4. Capitel.

4. Capitel.

Fischschuppen-Krankheit — Tigerschlange — Schlangenbeschwörer — Gibbon — Kentering — Beri-Beri — Simulanten beim Militär — Mohammedanisches Neujahr — Tochter von Mangkosari — Kopfjagd — Pfeilgift — Genesungsfest — Gesundes Essen — Früchte — Indische Haustoilette — Wüthende Haushälterin — Dysenterie — Gewissenlose Beamte — Missionare.

Eines Tages stand ich vor der Palissade und liess meinen Blick über die Ufer des Baritu schweifen; das Wasser war sehr niedrig; 15 Meter war der Fluss seit früh gefallen; die Schildwacht hatte ihre Aufmerksamkeit vielleicht mehr den Frauen gewidmet, welche in dem schwimmenden Badehause (zugleich Abort) sich befanden, als dem Badehause selbst; endlich riss ein eigenthümliches Knarren ihn aus dem Träumen. Das Badehaus war nämlich mit grossen Rottangs an dem Ufer festgebunden, welche nach dem jeweiligen Stande des Flusses kürzer oder länger angezogen werden mussten; das Wasser war schon so tief gefallen, dass das schwimmende Badehaus mit dem einen Rande am schräg ablaufenden Ufer aufruhte und dadurch eine schiefe Stellung bekam. Sofort schlug die Schildwacht den in der Nähe hängenden Holzblock, einige Soldaten eilten herbei, und es gelang ihnen, das schwimmende Haus vor dem Einsturz zu retten, indem sie die Rottangs vom Ufer lösten und durch einen kräftigen Stoss das Badehaus gänzlich ins Wasser brachten. In finsteren Nächten hat die Schildwacht nur dieses eigenthümliche Geräusch zum Wegweiser, ob unerwartet das Wasser gefallen sei und das Gebäude bedrohe; denn die Schildwacht muss in der Nacht von den Palissaden geschützt sein; wie leicht könnte es sonst geschehen, dass ein oder der andere Dajaker sich heranschliche, um sich ihren Kopf zu holen?

Den Soldaten war es also gelungen, das Badehaus den Soldaten zu erhalten, die Schildwacht ging wieder in schläfrigem Schritt auf und ab, als sie plötzlich in der Tiefe des Ufers einen Kahn anlegen sah und mich darauf aufmerksam machte. Ein Riese stieg nämlich aus dem Kahne, der nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestand. Bald folgten noch zwei Kähne mit zwei anderen Dajakschen Männern. Trotz der Tiefe des Ufers war seine Grösse so auffallend, dass ich die zwei andern Officiere zur Palissade rief; je höher er stieg und je näher er kam, desto mehr fiel mir neben seiner Grösse sein zerstörtes Wesen auf. Endlich erreichte er das Fort und ersuchte, mit dem Doctor sprechen zu können. Nachdem sie die Mandaus (Kopfmesser) abgelegt hatten und ich die Erlaubniss gegeben hatte, kamen sie zu mir, und ein eigenthümliches Gespräch begann; die drei Männer waren aus verschiedenen Gegenden gekommen und sprachen also drei verschiedene Dialekte; der Eine sprach den von Teweh, war jedoch nicht des Malayischen mächtig; ich liess also erst einen Bewohner von dem gegenüberliegenden Kampong holen, der beide Sprachen beherrschte, und ich hatte unterdessen Zeit, den Riesen näher zu beobachten. Zu Ehren seines Besuches hatte er ein Kopftuch angelegt, unter welchem jedoch die langen schwarzen ungekräuselten dicken Haare herabhingen; es bestand aus Baumbast, welches gefärbt war; nebstdem hatte er aus demselben Stoffe ein Röckchen ohne Aermel und ohne Knöpfe, welches also die Brust nicht bedeckte, und dann hatte er seinen Djawat (den Gürtel); das war also seine Galakleidung; was mich jedoch neben seinen zerstörten Gesichtszügen am meisten interessirte, war die Ichthyosis, d. h. der ganze Körper war mit Ausnahme des Gesichts, der Hände und Fusssohlen mit Schuppen bedeckt.

Wie ich später sah, ist beinahe ein Viertel der männlichen Bevölkerung mit dieser Hautkrankheit behaftet (von den Frauen finde ich in meinen Reisebriefen aus damaliger Zeit nichts diesbezügliches erwähnt). Auch gelang es mir niemals, über die Entstehungsursache dieser Fischschuppenkrankheit etwas zu erfahren; natürlich wurden die Lues, die Unreinlichkeit, der Genuss von Schweinefleisch u. s. w. in der Aetiologie dieser Krankheit genannt, ohne dass ich auch nur die geringste Bestätigung dafür finden konnte. Auch in Europa war mir ja eine Familie bekannt, wo die Fischschuppenkrankheit (= Ichthyosis) bei drei Brüdern vorkam (der vierte war davon befreit geblieben), und zwar ohne bekannte Ursache, die Eltern waren nämlich ichthyosisfrei. (Kaposi beschreibt mehrere Formen der Ichthyosis und nennt sie eine hereditäreKrankheit.) Mir gelang es niemals, eine Ursache für die Ichthyosis der Dajaker zu finden, und sie war so zahlreich, dass ich sie für die Dajaker eine endemische Volkskrankheit nennen musste.

