5. Capitel.

5. Capitel.

Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ — Zinninseln — Ein misslungener Freihafen — Ein englischer Abenteurer — Petroleum auf Sumatra — Menschenfresser — Die Hauptstadt Medan — Im Urwalde — Entwaldung — Die Commandeuse — Ein schlechter Garnisonsplatz — Ein Vorurtheil — Eine Faciesbildung — Hospitalbrand — Amok-Laufen — Krebsfälle.

Während meiner 21jährigen Dienstzeit in der holländisch-indischen Armee wurde ich 20 Mal transferirt und machte im Ganzen 20 grössere oder kleinere Seereisen und bin 6 Mal in der Strasse von Malacca gefahren.

Das erste Mal begleitete ich im Mai 1883 das 10. Bataillon nach Atjeh, blieb nur einige Tage in der Hauptstadt Kuta radja und kehrte längs der Ostküste von Sumatra, also zum zweiten Male in der Strasse von Malacca nach Java zurück.

Den 22. Juni 1883 musste ich wiederum, also zum dritten Male, in dieser Strasse eine Fahrt machen, weil ich bei meiner Ankunft in Batavia den Befehl erhielt, sofort nach »Polonia«[39]zu gehen, wo der Sitz der militärischen Behörden der vierten Provinz, der »Ostküste Sumatras« sich befand, in welcher ich mich 8½ Monate aufhielt. Traurige Tage, Wochen und Monate habe ich, wie wir sofort sehen werden, in dieser Provinz verlebt, und als ich auf meiner Rückreise nach Batavia im Februar des Jahres 1884 zum vierten Male den Weg durch die Malaccastrasse nahm, hielt mich nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende meines körperlichen und seelischen Leidens am Leben.

Fig. 10. Roden des Urwaldes.(Vide Seite 81.)

Fig. 10. Roden des Urwaldes.

(Vide Seite 81.)

Zum fünften Male sah ich diese Meeresstrasse im Jahre 1896, als die holländische Regierung den Abfall ihres Bundesgenossen Tuku Umar durch einen grossen Feldzug in sein Gebiet in Atjeh bestrafenmusste. Zu diesem Zwecke liess sie vier Bataillone Infanterie, Cavallerie, Artillerie und Genietruppen von der Insel Java zur Ergänzung ihrer Truppenmacht nach Atjeh kommen. Da die einzelnen Truppenkörper reglementär keine Militärärzte besitzen, welche nur den »Garnisonsplätzen« zugetheilt werden, mussten diese Truppen von Aerzten »begleitet« werden, welche aus andern Garnisonsorten genommen wurden. Ich selbst bekam den Befehl, »das 6. Infanteriebataillon« von Magelang, wo ich mich in Garnison befand, nach Semarang zu »bringen«. Hier wurde ich jenem Schiffe zugetheilt, welches die »Artillerie«, die »Genie« und die »Maulesel« nach Atjeh transportiren sollte. Der Stand der Militärärzte in der Garnison »Atjeh und Vasallenstaaten« war bei meiner Ankunft complet; ich wurde also nicht zurückgehalten, sondern bekam den Befehl, mit erster Gelegenheit nach meiner Garnison zurückzukehren. Diesmal ging die Reise nach Java längs der Westküste Sumatras.

Die sechste Fahrt in der Malaccastrasse schloss, wie wir früher sahen, meine Carrière in der holländisch-indischen Armee.

Als ich im Juni 1883 nach Polonia transferirt wurde, benutzte ich einen Dampfer der damaligen indischen Dampfschifffahrt-Gesellschaft, welche nach Riouw, Singapore und nach der Ostküste Sumatras jeden Monat sechs Dampfer sandte. Den 22. Juni schiffte ich mich in Batavia ein, und bei schönem Wetter und bei ruhiger See nahmen wir den Curs nach N. W. Die Fahrt ging zwischen den beiden zinnreichen Inseln Banka[40]und Billiton, liess die Gruppe der Lingga-Insel zur Backbordseite liegen, und wir dampften dann direct nach Riouw und Singapore. Hierauf bestiegen wir einen kleinen Dampfer, welcher einen geregelten Verkehr zwischen Riouw und den Hafenplätzenauf der Ostküste Sumatras unterhielt. Von Riouw ging die Fahrt zwischen den Inseln Padang und Bengkalis, und wir sahen die Tebing-Tinggi-, Rangsang- und Merbouw und die übrigen kleinen Inseln auf der Backbordseite in weiter Ferne liegen. Vor der Hauptstadt der »Residentie« fiel der Anker in die Tiefe der »Brouwerstrasse«, welche die drei erstgenannten Inseln von dem Festlande scheidet. Ich wusste damals nicht, dass der Plan bestand, in Bengkalis einen Concurrenzhafen des Welthafens Singapore zu schaffen; ich schenkte also diesem Theil der Stadt keine Aufmerksamkeit, und ich weiss nur aus den spätern Mittheilungen der Tagesjournale, dass zur Ausführung dieses stolzen Planes nichts geschehen ist, d. h. keine modernen Lagerhäuser, Werften und Docks gebaut wurden, sondern man sich begnügt hatte, Bengkalis zu einem Freihafen zu erklären und im übrigen der Zukunft ihre allmähliche Entwicklung zu einem Welthafen überliess. Der Welthandel kennt diesen Freihafen kaum dem Namen nach und die »Sparsamkeit hat wieder die Weisheit betrogen« (holländisches Sprichwort). Das Princip: »10×10 Gulden lieber auszugeben, als 100 Fl. auf einmal« hat wieder Schiffbruch gelitten. Auch die Stadt selbst zeigte nur wenig den Stempel einer Residenzstadt; im Ganzen lag eine Compagnie Soldaten in Garnison.

Der Militärarzt, den ich während meines zweistündigen Aufenthaltes aufsuchte, war ein Däne und bewohnte mit Frau und Kind ein kleines hübsches hölzernes Haus. Da er mir mittheilte, dass ausser dem Gebäude des Residenten und einer Tapiocafabrik[41]Bengkalis überhaupt keine Sehenswürdigkeiten besitze, so machte ich gern von seiner Einladung Gebrauch, bei einem Glase abgekühlten Apollinariswasser in seinem Hause die Abreise des Dampfers abzuwarten.

Von seinem Hause aus sah man in weiter Ferne (± 4 km) die Küste Sumatras, welche ein sanft aufsteigendes Ufer hatte, das aber doch noch so niedrig war, dass es zur Zeit der Fluth ganz mit Wasser bedeckt war. Tiefer ins Innere des Landes erstrecken sich zahlreiche Sümpfe; zahlreiche Seen und zwei grosse Ströme durchziehen von Westen nach Osten diesen südlichen Theil der Provinz, welche noch einen eigenen Sultan besitzt und den Namen Siak führt. Die zwei Ströme, welche dem Centralgebirge Sumatras entspringen, heissen der Kampar, dessen Quellengebiet zum Theil in der »Residentie Riouw« und zum Theilim Padangschen Hochlande liegt, und der Fluss Siak, dessen südlicher Quellenarm am Berge Suligi (536 Meter hoch) und dessen nördlicher Quellenarm an der Grenze der unabhängigen Battakländer entspringen.

Das gegenwärtige Sultanat von Siak[42]stand im 14. und 15. Jahrhundert unter dem Radja von Gasip, welches an dem gleichnamigen Nebenflusse des Siakstromes zu jener Zeit ein mächtiger Staat gewesen sein soll. Es kam durch Verrath eines gewissen Pandan in die Gewalt der Atjeers und von diesen unter die Botmässigkeit von Djohor, und erst im Jahre 1717 wurde das Sultanat Siak von Radja Ketjil gegründet. Die zahlreichen Thronstreitigkeiten, welche hierauf entstanden, nahmen erst im Jahre 1858 ein Ende, als Wilson, ein englischer Abenteurer, dem Tongku Ismail versprach, die aufständischen Stämme zu unterwerfen. Aber auch zwischen diesen Beiden kam es bald zum Streite, und der eingeborene Häuptling wandte sich an die holländische Regierung, welche Wilson aus Siak vertrieb, während mit einem Contract das Sultanat Siak ein Vasallenstaat Hollands wurde. Ismail blieb nur bis zum Jahre 1864 Sultan, in welchem Jahre er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Sein jüngster Bruder Tongko Sjarif Kasim wurde Sultan und sein ältester Bruder Tongku Putra Mangkubumi Reichsverweser des Landes. Den 23. Juni 1884 trat der Sultan die nördlichen Besitzungen seines Reiches: Deli, Serdang, Tamiang, Assahan u. s. w. an den holländischen Staat ab und zwar gegen eine jährliche Subvention von 40000 Fl. Die Bezahlung einer Schuld von 50000 Fl. wurde ihm nebstdem erlassen.

