6. Capitel.

6. Capitel.

Ameisen und Termiten in den Wohnungen — Verderben der Speisevorräthe — Milch-Ernährung der Säuglinge — Aborte Tjebok — Transpiration in den Tropen — Baden — Siram = Schiffsbad — Antimilitärischer Geist der Holländer — Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes „Onrust“, von den Dajakern erzählt.

Bei der Einrichtung eines »Hauses« muss man in Indien auf vieles bedacht sein, das in Europa kaum in Betracht gezogen wird; die üppige Flora und Fauna der Tropen z. B. können des Guten zu viel leisten. Abgesehen von der Gefahr, in seinem Garten Bäume und Früchte zu halten, welche durch ihre Grösse beim Herabfallen geradezu gefährlich werden können, ist es nicht rathsam, wogegen so häufig gesündigt wird, auf den Mauern Schlingpflanzen anzubringen; es nesteln sich darin zahlreiche Insecten, welche bei Gelegenheit ins Zimmer kriechen. Ein schöner Baum ist derSeite 101erwähnte Waringinbaum; mit seinem mächtigen Laub und den zahlreichen Luftwurzeln wird er oft ein stattlicher, herrlicher Baum; seine Wurzeln aber pflanzen sich weit unter dem Boden fort und unterminiren die Grundmauern; sie müssen also in bedeutender Entfernung von dem Hause (wenigstens 20 Meter weit) gepflanzt werden. Eine gleiche Gefahr bieten die mächtigen Rhizophoren, welche ein gutes Brennmaterial liefern; da sie jedoch nur in neugebildetem Alluvialboden gedeihen, und da selten ein »Haus« in diesem gebaut wird, so ist diese Gefahr der Mangroven nur eine theoretische. Auch ist es nicht empfehlenswerth, stark riechende Blumen im Hause zu halten, obzwar die Ventilation der Wohnungen intensiver ist als in Europa. Halbeuropäische Frauen und noch mehr die Eingeborenen gebrauchen gerne Odeurs, welche geradezu betäubend sind und selbst Kopfschmerzen verursachen,z. B. die Blüthe der melatti (eine Jasminumsorte), welche sogar von den malayischen und javanischen Dichtern in allen Tonarten besungen wird.

Aber auch die Fauna ist so üppig, dass selbst im täglichen Leben gegen ihren zu grossen Reichthum Maassregeln genommen werden müssen. Gegen die Riesen des Urwaldes hat der Einzelne in seinem »Hause« nur selten sich zu schützen; denn sie ziehen sich vor dem Menschen zurück; auf der Jagd nach ihnen habe ich natürlich so manche Vorsichtsmaassregeln nehmen müssen, um nicht umgekehrt ihnen eine Beute zu werden; aber die grosse Welt der kleinen Thiere giebt im »Hause« den Menschen viel zu schaffen. Zahlreiche Eidechsen sieht man auf den Mauern herumlaufen; diese sind jedoch gern gesehene Gäste, weil sie uns in der Jagd gegen die Mosquitos und andere Insecten helfen. Wenn zur Zeit der Kenteringe vor dem Regen grosse Schwärme von fliegenden Ameisen (Larong) die brennenden Lampen des Abends umkreisten und auf den Tisch mit dem Verlust ihrer Flügel niederfielen, da machte es mir immer viel Vergnügen, den grossen Appetit meiner zahmen Eidechsen zu bewundern. Scheu waren sie nicht und fürchteten sich vor mir nicht im Geringsten. So lagen sie auf dem Tische auf der Lauer, und sobald eine Ameise auf den Tisch fiel, weil sie sich an dem warmen Lampencylinder verbrannt hatte, stürzten sie aus ihrem Schlupfwinkel und verschlangen die Ameise. Zu ihrer Lieblingsspeise gehört auch die Walang sangit (Stenocoris varicornis), welche einen fürchterlichen Gestank verbreitet und oft bedeutenden Schaden den Reisfeldern verursacht. Zu den tolerirten und aus denselben Ursachen gern gesehenen Gästen gehören die Frösche, welche in die Veranda gesprungen und hin und wieder auch ins Haus kommen; denn auch sie verzehren eine grosse Menge der Insecten; Wanzen habe ich nur in den Spitälern gesehen; aber die Ameisen sind eine fürchterliche Plage der Hausfrau, sowie die »weissen Ameisen«, besser Termiten (termes fatalis) genannt, in ihrer Gefrässigkeit geradezu gefährlich werden. Von diesen sah ich oft 1 Meter hohe Nester, welche so hart waren, dass sie mit der Hacke zertrümmert werden mussten, um das Innere besichtigen zu können. Es war ein Erdhügel aus Lehm mit zahlreichen, labyrinthähnlichen Gängen. In der Mitte lag die Königin, welche von den Malayen gern gegessen wird. Aber auch die Larongs sind ein Leckerbissen der Javanen und Malayen. Zur Zeit des Schwärmens werden im Hause weisse Lavoirs unter die Lampe mit Wasser gefüllt gestellt. Die schwärmenden »weissen Ameisen«, wie der Holländer dieTermiten nennt, versengen an der Lampe die Flügel oder die Füsse, oder sie fallen, erschöpft durch die ausstrahlende Wärme der Lampen, nieder und werden im Wasser aufgefangen; die Flügel werden, wenn sie nicht schon abgefallen sind, herausgerissen und die Termite selbst in Oel mit oder ohne Mehl gebacken. Ich konnte mich niemals dazu entschliessen, mich durch Kosten von ihrem mandelähnlichen Geschmacke, den sie haben sollen, zu überzeugen. Ob die javanischen Gourmands jemals einen europäischen Feinschmecker in ihre Gilde aufnehmen werden? Ich bezweifle es. Beinahe täglich kann man im Kampong oder selbst in seinem eigenen Garten 2–3 Mitglieder seiner Bedienten auf dem Boden hintereinander sitzen sehen, welche auf dem Kopfe ihres Vordermannes gewisse ungeladene Gäste suchen undverspeisen.

