1. Capitel.

1. Capitel.

Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. — Reise von Surabaya nach Bandjermasing — Insel Madura und Bawean — Dussonfluss — Mosquitos — Oedipussage auf Borneo — Danaus-Seen — Antassan — Rother Hund (eine Hautkrankheit).

Wien Neerlands bloed door de aderen vloeit, van vreemde smetten vry (= Wem Niederland’s Blut durch die Adern fliesst, das frei von fremdem Makel) wird heute unter den Fahnen Javas mit ebensolcher Begeisterung als an den Ufern der Maas gesungen. Aber hier wie dort kann der Ethnograph nur von einergemischtenRasse sprechen.

Wie in Europa, im Lande der »Bataver«, Franzosen, Engländer, Spanier und Deutsche seit Jahrhunderten abwechselnd sich angesiedelt und durch gegenseitige Heirathen, ich möchte sagen, eine neue Rasse geschaffen haben, so hat auch Bandjermasing, die Hauptstadt des südöstlichen Theiles von Borneo (wie alle grossen Hafenstädte des indischen Archipels), zahlreiche Menschenrassen, welche nicht nur neben einander leben, sondern sich auch unter einander kreuzen. Buginesen von Celebes, Javanen, Malayen, Maduresen, Bekompeyer, Chinesen und Europäer bewohnen zwar in eigenen Kampongs die einzelnen Theile der Stadt, aber Amor kennt keine Grenzpfähle und keinen Unterschied der Rassen. Reiner hat sich jedoch auf der Insel Borneo derdajakischeVolksstamm erhalten, wenn wir dem Laufe des grossen Stromes Baritu folgen, in den sogenannten Dusson- oder Dajaklanden, d. h. ungefähr oberhalb Mengkatip (2° 5′ S. B.), trotzdem sie Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Fürsten seufzten; ganz rein blieben nur die Olo-Ott in ihrer Rasse; das sind jene Wilden, welche in den Urwäldern frei ohne jedes politische sociale Band in einzelnen Familien und als Nomaden auf Bäumen leben und in Hütten aus Laub sich vor den Unbilden des Wetters schützen. Sie selbst, d. h. die Olo-Ott, habe ichnicht gesehen, aber ihre nächsten Nachbarn, die Bewohner von Murong und Siang; unter den Dajakern, stricte dictu habe ich 3 Jahre gelebt; 10 Monate weilte ich in Buntok (1° 17′ S. B.), wo die Dajaker mit den Bekompeyern friedlich beisammen wohnen. Das sind Dajaker, welche im Contact mit den benachbarten Malayen nicht nur den mohammedanischen Glauben angenommen haben, sondern auch in ihren Sitten und Gebräuchen milder geworden sind und selbst durch Handel, Industrie und durch Ackerbau auf der ersten Stufe der menschlichen Civilisation stehen; auch ihre Künste und ihre Literatur sind die der Malayen, welche die Küsten aller Inseln des indischen Archipels bewohnen.

Bevor ich jedoch auf dieses Thema mich weiter einlasse, will ich mit einigen Zeilen von der Reise selbst sprechen, welche mich zunächst nach Bandjermasing und hernach nach Muara Teweh brachte, wo ich 3 lange Jahre verblieb und während dieser Zeit kein Pferd gesehen habe und keine — europäische Dame.

Den 28. März 1877 schiffte ich mich in Surabaya, der zweitgrössten Stadt Javas, ein, um als holländisch-indischer Oberarzt nach Borneo zu gehen. Gegenüber dieser Stadt liegt die Insel Madura und das Fahrwasser zwischen diesen beiden Inseln versandet mit jedem Tag mehr und mehr, so dass die Regierung ihre Mühe hat, diese Strasse offen zu erhalten. Hier hat die See eine so starke Strömung, dass ich mit meinem Kahne unmöglich das Schiff erreichen konnte, bis einer der Schiffsofficiere uns am Seil einen Rettungsring zuwerfen liess. Die Ruderer legten die Ruder zur Seite, erfassten das Tau und so gelang es ihnen, den Kahn an die Falltreppe zu bringen. Den vier Collegen, welche mich begleitet hatten, drückte ich zum letzten Male die Hand, und ich verliess die Nordküste Javas, um 3½ Jahr lang weit entfernt von der menschlichen Civilisation in einem kleinen Fort in Gesellschaft zweier Officiere ein Leben zuzubringen, das mir alle Genüsse des europäischen gesellschaftlichen Lebens vorenthielt bis auf die — der Wissenschaft. —

