2. Capitel.

2. Capitel.

Pesanggrâhan = Passantenhaus — Ausflug nach der Affeninsel — Aberglaube der Eingeborenen — Reise nach Teweh — ein chinesisches Schiff im Innern Borneos — Trinkwasser in Indien — Eis — Mineralwässer.

Vor zwanzig Jahren bestand kein Hotel in Bandjermasing, wenigstens nicht im europäischen Sinne, sondern nur ein sogenanntes Pesanggrâhan, das heisst ein Gebäude, welches ursprünglich nichts anderes war, als ein Nachtverbleib für Reisende, welche sich selbst mit den nöthigen Lebensmitteln versahen. Solche giebt es heute noch zahlreich im Innern Javas. Der gesteigerte Verkehr brachte es mit sich, dass diese primitiven Häuser aus Holz oder Bambus von der Regierung einem niedrigen Beamten in Administration übergeben werden, welcher monatlich fl. 50 erhält und dafür in dem Pesanggrâhan einige Betten, Tische u. s. w. aufstellen muss, Reisende auf ihr Verlangen verköstigt (in der Regel gegen eine Bezahlung von 4–5 fl.) und für Officiere oder Beamte ein oder zwei Zimmer reservirt halten soll. Als im Jahre 1896 der König und die Königin von Siam Java mit grossem Gefolge besuchten und einige Tage an dem Fusse des Buru Budur zubringen wollten, mussten sie auch ein solches Nachtquartier beziehen, welches zu diesem Zwecke natürlich mit schönerer Einrichtung versehen wurde. Für das zahlreiche Gefolge wurden selbst zahlreiche Hütten aus Bambus in aller Eile gebaut und eingerichtet. Aber auch in diesem primitiven Hotel fand ich keinen Platz bei meiner Ankunft in Bandjermasing, und in liebenswürdiger Weise wurde mir vom Landessanitätschef Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten. Zwei Tage später verliess der Dampfer wieder Bandjermasing, und im Hotel (?) wurden wieder einige Zimmer verfügbar. Da ich wusste, dass es noch einige Tage dauern würde, bis ich Bandjermasing verlassen sollte, hatte ich, um von der Gastfreundschaft meines Chefs keinen Missbrauch zumachen, oder ich will lieber sagen, um nicht länger, als nöthig war, davon Gebrauch zu machen, das Pesanggrâhan bezogen. Ein primitives Zimmer (das ganze Gebäude bestand aus Holz) mit primitiver Einrichtung, jedoch mit guter Küche, wurde mir geboten. Ich werde noch später Gelegenheit haben, mit der indischen Küche mich näher zu beschäftigen. Die wenigen Tage, welche ich in Bandjermasing bleiben sollte, benutzte ich zur Besichtigung der Stadt und zu einem Ausfluge nach der Affeninsel. Wenn, wie schon erwähnt, meine Reisebriefe aus dieser Zeit nur mangelhafte Berichte aus der Hauptstadt Borneos bringen, so kann ich sie heute hinreichend ergänzen, weil ich 3½ Jahr später wieder eine ganze Woche in Bandjermasing procul negotiis verweilte und durch den späteren Aufenthalt auf den andern Inseln einen Maassstab fand, mit Verständniss die herrschenden Verhältnisse, das Leben und Treiben dieser Hafenstadt zu beurtheilen. Es ist das Leben einer Hafenstadt, welche an einem Flusse und nicht an der Küste des Meeres liegt; es ist auch kein Wald von Mastbäumen oder eine unzählbare Menge von Dampfern, welche eine solche Hafenstadt charakterisirt. Ein Kriegsschiff, ein paar kleine Dampfer, einige grosse und unzählbar viel kleine Segelschiffe und Kähne bevölkern den Fluss; da das linke Ufer nur von den Chinesen bewohnt wird, welche zahlreiche Geschäfte (tokos) haben und keine einzige Brücke die beiden Ufer verbindet, so ist es der Kahn, welcher den kauflustigen Menschen und hin und wieder einem der beiden Militärärzte den Verkehr zwischen beiden Ufern vermittelt. Zahlreich sind die Magazine, welche auf dem Wasser in schwimmenden Häusern sich befinden, um von Zeit zu Zeit den Martapurafluss zu verlassen und mit Weib und Kind der Eigenthümer entweder stromaufwärts nach Martapura, der alten Sultan-Residenz, oder stromabwärts in den Baritu mit Dampfbarkassen gezogen zu werden.

