Chapter 16

Fig. 18. Ein atjeeisches Ehepaar.(Vide Seite 153.)

Fig. 18. Ein atjeeisches Ehepaar.

(Vide Seite 153.)

Es gingen nämlich jeden Tag regelmässig Patrouillen in der Stärke von 40 Mann von der Hauptstadt aus, um in verschiedenen Richtungen das Terrain innerhalb der »Linie« zu durchsuchen und jeden Atjeer, der bewaffnet war, ohne einen Pass dafür zu besitzen, gefangen zu nehmen; oder aber es zogen grössere Truppenmassen aus, weil der Spionenbericht eingelangt war, dass auf irgend einer Stelle »der Linie« eine Schaar feindlicher Atjeer einen Einfall unternommen habe. Wurden in diesen Fällen feindliche Truppen angetroffen, so blieben sie nicht stehen und wichen so lange aus, bis die Patrouille der Verfolgung ein Ende machen zu müssen glaubte und umkehrte. Dann erst gingen die Atjeer zu dem Anfalle über; entweder griffen sie die letzten Männer der Nachhut mit dem Klewang (grosses Schwert) an oder legten sich in den Hinterhalt und schossen einige aus der Haupttruppe nieder und flüchteten sofort, sobald die Soldaten zum Angriffe übergingen; dieses wiederholte sich so lange, bis die Patrouille sich dem Hauptplatz genähert hatte. Die Atjeer combinirten nämlich ganz richtig, dass diese Patrouillen auf ihrem Rückwege schon ermüdet und übrigens auch weniger vorsichtig als beim Ausmarsch seien; in diesem damals schon 15jährigen Guerillakriege hat dieses »nach Hause begleiten« der Truppen vielleicht gerade so viel Opfer gekostet, als alle grösseren oder kleineren offenen Feldschlachten zusammen. Glücklich hat dieser »kleine Krieg« schon seit einigen Jahren aufgehört, weil die Holländer sich endlich entschlossen haben, ihr Ziel, Atjeh zu unterwerfen, unentwegt vor Augen zu halten, d. h. dem ewigen Laviren in der Weise von Kriegführen ein Ende zu machen. Einer der bedeutendsten Officiere der indischen Armee, der damalige Major Pompe van Meerdervort, theilte mir nämlich mit, dass Holland schon längst in den Besitz von Atjeh hätte sein können, wenn es nur ein einziges Mal an »Einem Princip« einige Jahre lang festgehalten hätte.

Das Princip der »alten ostindischen Compagnie« war ein sehr einfaches: sie eroberte sich an der Küste einer Insel einen Hafenplatz, erbaute ein Fort, errichtete eine Factory und wartete und wartete, bis die eingeborenen Fürsten in ihren ewig dauernden Fehden abwechselnd die Hülfe der Factory anriefen und dann: divide et impera.

Auch die Küste von Gross-Atjeh besass eine grosse Zahl von kleineren oder grösseren Fürsten, die sich von jeher stark bekämpften;ein Sultan, welchermit RechtSultan von Atjeh oder sogar von Gross-Atjeh genannt werden könnte, hat niemals existirt. Allerdings erhoben einzelne Sultane von Gross-Atjeh Anspruch auf Souveränitätsrechte von ganz Atjeh, von Deli, Siak, ja selbst von Djohor (auf Malacca); aber die Zahl dieser Prätendenten war zu gross, um praktische Erfolge zu haben; die Fürsten von Pasir, Pedir, Segli, Samalangan und Edi auf der Ostküste und die von Tenom, Analabu, Trunom, Singkel und Baros auf der Westküste Atjehs haben abwechselnd grossen politischen Einfluss gehabt, ohne dass ein Einziger von ihnen de jure und noch weniger de facto Sultan von Atjeh sich nennen konnte. Noch weniger hatte auf diesen Titel jener »Sultan von Kamala« Anspruch, welcher in der gegenwärtigen Zeit das Haupt der feindlichen Opposition auf Atjeh genannt wird.

Es trachteten die Holländer, getreu dem Princip: Divide et impera, die eifersüchtigen Streitigkeiten aller dieser zahlreichen Fürsten zu ihrem Ziele zu gebrauchen, aber über das »Wie« hatte jeder Gouverneur-General von N.-Indien und jeder Gouverneur von Atjeh eine andere Ansicht, und nur der oben erwähnte Pompe van Meerdervoort legte sein Amt nieder, als sich seine Ansichten in Widerspruch mit jenen des Gouverneur-General in Batavia stellten.