Das östliche Ufer der Insel Madura, an dem wir vorüber glitten, war reich mit Urwald bewachsen und bot uns manches schöne Panorama, hingegen war die Küste der Insel Bawean, an welcher wir ebenfalls vorbeidampften, flach und öde. Schon am 30. März sahen wir die Mündung des Baritu, ohne jedoch wegen der Ebbe weiterdampfen zu können. Eine ungeheure Sandbank verlegt nämlich die Einfahrt in den Baritu und wird mit jedem Tage grösser, so dass es nur eine Frage der Zeitist, wann sie die Insel Bawean erreicht haben wird. Erst am 31. März brachte uns die Fluth in den Baritu, welcher Strom auch Bandjermasing genannt wird und in seinem Oberlaufe Dusson heisst. Er hat zwei Mündungsarme, von denen jeder an der Küste ungefähr ein Kilometer breit ist. (Der westliche Arm mündet 3° 26′ S. B. und 114° 13′ O. L. und der andere 3° 35′ S. B. und 114° 33′ O. L. in die Javasee.)

Die Fahrt in den Baritu ging sehr langsam, weil der Strom bis zur Mündung des Martapuraflusses, an dessen Ufern die Hauptstadt Bandjermasing liegt, in mehr als dreissig Windungen sich schlängelt. Die Ufer sind dicht bewachsen und zwar unter anderem von der Nipahpalme (Nipa fructicans), deren Blätter abgekocht, abgekratzt und getrocknet werden, um als Deckblatt von Cigaretten zu dienen und welche die Heimath ist der — Mosquitos (Culex und Tipula).

Deren giebt es zahlreiche Species; aber alle sind eine fürchterliche Plage, von der besonders Bandjermasing heimgesucht wird.