Fig. 2. Eine Bekompeyerin.

Fig. 2. Eine Bekompeyerin.

Es ist hier ein Bild en miniature des bunten Lebens in den grossen Hafenstädten von Port Said, Singapore oder Makassar u. s. w.

Die Trachten der Chinesen, Araber, Malayen, Javanen, Dajaker, Bekompeyer, Buginesen und der Europäer geben auch hier ein kaleidoskopisches Bild, und wenn hin und wieder eine bandjeresische Frau auf ihrem Kahne bei uns vorbeifährt, so ist es nur ein neuer Stein in diesem farbenreichen Bild; denn sie hat einen colossal grossen Hut auf dem Kopfe, der sie vor den versengenden Sonnenstrahlen und dem tropischen Regen schützen soll. (Fig. 2.)

Der Ausflug nach der Affeninsel geschah natürlich auch auf einem Kahn und zwar auf dem Canal Kween.

Dieser natürliche Canal ist ursprünglich nur ein Antassan gewesen, d. h. der Strom des Baritu hat sich in dem weichen Boden einen Weg gebahnt und die Martapura erreicht; ich zweifle auch keinen Augenblick, dass dieser Canal in den 18 Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, an Breite, Grösse und Richtung nicht unbedeutende Veränderungen erfahren haben wird. An dem einen Ende dieser Antassans befindet sich die Affeninsel, wohin ich mich begab, beladen mit einem Revolver und mit einer grossen Pisangstaude (Musa sapientium und Musa paradisiaca = Banane).

Ich werde noch Gelegenheit haben, über die Pisang, sowie über Früchte Indiens im Allgemeinen zu sprechen; ich will jetzt nur erwähnen, dass diese eine Frucht ist, welche das ganze Jahr und überall im Archipel gegessen wird, dass es deren zahlreiche Arten giebt — bis zu 50 —, dass der Pisang-Baum auf gleichem Raume 133 mal mehr Nahrungsstoff als Weizen giebt, ja, dass einzelne Autoren selbst von zwei Centnern Früchten sprechen, welche ein einzelner Baum ineinemJahre liefere, dass die Frucht in Gurkenform ein mehliges Fleisch habe von süsslichem, leichtsaurem, adstringirendem Geschmack, und dass Säuglinge genährt werden mit geriebenem Pisang, mit welchem etwas gekochter Reis vermengt ist.

Den Revolver nahm ich mit, weniger aus Furcht, als mit dem Vorhaben, einen Affen zu erlegen. Kaum hatte ich mich der Insel genähert, welche ich wegen niederen Wasserstandes nicht betreten konnte, als die Affen (Cercopithecus cynomolgus), gemeinhin Keesch genannt, in grossen Schaaren ans Ufer kamen; ich glaube wenigstens 50–60 an diesem Tage gefüttert zu haben. Das possirliche Treiben dieser Vierhänder will ich meinen Reisebriefen nicht entnehmen, weil es genug bekannt ist, und weil ich späterhin genug von meinen Orang-Utangs und Gibbon mittheilen werde, welche in meinem Hause frei herumliefen. Als ich jedoch den Revolver zog, um nach den Affen zu schiessen, warnte mich mein Bedienter, dies zu thun, weil ich dann sehr krank werden würde. Ich liess mich nicht davon abhalten, schoss, ohne jedoch einen Affen zu treffen. »Glücklicherweise,« sagte ich, weil ich später gesehen, welche Macht diese eingeborenen Bedienten über ihre Herren bekommen, wenn man nicht vom Anfang an ihren Aberglauben ignorirt. Wenn man nicht vom Anfange an (principiis obsta!) sich auf diesen höheren Standpunkt stellt, ohne darum ihren Aberglaubenzu bespötteln oder zu belächeln; dann wird der Orang baru = homo novus oft in unangenehmer Weiseder Dupeseiner Bedienten, weil sie um jeden Preis ihre Ansichten durchsetzen wollen.

