India me novit, jucunda Neapolis ornatBoetica concelabrat, Gallia mundus alitVos Itali, Hispania, Galli vos orbis alumniDeprecor, ergo mihi dicite quae patria.
India me novit, jucunda Neapolis ornatBoetica concelabrat, Gallia mundus alitVos Itali, Hispania, Galli vos orbis alumniDeprecor, ergo mihi dicite quae patria.
India me novit, jucunda Neapolis ornatBoetica concelabrat, Gallia mundus alitVos Itali, Hispania, Galli vos orbis alumniDeprecor, ergo mihi dicite quae patria.
India me novit, jucunda Neapolis ornat
Boetica concelabrat, Gallia mundus alit
Vos Itali, Hispania, Galli vos orbis alumni
Deprecor, ergo mihi dicite quae patria.
DieSyphilisationdes indischen Archipels hält gleichen Schritt mit dem Vordringen der europäischenCivilisation, und wenn auch einige Autoren in Indien die Heimath der Syphilis suchen und sehen, so ist nichts unrichtiger als diese Annahme. Auf Borneo z. B. haben wir noch deutliche Spuren des Priap-[49]und des Lingamdienstes, und doch sah ich im Herzen dieser Insel während eines 3jährigen Aufenthaltes keinen recenten Luesfall, weil die Soldaten des Forts von jeher ihren Kopf einem Schäferstündchen zu Liebe nicht in Gefahr bringen wollten.
So wie im dritten Buch der Bibel vor der Ansteckungsfähigkeit, des Trippers, gewarnt wird: »Vir qui patitur fluxum seminis,[50]immundus erit«, so sprechen auchHippokrates,Galenus,Celsusu. s. w. von Geschlechtskrankheiten, und selbstsyphilitischerFormen gedenken die alten Autoren, wenn sie von »ficus, ulcus acre,pustulae lucentesundsordigi lichenes« sprechen. Das Mittelalter ist zwar arm an Schilderungen der damals herrschenden venerischen oder syphilitischen Erkrankungen, aber dafür um so ausführlicher. So klagt z. B. der Dichter[51]in seiner Ode an Priapus:
»Ante meis oculis orbatus priver et anteAbscissus foedo nasus ore cadat!Non me respiciet non me volet ulla puella.«
»Ante meis oculis orbatus priver et anteAbscissus foedo nasus ore cadat!Non me respiciet non me volet ulla puella.«
»Ante meis oculis orbatus priver et anteAbscissus foedo nasus ore cadat!Non me respiciet non me volet ulla puella.«
»Ante meis oculis orbatus priver et ante
Abscissus foedo nasus ore cadat!
Non me respiciet non me volet ulla puella.«
Zu allen Zeiten gab es also Geschlechtskranke, und dem ungeachtet wird schon seit 3 Jahrhunderten der Streit um die Heimath der Syphilis geführt. VonArtrucbisJohn Hunterhaben alle Aerzte, wieSydenham,Boerhaveu. s. w. in Amerika die Wiege derSyphilis gesehen, undSonnerat’sErzählung des Lingamdienstes (Venusdienst) hat Indien zum ersten Exporthafen der Syphilis gemacht.
Im indischen Archipelagus jedoch folgt die Syphilis dem Zuge der europäischen Pioniere der Civilisation. Nur die 3 grossen Inseln Java, Borneo und Sumatra sind mir aus Autopsie bekannt, und ich möchte fast sagen, dass ich Schritt auf Schritt dem siegreichen Zuge der Syphilis mit dem Vordringen der Europäer folgen konnte. Java hat die Lues beinahe schon ganz erobert; die Küstenplätze haben die liebesdurstigen europäischen Matrosen schon vor vielen Jahrzehnten inficirt, und nur jene hoch gelegenen Strecken, welche, abseits von der grossen Heeresstrasse, niemals ein Fort mit europäischer Besatzung hatten, und deren Bewohner, zufrieden mit den Erträgnissen des Bodens, die heimische Scholle nicht verlassen, keine bedeutenden Bedürfnisse kennen, diese Strecken sind auch heute noch frei von der Erstlingsgabe der europäischen Civilisation, der Syphilis.