Die Bevölkerung dieses Sultanats theilt sich in zwei Theile; die Einen nennen sich die directen Unterthanen des Sultans von Siak; es sind die ehemaligen Menangkabauer, welche in den vier Sukus (= Bezirken) Tanah datar, Kampar u. s. w. einer bedeutenden Autonomie sich erfreuten, während die Bewohner der nördlichen Districte Tanah putih, Bangka und Kubu und die der Inseln Rupat bis Pengailan nur ungern den Sultan von Siak als ihren Herrn anerkennen. Das staatsrechtliche Verhältniss dieser einzelnen Staaten zum Sultan ist so verwickelt, dass es eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten ist und bleibt. Auch das Verhältniss zur indischen Regierung (die Insel Bengkalis ist schon seit 25 Jahren in vollem Eigenthum Hollands,ebenso theilweise die Insel Rupat) ist jetzt in ein Stadium der Veränderung gekommen, dessen Beendigung mir noch nicht bekannt ist.

Nur zwei Stunden blieb ich in Bengkalis. Die Dampfpfeife rief mich bald aufs Schiff; an der Insel Rupat, welche durch die gleichnamige Strasse von Sumatras Küste ungefähr 5 km weit geschieden ist, zogen wir vorbei, landeten wieder nur für ungefähr zwei Stunden bei der Mündung des Assahan, wo ein Kahn für die gleichnamige Stadt die Briefe holte und brachte.

Auch dieser District der Residentie »Ostküste von Sumatra« besteht zur Hälfte aus angespültem und sumpfigem Lande. Von hier aus liegt die ganze Küste dieser Provinz grösstentheils im Diluvium. Endlich erreichte ich das Ziel meiner Reise, Labuan Deli, welches bereits damals durch eine Eisenbahn (Fig. 6) mit der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes Medan verbunden war. Seitdem sind bedeutende Veränderungen vorgefallen. Diese Stadt wurde zur Hauptstadt der ganzen Provinz »Ostküste von Sumatra« ernannt, welche schon im Jahre 1897 von 103 km Eisenbahnen durchzogen wurde (Bengkalis wurde als Freihafen und als zukünftiger Welthafen aufgelassen); Belawan wurde an Stelle von Labuan Deli der bedeutendste Hafen dieser »Residentie«, von dem jährlich tausende und tausende Ballen Tabaks nach Europa und tausende und tausende Büchsen mit Petroleum[43]nach Java, China und Japan versandt werden.

Von den vier Bezirken, in welche der District Deli eingetheilt wird, Serdang, Deli, Langkat und Tamiang, ist der bedeutendste Deli; aber auch in Langkat bestehen seit ungefähr zehn Jahren Plantagen, und nur Tamiang hat sich kaum über die ersten Anfänge einer systematischen und rationellen Plantagenwirthschaft erhoben. Bis nun hat der »Delitabak« allein aus dem gleichnamigen District eine blühende Provinz gemacht und die »Deli Maatschappy« hat ihren Gründern und Actionären Millionen und Millionen bereits als Dividenden bezahlt,während die Tabaksunternehmungen in dem Bezirke Tamiang noch nicht mit Gewinn arbeiten. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die ganze Provinz, von Assahan angefangen, Diluvialland ist, welches im Westen vom Hochgebirge begrenzt wird; der Sebajak mit 2172 Meter, der Baros mit 1950 Meter, der Tenaro mit 1850, der Semilir mit 1813, der Temangu mit 1816, der Seraga mit 1490 und der Dolok (= Berg) mit 1440 Meter Höhe sind die bedeutendsten Bergspitzen, auf welchen zahlreiche aber unbedeutende Flüsse entspringen und ihren Lauf nach Osten nehmen und welche mit ihren reizenden Gebirgspanoramen (Fig. 7) das Gebiet der »unabhängigen Battaker« begrenzen.

Ich glaube mich hier jeder Mittheilung über die Gebräuche und Sitten dieser nicht ganz primitiven Menschen — sie besitzen ja ein eigenes und selbständiges Alphabet —, welche fälschlich für die Urbewohner Sumatras gehalten werden, mit Recht enthalten zu müssen. Es hat ja in jüngster Zeit ein Oesterreicher und zwar Freiherr Joachim von Brenner ein interessantes und lehrreiches Bild von seinen Reisen durch die Battakländer (Fig. 8) beinahe in erschöpfender Weise entworfen. Freilich ist das Capitel über seine Gefangennahme in Lontong am Tobasee und über die Gefahr, geschlachtet und von den Battakern verzehrt zu werden, interessant und romantisch geschrieben, aber eine erhitzte Phantasiescheintdabei Pathenstelle versehen zu haben. Wie mir nämlich ein Resident dieser Provinz voriges Jahr mitgetheilt hat, befinden sich die Anthropophagengegenwärtig nurim Gebiete der Pak-Pak, welche ungefähr 50 km vom Tobasee entfernt wohnen. (Auch Frau Ida Pfeiffer, welche im Jahre 1852 die südlichen Battakländer durchzogen hat, wurde von einer unbegründeten Furcht beherrscht, wenn sie entre autre mittheilt, dass sie es nur ihrem zähen Fleische als alte Frau verdankt hätte, von den Eingeborenen nicht verspeist worden zu sein.)

Die Battaker sind ja schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts von zwei mächtigen civilisatorischen Nachbarn in ihrer ursprünglichen rohen Sitte — der Menschenfresserei — beeinflusst. In den Jahren 1820 bis 1830 ist die mohamedanische Secte der Padri bis an’s Ufer des Tobasees vorgedrungen, während im Osten die holländische Regierung ihre civilisatorischen Arbeiten bis tief in’s Innere des Landes ausgebreitet hat und noch ausbreitet. Wenn wir also von jenen wenigen Battakstämmen absehen, welche im Nordosten unter dem Namen der Pak-Pak die alte Sitte der Anthropophagie noch heute üben, so steht der übrige Theil auf einer ziemlich hohen Stufe der Civilisation, undgerade das Buch des Herrn J. von Brenner bringt uns davon hunderte und hunderte Beweise.

Bei meiner Ankunft in Labuan Deli erfuhr ich eine grosse Enttäuschung. Kaum hatte der Anker sich in den Grund des Meeresbodens gebohrt, erschien der Adjutant des Landescommandanten an Bord und theilte mir mit, dass ich nicht in Medan, der Hauptstadt des Bezirkes Deli, stationirt, sondern zum »Eerstaanwezend« Officier in dem Bezirke Tamiang ernannt worden sei; ja noch mehr, der in diesem Bezirke momentan anwesende Militärarzt müsse so bald als möglich seinen Standplatz Seruway verlassen, weil er sich mit den übrigen Officieren nicht vertrage. Daher sei es nothwendig, dass ich sofort meine Reise fortsetze, und dass die üblichen Vorstellungen bei dem Landessanitätschef und bei dem Landescommandirenden u. s. w. meinerseits aufgeschoben werden.

