8. Capitel.
Urbewohner von Borneo — Eisengewinnung bei den Dajakern — Eisenbahn auf Borneo — Landbaucolonien — Jagd in Borneo — Im Urwalde verirrt — Wilde Büffel — Medicin auf Borneo — Aetiologie bei den Dajakern — Taufe bei den Dajakern — Dukun — Doctor djawa.
Ueber die Urbewohner Borneos, welche auf der niedrigsten Stufe der menschlichen Civilisation stehen, den Olo-Ott (D), wissen nur wenige Europäer aus Autopsie etwas Positives mitzutheilen. Der Reisende Dr. Bock nennt sie Orang (M) Punang, während Dr. Karl Schwaner, welcher in den Jahren 1843–1847 das Innere Borneos durchkreuzt hatte, auch von den Olo-Ott spricht, welcher Name mir während meines Aufenthaltes in Teweh viel geläufiger war als der des Dr. Bock. Die Berichte der Frau Ida Pfeifer können kaum jemals in Betracht gezogen werden, weil sie nicht nur, wie die meisten Reisenden, nur das Ziel kannte, in möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen, sondern auch, weil sie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Norden Borneos nur einen malayischen Bedienten als Dolmetsch hatte, welcher ein wenig englisch sprach und von keinem der dajakschen Dialekte kaum den Namen kannte. Hin und wieder mag ein »gebildeter« Dajaker einige Worte der malayischen Sprache verstanden haben; ob aber durch solchen Dolmetsch über Religion, Erbrecht, Tradition, Geschichte und Sagen etwas Verlässliches mitgetheilt werden kann, muss unbedingt bezweifelt werden. Auch meine Quelle über das Leben und Treiben der Olo-Ott ist nicht die reinste. Wenn der Fürst von Siang mir gegenüber die Sprache dieser Waldmenschen mit dem Grunzen eines Schweines vergleicht, so tritt schon die Voreingenommenheit deutlich in den Vordergrund. Wie ich schon vor 14 Jahren mittheilte, lebten sie damals und vielleicht heute noch im Walde, ohne jede staatliche, gesellschaftliche Einrichtung, in einzelnen Familien aufden Bäumen oder in aus Laub und Atap geformten Hütten, und zwar nicht allein an den zwei Quellen des Baritu, sondern auch östlich davon, im Gebirge, nahe den Quellen des Lahey, Tohop, Marawy, Tahudja und Ossoh bis an die Grenze des Volkes Pari, welche zwischen den höher stehenden Bewohnern des obern Laufes des Baritu und dem Reiche Kutei leben.
Wie mir der Fürst von Siang weiter mittheilte, sind diese Waldmenschen hell von Farbe und gross von Statur und leben von Pflanzen, Früchten und Weichthieren der Sümpfe, kennen das Feuer, ohne darum Fleisch oder andere Speisen zu kochen, und auch das Familienleben erhebt sie nur ein wenig über die ersten primitivsten Elemente der Civilisation. Aber den Werth des Goldes kennen sie schon sehr gut und gebrauchen es zum Tauschhandel. Der Verkehr mit der Aussenwelt findet in einer eigenthümlichen Weise statt, wenn ich den allgemeinen Mittheilungen im obern Laufe des Baritu Glauben schenken darf. Uebrigens hatte ich in Muarah Teweh einen malayischen Bedienten, welcher nach einem Jahre den Abschied von mir nahm, um, wie er sagte, mit den Olo-Ott Handel zu treiben. Ungefähr 1½ Jahre später kam er mich in Buntok aufsuchen und erzählte mir alles, was er von den Olo-Ott wusste. Es war nichts Neues, aber es bestätigte die Mittheilungen, wie ich sie früher wiederholt gehört hatte.
Nachdem er meinen Dienst verlassen hatte, war er nach Bandjermasing gegangen und hatte dort aus seinen Ersparnissen einen grossen Kahn gekauft, welcher mit einer Decke aus Atap versehen war. Es war ihm genug Geld übrig geblieben, um noch einen Vorrath an Salz zu kaufen, und bunte Glasperlen und billige Leinenwaaren von allen möglichen Farben bekam er auf Credit. Nebstdem miethete er zwei Bekompeyer, welchen er einen Theil seines Gewinns versprach, und so zogen sie stromaufwärts. Viel Lebensmittel brauchte er nicht mitzunehmen; denn bis Teweh konnte er, wenn auch nur in vereinzelten Kampongs, doch immerhin oft genug Gelegenheit finden, seinen Reisvorrath zu ergänzen; in Teweh selbst konnte er von den Soldatenfrauen alle möglichen Lebensmittel erstehen. Uebrigens brauchte er gar keine Entbehrung zu leiden. Hier und da standen am Ufer Palmenbäume, von welchen seine Begleiter die Cocosnüsse holten, welche ihm das Oel für die Nachtlampe und zum Bereiten einzelner Speisen lieferten. Die Klapper[31](Kalapa S) gab ihnen einen erfrischenden Trank; ihre jungen Blattsprossen sind ein angenehmes Gemüse, besonders wenn siein Essig eingelegt sind, und von der Arengpalme werden die unreifen Früchte gebraten gern gegessen. Der Strom hat übrigens einen solchen Fischreichthum, dass man es sich kaum vorstellen kann. Er konnte also täglich, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, die herrlichsten Fische, gekocht oder in Klapperöl gebraten, sich verschaffen. Die Früchte für seinen Nachtisch verschaffte er sich auch, ohne sie bezahlen zu müssen; das Brandholz zum Kochen seiner Mahlzeiten holte er sich vom Ufer oder sammelte sich das Treibholz, welches er auf der Decke des Kahnes trocknen liess; also waren die täglichen Bedürfnisse ohne Schwierigkeiten gedeckt. Aber gefährlich war sein Unternehmen, das ihn den Kopf hätte kosten können. Vielleicht war er Fatalist wie jeder Mohammedaner, und ich möchte sagen, wie jeder Bewohner der Tropen; vielleicht calculirte er, dass zur Zeit seines Ausfluges Mangkosari selbst der Kopfjagd entgegentrat, um die Gunst der Regierung zu erwerben (videSeite 63), mit einem Worte: Er wagte es. Oberhalb Teweh passirte er den Lahey, von welchem Fluss ein Weg nach der Ostküste Borneos führt. Hier, im eigentlichen Gebiete des Dusson (= Baritu) ulu, mit ungefähr 10000 Menschen, war er ausserhalb des schützenden Armes der holländischen Regierung; dann (oberhalb des Stromes Makujong) beginnt das Reich der Fürsten Murong und Siang, welche erst im Jahre 1879 die Souveränität der holländischen Regierung anerkannt haben. Hier wird viel Rottang, Guttapercha, Eisenholz und andere Bauhölzer, von denen 60 Sorten auf Borneo gefunden werden, gewonnen, Eisen und Goldstaub gefunden (Diamanten kommen mehr im östlichen Theile vor); von hier werden Wachs, Honig und Schwalbennester in den Handel gebracht; aber die Industrie ist beinahe Null. Nur Matten, Djukungs (Canoës), Pfeile und Pfeilgift werden hier erzeugt und Eisen aus dem Erze geschmolzen. Der Landbau beschränkt sich auf die nothwendigste Menge des Reis und Pflege der Obstbäume, und im übrigen werden hier — Feste gefeiert.
