8. Capitel.
Eine sogenannte Friedensgarnison — Campierpfähle — Ein Deserteur(?) — Ein freigebiger Compagniecommandant — Eine Kirmes — Ein Klewang-Anfall — Im Kugelregen — Geringschätzung der Militärärzte — Chinesen in Atjeh — Kleider und Schmuck der Atjeer — Musikinstrumente der Atjeer — Atjeische Prüderie.
Im Jahre 1885 kehrte, wie schon angeführt wurde, die indische Regierung in ihrer Politik zum Principe der alten indischen Compagnie zurück, d. h. sie beschloss, von der Offensive zur Defensive überzugehen und sich vorläufig mit dem eroberten Gebiete, so klein es auch war, zu begnügen. Zu diesem Zwecke wurde dieses Terrain mit einem Damme begrenzt, auf welchem eine »Ceinturebahn« gebaut und in einer Entfernung von je tausend Metern Forts und Blockhäuser errichtet wurden, von denen vier direct mit dem Centrum, d. h. mit Kuta radja verbunden waren. Jenseits der »Linie« wurde tausend Meter breit das Terrain »rasirt«, ohne dass die Herren am grünen Tische bedachten, dass in den Tropen die Flora zu üppig ist, um auf Commando sich unterdrücken zu lassen; beinahe sofort spross auf dem entwaldeten Boden das Alang-Alang so üppig aus dem Grunde, dass der Feind sich nach Belieben in diesem hohen Schilfgrase ungesehen und unbemerkt bewegen konnte. Der südliche Theil »der Linie« bekam einen eigenen Commandanten, welcher in dem Fort Lambaro den Sitz hatte, und den 15. August des Jahres 1887 bekam ich den Auftrag, dahin zu übersiedeln und mich »unter die Befehle des Liniencommandanten zu Lambaro zu stellen«. Da die meisten Aerzte von Atjeh ein Jahr lang in der »Linie« dienen mussten, überraschte mich diese Transferirung keineswegs, und meine Frau bekam die Gelegenheit, zum ersten Male Auction unserer Einrichtung halten zu müssen. Wir bekamen ja in Lambaro nur ein einziges Zimmer, das nur 3½ auf 4 Meter grosswar, zu unserem Gebrauche angewiesen. Der Ertrag der Auction war nicht gross (355 Fl. 50 Ct.), und mit Thränen in den Augen nahm meine Frau von den Möbeln Abschied, welche nur ein einziges Jahr in unserem Besitze gewesen waren. In Holland hatte sie beinahe ⅕ Jahrhundert lang in demselben Sessel geträumt, in demselben Bett geschlafen, an demselben Schreibtische ihren Freundinnen ihre Herzensfreuden und -leiden mitgetheilt, und hier an den Ufern des Atjehstromes musste sie schon nach einem Jahre ihre kaum liebgewordenen Kasten, Tische, Sessel u. s. w. verlassen und hatte nebstdem beinahe gar keine Hoffnung, auch in Zukunft jemals ein festes und trautes Heim sich gründen zu können, d. h. Jahrzehntelang sich des Besitzes ein und derselben styl- und geschmackvollen Einrichtung erfreuen zu können. Der Officier der indischen Armee hat ja ein Zigeunerleben; er ist ein Bohême, der heute — ich spreche nur von Friedensgarnisonen — auf einem der Küstenplätze des indischen Archipels in seinem »Hause« sich mit dem ganzen Luxus der europäischen Civilisation umgeben kann, um sich schon ein Jahr später mit einer sehr bescheidenen Wohnungseinrichtung begnügen zu müssen und vielleicht schon nach einigen Monaten sich auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse des alltäglichen Lebens zu beschränken.
Atjeh war ja auch eine Friedensgarnison de nomine, und als wir am 15. August nach einer Fahrt von ½ Stunde mit der Dampftramway in Lambaro eintrafen, bekamen wir von meinem Collegen, den ich ablösen sollte, eine ganz eigenthümliche Illustrirung des Begriffes: Friedensgarnison.
Das Fort bestand aus zwei Theilen: Die Caserne für die Truppen, die Cantine, die Wohnungen der Officiere, das Marodenzimmer und das Pulvermagazin waren von 3½ Meter hohen Palissaden in Quadratform eingeschlossen, während die »Häuser« des Liniencommandanten und der Officiere des »kleinen Stabes« im Westen des Forts nur durch ein eisernes Gitter gegen einen Ueberfall der Atjeer geschützt waren.
Zu dem »kleinen Stabe« gehörten der Adjutant des Bataillons, der Garnisondoctor und der Bezahlmeister.
Der Liniencommandant bewohnte ein eigenes Haus, während diese drei genannten Officiere ihre Wohnungen in einem langen Gebäude hatten, welches durch zwei Zwischenwände in drei »Häuser« getheilt war. Das Haus des Garnisondoctors nahm die Mitte desGebäudes ein und bestand aus zwei Zimmern mit einer vorderen und einer hinteren Veranda. Die erstere hat durch das Gitter des eisernen Geheges die Aussicht auf die Ceinturebahn und auf ein Blockhaus, welches 1000 Meter von Lambaro entfernt war. Die Schilderhäuser bewachten zwar das umliegende Terrain, so dass bei Tage man ungefährdet in dieser Veranda sitzen konnte. Im Dunkel der Nacht war jedoch die hier brennende Petroleumlampe für die schiesslustigen Atjeer geradezu eine hellerleuchtete Scheibe, welche so häufig das Ziel ihrer Schiessübungen wurde, dass mein Vorgänger nur selten Abends in der Veranda sitzen konnte; ja noch mehr; sobald in seinem Hause die Lampen angezündet wurden, bedeckte er die hintere Wand seiner Veranda mit Matratzen, um die durchrasenden Kugeln der Atjeer unschädlich zu machen.