Zu meinem grössten Bedauern habe ich dadurch die Gelegenheit verloren, die interessanteste Stadt »der Residentie Ostküste von Sumatra« zu sehen und mit jenen zahlreichen interessanten Eingeborenen in Contact zu kommen, welche von der Peripherie der Provinz bei verschiedenen Anlässen nach Medan gehen, um mit den Vertretern der diversen Tabak- und Petroleum-Unternehmungen in geschäftlichen Verkehr zu treten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, in dem Bezirke Tamiang vielleicht mit einzelnen Bewohnern der Gaju- oder Alasländer in Berührung zu kommen, welche das Innere von Gross-Atjeh bewohnen und selbst bis heute noch wenig bekannt sind, oder dass ich Ruinen der alten Modjopahit finden würde, oder dass ich an dieser Grenze der menschlichen Civilisation ein reiches Feld zu zoologischen Studien würde beobachten können; nichts ist in Erfüllung gegangen; die traurigsten Tage meines Lebens habe ich dort, an der Grenze des Atjeischen Reiches, verlebt.

Der Adjutant Wiersma verliess mich nach der Mittheilung dieser Hiobspost, der Schiffscapitän hatte unterdessen die Postsäcke an’s Land bringen lassen, und ¼ Stunde später erschien der Major P., um sich mit seinem Adjutanten ebenfalls zur Reise nach Seruway einzuschiffen.

Dieser Major war einer jener wenigen Officiere, welche trotz ihrer Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes nicht nur Bonhommes sind, sondern dies auch in all ihrem Thun und Lassen zeigen. Ich habe ja viele Officiere in der holländisch-indischen Armee gekannt, welche mit ihren militärischen Tugenden eine hohe Bildung des Geistes und desHerzensvereinigten; sie glaubten jedoch, diese ja nicht zeigen zudürfen, um so viel als möglich durch Strenge, ja selbst durch Härte den Untergebenen imponiren zu können. Major P. hatte den Muth, die wohlthuende Güte seines Herzens immer und jedem zu zeigen. Ich habe auch im Jahre 1891 direct unter ihm gedient; er war unterdessen Colonel geworden; sein Wunsch war für alle Officiere und für alle Soldaten mehr als ein Befehl, und niemals wurde ein Officier von ihm bestraft; eine Unterlassungssünde der jungen Leutnants wurde mit academischer Ruhe dem Missethäter (?) auseinandergesetzt und dieser Mann verliess »belehrt« den Rapport. Aber auch der Soldat, welcher sich grobe Verstösse gegen die Disciplin zu Schulden hatte kommen lassen, ging beschämt und gebessert vom Rapporte weg und war überzeugt, für sein Vergehen als ein abschreckendes Beispiel seiner Kameraden gestraft worden zu sein.

Als das Schiff Labuan Deli verliess, theilte mir Major P. mit, dass er nach Seruway gehe, um die Streitigkeiten zweier Officiere zu schlichten, und zeigte mir die darüber geführte Correspondenz. Nachdem ich sie gelesen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, dem Major P. sie mit den Worten Heine’s zurückzugeben: Es will mir schier bedünken — dass sie beide thäten stinken. Es war das alte Lied: Die Einförmigkeit des Lebens von wenigen Menschen, welche auf einem engen Raume beisammen leben müssen, machte die Fehler jedes Einzelnen in hohem Grade fühlbar. Wenn auch ich, der ich im Grunde meines Herzens nichts so als den Frieden liebte, späterhin in Streitigkeiten verwickelt wurde, wie leicht musste es mit Dr. X. geschehen, der leicht erregbar war und neben seinem Chef wohnen musste, dessen Frau geradezu die Langeweile des täglichen Lebens durch Kampf und Streit zu tödten suchte.

Der Dampfer brachte uns zunächst in den Aroëbusen, wo sich eine Holzunternehmung befand, welche von 25 Mann mit dem Commando eines Lieutenants beschützt wurde. (Hier in Pangkalan Siatas war die Endstation der Route, welche die Orte der Ostküste Sumatras miteinander verbindet.) Der Eigenthümer der Unternehmung war verheirathet und ebenso Lieutenant X., dessen Frau s. Z. eine Claviervirtuosin gewesen war. Er hatte sie in Batavia kennen gelernt und geheirathet. Nach der Hochzeit soll er an die Regierung ein Gesuch eingereicht haben — so erzählt wenigstens die böse Fama — mit der Bitte, dass seine Frau auch weiterhin Unterricht im Clavierspiele möge geben, weil einerseits es Schade wäre, dass ein solches künstlerisches Talent durch Mangel an Uebung für die Mitwelt verloren gehe undverkümmern sollte, und anderseits der ehrliche und redliche Gelderwerb auch die Frau eines Officieres nicht schände. Die Regierung gab ihm sofort die Erlaubniss; wenige Tage später jedoch las er in den Zeitungen seine Transferirung nach Pankalan Siatas. Diese erinnert mich an einen analogen Fall, welchen ich im Haag erlebt habe und der ebenfalls die holländische Regierungsweise charakterisirt. Im Jahre 1876 wollten im Haag die Socialisten im Abgeordnetenhause in corpore erscheinen, um dort demonstrativ ein Misstrauensvotum gegen die Abgeordneten abzugeben. Die Regierung wurde davon rechtzeitig in Kenntniss gesetzt. Die Polizei und die Truppen wurden zwar consignirt, aber sie waren nirgends zu sehen. Unbehindert zogen die tausende Socialisten vor das Abgeordnetenhaus, und unbehindert kamen die vordersten Reihen vor die Thüren der Galerien des Hauses; aber — Waisenmädchen nahmen alle Plätze ein.

Lieutenant X. lebte im besten Einvernehmen mit der Familie des Pflanzers; es fehlte ja — der Dritte oder besser gesagt — die Dritte.

Man muss sich das Leben auf einem so abgelegenen Platze vergegenwärtigen, um diese Menschen zu bewundern. Am rechten Ufer des Salahadjiflusses lag zunächst das Haus des Officiers und hinter diesem die Caserne der 25 Mann. Beide waren von einer 3 Meter hohen Palissade eingeschlossen. Zehn Schritte davon entfernt lag das Haus des Pflanzers, welches ebenfalls mit einer Palissade umgeben war. Um 6 Uhr Abends wurden die Thore geschlossen und einige Bediente, mit Gewehren bewaffnet, wurden auf Bastions zur Wache aufgestellt. Herr X. machte jede Nacht zweimal die Runde, um sich von der Wachsamkeit dieser seiner Wachleute zu überzeugen; denn die benachbarten Atjeers bedrohten täglich und stündlich ihr Leben und ihr Hab und Gut; diese hatten ja noch vor kurzer Zeit einen exponirten Posten von 7 Mann, welche unter dem Commando eines Feldwebels standen, in der Nacht bei Bukit (= Hügel oder Berg) Kramat überfallen und getödtet, d. h. ungefähr 6 km entfernt.

Wie viel Kämpfe, Sorge und Wachsamkeit erforderte die See zu ihren Füssen und der Urwald hinter ihrem Rücken. Das stürmische Element und das Krokodil auf der einen Seite und der Tiger (Fig. 9) und der Leguan und der Orang-Utan und die Schlangen auf der andern Seite (Elephanten kommen in diesem Bezirk nicht vor). (Von einem Rhinozeros wusste mir der Herr X. nichts zu erzählen.) Trotz dieser unheimlichen Nachbarschaft hatte er an dem linken Ufer der Bisitan-Bucht, welche sich von der Aroëbucht nach Süden abzweigt,eine Holzsägerei errichtet und sie mit transportablen Schienen mit seiner Wohnung verbunden. Auf kleinen Lowris besorgte er den Transport der Bretter und Schindeln, mit welchen er einen ausgebreiteten Handel trieb.

Fig. 11. Ein Bach im Urwalde.(Vide Seite 103.)

Fig. 11. Ein Bach im Urwalde.

(Vide Seite 103.)

Es war ein fröhlicher Zug, als wir alle drei Officiere, der Schiffscapitän und die zwei Familien auf Sesseln in den Lowris sassen und von Kulis nach der Werkstätte gestossen wurden. Der Weg ging nämlich über wellenförmiges Terrain, und die Kulis hatten beinahe die Hälfte des Weges mehr Mühe, dem zu raschen Fahren der Lowris Einhalt zu bieten, als sie sich bemühen mussten, über die kleinen Hügel bergauf diese zu stossen. Abgesehen von zwei Sägemaschinen und einer Halle mit fertigen Brettern und Schindeln war hier nichts anderes zu sehen, als der Typus einer Entwaldung; für den Nachwuchs wurde nicht gesorgt, weil der Pflanzer mit sehr viel Recht voraussetzte, dass weder er noch seine Kinder die Früchte dieser Arbeit an diesem Orte jemals ernten würden.