Borneo und Sumatra sind theilweise noch unbekannt und nur zum kleinsten Theile von Europäern in Besitz genommen. Auf ersterer Insel stand ich in stetem Verkehr mit den Eingeborenen; sie halfen mir Thiere sammeln. Es wurden mir viele operative Fälle zugewiesen und für alle möglichen Krankheitsformen von den Dajakern mein ärztlicher Rath eingeholt.[52]Dem ungeachtet sah ich im Herzen[53]Borneos keinen Luesfall. Das Umsichgreifen der venerischen und syphilitischen Krankheiten demonstrirt beinahe ad oculos der officielle Jahresbericht über den Gesundheitszustand der holländisch-indischen Armee im Quinquennium 1878–1882, der im 5. Heft der ärztlichen Zeitschrift für Holländisch-Indien in Batavia erschien. Die Armee hatte nämlich im Jahre 1878: Syphilis 854 und venerische Krankheiten 7652; im Jahre 1879: Syphilis 881 und venerische Krankheiten 8024; im Jahre 1880: Syphilis 1125 und venerische Krankheiten 9650; im Jahre 1881: Syphilis 1289 und venerische Krankheiten 10261; im Jahre 1882: Syphilis 1270 und venerische Krankheiten 10402.
Der prophylaktische Werth der Circumcisionen fällt in diesem Berichte besonders scharf in die Augen.
Im Jahre 1882 befanden sich in der Armee 15349 Europäer und 14583 Eingeborene [Malayen[54], Javanen u. s. w.], und von diesen wurden an Syphilis 988 oder 6·4% Europäer und 280 = 1·9% Eingeborene, an venerischen Krankheiten 6812 oder 44% Europäer und 3552 = 24% Eingeborene behandelt.[55]Auch das Verhältniss zu der Zahl der Patienten spricht zu Gunsten der Eingeborenen, obwohl nicht so stark. Krankenstand der Europäer 41595, Syphilis 988 = 2·3%, venerische Krankheiten 6812 = 16%; Krankenstand der Eingeborenen 36660, Syphilis 280 = 0·8%, venerische Krankheiten 3552 = 9·7%.[56]
Wie wir sehen werden, leben beide Rassen unter denselben socialen Verhältnissen; es kann also dieser Vorzug der Eingeborenen nur eine Folge der Circumcision sein, der sie als Mohammedaner unterworfen sind.
Der hygienische Werth der Circumcision ist schon oft genug betont, soweit mir aber bekannt, noch niemals so drastisch durch Ziffern illustrirt worden als in diesem Falle. »Wein, Weib und Gesang« mögen den europäischen Soldaten auf dem isolirten Posten die Zeit verkürzen helfen; der Eingeborene trinkt als Mohammedaner keine berauschenden Getränke; niemals hört man einen Malayen oder Javanen den Lüften sein Liebesleid oder seine Sehnsucht nach der Heimath klagen; er kennt nur eine Leidenschaft: die Liebe. Das Würfelspiel, dem er auch oft alles opfert, seine Stellung und seine Zukunft, ist ihm auch nur Mittel zum Zwecke: Geld zu gewinnen für den Schmuck seiner Geliebten. Und doch zeigen die europäischen Soldaten im Jahre 1882 eine 3–4mal so grosse Zahl der Syphilitiker und 2mal so grosse Menge venerischer Kranken.
Wie erwähnt, leben beide Rassen unter denselben socialen Verhältnissen, und wenn dennoch die Zahl der syphilitischen Erkrankungen sich wie 64 : 19 verhält und die der venerischen Krankheit wie 44 : 24, so spricht dies zu Gunsten der Circumcision.
In den Tropen ist ja eine reichliche Secretion der Fettdrüsen vorherrschend; das Smegma sammelt sich also in grosser Menge um dieGlans an, und durch die saure Reaction des Schweisses (in Folge seines grösseren Gehaltes an Fettsäure) sind Eicheltripper sehr häufig, und zur Aufnahme des syphilitischen Virus ist der günstigste Boden gegeben.