Auch erzählte er, dass er eines Abends mit einigen Officieren an dem L’hombretische sass und ein »Solo« verlor, weil ihm eine durchfliegende Kugel das Pique As aus der Hand geschossen hatte. Hierauf erklärte meine Frau ganz einfach, diese Wohnung nicht beziehen zu wollen, um so weniger, weil in dem durch Palissaden geschützten Fort eine Wohnung leer stände. Ce que femme veut, Dieu le veut; ich legte dem »Liniencommandanten« die kategorische Erklärung meiner Frau vor und, etwas von Pantoffelheld murmelnd, gab dieser gute Mann die Einwilligung, die vonMevrouw Doctorgewünschte Wohnung von mir bewohnen zu lassen. Diese lag in der Mitte eines langen hölzernen Hauses (mit einem Dach aus galvanisirtem Eisen) ohne Stockwerk. Die mir zugewiesene Wohnung bestand aus einem Zimmer von 3½ Meter Länge und 4 Meter Breite; ein 1 Meter breiter Gang führte von der vorderen zur hinteren Veranda; dies war alles; die vordere Veranda (Fig. 16) war unser Empfangszimmer und die hintere unser »Tagverbleib«. Beide waren nicht tiefer als 1½ Meter und hatten eine Länge von 4 Meter. Vor uns war ein Platz mit einem Baum in der Mitte und im Hintergrunde (15 Meter weit) die Caserne. Zur Linken standen das Bureau des Compagniecommandanten und die »inwendige« Cantine. Von der hinteren Veranda sahen wir auf unsere »Nebengebäude«: Küche, Abort und Badezimmer. Von unseren beiden Nachbarn waren wir durch eine Bretterwand getrennt. Da wir voraussichtlich ein Jahr in diesem Käfig wohnen mussten, machte ihn meine Frau so viel als möglich comfortabel. Die vordere Veranda bekam einen kleinen runden Tisch mit 6, sage sechs Sesseln.Waren alle besetzt, mussten die Besucher an der vorderen Seite sehr ruhig und vorsichtig sitzen bleiben; sonst wären sie über den Rand der Veranda gefallen, welche ungefähr 50 cm. über dem Boden lag. Sie lag gegenüber der südwestlichen Front der Palissaden, welche den Weg und Damm nach Anagalong bestrich. Dort lag beinahe das ganze Jahr der Feind und schoss auf das Fort. In der Regel gingen die Kugeln über das Fort hinweg. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in diesem Fort, also während eines Jahres, niemand im Fort getroffen. Wurde das Schiessen zu stark, flüchtete sich meine Frau in die hintere Veranda und schützte sich den Rücken durch Aufhängen der Matratzen aus den Betten. Dreimal hat während dieser Zeit das feindliche Blei unsere Wohnung getroffen; das erste Mal schlug es in die vordere Veranda ohne jemand zu verletzen. Die zweite Kugel streifte so schwach die Köchin, dass sie schreiend und weinend in die vordere Veranda zu mir mit den Worten lief: Kòkki mâti = die Köchin stirbt. Nur der Sarong war durch den Streifschuss versengt. Die dritte Kugel — wurde eine Atjehsche Berühmtheit. Eines Tages erschütterte ein gewaltiger Schlag das Dach des Hauses; ich sah über meiner Küche ein grosses Loch im eisernen Dach. Wir suchten überall die Kugel, welche hier herabgefallen sein musste; wir fanden sie nirgends. Bei der »Rysttafel« wurde das faschirte Fleisch auf den Tisch gebracht und der erste Schnitt traf — die gesuchte Kugel. Lange Zeit behielt meine Frau den Namen: die Dame mit der Kugel im »Fricadel«.
Rings um die Palissade lief ein Laufgraben mit diversen »Chicanen«, welche von dem wuchernden Grase bedeckt waren; sie bestanden aus einem Drahtnetze und grossen Stiften aus Eichenholz, welche mit der oberen Spitze schief nach aussen standen; hinter diesen war ein kleiner Damm, auf welchem in gemessener Entfernung Laternenpfähle standen. Vor Sonnenuntergang ging ein Sträfling hinaus, um die Laternen anzuzünden; eine Patrouille von 4 Mann begleitete ihn auf dem Banket. Beinahe ohne Ausnahme wurde täglich der Sträfling beschossen, und die Patrouille feuerte vom Banket aus zurück; aber nur einmal wurde dieser wackere Missethäter verwundet. Noch zwei Opfer hatte ich während dieses Jahres zu behandeln, welche auf diese Weise durch feindliche Kugeln getroffen wurden. Vor Sonnenaufgang beschossen die Atjeer ebenfalls den Sträfling, welcher unter gleichen Vorsichtsmaassregeln die Lampen auslöschenging. Eine Kugel flog eines Tages über das Fort hinweg und traf eine Frau, welche zum nahen Flusse gegangen war, um zu baden. Das dritte Opfer war ein Soldat, welcher im hohen Schilderhaus Wache hielt. Dieses stand zwischen dem Stationsgebäude und der grossen Cantine vor dem chinesischen Viertel. So ein »hohes Schilderhaus« (Fig. 17) steht auf vier Pfählen von ± vier Metern und wird auf einer Seite von den Soldaten bestiegen. Bei Nacht wird die Leiter von der Schildwache zu sich hinaufgezogen, nachdem die »Kosakenwacht« sich eingestellt hat. Diese besteht aus drei bis vier Mann, von denen nur Einer Wache hält, während die Anderen schlafen. Natürlich ist auch die nächste Umgebung dieses Postens erleuchtet, um zu verhindern, dass ein Feind sich heranschleiche, auf den Pfählen hinaufklettere und in einem »Klewanganfalle« Alle ermorde. In diesem Schilderhause wurde zufällig ein Soldat verwundet.
Die Liniencommandanten, welche abwechselnd in diesen Forts das Commando führten, hatten ganz verschiedene Ansichten, wie sie sich gegenüber diesen Schiessübungen der Atjeer verhalten sollten. Mein Commandant, der Oberst X., huldigte dem Principe, die Atjeer in ihrem Vergnügen nicht zu stören. Sie lagen ja in einem Laufgraben, welcher 600 Schritt weit entfernt war; wer von ihnen zu Hause nichts zu thun hatte, zog nach dem Laufgraben und schoss auf’s Fort. Rückte in früherer Zeit eine Patrouille aus, um diese Ruhestörer unschädlich zu machen, liefen sie davon, feuerten einige Kugeln in die Patrouille, trafen hin und wieder einen Soldaten; sie selbst jedoch wurden niemals erreicht, weil die Patrouille sich nicht zu weit von »der Linie« entfernen durfte, um sich den Rücken gedeckt zu halten.
Am meisten von allen Forts wurde das benachbarte Siroen beschossen, welches am linken Ufer des Atjehflusses lag und thatsächlich jahraus, jahrein täglich dem Feuer der Atjeer ausgesetzt war; aber auch in diesem Fort wurde während meiner Dienstzeit im Fort Niemand verwundet. Ich muss jedoch von Schüssen Erwähnung thun, welche wirklich einen interessanten Lauf nahmen. Lieutenant Y. war der Commandant von Sirun; einmal näherten sich in der Nacht die Feinde so stark dem Fort, dass die Schildwacht Alarm schlug und Lieutenant Y. aus seinem Bette hinauseilte, um die nöthigen Maassregeln zu treffen. Er liess seine Leute antreten, und einige Salvenfeuer trieben die Leute in respectvolleEntfernung. Auch die Schildwache unseres Forts hatte an den Flammen der Gewehre ihr Vorrücken bemerkt; auch sie schlug Alarm, und der Artillerieofficier feuerte auf Befehl des Liniencommandanten einige Kartätschen in die angegebene Richtung ab. Endlich war das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht; Lieutenant Y. kehrte in sein Schlafzimmer zurück, und eine Kugel hatte in seiner Abwesenheit — das Kopfpolster zerfetzt!