Dieser Raubbau ist übrigens auch bei den Eingeborenen im Schwange; vielleicht sind sie sich dessen bewusst, dass nachvielenDecennien die Natur der Tropen in ihrem, ich möchte sagen, unerschöpflichen Reichthum allein für den Nachwuchs in vielen Fällen sorgt. Die Hauptnahrung ist auch bei den Bewohnern des äquatorialen Sumatra der Reis; sie pflanzen diesen jedoch weder in künstlichen noch in natürlichen Sumpfboden, sondern auf »Ladangs« = trockene Reisfelder und zwar in ganz gleicher Weise, als es die Dajaker auf Borneo thun.[44]Die grossen Bäume werden einige Meter über dem Boden (auf einer Leiter) gefällt, weil ihr Umfang dort viel kleiner als in der Nähe der Wurzel ist, und alles wird dann in Brand gesetzt; die Lianen, Sträucher und kleinen Bäume verbrennen mehr oder weniger vollständig, während die gefällten Waldriesen in der Regel nur ihre Aeste und ihr Laub verlieren. (Fig. 10.) Gewaltige Baumstämme von 20–40 Meter Länge und 1 Meter Durchschnitt bleiben unbenutzt jahrelang liegen, bis die Ameisen, Todtengräber, Rüsselkäfer und der Schimmel ihre Maulwurfsarbeit beendigt haben; der durch Feuer von den lebenden Pflanzen befreite Boden wird mit dem Patjol (= Hacke) aufgerissen, und es werden Reis oder Cassave, Bataten oder Zucker, Ananas, Pisang, Labu,Tabak oder Kaffee, Lombok (= Paprika), Indigo und einige Fruchtbäume gepflanzt.

Wenn ausschliesslich oder wenigstens hauptsächlich Reis in diesen Ladangs gepflanzt wird, erschöpft sich selbst der humusreiche Boden der Insel Sumatra, und nach der dritten bis fünften Ernte befriedigt das Erträgniss des Bodens nicht mehr den Eingeborenen. Er verlässt einfach dieses Feld und sucht sich in der Nähe einen geeigneten Platz für einen neuen Ladang. Das alte Reisfeld bekommt ein neues Kleid und zwar (anfänglich) ein ganz anderes Pflanzenkleid, als es jemals besessen hat. Alang-alang (Imperata Königii), Glagah (Saccharum spontaneum, eine Graminea, deren Saft die Eingeborenen bei Augenentzündung gebrauchen), kleine Farrensträuche und Melastoma polyantha bedecken nach wenigen Monaten den Boden. Bald kommen selbst einige Bäume, und nach zehn Jahren sieht man schon einen kleinen Wald von (z. B.) Commersonia platyphylla u. s. w. Nach zwanzig bis dreissig Jahren hat sich bereits ein Wald von dreissig bis vierzig Sorten kleiner Bäume und Gesträuche entwickelt, worunter selbst einige des alten Urwaldes auftreten; die Stämme werden schlank, und die Kronen werden dichter, und Rottangpalmen verbinden sie zu einem Netze, welches ein dem jungfräulichen Urwalde ähnliches Bild schafft. Diese Entstehungsgeschichte des secundären Urwaldes bringt uns S. H. Koorders in dem Werke »Quer durch Sumatra« von J. W. Yzermann. Der Förster und der Botanicus beherrscht dieses Thema so ausführlich, dass ich den Fachmann, dem die zahlreichen Details Interesse einflössen mögen, nach dem Originalwerk verweisen muss.[45]

Hier in der Holzsägerei des Herrn X. war das Bild des verwüsteten Urwaldes, wie es oben angedeutet wurde, nur theilweise zu sehen und zwar, soweit der Aufseher mit seinen Kulis und seinen Arbeitern einen Ladang zu ihrem Privatgebrauch angelegt hatte.

Unser Schiff hatte Eis mitgebracht, und bald sassen wir bei einem Picknick, bei dem durch Eis gekühltes Bier und Brandy-Soda die Hauptrolle spielten.

Vor Anbruch der Nacht gingen wir zu Fuss zurück — die schräg auffallenden Sonnenstrahlen verlieren ja schon um 5½ Uhr einen Theil ihrer versengenden Wärme — und kamen vor Eintritt der Finsterniss in Pangkalan Siatas an; ich und der Schiffscapitänblieben weiter die Gäste des Lieutenants X., und der Major P. mit seinem Adjutanten nahmen bei Herrn Z. das Abendmahl ein. Nach demselben kamen wir alle beim Pflanzer zu einer Whistparthie zusammen. Den andern Morgen fuhr der Küstendampfer zurück, mich holte die Dampfbarcasse ab, welche der Pflanzer dem Controlor zu Seruway für seine zeitweiligen Reisen zur Verfügung stellte, und die zwei übrigen Officiere gingen unter dem Schutze einer kleinen militärischen Patrouille den Landweg zu Fuss dahin. Zwei Stunden lang schaukelte mich die kleine Barcasse auf den etwas unruhigen Wogen der Malaccastrasse, bis ich endlich bei dem Cap (Tandjong) Tamiang[46]in den gleichnamigen Fluss hineinfuhr. Sumpfvegetation bedeckte seine Ufer, welche bei der Ebbe des Meeres oft zehn Meter die Fläche des Wassers überragte. Dieses war grau und schmutzig von der Masse des vegetabilischen Gemenges; nur wenig Treibholz hinderte uns in der langsamen Fahrt stromaufwärts, und gegen vier Uhr hielten wir vor dem Fort Seruway an; beinahe gleichzeitig mit uns erschienen die beiden andern Officiere, welche auf ihrem Marsch einen geeigneten Platz für einen Neubau des Forts ausgesucht hatten. Major P. und sein Adjutant begaben sich sofort zu dem Commandanten des Forts, um die zahlreichen casus belli (?) dieses Officiers mit meinem Collegen zu untersuchen, und ich stellte mich der kampflustigen Commandeuse und den übrigen europäischen Bewohnern des Forts vor. Auch die Frau meines Collegen gehörte zu jenen indischen Damen, obgleich ganz reines europäisches Blut in ihren Adern strömte, welche in der Geltung ihrer Person und der Stellung ihres Mannes eine Lebensfrage sehen und ihren ganzen Einfluss auf ihren Mann zur Erreichung dieses Zieles aufwenden. Dadurch entstanden jene kleinlichen Reibereien, welche nicht nur meinem Vorgänger, sondern auch mir den Aufenthalt in diesem Fort verbitterten und, wie wir sofortsehen werden, meinem Collegen viele Monate lang die Qualen einer Untersuchung vor dem Kriegsgerichte verschafften.

Nietzsche hat zwar im Jahre 1883 sein Aufsehen erregendes Werk »Also sprach Zarathustra« herausgegeben; aber bis nach Seruway, ins Innere der Ostküste Sumatras, hatte es damals seinen Weg noch nicht gefunden. Dieselben Erfahrungen und Beobachtungen mögen ihn zu dem Ausspruch veranlasst haben: »Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht«, welche ich damals sah und erlebt habe. Auch dieser Satz in seinem berühmten Werke hat, und zwar nur durch die Form mit vielem Rechte, vielfach Anstoss erregt. Der Grundgedanke dieses Satzes enthält jedoch eine goldene Wahrheit, welche den wahren männlichen Charakter bedingt. Der wahrhaft männliche Charakter soll und muss jeden Einfluss kleinlicher und kindischer Lebensanschauungen zurückweisen, auch wenn er vom Liebsten, das er besitzt, von seinem Weibe oder von seinen Kindern, geübt wird. (Ich füge »die Kinder« hinzu, weil ich oft genug sah, dass Männer eben so stark unter dem Pantoffel ihrer Frau — als ihrer Tochter oder ihrer Kinder im Allgemeinen stehen und standen.) Weder Lieutenant X. noch mein College haben sich diesem Einflusse zu entziehen gewusst und erlitten dadurch viel Leid und Kummer. Der Eine weilt nicht mehr unter den Lebenden; der Andere ist von dem Menschenstrome einer europäischen Residenzstadt aufgenommen worden; ich kann also ihre weiteren Erlebnisse mittheilen, ohne fürchten zu müssen, ihren Namen durch meine Erzählung der Oeffentlichkeit preisgegeben zu sehen.