Wenn auch in der Regel die indischen Mosquitos nur Abends und in der Nacht dem Menschen lästig werden, so ist dies doch nur in den Häusern der Städte der Fall; wenn man jedoch auf die Jagd geht und aus anderen Ursachen in das Gebüsch der Nipahpalmen kommt, dann kann man von ihnen bei Tage ebenso attaquirt werden als von den kleinen Blutegeln; der Stich der Njamuks (so heissen die Mosquitos im Malayischen) ist empfindlich, er verursacht eine Quaddel von bedeutender Grösse, welche durch heftiges Kratzen oft in ein Geschwür sich verwandelt. Dass man sie auch beschuldigt, die Uebermittler so mancher pathogener Bacterien zu sein, wie der Cholera, Lues u. s. w., ist, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich. Man schützt sich gegen ihre Stiche auf mannigfache Weise. In der Regel sind die von den Kleidern bedeckten Körpertheile vor ihren Angriffen gesichert; man kann aber doch nicht den ganzen Abend und die ganze Nacht gekleidet bleiben; die indische Haustoilette ist, wie wir sehen werden, so dünn, dass die Mosquitos hindurch stechen; dabei sind Kopf, Hände und Füsse unbekleidet; man bestreicht sie eventuell mit Oel, Cajaputiöl oder einem Decoct von Lignum Quassiae, wodurch sie in respectabler Entfernung von dem Menschen gehalten werden. Das am meisten gebrauchte Schutzmittel gegen diese blutdürstigen Mücken ist das Netz; man spannt nämlich um das Bett, welches an den vier Ecken zwei Meter hohe Pfeiler hat, ein Zelt aus Tüll; es bleibt jedoch eine akrobatische Leistung, beim Schlafengehen so geschwind hinter das Netz zu kommen, dass kein Mosquito uns begleiten kann. Wie schon erwähnt, hat Bandjermasingeine traurige Berühmtheit ob der Menge seiner Mosquitos. Zwei Momente jedoch vermindern diese Landplage: erstens dass diese blutgierigen Feinde unserer Nachtruhe Feinschmecker in ihrer Art sind; das Blut mancher Menschen schmeckt ihnen nämlich nicht oder vielleicht die Ausdünstung derselben. Zu diesen bevorzugten Geschöpfen Gottes gehörte z. B.ich. Ich war mir keiner einzigen constitutionellen Krankheit bewusst, als ich in Bandjermasing von den Bissen dieser Insecten verschont blieb, so dass ich selbst in der Nacht mit geöffnetem Mosquito-Netz schlafen konnte, während selbst der kleine Wau-Wau (Hylobates concolor), welcher dem Apotheker B... gehörte, mit Vergnügen Abends hinter das Mosquitozelt kroch, um ungestört dem Schlaf sich ergeben zu können. Freilich blieben sie auch von mir in keiner respectvollen Entfernung; ihr Summen und Schwirren beunruhigte und störte auch mich Anfangs, bis mich Gewohnheit und Erfahrung lehrten, das wählerische Gesindel schnarchend zu verachten. — Der zweite Factor ist, dass nur der Hauptplatz Bandjermasing von so zahlreichen und grossen Mosquitos heimgesucht wird, während in den Garnisonen jenseits des Alluviallandes diese Landplage aufhört. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Muara Teweh bekam ich niemals eines dieser Insecten zu Gesicht, es sei denn, dass ein Dampfer von Bandjermasing zu uns kam und die unwillkommenen Gäste als blinde Passagiere mitführte. Auch auf den übrigen Inseln des indischen Archipels kamen sie nur in der Ebene, an der Küste, im alluvialen Boden, in der Heimath der Sumpfgewächse vor, während im Gebirge, auf der Hochebene, in der Kalkformation sie nur zeitweise zu Gastrollen auftauchten. Auch kann man mit ein wenig Heroismus allen schädlichen Folgen ihres Stiches entgehen. Wir sehen ja, dass Säuglinge niemals Quaddeln, Entzündungshöfe oder Geschwüre von einem Mosquitostich bekommen; sie kratzen sich eben nicht und stören die blutdürstigen Insecten nicht in ihrer Trunksucht; ist einmal das Thierchen gesättigt (man gewahrt die Plethora seines Bauches, der bis zur Grösse einer halben Erbse anschwillt), so fliegt es seiner Wege und sein Stich lässt nur einen rothen Punkt zurück; wird es jedoch weggejagt, so bricht der Stachel ab und die Folliculitis ist gegeben; kratzt man diese stark juckende Stelle, so excoriirt die Haut, und der Anfang des Geschwüres ist fertig, welches mitunter recht lange bestehen kann. Tant de bruit pour une omelette, wird vielleicht mancher Leser denken; aber er erkundige sich z. B. bei einem Marineofficier, der tage- oder wochenlang bei einer Blockade vor einer Küste liegen muss. Ob die Langeweile mehr von unserer Gemüthsruhe fordert als die Mosquitos ineinem solchen Falle, das muss man selbst erfahren haben, um die Verwünschungen gegen diese Plaggeister zu begreifen.

Fig. 1. Grundriss von Bandjermasing.

Fig. 1. Grundriss von Bandjermasing.

Ueber Bandjermasing selbst bringen meine Reisebriefe aus damaliger Zeit nur magere Berichte, vielleicht weil ich nur kurze Zeit in der Hauptstadt selbst verweilte und nach kurzem Aufenthalt ins Innere des Landes, an die Grenze aller menschlichen Civilisation geschickt wurde; vielleicht weil die Stadt Bandjermasing wenig Interessantes oder Mittheilenswerthes geboten hat, oder vielleicht weil nur die Topographie der Umgebung mir mehr Mittheilenswerthes und Interessantes bot. Ihre Einwohnerzahl bezifferte ich damals auf 30000. Der grösste Theil der Bewohner Bandjermasings besteht aus Malayen (Bandjeresen und Bekompeyer), und am kleinsten ist die Zahl — der Europäer. »Wenn wir von den Officieren mit ihren europäischen Soldaten und den Beamten absehen, ist die Zahl der europäischen Handelsleute, auch wenn die halbeuropäischen mit gerechnet werden, noch auf den Fingern einer Hand abzuzählen.« So sprach ich im Jahre 1885 in einem Vortrage über die Bewohner dieser Stadt; heute ist die Zahl der Europäer grösser, weil der Handel einen solchen Aufschwung genommen hat, dass selbst die Handelmaatschappij einen Agenten für die südöstliche Hälfte Borneos zu ernennen sich bemüssigt sah.

