10. Capitel.

10. Capitel.

Geographie von Borneo — Reise des dänischen Gelehrten Dr. Bock — Besteigung des Berges Kinibalu — Die Syphilis in Indien — Beschneidung.

Dr. Posewitz, welcher mein Nachfolger in Buntok wurde, hat nicht nur die Geologie der Insel Borneo ausführlich beschrieben, sondern auch mit gründlichem Fleisse die Namen aller Gelehrten gesammelt, welche sich mit der Ethnographie, Geographie und allen verwandten Wissenschaften dieser Insel beschäftigt haben.

Ob aber die Karte von Borneo in dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff, welcher in den Jahren 1883–1885 verfertigt wurde, sich auch auf die UntersuchungendiesesGeologen basirt, ist mir nicht bekannt; auch kenne ich die Quelle nicht, welcher diese beiden Kartographen die Höhenangaben der einzelnen Berge von Borneo entnommen haben.

Borneo zerfällt in drei Theile: 1. Der Süd-Osten Borneos, dessen Grenze im Norden der Gebirgszug ist, welcher von der nördlichsten Spitze zur Westküste parallel mit der Nordküste zieht, im Westen der »westliche Theil« von Borneo, im Süden die Javasee und im Osten die Strasse von Makassar. Das Innere und der Süden des Landes, welcher früher das Bandjermasingsche Sultanat genannt wurde, ist seit dem Jahre 1864 direkter holländischer Besitz, während die Ostküste aus einzelnen kleinen Staaten[37]besteht, welche unter malayischen Fürsten in grösserem oder kleinerem Maasse die Souveränität der holländischen Regierung anerkannt haben. Der mächtigste und einflussreichste dieser Fürsten ist der Sultan von Kutei.

2. Die »westliche Hälfte« der Insel mit der Hauptstadt Pontianak ist ebenfalls im Besitze der Holländer.

3. Der Norden Borneos steht unter englischer Oberherrschaft und besteht aus den Staaten Saba, Brunei und Serawak mit der Insel Labuan.

Die triangularische Aufnahme dieser Insel hat sich bis jetzt auf die der Küste beschränkt, während die anderen Inseln des indischen Archipels so ziemlich genau schon bekannt sind. So ist z. B. die triangularische Aufnahme der Insel Sumatra im 1. Grad und die von Java schon seit langer Zeit im 2. Grad vollendet. Wann es möglich sein wird, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche mit einer triangularischen Aufnahme von Borneo verbunden sind, lässt sich natürlich heute nicht feststellen.

Der Lauf der Flüsse wird von den europäischen und eingeborenen Beamten aufgenommen, wenn sie auf ihren Kähnen das Land durchziehen. Natürlich hat diese Aufnahme nur dann einen dauernden Werth, wenn es sich um den Lauf der Flüssejenseitsdes angespülten Landes handelt; denn im Alluvium und im Diluvium ist das Bett der Ströme ein ewig wechselndes.

Der Lauf der Gebirge hat die Form einer Gabel mit vier Zinken, und es hat also Borneo eine vierfache Wasserscheide, und zwar mit sehr grossen Strömen. Die bedeutendsten Flüsse dieser Insel sind folgende: An der Nordküste der Rajang- oder Redjangfluss, der Beram- und der Bruneifluss. An der Ostküste münden der Kinabalang-, Bulangan-, Mahakam- und der Pasirfluss. In die Javasee ergiessen sich der Baritu, Kapuas Murong (= kleiner Dajakfluss) und Kahajan (= grosser Dajakfluss), welche nicht weit von der Mündung ineinanderströmen und zwei Inseln bilden, und zwar die Inseln (Pulu) Petak und Kupang; nebstdem wären an der Südküste noch erwähnenswerth die Flüsse Katingan-, Sampit- und Pembuasfluss (Fig. 8). An der Westküste ist der Kapuas der einzige bedeutende Fluss, welcher mit zahlreichen Kanälen und Armen sich in die Karimatastrasse ergiesst.

Was die Orographie dieser Insel betrifft, so lässt sie noch viel zu wünschen übrig; nur von einzelnen Bergen ist die Höhe bekannt. So z. B. sollen im Osten der Insel die Berge Melihat und Beratusungefähr1000 Meter hoch sein, während in der Nähe der Nordküste (116° 30′ O. L. und 6° N. B.) der Kinibalu eine Höhe von 4170 Meter haben soll.

Es sind, wie oben erwähnt wurde, vier Gebirgszüge, welche Borneo durchziehen. Der erste beginnt von der nördlichsten Spitze und zieht beinahe parallel zur Nordküste nach Westen und bildet theilweise mit seinem Bergrücken die Grenzlinie zwischen Serawak und dem holländischen Borneo. Der zweite Gebirgszug zieht nach dem Südwestenund ist die Grenze zwischen dem westlichen und südöstlichen Theil von Borneo. Der dritte geht beinahe in senkrechter Linie nach Süden und der vierte in einer concaven Linie nach dem Südosten der Insel und scheidet die mehr oder weniger abhängigen Staaten mit eigenen Fürsten von dem ehemaligen Bandjermasingischen Reiche.

Der höchste Berg der Insel ist der bereits erwähnte Kinibalu, der durch seine Lage in der Nähe der Nordküste den Seefahrern nach China und Java hinreichend bekannt ist; auf der Westseite hat seine Spitze die Form eines abgestumpften Kegels.

Schon vor 40 Jahren, und zwar im Jahre 1858, wurde die Besteigung desselben versucht, und zwar von zwei Seiten. Die erste Expedition wollte die Quelle des Tampasuk aufsuchen und von dort aus den Gipfel erreichen (April 1858). Längs dieses Flusses drang man vorwärts; »die Schwierigkeiten waren nicht geringer Natur, denn bald war der Fluss zu durchwaten, bald ging es über zerbröckelte Granitfelder, bald durch Urwälder. Tief hatte der Strom und seine zahlreichen Nebenflüsse den Boden durchwühlt; Landstürze und Erdrutsche bedrohten die Reisenden von allen Seiten, und selbst ungeheure Granitblöcke, die ursprünglich auf dem Gipfel des Berges gelegen haben mochten, waren durch die Gewalt des Wassers weit ins Land hineingeführt. Nach den starken wolkenbruchartigen Regengüssen, die im Innern Borneos keineswegs zu den Seltenheiten gehören, steigen die wilden Ströme oft binnen wenigen Stunden 50 Fuss hoch und reissen dann mit unwiderstehlicher Gewalt Alles, was ihnen in den Weg kommt, selbst die schwersten Felsmassen, wie leichte Spielbälle mit sich fort. Die von ihnen weggeschwemmte Erde wird lange Zeit im Wasser schwebend erhalten und erst an den Küsten abgesetzt, wo sie dann den fruchtbaren Alluvialboden bilden hilft.«