Auch erklärt es sich leicht, warum diesyphilitischenAffectionen der Europäer um 3–400% und dievenerischenAffectionenkaumum 100% die Geschlechtskrankheiten der Eingeborenen überwiegen. Diese schliessen in grösserer Zahl die Urethritiden ein, und beide Rassen bieten so ziemlich gleiche Bedingungen zur Aufnahme des Trippergiftes. Leider sehen wir, dass die venerischen Krankheiten in dem Quinquennium 1878–1882 sich bedeutend vermehrten,[57]während doch im Allgemeinen die sanitären Verhältnisse der Armee sich besserten.
Im Jahre
Armeestand
Krankenstand
Syphilisin %
Venerische Kr.in %
1878
37023
317
2·3
20
1879
30771
398
2·8
26
1880
31459
340
3·5
30
1881
30209
293
4·2
34
1882
30051
261
4·2
24
Es würde mich zu weit führen, die Factoren zu besprechen, welche die sanitären Verhältnisse der indischen Armee mit jedem Jahre günstiger werden liessen, und ich will mich darauf beschränken, jene socialen Verhältnisse zu erwähnen, die auf die Verbreitung der Syphilis Einfluss nehmen, und wenn manches pittoreske Genrebild dem europäischen Leser etwas fremd erscheinen wird, werde ich nicht ermangeln, auch sein raison d’être zu demonstriren.
Officiell anerkannte Polyandrie kommt unter den europäischen und eingeborenen Soldaten nur ausnahmsweise vor; sie prügeln ihre »Frau« zwar durch, wenn sie Beweise eines Ehebruches haben, glauben es aber gerne, wenn sie den Besitz von Schmucksachen und Geld auf Gewinnste im Würfelspiele zurückführen, und wenn der »Mann« Abends[58]all sein Geld verloren hat, findet er es ganz natürlich, dass seine »Haushälterin« hin und wieder verschwindet, um in einiger Zeit mit gefüllter Tasche zurückzukehren.
Diese Soldatenfrauen ermöglichen jede Controle, und wenn demungeachtet die Geschlechtskrankheiten in dem erwähnten Quinquenniumzunahmen, kann die Schuld nur in den Organen gesucht werden, welchen es obliegt, hierin prophylaktische Maassregeln zu ergreifen. Im Gegensatz zu Europa sind ja in der indischen Armeedie heimlichenInfectionsquellen in der Minorität. Denn ¼-⅕ der Mannschaft hat auf Java eine »Haushälterin«, und auf den übrigen Inseln sichert sich beinahe ⅖ der Garnison durch den Besitz einer »Njai« gewissermaassen ein Familienleben und ein Heim inmitten der Caserne. Auf Java nämlich erfreut sich der europäische wie der eingeborene Soldat gewisser gesellschaftlicher Vorzüge. In den grossen Städten (Batavia, Surabaya, Samarang u. s. w.) geben Oper, einige Mal in der Woche aufgeführte Concerte, von Zeit zu Zeit Circusvorstellungen u. s. w. genügend Abwechselung in dem sonst monotonen Soldatenleben; in den kleinen Städten bieten Dilettantenvorstellungen des Militärs oder der Bürger, einiger Verkehr mit den Bewohnern des Landes u. s. w. auch einige Zerstreuung; auf den anderen Inseln jedoch hat selbst auf den Hauptplätzen das Leben der europäischen Soldaten nur die Wahl: Caserne[59]und Cantine, das der Eingeborenen nur die Caserne.
Hat er jedoch eine »Frau« oder eine »Haushälterin« bei sich und geniesst er sogar Vaterfreuden, dann fühlt er sich in der Caserne heimisch; diese wird ihm zur zweiten Heimath.[60]Die Frauen, die sich dazu hergeben, stammen aus der tiefsten Schicht der Küstenbewohner. Das sittliche Gehalt derselben steht dann um etwas höher, wenn sie sich mit den eingeborenen Soldaten durch eine gesetzliche Ehe verbinden; im anderen Falle sinken sie selbst unter das Niveau einer Prostituirten in Europa, so z. B. sah ich eine solche Frau nackt unter Soldaten baden, während jede mohammedanische Frau (in Indien wenigstens) ihr Schiffbad[61]nur im Sarong (Rock) nimmt, den sie über die Brust knüpft, auch wenn sie allein ist. (Der Islam kennt diesbezüglich sehr strenge Vorschriften, so z. B. würde jede schwangere Frau früher zu Grunde gehen, bevor sie sich von einem männlichen Arzte helfen liesse oder von einer Hebamme manuelle Hülfe per vaginam annähme.)