So wenig die Industrie wegen ihrer geringen Entwicklung auf die Wohlfahrt des Landes Einfluss nimmt, so sehr verdient mit einigen Worten von ihrer Eisen-Industrie gesprochen zu werden, weil die Dajaker mit den primitivsten Mitteln Eisen und Stahl gewinnen, welches dem besten Material von Europa nicht nur gleichkommt, sondern es sogar übertrifft.
Auf meiner Fahrt nach Surabaya zeigte mir der Schiffscapitän eine sogenannte »Negaraklinge« (Negara ist ein Nebenfluss des Baritu, welcher sich ins linke Ufer gegenüber Marabahan in diesen Strom ergiesst),und schlug mit ihr in einen gusseisernen Pfeiler des Schiffes eine Scharte, welche vielleicht einen Centimeter tief war!
Schon der Schmelzofen ist so einfach als möglich; er besteht aus 1 Meter hohem Lehmcylinder, dessen Wände ungefähr 10 Centimeter dick sind und 20 cm über dem Boden zwei Oeffnungen haben, eine für das Rohr des Blasbalges, die andere für den Abfluss der Schlacke, der innere Raum ist jedoch nicht cylinder-, sondern pyramidenförmig, mit einer Basis, welche ungefähr um 100 ☐cm kleiner ist als die obere Oeffnung. Beim Füllen des Ofens wird pulverisirte Holzkohle auf den Boden gestreut mit einer Grube in der Mitte zur Aufnahme des flüssiggewordenen Eisens; die Röhre des Blasrohres muss bis zur Mitte der Grube reichen. Darauf wird Holzkohle geworfen und auf diese das Eisenerz gelegt, welches vorher im Holzfeuer geröstet und in kleine Stücke zerschlagen wurde. Die Kohle wird hierauf angezündet und die Ausflussöffnung des Ofens geschlossen. Der Blasbalg wird in Bewegung gesetzt (mit 40–50 Schlägen in der Minute), hin und wieder wird die Ausflussöffnung geöffnet, um die Schlacke herauszuholen, ungefähr nach jeder Stunde wird neues Erz mit Kohle gemengt in den Ofen geworfen und dieses bis gegen Sonnenuntergang fortgesetzt. Der Feierabend tritt nicht früher ein, als bis das geschmolzene Eisen mit grossen Zangen aus dem Ofen herausgenommen, auf dem Boden, welcher mit fein gestampfter Schlacke bedeckt ist, mit hölzernem Hammer zu einem Würfel (von ungefähr 30 Kilo) bearbeitet, in 10 Stücken vertheilt und so lange gehämmert und von der Schlacke befreit wird, bis es dem Waffenschmied geliefert werden kann.
Ueber die Gewinnung des Goldes kann ich aus eigener Erfahrung und Beobachtung nichts mittheilen; ebenso von der der Diamanten; nach den Mittheilungen Perelaers soll jedoch der Reichthum an Gold[32]auf dieser Insel sehr gross sein.
In dem Gebiete der Fürsten von Siang und Murong hatte mein ehemaliger Bedienter das Quellengebiet des Baritu erreicht. Steile Ufer, starke Krümmungen, Sandbänke, in das Flussbett hineinragende Felsen charakterisiren den Oberlauf des Baritu, und an den Flüssen Topo und Lamiung legte unser kühner Jünger Mercurs seinen Kahn an, um den Tauschhandel anzufangen.
Aber erst im Quellengebiete dieser kleinen Flüsse erreichte er die Heimath der Olo-Ott. Es gelang ihm jedoch niemals, diese primitivenMenschen zu Gesicht zu bekommen, weil sie jede Berührung mit der Aussenwelt scheuen. Bei seiner Ankunft brachte er die Waaren ans Ufer und schlug mit einem Stück Holz auf einen in der Nähe stehenden Baum. Dann zog er sich in seinen Kahn zurück, um zu übernachten. Jedesmal unterdrückte er seine Neugierde, diese Buschmenschen zu Gesicht zu bekommen; ein vergifteter Pfeil hätte sicher seine Neugierde bestraft. Den andern Morgen ging er ans Ufer und sah Näpfe mit Goldstaub neben seiner Waare stehen. War er damit zufrieden, so nahm er das Gold und zog sich zurück, ohne sich zu kümmern, wann und wer seine Waaren wegholen würde.
Mit diesem Ertrage begnügte er sich jedoch nicht, sondern am untern Lauf dieser zwei Nebenflüsse sah er Dajaker, welche einer grösseren Stabilität sich erfreuen, weil der Boden in dieser Gegend aussergewöhnlich fett ist; oft wird 5–6 Jahre hintereinander auf demselben Felde der Reis gepflanzt, um jedesmal dieselbe ergiebige Ernte zu bekommen. Ich hatte oft Gelegenheit in dem Urwalde, die Dicke der Humusschicht zu bewundern. Seit Jahrhunderten waren Gesträuche hier in Fäulniss übergegangen und hatten mit der Erde eine dicke fette Humusschicht gebildet.
