Fig. 24. Eine Gruppe in Pedir gefangener malaiischer Frauen.(Vide Seite 184.)
Fig. 24. Eine Gruppe in Pedir gefangener malaiischer Frauen.
(Vide Seite 184.)
Ob in dieser üppigen Tropenvegetation ein Culturzwang erspriesslich wäre, oder ob auf den kahlen Abhängen einzelner Berge oder im sumpfigen Flachlande die Eingeborenen zur Arbeit gezwungen werden sollen — darüber muss der praktische politische Blick des jeweiligen Regierungsbeamten entscheiden.
Die Sittenreinheit der Bewohner des Padangschen Hochlandes, von dem ich soeben sprach, datirt aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Wie bekannt ist, stiftete in Centralarabien ein gewisser Mohamed Abd el Wahhâb am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Secte, welche die Zurückführung des Islamismus auf seine ursprüngliche Reinheit bezweckte. Die Wahhâbiten nahmen an Zahl rasch zu, und ungefähr im Jahre 1801 bemächtigten sie sich Mekkas und zwangen den Sherif dieser Stadt zur Unterwerfung. Damals befanden sich auch drei Malaien aus dem Hochlande Padangs inMekka und nahmen die Lehren der Wahhâbiten in ihrem ganzen Umfang an; ja noch mehr; im Jahre 1803 waren sie nach ihrer Heimath zurückgekehrt und beschlossen, den sittlichen Verfall ihrer islamitischen Brüder aufzuhalten. Diese drei Hadji (= Mekkapilger) hiessen Hadji Miskien, Hadji Sumanik und Hadji Piabang. Ihr erster und bedeutendster Apostel war Tawanku von Rintjeh, der in seiner Heimath (Bangsah in Kamang) alle Panghulus (= Priester) der Umgebung zusammenrief und in leidenschaftlichen Worten die Fahne des heiligen Krieges entrollte. Er forderte, dass jeder fünf Mal des Tages seinen Körper reinigen und fünf Mal des Tages sein Gebet verrichten müsse. Der Genuss von Opium, Tabak, Sirih und alcoholischen Getränken müsste verpönt sein. Das Abschleifen der Zähne, Hahnenkämpfe und jedes Würfelspiel müssten verboten bleiben. Er forderte, dass die Männer einen Bart und weisse Kleider tragen und den kahlgeschorenen Kopf mit einem schwarzen Tulband als äusserem Zeichen der neuen Secte bedecken sollten. Die Frauen sollten ihr Gesicht verhüllen, und niemand dürfe nackt ein Bad nehmen. Jede dieser Sünden sollte mit dem Tode bestraft werden.
Seine Tante, die Schwester seiner Mutter, war die erste Märtyrerin des alten Glaubens; als sie trotz dieser Lehren Tabak kaute, erstach er sie mit eigener Hand und überliess ihren Leichnam im Urwalde den wilden Thieren zur Beute. Seine Lehre fand nun mehr und mehr Anhang, und bald wurde er allein zu schwach, um die siegreich eroberten Kampongs auch sittenrein zu erhalten; er ernannte in jedem dieser neuen Anhänger-Centra zwei Häuptlinge: den Imam als geistliches Haupt, welcher die neue Lehre predigen, und den Khalif, welcher jede Uebertretung streng sühnen und bestrafen sollte. Nach der malaiischen Adat, welche er ebenso wenig als z. B. die späteren islamitischen Priester in Atjeh ausrotten konnte, d. h. nach dem Gewohnheitsrechte der Malaien konnte jedes Verbrechen durch ein Geldopfer gesühnt werden. Es wurden also Strafen auferlegt für den Mann, der seinen Bart rasirte, mit zwei Suku =2⁄4spanische Thaler; wer seine Zähne abfeilte, musste einen Karbon (Büffel) bezahlen; eine Frau, welche unverschleiert ging, musste ¾ Thaler bezahlen u. s. w. u. s. w. Diese Geldstrafen wurden natürlich eine reichfliessende Quelle für das Einkommen der Imams; denn der Missbrauch blieb nicht aus, und oft genug geschah es, dass z. B. Tabak heimlich in die Hütte eines vermögendenHäuptlings gebracht wurde, und bei gelegener Zeit entdeckt wurde. So wurden die wahhâbitischen strengen Moralitätslehren die Ursachen eines Ausbeutesystems, das zum Aufruhr führen musste. Viele malaiische Häuptlinge flüchteten sich nach Padang und baten um Hülfe gegen den Despotismus der Padri (= Hadji). Sie boten der holländischen Regierung alle Länder an, welche zum früheren Menangkabauischen Reiche gehört hatten — dies geschah den 10. Februar 1821 — und der Padrikrieg nahm seinen Anfang mit der Besetzung von Samawang am östlichen Ufer des Singkarasees. Dieser Krieg dauerte bis zum 14. August 1837, an welchem Tage der Herd der Fanatiker, Bontjol, von den Holländern erobert wurde.
Wenn auch dieser Padrikrieg viele hunderte und tausende Menschenleben gekostet hat, ohne dass die geldgierigen Priester heute um viel besser geworden wären, so haben doch die Lehren dieser Padri in der grossen Menge der Malaien des Padangschen Hochlandes kräftige Wurzeln geschlagen und es ermöglicht, dass an der Grenze der Anthropophagen die Fackel der Civilisation erhoben wurde, so dass diese heute auf eine ganz kleine Strecke an der Küste des Tobasees sich beschränken.
Im Osten der Insel Sumatra haben die Schätze des Bodens und des Urwaldes europäische Pflanzer dahin gelockt, welche mit Hülfe chinesischer, javanischer und anderer malaiischer Kräfte den Reichthum des Landes gehoben haben.
Hier im Westen muss Holland eine andere Colonial-Politik befolgen. Hier müssen europäische Förster und Ingenieure Lehrmeister der Eingeborenen werden; hier muss auch[103]durch europäische Ackerbaucolonien das reiche Land der weiten Welt eröffnet werden; hier sind Ackerbaucolonien möglich, weil ein italienischer Himmel sich über seinen Feldern und Bergen wölbt und weil ein italienisches Klima die Acclimatisation der Europäer ermöglicht.
Du kannst, denn Du willst.
Also sprach Zarathustra.