Seitdem England durch Tractat vom 2. November 1871 Holland »freie Hand auf Sumatra liess« und Atjeh sich weigerte, nicht nur die Souveränität von Holland anzuerkennen, sondern auch den Sclavenhandel auf der Insel Nias aufzugeben und den Seeraub in der Strasse von Malacca einzustellen, gab sich Holland alle Mühe, auf gütlichem Wege diese drei Bedingungen erfüllt zu bekommen, um endlich den 26. März 1873 den Krieg zu erklären und Atjeh dazu zu zwingen. Die Eroberung von Kuta radja gelang und ebenfalls das Errichten eines Forts in der alten Sultansstadt von Atjeh; aber die Fortsetzung blieb aus; bald bemühte sich Holland, durch Geld die anderen Fürsten zu gewinnen, d. h. die Souveränitätsrechte abzukaufen, bald durch die Waffen; der eine Gouverneur blockirte diesen oder jenen Theil der Küste, um die Ausfuhr der Landesproducte zu verhindern, der andere öffnete alle Hafenstädte und legte einen Ausfuhr-, der andere wieder einen Einfuhrzoll auf; der eine warb bei diesem oder jenem Fürsten Hülfstruppen und gab ihnen europäische Waffen; der andere nahm ihnen wieder alle Gewehreab und liess ihnen nur das nationale Schwert, den Klewang. Bald wurde eine geringfügige polizeiliche Uebertretung zum Anlass genommen, einen Kampong (Dorf) dafür zu züchtigen, und bald wiederum wurde der Ueberfall einer Patrouille »als vereinzelt stehender« Racheact eines Privatmannes erklärt, welcher vor dem Friedensrichter sich verantworten musste. Die weitestgehende Veränderung der Politik geschah im Jahre 1885, welche, wie wir sehen werden, nach allen Richtungen hin traurige Folgen nach sich zog.

Auch die Elemente brachten, wenn auch nicht angenehme, so doch reichliche und oft interessante Episoden in unser tägliches Leben.

Bekanntermaassen zieht von den Philippinen eine stattliche Reihe von Vulcanen um die Südküste Asiens bis zu der Westküste von Hinterindien. Ob nun Java oder Sumatra »das grossartigste Vulcanenland der Erde« sei, weiss ich nicht; auf Sumatrasollen60 Vulcane sich befinden, was bei einer Länge von 1117 km eine Durchschnittsziffer von 1 Vulcan auf 18 km Länge geben würde.

Wir hatten während unseres zweijährigen Aufenthaltes im Norden Sumatras also (?) häufig genug Gelegenheit, Erdbeben zu fühlen; aber einen thätigen Vulcan sah ich nicht; das Innere dieser Provinz ist beinahe ganz unbekannt, das Centrum des Erdbebens kam also stets aus einer terra incognita, umsomehr weil, wenigstens damals, auf ganz Atjeh sich kein Seismometer (Erdbebenmesser) befand. In der Regel beunruhigte man sich auf Sumatra sehr wenig durch das Auftreten von Erdbeben; mir selbst hätte ein solches (März des Jahres 1887) beinahe grosse Unannehmlichkeiten bereitet. Ich sass an diesem Tage im Officiersclub neben dem Dr. X., der seine Stellung als Stabsarzt etwas überschätzte. Er spielte L’hombre und meldete ein sans prendre an, welches wirklich sehr schwach war. Er gewann es, und ich wollte ihm das Lob geben, durch gutes Spiel dieses Solo gewonnen zu haben, und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter mit den Worten: Jetzt haben Sie gut gespielt. In diesem Augenblicke warf mich ein Erdbeben so stark gegen ihn, dass dieser Schlag auf die Schulter unbeabsichtigt empfindlich wurde. Dr. X. sprang auf und mass mich mit seinen Blicken und rief mir zu: Wie erlauben Sie sich eine solche Vertraulichkeit zu mir? Das Schlingern der Lampen und das Klirren der Gläser bestätigten hinreichendmeine unbeabsichtigt etwas stärker ausgefallene Aeusserung der Anerkennung seines guten Spieles und der Friede wurde nicht gestört.

Eine »Bandjir« (= Ueberströmung M.) brachte in der ersten Woche des Monat December (1886) ebenfalls hinreichende Abwechslung des täglichen Lebens und selbst mannigfache Zerstreuung. Damals war ich dem Spitale zugetheilt und wohnte demzufolge in der Vorstadt Pántej-Pérak (= Silberufer? M.) am linken Ufer des Atjehflusses. Ein Damm theilte diese Vorstadt in zwei Hälften; links standen die Kirche und das Pfarrhaus, und daran schlossen sich einige alte Häuser aus Bambus. Das Terrain war der alte angespülte Alluvialboden ohne Erhöhung, sodass das Entrée in dem Hause mit dem Damme in gleichem Niveau lag; am rechten Ufer war das Terrain im Niveau des Dammes, und die Häuser standen auf Pfählen von ein Meter Höhe.

