7. Capitel.

7. Capitel.

Acclimatisation — Sport in Indien — Sonnenstich — Prophylaxis gegen Sonnenstich — Alcoholica — Bier — Schwarzer Hund — Mortalität beim Militär im Gebirge und in der Ebene — Klima — Statistik — Erröthen der Eingeborenen — Geringschätzung der „Indischen“ — Fluor albus, Menstruation — Gesundheitslappen — Erziehung der Mädchen — Indische Venus — Indischer Don Juan.

Die Frage der Acclimatisation hat schon viel Tinte und Papier gekostet, und doch ist dieses Thema noch nicht erschöpfend behandelt, obzwar selbst Virchow schon vor 30 Jahren zu dieser Frage Stellung genommen hat. Die thierische Zelle besitzt im Allgemeinen eine ungeheure Fähigkeit, sich in die extremen Verhältnisse zu schicken. Momentan sind zwei Aerzte auf Java, welche kurz vor ihrer Abreise nach Indien eine Nordpolexpedition mitgemacht haben. Derselbe Maschinist, welcher im Schiffsraume bei dem Ofen steht, verträgt fünf Minuten später den Aufenthalt auf dem Decke, obschon er vielleicht eine Temperatur unter Null dort findet. Pictet und Young (Comptes rendus Bd. 98 S. 747) sahen Bacterien, welche −70° 108 Stunden und −130° 20 Stunden aushielten, während wiederum ±100° Wärme nöthig ist, um sie sicher zu tödten. Aber auch der menschliche Geist erfreut sich einer Elasticität, die oft unglaublich ist. Wie viel tausend und tausende Menschen führen Jahre lang ein Leben voll Schmerz, Verdruss und Elend, ohne ein Opfer des geistigen Todes zu werden. Also muss gesagt werden: Die Acclimatisation ist im Allgemeinen für Jedermann möglich. Wie aber der Maschinist während des Aufenthaltes beim Ofen stark transpirirt und beim Aufenthalt auf dem Deck durch die Kälte leidet, so ist auch für Jedermann die Acclimatisation mit gewissen Beschwerden verbunden. Um aber bei demselben Beispielzu bleiben: gerade wie der Maschinist vom Ofen weg nichtsofortund inderselben Toiletteaufs Deck gehen wird, ebenso ist es für Jedermann nöthig, den Acclimatisationsprocess mit Vorsicht und entsprechend den Lehren der Hygiene zu leiten und unterstützen, d. h. mit andern Worten, der Mensch muss den neuen Verhältnissen entsprechend seine Lebensweise einrichten und zwar entsprechend seiner Constitution und seinen Gewohnheiten.[26]

Bekannt ist es, dass vor ungefähr 23 Jahren zwei englische Naturforscher nach Afrika gingen und dort ein eigenthümliches Leben führten; der Eine nahm sofort das ganze Thun und Lassen der Eingeborenen an, so dass er selbst dieselben, d. h.keineKleider gebrauchte. Der Andere jedoch behielt soweit seine heimathlichen Gewohnheiten, dass er Abends im Frack zu Tische ging. Der Erstere stützt sich auf die allgemein geäusserte Regel, dass man sich überall in die Sitten und Gebräuche des Landes fügen und schicken müsse. Das ist richtig, aber damit ist noch nicht gesagt, sie kritiklos anzunehmen. Der Erstere hat geradezu unrichtig gehandelt, weil seine Constitution eben eine andere war als die der Eingeborenen; denn, um nur ein Symptom von tausend anderen hervorzuheben, bei einer Temperatur von 37° C. wird der Eingeborene ohne anstrengende Arbeit nicht transpiriren, während der Europäer in Schweiss gebadet sein wird; kommt nun, sagen wir, ein leises Zephyrwehen, so wird der Eingeborene es nicht fühlen, der Europäer jedoch frösteln und vielleicht eine Erkältung von grösserer oder kleinerer Intensität bekommen.

Aber auch der zweite Naturforscher beging eine hygienische Sünde, weil er mit den veränderten klimatischen Verhältnissen nicht rechnete. Dieses ist ja die wichtigste Bedingung, die Acclimatisation ohne bedeutenden Schaden für Körper und Seele zu ermöglichen. Dazu gehört aber auch Zeit, und mit Recht spricht der Volksmund von einem Pikol (= 125 Pfd. = 62½ Kilo) Reis, den man gegessen haben muss, um nicht mehr zu den Orang-Baru (= Neulingen) gerechnet zu werden. Ein Pikol hat 100 Kattie; der Eingeborene isst täglich 1 Kattie Reis, und der Europäer aus besserem Stande, weil er zum Reis noch vieles andere isst, ½ Kattie; der Volksmund fordert also zur vollständigen Acclimatisation 6 Monate Zeit.

Das ist ein Zeitraum, welcher gewiss hinreichend ist, um in die Verhältnisse des Tropenlebens sich einbürgern zu können.