Lieutenant Y. wurde wenige Wochen vor meiner Ankunft auf Vorschlag des Dr. X. wegen eines Gehirnleidens nach Medan evacuirt. Da er wegen dieser Krankheit die Reise nur unter geübter Aufsicht antreten mochte, begleitete ihn mein späterer Nachbar, der Officiersaspirant Z. Diese Vorsicht war dringend geboten, und thatsächlich hatte dieser Begleiter sehr viele Mühe, den Lieutenant Y. lebend nach Pangkalan Sitas zu bringen; er wollte sich nämlich in’s Wasser stürzen, als er die weite See zu Gesicht bekam.In seinem Wahnsinnerzählte er auch bei Tisch der Frau seines Gastherrn zu Pangkalan Sitas, dass Dr. X. in Seruway ihn habe ermorden wollen. In Medan hatte er sich von dem Malariafieber bald erholt, welches die Ursache seines Gehirnleidens gewesen war, und besuchte auch den nächsten Empfangsabend des Landescommandirenden, Majors P.; hier sah er Dr. X. und seineFrau. Sofort ging er auf Frau Dr. X. zu, um sie zu begrüssen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Diese Dame nahm die angebotene Hand nicht an, gab ihm keine Antwort und streckte ostentativ ihre Hände nach rückwärts. Da er sich keiner Schuld bewusst fühlte (was er s. Z. in seinem Delirium gesprochen hatte, wusste er auch nicht), suchte er ihren Mann auf, um Aufklärung für dieses beleidigende Vorgehen seiner Frau zu erhalten. »Sie ist in ihrem Rechte«, war die kurze Antwort. Um zu dieser ungelegenen Zeit und auf diesem Orte des Vergnügens kein unliebsames Aufsehen zu erregen, machte Lieutenant Y. dem Gespräche sofort ein Ende und schickte ihm den nächsten Tag seine Zeugen. Dr. X. nahm keines seiner Worte zurück, gab auch keine Erklärung dafür, warum er das beleidigende Benehmen seiner Frau gut heisse, und weigerte sich aus principiellen Ursachen, ein Duell anzunehmen. Diese Affaire nahm den unvermeidlichen weiteren Verlauf. Major P. bestrafte Dr. X. wegen seines, eines Officiers unwürdigen Benehmens mit vier Tagen Arrest; dieser reclamirte, und der Armeecommandant bestätigte die Strafe und gab noch vier Tage Arrest, weil er durch seine leichtsinnige Reclamation Mangel an Ehrfurcht vor seinem Vorgesetzten gezeigt habe. Dr. X. liess auch diese Strafe nicht auf sich ruhen und suchte nun den Ausspruch eines Kriegsgerichtes nach. Glücklicherweise hat ihn dieses freigesprochen, weil im andern Falle mit der Strafe noch ein grosser geldlicher Verlust verbunden gewesen wäre. Der »Krygsraad« tagte nämlich in Atjeh, wo sich zu dieser Zeit Dr. X. in Garnison befand. Die Zeugen mussten persönlich ihre Aussagen vor dem Kriegsgericht abgeben und daher, so weit sie sich nicht ebenfalls in dieser Garnison befanden, dahin reisen. Nach ungefährer Berechnung wären die Gesammtunkosten ungefähr 1000 Fl. gewesen; Dr. X. wurde von dem Kriegsgericht freigesprochen, weil es sich der Anschauungsweise des Sanitätschefs angeschlossen hatte, welcher folgenden Standpunkt in seiner diesbezüglichen Erklärung abgegeben hatte: Lieutenant Y. habe in zweifacher Weise die ganze Affaireprovocirtund sei darum der Hauptschuldige in dieser Angelegenheit. Zunächst habe jeder Mann abzuwarten, ob ihm eine fremde Dame überhaupt die Hand reichen will. Dann aber sei Lieutenant Y. besonders unvorsichtig gewesen, weil er Frau Dr. X. zuerst die Hand angeboten hatte, obzwar er gewusst hatte, dass ihr Mann vor nicht langer Zeit in Unfrieden mit ihm gelebt habe.

Es kann hier nicht weiter meine Aufgabe sein, mit dem Freispruche des Kriegsgerichtes mich zu beschäftigen; aber ich glaube darauf hinweisen zu müssen, weil Dr. X. nur durch theilnahmsvolle Intervention seiner Collegen von den Folgen seiner unüberlegten Handlungsweise befreit blieb.

»Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht.« In noch unwürdigerer Weise liess sich Lieutenant B. durch seine Frau beeinflussen, welcher oder welche der Commandant des Forts Seruway zu meiner Zeit war.

Das Fort bestand aus hölzernen Gebäuden und hölzernen Palissaden. Die Nordseite wurde von einem hölzernen Hause eingenommen, in welchem die zwei Officiere und obengenannter Aspirantofficier wohnten. Ich bewohnte den westlichen Theil, welcher gegenüber dem Marodenhause lag. Die Wohnung trug den Typus aller indischen Häuser, wie ich sie im II. Theile »Java«[47]beschrieb. An die westliche Wand schloss sich ein Theil des Hofraumes mit einer Bretterwand als Gehege an.

Eines Tages lag ich um 3 Uhr in der vorderen Veranda in einem Faulenzerstuhle zu ruhen, weil mich die Wärme im Schlafzimmer verhinderte, mein gewöhnliches Mittagsschläfchen im Bette zu halten. Da sah ich plötzlich einen eingeborenen Soldaten und einen Sträfling, beide mit einem Knüttel gewaffnet, in den Hofraum sich schleichen. Ich rief sie zu mir und frug sie, was dies bedeute. »Njonjah tuwan Commandant suruh« = Die Frau des militärischen Commandanten habe den Auftrag gegeben. »Suruh apa?« = Was hat sie befohlen? »Die Katze zu tödten« war die Antwort dieser Bösewichter. (?) Ich befahl ihnen natürlich sofort, mein Haus zu verlassen, und ging den andern Morgen auf das Platz-Bureau, den Lieutenant X. davon zu verständigen. Natürlich (!) war ihm davon nichts bekannt, und ich versicherte ihn, dass dies eine angenehme Aufklärung für mich sei, weil ich natürlich (??) nicht glauben konnte, dass mit seinem Wissen ein Soldat bewaffnet auf das erf (H. = Grundstück) eines Officiers eindringen werde. Abends ging ich zu seiner Frau eine Abschiedsvisite machen, weil ich den andern Morgen eine Inspectionsreise nach Pangkalan Siatas unternehmen sollte; bei dieser Gelegenheit erfuhr ich den Grund ihres Hasses gegen meine Katze. Diese bevorzugte besonders gerne ihrenMilchtopf und ihre Küchlein. Ich bat diese Dame also, ihren Milchtopf zuzudecken, weil ich die Katze nicht entbehren wolle und auch nicht wegen der zahlreichen Ratten entbehren könne. Ich bekam aber nur die bedeutungsvollen Worte zur Antwort: »Ich werde mir schon zu helfen wissen.« Im ersten Augenblicke dachte ich daran, dass diese Antwort eine friedfertige Bedeutung hätte. Vorsichtshalber befahl ich jedoch meinem Bedienten, während meiner Abwesenheit meine Katze in einen Bambus-Käfig abzuschliessen. Bei meiner Rückkehr war die Katze verschwunden. Dieser Erfolg ihrer autokratischen Gelüste befriedigte sie jedoch nicht. »Kromo«[48]und »Wongso«[48]der Truppen sollten sehen, dass ihr Mann im Fort das höchste Wesen sei, obwohl ich als Regimentsarzt höher im Rang sei und nur aus dieser Ursache ein höheres Gehalt als ihr Mann bezöge. Als ich dieses Gespräch zu hören bekam, hielt ich mich aus naheliegenden Ursachen »indisch taub«[49](dieses Gespräch war ja an die Adresse einer Soldatenfrau und nichtdirectan mich gerichtet), und es gelang ihr nicht, mich zu einer Gegenäusserung zu verlocken.