Die Regenzeit des Jahres 1886 war eine ausgesprochene; täglich regnete es einige Stunden lang; der Atjehfluss wuchs täglich, und kaum hatte sein Wasser das Ufer erreicht, stand schon das Terrain links von dem Damme in der Vorstadt Pántej-Pérak unter Wasser; mein Haus hatte, wie gesagt, ½ Meter hohe Pfähle und blieb einige Tage von dem Eindringen des Wassers verschont; aber die Nebengebäude standen direct auf dem Lehmboden. In das Badezimmer, in den Abort und in die Küche konnte man nicht trockenen Fusses gelangen; schon am 1. December stand in diesen Räumen das Wasser 40 cm hoch, ohne dass die Köchin sich in ihrer Arbeit stören liess; sie schürzte einfach ihren Sarong bis zum Knie in die Höhe; dasselbe mussten ich und meine Frau thun, wenn wir die Nebengebäude benutzen wollten. Die Köchin wusste sich noch auf andere Weise zu helfen. In der Küche stand nämlich ein gemauerter Herd mit 5 Oeffnungen für das Holzfeuer; sie stieg einfach auf den Herd und bereitete auf diesem die Speisen in hockender Stellung, die sie ja bei allen ihren Arbeiten einzunehmen gewöhnt war. Bald stieg jedoch das Wasser bis über den Damm und drang auch in unsere Wohnung ein, und am 5. December sahen wir uns gezwungen, die Wohnung zu verlassen und von der Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, welche uns von dem Intendanten des Spitals angeboten wurde. Auch das Terrain rechts vom Damme bekam bald eine Wasserschicht von ungefähr ½ Meter Höhe, und die Aerzte, Apotheker und Administratoren des Spitals hatten die Wahl, per Kahn, zu Fuss oder per Grobak täglich dahin zu gehen. Amhäufigsten geschah es per Grobak, d. h. in einem Bauernwagen, welcher von einem Büffel gezogen wurde und seine Bestimmung hatte, Utensilien und Lebensmittel für das Spital vom Bahnhofe zu holen oder dahin zu bringen. Konnten wir diese weniger elegante Equipage nicht erhalten, so gingen wir zu Fuss; bekleidet mit der Nachthose, welche bis über die Knie heraufgeschlagen wurde, wateten wir durch das Wasser, und im Spitale erwarteten uns die Bedienten mit Schuhen, Strümpfen und Hosen.

Das Spital selbst lag ebenfalls auf ein Meter hohen Pfählen und bestand aus sieben Pavillons, welche mit einem ungefähr 800 Meter langen und bedeckten Corridor verbunden waren.

Hinter dem Spitale lag eine Caserne in der Vorstadt Kóta âlam, deren Terrain ebenfalls beinahe dreiviertel Meter hoch mit Wasser bedeckt war, so dass der Commandant, der damalige Major Pompe van Meerdervort, sein Pferd in seine Veranda stellen musste; er hatte sich aber einen grossen Kahn zu verschaffen gewusst, welchen die Officiere und die Officiersfrauen zu ihrer Spazierfahrt nach Kuta radja benutzen konnten; oft genug thaten sie diese zu Fuss und hoben ihren Sarong coquet in die Höhe. In den Tropen ist ein solcher Marsch im Wasser gar nicht bedenklich; wenn auch im December in Europa eine Ueberschwemmung gewiss eine Reihe von Erkältungs-Krankheiten oder wenigstens von sehr unangenehmen Zuständen veranlassen würde, auf Sumatra beschränken sich diese Unannehmlichkeiten auf die Verkehrsstörungen und auf das Auftauchen — vieler kleiner, aber sehr giftiger Schlangen, welche sich so viel als möglich auf trockenes Terrain flüchten und dadurch oft in die Nähe der Menschen gelangen; wenn sie auch, wie selbst die grössten Schlangen es nicht wagen, den Menschen zu attaquiren, so werden sie doch sehr gefährlich, weil man sie unbemerkt treten kann — sie sind ja höchstens 25 cm lang — und dann von ihnen gebissen wird.[72]

Fig. 19. Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen wollen.(Vide Seite 157.)

Fig. 19. Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen wollen.

(Vide Seite 157.)

Der Marabu, welchen ich kurz vor meiner Abreise von Kuta radja erhielt, darf nicht unerwähnt bleiben, wenn ich von meinen Zerstreuungen in dieser Garnisonstadt Ausführliches mittheile; er ist ja ein drolliger, komischer Kauz, so dass es wirklich Mühe kostete, sich über ihn und mit ihm nicht zu amüsiren; in seinem ganzen Thun und Lassen trägt er das Gepräge eines alten Herrn und ist nebstdem geradezu ein nützliches Hausthier; er lebt nämlich von thierischen Abfällen und wird in Indien in den Dörfern darum gerne geduldet; in meinem Garten verscheuchte er die kleinen Schlangen und Frösche, erhielt aus der Küche die Abfälle des Geflügels und jeden Tag seine Portion kleine Fische, welche ich auf dem Markte kaufen liess. Als ich Kuta radja verliess, gab ich ihn einem meiner Freunde zum Geschenk, ohne dass ich mich dazu entschliessen konnte, ihm die schönen weissen Federn herauszuziehen, welche bekanntlich kostbarer als die schönsten Straussfedern sind.


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