Als ich zum ersten Male nach Singapore kam und dort die englischen Herren und Damen Nachmittags im offenen Wagen herumfahren und Lawn tennis spielen sah, war mir diese Lebensweise unverständlich, weil in Holländisch-Indien Jedermann, dem die Geschäfte dies erlauben, um diese Zeit sein Mittagschläfchen hält, zu diesem Zwecke die Haus- oder Nachttoilette anzieht und darnach ein Bad nimmt, und erst kurz vor Sonnenuntergang spazieren geht. Seitdem sind 16 Jahre verflossen, und die Erfahrung hat meine Ansichten darüber radical verändert Ich bin nämlich zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Bewegung in der freien Luft auch in Indien nicht nurnicht schädlich, sondern sogar »gesund« sei. Die Pflanzer sind die gesündesten Menschen auf Java und erreichen das höchste Alter; die Beamten, Handelsleute und jene Officiere, welche ihr Leben nur im Bureau zubringen, sind in der Regel sehr anämisch, haben eine grosse Leber oder Hämorrhoiden oder beides, und sind oft nichts anderes als Treibhauspflanzen, welche bei jedem Windzug sich unwohl fühlen. Ich selbst befand mich am wohlsten zur Zeit, als ich sogenannten Garnisonsdienst hatte, d. h. den ganzen Vormittag von 6 Uhr ab von Caserne zu Caserne und von Haus zu Haus gehen musste. Viele Menschen fürchten den Spaziergang oder die Arbeit in der freien Luft oder unter den »versengenden Strahlen der Tropensonne« wegen des etwaigen Sonnenstiches und -Fiebers. Die »versengenden Sonnenstrahlen« verbrennen aber die Plasmodien, verhindern also das Entstehen von Fieber und sind der grösste Feind der Miasmen der Sümpfe. Aber auch die Gefahr von Sonnenstich ist nicht so gross als allgemein angenommen wird. Wie viel tausende und tausende von Kuli arbeiten auf dem Felde, nur mit einem Strohhut auf dem Kopfe und einer kurzen Hose auf dem Leibe, ohne einen Sonnenstich zu bekommen? Die meisten und besten Militärhygieniker wissen, dass zur Entstehung des Sonnenstiches eine Menge von Factoren zusammen wirken müssen, und geben darum zahlreiche prophylaktische Maassregeln an, welche sich bewährt haben. Schon Robertson Jackson behauptete mit Recht, dass Menschen im heissen Klima ebenso viel arbeiten können, als im gemässigten, womit meine Erfahrung gänzlich übereinstimmt.

Ich habe den Jahresausweis des Sanitätschefs der indischen Armee von 1895 vor mir, und zufolge diesem waren nur vier Soldaten in diesem Jahre am Sonnenstich erkrankt, wovon einer starb;ich habe im Jahre 1887 eine Expedition auf Atjeh mitgemacht, bei welcher ich am 5. April um 4 Uhr ausrücken musste und um 1 Uhr nachmittags nach Hause kam, ohne nur einen Mann verloren zu haben, obwohl der ganze Weg über einen baumlosen Wall sich zog; im Jahre 1895 machte ich in Java die grossen Manöver mit, wobei wir von 6 Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittags manövrirten, und nur 9 Mann waren ausgefallen wegen Retentio urinae, Diarrhoe u. s. w., aber keiner darunter litt an Sonnenstich. Die prophylaktischen Maassregeln, welche genommen wurden, waren folgende: Sofort hinter der Stadt öffneten sich die Reihen, so dass die Soldaten nicht in geschlossenen Gliedern marschirten, sondern frei und ungezwungen sich bewegen konnten. Die Halscravate und Röcke wurden geöffnet, so dass die Circulation des Blutes am Halse nicht behindert wurde; die Soldaten hatten in ihren Feldflaschen Thee mitgenommen, und vor dem Ausrücken wurde Sorge getragen, dass kein Schnaps dafür eingetauscht wurde. Die Temperatur unter dem Helmhute ist auch nicht bedeutend grösser gewesen, als die Aussenluft, weil für Ventilation des Hutes gesorgt war. Bei jedem Rasten konnte die Mannschaft Thee oder Wasser nach Belieben trinken. Die lockere Marschordnung verhinderte, dass »durch das Zusammendrängen vieler Menschen die Wärmeabgabe beschränkt wird, weil dadurch die natürliche Luftbewegung gestört und eine Art von Stagnation einer warmen und feuchten Atmosphäre in der Umgebung der einzelnen Körper begünstigt wird« (Roth und Lex 3. Band S. 407) und eine Anhäufung von Kohlensäure stattfindet. Die häufigsten Hitzschläge kommen ja vor in geschlossenen, schlecht ventilirten Räumen, wo die Luft von der ausgeathmeten Kohlensäure der übergrossen Menschenmenge vergiftet wird.

Niemand braucht sich also zu fürchten, bei Beobachtung einzelner hygienischer Maassregeln in den Tropen einer mässigen Bewegung sich zu befleissigen, seinen Geschäften nachzugehen, und so weit er es in Europa gewöhnt war, dem Sporte zu huldigen, durch welchen er seine Muskelkraft in Uebung erhält, seine Widerstandskraft gegen schädliche Einflüsse erhöht und sein Selbstvertrauen stärkt.

Was das Essen betrifft, muss ich den europäischen Neuling aufmerksam machen, dass die starken Gewürze für ihn überflüssig, ja selbst schädlich sind. Wenn er einen guten Appetit hat, so producirt sein Magen eine hinreichende Menge des sauren Saftes und braucht also zu erhöhter Secretion nicht angeregt zu werden. Stellt sich zeitweilig Appetitmangel ein, dann ist es noch immer Zeit genug, zum Lomboku. s. w. zu greifen. Er wird also auch nicht so leicht in den Fehler verfallen,zu vielzu essen, das, wie wirSeite 67sahen, eine reichliche Quelle zum Entstehen von Magen-, Leber- und Darmkrankheiten giebt.

Auch der Alcohol stumpft die Acidität des Magensaftes ab, und darum ist es rathsam, aller Alcoholica sich zu enthalten. Kleine Mengen von Wein werden ihm jedoch nicht schaden, weil, um ein Beispiel anzuführen, ¼ Liter Wein ungefähr nur 20 Gramm Alcohol enthält,der übrigens durch die freie Säure theilweise neutralisirt wird, währendeinGläschen Cognac oder Rum bei einem Alcoholgehalte von 56–77% (Volumen) schon 36–40 Gramm Alcohol repräsentirt. Wenn ich den Alcohol als Genussmittel anerkenne, das entbehrlich ist und selbst schädlich werden kann (durch zu grosse Mengen), so muss ich noch mehr das Bier als unbedingt schädlich für den Gebrauch in den Tropen zurückweisen, weil es Fett ansetzt und zur Vergrösserung der Leber und zur Retention der Galle Anlass giebt. Nur für ärztliche Zwecke, wie z. B. für milcharme Wöchnerinnen, darf es in den Tropen getrunken werden.