Den andern Morgen kam ein eingeborener Soldat, welcher eine ansteckende Hautkrankheit hatte, auf den Krankenrapport. Ueblicherweise schrieb ich in das betreffende Register neben seinen Namen: Ziekenzaal (= Marodenzimmer). Nach dem Reglement musste dieser Patient sofort in die Caserne gebracht werden, wo er (oder bei acuter Erkrankung ein Kamerad in seiner Gegenwart) seine Kleider und Wäsche in seinen Koffer einzupacken und diesen nebst Waffe in die dazu bestimmte Wachstube (= Rustkamer H.) im Beisein seines Feldwebels zur Aufbewahrung zu geben und sich dannsofortin das Marodenzimmer zu begeben hatte. Diesmal geschah nichts von allem diesen. Es war 11 Uhr geworden, und noch immer konnte mir der Krankenwärter nicht mittheilen, dass dieser Patient angekommen sei; ich liess den Krankenwärter bei dem Schreiber des Platzcommandanten sich informiren und erfuhr, dass dieser keinen diesbezüglichen Befehl geben wolle, weil ich ihn nicht direct darumersuchthatte. Da dies im Widerspruch mit den Vorschriften des »Garnisondienstes« war, schrieb ich ihm officiell einen Brief mit der einfachen Mittheilung, dass ich einen Soldaten, welcher an eineransteckenden Hautkrankheit leide, angewiesen habe, in’s Spital zu gehen, dass dieses nicht geschehen sei und dass ich glaube, den militärischen Commandanten für die Folgen dieser Ausserachtlassung verantwortlich zu machen und nebstdem den Landescommandirenden in Kenntniss zu setzen, dass ich in der Ausübung meines Dienstes nicht der üblichen Unterstützung mich erfreuen könne.

Vier Jahre später sollte der ungezügelte dämonische Einfluss dieser Frau auf ihren braven, etwas willensschwachen Mann traurige Folgen haben. Ich wurde im Jahre 1887 nach L. transferirt und hatte unter anderen Obliegenheiten auch die Verpflichtung, jede Woche zwei Mal nach L. zu gehen, wo Lieutenant X. der Commandant des Forts war. Bei meinem ersten Besuche sah ich Frau X. im Hofraume im Gespräche mit einem anderen Lieutenant stehen. Die 40 Mann, welche zu meinem Schutze mitgegangen waren, hatten vor dem Fort ihre Waffen abgelegt, der Hornist des Forts gab das Zeichen: »Der Doctor ist da«, und bevor die Patienten sich meldeten, ging ich in das Fort, und als ich Frau X. erblickte, eilte ich auf sie zu, um sie herzlich zu begrüssen. Alle grossen und kleinen Zwistigkeiten, welche ich vier Jahre vorher mit dieser Dame hatte, waren ja vergessen; auch diese Dame zeigte nur die Freude des ersten Wiedersehens, und ich — klopfte ihr mit den Händen auf die Schulter mit den Worten: »Ja, ja, was sind Sie, Frau Lieutenant, seit dieser Zeit stark geworden.« Ich unterhielt mich noch kurze Zeit mit ihr über unsern Aufenthalt in Seruway; auch ihr Mann nahm daran Antheil, und bald kam mir »der Sergeant der Wache« mittheilen, dass die Patienten sich eingestellt hätten. Ich nahm von Beiden herzlichen Abschied, versprach, ihnen so bald als möglich meine Frau vorzustellen, hielt meine Krankenrapporte und ging nach Hause. Wie war ich jedoch den anderen Tag überrascht, mit der Post einen Brief von Lieutenant X. zu erhalten, in dem er mich beschuldigte, seine Frau coram publico »gemein« behandelt zu haben; durch zwei Officiere wurde diese Sache zwar beigelegt, aber das Verhältniss zwischen uns Beiden blieb ein gespanntes; so oft ich ex officio in das Fort kam, verkehrten wir nicht mehr und in der Regel kehrte ich zurück, ohne Lieutenant X. oder seine Frau gesprochen zu haben. Sehr oft fiel mir aber auf, dass das Aussehen des Herrn X. viel zu wünschen übrig lasse; eines Tages glaubte ich officiell den Landescommandirenden davon in Kenntniss setzen zu müssen, und als mich dieser aufforderte, esschriftlich zu thun, schrieb ich, dass mir bei meiner Inspectionsreise nach L. das schlechte Aussehen des Commandanten des Forts aufgefallen war, und dass im Interesse des Dienstes und noch mehrim eigenen Interessedieser Officier sich unter ärztliche Behandlung stellen sollte. Oberst C. schickte eine Abschrift dieses Briefes nach L. zur Information.

Fig. 12. Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh.(Vide Seite 114.)

Fig. 12. Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh.

(Vide Seite 114.)

Ende jeden Jahres wird in Atjeh von den diversen Forts eine Liste der anwesenden Officiere angelegt mit der Angabe, ob sie in Atjeh länger als sie verpflichtet[50]seien, bleiben wollten.

Als Antwort auf meinen Brief gab Lieutenant X. von sich an: Wünscht zu bleiben. Acht Tage später musste er in das Spital zu Kuta radja aufgenommen werden und war drei Tage später eine Leiche. Wie mir später mitgetheilt wurde, war es seine Frau, welche ihn bewogen hatte, meine Warnung als den Einflusspersönlicher Eifersuchtauf ihr angenehmes und einträgliches Leben als Fortcommandant aufzufassen.

Das gesellschaftliche Leben eines Officiers oder eines Militärarztes in der holländisch-indischen Armee ist sehr reich an Abwechslung. Bald ist er in einer Garnison, welche alle Genüsse und Vortheile einer europäischen Stadt bietet, bald sitzt er allein oder nur mit ein oder zwei Officieren in einem kleinen Fort fern von allen Vorzügen der Civilisation und nebstdem umgeben von allen Schrecknissen des Tropenlebens.

So erging es mir in Seruway. Im Ganzen bestand der Kreis, in welchem ich mich bewegte, aus einem jungen Controleur, einem Lieutenant mit seiner Frau, einem Officiersstellvertreter und einem Bürger, dem Agenten der Firma Hüttenbach, welche die Lieferantin des Forts war.

Das Fort selbst lag mitten im Sumpfe am rechten Ufer des Tamiangflusses und war von 2½ m hohen Palissaden umgeben; der Raum zwischen den Palissaden und der Caserne und dem Officiersgebäude war nicht nur der Rendezvousplatz von uns fünf Europäern, sondern auch der einzige Weg, auf dem man spazieren gehen konnte. Die Wohnung des Controleurs war an der Nordseite desForts fünfzehn Meter entfernt. Das Officiersgebäude stand mitten auf dem Platze und hatte hölzerne Wände; ich bewohnte die westliche Ecke, welche gegenüber dem Marodenzimmer lag und zwar nicht weiter als zehn Schritt.