Zwei Beispiele aus meiner Erfahrung mögen dieses genauer illustriren. Ich schenkte einem meiner Freunde einen Beo (Gracula), welcher noch nicht gut sprechen konnte; sein Bedienter erklärte, die Zunge dieser indischen Elster dürfe nur an einem Freitag gelöst werden; ich zuckte die Achseln und bedeutete meinem Collegen, dass ich solche abergläubischen Ansichten principiell nicht befolge; mein College jedoch fand meinen Skepticismus gegenüber dem Mysticismus der Malayen nicht gerechtfertigt, weil Vieles zwischen Himmel und Erde sei, wovon die menschliche Weisheit sich nichts träumen liesse und weil der Bediente als Eingeborener des Landes besser mit der »Natur« des Landes vertraut sei u. s. w. Wie gewöhnlich stand sein Bedienter mit einem wesenlosen Ausdruck neben uns, als ob sein Geist irgendwo im Weltraum schweife, während er factisch, ohne dass es sein Herr wusste, die holländische Sprache gut verstand. Wenigstens ich sah, als mein Freund hierauf erwiderte, er wolle es probiren und denselben Tag dem Beo die Zunge lösen lassen, ein eigenthümliches Lächeln um seine Lippen spielen. Den andern Tag war der Beo — todt. Weniger gleichgültig ist der Aberglaube — in der Kinderpraxis. Die Babus (Dienstmädchen) haben ihre eigenthümlichen medicinischen Erfahrungen und octroyiren sie in geschickter Weise den Müttern, und wird man zu einem kranken Kinde gerufen, so erhält man die abenteuerlichsten Rathschläge. Ist so eine Mutter gewöhnt, jenen absurden Vorschlägen, wie wir sie späterhin kennen lernen werden, nicht principiell entgegen zu treten, oder sie sogar anzunehmen, so fühlt sich die Babu ihrer Rolle sicher und beherrscht die Mutter in fürchterlicher Weise; wird jedoch einmal ihr Rath nicht befolgt, so wird es oft geschehen, dass sie, um Beweise für ihre Ansicht zu bringen, selbst schädliche Medicinen dem Kinde eingeben, oder, wie ich es einmal entdeckte, in Gegenwart der Eltern und des Arztes das Kind in die Hinterbacke zwicken, um es fortwährend schreien und weinen zu lassen.

Am 11. April erhielt ich Marschbefehl und zwar nach Muarah Teweh (0° 5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.

Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefsteStille herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des Panoramas war die majestätische Ruhe.

Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu, wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen, löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte, mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.

Im oberen Laufe des Stromes jedoch verschwinden diese schwimmenden Häuser ganz; nur sehr selten sieht man am Ufer ein Dorf (Kampong) stehen, und ebenso selten sieht man einen vereinzelten Dajaker auf der Fischjagd oder auf dem Wege nach seinem weit jenseits des Ufers gelegenen Kampong. Wenn man die Zahl der Kampongs und der Menschen, welche die Ufer diesesRiesenstromesbewohnen, als Maassstab für die Schätzung der Einwohnerzahl Borneos nehmen wollte, würde das Ergebniss viel zu weit hinter der Wirklichkeit bleiben, obgleich, wie bekannt, das Land sehr schwach bevölkert ist. Die Namen der einzelnen Kampongs und der zahlreichen Nebenflüsse dieses Stromes anzuführen, unterlasse ich gerne im Interesse des Lesers. Aber von drei Nebenflüssen, vom S. Rungan (Nebenfluss des Kahayastromes) und von der Lotongtoor und Teweh, welche sich in den Baritu ergiessen, muss ich doch einiges mittheilen.

Auf dem Ufer des Rungan soll nämlich das Wrack eines chinesischen Schiffes sich befinden. Wir werden im letzten Capitel sehen, dass die Chinesen schon vor 1400 Jahren Borneo, und zwar die Nordküste, besucht haben; aber aus einer viel späteren Zeit stammen die Berichte von einer Einwanderung der Chinesen in den südlichen Theil dieser Insel. Uebrigens ist der grösste Theil des Stromgebietes desFlusses Kahaya im Diluvium gelegen; die Quelle des Rungan liegt jedoch in tertiärer Formation. Wie ist nun dieses chinesische Segelschiff auf die Ufer dieser Nebenflüsse geworfen worden und wann geschah dies?

Wir haben aus jüngster Zeit ein Analogon für einen solchen Fall. Im Jahre 1883 war mit dem Ausbruchs des Krakatau (zwischen Java und Sumatra) ein heftiges Seebeben verbunden, welches den Dampfer »Berouw«, welcher im Hafen vor Telok Betong lag, bis eine Meile weit ins Innere des Landes schleuderte. Das Wrack lag noch im Jahre 1888 so weit von der Küste.

Wer weiss also, wie weit vor 1000 Jahren die Küste Borneos von der heutigen entfernt war?