Das Trinkwasser entspreche den aufSeite 21angedeuteten Anforderungen.

Die Kleidung muss sich immer den zeitlichen Temperaturverhältnissen anpassen. Niemals gebrauche man die weissen Kleider ohne Leibwäsche; es ist gewiss kein ästhetischer Anblick, einen Menschen vor sich zu sehen, dessen Transpiration mit den bekannten Zeichnungen rings um die Schulter, am Rücken und eventuell an anderer Stelle des Körpers markirt zu sehen; aber auch sehr »ungesund« ist es, ohne Flanellhemd (mit oder ohne Aermel, je nach Gewohnheit) sich Erkältungen auszusetzen. Am meisten wird vergessen, der niedrigen Temperatur im Gebirge und auch in der Ebene in den frühen Morgenstunden während der trockenen Zeit Rechnung zu tragen; selbst in Samarang, also an der Küste (Javas) beobachtete ich manchmal des Morgens um 6 Uhr 16° C. Es war eine angenehm erfrischende kühle Temperatur, und doch muss ich es Jedermann anrathen, in solchen Fällen niemals das Schlafzimmer zu verlassen, ohne unter der Nachttoilette auch Strümpfe und Leibwäsche anzulegen; wenn um 7½ oder 8 Uhr die Luft wärmer geworden ist, kann ja von dieser Vorsichtsmaassregel Abstand genommen werden.

Das Baden wurde ebenfalls schon besprochen und zwarSeite 122.

Junge Männer, welche nach Indien gehen, um einen Beruf auszuüben,also dauernd oder für viele Jahre dort zu weilen, mögen sobald als möglich heirathen; das Surrogat der Ehe, d. h. mit einer Haushälterin zu leben, hat in den letzten Jahren glücklicher Weise stark abgenommen, aber es besteht noch, und ist dieses auch ein nothwendiges Uebel, so kann gegenwärtig dem leicht abgeholfen werden. Wenn ich auch den moralischen Standpunkt nicht verleugnen will, weil die Ehe die Basis des gesellschaftlichen Lebens ist, so will ich dennoch mehr die praktische[27]als die sittliche Seite dieser Frage besprechen. Das Concubinat mit einer eingeborenen, oder chinesischen, oder halbeuropäischen Frau demoralisirt die Männer. Wieso dieser Process in Holländisch-Indien zu dem Namen »schwarzer Hund« kam, ist mir nicht bekannt; sollte der »rothe Hund« (VideSeite 10) eine Beschwerde des Körpers und der »schwarze Hund« die der Seele bedeuten? Die Männer werden durch diese Frauen oft so demoralisirt, dass, wie ich es wiederholt sah, sie in ihrem ganzen Denken und Fühlen auf das Niveau eines rohen, ungebildeten Eingeborenen kamen! Nebstdem besitzen diese Frauen eine aussergewöhnlich hohe Kunst, ihre »Männer« unter den Pantoffel zu bekommen. Jede europäische Frau kann diesbezüglich noch vieles, sehr vieles von einer »Njaih« lernen. Zur Illustration dieser Behauptung will ich nur zwei Fälle aus meiner Erfahrung mittheilen. Lieutenant A. wohnte in einem Fort; seine Wohnung hatte nur eine Aussicht und zwar auf den Fluss. Er durfte niemals bei der Palissade stehen, weil auf dem Flusse das Badehaus und der Abort der Soldaten sich befand. »Es schicke sich nicht, dass der Lieutenant die Soldatenfrauen dahin gehen sehe,« behauptete seine chinesische Haushälterin, und dieser Pantoffelheld hat 1½ Jahr lang in seiner Wohnung nur die vier kahlen Wände aus Bambus gesehen!

In B. war Ball bei dem Resident. In der vorderen Veranda des Residentenhauses tanzten die Officiere und Beamten, während vor derselben die Bedienten dem bunten Treiben zusahen. Unter diesen befand sich so manche Haushälterin, deren Herz in Eifersucht oder in Furcht leidenschaftliche Gluth ins Gesicht jagte. Das Auge der Eifersucht sieht scharf. Die Haushälterin des Lieutenant X. ertrug den Anblick nicht mehr, dass ihr »Mann« die Taille seiner Tänzerin umfasste und mit liebevollen Blicken ihre schön geformte Büste betrachtete; sie eilte nach Hause und kehrte sofort zurück; aber nicht allein; hinter ihr folgte der Bediente mit einem Topfe, der aber nicht leer war. Der Bediente wurde in den Tanzsaal geschickt, um den Lieutenant X.herauszurufen. Er kam und bekam den Inhalt des Topfes auf sein schuldiges Haupt. Auch in Europa schwingen die Frauen manchmal (?) den Pantoffel, der, mit Sammt bekleidet, oft genug ein heilsamer Sporn für einen energielosen, denkfaulen Mann ist; so sehen wir auch in Indien, dass die besten Soldaten jene sind, welche »eine Haushälterin« haben. Im Allgemeinen aber ist der Pantoffel, den eine eingeborene Haushälterin über ihrem »Mann« (lakki M) schwingt, nicht mit Sammt und Seide gefüttert; es ist ein hölzerner Pantoffel, der mitunter selbst mit grossen Nägeln beschlagen ist.

Zur leichten Acclimatisation Maass im Geschlechts-Genusse zu empfehlen, ist selbstverständlich; aber die Gluth der Tropensonne, die Monotonie des täglichen Lebens, die reichliche Gelegenheit, welche Diebe schafft, und das üppige Leben lassen Bacchus mit Venus nicht nur unter den Dajakern, wie wir sahen, sondern auch unter den Europäern einen festen Bund schliessen.

