4. Capitel.
Rheumatismus — Singapore — Spitäler in Singapore — Ein arabischer Geldwechsler — Chinesische Kaufleute — Die Provinz Riauw und Vasallenstaaten — Matriarchat — Menangkabauer — Nieskrampf.
Ende März 1883 wurde ich von der Artillerie-Schiessstätte in Batu-Djadjar[33]auf Java abberufen und kehrte nach Batavia, meinem Standplatze, zurück. Mein altes Leiden, ein Gelenkrheumatismus, hatte sich kurz vor meiner Abreise eingestellt; ich konnte manchmal nicht gehen, manchmal nur mit gebogenem Knie, und manchmal war ich stundenlang frei von Schmerzen, und dabei zeigten die davon befallenen Gelenke kein objectives Symptom, d. h. sie waren nicht geschwollen.
Im Allgemeinen habe ich in Indien durch diese chronische Krankheit eher mehr denn weniger als jetzt in Europa gelitten; meine Erfahrungen in den Tropen stimmen mit jenen anderer Aerzte in Europa überein; wenn ich auch z. B. auf den warmen, selbst heissen Strandplätzen, wie z. B. auf der Nordküste von Sumatra, auf Java u. s. w. Fälle von chronischem Rheumatismus zur Behandlung bekam, so waren es doch nur Ausnahmefälle. Im Gebirge oder vielmehr in höher gelegenen Theilen des Landes häuften sich nicht nur die Anfälle bei mir selbst, sondern ich bekam auch viel mehr Fälle zur Behandlung als in warmen Garnisonen, wie Ngawi, Tjilatjap u. s. w.
Auf bacteriologischer Basis lässt sich diese allgemein bekannte Thatsache — auch in Europa sind ja die Sommermonate und die südlichen warmen Orte die günstigsten Bedingungen für diese Patienten — leichter als auf meteorologischer erklären. Im letzteren Falle werden die Temperaturschwankungen, der jeweilige Feuchtigkeitsgehalt der Luft, die Richtung des herrschenden Windes unddie jeweilige Elektricitätsmenge beschuldigt, diese Krankheit oder ihre zeitweiligen Anfälle zu veranlassen. Hohe Temperatur allein, sowie hohe Feuchtigkeit der Luft oder beide zusammen können kein absolutes Präservativ für oder vielmehr gegen den Gelenkrheumatismus sein; denn dann müsste in den Tropen diese Krankheit unbekannt sein; selbst im Gebirge ist ja die Durchschnittstemperatur z. B. in Magelang auf Java, welches 384 m hoch liegt, noch immer 20 ° C.; dennoch hatte ich während meines 5jährigen Aufenthaltes in dieser Garnison zahlreiche Anfälle, und ich sah selbst acute Fälle dort auftreten. Die Richtung der herrschenden Winde muss natürlich ganz ausser Betracht bleiben; sie ist ja nur die Folge zahlreicher Factoren, Temperatur, Luftströmung u. s. w., welche an und für sich sehr wahrscheinlich die biologischen Processe der Menschen und Thiere beeinflussen. Die Schwankungen der Elektricität sind leider viel zu wenig bekannt, d. h. so weit sie die biologischen Processe des Menschen beeinflussen. Wenn wir aber in kleinsten Organismen, in Bacterien die Entstehungsursache dieser Krankheit suchen, wie es schon vor mehreren Jahren Salisbury, Guttmann, Pocock, Schäfer u. s. w. thaten, dann werden wir leichter zum Ziel gelangen, wir werden wenigstens das variable Bild dieser Krankheit erklären können; denn auch in Indien sind die Exacerbationen an jene Zeiten des Jahres geknüpft, in welchen die Bacterien jeglicher Sorte am üppigsten gedeihen; es ist die Zeit der Kenteringe, in welcher alle Bedingungen zur starken Entwicklung der schädlichen Bacterien gegeben sind: Feuchtigkeit, hohe Temperatur und passender Nährboden. In den ausgesprochen trockenen Zeiten, in welchen Wochen lang kein Tropfen Regen fällt, und während jener wenigen Wochen, in welchen es ununterbrochen regnet, diese sind in den Tropen die gesündesten Zeiten, und auch ich blieb, wie die übrigen Rheumatici, von den Attacken meines chronischen Leidens befreit. Vielleicht wird es bald gelingen, den Krankheitserreger des Gelenkrheumatismus zu entdecken.