Einen ähnlichen günstigen Zufall erfuhr auch mein Nachbar, Lieutenant X. Er sass eines Tages in der Veranda der Cantine, sein »Bitterchen« zu trinken, und war mit einem Kameraden im eifrigen Gespräche über den sonderbaren Weg, welchen oft Kugeln unter dem Einflusse verschiedener Muskelbewegungen im Körper nehmen können, so dass es sehr oft unmöglich sei, aus dem Orte der Eingangs- und Ausgangsöffnung auf die Richtung des Wundcanals oder auf den Ort des Schützen einen Schluss zu ziehen. In dem Augenblicke, dass er sich über den Tisch beugte, um ein Stück Kreide in die Hand zu nehmen, sauste eine feindliche Kugel zwischen seinem Rücken und der grossen Lehne des Sessels hindurch und zerschmetterte die seitliche Lehne.
Der Dienst während meines Aufenthaltes in Lambaro war mitunter anstrengend, in der Regel jedoch forderte er nicht viel Mühe oder Arbeit. Reglementär musste ich zweimal in der Woche nach den Forts Lampörömey und Tjot Iri in der östlichen Richtung der Ceinturebahn und zweimal nach Lamrö-eng (im Westen) gehen, um dort die petites misères der Garnison zu behandeln und die Soldaten auf gewisse Haut- und andere ansteckende Krankheiten zu untersuchen. Natürlich geschah es oft genug, dass eine Verwundung oder plötzliche Erkrankung aus einem dieser drei Forts telephonisch dem Liniencommandanten gemeldet wurde; dann wurde ich davon verständigt, mit einer Patrouille von 40 Mann unter Commando eines Lieutenants dahin zu gehen, wenn nicht zufällig die Eisenbahn benutzt werden konnte, welche zweimal des Tages Lambaro passirte.
Am unangenehmsten war der Marsch nach Lampörömey in nächtlicher Stunde. In der Nähe der Cantine machte nämlich die Eisenbahn eine starke Krümmung nach dem Osten und zwar durch ein Gebüsch, so dass weder von Lambaro noch von Lampörömey die Patrouille gesehen werden konnte. Spione umgaben ja immer unser Fort, und durch diese musste ja mein Marsch den »feindlichen« Atjeern bekannt werden; sie konnten natürlich bis zu meiner Rückkehrsich hier versammeln und unter dem Schutze der Nacht und des Gesträuches uns überfallen. Dieses ist gerade bei Nacht niemals geschehen. Nur einmal wurde ich beim Eintritt in diesen kleinen Wald mit Kugeln aus Lîlahs[73]beschossen, welche jedoch 20–30 Meter vor uns niederfielen und daher niemanden trafen.
Im Ganzen wurde ich nur neunmal für aussergewöhnliche Fälle während dieser Jahresfrist nach den erwähnten Forts gerufen und musste entweder im Fort selbst oder auf offenem Felde (dann unter Deckung von 40 Mann) meine ärztliche Hülfe leisten. Wenn in jüngster Zeit die Campierpfähle den Militärärzten warm empfohlen werden, so kann ich in den Hymnus nicht einstimmen; sie sind nur für die Manöver, und dann allerdings von grossem Werthe. Es ist richtig, dass die Behandlung auf offenem Felde sehr lästig und beschwerlich ist; wenn aber aus grosser Entfernung die Kugeln das Operationsfeld bestreichen, dann ist es ein Gebot der Nothwendigkeit, so wenig als möglich über den Boden erhoben zu sein. Im Manöver wird man allerdings von den Kugeln nicht bedroht und für diesen Fall kann ich das Anschaffen derselben auch der indischen Armee empfehlen, weil sie nicht einmal von der Verwaltung angeschafft werden müssten, sondern leicht improvisirt werden können. Bambus oder Holz sind ja überall bei der Hand; es werden also vier Stöcke von einer Höhe von 1–1½ Meter in die Erde in passender Entfernung gestossen. Jeder Soldat hat ja die »Sprei« bei sich d. h. eine Decke aus Barchent oder Molton. Sie wird als Nothbehelf und häufig genug zum Transport von Kranken verwendet, wenn keine Tragbahre bei der Hand ist. In Atjeh trägt jeder Soldat, auch wenn er den Tornister zu Hause lässt, diese Decke um die Schultern geschlagen bei sich. Diese »Sprei« wird also auf diese vier Stöcke befestigt, und der Arzt kann stehend die etwaigen Untersuchungen und nothwendigen Eingriffe vornehmen. Aber, wie gesagt, für den Kriegsschauplatz kann ich sie nicht empfehlen.
Zahlreiche Episoden aus dieser Zeit haben in unseren Aufenthalt in diesem Fort oder, wie es meine Frau nannte, in diesem »cellulären Gefängnisse« wirklich interessante Abwechslungen gebracht.
Fig. 20. Ein Haröbab-Orchester.(Vide Seite 157.166.)
Fig. 20. Ein Haröbab-Orchester.
(Vide Seite 157.166.)
Eines Tages begossen die Atjeer von der Südseite aus den umgebenden Wall mit Petroleum und steckten es in Brand; unterdem Schutze dieser ungeheueren Rauchmassen hatten sie sich bis auf hundert Schritte genähert und uns mit einem Meer von Kugeln überschüttet. Der damalige Liniencommandant, Major Pompe von Meerdervort, verlor keinen Augenblick seine olympische Ruhe und Geistesgegenwart. Das Feuer wurde gelöscht und niemand verwundet.
Weniger Ruhe zeigte im folgenden Vorfalle der Liniencommandant X., welcher ein guter, braver Mann, ein zärtlicher Ehemann war und dennoch im Eifer des ersten Augenblickes eine Härte zeigte, welche ihm sonst fremd war und nur ein warnendes Beispiel ist, wie der Krieg selbst ein edles Männerherz sich verleugnen lässt.
Am 10. Juli circa um 12½ Uhr Mittags alarmirte die Schildwache das Fort mit dem Rufe: »Ein Deserteur«. Wir eilten sofort auf das Banket und sahen thatsächlich einen europäischen Soldatenaufdem Damme ruhigen und gelassenen Schrittes den Weg nach Anagalong nehmen. Der Oberst X. befahl sofort 10 Mann mit dem Gewehr anzutreten, liess ihn dreimal anrufen, und als er demungeachtet, als ob er nichts hörte und sah, wie in Gedanken versunken, ohne den Schritt zu beschleunigen oder Deckung hinter dem Damm zu suchen, weiter ging, gab Oberst X. das Commando Feuer, und sofort fiel er von dem Damm in den Graben.