»Die Natur an den Abhängen des Kinibalu ist ungemein reich, namentlich wachsen hier die schönen Nepenthes-Arten und rothe, gelbe oder violette Alpenrosen. Die Kälte nimmt zu, je näher man dem Gipfel kommt, und als die Reisenden die zweite Nacht nach ihrem Aufbruche in einer Höhle zugebracht hatten, fanden sie am andern Morgen alle Gebüsche mit Reif überzogen. Auf die Rhododendron-Büsche folgte nacktes granitisches Gestein, und aus diesem erhob sich, 3000 Fuss hoch, noch fast senkrecht ansteigend, der Gipfel des Berges. Hier und da strömten kleine Wassergerinnsel über den Granit, und kleines Strauchwerk wuchs spärlich in den geschützten Winkeln der Felsvorsprünge. Da die Felsen fast unter 40° ansteigen, so versuchteSpencer St. John (dies ist der Name des kühnen Gelehrten), die Ersteigung mit wollenen Strümpfen durchzusetzen; diese zerrissen jedoch bald, und seine Füsse begannen zu bluten. Ausser einigen Moosen und Gräsern wuchs an dieser Stelle nichts weiter.« (Friedmann.)

Die zweite Expedition, welche einige Monate später erfolgte, war aus denselben Ursachen nicht glücklicher. Sie folgte dem Lauf des Flusses Tawaran (auf der Westseite des Berges), ohne die Quelle dieses Flusses zu finden oder den Gipfel des Berges zu erreichen.

Wenn auch im letzten Capitel die Geschichte der südöstlichen Hälfte Borneos mitgetheilt und es unvermeidlich sein wird, einige Namen von Städten, Bezirken und kleinen Reichen anzuführen, so glaube ich doch, an dieser Stelle mich nicht mehr, als gethan ist, mit der Geologie, Hydro- und Orographie des Landes beschäftigen zu müssen, weil jeder, der sich dafür interessirt, in Dr. Posewitz’s Geologie von Borneo eine reiche Quelle findet, aus welcher er nicht nur alles findet, was die Geologie des Landes betrifft, sondern auch eine übersichtliche Angabe aller Reisenden, welche diese Insel auch im Interesse anderer Wissenschaften durchzogen haben.

Die südöstliche Hälfte Borneos wurde bis jetzt nur von einer kleinen Anzahl von Gelehrten durchforscht. Der erste war ein Sergeant der indischen Armee, Namens F. J. Hartmann, welcher im Jahre 1790 den Baritustrom bereiste, und der letzte war Dr. Bock, ein dänischer Gelehrter, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes, und zwar im Jahre 1879, mit dem Sultan von Kutei die Reise durch das Innere des Landes anfing und den letzten Theil allein zurücklegte. Der bedeutendste Forscher jedoch war Schwaner, welcher in den Jahren 1844 bis 1847 Borneo vom Süden nach dem Westen durchzog und geradezu ein standardwork über die Ethnographie der Dajaker schrieb, welches jedoch leider in vielfacher Richtung schon veraltet genannt werden muss. Uebrigens haben auch G. Müller 1825, Hallewyn 1824–25, Dalton 1827, Henrici 1831, S. Müller, Horner und Korthals 1836–39, Heinrich von Gaffron (gleichzeitig mit Schwaner) und Dewall 1846 bis 1849 zur Erforschung dieses Theiles von Borneo bedeutende Beiträgegeliefert,[38]welcher 361653 ☐kmeter gross ist und im Jahre 1883 645772 (??) Einwohner zählte.

Wie erwähnt, zog Dr. Bock im Jahre 1880 mit dem Sultan von Kutei (Ostküste von Borneo) von der Hauptstadt dieses Reiches, Samarinda, über Land nach Bandjermasing.

So manchem Leser wird es aufgefallen sein, dass ich constant von Bandjermasingschreibe, während die meisten Reisenden, und auch der erwähnte grosse Atlas von Stemfoort und ten Siethoff, der Hauptstadt des südöstlichen Borneos den Namen Bandjermasingeben. Für meine Schreibweise habe ich jedoch eine historische und etymologische Rechtfertigung.

In vielen alten Handschriften wird von dem Lande von Banjermasinghgesprochen. So z. B. schreibt die »hohe indische Regierung« in ihrem Briefe vom 25. Februar 1660 an den »Kaufmann« Dirk van Lier: »Omdat het land van Banjermasinghgroote Quantiteit pepers jaarlijks mitgeven kann .... dat zij zich vermeten hebben Oud-Banjermasingh...« Auch der bekannte Reisende Valentyn schreibt den Namen mit einem gh am Ende.[39]

Der Name Bandjermasing wird aber auch dem Barituflusse gegeben. Dies ist jedoch ganz unrichtig. Die Stadt Bandjermasing liegt nämlich gar nicht an den Ufern dieses Stromes, sondern an seinem Nebenflusse Martapura. Auch die Dajaker nennen diesen Strom niemals Bandjermasing, sie sprechen nur von einem Baritu- oder Dussonflusse. Von der Mündung bis ungefähr zum Kampong Baru (1° 20′ S. B.) nennen sie ihn den Baritustrom; von hier aus bis zum Nebenflusse Montalat (0° 35′ S. B.) führt er den Namen Dusson ilir = unterer Dusson, und Dusson ulu = oberer (Lauf des) Dusson heisst er bis zur Vereinigung der Belatong- und Murongflüsse (0° 45′ N. B.), welche für die Quellen dieses mächtigen Stromes gehalten werden.

Wenn ich mit einigen Zeilen das Werk des dänischen Dr. Bock »Unter den Kannibalen auf Borneo«, oder vielmehr seine Reise vom Osten nach dem Süden der Insel Borneo bespreche, leiten mich mancherleiMotive. Wenn er z. B. im 21. Capitel schreibt: »Was die Sittlichkeit betrifft, so bin ich geneigt, den Dyaks eine hohe Stufe der Civilisation zuzugestehen,« so fehlt mir jedes Verständniss für diese Phrase.