Ich hatte einen Bedienten, dessen Frau gleichzeitig Köchin war; da sich in der Nähe kein Kampong befand, konnte sie beinahe niemals frisches Grünzeug erhalten, und nur hin und wieder war es möglich, einige Stücke Lombok (= Paprika) oder Fisolen von einigen Soldatenfrauen zu erstehen, welche mit Erlaubniss des Militär-Commandanten ausserhalb des Forts einige kleine Gemüsebeete angelegt hatten. Die übrigen Lebensmittel erhielten wir von dem Lieferanten der Garnison. Zu meinem Vergnügen hielt ich ausserhalb des Forts einen Hühnerstall, worin sich beinahe immer sechzig Legehühner befanden. Im Durchschnitt bekam ich täglich zwanzig Eier, welche ich theilweise à 2 Ct. = 3½ Pfennig meinem Bedienten überliess, der mich darum ersuchte, um im Fort einen kleinen Eierhandel zu treiben. Der Garnisonlieferant lieferte nämlich nur gesalzene Enteneier, welche in ganz Indien sehr gern gegessen werden. Die frischen Hühnereier haben natürlich auch ihre Freunde; ich weiss jedoch heute noch nicht, an wen »Sidin« diese Eier und wie hoch er sie verkauft hat. Frische Kuhmilch war in dem Fort ganz unbekannt, und ich bezog von dem Agenten der Firma Hüttenbach meistens nur die Schweizerische condensirte Kuhmilch, welche mich mehr befriedigte, als die »flüssige Milch«, welche damals in Mode kam. Auch später hat die Schweizerische condensirte Kuhmilch mir solch’ vortreffliche Dienste bei meinen Patienten geleistet, dass ich sie heute noch als Ersatz der Muttermilch in erster Reihe verordne.

Das Klima Seruways war trotz seiner relativ grossen Entfernung von der Küste ein wahres »Strandklima«. Nirgends eine schattenspendende Allee; den ganzen Tag sandte die Sonne ihre versengenden Strahlen auf uns nieder; nur selten erfrischte der Seewind die mit Miasmen und heissem Staub geschwängerte Luft; und wenn in der Regenzeit täglich viele Stunden lang das Wasser vom Himmel in Strömen stürzte, dann konnten wir nicht einmal unser Haus verlassen. Die Temperatur schwankte je nach der Tageszeit und nach der Art des Monsuns von 22 ° C. bis 37 ° C. und der Feuchtigkeitsgehalt der Luft zwischen 700–800 pro m.

Noch andere Factoren kamen hinzu, um diesen Garnisonort zudem unangenehmsten zu machen, den ich während meiner zwanzigjährigen Dienstzeit hatte. Ich wurde krank, hatte als Arzt wenig zu thun und hatte keinen Verkehr mit den Eingeborenen, so dass ich auch weder auf ethnographischem noch auf zoologischem Gebiete mich beschäftigen konnte. Ich hielt es in dieser Garnison nur wenige Monate aus und —liefendlich am 24. Februar 1884 davon.

Bevor ich jedoch die eigentliche Ursache dieser Desertion erzähle, will ich einige Intermezzi mittheilen, welche als Lichtpunkte dieses öde, elende und langweilige Leben wenigstens einigermaassen erhellten oder, besser gesagt, einige Abwechslung in das monotone tägliche Leben brachten.[51]

Dahin muss ich meine monatlichen Fahrten nach Pankalan Siatas und einige interessante chirurgische Fälle rechnen, die ich in Behandlung bekam.

Die Streitigkeiten mit meiner liebenswürdigen Nachbarin und meine körperlichen Leiden haben allerdings meine Gemüthsstimmung so sehr verbittert, dass ich aus dieser Zeit nur den Totaleindruck einer miserablen und traurigen Existenz bewahrt habe.

In der Regel brachten meine monatlichen Reisen nach Pankalan Siatas mir eine willkommene Abwechslung in der Gesellschaft. Wenn man täglich nur vier Menschen sieht und spricht, tritt das Verlangen, andere Menschen zu sehen, andere Stimmen zu hören und andere Anschauungen austauschen zu können, fühlbar auf. Es mag in Europa Landherren oder Beamte geben, welche in kleinen Städten, Dörfern u. s. w. in ähnlichen Verhältnissen leben; aber diese Uebelstände machen sich in Indien fühlbarer, weil man keine Möglichkeit kennt, sie zu verändern.

Zwei Mal hatte ich auf diesen Fahrten eine kleine Abwechslung. Das erste Mal begleitete mich ein Geistlicher, welcher acht Tage vorher nach Seruway gekommen war, um den katholischen Soldaten für einige Tage religiösen Zuspruch zu gewähren, etwaigeneugeborene Soldatenkinder zu taufen und Gelegenheit zur Beichte zu geben. »Pastor« X. fuhr mit mir nach Pankalan Siatas, von wo er mit dem nächsten Dampfer seinen zeitlichen Standplatz Medan aufsuchen wollte.

Wir waren kaum drei Kilometer hinter Seruway, als die Schraube mit einem einem Kanonenschusse ähnlichen Knall brach. Unwillkürlich entschlüpfte mir das in Indien übliche Scherzwort: »Nun ja, wir haben einen Pfarrer an Bord, also müssen wir ein Unglück bekommen«, und dieser brave Mann bekam eine Röthe wie ein Backfischchen. Als ich ihn versicherte, dass ich dieses Sprichwort nicht als Vorwurf gebraucht habe, theilte er mir mit, dass ihm diese Legende bekannt sei, dass sein Erröthen mehr die Erschütterung der kleinen Dampfbarcasse als meinen Scherz zur Ursache habe und dass er mir gewiss nicht zürne. —

Der Bruch der Schraube hatte weiter keine unangenehmen Folgen. Wir fuhren ja stromabwärts; die Strömung des Flusses — zur Zeit der Ebbe des Meeres — brachte uns vorwärts; das Steuerruder war intact, wir konnten also trotz der zahlreichen Krümmungen des Tamiangstromes ungefährdet allen Ecken und vorspringenden Ufertheilen ausweichen, und als wir die Mündung des Stromes erreichten, war die Reserveschraube eingesetzt.

Die beiderseitigen Ufer boten nach keiner Richtung etwas Sehenswerthes. Der Wasserstand war niedrig, die hohen Ufer waren mit undurchdringbarem Gebüsch bedeckt, aus welchem die Nipahpalmen, die Brutstätte der Mosquitos, hervorragten, und gegen das Ende des Stromes verflachten sich die Ufer allmählich so weit, bis sie das Niveau des Meeres erreicht hatten.[52]Dennoch besitzt das linke Ufer ein geologisches Curiosum, auf welches mich der Steuermann der Barcasse aufmerksam machte, und zwar gerade gegenüber dem Haupteingange des Forts.

Bei meiner Ankunft in Seruway borgte ich mir einen Kahn aus und fuhr mit vier Sträflingen dahin, welche Hacke und Schaufeln mitnahmen. Ich fand, wie mir jener mitgetheilt hat, einen kleinen Hügel, welcher aus kleinen Muschelschalen, etwa von der Grösse eines halben Pfennigs, bestand. Der Boden rings um diesen kleinen Hügel bestand aus Lehm mit Humus gemischt. Mir ist bekannt,dass der Kiel von Dampfern und Schiffen sehr oft Gebilde des Meeres bis tief in’s Innere des Landes verschleppen könne; aber dieser ganz isolirte Haufen von tausenden und tausenden kleiner Muscheln, mitten im Alluvialboden und noch dazu vier bis fünf Stunden von der Küste entfernt, war nicht nur mir ein Räthsel, sondern war auch von jeher den Eingeborenen eine unverständliche Erscheinung. W. Splieth beschreibt uns im Archiv für Anthropologie von Schleswig-Holstein im Jahre 1888 (?) solche Muschelhaufen oder, wie er sie nennt, solche Kjokkenmodding als wichtige Documente der Steinzeit. Leider hatte ich damals keine Ahnung von der Bedeutung dieser »Faciesbildung« für die Paläontologie und unterliess es darum, sie auf Ueberreste von Thieren oder Menschen oder Geräthen zu untersuchen. Vielleicht genügt diese Mittheilung, jemand Andern, welcher sich in dieser Gegend aufhält, zur Untersuchung dieser »Facies« anzuregen.

Das zweite Abenteuer, welches ich bei dieser Fahrt auf der Dampfbarcasse erlebte, lief ebenfalls gut ab, hatte aber eine kleine Expedition zur Folge.