Ich blieb also im Spital und nahm jeden Tag in der frühen Morgenstunde ein warmes Bad. Ende Mai sollte das 10. Bataillon nach Atjeh (Sumatra) gehen, und der Spitalschef, welcher zugleich Landessanitätschef war, frug mich, ob ich es nicht wagen wollte, die Truppen zu begleiten, um durch eine Seereise mich von dem 5wöchentlichen Aufenthalte im Spitale zu erholen. Ich nahm gern seinen Vorschlag an, weil der Aufenthalt im Spitale mich thatsächlichlangweilte. Der Marsch vom Spitale in Weltevreden nach der Station war für mich mit keiner Ueberanstrengung verbunden, und weiterhin konnte ich voraussichtlich an Bord des Schiffes der nöthigen Ruhe mich hingeben. Via Singapore ging die Reise nach Atjeh.
Im Ganzen habe ich mich fünfmal in dieser Hauptstadt der Straits Settlements aufgehalten.
In zwei Tagen hatten wir damals Singapore erreicht, und schon nach wenigen Stunden setzten wir unsere Reise fort; ich sah damals nur den Hafen und das Hôtel de l’Europe, welches am Ufer vielleicht 20 Meter hoch über den Spiegel der See sich erhob. Auf der Rückreise von Atjeh kam ich den 13. Juni (1883) mit einem Dampfer der indischen Dampfschifffahrtsgesellschaft wiederum nach der »Löwenstadt«, und da wir zwei Tage uns dort aufhalten sollten, ersuchte ich den holländischen General-Consul um eine Empfehlungskarte an die Spitalsleiter des Frauenspitales. Eine Stunde später erhielt ich von seinem »Hoofd-Assistent« einen ausführlichen Brief und die nöthigen Einführungskarten. Wie mir dieser Herr mittheilte, befanden sich damals drei grosse Spitäler zu Singapore: Das General-Hospital unter der Direction des Dr. Simon, das Pauper-Hospital oder Tan Tock Seng’s unter Dr. Bentley und das Lock-Hospital, in welchem der Chef des civilärztlichen Dienstes Dr. Rowell nur (venerische) Frauen behandelte. Da alle drei Aerzte ihre ärztlichen Visiten zwischen 7½–8 Uhr Morgens in dem Spitale machten, so konnte ich wegen der kurzen Zeit nur eines unter der Leitung des Spitalchefs besehen; nun hatte jeder dieser drei Herren einen Stellvertreter, welcher unter dem Namen Apothecary eine mir und im Allgemeinen den deutschen und holländischen Anschauungen fremde Stellung einnahm. Ich würde ihn am besten mit einem Krankenoberwärter vergleichen, welcher einiges medicinische Wissen besitzt; er ist ein Heilgehülfe und behandelt die Patienten, während die genannten Aerzte eigentlich nur Conciliarpraxis in diesen Spitälern üben. Dieses erklärt auch die hohen Honorare, welche diese drei Aerzte in der Privatpraxis sich bezahlen lassen; eine gewöhnliche Visite wird mit 1 £ bezahlt, während im benachbarten Batavia und Deli das Standard 1 Dollar oder Ryksdaalder = 2,50 fl. ist.
Aus naheliegenden Ursachen sah ich davon ab, von den übrigen zwei Apothecaries mir die Spitalsräume zeigen zu lassen, und verfügte mich um 7 Uhr in das Spital des Dr. Rowell.