Der Fluss Lotongtor ist ein historischer Kampong am gleichnamigen sehr kleinen Nebenfluss oder vielmehr Antassan zwischen den Flüssen Montalat und Teweh. Hier liegt nämlich das Wrack von dem Kriegsschiff »Ourust«, welches im Jahre 1859 von den Dajakern überfallen und dessen ganze Bemannung bis auf einen javanischen Bedienten niedergemacht wurde, welcher die Trauermähr nach Bandjermasing brachte.

Den Fluss Teweh nenne ich, weil auf seinem rechten Ufer ein Fort stand, Namens Muarah Teweh, in dem ich drei Jahre lang in Garnison lag, und weil dieser Nebenfluss auf der Wasserscheide entspringt, zwischen den Strömen der Ostküste und den Nebenflüssen des Baritu, so dass im Jahre 1880 der Sultan von Kutei und der dänische Forscher Bock diesen kleinen Bergrücken überschreiten und auf dem Teweh in den Baritu sich abtreiben lassen konnten, wo sie ein Regierungsdampfer erwartete und nach Bandjermasing bringen konnte. Das Fort lag damals im Winkel, welchen das rechte Ufer der Teweh mit dem linken Ufer des Baritu bildet; später wurde es verlegt nach dem linken Ufer der Teweh, und heute steht es am rechten Ufer des Bantu, direkt gegenüber der Mündung (Muara) dieses Flusses. Seine Kanonen bestreichen also die ganze Breite des Baritu, welche ich seiner Zeit auf 400 Meter berechnete, und den untern Lauf der Teweh. Im Jahre 1877 befand sich dort nur ein Fort mit 3 Officieren und ungefähr 100 Mann; heute residirt dort nebstdem ein Assistentresident (= Bezirkshauptmann), ein Postbeamter und ein Schreiber. Wie lange wird es dauern, dass auch ein Schullehrer und ein Notar sich in Teweh ansiedeln?

Während der Fahrt nach Teweh beschäftigte ich mich unter anderem auch mit dem Trinkwasser unseres Regierungsdampfers, welches in Bandjermasing an Bord gebracht worden war.

Prof. Robert Koch hat am 9. Juni 1898 in der Colonialgesellschaft zu Berlin einen Vortrag über Malaria gehalten, in welchem er einige Axiome aufstellte, welche in ihrer Allgemeinheit nicht von mir und wahrscheinlich auch von keinem andern Praktiker unterschrieben werden können: 1) Das Ueberstehen der Krankheit verschafft eine gewisse Immunität (?); 2) Chinin, zur rechten Zeit gegeben, heilt die Malaria (?); 3) die Uebertragung der Malaria findet weder durch dieLuft, noch durchdas Wasserstatt (?) u. s. w. Im zweiten Theil werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen; aber andieserStelle muss ich meine warnende Stimme erheben, auf Grund dieser Theorien Maassregeln zu nehmen;denn Luft und Wasser sind Vermittler der Malaria!!