Bekannt ist es, dass die Termiten grossen Schaden anrichtenkönnen, wenn man ihrem gefrässigen Triebe keine Grenzen setzt. Mir gelang dies immer, so dass ich während meines 21jährigen Aufenthaltes in den Tropen nicht den geringsten Schaden durch die râjaps erlitt. Meine Kästen liess ich niemalsanden Mauern stehen, sondern in einer Entfernung von 2–3 cm.; die Füsse derselben ruhten entweder in zinnernen Näpfen, welche mit Wasser oder Petroleum gefüllt waren, oder auf kleinen zinnernen Platten; auch die Kisten und Koffer standen nicht auf dem Fussboden selbst, sondern auf Ziegeln; jede Woche wurden alle Kästen, Koffer und Kisten zur Seite geschoben zur Controle, ob die Termiten sich unter denselben nicht angesiedelt hätten; täglich wurden die Matten von dem Fussboden aufgenommen, um nach Oeffnungen zu suchen, aus welchen sie ins Haus hätten dringen können. Oft genug sah ich dann zwischen den Fugen des Fussbodens kleine Sandhügelchen mit einer Oeffnung, in welcher die Termiten aus- und eingingen. Ich goss in die Löcher Petroleum oder Carbolsäure (5% Auflösung), um für lange Zeit von ihrem Besuche verschont zu bleiben.

Lästig sind dieschwarzenAmeisen, welche von Vielen gern gesehene Gäste sind, weil, wie man behauptet, sie die Termiten vertreiben. Thatsache ist, dass ich beide niemals zu gleicher Zeit in meiner Wohnung hatte. Die schwarzen Ameisen scheinen eben aussergewöhnlich stark entwickelten Riechnerv zu haben. Es ist oft unglaublich, wie sicher und schnell diese Ameisen ihre Beute finden. Lässt man z. B. die Zuckerbüchse unbewahrt Abends auf dem Tische stehen, so ist den andern Morgen die Oberfläche schwarz von Ameisen;Man muss also die Zuckerdose immer in einer Schale mit Wasser stehen lassen. Aber nach einigen Tagen hilft dieses Präservativ auch nicht mehr, wenn die Zuckerschale nebstdem nicht gut geschlossen ist. Man sieht dann auf dem Wasser Leichen von Ameisen schwimmen, auf welchen die lebenden sorglos ihre Näscherei aufsuchen. Nach der Ansicht der Eingeborenen opfern sich einige Ameisen dem Tode durch Ertrinken, um mit ihrem Leichnam eine Brücke zu bauen, auf welcher ihre Brüder zu dem Zucker gelangen können. Natürlich ist der Speisekasten immer und ewig ihren Einfällen ausgesetzt und selbst, wenn seine Füsse in Näpfen, mit Wasser und Petroleum gefüllt, stehen. Die Eingeborenen behaupten, dass in einem solchen Falle die Ameisen, durch den Geruch der Speisen angelockt, sich vom Plafond auf den Kasten fallen lassen; ich fand jedoch eine andere Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung. Die Hausfrau lässt nämlich im Eifer ihres Amtes die Thür des Kastens offen stehen, welche sich an die Mauer anlehnt; von dieser finden sie dann ihren Weg in den Kasten. Man erwehrt sich also der schwarzen Ameisen am besten, wenn man auf dem Tische keine Speisen stehen lässt, den Speisekasten in einiger Entfernung von der Mauer und seine Füsse in einen Napf mit Petroleum stellt; Wasser zu diesem Zwecke zu gebrauchen, ist darum nicht praktisch, weil es von den Hunden, Katzen und Ratten in der Nacht ausgetrunken wird. Sind die »weissen Ameisen« auch gefährlicher als die schwarzen Ameisen, weil sie alles zerstören, was aus dem Thier- und Pflanzenreich stammt (Banknoten und hölzerne Schiffe fielen schon ihrer Fresswuth zum Opfer), so sind die schwarzen Ameisen wieder lästiger, weil sie eine ununterbrochene Aufmerksamkeit der Hausfrau erfordern, um die Speisereste vor ihren Angriffen zu beschützen. Leider sind diese nicht die einzigen Feinde, gegen welche die Hausfrau einen steten Kampf führen muss. Die drei Factoren, welche die Entwicklung der Bacterien ermöglichen, organische Stoffe, Wärme und Feuchtigkeit, befinden sich in Indien zu allen Zeiten und an allen Orten. Dadurch verderben die Speisen sehr leicht und sehr schnell unter den Tropen. Nach 48 Stunden sind Fleisch und Fische schon ungeniessbar. In Essig eingelegte Gurken u. s. w. haben in wenigen Tagen eine dicke Schimmelauflage, wenn der Verschluss der Gefässe nicht luftdicht ist. Wenn auch die Gurken u. s. w. unter der Schimmelschicht nicht verdorben waren, so ekelte mich der Anblick so sehr, dass ich sie immer habe wegwerfen lassen. Mit Milch zubereitete Mehlspeisen können kaum 24 Stunden lang bewahrt werden, weil sie darnach sauer werden.Fette Fleischspeisen werden nach 2 Tagen ranzig. Das sind Verhältnisse, welche den Hausfrauen viele Sorgen bereiten, wenn ihnen von den Männern ein gewisser Grad von Sparsamkeit auferlegt werden muss.

In Buntok musste ich viele Conserven gebrauchen, weil weder von den eingeborenen noch von den sogenannten Soldatenfrauen viele Sorten Grünzeug gepflanzt wurden. Physolen (Katjang), Spinat (Bajem), aubergines (terong = Solanum melongena), Gurken, Wassermelonen, Labu (Lagenaria idolatrica), junge Bambus kamen auf meinen Tisch; ebenso klein war die Abwechslung in den Fleischspeisen: Huhn, Ei, Fisch und Beefsteak; ich musste also zu Conserven meine Zuflucht nehmen, um hin und wieder junge Erbsen oder Spargel zu essen, oder californische Birnen, Kirschen, Aepfel und Pfirsiche zum Nachtisch zu haben, oder aber eine andere Fleischsorte geniessen zu können als Huhn und wiederum Huhn u. s. w. u. s. w. Späterhin und zwar auf Java war eine Conserve auf meinem Tisch eine grosse Ausnahme, es sei denn, dass ich Gäste hatte.