Für die nicht verheiratheten »Frauen« der europäischen und eingeborenen Soldaten ist oft der »Mann« auch nichts anderes als der Firmaträger ihres Geschäftes, dem sie den Aufenthalt in der Caserne verdankt. Er ist sich dessen auch bewusst, obwohl sehr viele solcher »Soldatenfrauen« ihre uneheliche Untreue vor ihrem Manne geheim halten.
In Friedenszeiten geniessen diese Soldatenfrauen keine anderen Begünstigungen, als die Erlaubniss zum Aufenthalt in der Caserne; in Forts auf Kriegsfuss bekommen sie jedoch ihre tägliche Portion Reis (0,6 Kilo) und etwas Salz. Schon wegen der hohen Transportkosten dieser Frauen (und mit ihren Kindern) und aussittlichenund strategischen Ursachen wurde die Frage ventilirt, ob diesem Zustande ein Ende gemacht werden müsse. Nein und abermals nein! — Der Soldat hat in Indien ein elendes sociales Leben.[62]Besonders auf den »Aussenbesitzungen« (Java und Madura sind von diesem Collectivnamen ausgeschlossen) fühlt sich jeder Bürger als Herr (Tuwan) und hält es also unter seiner Würde, einen Unterofficier oder gar einen Soldaten, sei er noch so intelligent, bei sich zu empfangen. Nichts bietet diesem Abwechslung, nichts Zerstreuung.
In den Jahre lang dauernden Guerillakriegen ist ihm seine Haushälterin eine wahrhaft treue und sorgsame Pflegerin. Ermattet vom schweren Patrouillendienst durch die sumpfigen Reisfelder, findet er bei seiner Rückkunft eine Schale Thee, Kaffee und Suppe und kann sich der Ruhe hingeben, während seine »Frau« die Kleider und Waffen reinigt. Jeden Augenblick des Alarmrufes gewärtig, oft jeden zweiten oder dritten Tag zum Schildwachdienst gerufen, in der Zwischenzeit »ausrücken« zu müssen, wäre ihm unmöglich, wenn nicht seine Haushälterin ihm die knapp zugemessene Ruhezeit ganz überliesse und für seine leiblichen Bedürfnisse sorgte. Wird er krank oder verwundet, pflegt sie ihn.Doch last not least: Jedwelche Controle zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist geboten und möglich.
Wir sehen aber, dass dessen ungeachtet die Syphilis im Quinquennium 1878–1882 zunahm; die Ursache liegt nur in der mangelhaften Ausführung der diesbezüglichen Bestimmung und in der Unzweckmässigkeit einzelner Verordnungen. Die Progression dieser Krankheitsfälle ist aber auch unter den Europäern eine viel stärkere als unter den Eingeborenen, die in viel grösserer Zahl Frauen bei sich haben:
Eingeborenen-Armeestand
Syphilis
Vener. Krankheiten
1878
19561
271 = 1·3%
2252 = 18%
1879
15919
200 = 1·2%
2723 = 17%
1880
15045
219 = 1·4%
3123 = 20%
1881
14509
272 = 1·8%
3120 = 21%
1882
14583
280 = 1·9%
3562 = 25%
Europäischer Armeestand
Syphilis
Vener. Krankheiten
1878
17477
583 = 3·3%
5072 = 28%
1879
14780
666 = 4·5%
5292 = 36%
1880
16247
901 = 5·5%
6486 = 39%
1881
15568
1008 = 6·4%
7107 = 45%
1882
15349
988 = 6·4%
6812 = 44%
Auf den »Aussenbesitzungen« hat eine viel grössere Zahl der Soldaten Haushälterinnen, und allgemein erhält man (auch die ledigen Officiere) den Rath, bei einer Transferirung, z. B. nach Borneo, sich mit dem nöthigen Bedienungspersonal auf Java zu versorgen; thatsächlich ist auch die Zahl der Geschlechtskranken ausserhalb Javas viel kleiner als auf dieser Insel. Der Einwand, dass eben auf Java die Syphilis eine grössere Verbreitung gefunden habe, ist richtig.