Ich muss es wiederholen, ein verständiges Leben, welches den Anforderungen der Hygiene entspricht, ermöglicht eine leichte und ungefährliche Acclimatisation und eine nicht viel kleinere Lebensdauer in Indien als in Europa. Im Jahre 1895 starben von 17216 europäischen Soldaten 261 Mann, das ist 1·51%.

Im Jahre 1894 starben, wie Stabsarzt Mydracz mittheilt, in der Schweiz 0·2, Deutschland (ohne Bayern) 0·2, Holland 0·29, Oesterreich 0·36, Nordamerika 0·54, Russland 0·55, Spanien 0·82 und in England 0·84 pro Mille der Kopfstärke. Das ist also ein grosser Unterschied in der Mortalität zwischen den indischen und diesen europäischen Armeen. Diese 1·5% Mortalität verliert aber viel von ihrem Schrecken, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt. Im Jahre 1895 erlagen ja viele den Wunden und Erkrankungen vom Kriegsschauplatze Atjeh und Lombok. Aber auch der Unterschied zwischen einer Armee, welche aus Freiwilligen besteht, und einer solchen, welche allgemeine Dienstpflicht hat, macht sich diesbezüglich geltend. Die Assentirung ist nämlich bei Freiwilligen mit grösseren Schwierigkeiten verbunden, als bei jenen, welche der allgemeinen Dienstpflicht unterstehen. Diese simuliren, um von dem Militärdienst befreit zu werden; jene jedoch dissimuliren, um wegen des hohen Handgeldes angenommen zu werden. (Ich sass drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und habe also nach beiden Richtungen hinreichende Erfahrungen.) Wenn der freiwillige Soldat sein Handgeld verprasst hat, dann gefällt ihm oft das militärische Leben nicht mehr; er beginnt also Krankheiten zusimuliren, während er vielleicht bei der Aufnahme diese oder jene Krankheit dissimulirt hat.

Die Sterblichkeit ist gegenwärtig also unter dem Einfluss der verbesserten Hygiene und dem verminderten Missbrauch des Alcohols nicht viel grösser als in Europa, aber auch bedeutend kleiner als in früheren Jahren. Im Jahre 1828 starben (nach van der Burg) von 1000 europäischen Soldaten 294!! und im Jahre 1895 (nach dem officiellen Jahresausweis) 15!!

Eine zweite Frage drängt sich Jedermann auf, welche ebenfalls durch den statistischen Ausweis beantwortet werdenkönnteund zwar, ob im Allgemeinen die im Gebirge oder in der Ebene gelegenen Garnisonen gesünder seien resp. eine kleinere Sterbeziffer aufzuweisen haben. Die Statistik lässt uns diesbezüglich im Stich. Im Jahre 1895 waren unter den 261 gestorbenen europäischen Soldaten

in

Weltevreden

(Küste)

=

1·2%

des

Standes

Surabaya

(Küste)

=

6·9%

Kota Radja

(Küste)

=

2·2%

Ampenan

(Küste)

=

3·9%

Magelang

(Gebirge)

=

1·4%

Samarang

(Küste)

=

2·0%

Malang

(Gebirge)

=

1·2%

Padang

(Küste)

=

2·0%

Wir sehen also aus dieser Statistik, dass der Höhenunterschied keinen bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeit der europäischen Soldaten genommen hat; denn die drei grössten Städte Javas liegen auf der Küste, und zwar auf der Nordküste dieser Insel; und doch zeigen sie untereinander einen so grossen Unterschied in der Sterblichkeit, dass sich noch andere Factoren geltend machen müssen.

Ich will sofort bemerken, dass Surabaya kein artesisches Wasser hat, das die zwei anderen Städte schon seit Decennien besitzen, und dass seit Einführung desselben der Gesundheitszustand in Batavia und Samarang in auffallender Weise sich gebessert habe.

Der Höhenunterschied beeinflusst aber zum grössten Theil alle jene Factoren, welche in ihrer Totalität den Begriff Klima bedingen. Das solare Klima, d. h. das Klima, welches Indien zufolge seiner Lage und geographischen Breite habensollte, kann den Hygieniker weniger interessiren, als das factische oder physische Klima, welches durch die Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, Luftdruck, Regenmenge, Windrichtung, Verunreinigung der Luft durch Staub,Kohle und Miasmen bedingt ist, das sind Factoren, welche nur theilweise von der geographischen Breite abhängen. Zum grossen Theil werden sie auch beeinflusst von der geologischen Art des Bodens von Berg und Wald u. s. w.

Wenn man also von einem Tropenklima — und zwar mit Recht — spricht, dann versteht man immer darunter das Klima der Ebene und der Küste; mit der Erhebung über dem Boden sinkt die Temperatur nicht unbedeutend und damit auch jener Factor des Klimas, welcher einerseits den grössten Einfluss auf den Charakter des Klimas nimmt, andererseits aber auch am besten bekannt und studirt ist, weil wir einen festen bequemen Maassstab dafür haben: das Thermometer. Im Jahre 1891 besuchte ich einen Kaffeepflanzer auf dem Berge Lawu (Mittel-Java), ungefähr 1000 Meter über dem Meere; Nachmittags um 5 Uhr wurde es mir zu kalt im Freien, ich musste mich ins Zimmer zurückziehen und die Fenster schliessen lassen.