Eine wichtige Rolle spielte die Milch. Wir hatten auf Borneo keine Kuh, also auch keine Milch; die Rinder, welche uns das Rindfleisch lieferten, wurden von Bengalis über Java und von Madura importirt und niemals zur Zucht gebraucht; von Bandjermasing wurden sie in grossen Kähnen nach Buntok und Teweh geschleppt, was oft wochenlang dauerte. Sie waren bei ihrer Ankunft oft so mager, dass wir sie Kleiderstöcke nannten, weil man auf die Hüfte factisch einen Hut aufhängen konnte. Da diese Rinder das erlaubte Minimum an Gewicht gewöhnlich hatten, so gab sich der chinesische Lieferant keine Mühe, diese Thiere fetter werden zu lassen. Das Gras war in Buntok wegen der immerwährenden Ueberschwemmung mit theilweise gemischtem Fluss- und Seewasser schlecht; er hätte also die Rinder mit Reis mästen müssen; er that es nicht; so geschah es selten, dass das Rind nach dem Schlachten, nach der Enthäutung und nach der Entfernung der Eingeweide, des Kopfes und der Füsse mehr als 75 Kilo wog. Nun, solche Rinder wären auch nicht besonders geschickt für die Gewinnung einer guten Milch gewesen; Ziegenmilch konnten wir ebenso wenig als Eselinnen- oder Pferdemilch bekommen; Karbouwen sah ich auch nicht in Buntok, also wir mussten Milch aus Conserven zum Kaffee und Thee nehmen. War auch diese nicht zu bekommen, so quirlte ich in meinen Morgenkaffee ein Ei, welches selbst ein angenehm schmeckendes Surrogat für Milch ist. Weniger für Erwachsene als für Säuglingeist ja Milch eine Lebensfrage. Es kommt wohl selten bei den dajakschen und malayischen Müttern ein vollständiger Mangel an Milch vor; ich wenigstens habe kein einziges Mal gehört, dass eine eingeborene Mutter ihr Kind nicht säugen konnte; dass sie jedoch zu wenig oder zu schlechte Milch haben, sah ich öfters; sie helfen sich dadurch, dass sie das Kind mit einem Brei vollstopfen, welcher aus weichgekochtem Reis, Pisang und Zucker besteht. Die Zweckmässigkeit dieser Kinderernährung lässt sich theoretisch bestreiten; ob aber die Sterblichkeit unter den eingeborenen Kindern eine grössere oder kleinere sei als unter den Europäern, ist gar kein Zweifel, wenn wir auch keine statistischen Ausweise darüber haben. Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts 5 Millionen Seelen, heute 25 Millionen; die Sterblichkeit kann also nicht gross sein. Aber es ist eine kleine und schwache Rasse; dieses spricht nicht für die Zweckmässigkeit der vegetabilischen Kinderernährung. Nebstdem ist es bekannt, dass die eingeborenen Kinder einen Hängebauch haben, der unter dem Namen »Reisbauch« bekannt ist.

Eine Amme würde ich in Indien, wenn auch nicht unbedingt zurückweisen, so doch als ultimum refugium in Reserve halten, wenn die künstliche Ernährung nicht gelingen sollte; denn eine europäische Amme wird vielleicht niemals zu bekommen sein, und mit einer eingeborenen Amme sind so viel Unannehmlichkeiten verbunden, dass ich vorläufig jeder Frau abrathen muss, ausser in der dringendsten Noth durch eine eingeborene Amme ihr Kind säugen zu lassen. Vielleicht entschliesse ich mich doch später dazu, die Leidensgeschichte einer französischen Dame zu erzählen, welche in Magelang (Java) entgegen meiner Warnung eine eingeborene Amme zu ihrem Kinde nahm, dreimal sie wechselte und endlich ihr Kind mit der von mir angegebenen Conservemilch nicht nur glücklich über die Zeit des Wechsels in der Nahrung brachte, sondern auch zu einem kräftigen und gesunden Mädchen entwickeln sah. Ich liess von der überall käuflichen Swiss condensed milk anfangs 1 : 17 (die ersten 4 Wochen) und später aufsteigend bis 1 : 10 eine Auflösung machen und gab davon 50 Ccm. in der ersten Woche, um bis 200 Ccm. per Dosis zu steigen. Diese Milch hat mir wiederholt so vortreffliche Dienste geleistet, dass ich die letzten Jahre zuerst zu diesem Surrogat der Muttermilch meine Zuflucht nahm, und in zweiter Reihe zur Kuhmilch, wo diese, wie z. B. auf Java, in hinreichender Quantität, aber oft in schlechter Qualität zu bekommen ist.

Wenn man seine eigene Kuh hat und das Melken controlliren kann, so hat man doch noch Schwierigkeiten damit; nur zu oft geschieht es, dass die Kuh entweder krank wird, oder wenigstens sich den Magen verdirbt; sie bekommt Diarrhoe und der Säugling, welcher ihre Milch trinkt — wird auch krank. Wenn auch unter den schweizerischen Kühen, welchen diese Conserven ihren Inhalt verdanken, die eine oder andere Kuh krank wird, so vertheilt sich ihre Milch auf die grosse Menge; ich will mich jedoch anderer theoretischer Erklärungen enthalten, weil für mich die Thatsache spricht, dass in Indien unter den zahlreichen Ersatzmitteln der Muttermilch die condensirte Milch mir die besten Resultate gegeben hat.