Jetzt erst liess Oberst X. eine kleine Patrouille ausrücken, welche gedeckt durch die auf dem Bankete stehenden Truppen die Leiche des Deserteurs (?) ins Fort bringen sollte. Der ganze Vorgang spielte sich so rasch ab und musste sich nothwendiger Weise so rasch abspielen, dass die Erkenntniss erst später sich einstellen konnte, dass dieser Soldat — er kam aus der Cantine — gar keine Absicht hatte, zu desertiren, oder wenigstens seines Thuns sich nicht bewusst war, dass er wahrscheinlich betrunken den Weg statt ins Fort, hinter dem Fort auf dem Damme weiterschritt, ohne zu wissen oder daran zu denken, dass er sich auf dem Wege in das Feindesland befand; hätte er die böse Absicht gehabt, zu desertiren, so hätte er nicht zur Ausführung seines Planes die Mittagsstunde gewählt, in welcher er von der Schildwache gesehen werden musste; er wäre nichtaufdem Walle, sondernhinterdem Walle unsichtbar für Jeden gegangen, und er hätte wenigstens in dem Augenblicke, als ihm der Zuruf die Entdeckung seines Verrathes bewies, im Laufgraben Schutz vor den Kugeln der Soldaten gesucht. Alle diese Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, als ich auf dem Banketdiesen Vorgang sich abspielen sah. Wenn ich bedauerte, dass keiner der übrigen Officiere meine Ansicht acceptiren wollte oder es wagte, gegen das Commando des Oberst X. Einspruch zu erheben, und wenn ich dieses Opfer des Alcohol-Teufels beklagte, so wurde noch mehr das Menschlichkeitsgefühl späterhin in mir verletzt. Die Patrouille brachte den Deserteur (??) bei den Füssen ins Fort, und sein Kopf sprang wie eine elastische Kugel über den unebenen Boden, obzwar er noch lebte!! Unterdessen hatte ich mich mit einem Krankenwärter bei dem Thore eingestellt, um ihn in Empfang zu nehmen. Endlich liess Oberst X. den Soldaten in das Marodenzimmer bringen. Hier auf meinem Terrain war ernurder unglückliche Kranke, für den die ärztliche Hülfe zu spät kam. Er lebte noch zwei Stunden, ohne das Bewusstsein wieder erhalten zu haben.EineKugel war unter dem linken Rippenbogen eingedrungen, hatte die vergrösserte Milz durchbohrt und bei der Wirbelsäule den Körper verlassen.
Der Kriegszustand untergräbt bekanntermaassen keineswegs den Humor eines guten Soldaten. Den 19. Februar wurde im Fort der Geburtstag des Königs von Holland gefeiert.
Hauptmann X. war sehr gern freigebig; als ich z. B. den 31. August um 8¼ Uhr des Abends nach Tjot-Iri gerufen wurde und um 4 Uhr früh zurückkam, hatte er von seiner Frau ein completes Souper für mich bereiten lassen! Er war für die Soldaten seiner Compagnie mehr als der »Vater der Compagnie«, er war eine Grossmutter, die ihren Enkeln nicht genug Leckereien bieten kann; thatsächlich hatten die Truppen in Lambaro unter seinem Commando ein besseres Frühstück als — seine Officiere. Die böse (?) Welt behauptete sogar, dass der Hauptmann X. aus seinem Privatvermögen so manches »gouden Tientje« (10 Guldenstück aus Gold) zur Soldatenmenage beigesteuert hätte. In der Regel ist diese Freigebigkeit überflüssig, weil die Portionssätze in Atjeh so reichlich bemessen sind, dass ein Theil derselben zum Vortheile der Soldatenmenage (an die Officiere) verkauft werden kann; nebstdem erhält diese einen geregelten Zuschuss aus dem Ertrage der Kugeln und Hülsen, welche nach dem Scheibenschiessen, ja selbst oft im Ernstfalle nach Abgabe einiger Salven von den Soldaten gesammelt und gegen eine reglementär festgestellte Entschädigung in die Kriegsmagazine eingeliefert werden.
Der europäische Soldat erhält z. B. fünfmal in der Woche 400 gr. Reis; für 50 Soldaten sind dies 20 Kilo, welche niemals aufgegessen werden; beinahe jeder Compagniecommandant verkauft daher an seine Officiere den überflüssigen Reis gewöhnlich um denselben Preis, als der Lieferant ihm in Rechnung bringt. Jeder Soldat erhält täglich 30 Gramm Kaffee; bei einer geschickten Manipulation haben 150 Mann (dies ist der I. Stand einer Compagnie) niemals 4½ Kilo für ihr Frühstück nöthig. Brandholz wird gewöhnlich gar nicht in Empfang genommen; d. h. der Compagnie-Commandant lässt sich von dem Lieferanten den Geldbetrag ausbezahlen und seine Soldaten in den freien Stunden Holz aus dem benachbarten Walde holen. (Jeder Soldat erhält pro Tag 0.003 M3Holz.) Diese Nebeneinkünfte der Soldatenmenage sind in der Regel mehr als hinreichend, um den Soldaten ein schmackhaftes Essen mit reichlicher Abwechslung zu bieten. Ja noch mehr; wenn ich mich an einem Teller Erbsensuppe delectiren wollte, liess ich sie mir aus der Soldatenmenage holen; bei Privatleuten wird sie niemals so schmackhaft als in der Caserne bereitet. Capitän X. setzte aber einen Stolz darein,seinenSoldaten die beste Menage von ganz Atjeh zu besorgen, und dieser Mann nahm es auf sich, am 19. Februar 1888 den Geburtstag des damaligen Königs von Holland im Fort Lambaro durch eine echte veritable Kirmes feiern zu lassen. Ehre, dem Ehre gebührt. Es war wirklich ein schönes Fest, welches nebstdem den Beweis brachte, dass die Gefahren des Krieges einem tüchtigen Soldaten für keinen Augenblick den guten Humor rauben.
Es war eine wohlgelungene Parodie auf einen holländischen Kirmestag; hier sah man den Beri-Beri-Bacillus von Professor Pekelharing (welcher damals in Atjeh weilte); ein Bambusrohr stellte den Tubus eines Mikroskopes, und ein Streichhölzchen den gefundenen Bacillus dar; ein Wachsfigurencabinet, in welchem z. B. Dornröschen, von einem bartlosen Corporal dargestellt, mit Blumen und Kränzen geschmückt, in einem Bette mit einem Mosquitonetz lag; die »Hyäne von Amersfoort« (einem Dorfe bei Utrecht) war mein »Babi« (Fig. 16), ein kahles Windspiel aus Mexiko, welches nur auf dem Kopfe und auf der Spitze des Schweifes einige Haare hatte. Den grössten Zuspruch hatte jedoch die friesische Waffelbäckerei. Ein junger Trompeter hatte sich die ganze Toilette einer Friesin zu verschaffen gewusst und buk den ganzen Vormittagveritable Waffeln und »Poffertjes«. Weisse Hühner waren blau oder feuerroth gefärbt und sassen auf dunkelvioletten Eiern und waren antidiluvianische Hühner aus der Fingalshöhle u. s. w. Mit dem Mittagszug kam eine halbe Capelle aus Kuta radja, und um 9 Uhr schloss ein schöner Zapfenstreich den wirklich fröhlichen und gemüthlichen Festtag.