Endlich kam der letzte Dolmetsch, und nach langer Debatte erfuhr ich erst das Folgende: Der lange Dajaker sei von der Quelle der Teweh zu mir gekommen, weil er an blutiger Diarrhoe leide; diese Krankheit hätte sich langsam und allmählich entwickelt, nachdem er vor acht Monaten von einer Tigerschlange (Python) attaquirt worden sei. Er ging nämlich um diese Zeit im Walde und hatte nur einen grossen Korb auf seinem Rücken; plötzlich fühlte er etwas Nasskaltes auf dem Rücken, er griff dahin, und in diesem Augenblicke schlang sich eine Sawahschlange viermal um seinen Thorax. Die Elasticität des Korbes rettete ihn vor einem sichern Tode; denn sie gab ihm Gelegenheit und Zeit, unter den Windungen der Tigerschlange sein Messer zu ziehen und mit raschen und kräftigen Zügen die Schlange — zu durchsägen. Diese Riesenschlangen, welche in Indien fälschlich für Boas gehalten werden, erreichen oft eine ungeheure Länge. In Buntok (zwischen Marabahan und Teweh) hatte eine Python den Stall eines Dajakers überfallen und war mit einer Gans davon geeilt. Durch das Geschnatter der übrigen Gänse aufmerksam gemacht, eilte er hinaus, und es gelang ihm noch, mit seinem Mandau ihr den Kopf abzuschlagen. Als ich den folgenden Tag ins Spital ging, sah ich den Rumpf auf der Strasse liegen; er war 9 Schritte, also mehr als 6 Meter lang; man will selbst Sawahschlangen von 8 Meter Länge gesehen haben. Diese Gans hatte ein sehr trauriges Schicksal, denn allgemein wird in Indien angerathen, Gänse in seinem Garten zu halten, weil sie durch ihr Geschnatter die Schlangen vertreiben sollten, und gerade eine Gans war es, welche sich die hungrige Python zu ihrem Opfer auserlesen hatte. Das beste Mittel jedoch, die Schlangen aus der Umgebung der Häuser fern zu halten, besteht darin, dass man rings um das Haus alles Gras ausrodet; die Schlangen lieben nicht die steinigen Wege, und wenn auch eine sich auf einen solchen Weg verirrt, so sieht man sie und läuft nicht Gefahr, sie zu treten und von ihr gebissen zu werden. Dies ist sehr wichtig; denn keine Schlange greift den Menschen an, und jede Schlange geht dem Menschen aus dem Wege, wenn er sie nicht tritt oder angreift. Man kannnebender grössten und giftigsten Schlange gehen, sie beobachten u. s. w., man bleibt unbehelligt, so lange man sie nur in Ruhe lässt. Ich habe zahlreiche Patienten behandelt, welche von giftigen und ungiftigen Schlangen gebissen waren.Auf mich machte es den Eindruck, dass der Biss einer giftigen Schlange nicht absolut tödtlich sei, und dass es allein davon abhänge, ob das Gift direct in eine Vene eingespritzt werde oder nur das subcutane Gewebe reize; im letzten Falle entsteht nur eine Entzündung mit consecutivem Exsudat, welches mechanisch die Aufnahme des Giftes in die Blutcirculation erschwert oder unmöglich macht. Damit ist natürlich der Process localisirt. Wenn jedoch der Giftzahn seinen Inhalt direct in das Lumen einer Vene entleert, so wird der tödtliche Ausgang nicht lange auf sich warten lassen; wenn nur eine Arrosion eines Blutgefässes ursprünglich stattgefunden hat, welche erst secundär die Wand einer kleinen Vene öffnet und den Uebergang des Giftes in den Blutstrom ermöglicht, ist natürlich noch nach Stunden und selbst nach 1–2 Tagen der Tod durch einen Schlangenbiss möglich. Da a priori diese Verhältnisse nicht erkannt werden können, ist es darum rathsam, sofort nach dem Bisse einer giftigen Schlange die Extremitäten abzuschnüren und die Wunde auszubrennen. (Compressen mit Ammoniak haben natürlich gegen die Aufnahme des Giftes ebenso wenig Erfolg als der inwendige Gebrauch desselben.) Ein Unicum in dieser Hinsicht sah ich im Jahre 1880 in Bantam (Süd-Westen von Java). Eine Frau sah ich mit einem exquisit komischen Stumpf des linken Unterschenkels und Contractur des Kniegelenkes. Auf meine Frage, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie mir, dass sie vor 13 Monaten von einer Schlange in den Fuss gebissen wurde, dass sie die Wunde (landesüblich) mit einer Kupfermünze bedeckt habe, welche wie ein Sieb durchlöchert war, dass die Wunde jedoch nicht heilte, sondern immer grösser und grösser wurde, und dass zuletzt der Fuss abgefallen sei. Da sie die ganze Zeit den Unterschenkel in gebeugter Stellung gehalten hatte, so hatte sich nebstdem die Contractur des Kniegelenkes entwickelt.

Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden, 2–3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat) eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen. Es war an einem Samstag, an welchem Tage diemeisten Männer Abends in den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen. Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause, ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten, die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze Antwort »baik« = gut, und sie gingen — die Schlangen suchen. Die grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen. Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird). Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte, an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung (1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit einem kräftigen Schlagemeines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??). Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch, als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.

Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte. Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.

Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift, so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig, und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind dies kleine niedliche Schlangen von 20–40 cm; ihr Gift ist aber nach den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.

Fig. 4. Mein erster Hausfreund.

Fig. 4. Mein erster Hausfreund.

Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus, der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig, aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen. Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen. Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur Federn, sondern auch ein Stückchen Hautmitgerissen wurde. Hin und wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen (Fig. 4), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren, welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe; denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken, giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen, dass der Gibbon verrätherischePläne schmiedete. Endlich ist der Bär in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes, lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.

Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch. Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.

Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand, war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10–15 Meter Unterschied im Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria, Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst Monate lang kein einziger TropfenRegen fällt, wenn durch den niederen Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7]In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns, und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte, weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen. Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen. Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen, welcher mit einer schweren Hydropspericardii darniederlag; ich entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des »Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden: »Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule, welche nurKrankheitenund nichtden Krankenbehandelt, hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich; dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation« nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April 1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen, besonders wenn z. B. von einem Korporaloder Sergeant »Theorie« über die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen, spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern ist — begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat, will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank, »weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen Bauch wie eine — schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren, wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives Resultat. — Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal au ventre« oder »je souffre horriblement«.

Schmerzen für dieDauerzu simuliren, ist beinahe unmöglich, denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosaununterbrochenzu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen »Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst kamnatürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war, hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte Haltung.[8]Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf- und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen, konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte. Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken, ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in derInspirationzu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal, wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung. Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches, aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«, welche je 30–50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch beinahe Gewissheit.Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können, und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam, dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei. Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung geschafft,dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten seines Dienstes sein könne(per analogiam). Der Zufall wollte es auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht, und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris, an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat nur, wiees mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste, war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen. Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging, bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen gesehen zu haben.

Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich (?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.

Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in dieMoschee, spazieren und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem fürchterlichen Raketenfeuer. — Ueberall wird Feuerwerk (mortjon) an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz, weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.

Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.

Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.

Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20–25 Frauen zwischen 15–25 Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und der ihrer hohen Abkunft bewussten Haltung ihre fürstliche Abstammung. Bei ihrem Eintritt legte sie ihre kleine, weiche Hand in die meinige mit den Worten slamat taon Baru = glückliches Neujahr, ging stolzen und erhobenen Hauptes bei mir vorbei in das hintere Zimmer, wo meine Haushälterin auf dem Boden sass, und liess sich ebenfalls nieder, während das Gefolge in gemessener Entfernung ein Gleiches that. Natürlich war der Boden mit (Singaporschen) Matten bedeckt, und meine Haushälterin, welche von der Ankunft dieser Fürstentochter verständigt war, hatte für Gebäck, Zuckerwerk und Thee gesorgt. Ihr zurückhaltendes Benehmen gegen mich hatte seine gute Ursache. Täglich machte ich nämlich vor Sonnenuntergang einen Spaziergangzwischen dem Fort und der Wohnung ihres Vaters, welche am rechten Ufer des Tewehflusses lag; ich ahnte nicht, dass jedesmal ein Paar schwarze, feurige Augen mich auf meinem Spaziergang beobachteten. Eines Tages jedoch kam ich an das Ende der Strasse, und sieh’ da! zwei schöne Frauen sassen auf einem gefällten Baume, welcher vor dem Hause Mangkosari’s lag. Die eine der beiden kannte ich bereits; es war die (halbchinesische) Frau des chinesischen Lieferanten des Forts; die zweite wurde mir als die Tochter Mangkosari’s vorgestellt. Selten habe ich ein so schönes Mädchen gesehen, und niemals mit einer schöneren Frau, als diese war, gesprochen. Im Laufe des Gespräches (in malayischer Sprache) bot sie mir (Fig. 5) Früchte aus dem Körbchen an, welches sie in der Hand hielt; einen Augenblick zögerte ich, diese Liebesgabe anzunehmen — die Frauen standen auf und mit einem kurzen und gemessenen Tabeh (Gegrüsset) verliessen sie mich. Nur zweimal noch bekam ich hierauf während meines dreijährigen Aufenthaltes in Teweh die Tochter Mangkosari’s zu sehen, und zwar beim erwähnten Neujahrsfest und 1½ Jahr später, als die Frau des Mangkosari schwer erkrankte und mich um Hülfe ersuchen liess.

Den 3. Mai 1878 hatte ein Dajakscher Jüngling in unserer nächsten Nähe sich seinen Brautschatz geholt. Ungefähr 500 Schritte hinter dem Fort waren einige Malayen mit dem Fischfang beschäftigt, plötzlich sprangen einige Dajaker aus dem Gebüsche; vier von ihnen gelang es, je einen Malayen beim Kopfhaar zu fassen und ihm mit dem Mandau mit einem Schlag den Kopf abzuschlagen. Ebenso schnell als sie gekommen waren, wussten sie auch zu entfliehen, bevor die übrigen Fischer sich von ihrem Schrecken erholt hatten. Nur die kopflosen Leichen ihrer Kameraden und die Blutspuren, welche in den Urwald führten, waren die traurigen Ueberreste dieser Kopfjagd. Die Kopfjäger schnitten mit den kleinen Messern, welche sich auf der Scheide der Mandaus befanden, das Fleisch von den Köpfen ab, die langen Haare derselben banden sie an die Griffe ihrer Schwerter, und frohlockend zogen sie weiter, in der Ueberzeugung, mit ihren Schätzen jedes spröde Frauenherz erobern zu können. Die Werthscala eines Kopfes ist folgende: Sclave, Kind, Frau, Dajaker, Malaye, Chinese und Europäer. Die Leiche des einen Opfers wurde mir als corpus delicti des Verbrechens zur Obduction gebracht. Ich habe seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, eine solche Leiche zu obduciren; ich weiss also nicht, ob es Zufallwar, oder ob es immer geschieht: am Rumpfe befand sich nur ein Schnitt, der den Zwischenraum zweier Halswirbel durchzogen hat. Was ich darüber bei Perelaer und Schwaner gelesen habe, und was mir darüber von den Eingeborenen erzählt wurde, stimmt damit überein, d. h. der Kopfjäger liegt im Hinterhalt, springt im gegebenen Augenblick auf sein Opfer, fasst es bei den Haaren, und miteinemSchwunge seines Mandaus trennt er den Kopf vom Halse. Diese Trophäen sind den Dajakern das Zeichen des persönlichen Muthes, und darum wurden sie damals von den Bräuten von ihren Freiern gefordert. Mittheilenswerth ist die Erzählung, welche Perelaer in Nr. 11 vom Militär-Spectator 1864 bringt. Im Jahre 1860 reiste Harimaung nach Kwala Kapuas und schloss mit den Beamten dieser Gegend ein Bündniss und beschwor, die Kopfjagd aufzugeben und auch in seinem Reiche die Kopfjagd zu verbieten. Viele Jahre hielt er sein Wort, bis ihn die Liebe wortbrüchig machte, obwohl sein Vater und seine Freunde ihn als Feigling behandelten und beschimpften. Er ging auf Freiersfüssen, ohne jedoch seine Braut heimführen zu können, weil er noch keinen Kopf erbeutet hatte, ja noch mehr, sie bot ihm den saloi (den kurzen, bis zum Knie reichenden Sarong) mit den Worten an: »Du bist kein Mann, Du musst Frauenkleider tragen.« Auch diesen Schimpf ertrug er, um dem Wort treu zu bleiben, das er dem Commandanten von Kwala Kapuas gegeben hatte. Als aber seine Geliebte einem berühmten Kopfjäger aus Miri (Kahajan) Gehör gab und selbst als Bräutigam annahm, da schwanden seine guten Vorsätze. Eines Tages verschwand er plötzlich und kehrte nach einigen Tagen zurück, mit seinem Korb auf dem Rücken, welcher vier Köpfe enthielt. Der süsseste Liebeslohn strahlte aus den Augen seiner Geliebten, als er den Korb vor ihren Füssen hinstellte und die Schädel herausrollen liess. Er aber blieb ruhig stehen und streckte seine Hand nach dem auf dem Boden liegenden Liebeslohn. Es waren die KöpfeihresVaters,ihrerMutter,ihrerSchwester und ihres —Bräutigams. »Du hast Köpfe gewünscht,« fügte er hinzu, »hier sind sie; ich habe meinen Eid gebrochen; ich darf nicht mehr unter die Augen des Commandanten von Kwala Kapuas kommen; sei verflucht!« Er floh in die Urwälder, welche er seitdem nicht mehr verlassen hat.

Natürlich giebt sich die Holländische Regierung alle Mühe, nicht nur unter ihren eigenen Unterthanen, sondern auch über die Grenze ihres Gebietes hinaus dieser grausamen Sitte zu steuern; abgesehen davon, dass die Sitten durch einen solchen Gebrauch nie milder werdenkönnen, ist die Kopfjagd eine der Ursachen, dass Borneo so schwach bevölkert ist.