Ich weiss, dass Dr. Bock nur kurze Zeit auf Borneo geweilt hat, dass Dr. Bock wie alle andern Reisenden nur ein Ziel kannte: In möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen; dass Dr. Bock zur Erwerbung ethnographischer Thatsachen nur die Mittheilungen seiner Dolmetscher oder Führer benutzen konnte; Dr. Bock konnte also gar nicht in die Tiefe der Sitten und Gebräuche der Eingeborenen eindringen, und doch — fällt er ein Urtheil. Ja noch mehr. Vom 16. Juli 1879 bis 3. März 1880 war er auf Borneo, hörte in Teweh, dass sich in Buntok ein Arzt befinde, der sich mit dem Sammeln von Fischen und Schlangen beschäftige und tausende und tausende Käfer bereits nach Europa gesendet hatte u. s. w. Am helllichten Tage zog er mit seinem Kahn bei Buntok vorbei und fand es nicht der Mühe werth, diesen Collegen aufzusuchen und seine Sammlungen anzusehen, obzwar dieser drei Jahre lang an der Mündung des Teweh gewohnt hatte und gewiss mehr als er (Dr. Bock) Gelegenheit hatte, ein Urtheil über die Fauna von Borneo sich anzueignen. Ich kenne die Ursachen dieser beschleunigten Rückreise nach Bandjermasing; ich kann sie aber nicht billigen.

Nachdem Dr. Bock seinen Ausflug zu den O. Punang beendigt hatte, und zwar, indem er den Mahakamfluss und seine Nebenflüsse Telen und Klintjoû stromaufwärts mit Kähnen gefahren war, war er nach Samarinda zurückgekehrt, um mit dem Sultan von Kutei die Reise nach dem Strome Baritu über Land zu machen. Er zog noch einmal den Mahakamfluss stromaufwärts bis zum Semajangsee, den er, wie auch den folgenden Djempangsee, mit einem Kahn befuhr, und auf dem Lawafluss kam er in die Wasserscheide des östlichen Gebirgszuges. Eine kurze Strecke mussten sie zu Fuss das Gebirge überschreiten, um in dem Renangonfluss, welcher ein Nebenfluss des Teweh ist, wieder mit Kähnen die Reise fortsetzen zu können.

Das Reisetempo des Sultans war ihm jedoch zu langsam, so dass er sich entschloss, seinen Reisebegleiter zu verlassen, und allein Teweh erreichte, wo sich bereits ein holländisches Kriegsschiff befand, um ihn und den Sultan von Kutei cito et jucunde nach Bandjermasing zu bringen.

Warum Dr. Bock in der Einsiedelei dieses Ortes, welcher kurzvorher von uns verlassen war, auf dem Kriegsschiffe seine Aufwartungnichtmachte, weiss ich nicht. Als jedoch zwei Tage später der Sultan ankam und am Bord des Kriegsschiffes festlich empfangen werden sollte, schloss sich Dr. Bock uneingeladen dem Zuge an, und zwar in Reisetoilette. Der Officier, welcher an der Falltreppe die Gäste empfing, glaubte ihn zurückweisen zu müssen. Dies kränkte Dr. Bock mit mehr oder weniger Recht so sehr, dass er ans Land ging und sofort sans adieu Teweh verliess und fünf Tage und Nächte in seinem Kahne nach Bandjermasing reiste, ohne andere Lebensmittel als Reis bei sich zu haben.

Diese Details dieser übereilten Reise des Dr. Bock erfuhr ich später von dem Häuptlinge Dacopundvon dem Seeofficier, welcher bei dem festlichen Empfang des Sultans von Kutei »du jour« gehabt hatte.

Als Dr. Bock auf seiner Eilfahrt nach Bandjermasing mein Haus in Buntok passirte, war es 5 Uhr Nachmittags, und ich sass in der Vorderveranda, meinen Thee zu trinken. Neben mir wohnte der Controleur der Abtheilung, und vor seinem Hause stand ein Polizeimann auf der Wache. Als dieser einen Kahn mit der holländischen Fahne vorbeifahren sah, rief er sein »Werda« zu und bekam zur Antwort: Tuwan blanda = ein holländischer Herr. So räthselhaft mir und den übrigen Officieren die Reise eines Tuwans auf einem Kahne sein musste, während ein Kriegsschiff, wie wir wussten, sich bei Teweh befand, so wenig liess sich daran etwas verändern, weil der Kahn die holländische Fahne führte und nebstdem mit grösster Eile fortgefahren war.

Ich kann also die Bemerkung nicht unterdrücken, dass ich es wohl verstehe, wenn Dr. Bock sich gekränkt oder beleidigt fühlte, dass er mit dem Kriegsschiffe, auf dessen Boden er beleidigt wurde, nicht die Reise machen wollte; es ist mir aber nicht verständlich, dass er darum nicht in Buntok Halt machte, um die einzigen Europäer dieser Gegend aufzusuchen, und meine Sammlung von Fischen, Schlangen, Käfern, Insecten und Thierfellen zu besichtigen, von welcher ihm der Häuptling Dacop, wie ich später erfuhr, ausführliche Mittheilungen gemacht hatte.

Dr. Bock ist Zoologe; er hätte bei mir so manches Neue und Unbekannte sehen können, wie z. B. die nach mir benannte PythonBreitensteini,[40]Parachella Breitensteini[41]und Breitensteinia insignis,[42]und doch liess er sich diese Gelegenheit entgehen, sein Wissen von der Fauna Borneos zu bereichern!

Aber auch als Ethnograph hat, wie schon oben erwähnt, Dr. Bock durch seinen kurzen Aufenthalt auf Borneo der Wissenschaft nur schlechte Dienste geleistet; er hat nur weniges gesehen und zu viel den Mittheilungen seiner Führer vertraut, welche oft nicht einmal der Sprache der Gegenden mächtig waren, welche sie im Fluge durchreist hatten.

Während meines Aufenthaltes in Teweh und Buntok hatte ich nur wenig Material für das Studium der Magen-, Leber- und Darmkrankheiten, welche in den Tropen so häufig beobachtet werden, weil beinahe niemals die Eingeborenen bei solchen Krankheiten meine Hülfe in Anspruch nahmen; aber auch von der Syphilis sah ich viel weniger Fälle, als ich erwartet hatte. Es giebt ja einige Autoren, welche nach Indien die Heimath der Syphilis verpflanzen wollten. InBorneofand ich sie (d. h. die Heimath der Syphilis) damals ebenso wenig, als später auf Sumatra und Java.

Wie ich schon früher mittheilte, mochte ich mir über diese Frage ein Urtheil erlauben, weil ich mit den Dajakern mehr als jeder andere Officier oder Beamte verkehrte; ich wurde zu allen ihren Festen eingeladen, bei einzelnen Krankheitsfällen wurde von meiner ärztlichen Kunst Gebrauch gemacht, und durch meine Dilettantenarbeiten im Ausstopfen und Sammeln der Thiere kam ich ebenfalls vielfach mit diesen primitiven Menschen in Berührung.

Als im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang nach Teweh kam, suchte ich bei und von ihm die Lösung aller offenen Fragen zu finden, z. B. die Existenz von Vulkanen in Borneo und die der Elephanten und Schwanzmenschen; am wichtigsten war mir jedoch die Frage, ob unter den Waldmenschen (Olo-Ott) die Lues vorkäme, und ob die venerischen Erkrankungen ebenso häufig als im übrigen Theile des indischen Archipels bei den Urbewohnern Borneos beobachtet werden.