Wie ich schon erwähnt habe, lag das Fort Sirun in unserer nächsten Nähe, war jedoch von der Ceinturebahn mehr als 2 Km. entfernt, bei günstiger Windrichtung hörten wir selbst alle Signale, welche im Laufe des Tages gegeben wurden. Zwischen diesen beiden Forts lief ein Damm mit einem Laufgraben an der Nordseite; die dem Fort gegenüberliegenden Kampongs waren von wahren Irridentisten bewohnt, und beinahe den ganzen Tag und oft genug auch ganze Nächte lauerten die feindlichen Bewohner vor dem Fort und hielten dort ihre Schiessübungen. Wurde das Schiessen zu stark, verständigte der Commandant des Forts den Liniencommandant per Telephon, und es wurden von unserm Fort aus einige Kartätschen in die angegebene Richtung geworfen; gewöhnlich aber liess auch der Commandant von Sirun den Atjeern ihre Freude und störte sie nicht in ihren Schiessübungen; aber »Sicherheit, das wisst ihr lange, führt die Menschen zum Untergange«. Der Laufgraben neben dem Damme, welcher nach Sirun führte, war gewöhnlich durch den Regen aufgeweicht, und nur ungern marschirten die Soldaten in diesem; auf dem Damme waren sie aber den feindlichen Kugeln blossgestellt.
Am 2. Januar 1888 wurde ein europäischer Sergeant von Sirun abgelöst und ging unter dem Geleite einer Patrouille unter dem Commando eines javanischen Sergeanten nach Lambaro, um von dort aus per Eisenbahn nach Kuta radja zu fahren; um sich weder den feindlichen Kugeln auszusetzen, noch den Weg durch den schmutzigen Laufgraben zu nehmen, marschirten sie durch das Zuckerrohrfeld und durch den befreundeten (?) Kampong Sirun, welcher zwischen Sirun und Lambaro lag. 4 Uhr Nachmittags befand ich mich im Badezimmer, als plötzlich das Signal: der Doctor! zu meinen Ohren drang; in meiner indischen Haustoilette eilte ich sofort ins Spital, der Bediente brachte mir noch den Helmhut und den Uniformrock, und in zwei Minuten stand ich mit der Ambulanz beim nördlichen Eingang, wo 40 Mann unter dem Commando einesLieutenants auf mich warteten. In wenigen Minuten hatten wir (im Laufschritt) die Unglücksstätte erreicht. Von 15 Mann waren 5 unter einem Klewang-Anfall einer kleinen Truppe Atjeers zu Boden gefallen, 2 waren todt und 3 schwer verwundet. Der Patrouillencommandant, der eingeborene Sergeant Singodjojo, hatte nicht weniger als 6 (!) Wunden und — kam mit dem Leben davon! Auf dem Scheitel, auf dem Hinterkopf, unter dem linken Schulterblatte und am linken Vorderarm hatte er grosse klaffende Hautwunden, das rechte Knie war durchgeschlagen, so dass der Unterschenkel nur auf dem Fleischlappen der Kniekehle hing, und nebstdem hatte er einen Lanzenstich unter dem Herzen erhalten.
Zwei Tage später schickte ich diese Patienten nach Kuta radja; unter Deckung von einer kleinen Patrouille wurden sie zum Bahnhof gebracht, welcher ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt war; die feindlichen Atjeer hatten offenbar durch ihre Spione schon früher Nachricht erhalten; denn auf dem Wege zur Station überschütteten sie uns mit einem Kugelregen, ohne jedoch jemanden zu treffen; dies war wirklich ein besonderer Zufall, denn die Kugeln schlugen vor mir und hinter mir in den Sand.
Zwei Tage später (den 6. Januar) war ich geradezu die Scheibe, auf welche die Feinde ihre Schiessübungen hielten.
Der Thierarzt Schilstra war nach Sirun gegangen, um das erkrankte Pferd des Commandanten zu behandeln. Auf seinem Rückwege richteten die Feinde das Feuer auf ihn resp. auf die Patrouille, welche ihn deckte, und ein Schuss traf den europäischen Infanteristen Kaufmann ins Schienbein; er fiel nieder, und während der Trompeter durch das Signal: der Doctor! mich zur Hülfe rief, legte sich die Truppe in den Laufgraben nieder und erwiderte das Feuer; als ich mit der Ambulanz erschien, da begann das Schiessen mit erneuerter Wuth; die ganze Ambulanz bestand nur aus vier Mann; ich hatte nur einen Krankenwärter und zwei Sträflinge zum Transport der Verwundeten mitgenommen; aber wir gingen auf dem Damme, und die übrigen lagen im Laufgraben und gaben von Zeit zu Zeit eine Salve auf den Feind. Ich verband den Unglücklichen »unter dem Feuer des Feindes«, und noch heute frage ich mich, woher ich soviel Muth (??) damals nahm; ohne Deckung ging ich dem feindlichen Kugelregen entgegen, und unter einem Kugelregen behandelte ich meinen Verwundeten, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern; nun, ich wiederhole es, das Pflichtgefühl war derMotor, und der Muth, feindlichen Kugeln zu trotzen, ist nichts anderes als in die Praxis umgesetztes Pflichtgefühl, welches in rebus militaribus durch die Disciplin, durch den Drill und durch die Dressur zur Bethätigung erzwungen werden kann.
Ich hatte damals an mir selbst oft genug Gelegenheit, dieses zu beobachten.
Eines Tages z. B. ging ich (mit 40 Mann) auf dem Damm nach Lamrö-eng. Unterwegs gesellte sich zu mir der Liniencommandant Major Pompe van Meerdervort mit seinem Adjutanten. Beide waren zu Pferde. Auf einmal fingen die Atjeer an, auf uns zu schiessen. Der Major und sein Adjutant und die Patrouille unter dem Commando eines Lieutenants liessen sich dadurch nicht im geringsten in ihrem gewöhnlichen Schritte stören; dadurch fühlte auch ich mich nicht im geringsten beunruhigt und schritt mit den beiden Officieren, ohne auch nur unser Gespräch zu unterbrechen. Endlich frug mich der Liniencommandant spöttisch: Warum gehen Sie nicht in den Laufgraben? »Wenn Sie es, Herr Major! nicht thun, obwohl Sie hoch zu Ross sitzen,« antwortete ich, »besteht für mich noch weniger Ursache, um mein Leben besorgt zu sein.