So sehen wir Java bei einem Armeestand von 15525 Mann mit 6·9% (1076) Syphilitischen und 53% (8248) Venerischen belastet, während Borneo bei einem Garnisonstand von 1932 Mann 2·0% (39) Syphilitische und 14% (282) Venerische im Jahre 1882 hatte. Dass die Insel Borneo in unserem Falle der Syphilis noch nicht so viel Spielraum zur Entwicklung geboten hat, ist aber nicht die einzige Ursache, dass die Truppen beinahe 3–400% weniger Venerische zählen als die auf Java; denn hier wie dort ist die malayische Küstenbevölkerung der grosse Liverancier der Prostituées. Aus verschiedenen Ursachen verkehren die Soldaten im Innern des Landes, wenigstens in einigen Garnisonen,nurmit ihren Haushälterinnen oder mit jenen — ihrer Kameraden. Würden die herrschenden Bestimmungen auch mit Umsicht angewendet, müsste die Zahl der Geschlechtskranken eine noch viel kleinere sein.
Würde zudem das Gesetz erlassen werden, dass jede Frau, die, ohne zu heirathen, nur als Haushälterin einem Soldaten folgen wolle, sich vor dem Einzug in die Caserne einer ärztlichen Untersuchung unterziehen müsse,[63]dann wäre das jährliche Contingent der Geschlechtskrankenauf den Aussenbesitzungen geradezu ein Minimum. Nur sehr wenige Frauen würden sich dadurch abschrecken lassen, Concubine eines Soldaten zu werden. Der sittliche Gehalt dieser Frau steht ja doch auf einem niedrigen Niveau; die Lehren des Islam existiren nicht für diese Frauen; sie essen Schweinefleisch, trinken mitunter auch Schnaps und finden auch im Verkehr mit einem Christen nichts Sündhaftes. Auch die Erfahrung zeigt, dass eine absolute Einschränkung der Syphilis ganz gut möglich ist.
Diese Soldatenfrauen haben also ihre raison d’être.
Dass auf Java die Zahl der geschlechtskranken Soldaten so enorm hoch ist, hat, wie erwähnt, seine Ursache darin, dass in den grossen Garnisonplätzen nur eine kleine Zahl Soldaten sich eine »Haushälterin« hält. Natürlich ist die »clandestine Prostitution« der sehr willkommene Deckmantel für die Nachlässigkeit der Organe, denen es obliegt, der Verbreitung der Syphilis entgegenzutreten. Mit der Heimlichkeit der Prostituirten ist’s ja in Indien gar nicht so arg gestellt. Die militärische Staffage der Küche ist in Indien unbekannt; entweder sind die betreffenden Babus (Dienstmädchen) verheirathet und leben mit Mann und Kind in den Nebengebäuden ihrer Wirthschaft; auch wenn sie ledig sind, würde es kein Soldat wagen dürfen, seine Geliebte im Herrnhause aufzusuchen. Die Rendezvousplätze der Soldaten, welche keine »Njai« haben oder ihren »Frauen« untreu sind, müssen nicht nur der Polizei bekannt sein,sondern sind es auch stets.
Die »clandestinen« Prostituées sind für die betreffenden Organe nur ein Deckmantel ihrer Nonchalance.
Dieser Jahresausweis constatirt also zwei Thatsachen:
1) Die Zahl der venerischen Erkrankungen und der Syphilisfälle wuchs mit jedem Jahre beinahe constant im Quinquennium 1878–1882.