Nach einer solchen Kopfjagd, wie sie Harimaung übte, bleibt natürlich die Blutrache nicht aus. Die Familie seiner Geliebten nahm Rache; sein ganzes Vaterhaus wurde ausgemordet und dessen ganzes Vermögen wurde zersplittert, und er selbst blieb — in den Urwäldern Borneos.

Lieutenant X., welcher gleichzeitig der Vertreter der Regierung gegenüber der Bevölkerung war (civile gezagvoerder), liess den Districtshäuptling Dakop kommen und gab ihm den Befehl, den Mörder auszuforschen, einzufangen und der Regierung auszuliefern. Unterdessen kam schon Mangkosari sich bei dem Commandanten melden und bot sich an, den Mörder zu suchen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Lieutenant X. sein Anerbieten annahm, denn es war noch keine Antwort auf sein Gnadengesuch eingelaufen, oder ob dieser Häuptling trotz des Verbotes des Militär-Commandanten diesen Kriegszug unternahm; genug an dem; einige Stunden später, während Dakop noch am Berathschlagen war, sah ich Mangkosari mit ungefähr 100 Mann den Baritu stromaufwärts fahren. Den andern Tag um 9 Uhr Abends sassen wir drei Officiere an der Whisttafel, als ein weihevoller Gesang an unser Ohr drang; wir traten zur Palissade; gellende Hurrahrufe mengten sich unter das gedehnte illa—la—lah há; eine ägyptische Finsterniss bedeckte die Landschaft, so dass wir nur einige Lämpchen wie Irrlichter auf dem Wasser schweben sahen; ein Blitzstrahl zuckte und zeigte uns vielleicht 40 kleine Kähne, welche sich unserem Fort näherten. Einer von ihnen blieb stehen, zwei Männer stiegen aus, wovon der Eine eine Laterne trug; als sie der Palissade nahe waren, erhob der Eine die Laterne, ein hundertstimmiges Hurrah drang zu unseren Ohren und wir sahen den zweiten Mann — ich glaubte, dass es Mangkosari selbst war — einen Schädel in die Höhe bringen, welcher, beleuchtet von der Laterne des zweiten Dajakers, uns den Mörder zeigen sollte, welcher mit seinem Kopfe sein Verbrechen gebüsst hatte. Wahrlich! eine eigenthümlich pittoreske Scene, die sich uns damals darbot! (Wer weiss, welchem unschuldigen Mann Mangkosari den Kopf abgeschnitten hat, um nur einen Beweis für seine Tüchtigkeit als Polizeimann zu geben.)

Noch dreimal hat während meines 3½ jährigen Aufenthaltes auf Borneo die Regierung von einer solchen Kopfjagd Nachricht bekommen.Der Einfluss der europäischen Civilisation macht sich natürlich, wenn auch langsam, doch sicher geltend, so dass heut zu Tage dieser grausame Gebrauch nicht so häufig geübt wird als früher. Dazu trägt auch die neue Waffe das ihrige bei. Als vor ungefähr 25 Jahren in der indischen Armee die Hinterlader eingeführt und die zurückgestellten alten Vorderlader auf Auction gebracht wurden, blieb kein einziges dieser alten Gewehre unverkauft. Auch unter den Dajakern befanden sich zahlreiche Käufer, welche die neue Waffe sehr gut zu gebrauchen lernten. Ich ging damals oft auf die Jagd und nahm einen Dajaker aus dem Gefolge Mangkosari’s mit, welcher mir das Gewehr trug. Bald wurde er ein geübter Schütze, der seinen Lehrmeister bei weitem übertraf. Vom oberen Laufe des Baritu kamen Ende 1879 die Fürsten von Murong und Siang nach Teweh und sahen damals zum ersten Male einen Dampfer und die neuen Beaumont-Gewehre; das Dampfschiff erregte mehr ihre Neugierde als Erstaunen; aber als sie das Hinterladergewehr gebrauchen sahen, sprangen sie wie Besessene vor Bewunderung. Ueber die Waffen der Dajaker, welche noch nicht von der Cultur beleckt sind, d. h. welche nur den Mandau, Schild, Pfeile und Blasrohr gebrauchen, ausführlich zu schreiben, würde überflüssig die Grenzen dieses Buches überschreiten.

Nur will ich mittheilen, dass ich mit dem Ipoh, dem Pfeilgift der Dajaker, einige Experimente gemacht habe. Ich habe nämlich 1 Gran = 65 Milligramm Ipoh in Wasser gemischt einem kleinen Affen ins Rectum eingespritzt. Obwohl ungefähr die Hälfte sofort wieder ausfloss und ich den Affen (Cercopithecus cynomolgus) nach Angabe der Dajaker sofort unter Wasser tauchte, bekam er doch nach ungefähr 10 Minuten Krämpfe und starb. Zweimal habe ich ein Schuppenthier (Manis pentadactyla) durch Ipoh getödtet; das erste Mal in Teweh und das zweite Mal, 16 Jahre später, in Java. Mit dem Messerchen gab ich zwischen zwei Schuppen einen Stich und steckte hierauf einen Pfeil in die Wunde. Im ersten Falle starb das Thier beinahe sofort nach der Operation, während es im Jahre 1896 doch noch ¼ Stunde dauerte, bis das Thier unter Convulsionen erlag. Nach Perelaer stamme das Gift von zwei Sorten Gewächsen; das eine, das Siren, stamme von einem Baume, und das andere, Ipoh, von einem Strauche. Nach meinen Untersuchungen dürfte in dem Theile Borneos, welchen ich bewohnt habe, Strychnos Tieuté Lechenault, und in Kapuas, Antiaris toxicaria die Quelle des Pfeilgiftes gegeben haben. Dass jedoch, wie Wefers Bettink behauptete, »das Pfeilgift von Borneo keine Spurvon Strychnin enthalte«, kann ich, soweit es die Pfeile betrifft, welche ich in Teweh erhielt, nicht unterschreiben. Der verstorbene Professor Stricker in Wien schrieb mir seiner Zeit nämlich, dass das von mir gesendete Ipoh eine Strychninsorte sei.

»Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.« So ging es auch mir während meines Aufenthaltes auf der Insel Borneo. In dem engen Raume des kleinen Forts herrschte Monotonie des ganzen täglichen Lebens. Als Arzt konnte ich nicht viel zu thun haben, weil hundert Soldaten, welche doch in der Kraft ihres Lebens stehen, nicht oft erkranken; als Mensch und als Officier kostete ich den Kelch eines der civilisirten Welt entrückten Bestehens bis auf die Neige, weil ich nur zwei Kameraden hatte, d. h. weil nur zwei Officiere und sonst niemand sich im Fort befand, mit denen ich verkehren konnte, und doch hatte ich keine Langeweile. Denn so oft als möglich (und natürlich immer auf eigene Verantwortung) verliess ich das Fort, um zu jagen, um Käfer zu sammeln, um einem dajakischen Feste beizuwohnen oder um an der Grenze des Urwaldes seltene Orchideen zu pflücken u. s. w.