Um nur eines Falles zu gedenken: Im Jahre 189.. kam in Ngawie der Lieutenant X., welcher eine tuberculose Frau hatte, mit einem ½ Jahr alten Kinde in Garnison. Das Kind war eine Mumie, obzwar es mit Eiweiss genährt wurde. (Eiweiss kann nur für einige Tage ein Surrogat der Muttermilch sein, für die Dauer regt es zu wenig die Peristaltik des Magens und der Därme an.) Sofort liess ich die Ernährung mit Eiweiss trotz des Sträubens der Eltern aussetzen und liess dem Kinde erwähnte condensirte Milch, und zwar in einer Auflösung 1 : 12 geben. Das Kind vertrug die Milch gut und schon nach wenigen Wochen entwickelte sich ein kräftiges Fettpolster.

Eine zweite Ursache, warum ich in Indien geradezu vor dem Gebrauche der Kuhmilch für Säuglinge warnen muss, ist die Thatsache, dass sie, ich möchte sagen fast immer, mit Wasser aus dem Sumpfe (Sawahfeld), oder aus den Riols, mit Zuckerwasser, Cocosmilch oder selbst mit Gyps verfälscht wird. Selbst wenn man seine eigene Kuh hat, aber beim Melken nicht dabei steht, ist man seiner Sache nicht sicher, weil der Bediente, der damit betraut ist, einen Theil der Milch unterschlägt, um sie zu verkaufen, und, um das gewöhnliche Maass seinem Herrn abzuliefern, die Milch verfälscht. Uebrigens hat die erwähnte condensirte Milch diesen Vortheil, dass man eventuell einen Soxhletapparat entbehren kann. Man braucht ja keinen Vorrath an Milch zu halten, während die von der Kuh gewonnene Milch nicht allein sofort gekocht, sondern auch in gut verschlossenen Flaschen zum Zwecke der Sterilisirung bewahrt werden muss. Wenn man keinen Soxhlet besitzt, gebraucht man in Indien häufig die Fläschchen von Eau de Cologne von ungefähr 200 Ccm. Trotz ihres Reichthums an Zucker hält sich die condensirte Milch 2, selbst 3 oder 4 Tage in Indien, bevor Schimmel darauf kommt; also für jeden Fall so lange,dass ein Kind die Büchse zu Ende gebrauchen kann. Man kann ja aus einer Büchse 2–3 Liter Milch gewinnen, und da nebstdem so eine Büchse 30–40 Kreuzer in Java kostet, und eine Flasche Milch von 750 Ccm. mit 25 Kreuzern bezahlt wird, so verdient auch vom ökonomischen Standpunkte aus diese Milch in Indien den Vorzug vor der käuflichen Kuhmilch.

Im Jahre 18... wurde in W. eine grosse Caserne gebaut, ohne dass man für Aborte gesorgt hatte. Als die Mannschaften die Caserne bezogen und vergebens nach diesen Räumlichkeiten sich umsahen, erst an diesem Tage wurde dieser Mangel entdeckt. Errare est humanum, und doch ist dies ein unverzeihlicher Fehler gewesen, weil Jedermann beim Miethen einer Wohnung an diese unentbehrlichen Räume denken soll und muss; umsomehr in Indien, wo eigenthümliche Verhältnisse und auch andere Gebräuche berücksichtigt werden müssen. So z. B. ist der Gebrauch des Papiers zur Reinigung wenig oder gar nicht bekannt; die Eingeborenen benützen Wasser selbst nach dem Verrichten eines kleinen Bedürfnisses. Die Vorzüge dieses Gebrauches, tjèbok genannt, gegenüber dem des Papieres, sind so in die Augen springend, dass es keines Wortes zur Begründung bedarf. Für Männer mit Hämorrhoiden und für Frauen mit weissem Fluss hat das Wasser in diesem Falle selbst einen so grossen hygienischen Werth, dass ich auch in Europa diese Art von Reinigung solchen Patienten recommandiren würde. Ich habe ja nur ein einziges Mal in Indien eine Blenorrhoea recti gesehen, und zwar bei einem alten europäischen Matrosen. Bei Frauen kann ja das Secret des weissen Flusses auf die benachbarten Schleimhäute übergreifen; wie häufig dieses in Europa geschieht, lässt ein Aufsatz in der W. M. W. No. 23 und 24 vom Jahre 1898 vermuthen; in Indien aber sah ich es niemals, und ist kaum denkbar, weil die eingeborenen Prostituées sich eben nach allen Entleerungen mit Wasser reinigen.

Zu diesem Zwecke befinden sich in jedem Aborte eine gewisse Anzahl Weinflaschen mit Wasser gefüllt; öfters hält man zum Zwecke der Desinfection auch Flaschen mit 5% roher Carbolsäure im Aborte vorräthig; ich selbst bekam einen Officier zur Behandlung, welcher irrthümlicher Weise eine Flasche Carbolsäure (anstatt Wasser) zur Reinigung gebraucht hatte. Diese 5% Auflösung hatte keine weiteren schädlichen Folgen als den augenblicklichen Schmerz. Solche Verwechselungen sind natürlich leicht zu vermeiden. Ich hatte beim Beziehenmeines »Hauses« keine Wahl mehr über die Bauart meines Abortes; der Bauplan des ganzen Hauses war ja schon lange vorher durch die Regierung genehmigt. Ich will auch den technischen Theil nicht besprechen, weil in der Bauhygiene von dem Capitän der Genie G. W. F. de Vos Jeder diesbezüglich hinreichende Belehrung findet, der ein Haus und einen Abort nach den Forderungen der Hygiene bauen will. Dieses Buch ist aus dem Jahre 1892 und erwähnt darum noch nicht die letzten Erfindungen auf diesem Gebiete. Wenn aber auch die Häuser keine Wasserleitung haben, so liesse sich dochohnebedeutende Kosten ein modernes Closet in jeder Privatwohnung anbringen, welches unbedingt allen Anforderungen nicht nur der Hygiene und Zweckmässigkeit, sondern auch der Aesthetik und Reinlichkeit entspricht. Diese wären jedoch nur von den Europäern in Gebrauch zu nehmen; für den Eingeborenen ist das Hocken eine solche Gewohnheit, dass er nie einen Abort gebraucht, bei dem er sitzen muss. Es ist darum zweckmässig, für die eingeborenen Bedienten den Abort nach »indischem« Modell einzurichten.[21]