Das Trinkwasser ist für Bandjermasing eine Lebensfrage in erster Reihe, weil die Stadt zum Inundationsgebiet gehört, welches täglich unter dem Einflusse der Ebbe und Fluth steht. Es existiren keine Brunnen mit trinkbarem Wasser. Es wird also das Wasser gebraucht, welches während der Ebbe der Martapurafluss führt, an dem die Stadt liegt. Abgesehen davon, dass dieses Flusswasser sehr verunreinigt ist, weil zahlreiche Antassans und kleine Nebenflüsse noch im Bereiche des Inundationsgebietes liegen, ihr Wasser dem Baritu zuführen und somit gesundheitsschädliche Bestandtheile enthält, so geschieht es in trockenen Monaten oft, dass der Wasserstand so niedrig ist, dass zur Zeit der Ebbe ein Theil des Meerwassers zurückbleibt und zur Zeit der Fluth noch vermehrt wird. In solchen Monaten wird in grossen eisernen Kähnen das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen der Martapura zugeführt, wo sich der Einfluss der Fluth nicht mehr fühlbar macht. Natürlich bleibt ein solches Wasser immer mehr oder weniger gesundheitsschädlich. Wir haben ein sehr gutes Mittel, jedes ungesunde Wasser von den pathogenen Bacterien zu befreien. Aber — es ist zu einfach und kann darum (?) natürlich keinen allgemeinen Gebrauch finden?! Gegen die groben Verunreinigungen des Wassers werden grosse Filtrirsteine gebraucht, welche aus Sandstein in der Nähe Surabayas (Java), in Grissé gewonnen werden. In diesen kegelförmig ausgehöhlten Sandstein werden Holzkohle und Kieselsteine gelegt und das Wasser fällt, von den groben Verunreinigungen befreit, tropfenweise in den darunter stehenden Topf. Wegen der zahlreichen chemischen Verunreinigungen geben einige ins Wasser Eisenchlorid und Soda. — Die bacteriologischeUntersuchung eines Wassers, welches auf diese Weise gereinigt ist, liess vieles, wenn nicht alles, zu wünschen übrig. Alle möglichen Filtrirapparate wurden also aus Europa bestellt — es wäre zu viel, um sie alle bei Namen aufzuführen — und alle entsprachen mehr oder weniger, d. h. die bacteriologische Untersuchung des Wassers, nach diesem letzten Filtrirungsprocesse, brachte mehr oder wenigernichtpathogene und sehr selten pathogene Bacterien zu Tage. Im Vertrauen auf die bacteriologische Untersuchung versäumten nun die meisten das einzige richtige Mittel, um Wassersicherundzweifellosvon pathogenen Bacterien zu befreien und zwar, es bis zur Siedhitzezu kochen, zum Nachtheile ihrer und ihrer Angehörigen Gesundheit. Wenn in einem Orte die Cholera epidemisch ausbricht, da treibt eine Jagd nach Filtrirapparaten die Preise in die Höhe; aber dass auch die Malaria, diese epidemische Pest einzelner Orte, gleicherweise durch das Trinkwasser verbreitet werden könne und verbreitet wird, daran denkt niemand; ja noch mehr, es wird von manchen Aerzten für unwahrscheinlich gehalten. Ich will nicht diesbezüglich die Literatur über dieses Thema in den Rahmen dieser Causerie hineinziehen, aber ich will nur zwei Thatsachen zur Unterstützung dieser meiner Behauptung anführen. Vor zwanzig Jahren hatte Semarang (auf der Nordküste Javas) kein artesisches Wasser und war berüchtigt durch seine schweren Malariaformen. Ist nicht nach dem Einführen der artesischen Brunnen Semarang bedeutend gesunder geworden? Hat sich dieser günstige Einfluss nicht auch auf die Zahl und Intensität der Malariafälle erstreckt? Während der letzten zehn Jahre rieth ich meinen Patienten und meinen Freunden, überall und immer nur gekochtes Wasser zu trinken. Ist es wirklich nur Zufall, dass alle, welche diesen Wink befolgten, seither vom Fieber befreit blieben, obzwar darunter Familien vorkommen, welche in Tjilatjap, dem grössten Malariaherde Javas, gelebt und das Fieber s. Z. acquirirt hatten. Um nur von zwei solchen Familien zu sprechen: sie nahmen nach dieser Zeit niemals Chinin, und doch sind sie seither befreit von Fieberanfällen, während es bekannt ist, dass Menschen, welche von der Malaria heimgesucht wurden, oft jahrelang noch einzelne Fieberanfälle bekommen, auch nachdem sie die Malariagegend verlassen haben. Ich wage es also zu behaupten, dass alle anderen Filtrirapparate überflüssig und selbst schädlich sind; dass die bis jetzt üblichen Filtrirsteine zweckentsprechend sind, wenn das Wasser zu gleicher Zeit bei einer Temperatur von 100–120° wenigstens ¼ Stunde langgekochtwird. Im Allgemeinen wird es hinreichen, erst das Nutzwasserdurch den Filtrirstein laufen zu lassen und darnach zu kochen, manchmal jedoch wird es besser sein, mit dem Kochen