So geschah es auch, dass ich den 25. Februar 1878 mit dem Bezirkshäuptling Dakop über den Baritu setzte, um hinter dem Kampong des Demong Djatra zu jagen. Der alte Kamponghäuptling war seinem Blasenkrebs erlegen, und sein Sohn Demong Djatra, der Nachfolger in dieser Würde, ist mein Freund (?) geworden. So oft als möglich besuchte er mich, d. h. so oft er Pulver für sein Gewehr nöthig hatte, und brachte mir hin und wieder auch kleine Geschenke, z. B. Früchte mit. Sein Gesichtsausdruck war der eines hinterlistigen Mannes, und vielleicht war dies die Ursache, dass mein Wau Wau ihn jedesmal attaquirte, wenn er zu mir ins Zimmer trat. Entweder riss er ihm wüthend das Tuch vom Kopfe oder er hing sich an seine Füsse und zerriss ihm die Hose (welchen Luxus er sich immer erlaubte, wenn er ins Fort kam), oder er sass zwischen den Spitzen der Palissade und riss ihn en passant, mit einem Ausdruck voller Wuth, bei dem Kragen, kurz und gut, er hasste den Demong Djatra. Dies war darum so auffallend, weil es der einzige Dajaker und der einzige Mensch war, dem mein Wau Wau solche unzweideutigen Beweise seiner Feindschaft gab, und weil thatsächlich Falschheit die Physiognomie dieses Häuptlings zeigt. Dass er zwei Jahre später das Haupt des Aufstandes war, will ich nur per parenthesimerwähnen, weil noch andere unserer »Freunde (sobat)« daran Theil genommen hatten, ohne dass sie einen solchen listigen Ausdruck gehabt hatten.

Als wir uns seinem Kampong näherten, sahen wir eine eigenthümliche Scene. Im Wasser stand mein »Freund« Djatra, vor ihm lag ein Boot, hinter ihm standen drei Männer in feierlicher Haltung und neben diesen eine Miniatur-Hütte, welche auf einem Gestell umgeben mit Wachslichtern ruhte. Im Hintergrunde standen die übrigen Bewohner des Kampong als Zuschauer. Unter den Frauen waren einige junge, welche über dem Knöchel eine Schnur mit kleinen Glasperlen hatten. Auf meine Frage, warum nicht alle Frauen diese Glasperlen über dem Knöchel tragen, theilte mir Dakop mit, dass nur jene Frauen oder Mädchen diesen Schmuck anlegen, welche zu heirathen wünschen. (Also eine dajakische Heirathsannonce!) Die drei Männer murmelten ihre Gebete und besprengten den Djatra mit Reis. Nun kam dessen Frau und kletterte auf einen Baum, der vor dem Boote im Wasser stand. Djatra nahm sein Mandau und hieb so lange darein, bis der Baum mit seiner Frau ins Wasser fiel. Jetzt stiegen Mann und Frau in den Kahn, welcher nichts mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, und der älteste der drei Bliams fasste ihn mit den Händen und platsch! beide liegen im Wasser; das Boot wird, während die beiden das Wasser von sich abschütteln, gut mit Wasser abgespült, und diese Procedur wird dreimal wiederholt. Nach dieser Taufe eilen Mann und Frau an den Wall und kriechen in eine zu diesem Zwecke bereitete Grashütte. Burschen bringen brennende Fackeln herbei, eine zweite Frau (garde-dame!) leistet dem Paare in der niedrigen Hütte Gesellschaft, es stürmen die drei Priester mit Lanzen gegen die Hütte, umtanzen sie schreiend und mit den Lanzen schwingend und drohend; mit Hurrah springen die drei Insassen aus der Höhle und im folgenden Moment verbrennen die Flammen die Grashütte. Jetzt ist Djatra, welcher Reconvalescent nach einer schweren Krankheit war, vollkommen gereinigt und dasGenesungsfestabgelaufen.

Zahlreich sind die Krankheiten des Magens, der Leber und der Därme, an welchen die Europäer in Indien leiden. Natürlich wird dem Klima die Schuld gegeben, die Ursache dieser zahlreichen Krankheiten zu sein, ob aber mit Recht, das ist noch die Frage. Denn in Indien wird zu viel gegessen und zu viel getrunken. Woher soll der Magen die hinreichende Menge des sauren Magensaftes nehmen, wenner durch eine zu grosse Menge von Speisen überfüllt wird. Man hilft sich zwar dadurch, dass man zu den Speisen gewisse Gewürze zusetzt, welche eine grössere Production von sauerem Magensaft anregen sollen; aber dieses hat seine Grenze.

Zuletzt kann keine grössere Menge gesunden Magensaftes erzeugt werden; die grosse Menge aufgenommener Speisen wird nicht zur gehörigen Zeit verdaut in den Zwölf-Fingerdarm geschafft, weil der Magen atonisch geworden ist. Es muss Dyspepsie eintreten, weil nicht genug saurer Magensaft vorhanden ist, um die Fermentation der Speisen zu ermöglichen, und auch Plethora stellt sich ein, welche zu Congestionen der Leber und der anderen Baucheingeweide und zum Entstehen der Hämorrhoiden Anlass giebt.

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass in Indien die Flora und Fauna aussergewöhnlich üppig sind und dass also auch das Reich der Bacterien durch die immer herrschende Wärme und grosse Feuchtigkeit der Luft einen günstigen Boden zur Entwicklung hat; aber auch in Indien ist der sauere Magensaft im Stande, die Bacterien des Magens und des Darmes zu verzehren, wenn er inhinreichenderMenge vorhanden ist. Daran denkt man in der Regel nicht, obzwar unter den Tropen der Stoffwechsel lange nicht so energisch ist, als in Europa. Jeder von uns weiss ja, dass in den kalten Wintermonaten der Appetit grösser als im Sommer ist, und doch wird in Indien, wo das ganze Jahr hindurch eine Temperatur von 25–40° herrscht, nicht nurnicht wenigergegessen und getrunken als in Europa, sondern sogar mehr. Zur Illustration dieser Behauptung will ich jetzt eine Beschreibung der Diners folgen lassen, welche man z. B. in Batavia in einem Hotel ersten oder zweiten Ranges erhält. (Wegen Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern bekommt man in den Hôtels auf Java die ganze Verpflegung und zwar für 4–6 fl. per Tag.) Beim Aufstehen des Morgens erhält man eine Schale Kaffee, welcher, so unglaublich es ist, nicht schlechter sein kann, als er ist. Zwischen 7–8 Uhr geht man zum ersten Frühstück.