Fig. 9. Ein Tiger in der Falle.(Vide Seite 80.)
Fig. 9. Ein Tiger in der Falle.
(Vide Seite 80.)
Ich war der englischen Sprache nicht mächtig, und Dr. R. sprach das Französische in einem mir beinahe unverständlichen Dialekte; ich hatte zwar als Dolmetsch einen Reisegenossen mitgenommen, aber unwillkürlich verfielen wir Beide auf den Gebrauch der malaiischen Sprache, und ohne Dolmetsch flottete das Gespräch sehr gut.
Das Spital machte in jeder Hinsicht einen günstigen Eindruck. Es bestand nur aus glatten, ungefärbten Holzwänden und hatte eine sehr gute Ventilation; die Patientinnen schliefen auf hölzernen Pritschen und hatten ein ledernes Kopfkissen, welches mit Kapok gefüllt war. Der Zwischenraum zwischen je zwei solchen Pritschen war 1½ Yard = 1,4 m gross. Die Reinlichkeit liess nichts zu wünschen übrig, und die Luft der Säle war ganz frisch und ohne jeden Gestank. Damals behandelte Dr. R. seine Patienten mit subcutanen Einspritzungen mit Sublimat; ich frug ihn, wie lange die secundären Symptome bei dieser Behandlung auf sich warten liessen, und mit wirklich beneidenswerthem Sanguinismus antwortete er: »Diese kommen überhaupt bei uns nicht vor!« Ich fühlte keinen Beruf in mir, bei dieser Gelegenheit mich in eine wissenschaftliche Debatte einzulassen, und als übrigens noch der Apothecary diesen Erfolg ihrer Therapie bestätigte, gratulirte ich den beiden Herren zu ihrem therapeutischen Triumph und verabschiedete mich von ihnen.
Mein dritter Aufenthalt in Singapore dauerte nur wenige Stunden, welche jedoch hinreichten, mir ein kleines Abenteuer zu verschaffen. Den 22. Juni brachte mich ein kleiner Dampfer von Batavia nach Singapore, von wo ich am 25. in der Frühe meine Reise nach »Polonia« fortsetzen sollte. Als ich Abends (den 24.) in den Hafen einlief, sah ich einen österreichischen Dampfer dort liegen, und bald hatte ich mit dem Schiffscapitän und mit dem Schiffsdoctor Bekanntschaft gemacht. Dieser war ein gebürtiger Dalmatiner und war der englischen Sprache sehr gut mächtig. Wie alle Fremden gingen wir Beide in’s Hôtel de l’Europe und liessen uns ein Glas mit Eis abgekühltes Bier geben. Hier ist das Rendezvous nicht nur aller Reisenden, sondern auch der jeunesse dorée von Singapore. Man erwarte jedoch nicht grosse Säle mit Eleganz und Luxus ausgestattet. Die kleinste Provinzialstadt Europas hat einen schöneren Billardsaal als dieses Hôtel I. Ranges in Singapore. Einen herrlichen Anblick bietet aber die Veranda durch die Aussicht auf die See. Es war ein kühler Abend, die Temperatur war auf 72 ° F. = 22 ° C.[34]gesunken, der Tropenhimmel glänzte in seinerganzen Pracht und Herrlichkeit, und vor uns lag nur wenige Schritte entfernt der Hafen, in welchem Hunderte von Lampen im Innern zahlreicher Schiffe auf- und abwogten, von dem sanften Wellenschlag der See geschaukelt.