Schon durch einige Wochen kamen bei dem Controleur Berichte ein, dass die Atjeer beabsichtigen, die »Ostküste von Sumatra« zu überfallen und selbst die Hauptstadt Medan anzugreifen; zu diesem Zwecke sollten zunächst einige atjeische Aufwiegler in dem Bezirke Langkat die Eingeborenen zum Kampfe gegen die Holländer aufreizen und die benachbarten Stämme der Batakker zum Einfallen in die Tabakplantagen veranlassen. Da schon einen Monat lang diese Spionenberichte einliefen, ohne dass thatsächlich irgend etwas geschah, glaubte ich im Januar 1884 meine gewöhnliche Inspectionsreise nach Pankalan Siatas machen zu können, umsomehr als der Controleur keine Ursache hatte, mich davon zurück zu halten. Kaum hatte ich jedoch ein paar hundert Meter zurückgelegt, als wir fünf Atjeer mit Gewehren bewaffnet am linken Ufer mit uns gleichen Schritt halten sahen. Sofort liess ich umkehren, und als ich im Fort ankam, erfuhr ich, dass der Controleur von der Anwesenheit dieser Feinde bereits Nachricht erhalten habe, und dass der Officierstellvertreter sofort mit zehn Mann ausrücken müsse, um sich dieser Aufwiegler — todt oder lebend — zu bemächtigen. Durch meine Zurückkehr sei dieser nun in der angenehmen Lage, mit der Dampfbarcasse die kleine Expedition ausführen zu können, während er im andern Falle ein gewöhnliches Boot hätte benützenmüssen. Einer von diesen fünf Feinden wurde getödtet, die andern vier gefangen und nach Medan gesendet.[53]

Meine Inspectionsreisen haben in den Plantagen selbst nichts Besonderes oder Interessantes aufzuweisen. Bei meiner Ankunft untersuchte ich die fünfundzwanzig Mann auf geheime Hautkrankheiten und nahm dann bei dem Militär-Commandanten oder bei dem Pflanzer mein Mittagsmahl ein. Die beiden Herren erfreuten sich mit ihren Frauen und ihren Kindern einer besonders guten Gesundheit, so dass ich nur einmal und zwar bei meiner Abreise aus dieser Provinz Anlass hatte, auch mit ihnen ärztlich mich zu beschäftigen.

Auch im Marodenzimmer in Seruway hatte ich im Allgemeinen wenig schwere Krankheitsfälle in Behandlung. Die für die Topographie des Ortes unvermeidlichen Fälle von Wechselfieber, einige kleine Verwundungen und einige Hautkrankheiten[54]— das sind alle Krankheiten, welche ich von Seiten der Compagnie in Behandlung bekam. Die ersten Wochen meines Aufenthaltes brachten mir jedoch viele Sorgen mit der Behandlung kleiner Wunden. Das Marodenzimmer bestand nämlich aus Matten von gespaltenem Bambus. Darin lagen zwei Patienten mit kleinen Wunden, welche plötzlich eines Tages ein sehr übles Aussehen bekamen; es war Hospitalbrand hinzugetreten (Gangraena nosocomialis). Ich erfuhr von dem Krankenwärter, dass einige Wochen vor meiner Ankunft ein Patient an Spitalbrand in diesem Zimmer gestorben war. Ich liess sofort das Zimmer räumen, diese zwei Patienten in den »Cholerasaal« bringen, welcher sich ausserhalb des Forts befand und noch niemals gebraucht worden war, und sandte an den militärischen Commandanten einen wohl motivirten Vorschlag, diesesMarodenzimmer niederreissen und verbrennen zu lassen. Das Verlassen dieses Marodenzimmers und eine energische Behandlung reichte hin, das Fortschreiten des Brandes bei diesen zwei Patienten aufzuhalten, und so blieben sie nicht nur dem Leben erhalten, sondern ich war auch nicht bemüssigt, grössere Körpertheile zu entfernen.

Auch ein atjeischer Patient meldete sich an; er hatte Elephantiasis, und ich erfreute mich eines sehr schönen Resultates; er war beinahe ganz geheilt, als ihn eines Tages ein eigenthümlicher Zufall veranlasste, um sofortigen Abschied aus der Spitalbehandlung zu bitten. Der militärische Commandant liess nämlich eines Tages exercitii causa Alarm blasen. Die Soldaten eilten zu den ihnen angewiesenen Schiessöffnungen und feuerten mit blinden Patronen. Mein atjeischer Patient glaubte hierin ein Vorspiel für einen Ernstfall zu sehen, vertraute der Zukunft nicht und liess sich um keinen Preis im Spitale zurückhalten. Bei seiner Aufnahme war nicht nur der ganze linke Unterschenkel zu einer beinahe brettharten dicken Säule erstarrt, sondern auch das Fussgelenk und das Knie waren durch die starre Haut unbeweglich geworden. Bei seinem übereilten Abschied waren Fuss und Kniegelenke beweglich geworden, und der Unterschenkel hatte beinahe normale Form. Allerdings war die Haut desselben noch theilweise infiltrirt.

Am 17. Januar hatte ungefähr eine Stunde vom Fort entfernt ein »Amok«-Fall stattgefunden. Der Rasende hatte vier Menschen verwundet, bevor es gelang, ihn unschädlich zu machen; ein Atjeer und ein Chinese wurden getödtet; ein zweiter Eingeborener erhielt fünf Wunden und das vierte Schlachtopfer nur einen Stich am linken Vorderarm. Diesen einen Unglücklichen sandte mir der Controleur zur ärztlichen Behandlung und zwar in Begleitung der Frau des »Amokläufers«. Ich hatte darum ersucht, um mich so gründlich als möglich mit dieser Frage beschäftigen zu können. Da die Eingeborenen der Suggestion ausserordentlich leicht zugänglich sind, so bemühte ich mich, jeden »Hineinexaminirens« mich zu enthalten und sorgte auch dafür, dass der Dolmetsch auf die Antworten dieses Atjeers keinen Einfluss nahm. Schon die erste Frage, die ich stellte, brachte eine befriedigende Antwort. Ich liess mir einfach mittheilen, was der Bösewicht (?) kurz vor dem »Amoklaufen« gethan hatte. »Nichts,« erhielt ich zur Antwort, »denn er hatte ja das Fieber; sein Körper war heiss und er delirirte (bitjâra gîla), plötzlich spranger auf, ergriff den Dolch (rêuntjong) und schwang ihn nach allen Seiten und stiess ihn in die Brust des Nachbarn, welcher nur geholfen hatte, dem Kranken die abkühlende Salbe auf die Stirne zu reiben. Ich lief auf die Strasse um Hülfe zu rufen; unterdessen war er hinter mir nachgelaufen und verwundete noch drei Männer, welche auf meinen Hülferuf herbeigeeilt waren.«

So oft und so nachdrücklich ich mich erkundigte, ob diese Schlachtopfer in irgend einer Weise als persönliche Feinde direct oder indirect Anlass zu einer erbitterten oder gehässigen Stimmung gegeben hätten oder vielleicht vor längerer Zeit seinen Hass oder Neid oder Missgunst oder Eifersucht erregt hätten, die der Mörder nur zeitweilig nicht gezeigt habe — auch diesem wurde auf das Bestimmteste widersprochen.

Es war also der typische Fall des »Amoklaufens«,[55]bei welchem der Rasende ohne Unterschied der Person, des Geschlechtes und des Alters jeden Menschen verwundet, der ihm entgegentritt. Dieser Fall bestreitet jedoch alle bisherigen Theorien, welche über die malaiische Sitte des Amoklaufens aufgestellt wurden. Dieser Mann rauchte kein Opium, er war von keinem religiösen Wahnsinn ergriffen, er wollte sich nicht auf diese ungewöhnliche Weise das Leben nehmen, um trotz des Verbotes des Selbstmordes der Freuden des Himmels theilhaft zu werden; es war ein Kranker, welcher im Fieber delirirte.

Auch einen Krebsfall bekam ich zur Behandlung; es war ein Mann, welcher am rechten Oberschenkel eine Geschwulst von der Grösse einer Faust hatte; die Schmerzhaftigkeit der Geschwulst, das rasche Wachsen derselben, das schlechte Aussehen des Patienten liessen mich an einen Krebs denken, ohne dass ich mir darüber Gewissheit verschaffen konnte; der Patient verweigerte nämlich jeden chirurgischen Eingriff.


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