Man erhält Thee oder Kaffee, zwei Eier, Butterbrot, Käse, Salami und Beefsteak. In Indien geborene Europäer nehmen gerne beim Frühstück einen Teller voll Nassi Gôrèng, d. i. Reis mit klein gehacktem Fleisch, Zwiebeln und Lombok (Paprika) in Cocosöl gebacken und mit zwei Spiegeleiern garnirt. Ich pflegte bei meinem Aufenthalt in Indien dabei zu bemerken, dass in Europa nicht einmal der Fürst von Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein ein so reiches Frühstück habe, als ein einfacherLieutenant in Indien. Vorläufig muss man damit bis 1 Uhr Nachmittags zufrieden sein. Um jedoch zu dieser Hauptmahlzeit (Rysttafel genannt) den nöthigen Appetit mitzubringen, steht vor dem Essen die Caraffe mit Genever und Bitterextract den Gästen à discrétion. Wie der Magyar seinen Sliwowitz, so nimmt der Holländer vor Tisch ein, zwei oder drei Gläschen »Bitter«.

Die »Rysttafel« führt insofern diesen Namen mit Recht, weil des Mittags täglich der Reis die Hauptrolle spielt. Aber wie gross ist die Zahl der Nebenrollen! Zunächst wird der Reis mit zwei Saucen begossen. Die eine, Kerry genannt, besteht aus Cocosmilch, Bouillon und zahlreichen Gewürzen mit Stücken von Huhn, Fisch, Krabben u. s. w. Die zweite Sauce besteht aus Bouillon und verschiedenen Sorten Grünzeug, worin ebenfalls die Extremitäten eines Huhnes, der Kopf eines Fisches u. s. w. schwimmen. Auf einem zweiten Teller werden aufgehäuft zwei bis drei Sorten Rindfleisch, zwei bis drei Sorten Huhn, Fisch, Krabben, ein bis zwei Sorten Eier, und niemals fehlt ein Stück gehacktes Fleisch (Fricadell). Dazu werden noch verschiedene Grünzeuge mit Lombok zubereitet gemischt.

Damit ist aber das Mittagsmahl noch lange nicht beendigt. Jetzt folgen noch Beefsteak, Erdäpfel und Salat, Käse mit Butterbrod, Früchte und Kaffee.

Die »Rysttafel« bekommt der Passagier nur auf den holländischen Dampfern, und zwar sofort hinter Aden, d. h. bei der Einfahrt in den Indischen Ocean. Auf den Schiffen der Franzosen und Engländer wird diese nur in einer Miniaturausgabe geboten. Ebenso wie wir es in den Hôtels auf Ceylon und Singapore sahen, wird nämlich auf diesen Schiffen nach der Hauptmahlzeit Reis mit einer Kerrysauce servirt.

Bevor ich die weiteren täglichen Mahlzeiten auf Java mittheile, muss noch erwähnt werden, dass Jeder, der es thun kann, nach diesem üppigen Mittagmahle Siesta hält. Zwischen 4–5 Uhr wird aufgestanden, ein Schiffsbad genommen, eine Schale Thee getrunken, ein Spaziergang gemacht, und um 7 Uhr Abends beginnt das gesellschaftliche Leben, d. h. man empfängt und macht um diese Zeit seine Visiten. Darnach nimmt man ein paar Gläschen Genever oder Portwein, und um halb 9 Uhr geht man an das Abendessen. Curiosums halber will ich die Abschrift des Menu geben, welches am 17. Jänner 1897 (ich glaube es war ein Sonntag) im Hôtel du Pavillon in Samarang (Java) den Gästen geboten wurde:

Caviar. — Bruinsoep (braune Suppe). — Croustades. — Vischmet wortelen (Fisch mit jungen Rüben). — Rolade met celleri (Sellerie) au jus. — Eend (Ente) met doperwten (Zuckererbsen). — Compôte. — Gebak (Torte). — Nougaijs (Nougat-Gefrorenes). — Vruchten (Obst). — Koffie.

Es kann wohl vorkommen, dass die Gäste hin und wieder eine oder die andere Schüssel passiren lassen, ohne etwas davon zu nehmen, aber ich kann auch behaupten, dass in Europa auf keiner Table d’hôte den Gästen soviel geboten und von ihnen soviel gegessen wird als in Indien, und zwar nicht nur in den Hôtels, sondern auch am häuslichen Herd. Kann es also Wunder nehmen, dass die Europäer im Indischen Archipel so oft an Krankheiten des Magens, des Darmes und der Leber leiden? Wir wollen keine strengen Richter sein, schon darum nicht, weil die indischen Früchte und Gewürze gar so herrlich sind. Ich habe eine Zeit gekannt, dass ich dreimal des Tages die »Rysttafel« hätte essen wollen.

Von den zahlreichen Früchten, welche besonders saftreich sind, und deren Aroma oft von keiner einzigen europäischen Frucht übertroffen wird, will ich nur einige erwähnen, und zwar jene, welche mir am besten mundeten: die Ananas (A. sativa), Djambu (Anacardium occidentale), die Papaja (Carica papaya), Nonafrucht (Anona reticulata), Durian (Durio zibethinus), Mangistan (Garciana mangostana), Duku (Lantium domesticum), Mangga (Mangifera indica). Von den zahlreichen Gewürzen (Hass-Karl spricht von 119 allein aus dem Pflanzenreich) und ihren Zusammensetzungen, z. B. Kerry, Ketjab (Soja) kann ich nur dasselbe sagen; sie sind herrlich.