Hier kaufte er für den erhaltenen Goldstaub Rottang, Eisenholz und Guttapercha. Der Rottang ist eine Schlingpflanze mit einer Epidermis, reichlich mit Stacheln versehen; in dem Urwalde ziehen sie kreuz und quer, und ein Vordringen ist absolut unmöglich, wenn man sich nicht mit der Hacke in der Hand einen Weg bahnt. Ich habe Rottang von 30–40 Meter Länge und faustdick gesehen. Abgeschnitten werden sie umgebogen ins Wasser gelegt, wo die Epidermis aufweicht und durch Dreschen darnach von dem »spanischen Röhrel« abfällt. Aus den gefällten Bäumen, welche unser Handelsmann am Ufer des Dusson-Ulu mit dem Staubgolde bezahlt hatte, wurde ein Floss gebaut, darauf Rottang, Damar und Eisenholz geladen und die Reise nach Bandjermasing damit angetreten. Zur Bequemlichkeit wird von manchen solchen Jüngern Mercurs auf dem Flosse eine Hütte gemacht; ich selbst fuhr einmal mit einem solchen Flosse von Lahey bis Teweh; in der Hütte befand sich ein Bett mit Mosquito-Netz und daneben einige dapur, das sind aus Lehm gebrannte Formen zur Aufnahme von Kohlen und Holz, auf welchen in Töpfen und Pfannen gekocht wird. Es ist die angenehmste Weise zu reisen, weil man überhaupt gar keine Bewegung fühlt. Das Floss wird mit dem Strome fortgerissen und nur durch ein oder mehrere Steuerruder in der Mittedes Stromes erhalten. Das Floss, mit dem ich gefahren bin, war sehr breit und hatte also drei Steuerruder, mit welchen drei Männer nur mit grosser Anstrengung das Floss dirigiren konnten, um nicht gegen eine der zahlreichen Windungen des Ufers anzufahren und zerschellt zu werden.
Mit diesem Floss fuhr er also ungefähr zwei Wochen lang, und in Bandjermasing verkaufte er es an den malayischen Händler, welcher ihm die Leinwaaren creditirt hatte. Mit dem Guttapercha hatte er das beste Geschäft gemacht, weil es wenig mit Sand und Schmutz gemischt war. Leider kennen die Dajaker keine andere Art der Gewinnung des Guttapercha, als den Baum zu fällen; hoffentlich hat die Regierung schon ihren Einfluss geltend gemacht, sie von diesem Raubsystem abzubringen. Einschnitte in die Rinde der Bäume sind ja hinreichend, um das darin befindliche Harz abfliessen zu lassen. Die Wunde schliesst sich und der Baum ist für eine nächste Production erhalten. Die Bewohner sind ja für Aufklärungen zugänglich.
Eines Tages kam ein Dajaker zu mir mit der Bitte, ihm ein Mittel zu nennen, das Guttapercha zu lösen; in Singapore werden nämlich drei Sorten davon gekauft, abhängig nach der Menge der Verunreinigung. Wenn es ein Mittel gäbe, das Guttapercha zu lösen, würde er nur I. Qualität dieser Waare verkaufen und somit auch den höchsten Preis erzielen können. Ich gab es ihm, ohne jedoch weiter zu erfahren, ob sein Reinigungsverfahren ihm den erhofften Gewinn gebracht hat.
Damals befanden sich nur zwei europäische Geschäfte in Bandjermasing, welche, wenn ich nicht irre, keinen Export betrieben; einige arabische Händler und Hadjis[33]kauften die nach Bandjermasing gebrachten Waldproducte, um sie wieder in Java oder Singapore auf den Markt zu bringen. Seit dieser Zeit hat zwar auch die »Handelsmaatschappy« eine Agentschaft dort errichtet; mir ist aber nicht bekannt, welche Ausbreitung der Exporthandel damit gewonnen hat.
Eine gewisse Lethargie charakterisirte damals den Handel in Indien; sie ist jedoch in den letzten fünf Jahren einer Unternehmungslust gewichen, welche hoffentlich nicht wieder erlöschen und die schönsten Früchte tragen wird. Es wird z. B. in Java und Sumatra so viel Petroleum gewonnen, dass Japan und China schon seit drei Jahren das amerikanische und russische Petroleum abzustossen beginnen. Auch Borneo besitzt sehr viel Erdöl, welches dem unternehmenden Manne viel Reichthum einbringen kann; denn die kleinste Hütte Javas hat schon ihre kleine Petroleumlampe; auf allen grossen Wegen Javassieht man kleine Markthüttchen, in welchen Petroleum verkauft wird, und unter den Dajakern ist die Damarlampe noch immer die schwache Lichtquelle, welche die nächtlichen Feste und Orgien beleuchtet. Vielleicht würde das helle, starke Licht einer Petroleumlampe auch civilisatorisch die Sitten und Gebräuche dieser Wilden beeinflussen.
Vor zwei Jahren besprach ein Herr E.. in den indischen Zeitungen den Plan, von Bandjermasing eine Eisenbahn nach Pontianak bauen zu wollen.[34]Dieser Plan konnte nur in dem Gehirn eines Mannes entstehen, welcher auf Borneo niemals gelebt oder höchstens mit beschleunigter Geschwindigkeit diese Insel durchreist hatte. Amerika hat sich dieser Phantast offenbar vor Augen gehalten, als er dieses Project entwarf; nur vergass er einige nicht unbedeutende Unterschiede.
Borneo ist sehr schwach bevölkert; auch Amerika war es in jenen Theilen, in welchen neue Eisenbahnen die Auswanderer Europas dahin lockten. Diese Auswanderer sammelten sich jedoch zuerst in den grossen Städten der Küste an, und von hier zogen diese Pioniere ins Innere des Landes. Bandjermasing hat aber ohne die Officiere und Beamten keine zwanzig europäische Familien; und bis diese Stadt einen Ueberschuss an europäischen Arbeitern und Landbauern bekommen wird, dann erst darf man an ein solches Unternehmendenken. Dieser Ueberschuss muss aber auch sehr gross sein, um vom »Denken« zur Ausführung überzugehen. Der Bau der Eisenbahnen in Amerika erfolgte durch die im Lande anwesenden Arbeitskräfte. In Borneo müssten diese erst importirt werden. Der östliche Theil ist hinreichend bevölkert, umvielleichteinen Theil derselben zum Bau der Eisenbahn heranziehen zu können.