Also, im Gebirge kann schwer von einem Tropenklima gesprochen werden. (Auf dem Gipfel des Sumbing wurden 5° C. und des Morgens selbst Reif beobachtet.) Auch die Flora verliert im Gebirge ihren tropischen Charakter; Erdäpfel, Kohl, Zwiebeln, javanische Eiche (von denen schon Friedmann 27 Arten kannte), Lorbeerbaum, Sassafras u. s. w. nehmen den Bergen Javas den tropischen Charakter; von den Farrenkräutern kann dasselbe nicht gesagt werden, weil sie ungeheuer gross werden. Ich hatte in Magelang (Mittel-Java) einen »Farrenbaum«, dessen Stengel mehr als zwei Faust dick war und dessen Blätter eine Laube waren, unter welcher man bequem sitzen konnte. Noch will ich aus dieser Höhenregion den Tjemorobaum (Casuariana Junghuniana) erwähnen, weil er, wie die europäische Trauerweide, die passendste Zierpflanze eines Kirchhofes ist. Wenn ich ihn auch nicht, wie andere Schreiber erzählen, bis zu einer Höhe von 30 Metern sah, so fesselte er jedesmal meine Aufmerksamkeit, wenn ich vor einem solchen Baume stand. Seine langen, schlaff herunter hängenden Nadeln, sein schlanker gerader Baum geben ihm einen düsteren Anblick, und wenn der Wind durch die feinen, rauhen, nadelförmigen Zweige streicht, stimmt er uns ebenso viel wie sein Anblick zum Ernst und zur Trauer.

Wenn also bei so veränderter Welt der Fauna und Flora auch die Temperatur, die Regenmenge, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, die Verunreinigung der Luft durch Staub, Kalkpartikelchen und Miasmen sich so ändern, dass von einem Tropenklima nicht mehr gesprochen werden darf, so ergiebt sich daraus dieNothwendigkeit, übereinstimmend mit dieser neuen Welt auch sein tägliches Leben einzurichten. Ich sah nicht nur in Magelang, welches 384 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sondern auch höher im Gebirge (z. B. 1000 Meter), die Eingeborenen keine anderen Kleider gebrauchen, als in Batavia. Sie zogen einfach ihren Sarong über die Brust und legten sich ohne andere Kleidung oder Bettdecke in ihre luftigen Bambushütten auf die Baleh-Baleh schlafen. Aber wir Europäer können, noch mögen dieses thun; unser Organismus ist feiner; er reagirt sofort auf solche schädlichen Einflüsse; wir werden krank. Es ist gewiss anzuempfehlen, dass Malariapatienten sich ins Gebirge flüchten, entweder um in der Reconvalescenz schneller zu Kräften zu kommen und sich zu erholen, oder um von den Fieberanfällen befreit zu werden. Wie oft geschieht es jedoch, dass diese Patienten im Gebirge erschöpfende Diarrhoen bekommen und zurück nach dem warmen Küstenklima verlangen; ich selbst sah in Sindanglaya und Salatiga die Patienten in derselben luftigen Kleidung in der Galerie sitzen oder ins Bad gehen, welche sie in Batavia oder Surabaya trugen, und dabei mit Wollust von der »entzückend herrlichen frischen Luft« dieses Ortes sprechen. Ich selbst konnte in diese Hymne einstimmen, aber trug unter der Nachthose eine Unterhose und zog Strümpfe an. Auch ich genoss von dieser »herrlichen frischen Luft«, dass ich um 11 Uhr einen Spaziergang machen konnte, dass die Transpiration auf ein Minimum reducirt war und dass der rothe Hund mich nicht quälte. Der Appetit wurde besser, man ermüdet nicht so schnell, die Respiration ist freier, man schläft besser, der Gang wird elastischer, man urinirt mehr, mit einem Worte: Die Lebensenergie ist erhöht, und die Lebenslust ist grösser. Wir werden im dritten Theile sehen, dass darum oder wenigstens theilweise aus dieser Ursache die Regierung im Gebirge (zu Malang, Magelang und Tjimahi) die Depots der Truppen verlegte, aber den grossen Fehler beging, den Unterschied zwischen europäischen und eingeborenen Recruten nicht zu berücksichtigen, was die Acclimatisation derselben betrifft.

Warum ich niemals bis jetzt Ziffern aus der indischen Statistik und nur aus dem militärischen Leben anrührte und es auch weiterhin nicht thun werde, bedarf einiger Worte der Erklärung, wenn nicht auch der Entschuldigung. Sie haben eben gar keinen wissenschaftlichen Werth. In erster Reihe stammen nämlich alle statistischen Mittheilungen aus der Feder eingeborener Schreiber, welche keine Ahnung von der Bedeutung und dem Werth einer statistischen Wissenschaft haben; das kann bei einem europäischen Schreiber auch der Fall sein; aberder eingeborene Beamte vermisst jeden sittlichen Ernst, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Ein Vaccinateur brachte mir die Impfungsergebnisse seines Bezirkes, worin 95% der Picqure sich zu guten Pusteln entwickelt hatten; ich äusserte meine Ueberraschung über diesen günstigen Erfolg; »Pigimana sukah, tuwan Doctor.« Wie es dem Herrn Doctor beliebt, bekam ich zur Antwort. Ich begriff diese Antwort damals nicht und legte die Tabellen auf den Tisch; drei Tage später bekam ich eine »verbesserte Ausgabe« von 25% gelungenen Einimpfungen!! Wenn nicht jede Frage über die Verhältnisse u. s. w. eines Bezirkes an einen Beamten ganz neutral gestellt wird, so wird er immer jene Antwort geben, welche er glaubt, dass der höhere Beamte zu erhalten wünscht.

Die Holländer in Indien und in Europa zeigen vielseitige Unterschiede; die Verhältnisse bestimmen den Menschen, und so beeinflussen die indischen Zustände auch denCharakterder Holländer. Wie weit dasKlimadarauf Einfluss nimmt, will ich nicht untersuchen, weil es meine Kräfte überschreitet, und weil man so leicht in den Fehler verfällt, post hoc, also propter hoc zu urtheilen.