Von monumentalen Gebäuden kann kaum gesprochen werden; das Haus des Residenten ist wie die meisten Häuser Indiens in altgriechischem Stile gebaut mit einer vordern und hintern Veranda; das Fort mit seinem Spitale und seinen Kasernen, das neue Gefängniss, das Seminar für Volksschullehrer, das Clubgebäude, die europäischen Geschäfte u. s. f. sind hübsch und nett, aber ohne jeden architektonischen Werth. Am linken Ufer des Martapuraflusses liegt jedoch das chinesische Viertel mit zahlreichen Geschäften und einer chinesischen Kirche. Vor vielen Jahren las ich in einer Reisebeschreibung, dass in dem chinesischen Tempel zu Bandjermasing der Hauptaltar mit einem Bilde Napoleons I. verziert sei; sofort nach meiner Ankunft miethete ich einen Kahn, um diese Chinesische Kirche mit Napoleon als Buddha zu sehen. Ich sah keinen Buddha oder Confucius, welcher Napoleon ähnlich war, und als ich darnach mich erkundigen wollte, bekam ich keine Antwort; ich sprach kein Chinesisch und nur sehr mangelhaft die malayische Sprache, und die Tempeldiener waren nur dieser zwei Sprachen mächtig.

Unrichtig wird angegeben, dass diese Stadt auf dem linken Ufer desBarituliege; von diesem Flusse sind die äussersten Gebäude derStadt, das Hafenbureau und das Gefängniss noch mehr als eine Stunde entfernt.

Alle Häuser stehen auf Pfählen, denn die Stadt liegt im Inundationsgebiet des grossen Stromes Baritu, welcher sich täglich über 1 Million Hektar Landes mit der Fluth des Meeres ergiesst; mit der Ebbe dringt zwar das Wasser dem Meere zu, aber zahlreiche Pfützen bleiben zurück, die zahlreichen Canäle werden wasserfrei, die stinkenden Ausdünstungen verpesten die Luft und selbst der Martapurafluss wird in trockenen Jahren so wasserarm, dass das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen des Stromes geholt werden muss.

Grosse und ausgestreckte Sümpfe begrenzen im Norden und Süden die Stadt, und der Canal Kween (Fig. 1) ist die östliche Grenze des bewohnten rechten Ufers des Martapuraflusses.

Der officielle Ausweis spricht im Jahre 1882 von 592959 Bewohnern[3]des südöstlichen Borneos mit 549 Europäern, 2843 Chinesen und 435 Arabern; von diesen Ziffern haben nur die Angaben über die anwesenden Araber, Chinesen und Europäer einen gewissen Werth; wie wir später sehen werden, ist die Statistik der Eingeborenen ganz unverlässlich, so dass factisch die Einwohnerzahl Borneos noch heute selbst auf eine Million noch nicht bekannt ist.

Ob diese Stadt Bandjermasinoder Bandjermasingzu nennen sei, ist kaum zweifelhaft. Valentyn nennt sie Bandjermasingh, und mit Unrecht wird in dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff eine neue Schreibweise dieses Namens eingeführt. Bandjir heisst nämlich Ueberströmung und mâsing bedeutet häufig vorkommend. Da thatsächlich diese Stadt häufigen Ueberströmungen ausgesetzt ist, und da nicht nur in den ältesten Büchern der Name Bandjermasinghvorkommt, sondern auch während meines dreijährigen Aufenthaltes auf Borneo mir geläufig war, so ist nach meiner Ansicht die ältere Schreibweise beizubehalten.[4]

Bis zum 16. Jahrhundert waren auch die Bewohner der Küste ebenso Heiden als heute noch die Dajaker im Innern der Insel es sind.Die Einführung der mohammedanischen Religion auf Borneo ist mit einer Oedipussage verbunden:

Bekanntlich hat Ende des 15. Jahrhunderts Madjopahit auf Java den Islam eingeführt und zwar mit Feuer und Schwert (so dass heutzutage nur zwei sehr kleine Colonien von echten Hindus auf dieser Insel gefunden werden, und zwar die eine in West-Java in der Provinz Labak und die zweite in Mittel-Java), und darum ist es interessant, dass die folgende Sage auch in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt wird.