Das Baden ist in Indien ein grösseres Bedürfniss als in Europa; durch die höhere Temperatur ist eine grössere und intensivere Transpiration bedingt, und es ist eine alltägliche Erscheinung, einen Kuli mit nacktem Oberleib an der Arbeit zu sehen, während ihm der Schweiss in fingerdicken Strömen herabfliesst; und doch ist die pigmentreiche Haut weniger zum heftigen Schwitzen disponirt als die des blonden Europäers; vielleicht ist es ein post und doch kein propter hoc, d. h. vielleicht ist die Acclimatisation die Ursache, dass Eingeborene, halb europäische und auch europäische Menschen, welche nach langer Anwesenheit unter den Tropen einen dunklern Teint bekommen, weniger schwitzen, als die Orang Baru, welche während des Anfangs ihrer indischen Laufbahn in so heftiger Weise transpiriren, dass sie oft an den erschöpfenden Schweiss der Phthisiker denken lassen; zur Regenzeit ist auch die Transpiration intensiver als zur Trockenzeit, weil der niedrige Feuchtigkeitsgehalt der Luft im Ostmonsun das Verdampfen der Flüssigkeit befördert. Der Schweiss riecht intensiv sauer und zeigt auch eine saure Reaction, und besonders bei Frauen zur Zeit der Menstruation; in der Regel ist die Transpiration am stärksten in der Achselhöhle und am Bauche, wo die Kleider eng anschliessen, obwohlKrause angiebt, dass die grösste Menge von Schweissdrüsen sich an der Flachhand und Fusssohle befinden (2236–2685 auf den ☐″). Hier färbt der Schweiss die Leibwäsche von lichtgelben bis beinahe dunkelbraunen Flecken; wiederholt habe ich Frauen unter Behandlung bekommen, welche glaubten, einen intensiven Fluss aus der Vagina zu haben, weil sie braune Flecken in der Unterhose hatten, und auch Männer, deren Gewissen nicht rein war, welche ähnliche Flecken im Hemde hatten und an einer »leichten russischen Blenorrhoe« zu leiden glaubten. Es war nichts anderes, als der Schweiss. Wie weit der Inhalt der Talgdrüsen sich mit diesem vermengt hat, weiss ich natürlich nicht; denn auch im Schweisse gesunder Menschen findet man unter anderem Harnsäure, Harnstoff, ja selbst manchmal Indigo.

Thatsächlich besteht ein Vicariiren zwischen der Hauttranspiration und dem Secerniren der Nieren. Auf meiner letzten Seereise bekamen wir bei unserer Einfahrt in das Rothe Meer unerwartet eine niedrige Temperatur. Auffallend war es, wie mit dem Zurücktreten der Schweissmenge eine grössere Secretion der Nieren verbunden war; dasselbe geschieht, wenn man in Indien selbst aus der Ebene ins Gebirge reist; je höher man kommt, desto ergiebiger ist die Function der Nieren.

In Europa verliert man, nach Séguin, täglich durch die Haut1⁄67seines Körpergewichtes; wie gross der Gewichtsverlust in Indien sei, ist mir nicht bekannt, aber gross, sehr gross muss er sein, denn man muss ein-, oft zweimal des Tages die Wäsche wechseln, und wenn man, wie z. B. der Arzt, einen Beruf im Freien ausübt, selbst dreimal. Wie oft geschieht es selbst, dass man in der Nacht aufstehen muss, um die wenige Wäsche, welche man anhat, zu wechseln?!

Es bedarf also keiner weitern Motivirung, dass das tägliche Baden in Indien einem dringenden Bedürfnisse entspreche; ja noch mehr, es ist Regel, dass man zweimal des Tages badet, und manche Menschen thun dieses selbst dreimal des Tages. Es ist aber ungesund, sofort nach dem Verlassen des Bettes und vor Aufgang der Sonne sein Bad zu nehmen. Vor Sonnenaufgang sollte man überhaupt das Zimmer nicht verlassen, weil die nächtliche Luft von den Miasmen geschwängert wird. Nebstdem sind die Poren der Haut durch das Schlafen hinter den Mosquitonetzen und durch die reichliche Transpiration geöffnet, die Haut und die Leibwäsche ist feucht und der plötzliche Uebergang in die kühle, mit Miasmen geschwängerte Luft, vor dem Aufgang der Sonne, muss schädlich sein. Es empfiehlt sich daher, die Nachtwäschezu wechseln und den Aufgang der Sonne abzuwarten, und erst unmittelbar vor dem Anlegen der Kleider sein Bad zu nehmen. Die meisten Damen sind in dieser Hinsicht vorsichtiger als die Männer; sie nehmen ihr erstes Bad erst nach Ablauf der grössten häuslichen Arbeit, d. i. zwischen 10 und 11 Uhr, wenn das »Haus« aufgeräumt ist und die weitere Arbeit der Köchin überlassen werden kann.

