge sie die Stockschläge für nachlässige Culturpflichtige wiederum einführen und ebenso streng als früher anwenden; dann allein kann sie ebensoviel, wenn nicht mehr Caffee als früher erhalten. So urtheilen die besten Häuptlinge über das jetzt herrschende Princip und wir sind ganz ihrer Ansicht.« ...
Wenn also ein Beamter, wie der Herr Kooreman, der sieben Jahre lang den »Culturzwang« täglich in seinem ganzen Umfange und in allen seinen Folgen beobachten konnte, der Land und Leute kennt, wenn ein solcher Mann trotz der herrschenden freien Auffassung einenstrengen Culturzwangfür die Bewohner der Padangschen Niederlande fordert, dann allerdings tritt die Frage an uns: Hat Herr Kooreman in diesem Falle das Interesse der Bevölkerung, das der holländischen Regierung oder vielleicht sogar beide Factoren sich vor Augen gehalten? Im Osten der Insel erhält der Eingeborene von particulieren Unternehmern fl. 50 (= 83 Mk.) für den Pikol und hat davon seine diversen Steuern zu bezahlen; früher zahlte der Staat ihm 15 fl. für den Pikol ohne andere Steuern von ihm zu verlangen. Es würde mich zu weit führen, um auszurechnen, in welchem Falle die holländische Regierung grössere Einnahmen aus dem betreffenden Landstriche zieht und in welchem Falle der Bauer einen reichlicheren Lohn für seine Arbeit findet. Der Herr Kooreman bringt von seinem früheren Amtsbezirke folgende statistische Angaben, welche hinreichend Antwort auf diese Fragen geben.
»In den Jahren 1887–1889 betrug die Ernte der Bezirke Ngalau Gedang, Pantjong Tebal, Muara Ajer und Kota Ranah, zusammen ± 5000 Seelen und 841 Culturpflichtige zählend, 2532, 3324 und 1609 Pikol und von den fünf übrigen Bezirken mit ± 4000 Seelen und 650 Culturpflichtigen nur 73, 114 und 6 Pikols. Von den 841 Culturpflichtigen wurden also in diesen drei Jahren, bei einer Bezahlung von 15 fl. per Pikol, an die Regierung eingeliefert 7272 Pikols Caffee oder durchschnittlich pro Jahr und pro Kopf 2,88 Pikol.»Bei mässiger Berechnung hat die Regierung während dieser drei Jahre durchschnittlich 25 fl. per Pikol gewonnen, so dass von ihnen während dieser Zeit 171800 fl. zu den Verwaltungskosten beigetragenwurden, d. h. fl. 204 per Kopf und fl. 68 per Jahr, während sie selbst für ihren Caffee im Durchschnitt jährlich nur fl. 42,20 erhalten haben.»Die 650 Culturpflichtigen der Bezirke Pulut Pulut, Batang, Tarataq Teling, Tarataq Baru und Tarataq Pisang lieferten in diesen drei Jahren 193 Pikols Caffee, besorgten der Regierung einen Gewinn von fl. 4825 und trugen also fl. 2475 per Jahr und Kopf zu den Verwaltungskosten bei.«
»In den Jahren 1887–1889 betrug die Ernte der Bezirke Ngalau Gedang, Pantjong Tebal, Muara Ajer und Kota Ranah, zusammen ± 5000 Seelen und 841 Culturpflichtige zählend, 2532, 3324 und 1609 Pikol und von den fünf übrigen Bezirken mit ± 4000 Seelen und 650 Culturpflichtigen nur 73, 114 und 6 Pikols. Von den 841 Culturpflichtigen wurden also in diesen drei Jahren, bei einer Bezahlung von 15 fl. per Pikol, an die Regierung eingeliefert 7272 Pikols Caffee oder durchschnittlich pro Jahr und pro Kopf 2,88 Pikol.
»Bei mässiger Berechnung hat die Regierung während dieser drei Jahre durchschnittlich 25 fl. per Pikol gewonnen, so dass von ihnen während dieser Zeit 171800 fl. zu den Verwaltungskosten beigetragenwurden, d. h. fl. 204 per Kopf und fl. 68 per Jahr, während sie selbst für ihren Caffee im Durchschnitt jährlich nur fl. 42,20 erhalten haben.
»Die 650 Culturpflichtigen der Bezirke Pulut Pulut, Batang, Tarataq Teling, Tarataq Baru und Tarataq Pisang lieferten in diesen drei Jahren 193 Pikols Caffee, besorgten der Regierung einen Gewinn von fl. 4825 und trugen also fl. 2475 per Jahr und Kopf zu den Verwaltungskosten bei.«
Der »Culturzwang« ist noch heute für einen Theil der Insel Sumatra ein unentbehrlicher Factor zu dem grossen und schönen Ziele, welches die holländische Regierung sich stellen muss: Die grossen Schätze dieser Insel zu heben, die Bevölkerung zu arbeitsamen friedlichen Bürgern des grossen Reiches »Insulinde« zu erziehen und nicht nur Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, sondern auch Freude am Leben und Genuss im Leben ihnen zu geben.