2) Java, welches seit vielen Jahrzehnten im factischen Besitze der Europäer ist, hatte 6·9% und das wenig bekannte Borneo 2% des Armeestandes an Syphilis und 53% resp. 14% an andern venerischen Krankheiten Leidende.
So naheliegend auch die Erklärung dieser Thatsache ist, dass nämlich in den sogenannten Aussenbesitzungen die Syphilis noch nicht allgemein Wurzel geschlagen habe, so wenig ist sie frei von dem Einwande, dass gerade die geringe Kenntniss des Landes und der geringe Verkehr mit den Eingeborenen dieser Insel ein kleines Contingent zum Stande der Geschlechtskranken liefern solle. Dieser Einwand ist abernicht stichhaltig, abgesehen davon, dass er das beste Plaidoyer für die sogenannten »Haushälterinnen oder Soldatenfrauen« bietet — Facta loquuntur: Je weiter ich ins Innere von Borneo kam, desto mehr verlor ich die Spur der Syphilis; je weiter wir uns auf Sumatra von der Küste entfernen, desto weniger Geschlechtskranke findet man. Labuan Deli[64]z. B. hatte vor 15 Jahren, wie der »Javabode« aus Anlass einer von mir erschienenen diesbezüglichen Broschüre berichtete, keine publiken Frauen und keine Syphilis; seitdem eine blühende, europäerreiche Colonie von Pflanzern dort selbst eine Eisenbahn nothwendig machte, zählt dieser kleine unbedeutende Hafenplatz schon mehr als 200 Priesterinnen der Venus vulgivaga aus aller Herren Länder. Der Hauptort Medan, 3 Meilen von Labuan Deli entfernt, ist heute schon verseucht, und ich bin überzeugt, dass nur energische Maassregeln im Stande sind, die Durchseuchung des ganzen Bezirkes weit hinaus über die Grenzen der Battaker, wo die IdaPfeiffervor 45 Jahren noch Menschenfresser fand, zu verhindern.
Auf Borneo sah ich, wie schon erwähnt, die Syphilis nicht einheimisch. Nur dort, wodie Soldaten in innigen Verkehr mit der Bevölkerung traten, nur dort sah ich unter den Eingeborenen Syphilis. Drei Jahre sass ich im Herzen von Borneo, und kein recenter Syphilisfall kam mir zur Beobachtung und zur Behandlung, obwohl die ursprünglichen Bewohner des Landes, die Dajaker, ein liederliches Leben führen.
Alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens werden mit 4 bis 8 Tagen langen Festen gefeiert, bei denen Venus und Bacchus abwechselnd die Hände sich reichen. Bei Tag wird der Tuwak (schwach alcoholisches Getränk) aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall grosser Pauken und der malayischen Gamelang, und der scheidende Tag ladet Alt und Jung, das ganze Dorf zur Orgie, so dass kaum jemals eine Braut virgo intacta war. Bei solchem Familienleben konnte selbst der oberflächlichen Beobachtung eine etwa eingenistete Lues nicht entgehen.[65]Die Soldaten haben hier wie dort gleiche Lust zur Liebe; hier wie dort sind Soldaten, die keine »Haushälterin« haben; hier wie dort giebtes zahlreiche untreue Ehemänner, welche bei den Frauen des Landes Abwechslung in ihrem monotonen pseudoehelichen Leben suchen.
Wenn also auch die directe Beobachtung fehlen würde, dass im indischen Archipel die Syphilisnichteinheimisch sei, so würde schon der Jahresbericht hinreichend beweisen, dass auf diesen Inseln die Syphilis von den Europäern importirt sei, und dass mit dem Vordringen der Pioniere der Civilisation die Lues ihren siegreichen Zug durch das Land hält. Die Syphilis ist eine Treibhauspflanze der rasch lebenden grossen Städte. Auf dem Lande, im Innern der Inseln, fern von dem Gewühle der grossen Culturcentren, findet sie nur wenig oder gar keine Nahrung.