Das Bad selbst ist ein sogenanntes Schiffsbad (siram M), d. h. man begiesst den Körper mit Wasser. Wannenbäder werden überhaupt nur von einzelnen Kranken genommen; selbst in den grossen Spitälern badet der grösste Theil der Patienten in dieser Weise oder gebraucht eine Douche. Die Eingeborenen und die Chinesen nehmen gern ein Flussbad oder erfrischen sich öfters des Tages unter einem Pantjoran (M). Das sind kleine Bäche, welche mit einem Abzugrohr, gewöhnlich einem halben Bambusrohr, versehen, das Wasser in einer Höhe von ungefähr 1 Meter auf den Körper fallen lassen. Da diese Bäche gewöhnlich im Gebirge vorkommen, so ist das Wasser zwar krystallhell, aber so kalt, dass ich nur mit Schüttelfrost davon Gebrauch machen konnte. Ein Schiffsbad in der Ebene z. B. hat 25–27° C.; die Pantjoran in Sindanglaya (im Gebirge der Preangerregentschaft), welches beinahe 1100 Meter über dem Meere liegt, hatte ein so kaltes Wasser, dass ich keinen Augenblick unter dem Sturzbad verweilen konnte, obzwar im Bassin selbst der Aufenthalt geradezu erquickend war. Auch in Salatiga befindet sich ein solches Bad, welches durch sein helles, frisches Bergwasser zu den besten indifferenten Bädern gehört, welches dem durch die Wärme der Ebene erschöpften Organismus neue Energie und neue Lebenslust giebt. Salatiga und Sindanglaya sind auf Java bekannte Luftkurorte, wo Malaria- und Leberkranke in der Reconvalescenz Kräftigung des Organismus suchen. Leider tragen die meisten Menschen keine Rechnung mit der Temperaturdifferenz und gebrauchen dieselbe Haustoilette als in der warmen Ebene. Erkältungen sind also sehr häufig und zwar die des Darmes, so dass die armen Patienten durch die Diarrhoe gezwungen werden, das »Bergklima« zu verlassen.

Auch mein »Haus« hatte ein Badezimmer, in welchem ein gemeisseltes 3 Cbm. grosses Wassergefäss sich befand; der Flur war mit Cement bedeckt; ein Kleiderrechen war das einzige Möbelstück. Ich liess also noch einen Spiegel aufhängen, liess auf den Boden hölzernes Rost auflegen, weil man auf dem nassen Cementboden leicht ausgleiten kann, den Filtrirstein mit grossem Topf hineinstellen und aus Zinnblecheinen Schöpfer machen, mit welchem ich mich siram konnte. Das Wasser erhielt ich aus einer Rinne, welche das Regenwasser auffing, oder aber aus dem Ziehbrunnen, welcher hinter dem Hause stand.

AufSeite 18sprach ich von dem Antassan Lotongtor, als von einem historischen Orte, weil sich dort die traurigen Reste des Kriegsschiffes »Onrust« befänden. Im Jahre 1877 war noch nicht einmal im October die Regenzeit eingetreten; der Ostmonsun war so ausgesprochen trocken gewesen, dass der grosse Strom Dusson im oberen Laufe nicht nur für Dampfer, sondern selbst für Schleppkähne nicht mehr befahrbar war. Wir bekamen Nachricht, dass bei Lotongtor das Wrack des »Onrust« zu sehen sei; in zwei kleinen Kähnen gingen ich, Lieutenant X. und der Bezirkshäuptling Dakop dahin, um es zu besichtigen. Der Kessel stand mehr als ½ Meter über der Wasserfläche, und wir beide mussten mit den schärfsten Worten den Indifferentismus der holländischen Regierung verurtheilen, welche es nicht der Mühe werth gefunden hat, und zwar in 18!! Jahren Zeit, das Wrack beseitigen zu lassen. Eine traurige Siegestrophäe der Dajaker, welche selbst ihre Enkel zu neuer Heldenthat und zu neuem Morden anfeuern musste! Dakop tauchte in das Wasser und fand noch eine goldene Uhr und ein Medicinfläschchen im Wracke; erstere wurde nach Bandjermasing gesendet, während ich das Medicinfläschchen dem Sanitätschef der Kriegsmarine zukommen liess. Wie es doch möglich sei, dass ein europäisches Kriegsschiff mit Mann und Maus von wilden Dajakern ausgemordet werden könne, wird so mancher fragen. Der antimilitärische Geist der Holländer war an diesem schaurigen Drama ebenso schuld, wie 23 Jahre später, als auf Sumatras Nordküste nach den siegreichen Feldzügen des Generals Karl van der Heyden dieser das Obercommando in die Hände des Civilbeamten Pruys van der Hoeven legen musste und die Atschinesen sofort wieder zum Angriffe übergingen. Wie ein rother Faden zieht sich durch die ganze Geschichte Indiens die Ungeduld der holländischen Regierung, das kaum unterworfene oder eroberte feindliche Land, und wäre es nur für eine kurze Zeit, in den Händen des zielbewussten, kräftigen Militär-Commandos zu lassen. Kaum hat sich ein Feind de facto oder nur zum Schein unterworfen, erscheint der Regierungs-Commissar, der Resident oder wie er sonst heissen möge, und die militärische Macht wird zum Polizeidienst degradirt.

Ich kann nicht umhin, den Verlauf dieses Dramas zu erzählen, wie er mir von den Epigonen der Dajakschen Helden mitgetheilt wurde.