anzufangen und zwar bei dem grauen Wasser, welches reich an pflanzlichen Verunreinigungen ist. Oft wurde mir auf meinen Rath eingewendet, dass das Trinkwasser durch das Kochen seinen erquickenden Geschmack verliere. Das ist richtig; aber diesem Mangel ist abzuhelfen, z. B. durch ein Stück Kunsteis, welches natürlich ausdestillirtemWasser bereitet sein muss, oder durch Hinzufügen von Thee, Brandy u. s. w. Es kann das Trinkwasser auch in einem Kübel mit Eis frappirt werden und erhält dann auch einen angenehmen Geschmack. Durch das Kochen des Wassers wird auch der Gebrauch der Mineralwässer überflüssig. Diese werden mit mehr oder weniger Recht häufig gebraucht, und besonders das Apollinariswasser hat in den letzten Jahren eine starke Verbreitung gefunden. Es ist reich an Kohlensäure, und zwar ist eskünstlichdamit imprägnirt. In Indien giebt es zahlreiche Fabriken von Mineralwässern, und ihre Producte werden auch gerne von den Chinesen und den Halbeuropäern wegen ihres niederen Preises gekauft; sie haben jedoch immerhin einen gewissen schalen Beigeschmack, und man ist nicht sicher, ob das Wasser einer genügend reinen Quelle entnommen ist. Ich glaube nicht, dass immer destillirtes Wasser zur Fabrikation dieser künstlichen Mineralwässer verwendet wird, und in diesem Falle sind die Apollinaris, Krondorfer, Giesshübler u. s. w. gewiss vorzuziehen. Wer die Bedeutung eines guten Trinkwassers im Auge hält, wird mir gewiss verzeihen, wenn ich so lange bei diesem Gegenstande verweilt habe; denn es ist eine Lebensfrage für alle Länder und am meisten für Indien, wo auf der einen Seite wegen der starken Transpiration mehr als in Europa getrunken wird, und andererseits die Beschaffung von gutem Trink-, Koch- und Waschwasser schwierig, oft unmöglich ist. Die Flüsse im alluvialen Boden sind durch die Fäcalien der Menschen, durch anorganische Stoffe und durch die ungeheuren Massen faulender Pflanzen und Thiere stark verunreinigt. Die Flora und Fauna ist ja in den Tropen üppig. Neben den Riesen des Waldes aus der Thier- und Pflanzenwelt ist ja das Reich der Mikroorganismen noch riesenhafter. Das Wasser der Brunnen hat ja oft eine kleine Menagerie, wie van der Burg erzählt, von Terpsinoe, Melosira, Arcella, Cypris, Synedra, Navicula u. s. w., und oft genug findet man selbst makroskopisch im filtrirten Wasser munter herumschwimmende Ungeheuer. In solches Fällen gebraucht man daher aufgefangenes Regenwasser, welches jedoch ebenfalls filtrirt und gekocht werden muss. Vielfach wurde der Gebrauch des Eisesangefeindet; alle möglichen Krankheiten des Magens und selbst der Magenkrebs wurden ihm zugeschrieben, aber, wie ich glaube, mit Unrecht. Eingeborene wie Europäer lieben (mit Recht) den kühlen Trank, weil sie viel kleinere Quantitäten zum Löschen des Durstes nöthig haben, und weil der Durst durch kaltes Wasser intensiver gelöscht wird als durch laues Wasser. Vielleicht ist die Einführung des Eises selbst eine Wohlthat zu nennen, denn seit dieser Zeit wird viel weniger Alkohol consumirt als früher. In früheren Jahren wurde Natureis von Amerika und selbst von Schweden eingeführt und war das Eis um einen billigen Preis nur in einzelnen Hafenplätzen zu bekommen; auch die ersten Eisfabriken wurden nur in den grossen Hafenstädten errichtet. Als ich im Jahre 1882 in Telok-Betong (Südküste von Sumatra) in Garnison lag, liess ich gemeinschaftlich mit einigen Herren von Batavia Eis kommen; es kam jedoch durch Schmelzen der Preis in Telok-Betong auf 25 Kreuzer das halbe Kilo, so dass wir von diesem Luxusartikel sehr bald absehen mussten, abgesehen davon, dass nur jede Woche einmal ein Boot zwischen diesen beiden Städten verkehrte. In früheren Zeiten, d. h. als die Eisfabriken noch nicht bestanden, hatten sehr viele Menschen im Innern des Landes, wohin das Natureis nicht transportirt wurde, kleine Maschinen für 60–100 Fl., in welchen durch Luftverdünnung kaltes Wasser gemacht wurde. Noch muss ich erwähnen, dass in hoch gelegenen Gegenden das Eis für den täglichen Gebrauch beinahe entbehrlich ist, weil das gewöhnliche Trinkwasser oft nicht mehr als 18–20° C. hat und bei dieser Temperatur erfrischend ist, und dann, dass von jeher irdene Krüge im Gebrauch sind (Gendis), in welchen das Wasser bewahrt wird und davon eine angenehme kühle Temperatur behält, weil der poröse, nicht glasirte Krug das Wasser verdunsten lässt, womit eine Herabsetzung der Temperatur verbunden ist.


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