In den Hôtels habe ich natürlich von diesen herrlichen Speisen täglich genug bekommen, ohne dass ich damals mich an dem »zu viel« versündigt hätte, obzwar die alte Phrase: »in Indien muss man sich kräftig nähren« und »flink trinken« in den verschiedensten Variationen mir vorgeleiert wurde von Aerzten und auch von Laien, welche »in Indien geboren sind und darum am besten wissen müssen, was in »de Oost« gegessen werden muss, wenn sie auch keine Aerzte seien«. Es bleibt eine Phrase zu sprechen von der Wahl einer »nahrhaften Speise«, wenn man vielleicht 10–20 Schüsseln oder Schüsselchen mit eiweissreichen Speisen vor sich stehen hat. Für die Frage einer zweckmässigen Volksspeise, oder für die Ernährung eines Soldaten auf dem Kriegszuge, oder für arme Leute, welche keine Wahl haben, oder für Kranke, welche nur gewisse Speisen vertragen, für diese Probleme ist es nöthig, genau zwischen nahrhaften und nicht nahrhaften Speisen zu unterscheiden. Aber für das Grosder Bevölkerung ist inIndiendiese Frage schon erledigt. Dem Eingeborenen ist der Reis eine bessere und gesündere Nahrung, als dem Proletarier in Europa der Erdapfel; denn nach Horford und Krocker hat der Reis nur 15·1% Wasser (und 6·3% Albumin, 73·6% Stärke, 4·6% Cellulose und 0·3% Salze), während die Erdäpfel nach Moleschot 0·5–2·5% Eiweiss, 0·4–1% Cellulose, 9–23% Stärke und 69–81% Wasser haben. Wenn der Malaye und Javane mehr Fleisch gebrauchen würde, dann wäre seine »Volksnahrung« gewiss eine zweckentsprechende und »gesunde« zu nennen.

Die europäischen Soldaten bekommen aber so viel Reis (0·5 Kilo) und so viel Fleisch (0·27–0·4 Kilo) und 30 Gramm Butter u. s. w., dass die zweite Frage die Hauptsache wird, nämlich: ob genug Abwechslung geboten wird und auch genug aufgenommen und verzehrt wird, oder ob nicht vieles geradezu für den Organismus verloren gehe. Die zahlreichen Gewürze haben zwar den Zweck, den Magen zur grösseren Production des Magensaftes anzupeitschen; dieses gelingt zwar eine Zeit lang, aber es dauert nicht lange. Auch Dr. Pollitzer, welcher fünf Jahre am Mississippi wohnte, sprach als seine Ueberzeugung aus, dass mehr als die Hälfte der Magen- und Darmleidenden nicht dem Tropenklima, sondern der unzweckmässigen Lebensweise ihre Krankheit zuschreiben müssen, weil, wie schon oben erwähnt, bei zu grosser Menge der aufgenommenen Nahrung der Magen nicht genug sauern Magensaft erzeugen könne.

Auch mir ging es in Teweh nicht besser. Ich hatte grössere Sorgen, etwas zu essen zu bekommen,das ich gerne ass, als eine »nahrhafte Speise« am Tisch stehen zu sehen; im Gegentheil, diese »nahrhafte Speise« bekam ich zum Ueberdruss und zwar: Beim Frühstück Beefsteak, nach dem Reis Beefsteak und Abends Beefsteak; nebstdem jeden Morgen zwei oder vier Eier; zu guterletzt konnte ich kein Ei mehr sehen und schon der Geruch der Beefsteaks nahm mir allen Appetit. Glücklicher Weise schmeckte mir damals die »Rysttafel« so gut, dass ich mich beim Mittagsmahl für den ganzen Tag satt essen konnte. Denn nur zu oft geschah es, dass das Brod von dem Lieferanten ungeniessbar war und er uns dafür den zweifachen Geldbetrag erstatten musste; für jeden Soldaten war dies ein Freudenfest, er konnte dafür eine halbe Fl. Bier, Genever oder Aehnliches kaufen und ass dafür sein Surrogat, Reis u. s. w. Für uns Officiere war es jedoch jeder Zeit eine arge Enttäuschung, des Morgens kein Brod zu haben. Keine Erdäpfel zu haben, — das waren wir gewöhnt; als im Jahre 1878 durch aussergewöhnlichniederen Stand des Flusses sechs Monate lang niemand zu uns kommen konnte, und zwar nicht nur kein Dampfer, sondern auch kein Transportboot mit Lebensmitteln, so dass z. B. kein einziges Schächtelchen Streichhölzchen auf ganz Teweh zu kaufen war, da fühlten wir erst recht unsere Einsamkeit. Nur die Post, welche auf einem Kahn, der nichts anderes als ein ausgehöhlter Baumstamm war, jede Woche uns gesendet wurde, war das Band zwischen uns und der ganzen übrigen Welt. Mit Angst sahen wir dem Tage entgegen, dass unser Vorrath an Kaffee, Bier, Wein und Genever ausgehen sollte. An »nahrhaften Speisen« hatten wir genug grossen Vorrath; denn der Lieferant musste stets für sechs Monate bei sich und füreinenMonat im Fort an Vorrath haben: Reis, lebende Rinder, Petroleum, Salz u. s. w. Von diesen Lebensmitteln hatte der Lieferant vor dem Eintritt der trockenen Zeit zufällig für sechs Monate das verpflichtete Quantum in seinem Magazine aufgespeichert, so dass wir keinen Hunger zu leiden brauchten. Ist die Noth am grössten, ist die Hülfe am nächsten; es begann zu regnen, und der Fluss begann zu steigen, als die Cigarren, Wein, Genever, Streichhölzer und Butter nur noch in ganz kleinen Mengen in Teweh zu bekommen waren und zwar nur bei dem chinesischen Lieferanten der Armee. Ein anderes Geschäft bestand natürlich in Teweh nicht. Endlich konnte ein Dampfer wieder zu uns kommen, und ein Stein fiel uns vom Herzen, als wir ein Glas Bier erhielten und ein Päckchen Streichhölzchen in unserer Vorrathskammer geborgen werden konnte.