Der blonde Teint der Europäer färbt sich leicht nach längerem Aufenthalt in den Tropen, während bald die gesunde rothe Hautfarbe einer blassen anämischen weicht. Untersuchungen aus letzter Zeit bewegen sich auf dem Unterschied, ob Blutarmuth, oder nur Mangel an Blutfarbstoff, oder nur ein krankhafter Zustand der peripheren Capillaren die Ursache dieser blassen Hautfarbe sei. Hier muss ich sofort beifügen, dass die Behauptung, die braune Rasse könne nicht erröthen, unrichtig ist, und dass ich Gelegenheit hatte, malayische Frauen aus psychischen Ursachen »roth« werden zu sehen. Es war nicht die starke Röthe des Zornes (bei einer blonden Frau), auch nicht das zarte Erröthen einer schamhaften Jungfrau Albions. Es war ein viel feineres zartes Roth, das sich über das Gesicht, und selbst den Hals, ergoss.

Den Einfluss des Tropenklimas auf das Herz zu studiren, hatte ich keine Gelegenheit, obschon ich drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission sass und alle Soldaten, welche vor ihr erschienen, untersuchte. Denn mir fehlte der Befund des Herzensvorihrer Erkrankung und vor ihrer Abreise nach Indien. Die so oft behauptete grössere Venosität des Blutes konnte ich direct nicht nachweisen, weil mir die Mittel zur Untersuchung fehlten; aber sie besteht wahrscheinlich in hohem Grade; denn die passiv-congestiven Zustände aller Bauchorgane sind thatsächlich eine häufige Erscheinung.

Die Grösse des Herzens nimmt einen Einfluss auf das Temperament und den Charakter des Menschen; die Biologie liegt auf diesem Gebiete noch brach; aber ich wage mich auf dieses Terrain, weil ich den Unterschied in der Psyche der Europäer in Indien und in Holland auf den Einfluss der gesteigerten Herzthätigkeit zurückführe, welche wiederum die Ursache eines gesteigerten Nervenlebens ist.

Viele sind in Indien nervös, sie sind gejagt, Präcordialangst macht sie scheinbar zu Pessimisten, die gestörte Darmfunction macht sie zum Hypochonder (durch Autoinfection?). Eine Musik von mittelmässiger Kunst regt sie auf; unerwartete Ereignisse treiben ihnen die Thränen ins Auge, geringe körperliche Anstrengung verschnellt ihnen den Puls und lässt sie eine Ermüdung fühlen, welche factisch nicht vorhanden ist; viele ergeben sich mit einem gewissen Fatalismus einer Trägheit, welche sie beschönigen wollen; sie unterwerfen sich bereitwillig dem monotonen Tropenleben als unvermeidliche Folge der grossen Wärme so lange —als es ihnen gefällt. Aber ein Tanzabend lässt Alt und Jung die ganze Nacht Terpsichore huldigen, die Abreise eines Bataillons Soldaten lässt dieselben Menschen einen Marsch von einer Stunde machen, um dann noch 2–3 Stunden lang unter den Strahlen der glühenden Tropensonne auf dem Einschiffsplatz zu stehen; eine bevorstehende Prüfung lässt sie Tage, Wochen und Monate lang neben ihrer Berufsarbeit viele Stunden täglich studiren,[28]und Stunden lang sah ich die zartesten Damen auf die Ankunft des Königs von Siam warten, ohne deswegen denselben Abend den Festlichkeiten zu Ehren dieses Gastes aus dem Wege zu gehen.

Ist der Holländer an und für sich ceremonieller als z. B. der Süddeutsche, noch mehr ist er es in Indien, wo bis vor wenigen Jahren gar kein Mittelstand existirte; da jeder Europäer damals zu der bevorzugten Rasse der »Wolanda« gehörte, fühlte sich ein Jeder als ein »tuwan«, als ein Herr und nahm die Gewohnheiten und Gebräuche der Beamten- und Officierswelt an, deren Kreise ihm häufig in patria verschlossen waren. Dies hat sich, wie schon erwähnt, seit einigen Jahren verändert. Der kleine Kaufmann, der Schuhmacher und Schneider »empfangen« nicht und gehen auch nicht mehr zu den Empfangsabenden der Officiere und Beamten. Dieses »Formelle« im äusseren Auftreten war jedoch von einer Freiheit in der Sprache begleitet,welche an das »Unsittliche« grenzte. Auch dieses hat sich geändert und gebessert; wenn auch in den besten Kreisen anstandslos von Darm- und Uteruskrankheiten gesprochen wird, die ewigen Witze über das sexuelle Leben beschränken sich, wenigstens in den besseren Kreisen, gegenwärtig auf die jungen Männer.

Diese Ungenirtheit in der Conversation isteineder Ursachen gewesen, dass die Holländer in patria ihre Landsleute »aus dem Osten« für Menschen niederer Kategorie betrachteten. Von dem Spiessbürger, der mit Geringschätzung von der »Indischen« spricht, welche »fingerdick« den Staub auf den Möbeln liegen lassen solle, oder dem Arbeiter, welcher in »dem colonial« per se einen Säufer oder ein verkommenes Individuum sieht, bis zu dem Arzt, welcher seinen Collegen »aus Indien« kaum jemals ebenbürtig oder gleichwerth anerkannt hat, weil er in »de Oost« nur für die Reichsthaler lebe, in allen Kreisen zeigte sich diese Geringschätzung der »indischen« Menschen.