« Als aber die Schüsse immer zahlreicher und zahlreicher wurden und sogar eine ganze Salve über unsere Häupter hinwegflog und zu gleicher Zeit aus dem Fort Lamrö-eng eine Kartätsche auf die Atjeer abgefeuert wurde, gab er endlich den Befehl: »rechtsum in den Laufgraben« und — die ganze Truppe folgte wie eine Heerde Schafe dem Beispiel des Leithammels. Wenn ich auch heute über den Vorfall ganz anders als damals urtheile, weil ich es heute für eine überflüssige Waghalserei oder ein ruchloses Blossstellen von 40 Mann halte, so kann ich doch seinen pädogogischen Werth nicht verkennen. Wenn Major Pompe mir mittheilte, er habe dies gethan, um den Atjeern zu zeigen, dass der Europäer Muth habe, so hat er eben stillschweigend das pädagogische Moment eines solchen Vorfalles hervorgehoben. Wenn aber dadurch einige Soldaten verwundet oder sogar gefallen wären?! A la guerre comme à la guerre wäre wahrscheinlich die Antwort gewesen. Ich nahm während des weiteren Gespräches Anlass, den Major darauf aufmerksam zu machen, dass man in Europa die Arbeit der Militärärzte geradezu unterschätze. Wenigstens Deutschland und Oesterreich haben bis jetzt in diesen nur Officiere zweiten Ranges gesehen; diese Staaten gaben ihnen bis jetzt noch nicht die Feldbinde, und viele militärische Auszeichnungenwerden ihnen vorenthalten; nichts ist unbilliger als dieses. Die moderne Kriegswissenschaft ist in ihrem Principe ebenso auf die Leistung des todten als auf die des lebenden Materials angewiesen; die Militärhygiene ist also ein bedeutender Theil der Kriegswissenschaft, und ihre Vertreter — die Militärärzte — sind schon aus diesem Grunde ein gleichwerthiger Theil des Heerwesens. Häufig genug wird der Unterschied zwischen combattanten und nichtcombattanten Truppen zum Nachtheile der Militärärzte hervorgehoben; auch die einzelnen Theile der combattanten Truppen zeigen aus verschiedenen Ursachen eine oft weitgehende Rivalität untereinander. Die Artillerie, die Cavallerie und die Infanterie bestreiten oft genug gegenseitig ihre Vorzüge; aber gegenüber den Militärärzten zeigen sie eine rührende Harmonie. Alle combattanten Truppenofficiere sehen in diesen minderwerthige Officiere, weil sie nicht mit der Waffe in der Hand ihren Dienst verrichten, also keines persönlichen Muthes bedürfen sollten, der die Grundbedingung eines guten Soldaten sei. Dies ist eine ganz falsche Ansicht; der persönliche Muth ist für den Militärarzt noch mehr Grundbedingung seiner Existenz als für den Truppenofficier; die Kugeln wählen sich nicht ihre Opfer; die Gefahren des Aufmarsches, der Schlacht, des Rückzuges bedrohen den Militärarzt nicht weniger als den combattanten Officier; ja noch mehr; während die Kugeln um ihn pfeifen, muss er ruhigen Blutes dem Laufe des Kampfes folgen, dort eine zerrissene Ader aufsuchen, sonst verblutet das Opfer unter seinen Händen; hier muss er ein zerschmettertes Glied lege artis verbinden, sonst bleibt der Verwundete sein Leben lang ein Krüppel; der Truppenofficier schwingt während der Schlacht den Säbel, läuft, schiesst den Revolver ab, ruft mit lauter Stimme sein Commando, den Aufruhr in seinem Innern braucht er nicht zu dämpfen, er folgt seinem Impuls, sich und seine Soldaten zum Ziele zu führen und sein Leben zu vertheidigen. Der Arzt dagegen muss den Sturm in seiner Seele unterdrücken; er darf sein Leben nicht vertheidigen; er muss das Leben seiner Nächsten retten; er lässt die Kugeln um seine Ohren sausen, er denkt nicht an sein Leben — er muss ruhig bleiben;er ist muthiger, weil er nicht kämpfen darf, er ist tapferer, weil er nicht kämpfen kann, auch wenn das Schwert des Cavalleristen seinen Kopf, der Huf des Rosses seine Brust und die Kugel oder das Bajonett des Infanteristen seinen Leib zu zerschmettern drohen.
Meine Privatpraxis unter den Eingeborenen war unbedeutend und konnte auch nicht gross sein, weil der Verkehr der europäischen Beamten und Officiere sich nur auf dienstliche Angelegenheiten beschränkte und der Kleinhandel in Lambaro ganz in den Händen der Chinesen sich befand. Ihr Quartier befand sich ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt und wurde jede Nacht abgeschlossen; es war insoweit also ein Ghetto; aber einer grossen Sicherheit ihrer Person oder ihres beweglichen Vermögens erfreuten sie sich deswegen nicht; im Dunkel der Nacht konnten sehr leicht räuberische Ueberfälle von Seiten der »feindlichen Atjeer« stattfinden und selbst bedeutenden Erfolg haben, bevor aus dem Fort die nöthige Hülfe eintreffen konnte. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in Lambaro nur ein einziges Mal die Alarmglocke im chinesischen Viertel geläutet, und als die Hülfe beim Thore anlangte, berichtete der chinesische Häuptling, dass die Räuber bereits entflohen seien.
Es war ja auch nicht zu erwarten, dass aus politischer Ursache jemals die Chinesen von den Atjeern etwas zu fürchten hätten. Sie waren ja für die Eingeborenen des Landes geradezu unentbehrlich. Gestattete die Regierung den Export der Naturproducte, so waren die Chinesen die officiellen Agenten oder Exporteure. Glaubte die Regierung den Export verbieten zu müssen, so waren die Chinesen die heimlichen Exporteure und leiteten mit grosser Geschicklichkeit den Schmuggelhandel; zu allen Zeiten leisteten sie aber den Atjeern — ausgezeichnete Spionendienste. Natürlich war dieses der Regierung kein Geheimniss; aber es war ihr unmöglich, diesem mit Erfolg entgegenzutreten und — sie gebrauchte die Chinesen ebenfalls zu Spionendiensten. Solche Zustände sind nur dort möglich, wo die politischen Zustände keinen ausgesprochenen Charakter haben. Atjeh war in diesem Jahre unterworfen, der Kriegszustand war nach dem erzwungenen Abtritte des Generals van der Heyden officiell beendigt, Friede[74]war im Lande und nur gegen »vereinzelte isolirte Marodeure« musste hin und wieder die bewaffnete Macht einschreiten. So hatte es der Gouverneur Pruys van der Hoeven urbi et orbi verkündet; ja noch mehr; die Dictatur wurde der zielbewussten Leitung der militärischen Macht abgenommen und die oberste Leitung der civilen Macht anvertraut, welche durch »Polizeimänner«diese »kleinen unbedeutenden räuberischen Ueberfälle« unterdrücken wollte. Ein Fiasco war das Resultat dieser Politik und, wie schon erwähnt wurde, die »Concentration« des eroberten Gebietes hinter der »Linie« unter militärischem Commando musste diesen groben Fehler restauriren, ohne dass darum auch der Kriegszustand wieder officiell erklärt wurde.
Fig. 21. Ein atjeeischer Pflug.(Vide Seite 114.160.)
Fig. 21. Ein atjeeischer Pflug.
(Vide Seite 114.160.)
Die innerhalb der Linie befindlichen Kampongs gehören zu den »Freunden«; aber ihre »Freundschaft« (?) hinderte sie nicht, ihren Brüdern, welche sich ausserhalb der »Linie« befanden, im Geheimen ihre werkthätige Hülfe zu leisten; der Atjeer besitzt ja, wie mir ein atjeischer Häuptling mittheilte, »zwei Herzen«; er ist falsch und heimtückisch, und die traurigen Erfahrungen, welche die Regierung mit dem Bündniss des Tuku Umar machte, sind nicht vereinzelt. Sein listiger und heimtückischer Charakter zeichnet sich auch in seinen Zügen, und jedesmal wenn ich auf meinen Märschen einem dieser Männer begegnete, oder wenn ich in einem Kampong Halt machte, freute ich mich, 40 Mann hinter und neben mir zu haben.