Im Jahre 1857 war Sultan Adam gestorben und hatte seinen Sohn Prabu Anam[22]vorher auf Drängen seiner Frau Njaih Ratu Komala Sari zum Thronfolger ernannt, obzwar die holländische Regierung ihren gerechtfertigten Einwand dagegen erhoben hatte. Er wurde seines Thrones verlustig erklärt und Tamdschit Illah, ein Enkel des Sultans Adam, zum Sultan des Bandjermasingschen Reiches ernannt, obwohl er von mütterlicher Seite nicht von fürstlicher Abstammung war; nebstdem war sein Stiefbruder Hidajat, der dieses Vorrechtes sich erfreuen konnte, zum Reichsverweser ernannt worden, ohne durch seine Geistesgaben auch nur im Entferntesten dazu geschickt zu sein. Allgemeine Unzufriedenheit herrschte hierauf im ganzen Südosten Borneos, welche natürlich von Hidajat im Geheimen genährt wurde. Der damalige Resident von Bandjermasing, Graf von Bentheim Tecklenburg, wusste so wenig von dem drohenden Unwetter, dass er 1859 auf eine diesbezügliche Anfrage von Batavia mit dem Dampfer Ardjuno das Bulletin dahin schickte: »Politische Zustände günstig.« Der Landes-Commandant jedoch sandte Ende März einen genauen Bericht über die Gährung im Reiche, und den 29. April kam der Oberst Andresen mit 300 Mann in Bandjermasing an, um das militärische und civile Commando auf sich zu nehmen. Unterdessen hatte der Aufstand, welcher zu Gunsten der Thronfolge des Hidajat unternommen war, fürchterliche Ausbreitung gewonnen; in Pengaron wurde der Ingenieur der Kohlenminen ermordet, im Süden von Martapura fielen alle Europäer, 21 an der Zahl, zum Opfer; am Kapuasflusse erlitt ein Missionar mit seiner Frau dasselbe traurige Schicksal u. s. w. Endlich wurden die Truppen Herr des Aufstandes; beide Kronprätendenten, Hidajat und Illah, wurden nach Java verbannt und das Reich am 14. December 1859 direct der holländischen Colonie einverleibt. Jetzt war es natürlich die höchste Zeit, die Weisheit des Residenten N.. leuchten zu lassen und das »militärische« Element sofort zu beseitigen. Resident Nieuwenhuizen trat an die Spitze der Regierung, und Major Verspyk wurde »nur« der militärische Commandant von der südöstlichen Hälfte von Bandjermasing.

Der Krieg war jedoch nur mit den malayischen Fürsten beendigt. Die Dajaker der Dusson ilir und ulu, welche diese zur Theilnahme an dem Aufstand gegen die Holländer überredet hatten, legtenihre Waffen nicht nieder. Sie fürchteten, unter dem holländischen Scepter ebenso ausgesogen zu werden als unter dem malayischen Tyrannen; nebstdem hatten sie »Blut gekostet«. Zahlreiche Köpfe von angesehenen Europäern zierten ihre Wohnungen. Verlieren konnten sie nicht viel, weil sie keinen Handel trieben, keine Magazine hatten, keine Fabriken, welche leer stehen blieben; sie konnten nur gewinnen, wenn sie den Raubkrieg fortsetzten. Der Herr Bangkert, welcher in Marabahan Assistent-Resident war, sah in den einzelnen Truppen der Dajaker, welche bei Amuntai, Barabei, Buntok und längs des Martapuraflusses schwärmten, nur noch »einzelne böswillige Marodeure«, und versicherte gegenüber dem Residenten Nieuwenhuizen, dass es ihm ein Leichtes sei, den dajakschen Häuptling Suropatti wieder zur Unterwerfung zu bringen, weil er mit ihm vor 7 Jahren ewige Freundschaft beschworen habe.

Induamban jedoch, die Tochter eines Häuptlings der Dusson ulu, hatte ewige Feindschaft den verhassten Blanken geschworen; der Krieg dauerte schon beinahe ein Jahr und noch kein einziger europäischer Schädel wurde ihr angeboten, ihr, der Tochter des Gusti Leman, des angesehensten Häuptlings im Gefolge Suropattis. Nur den Kopf einer malayischen »Soldatenfrau« und eines javanischen Soldaten hatte ihr Freier ihr zu Füssen gelegt; sie müsse jedoch auch den eines holländischen Officiers bekommen. Sie zog von Lager zu Lager, nur bekleidet mit dem Saloi und der Glasperlenschnur um den Knöchel des rechten Fusses. Ihr rabenschwarzes, glänzendes Haar liess sie frei über die Schultern flattern, und wenn Abends die Männer halb trunken vom Tuwak vor dem Lager Wache hielten, erschien sie mit glühenden Augen, fasste krampfhaft ihre Brüste und hob ihren rechten Fuss gegen die Schildwacht mit den Worten: »Dies für einen holländischen Officier.« Sie erzählte auch, dass sie schon siebenmal den Flug des Antang (Falken) beschworen habe, und jedesmal sei er gegenüber den rechten Pfeilen erschienen, dass die Töchter der Sonne (Mahatara) ihr Vornehmen guthiessen, dass sie vor Sonnenuntergang zum Bigal (Flussraub) und nicht zur Kajau (Kopfjagd durch Lauern im Walde) ausziehen müssten, dass, sie wisse es aus guter Quelle, ein Feuerschiff Suropatti werde abholen, dass alle Officiere und Bangkert in ihre Hände fallen werden, und dass auch sie, ihre Freunde, welche jetzt im Lager zu Amuntai versammelt, an diesem Bigal theilnehmen könnten, und dass sie dem Bringer des Kopfes des ersten Officiers nicht nur für immer angehören wolle, sondern dass sie den Kopf in Stückeschneiden und jedem ihrer Freunde ein Stück schenken wolle. Sie wisse dies sicher, denn ein Sanggian habe ihr (im Traume) ein viereckiges, gelbes glänzendes Steinchen gezeigt, welches hinter dem Opferstock des letzten Todtenfestes liegen sollte. Kaum war dieses am achten Tage beendet, wartete sie den Sonnenuntergang ab, und als Alle sich in den Kampong zurückgezogen hatten, um mit den Bliams und Bassirs zu ....., da sei sie hinter den Opferstock gegangen und fand diesen gelb glänzenden Stein. Dabei zog sie wild die Brüste auseinander, zwischen welchen, auf einem dünnen Rottangschnürchen befestigt, ein gelbes Steinchen zum Vorschein kam.