Wenn ich auch seinen Mittheilungen keinen höheren Werth beimessen will, als sie eben verdienen, so muss ich doch mittheilen:Borneo ist nicht die Heimath der Syphilis, und die auf dieser Insel jetzt vorkommenden Luesfälle sind ein Importproduct der Europäer. Aber auch auf den Inseln Sumatra und Java ist die Syphilis (ich spreche nur vondieserund nicht von den sogenanntenvenerischenKrankheiten) von den Europäern eingeführt worden, wie ich in der W. M. P. im Jahre 1884 und in der B. K. W. im Jahre 1886 nachzuweisen mich bemühte.

Ich schrieb damals:

»Genau so weit als die Europäer in Indien vordringen, findet sich die von ihnen verstreute Aussaat der Syphilis. In neuester Zeit konnte man dies in Deli (Ostküste von Sumatra) Schritt auf Schritt verfolgen.

Swediaux, Beckmann und Andere behaupten zwar in Ostindien den Ursprung der Syphilis gefunden zu haben; es ist aber unbegreiflich, in dem Mythus vom Lingamdienste (= Venusdienst) auch eine Schilderung syphilitischer Krankheiten lesen zu können. Sonnerat (Voyage aux Indes I. Band) erzählt uns diese folgendermaassen:

»Die Büsser hatten durch ihre Opfer und Gebete grosse Gewalt erlangt; aber ihre und ihrer Frauen Herzen mussten stets rein bleiben, wenn sie sich in dem Besitze derselben erhalten wollten. Siva hatte aber die Schönheit dieser rühmen gehört und fasste den Entschluss, sie zu verführen. Zu diesem Zwecke nahm er die Gestalt eines jungen Bettlers von vollkommener Schönheit an, hiess den Vishna sich in ein schönes Mädchen zu verwandeln und sich an den Ort begeben, wo sich die Büsser aufhielten, um sie in sich verliebt zu machen .....Ihre Leidenschaften nahmen dadurch noch mehr zu; am Ende schienen sie ganz leblos, und ihre schmachtenden Körper glichendem Wachs, das in der Nähedes Feuers schmilzt.« Bei diesem bilderreichen Satze kann man nur an eine Erschöpfung durch übermässigen Geschlechtsgenuss denken. Dies ist ersichtlich aus dem weiteren Verlaufe: »Siva selbst begab sich an den Wohnort der Frauen. Wie Bettler trug er in der einen Hand eine Wasserflasche und sang dabei, wie diese zu thun pflegen. Sein Gang war aber so entzückend, dass sich alle Frauen um ihn versammelten, worauf sie durch den Anblick des schönen Sängers erst völlig in Verwirrung geriethen. Diese war bei einigen so gross, dass sie ihren Schmuck und ihre Bekleidung verloren und ihm im Gewande der Natur folgten, ohne es zu bemerken. Nachdem er das Dorf durchzogen hatte, verliess er es, aber nicht allein; denn alle folgten ihm in ein benachbartes Gebüsch,wo er von ihnen erhielt, was er wünschte. Bald darauf wurden die Büsser gewahr, dassihre Opfer die vorige Kraft nicht mehr hatten, dass ihr Vermögen nicht mehr dasselbe, wie ehedem.«

Die Rache, die dafür die Fakire nahmen, war fürchterlich; ihre vereinigten Gebete und Büssungen »gingen wie eineFeuerflamme aus und ergriffen Siva’s Zeugungstheile und trennten sie von seinem Körper. Erzürnt über die Büsser, nahm sich nun Siva vor, die ganze Welt damit in Brand zu setzen .......« Wenn man selbst mit europäischer Anschauung diesen Satz kritisch beleuchtet, könnte man höchstens an einen phagedänischen Schanker denken, aber noch lange nicht an das Krankheitsbild der Syphilis. Auf den Inseln des indischen Archipelagos, von denen hier die Rede sein wird, findet man überall Spuren des altindischen Glaubens und seiner Sitten und Gebräuche, und auf Sumatra z. B. kann man doch nur, wie oben erwähnt, deutlich die Syphilis den Europäern bei ihrem Eindringen ins Innere folgen sehen, ohne die Syphilis dort heimisch zu finden. Was die indische Regierung dagegen thut, ist mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse bitter wenig;[43]sie nimmt sich eben nur europäische Verhältnisse als Muster und vergisst, dass gerade der Unterschied in den politischen Verhältnissen mehr Mittel zur Abwehr der Verbreitung dieser Seuche an die Hand giebt in Indien als in Holland, abgesehen davon, dass duo si faciunt idem, non est idem. Die autokratische Regierungsform durch das Intermedium der eingeborenen Fürsten macht Manches möglich, was die individuelle Freiheit in Holland zurückweisen würde. Im Jahre 1883 z. B. wohnte ich den Schiessübungen der Artillerie in der Preangerregentschaft bei. Beinahe täglich bekam ich neue Fälle von venerischen oder syphilitischen Erkrankungen. Die Quelle dieser Erkrankungen war mir bekannt. In der Nähe des militärischen Terrains befand sich ein kleiner Kampong (Dorf) von ungefähr 20 Hütten, in denen die Priesterinnen der Venus vulgivaga wohnten. Darüber erstattete ich dem Residenten dieser Abtheilung Bericht und machte auf die unvermeidlichen Folgen aufmerksam. Sofort erhielt ich zur Antwort, dass der Regent (der eingeborene Fürst) die nothwendigen Schritte thun werde, um meine Vorschläge zur Ausführung zu bringen. Diese waren in der Hauptsache folgende: »Die »Prostituées« jede Woche zur Visitation mir vorführen zulassen, um die Erkrankten sofort ins Spital zu Bandong senden zu können, weil der dortige Bezirksarzt nur einmal in vier Wochen nach Batu Djadjar kommen dürfe.« Der Pâtih (Stellvertreter des Regenten) besuchte mich den folgenden Tag und theilte mir mit, dass in Folge meines Anschreibens auf Befehl des Regenten den folgenden Samstag »alle Frauen zur Visitation kommen müssten, welche keinen Mann hätten«. Schon dieses war über das Ziel geschossen und der Pâtih konnte auf meine Bemerkung, dass in meinem Briefe nur von »Prostituées« die Rede war, nur seinen Befehl vom Regenten entgegenhalten. Noch mehr jedoch erstaunte ich, dass unter den vorgeführten 32 Frauen 4 waren, die zufolge Behauptung des Dorfhäuptlings sicher keine Prostituées sein konnten, weil sie eben noch Jungfrauen seien.