Selbstbewusst, wenn nicht stolzen Hauptes traten sie uns entgegen in alten schmutzigen Hosen und kleinen Röckchen; das ordnungslose, lange, rabenschwarze glatte Haar wurde nur mühsam mit einem Kopftuche zusammengehalten; um die Hüften hatten sie ein Lendentuch (= idja pinggang), welches über dem Knie mit einem schiefen Rande endigte; in dem Gürtel steckte der Dolch (röntjong), und in seiner rechten Hand trägt er das lange Schwert (Klewang) ohne Scheide. Auffallend ist es, dass ihre Hose weit ist, d. h. kein Lendenstück hat, und dass sie dieser weiten Hose eine »sittliche« Berechtigung geben, gerade wie das Lendentuch mit mehr oder weniger Recht, ich möchte sagen ihre weitgehenden Keuschheitsgesetze in der Theorie demonstrirt — obschon (in der Praxis) die Päderastie zu ihren nationalen Lastern gehört.
In Atjeh selbst habe ich keinen Oberländer (orang tunòng) gesehen, welcher von des Bewohnern der Küste ein Bauer = Dorfbewohner = orang dusson gescholten wird, während jener als orang baròh den Ehrentitel banda = gebildet oder städtisch sich selbst giebt. Der »gebildete Mann« wie die gebildete Frau (orang banda) (Fig. 18) unterscheidet sich auch in der Kleidung von dem »ungebildeten Bauern«. Während meines Aufenthaltes in Seruway hatte ich Gelegenheit, hin und wieder einen solchen Oberländer zu sehen, undder Unterschied in den Hosen, dem Lendentuche und bei den Frauen in der Form der Kopfhaare ist auffallend.
Nur selten sieht man einen Oberländer mit einem kurzen Röckchen bekleidet; er gebraucht eine Art Slendang, welche er idja nennt und entweder über die Schulter oder um die Lenden trägt, oder mit welchen er den Kopf bedeckt, wenn er darauf eine Last transportirt. Der civilisirte »Niederländer« hat ein Röckchen mit langen Aermeln; in diesem Falle wird es in der Mitte von einem kegelförmigen goldenen Knopf (doma) geschlossen, oder die Aermel reichen nur bis zum Ellbogengelenk, und dann sitzt dieser Knopf obenan. Auf dem Kopfe sitzt ein Fes (Kupiah genannt), welches die Form eines umgekehrten Blumentopfes hat und in der Mitte des Deckels mit einem Knopf aus Goldfäden oder Seide verziert ist.
Als Tuku Baïd uns in Lambaro besuchte, sah ich auf seinem Kupiah einen Knopf aus Gold mit grossen Diamanten umgeben.
Manchmal wird um das Kupiah ein Tuch als Tulband (Tangkuh) gewunden. Zur Strassentoilette gehört noch ein Sacktuch (??) (bungkoëh ranub = zusammengelegtes Tuch), in welchem Kleinigkeiten aufbewahrt werden; am häufigsten sah ich Schlüssel daran hängen und das Material für Sirihkauen darin eingewickelt.
Die Toilette der Frauen unterscheidet sofort die Bäuerin aus dem Gebirge und die »gebildete« Grossstädterin. Beide tragen dieselben Hosen und ein Lendentuch wie die Männer; die Frauen an der Küste haben beide Kleider bis zu den Füssen, wollen sie modern gekleidet sein, und die Aermel von ihrem Röckchen (badjè) sind weit und reich verziert, nebstdem tragen sie zwei Slendangs, wovon der eine den Kopf umhüllt, während die Bäuerin des Gebirges sich mit einem Slendang (um die Schulter) begnügt. Die Haare verrathen auch durch die Art und Weise des Knotens die Abstammung der Trägerin. An der Küste ist dieser Knoten in der Form »eines chinesischen Fächers« (= mökipaih Tjina) in der Mitte des Kopfes angebracht; d. h. vielleicht sollte der Haarknoten diese Form annehmen; was ich sah, war mehr zwei Füllhörnern ähnlich. Die Bäuerin im Gebirge will ihrem Zopfe die Form eines Pferdepenis (= mubòh guda) geben, ohne aber mehr als ein wurstförmiges Gebilde zu zeigen, welches entweder zur Seite oder hinten im Nacken herabhing.
Armbänder, Fussbänder, Gürtel, Ringe, Colliers besitzen die reichen Frauen, ebenso tragen sie grossen und schönen Ohrenschmuckund zahlreiche Haarnadeln in den Haaren. Ich oder vielmehr meine Frau besitzt ein Paar Schnallen, welche ursprünglich eine Kette schlossen; diese wird wie von wahren Modedamen um die Hüfte getragen; sie heisst Taloè Kiieng und wird sehr oft auf dem nackten Leib, aber noch öfter über dem Lendentuch getragen.
Ein Jahr lebte ich im Fort Lambaro, und während dieser Zeit hatten sich im Ganzen 6 Atjeer meiner ärztlichen Behandlung anvertraut. Es waren natürlich nur chirurgische Fälle; bei internen Krankheiten wendet sich überhaupt nicht leicht ein Atjeer an einen europäischen Arzt, gerade so wie die grosse Masse des javanischen Volkes noch heutzutage sich lieber von den eigenen »Dukuns« als von einem europäischen Arzt behandeln lässt, der ihre Entstehungsweise der Krankheiten durch Geister, Gespenster (Sundal bolong) u. s. w. nicht kennt und daher in seiner Behandlungsweise mit diesem Factor keine Rechnung hält, d. h. alle Formen der zahlreichen Gelübde unberücksichtigt lässt.
Midin, einer dieser Patienten, zeigte sich selbst dankbar für meine ärztliche Behandlung. Ich erhielt von ihm ein Stück — Zuckerrohr.
Ich hatte die Gewohnheit, täglich mit meiner Frau zwischen 5–6 Uhr vor dem Fort spazieren zu gehen, um wenigstens einmal des Tages meiner Frau die unentbehrliche körperliche Bewegung zu ermöglichen. Dieses war natürlich den Atjeern der umgebenden befreundeten Kampongs bekannt, und hier war es auch, wo wir uns in den wenigen Fällen, dass ein Atjeer oder eine Frau uns besuchen wollte, »zufällig« begegneten.