Es wird natürlich dem politischen Tacte ein grosses Feld eröffnet für die Erwägung, wo der strenge »Culturzwang«, wo ein milder Druck und wo überhaupt kein Zwang diesbezüglich auszuüben sei. Die Adat, das Gewohnheitsrecht der Eingeborenen, muss dabei ebensoviel respectirt, als der Bodenreichthum, der Charakter des betreffenden Stammes und die vorhandene Industrie berücksichtigt werden müssen. Die zahlreichen Stämme, welche diese Insel bewohnen, zeigen ja grosse Unterschiede in ihren Sitten und Gebräuchen, und die geologische Formation des Landes ist ja beinahe nach allen Richtungen der Windrose eine verschiedene.
Selbst das Gebiet »des Gouvernements der Westküste von Sumatra« ist nach keiner Richtung hin ein einheitliches.
Politisch wird es in drei »Residenties« eingetheilt. Die erste Residentie »Tapanuli«[98]reicht von der atjeeischen Grenze 0° 15′ N. B. nach Süden, wo das Vorgebirge Tua mit dem Berge Bagumba (374 Meter hoch) an der Küste eine natürliche Grenzmauer dieser beiden Provinzen bildet. Die Hauptstadt Siboga liegt in dem schönen Meerbusen von Tapanuli, welcher im Westen von der Insel Mansalar gegen die stürmische Brandung der indischen See geschützt wird. Die zweite Residentie heisst Padangsche Niederländer[99]und zieht längs der Küste bis zur Residentie Benkulen (2° 30′ S. B.). Ihre Ostgrenze ist der Kamm des grossen Barisangebirges, welches beinaheparallel mit der Küste die Insel in zwei (ungleich grosse) Hälften theilt. Die dritte Provinz (im Osten) heisst Padangsche Oberländer[100]mit der Hauptstadt Fort de Kock und grenzt an zahlreiche noch unabhängige Stämme, von welchen bereits früher (Seite 68) die Rede war.
Ethnographischunterscheiden sich die einzelnen Theile der »Westküste Sumatras« so stark, dass es unmöglich ist, in Betreff des »Culturzwanges« eine für alle Stämme — wenn sie auch insgesammt der malaiischen Rasse angehören — geltende Directive zu geben. Ich will nur auf die zwei Extreme hinweisen, zwischen welchen alle Grade der menschlichen Civilisation gerade in diesem Theile Sumatras sich bewegen: Im äussersten Nord-Osten dieser Provinz verkehren die Eingeborenen mit den benachbarten Menschenfressern, und im Hochlande Agam haben die Einwohner eine Sittenreinheit sich bewahrt, welche selbst die civilisirten Länder Europas nicht allgemein kennen. So wie die Pädagogie das Individualisiren zum Axiom ihrer Thätigkeit erklärt hat, ebenso muss die holländische Regierung die verschiedenen Stämme ihres grossen Reiches »Insulinde« nach ihrem jeweiligen Bildungsgrade mit verschiedenen Mitteln in den Kreis der menschlichen Civilisation einführen.
Aber auch die geologische Beschaffenheit dieser Provinz zeigt in ihren einzelnen Theilen so bedeutende Unterschiede, dass die Naturproducte in ihren Sorten stark differiren und darum gewiss keine einheitliche coloniale Politik ermöglichen. In den Niederungen der Küste haben wir ja reine Tropenvegetation; in dem Barisangebirge herrscht subtropisches Klima, und europäisches Gemüse gedeiht dort ebenso gut als auf den Feldern des südlichen Europas. 60 Vulcane besitzt die ganze Insel. Die grosse Erdspalte, welcher das Barisangebirge sein Entstehen verdankt, hat zehn grosse Querspalten. Aus einer derselben entsprangen (nach Carthaus) vielleicht noch in historischer Zeit die drei gewaltigen Vulcane Sago[101](2240 Meter hoch), Merapi[101](2892 Meter) und der Singalang[101](2790Meter). Hier sind grosse Massen des jüngeren vulcanischen Materials aufgehäuft und zwar der Trachyt und Andesit, welche in zerfallenem Zustande eine ausgezeichnete Basis für eine üppige Humusschicht abgeben; und hier wetteifert auch die Tropenvegetation in ihrem ganzen Reichthum mit der Flora der subtropischen Länder. Die grösste Höhe erreicht in dieser Provinz der Berg Ophir oder vielmehr dessen östliche Spitze, der Berg Telaman, 3000 Meter hoch, während unter allen Bergen der ganzen Insel Sumatra in Gross-Atjeh der Luseh oder Sinobong eine Höhe von 3700 Metern erreicht (3° 45′ N. B.). Im Süden liegt der Berg Dempo (4° S. B.) 3170 Meter hoch[102]und (videSeite 57) der Indrapura (3690 Meter).