Dieser Missbrauch der Amtsgewalt machte mich auch zum Ehestifter; denn viele brachten junge Männer mit, die erklärten, in den nächsten Tagen schon diese Frau heirathen zu wollen; die Untersuchung dieser Frauen bestätigte es auch, dass sie unmöglich Prostituées sein konnten.

Dieser Vorfall lehrte mich, dass bei der herrschenden Regierungsform eine energische Prophylaxis der Syphilis möglich sei, den guten Willen der europäischen Beamten vorausgesetzt. Dieser fehlt jedoch manchmal, wie folgender Fall zeigt: Im Jahre 1882 war ich in Telok Betong (Sumatra) in Garnison. Eines Tages kam zu mir der Doctor Djava, um folgenden Bericht zu erstatten:

Ein eingeborener Polizeimann habe eine Frau, die schon zweimal von ihm geschieden gewesen sei. (Nach mohammedanischem Rechte und vielleicht nur nach Sitte in der Provinz Lampong muss eine Frau dreimal von ihrem Manne geschieden sein, bevor die Ehe für immer aufgelöst werden kann.) Weil seine jetzige Frau ihn angesteckt habe, wolle er zum dritten Mal sie wegjagen und eine andere junge Frau nehmen. Wie gewöhnlich liess ich erst den Doctor Djava beide untersuchen, und er berichtete auch von der Frau, dass sie in der Vagina Ulcera hätte. Mir kam die ganze Sache recht verdächtig vor; ich sah selbst nach und fand von den Ulc. vaginae keine Spur, wohl aber beim Manne eine frische Urethritis, Ulcera mollia und Bubonen; ich entliess die Frau aus dem Spital und schlug vor, den Mann unter Behandlung zu stellen. Dies geschah jedoch nicht; mit Hinweis auf die herrschenden Bestimmungen, die nur von inficirtenFrauensprächen, wurde der betreffende Polizeimann von dem Secretaris auf seinen Posten ins Innere des Landes zurückgesendet.

Schon an anderer Stelle (Geneeskundig Tijdschrift vor Nederl. Ind. 1883) sprach ich von der Thatsache, dass Indien nur ausnahmsweise schwere Formen der Lues sehe; gegentheilige Behauptungen müssen vorsichtig aufgenommen und kritisch abgewogen werden. Die Lues hat, wenigstens soweit meine Erfahrungen reichen, in Borneo, Sumatra und Java vielleicht an Extensität, aber für keinen Fall an Intensität Europa überflügelt; ziffermässig liesse sich das durch die officiellen Ausweise über den Krankheitsstand des Militärs bestätigen, wenn nur diese Ziffern irgend einen Werth hätten! Wie es damit in Europa aussieht, weiss ich nicht; wahrscheinlich um nichts besser als in Indien. Was kommt in die Rubrik Syphilis? Die Zeiten sind vorbei, wo jeder Tripper und jedes Ulcus am Penis mit S. I oder S. II in die Bücher eingetragen wurden; vielleicht nur, dass noch einige englische Aerzte jede venerische Affection mit Quecksilber behandeln. Auf Singapore wenigstens behandelt Dr. B., der Chef im Spitals der Prostituées, jede primäre Affection der Syphilis mit Sublimat-Einspritzungen; auf meine Frage, in wie viel Fällen die secundären Erscheinungen bei dieser Behandlung ausblieben, wandte sich Dr. B. überrascht zu seinem Apothecary und sprach stolz das grosse Wort aus: »Die kommen bei dieser Behandlung eben gar nicht vor.«

Wie viele weiche Schanker, wie viele unschuldige Ekzeme oder Herpes mögen es auf ihrem Gewissen haben, wenn Dr. B. in dem erhebenden Bewusstsein lebt, er sei im Stande, durch Sublimat den weiteren Verlauf der Lues zu coupiren?!

Wie oft ist an und für sich die Differentialdiagnose zwischen Ulcus induratum und Ulcus molle mit infiltrirtem Boden erst nach Tagen oder gar nach Wochen zu stellen? Und in allen Spitälern stand es früher nur wenige Tage dem Doctor frei, die Diagnose offen zu lassen.

Ein dritter Punkt nimmt den Ziffern allen Werth. Wie lange lässt man, wie lange kann oder darf man einen syphilitischen Soldaten unter Behandlung im Spitals halten? Klar ist, dass er, so lange das Leiden ein ansteckungsfähiges ist, in Spitalsbehandlung behalten werden soll. Abgesehen davon, dass darüber die Ansichten noch himmelweit auseinandergehen, nehmen die Verhältnisse noch einen enormen Einfluss. Ich z. B. würde keinen Augenblick anstehen, in einem kleinen Fort mit 70 bis 100 Mann, wo durch zufällige Umstände jede zweite oder dritte Nacht der Soldat Schildwach stehen müsste, alle Patientenmit Roseola, Angina, kleinen indolenten Bubonen, Sarcocele u. s. w. der Spitalbehandlung zu entschlagen und ambulatorisch zu behandeln.

Im Jahre 1883 lag seit sechs Wochen ein europäischer Soldat zu Seruway (Sumatra) mit einem faustgrossen Tumor testis syphilit. im Spitale. Bei der Uebernahme des Dienstes äusserte der Patient den Wunsch, ambulatorisch behandelt zu werden. Mein an Dienstjahren wenigstens noch junger Vorgänger war nicht wenig überrascht, als ich sofort die Einwilligung dazu gab.

Darin sind alle Militärärzte einig, dass unmöglich der ganze Cyclus der Lues im Spitale abgewartet werden kann. Die Schwankungen in der Zeit,wannder Patient zeitweilig keiner Behandlung oder wenigstens nur einer ambulatorischen zu unterziehen wäre, müssen natürlich auch die statistischen Angaben über Syphilis enorm unsicher machen. Darum bringe ich keinen ziffermässigen Beleg für meine obige Behauptung.

Dass die venerischen Erkrankungen in Indien sehr häufig sind, dass die indische Armee reiche Syphilisfälle aufweise (das grosse allgemeine Krankenhaus in Wien hat ja auch 10%), dass jedoch nur als seltene Ausnahme schwere erschöpfende Formen vorkommen, kann jeder Arzt bestätigen, der vorurtheilsfrei beobachtet und kritisch zu Werke geht.

Die Verhältnisse in Indien und die Lebensweise sind ja die günstigsten, das syphilitische Gift zu schwächen. Ich habe während meines 8jährigen Aufenthaltes in Indien kein einziges skrophulöses Individuum gesehen und nur einen einzigen Eingeborenen mit einer bedeutenden Kyphose. Das Leben in der freien Luft, die eiweissreiche Volksnahrung (Reis), die besonders für Europäer günstigen socialen Verhältnisse, die täglichen Bäder und vielleicht auch die reichliche Transpiration erhöhen gewiss die Widerstandskraft des Körpers gegen den syphilitischen Process.