Wiederholt wurde bis jetzt von der Beschneidung bei den Eingeborenen gesprochen, welche den europäischen Aerzten nur vom Hörensagen bekannt ist. Da ich jedoch Gelegenheit hatte, die rituelle Circumcision zu sehen, so will ich gern einige Worte darüber verlieren, und zwar in Wiederholung dessen, was ich in der W. M. W. Nr. 27 vom Jahre 1897 darüber geschrieben habe:
Was die Circumcision der Javanen, Malayen (an der Küste des ganzen Archipels), der Sundanesen (im Westen von Java), der Maduresen (von der Insel Madura und von dem Osten Javas) und der anderen Mohammedaner betrifft, ist bis jetzt den europäischen Aerzten nur Weniges bekannt geworden. So z. B. wusste unter 7 Collegen, mit welchen ich dieses Thema besprach, kein einziger, dass auch die mohammedanischen Frauen (im Gegensatze zu den Juden) beschnitten werden, oder aber, was der »Beschneider« mit dem inneren Blatte des Präputiums thue. Der europäische Arzt dringt ebenso wenig als die übrigen Europäer (mit Ausnahme der Polizei- und Verwaltungsbeamten) tiefer in das Leben der Eingeborenen; er ist und bleibt ein fremdes Element, und was er von ihren Sitten und Gebräuchen weiss, schöpft er aus unverlässlicher Quelle, aus dem niedersten Theile der Bevölkerung, aus den Mittheilungen seiner Bedienten, und — wenn er Junggeselle ist — seiner Concubine.
Die Beschneidung der Frauen geschieht sehr geheim, im Gegensatze zu der bei den Knaben. Eine Dukun, vielleicht am besten zu vergleichen mit einer Hebamme, welche jedoch die BehandlungallerKrankheiten auf sich nimmt und besondere geschickt im Massiren (pidjet) ist, und ihr Meisterstückchen in der Verhinderung der Conception thut, ritzt in der Regel mit einem gewöhnlichen Messer das Präputium derClitoris; bei übermässiger Länge des letzteren jedoch amputirt sie. Aus Autopsie weiss ich von dieser Operation nichts zu erzählen. Bei allen festlichen Gelegenheiten wird ein Festessen (slametan) gegeben, zu dem auch die Europäer eingeladen werden; nur nicht bei dieser Gelegenheit. Dies ist die Hauptursache, dass der europäische Nachbar ebenso wenig davon weiss, als z. B. der europäische Arzt, der die männlichen Verwandten eines Häuptlings und vielleicht auch seine Frau und Tochter im Krankheitsfalle behandelt.
Die Beschneidung der Knaben ist mit mannigfachen Ceremonien verbunden und unterscheidet sich in der Wahl der Instrumente, in der Methode u. s. w., je nach Insel und Theilen der Insel und den Vermögensverhältnissen des Vaters. Das Folgende ist entnommen der Beobachtung bei einem Javanen im Innern Javas (in Magelang) und bei dem Sohne eines angesehenen Häuptlings (eines Pâtih). Dieser Mann hatte (offenbar in Folge einer schlechten oder gar nicht ausgeführten Circumcision) eine atrophische Phimosis, die Verhaut war zum grössten Theile mit der Glans verwachsen; auch einer seiner Söhne hatte, wie ich später sah, eine partielle Verwachsung des Präputiums mit der Glans. Vielleicht wusste er, dass der mohammedanische Beschneider bei der kleinsten Abweichung sich nicht zu helfen wisse, vielleicht wollte er von der localen Anästhesie Gebrauch machen lassen, genug, er ersuchte mich, den europäischen Arzt, die Circumcision bei seinem Sohne vorzunehmen. Auf meinen Einwand, dass er vielleicht hierdurch den Unwillen der mohammedanischen Geistlichkeit auf sich ziehen könnte, bemerkte er: Es ist nirgends vorgeschrieben, wer diese Operation machen müsse, wenn sie nur zur rechten Zeit gethan werde. Gar so sicher fühlte er sich später in dieser Behauptung nicht; denn ein paar Tage vor der Beschneidung zog er seine Bitte so weit zurück, dass ich die Operation selbst dem Hadji (mohammedanischen Priester) überlassen sollte, den Knaben jedoch vorher local anästhesiren und die Nachbehandlung auf mich nehmen sollte. Wie wir sehen werden, geschah dies zu seinem Glücke.