Eines Tages trat Midin mit seiner Frau auf uns zu und hielt in seiner Linken das lange Schwert ohne Scheide (den Klewang) und in der Rechten ein grosses Stück Zuckerrohr, welches er mir anbot. Seine Frau war der malaiischen Sprache nicht mächtig und zeigte durch ein freundliches Lächeln ihre wohlmeinende Gesinnung gegen uns, während ihr Mann das Zuckerrohr als Geschenk bezeichnete für die mit so grossem Erfolg geleitete Behandlung seines Blasenkatarrhs. Es war 5½ Uhr, wir hatten also noch eine halbe Stunde Zeit, bevor wir ins Fort zurückkehren mussten, und ich beschloss daher, mit Midin mich in ein Gespräch einzulassen, um etwas von den Musikinstrumenten zu erfahren, deren mitunter rührende Weisen sehr oft Abends und in der Nacht zu unseren Ohren drangen. Midinnannte mir den Namen seiner Frau: Putròë und fügte lächelnd die Uebersetzung in malaiischer Sprache: Putri = Prinzessin bei. Als ich ihm den Namen meiner Frau mit Margarete bezeichnete und ihm mittheilte, dass dieser Name ursprünglich Perle (Mutyâra im Malaiischen) bedeutete, wandte er sich gegen seine Frau und verdolmetschte ihre Antwort mit den Worten: Sâma djuga = ebensoviel, und beide stimmten ein lautes Lachen an. Die »Prinzessin« war eine hübsche, vielleicht sogar eine schöne Frau zu nennen. Sie trug, wie alle atjeeischen Frauen, eine Hose und darüber einen Sarong, welcher ungefähr bis zur Mitte der Waden reichte. Die Brust war mit einem Röckchen bekleidet und der Kopf war in einen Schleier eingewickelt, aus dem ein Paar schöne, in Filigran gearbeitete grosse goldene Haarnadeln mit herabhängendem Blumenschmuck hervorragten. Schwarze Augen, eine etwas platte Nase, ein ovales Gesicht, von Sirih gebräunte Zähne, üppige Lippen und stark entwickelte Augenbrauen zeigten uns in ihrem Totaleindrucke ein sympathisches Gesicht.
Bald fand ich Gelegenheit, das Gespräch auf die Concerte (?) zu lenken, welche ich im Fort so oft aus weiter Entfernung hören konnte, und frug ihn, ob ich die atjeeischen Musikinstrumente nicht sehen könnte. Sofort lud er mich ein, mit ihm in seinen Kampong (Sirun) zu gehen, wo er mir alle zeigen und erklären wolle. Dieses Anerbieten konnte ich leicht zurückweisen mit dem Befehl des Commandanten, nach 6 Uhr, d. h. nach Schluss des Thores, nicht ausserhalb des Forts zuzubringen, und versprach, ihn den anderen Tag aufzusuchen, d. h. wenn ich dazu nicht nur die Erlaubniss, sondern auch das Geleite von 40 Mann bekäme, weil, wie er ja wisse, zahlreiche Brandals (= Bösewichte) unser Fort und auch seinen Kampong täglich umschwärmten. Er zeigte sich durch dieses Misstrauensvotum in keiner Weise verletzt, und als das Signal des Thorschlusses uns zurückrief, versprach er, den andern Tag um 11 Uhr[75]alle Musikinstrumente in der Veranda seines Hauses auszustellen, und verliess uns.
Da ich vorschriftsgemäss dreimal in der Woche nach dem Fort Sirun gehen musste, bekam ich zur verabredeten Zeit vom militärischen Commandanten das Geleite von 40 Mann unter dem Commando eines Lieutenants und nebstdem die Erlaubniss, auf dem Rückwege mich im Kampong Sirun bei dem Häuptlinge eine Stunde aufzuhalten. Ich und Lieutenant X. betraten die Mönatah (Fig. 19), während die 40 Mann vor dem Eingange ihre Gewehre en haie aufstellten und mit den atjeeischen Frauen und Kindern sich in ein Gespräch einliessen, welches aber nicht recht in Fluss kam; die Soldaten sprachen nur malaiisch, und die atjeeische Sprache ist der malaiischen beinahe so verwandt, als die deutsche mit der holländischen oder dänischen Sprache. (Die mönatah ist das Logirhaus für alle Männer, welche sich zeitlich in einem Kampong ohne ihre Frauen aufhalten, und wird zugleich zu Berathschlagungen und zu öffentlichen Festen benutzt.)
Auf einem balé-balé (= Bank aus Rottanggeflecht) lagen zahlreiche Instrumente, und von jedem einzelnen gab mir Midin die Namen und Gebrauchsanweisungen an. Ich sah einige Flöten, welche er Bangsi und Suléng nannte. Beide waren aus Bambus gemacht; die Bangsi hatte auf der oberen Fläche sieben runde und ein viereckiges Loch und eine Oeffnung auf der unteren Fläche. Die Suléng hatte ebenfalls sieben Oeffnungen auf der oberen Seite; eines derselben war grösser als die übrigen sechs und wurde zum Blasen benützt, wobei der Künstler das Instrument quer vor den Mund hält; das ganze Instrument war mit kupfernen und silbernen Verzierungen versehen. Zahlreiche Rapasi = Tamburins lagen auf dem Boden. Aus seinem Sacktuche nahm er die Wa und die Pib-pib und die Genggong heraus, und theilte mir mit, dass es seine Spielzeuge aus seiner Jugendzeit seien; die Wa war nichts anderes als ein Reisrohr, die Pib-pib eine Flöte (?) aus gebrannter Erde und das Genggong ein »Brummeisel«. Ein Sruné vertrat unsere Klarinette, ein Tambu unsere Trommel, und die Göndrangs sind grosse Trommeln, welche vor dem Bauche getragen und links mit der Hand und rechts mit einem Trommelstock geschlagen werden. Auch eine Râbab, die mein atjeeischer Patient Haröbab (Fig. 20) nannte, und zwei Gödumbas, das sind Handtrommeln mit einem Fussstück, fehlte in dieser Sammlung von Musikinstrumenten nicht. Die in Atjeh so stark verbreiteten Tamtams, welche auf Java unter dem Namen Gong bekannt sind, nannte er Tjanangs. Ich muss noch bemerken,dass die atjeeische Violine (Haröbab) drei Saiten aus Seide hatte, der Streichbogen aus einem Rottangrohr bestand, welcher mit den Fasern der Luftwurzeln eines Waringinbaumes (?) bespannt wurde, und dass der Resonanzboden mit einem Stück eines Karbauenmagens überzogen war.
Unterdessen hatten die Soldaten vor dem Mönasah schlecht und recht mit den atjeeischen Kindern und Frauen sich amüsirt; als aber einer der jungen unvorsichtigen europäischen Marssöhne eine atjeeische Schöne streicheln wollte, wurde ihm von allen Seiten ein so ernstes und drohendes Kurang adjâr = Flegel zugerufen, dass der Sergeant es für nöthig erachtete, durch den Trompeter das Signal: »Antreten« geben zu lassen. Ich und Lieutenant X. eilten sofort zur Balustrade, um zu erfahren, von wem dieser unerwartete »Schlussruf« unserer Unterredung ausgegangen war, und mussten diese Vorsichtsmaassregel des Sergeanten in jeder Hinsicht billigen. In Reih und Glied konnte sich dieser etwas zu feurige Füsilier solche Liebkosungen nicht erlauben, die, coram publico erwiesen, geradezu eine Beleidigung für jede atjeeische Frau sind. Bei den Atjeern darf man wie bei allen malaiischen Völkerstämmen die »Katze nur im Finstern zwicken«[76], und ist überhaupt jede Gefühlsäusserung in Gegenwart Anderer geradezu unschicklich.