Die Häufigkeitsscala der einzelnen syphilitischen Formen entspricht so ziemlich der in Europa bekannten. Ulcus, Adenitis, Roseola, Angina, Rupia, Iritis (cyclitis), Psoriasis u. s. w. folgen sich so ziemlich in Indien wie in Europa; auch das gleichzeitige Auftreten einzelner Symptome bindet sich dort an eine gewisse Regelmässigkeit, so dass z. B. die Rupia kaum jemals gleichzeitig mit der ersten Roseola beobachtet wurde. — Von den schweren Formen, wie z. B. Psoriasis universalis, Knochensyphilis, Syphilis der inneren Organe, deletäre Iritiden, durch ihre zu grosse Ausbreitung erschöpfende Rupia- oder Ecthymageschwüreu. s. w. sah ich nur ausnahmsweise und hörte ebenso selten davon Erwähnung thun.

Die Behandlung der Syphilis in Holländisch-Indien richtet sich unter den europäischen Aerzten so ziemlich nach der betreffenden heimathlichen Schule; der Eine behandelt die secundäre Form mit Quecksilber, der Andere alle Fälle, die ihm unterkommen, ohne einen Unterschied in dem Stadium der Erkrankung zu machen, beinahe Alle jedoch unterscheiden scharf zwischen Ulcus molle und Syphilis und behandeln ersteres entweder exspectatif oder mit Jodoform oder Cuprum sulf. u. s. w. und beschränken die Mercurbehandlung nur auf Syphilis; einzelne enthalten sich dieser ganz und gar. Von einer einheitlichen Behandlung derEingeborenenjedoch kann kaum die Rede sein; in Sumatra z. B. werden alle Geschwürsformen von den Chinesen ebenso mit Mercurius vivus bekämpft wie in Bantam mit kupfernen durchlöcherten Blättchen. Der zweite Theil von Dr. van de Burg: »De Geneesheer in Indien« wird wohl mehr darüber bringen, und ich will hier nicht zu weitläufig werden.[44]

Die Prophylaxis der Syphilis und ihre Verbreitung im indischen Archipel ist enge gebunden an das sociale, politische und religiöse Leben der indischen Nationen. Nur Java, Borneo und Sumatra können hier besprochen werden, weil ich nur diese drei Inseln aus Autopsie kenne und die Aufnahme von Erfahrungen Anderer nicht in den Bereich dieser Abhandlung ziehen möchte. Die malayische Bevölkerung dieser drei Inseln ist mohammedanischen Glaubens; sie kennen also die Circumcision bei den Knaben und Mädchen und die Depilation des Mons veneris. (Rosenbaum: Lustseuche im Alterthume.) Es ist aber unrichtig, die Depilation als allgemeine Volkssitte in Asien hinzustellen; denn nur Tänzerinnen, Prostituées u. s. w. ziehen sich die Haare vom Venushügel aus, wenn sie noch nicht den Rubikon (18. bis 20. Lebensjahr) überschritten haben; sie wollen sich dadurch das Air einersehr jungenFrau geben. Der prophylaktische Werth dieser Operation ist nicht zu verkennen, wie auch das Glätten der Haut mit Bimsstein (Rosenbaum) und das Beschmieren des Körpers mit Oel die Empfänglichkeit für die Aufnahme des syphilitischen Giftes schwächt.

Im Norden Sumatras ist Päderastie[45]landesüblich, und noch bei meinem letzten Aufenthalte in Seruway (Atschin) hatte ein Atjeëreinen jungen Mann (Knaben) getödtet, der einem Dorfgenossen zu Willen gewesen war, ihn jedoch verschmähte. Die Mohammedaner baden von Gesetzeswegen wenigstens einmal täglich, waschen sich nach den diversen Entleerungen und ebenso nach dem Coitus.

In Borneo wohnen im Innern des Landes, mit Ausnahme des unteren Laufes der grossen Ströme (z. B. des Baritu, wo die Bekompeyer dem Islam angehören), Dajaker, Heiden, welche Jahr aus Jahr ein Feste feiern. Aus den grossen Blanggas (Töpfen aus der Hinduzeit) wird der Tuwak (gegohrenes, braunliches, schwachalcoholisches Getränke aus Reis oder Blüthe der Saquerns saccharifer, oder Boranus flabelliformis u. a.) in grossen Schalen von Alt und Jung, von Mann und Frau Tage lang getrunken. Erst die Nacht macht dem Trinken ein Ende.

Ein ganzes Dorf (besonders auf dem Ufer des erwähnten Baritu) wohnt in einem langen Hause; in einer Veranda versammeln sich alle Gäste zur Nachtruhe; das kleine Lämpchen, gefüllt mit Damarharz, erlischt sehr bald, und zügellos blindlings werden da Orgien verübt, vor denen nicht nur die keusche Diana, sondern auch Venus sich beschämt verhüllt. Wenn Schiffe nach Java aus Europa und Amerika kommen, besonders Segelschiffe, die Monate lang auf der See schwammen, sieht man ganze Boote oft mit 30–40 Frauen von Batavia oder Surabaya in die hohe See stechen, um die liebesdurstenden Matrosen zum schaukelnden Schäferstündchen zu verlocken. Nach 10 Uhr Nachts fahren in den belebtesten Theilen von Batavia kleine Wagen mit je einer Frauensperson, welche sich anbietet, auf und nieder. Auch im Punkte der ehelichen Treue scheinen alle Nationen etwas auf dem Kerbholze zu haben, obschon gewisse Maulhelden offenbar der Uebertreibung Meister sind. Die sogenannten Haushälterinnen jedoch, welche den besser situirten europäischen Beamten, Officieren u. s. w. ein Surrogat der Ehe bieten, seien sie Eingeborene oder seien sie halbeuropäische Frauen, sind beinahe ausnahmslos mehr oder weniger Allerweltsfreund. Feste, Kartenspiele, die Gluth der Tropensonne und eigenthümliche sociale Verhältnisse erhöhen also im Vergleich zu Europa das geschlechtliche Leben in Indien und mit diesem auch die Gelegenheit zur Verbreitung der venerischen Krankheit.