Im Beginne des 16. Jahrhunderts (1530?) lebte eine Fürstin des Bandjermasingischen Reiches, deren Name von der Zeitfluth weggespült wurde; sie hatte einen Knaben, dem sie einmal bei einer körperlichen Züchtigung eine Wunde am Kopfe beibrachte; er bekam dadurch eine solche Abneigung gegen das elterliche Haus, dass er seine Flucht mit Hülfe des Anakoda Laba, eines reichen Javanen, beschloss, der damals mit seinem Schiffe bei Negara vor Anker lag. Nach dem Tode seines reichen Pflegevaters führte er den Handel mit Borneo weiter. Seine hohe Abstammung hatte sein Pflegevater verheimlicht; Akar Sungsang (unter diesem Namen war er auf Java erzogen worden) erregte durch seinen Reichthum, seine Schönheit und durch seinen Muth dermaassen die Aufmerksamkeit der Bewohner von Amunthay, dass sie ihm die Hand der seither verwittweten Fürstin anboten. Viele Jahre lebte er in glücklicher Ehe mit — seiner Mutter, als sie eines Tages die Narbe an seinem Kopfe entdeckte und die Flucht auf Anakoda Laba’s Schiff erfuhr. Beschämt und erschreckt entzog sie sich seinen Umarmungen und stellte sich vor den Rath der Aeltesten, um die verdiente Strafe zu empfangen.Die Tradition (hadat) hatte jedoch keinen Präcedenzfall; die Ehe wurde nur gelöst und die Gattin-Mutter blieb straflos. Akar Sungsang heirathete wieder, und sein Enkel Samatra, der Sohn seiner Tochter Putri Kalarang und eines Dajakers, führte als Sultan Suriansah (1608?) den Islam auf Borneo ein. (Schwaner.)

Neben dieser Oedipussage hat die Mythologie der Dajaker auch die einer Venus anadyomene; aber für die Lernäische Schlange der Griechen hat der Dajaker kein Pendant; das ist um so überraschender, als die Küste ein ungeheurer Sumpf ist, über den sich bei der Fluth das Meer bis auf 1 Million Hektar ergiesst, und wo eine üppige Flora eine undurchdringliche, unausrottbare Wildniss geschaffen hat. An diese grosse sumpfige Ebene schliesst sich die tertiäre Formation[5]mit denUrwäldern, welche noch keines Europäers Fuss betreten und in welchen die Riesen der Flora neben den Riesen der Fauna hausen. Die Avicennien, Caesalpinen, Casuarinen und Rhizoforen; das Sideroxylon (Kaju besi M), Teakbäume, Guttapercha, Muskatbäume, Campher, Zimmt, Citrone, Bambus, Rottan, Reis, Pfeffer, Kaffee u. s. w. fesseln in ihrer Massenhaftigkeit den Laien vielleicht mehr als den Botaniker, und auch ich nahm den ganzen Reiz eines Urwaldes und der Sumpfpflanzen in mich auf und beugte in Demuth mein Haupt vor den gewaltigen Riesen der Pflanzenwelt, oder vor den Lianen, welche Schritt für Schritt den Marsch des Wanderers erschweren oder unmöglich machen. Auch ich ergötzte mich an der Pracht der Nepenthes-Artent, von denen schon Friedmann auf Borneo 22 Arten kannte und unter welchen die Nepenthes Edwardsiana, villosa und Rajali die schönsten sind.

Ein fesselndes Bild sind auch die Ströme mit ihren zahlreichen Seen (Danaus).

Ich habe den Genfer See gesehen, ich habe den Rhein befahren, ich kenne die Donau von Wien bis zum Banat; ich habe vier Monate in den Karpathen gelebt und habe mich an der Riviera herumgetummelt; ich weilte auf Java an den Ufern des Telagawarna, welcher wie in einem Kessel zwischen hohen Felsen eingeschlossen ist, dessen majestätische Ruhe und lautlose Luft mich mächtig ergriffen hat, aber nirgends sah ich ein Bild, das sich nur annähernd mit dem der Danaus vergleichen könnte; nirgends sah ich ein solch pittoreskes, variabeles Panorama, als auf den Seen jenseits der Ufer des Baritu.