Der Import von dem grössten Theil der nothwendigsten Arbeiter würde Geld, und zwar viel Geld kosten; Kulis wären vielleicht in hinreichender Menge von Java oder China zu bekommen; aber jetzt kommen wir zu den technischen Schwierigkeiten — im Stromgebiete des Dusson würden die Eisenbahnarbeiter wie Fliegen dem Sumpffieber erliegen. Es müsste, wenn von Bandjermasing aus die Bahn nach Norden und Westen ginge, der theuerste und schwierigste Unterbau geschaffen werden, weil das ganze Stromgebiet junger, weicher Alluvialboden ist; es müsste also die ganze Eisenbahn weit nach Osten verlegt, zu diesemZwecke Bandjermasing verlassen und eine neue Hauptstadt angelegt werden. Der Herr von E. brachte auch schon ausgearbeitete Skizzen, die ich leider nicht mehr besitze; aber schon beim ersten Lesen dieses Planes konnte ich mich eines Ausrufes der Ueberraschung nicht enthalten. Während drei grosse Ströme von Norden nach Süden ziehen und als eine natürliche, sehrbilligeFahrstrasse die Küste mit dem Herzen verbinden, sollte eine Eisenbahn gebaut werden, welche hunderte und hunderte Millionen Gulden und tausende und tausende Menschenleben kosten sollte!! Ich bezweifle selbst, ob der Herr von E. während seines Aufenthaltes in Borneo jemals ein steinernes Haus bauen gesehen hat. Die Pilote gehen in den bodenlosen Grund wie in Butter hinein, und auf solche Unterlage sollten hunderte, nein! tausende Brücken, Viaducte u. s. w. gebaut werden! Wenn er wenigstens den Fuss der Gebirge zur Route seiner Eisenbahn gewählt hätte, wäre er im Bereiche des Möglichen geblieben; aber kein Mensch der Welt würde einen solchen Umweg machen, wennein kurzer billiger Wasserweg dasselbe Ziel erreicht. (Fig. 8.) Auch muss ich bezweifeln, ob der Herr von E. jemals einen Westmonsun auf Borneo mitgemacht und gesehen hat, dass ineinemTage alle drei Ströme um 10–15 Meter steigen und im Flachlande Millionen Hektare Land unter Wasser setzen können!
Und doch liessen sich die Schätze Borneos leicht und sicher erschliessen, und zwar selbst ohne bedeutende Kosten.
Von jenen Factoren, welche die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit des Gelingens eines solchen Unternehmens bedingen, will ich nur den einen besprechen, welcher gewissermaassen in den Rahmen dieses Buches passt. Das ist die vielfach besprochene und ventilirte Frage, ob auch Landbaucolonien in den Tropen möglich seien.
Vielfach wurde behauptet, dass auf Java die Europäer in dritter Generation ausstürben, wenn sie sich nicht mit den Eingeborenen mischen. In dieser Allgemeinheit ausgesprochen, entbehrt diese Behauptung jeder wissenschaftlichen Basis. Es wurde niemals ziffermässig nachgewiesen, wie viel europäische Familien gesund, d. h. zeugungsfähig nach Indien kamen, ihre Kinder wieder gesund und zeugungsfähig geheirathet hätten u. s. w. Wenn auch thatsächlich keine einzige Familie auf Borneo z. B. mir bekannt ist, in welcher vom Urgrossvater herab europäische Familien sich auf Borneo fortgepflanzt hätten, so beweist dies nicht, dass sie nicht in Indien resp. in Borneo fortpflanzungsfähig sind, sondern dass, aus welcher Ursache auch immer, die europäischen Männer nicht immer europäische Frauen geheirathet haben. Wer die Geschichte derindischen Colonien kennt, ist davon nicht überrascht. Wie gross war die Anzahl der »anständigen Frauen«, welche im vorigen Jahrhundert nach Indien gingen, im Anfange dieses Jahrhunderts oder noch vor 50 Jahren!! Jedes Jahr kaum so viel, als die Finger der beiden Hände zählen. Also die Männer, welche nach Indien gingen, konnten nicht mit europäischen Frauen verkehren, weil es deren nicht gab, und erst seit der Eröffnung des Suezkanals kommt eine grössere Zahl europäischer Frauen nach Indien, so dass erst nach 30 Jahren eine diesbezügliche Statistik irgend einen wissenschaftlichen Werth haben kann, weil sie auf eine grosse Reihe von Fällen sich erstrecken wird.
Fig. 8. Südöstliche Hälfte von Borneo (Maassstab 1 : 8,000,000) nach einer Skizze des Topographischen Bureaus in Batavia.Legenda.œ holländisch = u.z„=s.Sei= Soengei = Nebenfluss.Koeala = Moeara = Mündung.Tg = Tandjong = Cap.Poeloe = Insel.
Fig. 8. Südöstliche Hälfte von Borneo (Maassstab 1 : 8,000,000) nach einer Skizze des Topographischen Bureaus in Batavia.Legenda.œ holländisch = u.z„=s.Sei= Soengei = Nebenfluss.Koeala = Moeara = Mündung.Tg = Tandjong = Cap.Poeloe = Insel.
Legenda.œ holländisch = u.z„=s.Sei= Soengei = Nebenfluss.Koeala = Moeara = Mündung.Tg = Tandjong = Cap.Poeloe = Insel.
Wenn Professor Stokvis auf Grund von theoretischen Erwägungen zu dem Schlusse kam, dass Europäer in den Tropen auch Landbau-Colonien errichten können, so kann ich dies, gestützt auf Erfahrungen, nur bestätigen.
Als ich nach Indien kam, beschäftigte ich mich mit der Temperatur des gesunden Menschen, weil es mir auffiel, dass die Fieberkranken in der anfallfreien Zeit besonders niedere Temperatur hatten, und ich fand, dass der gesunde Europäer niemals 37°, sondern 36·8° erreichte. Dies waren jedoch nur Erwachsene; später hatte ich auch bei Kindern Gelegenheit die Temperatur häufig zu messen; diese zeigten eine durchschnittlich höhere Temperatur. Es zeigte sich immer, dass die hohe Temperatur der Tropen keinen Einfluss auf die Körpertemperatur der Menschen hatte, dass dieselbe zwischen denselben Grenzen schwankte, als in Europa (36·25–37·5° C.), und dass also das Wärmeregulativ hier wie dort nach denselben Gesetzen arbeite. Warum sollte also die höhere Lufttemperatur schädlich sein, da der Körper das Vermögen besitzt, stets eine constante Temperatur zu entwickeln?