Die Worte »gesundes Essen« werden jedoch mit mehr Recht gebraucht als »nahrhaftes Essen«; es wird am häufigsten gebraucht bei der Wahl von Grünzeug, Früchten und gewisser nur in Indien gebrauchter Zuspeisen. Zu den letzten gehört die »Rudjak«, das sind Scheiben von meistens unreifen Früchten, welche mit einer dicken Sauce von Lombok, Zucker und »Trassi« gegessen werden. Verschiedene Sorten von kleinen Fischen werden mit Garneelen in Wasser und Salz in einem irdnen Topf zum Gähren gebracht und darin gelassen, bis ein Brei daraus geworden ist; das Wasser wird danach weggegossen, und der Brei wird zu kugelförmigen Stücken getrocknet. Diese stinkende Zuspeise (Trassi) wird von manchen Europäern und allen Eingeborenen sehr gern bei der »Rysttafel« gebraucht. »Rudjak« wird ohne Löffel oder Gabel und nur mit den Fingern gegessen. Ein Stück rauhe Gurke, Manga, Papaya u. s. w. wird in die oben erwähnte Sauce getaucht, gegessen und — als »gesundes Essen« gepriesen, d. h.von den halbeuropäischen Damen. Ueber die Frage, ob Grünzeug ein »gesundes Essen« sei, lässt sich weniger streiten; denn wenn auch Fleisch (in allen Sorten) ein gesundes Essen ist, so regt es zu wenig die Peristaltik des Darmes an, natürlich in gebräuchlicher Menge; darum ist es gut, neben dem Fleische auch andere Speisen zu nehmen, welche, wenn auch nicht reich an nahrhaften Stoffen, doch für eine hinreichende Bewegung des Darmes sorgen. Von diesem Standpunkte aus muss theilweise auch der Gebrauch der Früchte beurtheilt werden. Andererseits sind die Früchte so mannigfaltig, und es giebt von vielen Früchten so zahlreiche Sorten, dass es schwer fällt zu generalisiren, d. h. sie im Allgemeinen zu den »gesunden« oder »ungesunden« Essen zu rechnen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Zuckergehalt gewisser Früchte und ihr Reichthum an Cellulose im Darme ungeheure Massen vonnichtpathogenen Bacterien entstehen lassen, welche gewiss ein kräftiges Agens gegen die Entwicklung vom Krankheitserreger unter Umständen sein können. Wenigstens auf diese Weise erklärt Loebisch in Innsbruck den günstigen Erfolg einer Traubencur bei gewissen Erkrankungen des Darmes. Uebrigens hat die Früchtecur, von Sonius gegen die »Indische Spruw«[9]in Java eingeführt, wahrscheinlich derselben Ursache ihre günstigen Erfolge zu verdanken.

Die Zahl der Früchtesorten in Indien ist zu gross, um sie an dieser Stelle hinsichtlich ihres Nährwerthes zu beschreiben; aber ich kann nicht umhin, die am meisten gebrauchten Früchte mit einigen Worten zu besprechen:

DiePisang, von welcher wir aufS. 16bereits sprachen, kommt in zahlreichen Varietäten auf den Tisch der Europäer; wegen ihres reichen Gehaltes an Amylum (±70%) wird von ihr niemals bezweifelt, dass sie »ein gesundes Essen« sei.

DieAnanas(Ananassa sativa) erfreut sich diesbezüglich schon mehr eines zweifelhaften Rufes; sie ist nämlich sehr saftreich und wird daher nicht von Menschen mit Hyperacidität vertragen; auch die Frauen fürchten manchmal diese süss-säuerlich aromatische Frucht, weil sie den weissen Fluss verstärken, die Menstruation zu stark anregen solle und das Fleisch ihrer Frucht wegen des grossen Gehaltes an Cellulose schlecht verdaut werde. Es ist gewiss überflüssig, das Fleisch der Frucht zu essen, und ich habe mich immer mit ihrem herrlichen Saft begnügt. (Dass sie jedoch, wie behauptet wird, auch ein Diureticum sei, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung.)

Djambuist, ich möchte sagen, ein Sammelname für Früchte aus den verschiedensten Pflanzenfamilien. Die Djambu bidji (Psydium guajava) kann leicht gelb oder roth sein; diese letztere mit Zucker bestreut, giebt den Geschmack von Himbeeren; sie ist so reich an Samenkörnchen wie die Ribisel, die Körnchen sind aber etwas grösser und haben ihr daher den schlechten Ruf besorgt, dass sie den Darm reizen, Proctitis und sogar den Tod unter Cholera ähnlichen Symptomen zur Folge haben könne. Kirschenkerne haben auch schon manchmal eine Apendicitis verursacht, ohne dass man darum die Kirsche selbst in den Bann gethan hätte. Die herrliche aromatische Djambu verdient diesen schlechten Namen schon darum nicht, weil ihre Körner vielleicht nicht einmal ⅙ der Grösse eines Kirschkerns haben. Die holländischeDjambu(Persea gratissima) wird auch advocat genannt; sie stammt aus Westindien und soll dort Apocata heissen, woraus das indische Wort advocat entstanden ist. Sie hat die Grösse eines sehr grossen Apfels, ist eine Fleischfrucht und wird gegessen, indem man ohne Schale die Frucht zerreibt und mit Portwein mengt. Der feinste Mandelgeschmack ist nicht so fein und so angenehm, als von diesem Brei.

DiePapaja(Carica papaya) hat seit einigen Jahren in den europäischen Laboratorien Eingang gefunden, weil der weisse Saft der weichen Schale einen Verdauung befördernden Extract giebt: das Papajin. Diese Fleischfrucht erreicht oft die Grösse eines Kindskopfes und hat in ihrem Innern eine grosse Menge schwarzer Samenkörner, welche als Heilmittel manchmal gebraucht werden; sie ist sehr angenehm (besonders die Riesenpapaya) und aromatisch und wird beschuldigt, bei den Männern temporäre Impotens und bei den Frauen Fluor albus zu veranlassen; ich glaube weder an das Eine noch an das Andere. Sie wird roh mit Zucker und Wein gemischt oder in Zucker eingemacht gegessen. Auch Icterus (Gelbsucht) soll sie erzeugen.

DieNonnafrucht (Anona reticulata) hat in früheren Zeiten als Aphrodisiacum gegolten, wie Bontius erzählt; aber heute ist diese mehlige, süsse Frucht trotz ihrer zahlreichen Samenkörner eine gern gesehene Frucht auf dem Tische der Europäer, ohne dass man an ihren Liebeszauber denkt oder glaubt. Die Anona muricata wird oft so gross als der Kopf eines Mannes und hat auch einen sehr angenehmen, sehr stark sauern Geschmack; ihr Fleisch wird zerrieben und durch ein Sieb gepresst, weil die Cellulose unangenehm im Munde ist.

DieDurian(Durio zibethium) erreicht die Grösse einer grossen Melone und kann dem sorglosen Wanderer gefährlich werden, wennsie reif abfällt und den Kopf des Zerstreuten trifft; sie stinkt nach faulen Zwiebeln so stark, dass sie das ganze Haus verpestet, wenn man sie nicht im Hofraume, sondern im Hause öffnet; ihr Geschmack soll jedoch den aller übrigen Früchte der Welt an Feinheit übertreffen und wird von jedem gepriesen, dem es gelingt, sich an den fürchterlichen Gestank zu gewöhnen. Mir gelang es nicht.

DieManggis(Garcinia mangostana) ist nach meinem Geschmack die beste der indischen Früchte und wird nach »van der Burg« selbst von Bontius durch folgendes Dystichon verherrlicht:


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