Das Geschlechtsleben ist von Seite der Männer erhöht und von der der Frauenwelt nicht geringer als in der Zone des gemässigten Klimas. Zunächst ist es nicht wahr, dass per se jede europäische Dame an Fluor albus leide. Eine halbeuropäische Dame behauptete sogar, dass »indische« Damen niemals an Fluor albus leiden, es sei, dass er verdächtigen Ursprunges sei. Noch vor dem Erscheinen des Buches »Die Frauen in Java« von Dr. C. H. Stratz drängte sich mir die Erfahrung auf, dass auch in Indien bei den europäischen Frauen der Fluor albus ebenso häufig vorkommt als in Europa, und dass der Verdacht Noggerath’s, in solchen Fällen die Quelle desselben bei der nicht ausgeheilten chronischen Blennorrhoe der Männer zu suchen sei, auch in Indien raison d’être habe. Aber auch Dr. Stratz, welcher ein grösseres gynäkologisches Material unter den Händen hatte, hat unter den europäischen Damen seiner Praxis, welche also krank waren, nur 50% der Fälle an einem Fluor albus leidende gesehen. Da viele europäische Frauen, welche inIndiengeboren sind, und da die sogenannten halbeuropäischen Frauen oft Tage, Wochen und manchmal Monate lang kein Mieder anziehen und unter der Kabaya nur ein Unterleibchen (Kutang) tragen und blossfüssig, oder wenigstens ohne Strümpfe sich bewegen, wird weder die Blutcirculation in den Füssen gestört, noch werden die Brustorgane zusammen- und die Bauchorgane nach unten gedrückt, und die Prolapsi uteri sind bei diesen Damen ebenso als bei den eingeborenen Frauen aves rari. (Auch auf die Haltung des Körpers nehmen die indischen Toiletten einen sichtbarenEinfluss; die Füsse sind ideale Füsse; ein so schöner Fuss, wie ich ihn bei manchen eingeborenen oder halbeuropäischen Frauen sah, kommt sehr selten in Europa vor. Die halbeuropäischen Damen haben eine aufrechte Körperhaltung mit hervorstehendem Bauche, und die Arme schlingern, mit nach vorn gehaltenen Händen, wie ein Pendel hin und her.)

Die Menstruation beginnt bei den Mädchen, welche in Indien geboren sind, sehr früh, nach van der Burg in einem Alter von

in Indien

in Niederland

Jahren

53·63%!!

20·88%

13·15%

54·77%

2·97%

21·34%.

Die Periodicität unterliegt grösseren Schwankungen als in Europa, weil z. B. oft schon nach 21–22 Tagen die Menses zurückkehren, und ebenso ist die Intensität eine stark abwechselnde; grosse Blutverluste, welche selbst für Abortus gehalten werden, wechseln mit jenen Fällen ab, in welchen kaum einiges Blut in den gebrauchten Tüchern gesehen wird. Diese dürfen nicht, wie in Europa die »Gesundheitslappen«, mit Holzwolle oder Aehnlichem gefüllt sein, oder aus dickem Stoff bestehen, weil durch das starke Transpiriren eine Maceration der Haut stattfindet und einen Pruritus vulvae erregt. Der Einfluss des Klimas auf die Libido bei den Frauen ist nur schwer nachzuweisen, und wird auch in Europa nur nach der persönlichen Erfahrung der einzelnen Gynäkologen beurtheilt. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass die geschlechtliche Erziehung der Mädchen in Indien mit viel grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen hat als in Europa. Der intensive Verkehr mit den eingeborenen Bedienten macht die Mädchen »früh reif« und eröffnet ihnen die Perspective des geschlechtlichen Lebens in einem frühen Alter und füllt einen grossen Theil ihres Denkens und Fühlens mit den Genüssen der Liebe aus, während selbst zahlreiche Fälle bekannt sind, dass die männlichen Bedienten, wenn auch keinen »Gebrauch« von der Unerfahrenheit dieser jungen Mädchen machen, doch mit Worten und Geberden ihre Sinneslust reizen. Wenn in Europa so etwas geschieht, ist sich der Bediente seiner Schuld bewusst, und es geschieht darum nur ausnahmsweise; der javanische oder malayische Bediente jedoch, oder die Zofe oder Köchin dieser Nation sieht darin nur einunschuldigesWortspiel u. s. w., weil seine Töchter von dem Tage der Beschneidung an in alle Geheimnisse der Ehe und Liebe eingeweiht werden und immer an den Gesprächen der altenFrauen theilnehmen können. Wenn also die in Indien geborenen Frauen sinnlicher sind als jene, deren Wiege in Europa stand, so muss es erst bewiesen werden, ob das Klima oder die Erziehung daran schuld ist. SoweitmeineErfahrung reicht, möchte ich den grösseren Factor in der Erziehung suchen.

Was die Fruchtbarkeit der europäischen Frauen angeht, dafür kann ich keine Belege bringen. Unrichtig ist jedoch die Behauptung von Dr. van der Burg, dass sie sich in extremen Grenzen bewege, d. h. dass sie entweder steril sind oder sich eines grossen Kindersegens erfreuen (Seite 295).[29]Was »die Neigung zu Abortus« betrifft, so hat dieses auch andere Ursachen, als das Klima.

Auch bei den Männern wird die Geschlechtslust frühzeitig erweckt und genährt; der Säugling, welcher unruhig ist wird von der »babu« masturbiert, um ihn einschlafen zu lassen. Sobald der Knabe sprechen kann, wird er (in zahlreichen Fällen) erst in malayischer Sprache sich ausdrücken; er bleibt unter dem Zwange der Verhältnisse den grössten Theil des Tages in der Gesellschaft der Bedienten, deren beschränkter Ideenkreis nur zwei Themata kennt: das Spiel und die Liebe. Geht der Knabe in die Schule, so eröffnet sich ihm eine neue Welt von Gedanken und Ideen; aber die Welt der Sinneslust wird so früh ihm erschlossen, dass die weitere Erziehung die Sinnlichkeit mildern, aber nicht unterdrücken kann; ob die Onanie häufiger vorkomme als in Europa, will ich bezweifeln, weil dies beinahe unmöglich ist; aber die Gelegenheit zum Coitus ist den jungen Knaben so viel gegeben, dass ich annehmen muss, dass der Onanie in Indien viel früher und viel häufiger eine Grenze gesetzt wird als in Europa.