Aber das Fieber, die Dysenterie, die Leberkrankheiten, die Cholera u. s. w. der Tropen? Sind diese kein Hinderniss für die Arbeit auf dem Felde, im Garten und im Walde? Natürlich sind diese Krankheiten ein Hemmschuh jeder Arbeit und jeder Unternehmung. Man muss sie eben verhüten; man muss eben nach den Regeln der Hygiene leben, um sie nicht zu bekommen.
Prof. Geer hat übrigens in einer statistischen Arbeit nachgewiesen, dass die holländischen Frauen in Indien länger als in ihrer Heimath leben; die europäischen Kinder »gedeihen in Indien wie Kohl«; die starke Transpiration, der Ausdruck der geregelten Wärmeregulation gegenüber der hohes Aussentemperatur, die bedeutende Arbeitsleistung der Menschen in ihrem Berufe und ausserhalb ihres Berufes (ist z. B. eine ganzeNacht zu tanzen keine bedeutende Körperleistung?), welche ich gesehen habe, sind mir Bürgschaft, dass Landbaucolonien in Indien möglich sind.
Die Jagd in den Urwäldern Borneos hat einen eigenthümlichen Reiz, erfordert aber auch gewisse Vorsichtsmaassregeln. Nie gehe man ohne Führer, ohne Compass und ohne zweckmässige Kleidung auf die Jagd. Die weissen Waschkleider sind auf der Jagd nicht zu gebrauchen, weil sie schon in grosser Entfernung und zu früh (auch im dichtesten Walde) die Aufmerksamkeit des Wildes erregen; besser sind schon die aus grauen, oder lichtbraunen, oder schwach grünen ähnlichen Stoffen verfertigten. Immer trage man Gamaschen, welche die Hose gut schliessen; sonst schlüpfen die kleinen Blutegel in die Hosen, und man bekommt einen ausgiebigen, unfreiwilligen Aderlass. So lästig auch die Stiefeletten sein mögen, sind sie doch noch besser als die Halbschuhe, welche man leicht verliert. Beabsichtigt man jedoch eine Sumpfgegend zu durchschreiten, sind Stoffschuhe mit Gamaschen vorzuziehen, weil das Wasser ebenso gut hinaus- als hineinfliessen kann. Kein Tropenhelm mit Schleier, sondern eine kleine Mütze ohne herabhängenden Lappen für den Nacken sei die Kopfbedeckung; die schön gestickte Waidmannstasche muss auch zu Hause bleiben, weil man mit ihr überall hängen bleibt und die Lebensbedürfnisse doch am besten im Kahne zurücklässt, mit welchem man auf einem Antassan ins Innere des Landes dringt.
Ohne Führer auf die Jagd zu gehen, ist selbstverständlich gefährlich; ich selbst habe z. B. in Gesellschaft mit dem einen Lieutenant einen kleinen Spaziergang hinter dem Fort gemacht, um wieder »einmal einen Urwald des jungfräulichen Borneos betreten zu haben«. Im Gespräch vertieft, achteten wir nicht darauf, dass wir, ohne an den Rückweg zu denken, in den Urwald eingedrungen waren. Es war 4 Uhr Nachmittags, die Sonne war nicht mehr zu sehen, nur eine grosse, schöne Cicade erhob sich lautlos von einem Aste, kein Zephyr bewegte die Blätter der Waldriesen, welche uns umgaben, und vergebens drang unser Auge durch das dichte Laub, um den Stand der Sonne zu sehen; Lianen kreuzten sich nach allen Seiten von einem Baum zum andern; Parasiten und Epiphyten bedeckten die hohen Stämme; unter uns drangen die Füsse in die mit jungem Laube bedeckte hohe Humusschicht, und nirgends sahen wir eine Moosschicht auf einem Baume, welche uns den Weg nach Norden zeigen sollte. Lachenden Mundes, aber nicht mit fröhlichem Sinn, sprachen wir von den tausendGefahren, welche uns die nähernde Dämmerung und Finsterniss bringen sollte: Die Schlangen, welche wir nicht sehen würden, die rothen Ameisen, welche oft zu hunderten einen Baum bewohnen und jedes lebende Wesen attaquiren, der Honigbär, die grossen und schönen Baumwanzen, der wilde Büffel, der Panther, das Rhinoceros, vielleicht einige eifersüchtige männliche Orang-Utangs, die Blutegel.
Als aber factisch die Dämmerung im Walde eintrat, als die Cicaden ihr lautes Zirpen ertönen liessen, und aus weiter Ferne der Wau-Wau ein klagendes Uh—uh ausstiess, als einige grosse Fledermäuse (Kalongs) und fliegende Hunde ihre Flügel auszubreiten anfingen und selbst einige grosse Leuchtkäfer auftauchten, da schwand auch von unsern Lippen das Lächeln und — endlich fiel es mir ein, einen Baum zu erklettern; ich fand glücklicher Weise eine dünne Palme, und als ich ungefähr 10 Meter hoch gekommen war, sah ich durch eine Lücke im Laub die untergehende Sonne und eine kleine Fläche, von welcher in derselben Richtung ein Bächlein mit klarem und hellem Wasser in sanftem Laufe floss, und in dem die scheidenden Sonnenstrahlen sich spiegelten. Mit lautem Hurrah stieg ich hinab, und bald fanden wir das Gesträuch, welches wir durchdrungen hatten, und erreichten selbst noch vor Untergang der Sonne den Saum des Waldes. Jetzt hörten wir auch das Blasen der Trompete, welches der dritte Officier als Signal geben liess, als wir nicht nach Hause kamen, und er ganz richtig vorausgesetzt hatte, dass wir uns verirrt hätten. Als wir den kleinen freien Platz betraten, da stand ein Dajaker mit gezücktem Mandau vor uns, welcher durch das Geräusch unseres Ganges aufmerksam gemacht worden war. Der Dajaker ist nicht der Wilde, der schon, wie die Rothhäute, durch sein Aeusseres imponirt; dünne Lippen, eine schwach eingedrückte Nase, wenig hervorstehende Backenknochen, bartloses Gesicht imponiren uns sehr wenig; in seiner mangelhaften Toilette, nur mit dem Djawat bekleidet, tritt sein Schmutz besonders durch die Schuppenkrankheit, zu der sich oft genug Geschwüre paaren, ekelerregend in seiner ganzen Totalität vor unsere Augen. Der Druck der malayischen Fürsten nahm ihnen alle Männerwürde und Selbstvertrauen; ihr Gang ist also mehr schleichend als kräftig, und nur wenige tragen ihren Kopf aufrecht.