Weder die alten Römer, noch die Griechen, noch die Araber erwähnen der Syphilis; dass sie zu jener Zeit noch nicht existiert habe, ist dadurch noch nicht erwiesen. (Dass in den Inseln des indischen Archipels syphilisfreie Reiche seien, kann man sich jedoch durchAutopsie überzeugen.) Doch von Affectionen der Genitalien sprechen schon Celsus und andere Schriftsteller. Dioskorides giebt auch Heilmittel gegen Kondylome an den Geschlechtstheilen u. s. w. an. Auch im Mittelalter waren venerische Krankheiten sehr gut bekannt, und 1347 verlangte Königin Johanna I., dass »die Puellae publicae im Bordell zu Avignon alle Samstage von der Frau Amtmännin und einem Wundarzte untersucht werden, und wenn eine mit dem aus der Hurerei entstandenen Uebel behaftet gefunden wird, soll man sie von den übrigen entfernen, damit sie sich Keinem mehr preisgebe und die Jugend anstecke«. Selbst die neueste Zeit fasst Krankenbilder in einem Rahmen und bringt sie in einen causalen Zusammenhang, die noch im vorigen Jahrhundert in ihrer Totalität unbekannt waren, z. B. Morb. Basedowii. So ist es ganz verständlich, dass specifische Ulcera u. s. w. mit consecutiver Roseola u. s. w. vorkamen, ohne dass man deren Zusammenhang ahnte und ihnen einen gemeinsamen Namen gab. Man hat also nur wenig Anlass, einen exotischen Ursprung der Syphilis zu suchen.

Im Jahre 1521 erscheint zum ersten Male dieser Collectivname. Natürlich musste Amerika der Sündenbock und als die Pflanzstätte der Lustseuche verschrieen sein. 1493 kam zum ersten Male Columbus nach Europa zurück, und schon 1483 war ein epidemisches Auftreten in Rom constatirt worden. Demungeachtet citiren alle Schreiber (auch Prof. Bäumler in Ziemssens »Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie«) den Gonzalo Hernandez de Oviedo als maassgebende Autorität für die Abstammung der Syphilis aus Amerika, weil er bei seinem Aufenthalt in Haiti 1513 diese Thatsachen constatiren zu können glaubte.

Sei die Syphilis ein amerikanisches Product, hätten sie die Franzosen, oder die Italiener, oder die Deutschen in die Welt gebracht, in Indien und speciell in dem indischen Archipel folgt sie nur der Spur der Europäer. Java entzieht sich heute schon einem diesbezüglichen objectiven Nachweis; nicht so das jungfräuliche Borneo und Sumatra. Im Jahre 1877 sass ich im Herzen Borneos, in Muarah Teweh; hier sah ich, was eine zweckmässige und gut durchgeführte Prophylaxis leisten könnte; während 3½ Jahren kam kein einziger Fall von recenter Syphilis vor. Auf dieser Insel lässt sich die Ausbreitung der Syphilis gut verfolgen. Die malayischen Frauen auf der Küste und dem unteren Theile der grossen Ströme stehen in innigem Verkehr mit den Europäern, sei es als Haushälterinnen, sei es als Prostituées oder dienstwilligeverheirathete Frauen; auch im Innern des Landes, so weit eben Garnisonen liegen, die mit den dajakschen Frauen in Contact kommen, wurde Syphilis unter den Eingeborenen gesehen. Von diesen kann nur schwer eine weitere Verbreitung erfolgen, weil die freien und relativ unabhängigen Stämme im Innern des Landes in steter Feindschaft mit den übrigen stehen; auch die Handelsleute, Bekompeyer oder Chinesen, die sich ins Innere des Landes, selbst bis in das Reich der Waldmenschen wagen, können die Lues nicht verpflanzen; sie haben ihren Kopf zu lieb, um ihn einem Schäferstündchen zu opfern. Auch die Soldaten in Muarah Teweh gaben kein einziges Mal sich mit den Dajaker-Frauen ab, darum habe ich auch keinen einzigen Fall von recenter Syphilis unter ihnen gesehen, obwohl ich 100–200 Dajaker zur Behandlung bekam. Ich besuchte ihre Dörfer, ihre Feste, ich stand durch meine Beschäftigung mit dem Ausstopfen der Thiere im innigen Verkehr zu ihnen, ich wurde zur Behandlung von Patienten in ihre Wohnräume gerufen, und niemals sah ich ein luetisches Individuum, obwohl ich dieser Sache die grösste Aufmerksamkeit schenkte; ihre Priester und Priesterinnen sind im strengsten Sinne des Wortes Prostituées; ihre zahlreichen Feste, ihre mangelhafte Toilette und das enge Zusammenleben auf einem kleinen Raume würden die Verbreitung der Lues, falls dieselbe überhaupt vorkäme, enorm begünstigen.

Java erfreut sich diesbezüglich leider schon eines grösseren Terrains. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurden die Holländer nach und nach Herren der Insel, und selbst die zwei selbständigen Kaiserreiche Solo und Djocja haben europäische Garnisonen. Und doch giebt es noch einzelne Strecken, die frei von Syphilis sind. Mir ist z. B. derSüdender Provinz Bantam etwas mehr bekannt. Abseits der grossen Strassen liegen noch Kampongs (Dörfer), wohin niemals ein Europäer kommt und deren Bewohner kaum jemals ihren Geburtsort verlassen.[46]Dort sind die Frauen auch nicht so liederlich, zeigen eine weitgehende Zurückhaltung gegen die Europäer und geben also wenig Gelegenheit, die Syphilis aufzunehmen und zu verbreiten. Kam ich (1881) in ein solches Dorf, um die armen Menschen, die durch Malariafieber und Hunger erschöpft, auszusterben drohten, wenn die holländische Regierung sich ihrer nicht erbarmt hätte, so war es mir Anfangs nicht möglich, die Frauen zu Gesichte zu bekommen; nach und nach erst entschlossensie sich, Medicamente und Lebensmittel von mir anzunehmen, die durch europäische Krankenwärter vertheilt wurden. Sumatra bietet Verhältnisse, die mehr jenen von Borneo gleichen.

Die politische Abhängigkeit der Stämme auf dieser Insel unterliegt allen möglichen Abstufungen. Der südliche Theil — die Provinz Lampong — die Provinzen Palembang und Benkalen haben eine geregelte europäische Verwaltung und sind daher sanitären Maassregeln zugänglich. Die sogenannte Ostküste befindet sich erst in einem Uebergangsstadium; das Innere des Landes hat bis jetzt nur wenigen Europäern den Zutritt erlaubt. So ist die »Lampong« besonders durch die Frauen von der Küste Bantams schon eine Brutstätte der Syphilis geworden, und in der Ostküste mit dem Hafenplatz Labuan Deli beginnt diese Krankheit mit Riesenschritten ihren siegreichen Einzug in das Land zu nehmen.