An dem Tage der Operation sah ich eine grosse Schaar von Hadjis ein Zelt umgeben, welches, aus Tulle bestehend, einen kleinen viereckigen Raum umschloss mit einem kleinen Tischchen und einem Stuhle. Auf dem Tischchen standen verschiedene Fläschchen, darunter eines mit Cocain und eine silberne Schale zum Auffangen des Blutes. Unter dem Klange zahlreicher Tamburins und dem monotonen Gesange der Hadjis ging der Candidat in die Hütte und stellte sichzwischen die Beine eines Hadji, welcher auf dem Stuhle sass und ihn mit seinen Armen umschlang. Ein zweiter Hadji hockte auf dem Boden und bemühte sich, mit einem Stäbchen von der Dicke und Form einer dicken Stricknadel, den Präputialraum zu umkreisen; obzwar ihm dieses nicht gelang, wie ich später sah, hob er doch eine kleine Falte in die Höhe, brachte dahinter ein in der Form einer anatomischen Pincette gebogenes Rottanstück und that zwischen dieser Pincette und dem Stäbchen einen Schnitt, offenbar in der Absicht, einen Zwickel auszuschneiden, vielleicht in der Weise, wieBardelebendie Excision der Vorhaut beschreibt. Diese war ihm jedoch nicht gelungen; er hatte nur ein Stückchen Epidermis von dem äusseren Blatte abgeschnitten. Enfin, ich bekam den kleinen Mohammedaner zur weiteren Behandlung und vollführte — lege artis — die Incision. Unterdessen wurden noch 8 andere Knaben (Söhne aus dem Gefolge) beschnitten, bei welchen die obengenannten Schwierigkeiten natürlich sich nicht einstellten. Wie ich später sah, war bei ihnen ein grosses, beinahe dreieckiges Stück vom Präputium ausgeschnitten, das äussere Blatt hatte sich zurückgezogen, und auf das innere Blatt hatten sie ein graues feines Pulver gestreut. Dieses Pulver rührt von dem Neste der Wespen her, welche sich auf alten Bambushecken ansiedeln. Es wird in grosser Menge auf das eine Blatt gestreut, bleibt sitzen, bis es mit der feinen zarten Membran eingetrocknet abfällt.Ein Verband wird nicht angelegt; um jedoch die Wunde vor dem Reiben des Unterrockes (Sarong) zu schützen, wird ein Horn in der Form unserer Schuhlöffel (bei den Armen wird ein Stück der Cocosnussschale in diese Form geschnitten) an dem Bauche über dem Penis befestigt und darüber der Sarong gefaltet. Der Ruhe pflegen die Patienten nur so weit, dass sie nicht laufen.
Dem Europäer ist es ein pittoreskes Bild, einen javanischen Knaben von ungefähr 13 Jahren, gefolgt von einigen Schicksalsgenossen, langsam und mit gespreizten Füssen gehen zu sehen, mit einem bunten Wedel in der Hand, ein Bedienter trägt über seinem Haupte den Sonnenschirm (pajong), und in der Gegend der Symphysis pubis wird das mit dem Sarong bedeckte Horn sichtbar, um gleichsam urbi et orbi zu verkündigen und ad oculos zu demonstriren, dass der Knabe Mohammedaner undManngeworden sei.
Von anderen Operationsmethoden weiss ich nur vom Hörensagen; so zum Beispiel wird an Stelle eines gewöhnlichen groben eisernen Messers, welches in unserem Falle gebraucht wurde, ein Stück scharfenBambus gebraucht. In anderen Orten wird keine Excision, sondern eine Circumcision lege artis gemacht; zu diesem Zwecke wird das Präputium in eine Zange gefasst, welche aus zwei Stäbchen besteht, die mit zwei Ringen aus Rottang aneinander gepresst werden. Das hervorragende Präputium wird dann abgeschnitten. Dieses sind die häufigsten landläufigen Erzählungen über die rituelle Circumcision bei den Bewohnern der Sundainseln.