Wir waren ohne Waffen und hatten nur unsere Stöcke bei uns. Entweder hatte auch er das Signal gehört und glaubte, dass auch die Truppen in nächster Nähe wären, oder sei es, dass er gar nicht glauben konnte, dass wir ohne Revolver uns in den Urwald wagten, oder seies, dass wir unvermuthet vor ihm standen, so dass er keine Zeit und Gelegenheit hatte, im Hinterhalt auf uns zu lauern, genug an dem, wir gingen stolzen Hauptes, ohne auch nur mit einer Miene das Bewusstsein unserer Wehrlosigkeit zu verrathen, unbelästigt an ihm vorbei, und ich brauche mit keinem Wort das selige Gefühl zu schildern, mit welchem wir der Richtung des Trompetenschalles folgten, und schon nach Sonnenuntergang das Fort erreichten.
Wenn ich auch oft auf die Jagd ging, so fehlte mir doch die Elasticität des Körpers, um in Borneo als wahrer Nimrod auch grosses Wild zu verfolgen. Schon die Jagd auf Wildschweine ist lohnend, weil man etwas Abwechslung in sein Menu bringen kann. Diese fordert nur Geduld; hinter dem Fort hatten die Soldaten einen Gemüsegarten angelegt, und bald stellten sich diese ungalanten Gäste ein, welche das Grünzeug auffrassen und den Boden aufwühlten. Ihre Spuren waren deutlich, und darum zog ich öfters, kurz vor Aufgang des Mondes, mit meinem Bedienten in den Garten und legte mich auf die Lauer. Sobald der Mond das Terrain erhellte, kamen diese Feinschmecker, und zwar einzeln oder zu Paaren, und fielen dann leicht in unsern Schuss. Auch die Jagd auf Rehe ist ungefährlich, wenn man die Stelle kennt, wohin sie Abends zu trinken kommen. Eine solche Tränke war in der Nähe des rechten Ufers des Baritu, gegenüber der Mündung des Teweh. Es war eine grosse Schlucht mit hellem, frischem Wasser, über welchem ein grosser Baum als Brücke lag. Vor Sonnenuntergang kamen die Rehe und auch die Kantjils hier ihren Abendtrunk holen. Gewöhnlich sass ich auf dem Baume, das Gewehr schussbereit in der Hand.
Eines Tages jedoch ging ich mit dem Häuptling dahin, und er nahm Platz auf dem Baume, während er mir die Lauer bei einem Baume empfahl, in dessen Nähe der Weg war, auf welchem die Rehe zur Schlucht zogen. Ich vertraute seinen Angaben um so mehr, als er factisch, viel häufiger als ich, mit reicher Jagdbeute nach Hause kam. Ich suchte mir also hinter dem angewiesenen Baume eine trockene Stelle aus und liess mich nieder in geduldiger Erwartung dessen, was kommen sollte. Plötzlich wurde ich jedoch durch ein fürchterliches Geräusch aufgeschreckt. Ich sprang auf und sah über meinem Kopfe eine grosse Heerde von Schweinsaffen (Fig. 7) von Baum zu Baum springen. War es nun Zufall oder nicht, ich sah mir nun ein bischen näher die Gegend an, welche mir Dacop mit solchen warmen Worten für die Lauer auf die Rehe angewiesen hatte, und sieh’ da, es war der Weg zur Tränke für die gefährlichsten und gefürchtetsten Riesen des Waldes,für die Büffel und Rhinocerosse!! Dem Rhinoceros kann man entfliehen, wenn man seines Schusses nicht sicher ist, oder wenn aus anderen Ursachen dieses plumpe Thier nicht kampfesunfähig gemacht wird; aber der Büffel ist ein gefährlicherer Gegner als der Königstiger und das Rhinoceros; denn der Banteng lebt in Heerden, und wenn einer von ihnen, von der Kugel getroffen, mit seinem donnerähnlichen Brüllen die Luft erschüttert, stürzt sich die ganze Heerde auf den Jäger, der nur sehr selten dem traurigen Schicksal entgehen wird, von der rasenden Heerde zertrümmert zu werden. Flüchtet er sich auf einen Baum, so wühlt die Heerde in der Wurzel und stürmt mit den Hörnern gegen den Baum, dass er endlich fallen muss; und ist der Baum so dick, dass es vielleicht nur durch einzelne Einkerbungen ihm möglich wurde, die hohen Aeste zu erreichen, und dass es den rasenden Büffeln unmöglich ist, den Baum zu fällen, so weichen sie nicht früher vom Platze, als bis die aufgehende Sonne sie zwingt, ins Dickicht sich zurückzuziehen.
Nun, zu solchen Abenteuern hatte ich keine Lust, als ich auf dem Pfade die Spur einer solchen Heerde sah; ich rief Dacop und zeigte ihm die grossen Massen Mist. Er war auch kein grosser Held, und so zogen wir uns zurück, ohne diese Ungeheuer des Waldes bei ihrer Abendzeche belauscht zu haben. Das Bedauerlichste bei dieser Sache war jedoch, dass ein Mann zum Häuptling eines Bezirkes gewählt war, der nicht wusste, dass in der nächsten Nähe seines Kampongs die wilden Büffel sich befanden. Dazu kommt noch, dass es alter Mist war, der zu unsern Füssen lag.
Es ist kein dankbares Thema, den Entwicklungsgang der Medicin in Borneo resp. in Indien zu verfolgen; denn wir kommen leider zu dem traurigen Resultat, dass die Therapie, das Stiefkind der medicinischen Wissenschaft, in Indien anstatt von den Europäern in die grosse Menge der Eingeborenen zu dringen, bis jetzt den umgekehrten Weg genommen hat: Dass nämlich die Europäer um vieles mehr von den therapeutischen Maassregeln der Eingeborenen angenommen haben, als diese von den europäischen Medicamenten Gebrauch machen.