In die Veranda kamen chinesische und klingalesische Hausirer, und vor derselben gingen zwei arabische Geldwechsler auf und ab, welche ihre silbernen Dollars von einer Hand in die andere fallen liessen. Da ich in meiner neuen Garnison dieselben voraussichtlich benöthigen würde, entschloss ich mich, eine holländische 100 fl.-Banknote einzuwechseln, und nach langem Feilschen bot er mir 44 Dollars dafür an. Er kam zu mir in die Veranda und zählte sie mir vor. Befriedigt nickte ich mit dem Kopfe, als er den 44. niederlegte, und mit dem malaiischen Worte sudah (= es ist gut) entliess ich ihn, ohne zu bemerken, dass ich ihm eine Banknote von 200 fl. und nicht von 100 fl. gegeben hatte. Mit einem gleichgiltigen tabéh-tuwan (= Gegrüsst Herr!) ging er weg. Um 9 Uhr ging ich zum Schiffe zurück und entdeckte sehr bald, dass mir 100 fl. fehlten, und sofort erinnerte ich mich auch, auf welche Weise dieses Manco entstanden war, und eilte mit meinem österreichischen Collegen auf die Polizei. Ein englischer Polizeiagent ging trotz der späten Abendstunde mit uns in’s Hôtel, wo die Kellner zwar sich erinnerten, mich mit einem arabischen Geldwechsler in Unterhandlung gesehen zu haben, Niemand kannte jedoch seinen Namen oder seinen Wohnort. Zufällig hörte jedoch ein klingalesischer Hausirer, um was es sich handle, und rief plötzlich: »Ich habe es auch gesehen und mir fiel auf, dass dieser Araber keinen kleinen Finger auf der linken Hand hatte.« Dieses Signalement war dem Polizeiagenten bekannt, und als wir in die Wohnung dieses Arabers traten, sass er auf seiner Matte und hatte vor sich 44 Dollars liegen. Lächelnd behauptete er, gewusst zu haben, dass ich den Irrthum bemerken und die 44 Dollars holen kommen würde. Der Polizeiagent hatte eine ganz andere Ansicht und zwar, dass er darauf gerechnet hatte, dass ich abreisen würde, ohne den Irrthum zu entdecken; wir Beide aber waren froh, dass er den lapsus manus nicht leugnete. Der Araber verlangte sogar zur Belohnung seiner Ehrlichkeit einen Dollar. Dem Polizeiagenten entlohnte ich seine gestörte Nachtruhe.
Im Jahre 1897 sah ich zum letzten Male die »Löwenstadt«; vom 17. bis zum 20. April mussten wir auf die Ankunft des »Ernest Simon« warten, welcher von China kommen und uns zur Reise nach Marseille aufnehmen sollte.
Die Stadt liegt auf der gleichnamigen Insel, welche 555 ☐km gross ist.
Den 18. April fuhr ich mit einer kleinen Gesellschaft längs des Berges Timah (170 m hoch) in einem bequemen Wagen nach der Nordküste der Insel, und wir liessen uns von einem chinesischen Kahnführer über den Canal fahren, welcher an dieser Stelle ungefähr 3 km breit ist. Wir waren in Asien, und zwar im Reiche des Fürsten von Djohor. Den Luxus, welchen dieser Fürst in Europa zu entwickeln gewöhnt ist, zeigte keineswegs sein Palast. Ein reicher holländischer Patricier hat mehr Luxus und Comfort in seinem Hause als dieser Fürst in seinem Schlosse. Der Regent in Bandong[35], und ich will nicht von dem Gegenfürsten in Solo[35](Java) sprechen, entwickeln viel mehr Luxus in ihren Wohnungen, als ich in Djohor sah. Hierauf ging ich in den englischen Club, wo ich mich durch einen der anwesenden Officiere introduciren liess und ein herrliches Beefsteak mit einem Glas Bier bekam.