Wahrscheinlich sind es alte Flussbetten, welche durch Antassans mit dem neuen Strom in Verbindung geblieben sind. Sinkt das Wasser in dem Barituflusse, so ist der Danau ein grosser Sumpf, aus dem hier der kahle Stamm eines Waldriesen (Balangiranbaum) sich erhebt, dort die Wurzeln einer Rhizophore eine niedrige Säulenhalle über dem sumpfigen Boden errichtet, durch die sich still und lautlos ein Krokodil windet; hier sitzt auf einem andern kahlen Stamme ein Reiher, dort tauchen einige Fische aus der Tiefe und trachten mit leichten Sprüngen die darüber schwebende Libelula zu erhaschen. Kreisen auch nebstdem einige Falken, oder in später Abendstunde zahlreiche Kalongs hoch in den Lüften, so ruht doch ein schwermüthiger, geheimnissvoller Ernst über der ganzen Fläche der Sümpfe und stimmt den Beobachter traurig im Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit.

Steigt das Wasser des benachbarten Stromes jedoch so hoch, dass es die durch den abgelagerten Sand und Schlamm immer und immerhöher werdenden Ufer überragt, dann füllt sich das alte Becken zu einem grossen See, dessen Wasser in seiner wilden Fahrt immer und immer mehr den Boden aufwühlt und immer und immer neue Sümpfe schafft, bis wieder hier oder dort ein künstlicher Canal, Antassan, das Wasser dem Hauptstrom zuführt.

Die Formation dieses Diluvium und Alluvium ist bis jetzt ebenso wenig abgeschlossen als die der Danaus, Antassans und der grossen Ströme, welche oft einen täglichen Verfall von 15 Metern!! haben.

Ich verlasse nur ungern dieses Capitel, weil ich noch heute den ganzen Zauber dieser jungfräulichen Tropenwelt empfinde und fühle, obzwar ich kein Geologe und kein Botaniker bin.

So möge noch vor Schluss dieses Capitels wieder der Arzt in mir zu Worte kommen:

Eine zweite indische Landplage, welche noch ärger ist als die der Mosquitos, ist der rothe Hund, Lichen tropicus oder, wie sie Scheube nennt, eine Eczemform, z. B. eczema aestivum. Wenn ich mich jedoch an die Definition von Lichen halte, welche Hebra s. Z. gab, dann muss ich mich aus anatomischen, ätiologischen und klinischen Ursachen an die, wenn ich nicht irre, von mir zuerst in N.-Indien eingeführte Classification von Lichen tropicus halten. Hebra nannte Lichen »jene Krankheitsform, bei welcher Knötchen gebildet werden, die in typischer Weise bestehen und im ganzen chronischen Verlaufe keine weitere Umwandlung zu Efflorescenzen höheren Grades erfahren, sondern als solche sich wieder involviren«.