»Noch vor 25 Jahren,« so berichtet der »Javabote« in einer Nummer des vorigen Jahres aus Anlass einer von mir erschienenen Abhandlung, »war das Medan (Hauptplatz der Provinz) frei von Syphilis; heute ist sie auf dem Hafenplatz und in der Hauptstadt in floribus, und schon unter den Bewohnern der »Tamiang« konnte ich einige Fälle constatiren. Kommen einmal die einzelnen Stämme zur Ruhe, die sich jetzt an der Grenze Atjehs und Battakers bekämpfen, und tritt dann ein inniger Verkehr zwischen den Soldaten und den eingeborenen Polizisten ein, dann wird auch das Innere Sumatras schon in wenigen Jahrzehnten der Lues und dem Branntwein verfallen sein; denn wederalleOfficiere noch diejungenBeamten, welche im Innern des Landes die Pioniere der Civilisation vergegenwärtigen, begreifen die prophylaktischen Bestimmungen in ihrer ganzen Tragweite.

Die individuelle Prophylaxis gegen die Syphilis muss besonders in Indien gegen die staatliche in den Hintergrund treten; denn die Eingeborenen zeigen sich bis jetzt beinahe unzugänglich selbst den einfachsten hygienischen Begriffen gegenüber; die dazu berufenen Lehrer, die eingeborenen Heilkünstlerinnen, nicht viel mehr, so dass von dieser Seite sehr wenig zu erwarten ist; Condome, abgesehen von ihrer fraglichen Wirksamkeit, können an und für sich niemals in der grossen Menge Gebrauch finden, und die Waschungen der Genitalien u. s. w. werden dort aus religiösen Anschauungen besonders bei den Frauen Schwierigkeiten finden, wenn sie sich weiter erstrecken sollten, als auf ein oberflächliches Abspülen. Mässigung und Vorsicht in der Befriedigungder Geschlechtslust würde der Eingeborene ebenso wenig acceptiren, als etwa der europäische Soldat im Gebrauche der Alcoholica. Die staatlichen Vorsichtsmaassregeln können nur dann viel leisten, wenn die damit betrauten Organe auch den Geist der gesetzlichen Bestimmung erfassen.

So lange im Innern des LandesjungeMänner die Regierung repräsentiren, die nur zu oft dem Kitzel, von den Eingeborenen alsunbeschränkteAlleinherrscher angesehen zu werden, alles opfern, und so lange einzelne Officiere, in ähnlichen kleinlichen Ideen befangen, dem Militärarzt nicht die nothwendige Unterstützung verleihen, wird dem Fortschritt der Syphilis kein Damm gesetzt werden. Die Dukuns, eingeborene Frauen, die in der Regel Hebammen sind, jedoch für alle möglichen Krankheiten die Kräuter sammeln, stehen ganz ohne Controle; Unterricht geniessen sie keinen.[47]Die Tradition von Grossmutter auf Mutter u. s. w. ist der einzige Lehrmeister; äusserliche Manipulation in allen möglichen Formen (selbst bis zum Besteigen des schwangeren Uterus, um die verzögerte Geburt zu beschleunigen), und die Verabreichung von einer grossen Zahl von Medicamenten sind ihre geburtshilflichen Wissenschaften, für die gewöhnlichsten Anforderungen der Reinlichkeit haben sie kein Verständniss. Der Verbreitung der Syphilis magihrkünstlerisches Wirken eher zu statten kommen, als hinderlich sein.

Die Ammen kommen hier kaum in Betracht, weil die meisten eingeborenen Frauen stark entwickelte Brustdrüsen haben und daher selten ihre Kinder von Anderen säugen lassen, und die Europäerinnen, falls sie sich schon den Luxus einer Amme verschaffen müssen, die nöthige Vorsicht bei der Aufnahme einer solchen Frau üben. Diese Vorsicht kann nicht genug geübt werden, weil nur der Auswurf der malayischen Bevölkerung eine Amme abgiebt; sie wird ja nach mohammedanischen Begriffen dadurch verunreinigt.

Die Vaccinateurs sollten jedoch besser beaufsichtigt werfen, als es bis jetzt geschah. Auspitz’ Experimente zeigen, dass der Inhalt der Vaccinepustel niemals Träger des Syphilisgiftes sei; also nur das Blut. Alle Aerzte sind per se in Indien betraut mit der Aufsicht über die Vaccination. Nur selten jedoch geht diese weiter als bis zur Uebernahme der statistischen Berichte von den Vaccinateurs.

Die Prostituées, als die gefährlichste Verbreitungsquelle der Syphilis, sind ebenso wie die öffentlichen Tanzmädchen (Ronggengs), Tandakmädchen u. s. w. einer wöchentlichen ärztlichen Visitation unterworfen. Nicht nur, dass die Zahl der Proscribirten relativ klein und die clandestinen Priesterinnen des freien Triebes stark überwiegen, auch der Eifer für diese sanitäre Maassregel ist sehr klein. Die damit betrauten Aerzte sind entweder (besonders in den grossen Städten) so mit Privatpraxis überladen, dass sie dieser Sache zu wenig Aufmerksamkeit schenken, oder die Polizeiorgane sind so wenig von der Wichtigkeit dieser hygienischen Maassregel durchdrungen, dass sie sich begnügen, hin und wieder eine diesbezügliche Ordre zu geben, ohne um das Weitere sich zu bekümmern.

Auf Labuan Deli z. B. sind heute gewiss schon über 250 Mädchen; hin und wieder kommt der Arzt von Medan dahin,[48]um in der kleinen Garnison dem Einen oder Andern zu helfen, und nebstbei untersucht er auch einige Prostituées, die ihm bei dieser Gelegenheit von dem Beamten gesendet werden. Labuan Deli ist heute schon die Bezugsquelle der Syphilis für die ganze Provinz bis an die Grenze der Battaker.

Die Matrosen der sogenannten Gouvernements-Marine unterstehen ebenso wenig einer regelmässigen ärztlichen Untersuchung als alle Polizeisoldaten. Auch die Niederländisch-Indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche jährlich Millionen für den Transport von Truppen u. s. w. von der indischen Regierung bezieht, thut nichts, absolut nichts, um der Verbreitung der Syphilis durch ihre Matrosen entgegenzutreten. Das Militär wird streng überwacht, und die gesetzlichen Bestimmungen sind hinreichend, um in isolirten Forts die Syphilis im Keime zu ersticken, wenn die civilen Behörden es an der nöthigen Unterstützung nicht fehlen lassen. In den Casernen hat wenigstens ⅓ der Bemannung Haushälterinnen.

Bei begründetem Verdacht, dass eine derselben inficirt sei, muss sie sich der ärztlichen Behandlung unterwerfen, oder der Aufenthalt im Fort wird ihr verboten, und sie wird den Civilbehörden zur weiteren Behandlung übergeben.[48]Im Innern des Landes wird unter 10 Fällen sicher 3 mal so eine Frau ruhig im nächsten Kampong (Dorfe) leben können und der Bevölkerung das Geschenk der europäischen Civilisation (= Syphilisation) übermitteln.

Von den Inseln des indischen Archipels kam die Syphilis sicher nicht nach Europa, wenn auch Fracastor wehmüthig klagt:


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