Wenn wir festhalten, dass die Bevölkerung Borneos unter vier Rubriken zu bringen ist, so müssen wir die Olo-Ott bei der Besprechung dieses Capitels ganz ausser Betracht lassen. Mir ist von ihrer medicinischen Wissenschaft gar nichts bekannt. Die eigentlichen Dajaker, oder wie sie sich selbst nennen, Olo-Ngadju, haben jedoch schon so viel von den Arzneien, Gebräuchen und Sitten ihrer malayischenNachbarn und Fürsten angenommen, dass es nicht leicht fällt, von einer Medicin der Dajaker zu sprechen.
Die religiösen Ceremonien, die Beschwörungen der Geister und Teufel sind originell, d. h. sie sind durch die malayische Umgebung nicht beeinflusst worden; aber die Massage ist die der Malayen; nur hat sie einensichtbarenErfolg; Holzsplitter, Fischgräten, Nadeln, Dornen u. s. w. wissen die Bliams beim Massiren aus dem Körper herauszureiben, kneten und zu zwicken, wahrscheinlich als sichtbarer Beweis, dass die Seele durch die Hülfe der Bliams in den Menschen zurückgekehrt sei. Radja Antuën (der Antuën König) hat ja seine Boten; diese entführen die Seele des Menschen und trachten, ihm dafür Splitter, Gräten u. s. w. in den Leib zu stechen, so dass er krank werden muss. So ein Antuë hat aber noch viele Mühe, bis es ihm gelingt, Jemand krank zu machen. Zu diesem Zwecke muss er sich selbst den eigenen Kopf abreissen. Dieser, d. h. der abgerissene Kopf, fliegt mit den daran hängenden Fleischtheilen in das Haus seines Opfers. Zu diesem Zwecke muss er sich vorher in einen Vogel, Ratte oder Maus verwandeln, um Zutritt in das Haus zu bekommen. Sobald sein Opfer in den Schlaf gefallen ist, stiehlt er ihm die Seele und steckt ihm eine Nadel, Gräte u. s. w. in das Fleisch. Der Antuën muss jedoch sorgen, dass dies Alles vor Anbruch des Tages geschehe. Denn, wenn es Licht wird, bevor der Kopf seinen Körper gefunden hat, muss er auf die kommende Nacht warten, um sich mit diesem wieder vereinigen zu können; aber unterdessen hat der Körper den Fäulnissprocess begonnen, so dass der Antuën sterben muss. Kommt jedoch der Kopf rechtzeitig zu seinem Körper zurück, dann setzt der Antuën den Kopf wieder auf den Rumpf und bekommt wieder seine menschliche Gestalt (Perelaer).
Diese Aetiologie der Krankheiten macht natürlich jede Diagnose unmöglich und die eigenthümliche Therapie der Dajaker verständlich. Ihre Massage haben sie vielleicht von den Malayen übernommen; vielleicht ist sie Original, und dass die Bliams bei dieser Operation immer ein corpus delicti finden, eine Fischgräte, Splitter u. s. w., kann vielleicht das Bestreben haben, durch Suggestion zu heilen. AufSeite 40haben wir gesehen, dass in schweren Krankheitsfällen der ganze Apparat der Beschwörung aufgeboten wird, um den Antuën zum Verlassen des Patienten zu zwingen.
Bei der Geburt eines Kindes geschieht dasselbe, und in erster Reihe wird an die Antuë Kankamiak ein schwarzes Huhn geopfert,um sie zu versöhnen und ihr zu schmeicheln, weil sie es ist, welche die Frucht der schwangeren Frau absterben und im Mutterleibe faulen lässt. Nebstdem sind viele Abortiva bekannt und wird der gebärenden Frau eine Arznei gegeben, welche den Gebärakt erleichtern soll. Vor und nach der Geburt ist die junge Frau in sehr vielen Sachen »pali«, d. h. vieles ist ihr verboten, z. B. dem Feuer sich zu nähern, Früchte zu essen u. s. w. Hält sie sich jedoch aus irgend einer Ursache nicht an die Vorschriften des »pali«, so wird sie »marujan«, d. h. sie hat die Krankheit gesucht und kann nur durch Hülfe der Bliams von der drohenden Gefahr befreit werden; so interessant auch das ganze Wochenbett der dajakschen Frau vom ethnographischen Standpunkte aus ist, so würde es mich doch zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich es ausführlich beschreiben wollte.
Aber die Taufe des Kindes will ich doch mit einigen Worten erwähnen, weil ich dieselbe gesehen habe. Wenn das Kind ein Jahr alt ist, darf es zum ersten Male im Flusse gebadet werden (vor dieser Zeit wird es im Hause nur hin und wieder mit Wasser begossen), und dieses geschieht in der Form des Mandoifestes. Zu diesem Zwecke werden 7 Blanggas mit Wasser gefüllt, das sind Töpfe von ungefähr 40 cm Höhe und weiter Oeffnung, welche durch ihr hohes Alter oft 2–4000 fl. kosten; natürlich haben die Chinesen oft versucht, Imitationen dieser Töpfe einzuführen und zu verkaufen, ohne dass ihnen dieses jemals gelungen wäre, denn jeder dieser Töpfe hat seinen Stammbaum, der durch ganz Borneo bekannt ist. So lange er nicht in tausend Scherben zerbrochen ist, weiss jeder Dajaker, wo und bei wem ein grosser Blangga sich befindet. Es ist also bis jetzt noch niemals gelungen, einen falschen Blangga einzuführen. Sie werden in weibliche und männliche, und nach ihren Figuren in zahlreiche Unterarten eingetheilt. Ich hatte Gelegenheit, einige Blanggas zu sehen, welche dieselbe Form, und zwar die eines dickbäuchigen Topfes, aber in der Nähe des Halses verschieden geformte Drachen und Schlangen in Basrelief hatten. Diesen Töpfen wird eine aussergewöhnliche Zauberkraft zugeschrieben; sie vertreiben alle Antuëns und alle bösen Geister, sie geben dem Besitzer eine gute Ernte, Glück bei dem Fischfang, auf der Jagd und — in der Liebe.