Kaum mehr denn eine Nacht blieb sie in demselben Lager; am Ufer des Teweh war sie heute, morgen zog sie nach den Ufern des Montalat, an den Ufern des Kapuas und Kahajan theilte sie die freudige Botschaft mit, anfangs December den Kopf eines hohen Officiers in Händen zu haben. In ihrem kleinen Canoe übersetzte sie den Baritu und hatte nebst ihrem Saloi nur noch den Tudong (Fig. 2), einen grossen Strohhut in der Form einer Futterschwinge, welche ihr Vater bei einem Becompeyer erbeutet hatte, um endlich wieder an der Mündung des Teweh die Nachricht abzuwarten, ob und wann Suropatti zur Unterredung mit Bangkert eintreffen werde. Anfang December kam ein Bote von Suropatti, welcher mittheilte, dass nach der dritten Einladung des Herrn Bangkert der Fürst beschlossen habe, bei Teweh eine Conferenz zu halten, und zwar sollte dieses den 10. December geschehen. »Illa-la-hap« stiess Induamban beim Hören dieses Berichtes aus, nahm zwei Ruderer auf, um in Eilmärschen die Orang Tabayan, O. Anga, O. Njamet und selbst an der Quelle des Teweh die O. Bonoi aufzusuchen und sie sofort zur Reise nach der Mündung des Teweh zu veranlassen, während zwei ihrer Liebhaber stromabwärts bis Buntok zogen, um alle Dajaker am 10. December, Alt und Jung, Mann und Frau, zwischen dem Teweh und Montalat in den Atassans sich verbergen zu lassen. Thatsächlich erschien den 9. December Abends das Kriegsschiff »Onrust«[23]vor der Mündung des Montalat; die Anker wurden fallen gelassen, und mit gezücktem Säbel betraten die Schildwachen das Deck. Die Officiere und der Assistentresident Bangkert gingen um 6½ Uhr zur Abendtafel, ohne auch nur zu ahnen, dass sie von Hunderten und Hunderten lüsterner Augen belauscht wurden. Suropatti war noch nicht erschienen, und so beschloss Bangkert,den folgenden Morgen ihm bis Teweh entgegenzufahren. Induamban und die Hunderte Dajaker folgten lautlos dem Schiffe, welches wegen der zahlreichen Krümmungen und der Sandbänke nur langsam fahren konnte. 12 Uhr schlug es, und noch Niemand war zu sehen. Nach Tisch zog sich Bangkert aus und ging sein Nachmittagsschläfchen thun, als um 2½ Uhr der laute Werdaruf der Deckwacht ihn aus seinem ersten Schlaf unsanft riss. Ohne weitere Kleidung anzulegen, also nur mit einem Sarong bekleidet, eilte er auf das Deck und sah drei grosse Kähne mit der holländischen Flagge dem Schiffe sich nähern.Einer davon trug jedoch die Flagge umgekehrt.[24]»Suropatti kommt also sich unterwerfen,« rief er dem Schiffscapitän frohlockend und jubelnd zu, welcher bei dem Werdarufe der Schildwache schnell die Uniform anzog, um beim Empfang des Fürsten gegenwärtig zu sein. Als er jedoch den Herrn Bangkert nur im Sarong gekleidet sah, zog er sich in seine Cajüte zurück, um sich seiner überflüssigen Epauletten zu entledigen. Unterdessen hatte das Schiff gestoppt, den Anker und die Falltreppe fallen lassen, und mit lautem Tabéh Tuwan,[25]Tabéh Tuwan hatten sich Suropatti, Bangkert und der Commandant begrüsst. Auf dem Decke stand ein Tisch, auf welchem Bangkert und Suropatti sich niedersetzten, das Gefolge setzte sich auf den Boden nieder, und bei einem Gläschen Genevre begannen die Unterhandlungen.

Zu dem Gefolge, welches abwechselnd auf dem Decke sass oder hockte (Djongkok), gehörten auch der Vater (?) und der Geliebte Induambans. Von den Verhandlungen der beiden Männer verstand das Gefolge nur einzelne Worte, weil sie in der malayischen Sprache geführt wurden; als aber ein Mandur mit Säcken Ringgis = ryksdaalders = 2 fl. 50 auf dem Decke erschien, wurde es ihnen deutlich, dass Suropatti sich unterwerfen würde, und als der Vater Induambans spöttisch den Geliebten seiner Tochter frug, ob er noch den Saloi hätte, welchen sie ihm als Gegengeschenk seiner Liebeswerbung gegeben hatte, sprang dieser mit einem durchdringenden Schrei auf die Füsse, zog seinen Mandau und fasste den Schiffsarzt, welcher in diesem Augenblick auf Deck erschien, bei den Haaren und schlug ihm den Kopf ab; zu gleicher Zeit erschienen von dem gegenüberliegenden Antassan zahlreiche Djukungs, aus welchen die Dajaker wie Katzen das Schiff erkletterten,in ihrer Mitte mit gezogenem Mandau Induamban, Suropatti erfasste den Kopf Bangkerts, und ebenso schnell flog die Bande der Dajaker in das Zwischendeck, um Alles zu ermorden. Während Induamban mit dem Kopfe des Schiffscapitäns in der hocherhobenen Hand bigal, bigal rief, stürzte sich ein javanischer Bedienter ins Wasser und entkam als Einziger dem traurigen Blutbade. 44 europäische, 11 eingeborene Matrosen, 6 Officiere und der Assistenz-Resident Bangkert waren in wenigen Minuten den Mördern zum Opfer gefallen. Im Februar 1860 zog eine Expedition nach Lotongtor, um die Dajaker dafür zu züchtigen. Wieder wusste Niemand, was die Dajaker mit dem ausgemordeten Schiffe gethan hatten. Sie wussten nicht, dass die Kanonen mit dem Pulvervorrath von den Dajakern ans Ufer gebracht wurden und in Lahey, ungefähr zwei Stunden oberhalb Muarah Teweh, zur Batterie aufgepflanzt wurden. Als die Kriegsschiffe an Lahey vorbeifahren, bekam das erste Schiff einen Schuss aufs Deck, ohne dass es glücklicher Weise kampfesunfähig wurde; sofort wurden die Matrosen ausgeschifft und nahmen im Sturm die Festung und sahen zu ihrer Ueberraschung nicht nur die Kanonen und Munition von dem »Onrust«, sondern auch die grossen eisernen Querbalken, welche die zwei grossen Schaufelräder des Schiffes verbanden.


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