Den 19. besuchte ich in Singapore den botanischen Garten und die Wasserreservoirs. Der erstere verdient weder diesen Namen noch den eines Thiergarten. Ein paar Schlangen, Affen, Papageien verriethen höchstens den guten Willen, wie z. B. der Thiergarten in Batavia. Aber schön war das Wasserreservoir neben dem Sophienhügel. Vor dem Hôtel zog sich die Esplanade mit dem Raffles-Denkmal und dem Cricket-Club längs der Küste dahin, welche im Westen von der Mündung des Singaporflusses begrenzt wurden. Am rechten Ufer befand sich der Landungsplatz und das chinesische Viertel. Natürlich wurde ich von den chinesischen Kaufleuten überfallen, obwohl ich durch den Gebrauch der malaiischen Sprache den Globetrotter verleugnete. Wenn man den Muth hat, den dritten Theil von dem verlangten Preise zu bieten, kann man in Singapore Vieles um einen Preis erhalten, welcher in Europa ungläubiges Kopfschütteln erregen würde. Ich kaufte z. B. damals zum Gebrauche auf dem Schiffe zwei longues chaises um 3,75 fl. = 6½ Mark das Stück, welche ich noch heute besitze. Sie sind schöner und solider als jene, welche ich im Jahre 1886 zu demselben Zwecke in Rotterdam um 13 fl. = 21½ Mark per Stück bezahlt habe.
Der Totaleindruck der Stadt Singapore ist ein sehr günstiger: Eine Hafenstadt mit starkem Handel in den Händen eines europäischenVolkes, welches auch dort in den Tropen den heimathlichen Sport und die nationale Energie nicht verleugnet.
Die Insel Singapore liegt — ohne dazu gerechnet zu werden — im Riouw und Linggaarchipel und ist ungefähr 45 km von der Insel Bintang oder Riouw entfernt, nach welcher die dritte »Residentie« auf der Ostküste von Sumatra benannt ist.
Die Provinz »Riouw en onderhoorigheden«[36]= Riouw und Vasallenstaaten zerfällt in zwei Theile; der östliche Theil umfasst den Archipel und die Inseln im chinesischen Meere bis 4° 45′ N. B., wozu die Watas (= hl. Esprit) oder die Tambelan, die Anambas, die Seeräuber (oder Serasan), die Duperre und die Natuna-Inselgruppen gehören; die Insel (= Pulu) Laut liegt beinahe schon am 5° N. B. Der westliche Theil »Lingga« mit den drei Districten Mandah, Indragiri und Réteh liegt auf der Insel Sumatra und wird im Westen von der Residentie »Padang’sches Hochland« begrenzt, oder, besser ausgedrückt, von unabhängigen Stämmen, welche zwischen dieser Provinz und dem holländischen Gebiete der Ostküste ihre staatliche Freiheit bis zum heutigen Tage sich erhalten haben.
Diese »unabhängigen Stämme« sind mit den im Norden und Süden wohnenden Nachbarn die spärlichen Reste jenes grossen und mächtigen malaiisch-islamischen Reiches Menangkabau, welches im Mittelalter nicht nur ganz Mittel-Sumatra besass, sondern auch Singapore und Malacca im 12. Jahrhundert gründete und seine Sprache von hieraus bis Ceylon einerseits und bis an die äussersten Inseln des indischen Archipels allen Küstenbewohnern gab, so dass die malaiische Sprache von Madagascar bis Neu-Guinea auf den Küsten aller Inseln dieselbe führende Rolle wie die französische Sprache in Europa hat.
Diese Ueberbleibsel des grossen Reiches von Menangkabau haben nach dem Falle dieses Colosses in verschiedener Weise eine neue staatliche Organisation erhalten[37]und ihre Häuptlinge führen heute diverse Namen und auch diversen Rang. Sie alle haben aber heute Communalbesitz und üben die Hadat Kamanakan, d. h. die Erbfolge in weiblicher Linie aus: Das Haupt der Familie ist der Mama, der Bruder der Mutter, welcher in allen Rechten und Pflichten der Vaterseiner Neffen und Nichten ist; in der Erbfolge werden jene Familienmitglieder berücksichtigt, welche nur in weiblicher Linie verwandt sind. Von der Mutter also erben die Kinder, und wenn diese nicht vorhanden sind, sind ihre Erben nurihreBrüder und Schwestern resp. deren Kinder. Als Vormund der Kinder tritt nach dem Tode der Mutter nicht der leibliche Vater, sondern der Mama auf. Stirbt der Mann, so treten nicht seine Kinder, sondern seine Geschwister resp. deren Kinder die Erbschaft an.