Als ich zum ersten Mal meinen Collegen mein Leid klagte, dass mich ein fürchterliches Jucken plage mit kleinen hochrothen Knötchen auf der Haut, und zwar am meisten zwischen den Fingern und am Rücken der Hand, am Rücken, auf der Innenseite der Arme und am Hals, da antwortete mir der Eine: »Seien Sie froh, dass Sie den rothen und noch nicht den schwarzen Hund haben« (wobei ein malitiöses Lächeln um seine Lippen spielte), während der Andere mir ein anderes Trostwort zu Theil werden liess. »Nein, seien Sie froh, dass Sie den rothen Hund haben, denn dann wissen Sie sicher, dass Sie keine andere Krankheit in Ihren Gliedern bergen.« Nun, was der Eine mit seinem »schwarzen Hund« und mit seinem malitiösen Lächeln sagen wollte, erfuhr ich später; für die Behauptung des zweiten Collegen, dass ich durch die Anwesenheit des »rothen Hundes« die demonstratio ad oculos hätte, nicht krank zu sein, bekam ich jedoch sofort die nöthige Interpretation.»Weil ich gesund sei, schwitze ich stark; weil ich stark schwitze, bekäme ich den »rothen Hund«; also, weil ich den rothen Hund hätte, sei ich gesund.« Kopfschüttelnd machte ich die Bemerkung: Gar so sehr könne ich mich mit meinem fürchterlichen Jucken nicht freuen, und ich würde es schon vorziehen, gesund zu sein, ohne den »rothen Hund« mitschleppen zu müssen, und ich möchte höflichst meine Collegen bitten, mir ein Mittel anzugeben, mich von diesem unliebsamen Gaste zu befreien. Ja, bekam ich mit mitleidigem Tone zur Antwort, wenn Sie den rothen Hund und die Transpiration unterdrücken wollen, und das Eine geht nicht ohne das Andere, dann können Sie auch sofort einen Sarg bestellen; Sie wissen ja, wie gefährlich es in Europa ist, die Transpiration zu unterdrücken; dies hat noch mehr Bedeutung »in de Oost«, wo Malaria, Cholera, Dysenterie u. s. w. sicher mit dem Schweisse den Körper verlassen. Noch wagte ich den Einwand: Mir scheint der »rothe Hund« vonzu vielemSchwitzen zu entstehen, und ich möchte darum nur daszu vieleSchwitzen bekämpfen, um dadurch vielleicht vom »rothen Hund« befreit zu werden. Auch dieses wurde mir abgerathen mit den Worten: Dagegen lässt sich nichts thun, denn der »rothe Hund« ist eine indische Krankheit, und da wir kein Arzneimittel dagegen haben, so ist auch bewiesen, dass der »rothe Hund« nicht vertrieben werden darf!! Aus diesem Gespräche wurde mir ersichtlich, dass der »rothe Hund« gewissermaassen einen diagnostischen Werth habe, weil er nie zugleich mitacutenKrankheiten vorkäme, und dass wir kein specifisches Heilmittel für ihn hätten. Nun, späterhin hatte ich an mir selbst und an hundert Anderen genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser zwei Axiome zu überzeugen.

Leider sind nicht allein die »Totoks« das Opfer dieser Plage, d. h. jene Europäer, welche erst eine kurze Zeit in den Tropen sich aufhalten, sondern noch jahrelang, selbst sein ganzes Leben lang wird man in grösseren oder kleineren Pausen von dieser Hautkrankheit heimgesucht. Als ich im Jahre 1884 zum ersten Mal mit Urlaub nach Europa ging, hatten wir eine junge Wittwe an Bord, welche wegen dieser Krankheit Indien verlassenmusste. Diese Dame hatte selbst im Gesicht die rothen Knötchen, was in der Regel nicht vorzukommen pflegt. Sie konnte beinahe die ganze Reise nicht an die Tafel kommen, weil sie unter der europäischen Toilette zu stark transpirirte und die indische Haustoilette an der Abendtafel nicht erlaubt ist.

Die Eingeborenen leiden gar nicht oder selten an dieser Krankheit. Sind es Eingeborene mitdunklerHautfarbe, bleiben sie ganz und gardavon befreit; sind es pigmentarme Eingeborene, wie z. B. die in Indien geborenen Europäer (Kreolen), so leiden sie ebenso häufig am »rothen Hund« wie die in Europa geborenen Europäer; Menschen aus gemischtem Blut (Sinju und Nonna genannt) haben bei pigmentreicher Haut wenig oder gar keine Anlage zu Lichen tropicus, und bei pigmentarmer Haut sind sie in gleicher Weise dieser lang dauernden Krankheitsform unterworfen. Die Prophylaxis fällt zusammen mit der Aetiologie, d. h. alles zu thun und zu lassen, was die Schweisssecretion erhöht (nirgends wird so vielgetanztals in Indien!!), und die Behandlung ist die der juckenden Hautkrankheiten. Nur wird man das tägliche Schiffsbad nicht abzuschaffen brauchen, denn die Krankheit »schlägt nicht hinein« (es ist ja einAusschlag); man wird das Jucken mit Streupulver, Eau de Cologne u. s. w. vermindern; mit dem Eintreten der niedrigen Temperatur wird das Jucken eo ipso minder, und nur in Ausnahmefällen wird es nöthig sein, wegen des »rothen Hundes« ein kaltes Bergklima aufzusuchen.


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