Thatsache ist es, dass oft halberwachsene Knaben schon den Genuss der freien Liebe kennen, und dass ich, wie manche andere Aerzte, Schüler der Realschule wegen Gonorrhoe zur Behandlung bekam. Von dem Scrotum wird behauptet, dass es in der Regel schlaff herabhänge; aber ich glaube, dass die Altersunterschiede hier wie dort ihren Einfluss nicht verleugnen; das Smegma des Präputialsackes zersetzt sich sehr leicht, und thatsächlich sind die Balanitiden sehr häufig bei den Männern, welche sich nicht gewöhnt haben, den Präputialsack täglich zu reinigen. (Ich habe selbst einen alten Beamten gekannt, welcher einen ringförmigen Stein im Präputium hatte und von der operativen Entfernung desselben nichts wissen wollte.) Ob die Geschlechtslust bei den Männern viel höher sei als in Europa, trotz der »erschlaffendenWärme«, möchte ich kaum bezweifeln. Peccatur intra et extra muros Trojae, in Indien aber ist die Gelegenheit zu sündigen gross, und nur zu oft hört man von den indischen verheiratheten Don Juans, dass alle Tage Beefsteak zu essen langweilig sei, und dass der Mensch gern Veränderungen habe; und dennoch muss ich behaupten, dass unter den ernsten Männern meiner Bekanntschaft die eheliche Treue ebenso hoch gehalten wurde als ceteris paribus dieses in Europa der Fall ist.

Beiden Geschlechtern ist eine grosse Gewandtheit des Körpers eigen; ob sie »rein« europäisches Blut in sich haben, oder von gemengter Abstammung sind, in beiden Fällen sind die Kinder körperlich besser entwickelt als in Europa. Während meines langen Aufenthaltes habe ich ja nureineEingeborene gesehen, welche einenBuckelhatte; unter den europäischen Kindern habe ich kein einziges missgeformtes gesehen, und nur sehr selten sah ich ausgesprochene Skrophulosis. Von Rhachitis habeichkeinen Fall gesehen. Wer gewisse Krankheiten sucht, der findet sie natürlich. So hatte ein dänischer Arzt mit aller Bestimmtheit in einem Falle von Rhachitismus gesprochen, weil ein mageres Kind stark entwickelte Epiphysen der Rippen hatte, während ich darin nur ein Kind mit schwach entwickeltem Fettpolster sehen konnte. Die wichtigsten Factoren zur Entstehung von der englischen Krankheit fehlen ja in Indien: schlechte Volksnahrung und das Zusammenleben in engen, schlecht ventilirten Räumen. Im Gegentheil. Die Kinder leben das ganze Jahr in der freien Luft, und ihre Hauptnahrung ist der Reis. Auch ihre Kleidung ist eine zweckentsprechende und befördert in jeder Hinsicht die freie Entwicklung des Körpers. Die Knaben und Mädchen tragen nämlich ein weisses Gewand, welches, ich möchte sagen, ein Hemd mit Hosenröhre ist; werden die Mädchen grösser, bekommen sie darüber noch ein Hemd; im Hause gehen sie natürlich blossfüssig oder mit Pantoffeln herum, und nur bei besonderer Gelegenheit ziehen sie Schuhe, Strümpfe und einen Hut an. Die Kinder eignen sich dadurch eine solche körperliche Gewandtheit an, dass der Einfluss auf den Charakter sich geltend macht. Abgesehen davon, dass z. B. selbst Mädchen aus dem niedrigsten Stande eine gewisse Freiheit und Eleganz in der Bewegung zeigen, wie sie ihre Altersgenossen in Europa nicht kennen, so ist ihr Selbstvertrauen ein grosses und auch berechtigtes; führt ein solches Mädchen der Zufall in die höchsten Kreise, ist sie nicht verlegen in ihrem Gespräche und nicht in ihren Bewegungen; beim Tanze zeigt sie sich so graziös, alsjede Dame aus den höchsten Kreisen es nur wünschen kann, und der Fächer ist in ihren kleinen, wohlgepflegten, zierlichen Händen eine ebenso gefährliche Waffe als in den einer Salondame. Das rabenschwarze, dichte, lange Haar einer Nonna (halbeuropäische Dame), die dunkelbraunen, grossen Augen mit der lichtblauen Sclera, die schneeweissen, regelmässigen Zähne, die wohlgeformte Büste, die breiten Hüften, der kokette, sanft sich schmiegende Gang, die zierlichen, kleinen Füsse und die wohlgepflegten Hände und Nägel, die eleganten Pantoffeln, der eng umschliessende Sarong, welcher deutlich die Formen der stark entwickelten Hüften zeigt, und die mit Spitzen besetzte Kabaya, welche nur theilweise den schön geformten Busen bedeckt, sieh da — eine indische Venus.

Der indische Don Juan[30]verwendet auch sehr viel Sorgfalt auf seine Toilette und noch mehr Geld. In Batavia z. B. wird er bei dem ersten europäischen Schneider seine weisse Hose und Rock machen lassen, weil dessen Schnitt elegant ist; er bezahlt zwar drei- bis viermal soviel als beim chinesischen oder eingeborenen Schneider; aber es ist wahr, er ist elegant in seiner weissen Kleidung, Lackschuhen und grossen Manschetten. Sein rabenschwarzes Haar, seine dunkeln Augen stehen im angenehmen Contrast zur Weisse seiner Zähne und seiner Toilette. Der Sinjo, so nennt man nämlich den halbeuropäischen Mann, wird auch immer mit mehr Erfolg bei den Nonnas flirten als der europäische Freier.


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