Dies ist das Princip des Kamanaken = Matriarchat, welches noch bei zahlreichen malaiischen Stämmen des Padangschen Oberlandes (z. B. in Agam, Tanah Datar, in den 50 Kota’s u. s. w.) und auch von den Orang Semang (Fig. 5) auf Malacca geübt wird, welches im 13. Jahrhundert von den Menangkabauern bevölkert wurde.
Diese, d. h. die heutigen Menangkabauern Sumatras pflanzen Ladangs (= trockene Reisfelder), Tabak, Kaffee, Zuckerrohr, Catechu, Indigo (Marsdenia tinctoria oder Indigoferasorten), Kapok (= Pflanzendune), Mais, Obi (= Baumknollen), Palmen und andere Fruchtbäume; sie treiben Handel mit den Producten des Urwaldes, Getáh, Sago, Wachs, Holz, rothe Erde; sie backen Töpfe und besitzen einige Goldschmiede. Im Ganzen und Grossen sind die »unabhängigen Länder« an der Westgrenze der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten« ein armes Volk. Genug häufig ziehen sie in die benachbarten holländischen Besitzungen, um als Kuli ihr Brod zu verdienen, oder nehmen gegen Bezahlung die Robottdienste auf sich, welche der reiche Nachbar, zu stolz, sie in Persona zu leisten, gerne einem andern überlässt. Trotz ihrer Armuth haben sie sich eine relativ hohe Sittenreinheit aus jener Zeit erhalten, in welcher (im Anfange des 19. Jahrhunderts), wie wir später sehen werden, die »Padri« ihrer neuen mohamedanischen Lehre vom Padangschen Oberlande aus mit Feuer und Schwert in die benachbarten Stämme Eingang zu verschaffen und sie über ganz Mittel-Sumatra zu verbreiten suchten. Ihr Gebiet ist reines Hochland und fällt sanft in das Gebiet ab, welches die Residentie »Riouw und Vasallenstaaten« bildet.
Die Hauptstadt dieser Provinz liegt auf der Insel Bintang oder Riouw und zeigt in jeder Hinsicht den Typus einer kleinen Hauptstadt, und wenn wir von der Topographie der Stadt absehen, könnte man sie ein zweites Telók Betóng nennen. Die Zahl der Beamten und Soldaten war in beiden Städten dieselbe; höchstens lebten in Riouwmehr Europäer, welche in dem intensiven Schifffahrtsverkehr in diesem Hafen Beschäftigung und Broderwerb fanden.
Ich selbst hatte Gelegenheit, mich einige Stunden in dieser Hafenstadt aufzuhalten und zwar am 25. Februar 1884, als ich aus der Garnison Seruway desertirte, d. h. mich Krankheits halber evacuirte, bevor mein Nachfolger angelangt war. Ich musste auf die Fortsetzung der Reise des Dampfers nach Batavia warten, weil eine grosse Schiffsladung ausgeladen werden musste. Ich ging auf das Land, besuchte den dortigen Platzcommandanten und den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« Dr. X. und kehrte dann in’s Hôtel zurück, um das Signal des Dampfers nicht zu überhören. Es dauerte aber noch zwei Stunden, bis die schrille Dampfpfeife mich wieder an Bord rief. Unterdessen that ich nichts anderes als — niesen.
Dies ist eine echte Tropenkrankheit, welche nur die Veteranen im Tropenleben überfällt und von der die Orang baru (= Neulinge) verschont bleiben. Sie besteht nur in einem Nieskrampf (Ptarmus = Stermutatio convulsiva), welcher in den Tropen einen heftigen Schnupfen einleitet und viel häufiger als in Europa den Eingewanderten befällt, welcher schon viele Jahre den nervenschwächenden Einfluss des Tropenklimas erfahren hat.[38]