Neben diesen Töpfen werden 7 Gantangs (1 G. =1⁄10Pikol = 6·2 Kilo) gut gereinigter Reis und ein langer Rottang gelegt, welche die Verwandten des Kindes bewachen, während die Bliams die Sanggiangs anrufen und bitten, »das Wasser des Lebens« bei dem Bruder vonMahatara zu holen. (Mahatara = Mata hari = Auge des Tages.) Ist die Menge des Wassers in den Blanggas und die des Reises und die Länge des Rottangs über Nacht grösser geworden, dann haben die Sanggiangs das Lebenswasser gebracht (danom Kaharingan), und es wird in einem metallenen Becken mit dem Blute eines schwarzen Schweines gemischt und auf den Fluss gebracht. Darin wird das Kind siebenmal getaucht und im Flusswasser abgespült. In einem pittoresken Aufzug wird das Kind an das andere Ufer gebracht und zwar in einem Kahn, welchen der Vater mit 6 Männern schwimmend begleitet, während die andern Familienmitglieder und Freunde ebenfalls in Canoes folgen. Das Canoe der Bliams und Bassirs ist mit Blumen verziert. Am jenseitigen Ufer werden an Djata, den Bruder des Mahatara, Affen, Hirsch- und Entenfleisch geopfert und darauf wird die Zurückreise angetreten. Zu Hause angekommen, wird das Kind auf ein todtes Schwein gesetzt und auf seinen Kopf wird Reis gestreut, welcher von einer weissen Henne abgefressen werden muss, wenn dem Kinde eine glückliche Zukunft bescheert sein soll.
Die eigentlichen Dajaker legen, wie ich schon oben erwähnte, der Behandlung ihrer Kranken sehr viel Suggestion zu Grunde und gebieten über keinen grossen Arzneischatz, obzwar sie die Nachbarn der Malayen sind und Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Despoten seufzten. Auch von den europäischen Doctoren haben sie noch nicht vieles angenommen. Während meines 3½jährigen Aufenthaltes unter ihnen wurde ich nur zu drei internen Fällen gerufen: kam eine Frau zu mir, um mich über das starke Ausfallen ihrer Haare zu consultiren, ein Mann bat mich um Hülfe gegen seine blutige Diarrhoe, und drei Personen liessen sich von einer Hasenscharte befreien. Auch wurde mir ein Kind gebracht, welches keine Arme hatte, 27 cm lang war ohne die Unterschenkel, welche 8½ cm lang waren, alle drei Gelenke und nur die erste und fünfte Zehe hatte.
Die malayische Bevölkerung hat nicht nur ihre Sprache, sondern einen grossen Theil ihres medicinischen Glaubens den Völkern des indischen Archipels aufgedrängt; die Dajaker Borneos wie die Bataker von Sumatra, die Chinesen auf Java wie die in den Molukken, die Javanen, Sundanesen, Manduresen, sie alle haben malayische therapeutische Maassregeln in ihren Arzneischatz aufgenommen, geradeso wie die Europäer. Wie wenig ist von der europäischen medicinischen Wissenschaft bis jetzt in die grosse Menge der malayischen Völker gedrungen; das Chinin, Ricinusöl, Santonin und die Vaccination sind bisjetzt Gemeingut der höher stehenden malayischen Stämme geworden. Die Häuptlinge in Java consultiren den europäischen Arzt, wenn ihnen die heimathlichen Mediciner keine Heilung bringen; der Bauer jedoch wird höchstens in chirurgischen Fällen Hülfe bei uns suchen.
Auf welch niedriger Stufe die Medicin der Malayen steht, kann der Patient nicht ahnen, der zur Fahne der halbeuropäischen Heilkünstlerinnen schwört, oder die Kunst der Dukuns bewundert. Es ist unglaublich, wie selbst wissenschaftliche Männer durch das post hoc so schnell zum propter hoc übergehen und in die Hymne auf die Kunst der Dukuns einstimmen. Perelaer z. B. bewundert die Kunst der dajakschen Bliams, dass sie durch äussere Untersuchung der schwangeren Frau das Geschlecht des Kindes bestimmen können, und dass sie sich niemals darin geirrt hätten, und fügt hinzu: »Soweit haben es unsere Accoucheurs mit all ihrem Küchenlatein noch nicht gebracht.« — Das wäre gewiss bewunderungswerth, wenn es nur wahr wäre. Die Kunst der Dukuns wird selbst von Dr. Stratz überschätzt; sie sind nicht mehr und nicht weniger als geschickte Masseusen. So wird von ihnen auch behauptet, dass sie durch die äussere Untersuchung eine Gravidität von 14 Tagen oder einem Monat diagnosticiren könnten, und alle Aerzte beten dieser Behauptung nach; auch dies ist nicht wahr. In T.... kam Frau K. zu mir mit der Klage, die ein Arzt in Indien so oft hören muss, dass sie wieder schwanger sei, obzwar sie noch einen Säugling von einigen Monaten habe, dass ihr dieses ungelegen komme, weil sie von ihrem Einkommen keine grosse Familie ernähren könne, und dass ich ein gutes Werk thäte, sie von einem grossen Kindersegen zu befreien. Moralische Entrüstung zu äussern über ihr derartiges Verlangen und noch dazu zu einer Zeit, dass sie glaubt, schwanger zu sein, wäre zwecklos gewesen; man wird ja in Indien so häufig um Abortusmittel direct und indirect ersucht, dass ich mich in solchen Fällen nur über das Gefährliche eines solchen Ansuchens erging und höchstens ein unschuldiges Mittel angab, z. B. warme Fussbäder mit Asche, ohne die sittliche Frage zu besprechen. Diese Dame behandelte ich jedoch schon seit längerer Zeit so dass ich auch diese Seite ihrer Bitte besprechen konnte. Im weiteren Gespräche zeigte es sich, dass ihre Diagnose sehr unsicher und nur gegründet auf die Untersuchung einer Dukun war. Diese hätte ihr nebstdem ihre Medicin angeboten, um sie von der unerwünschten süssen Last zu befreien. Glücklicherweise ist Frau K. nicht darauf eingegangen; denn zwei Tage später stellten sich die Menses spontan ein; hätte diese Dame die Medicindieser Dukun eingenommen, wären nicht nur 2,50 fl., welche sie verlangt hatte, umsonst ausgegeben gewesen, sondern auch der Ruf dieser Dukun wäre gefeiert worden, dass sie nicht nur die Diagnose der Gravidität schon in den ersten Wochen stellen könne, sondern dass sie auch ein unfehlbares Mittel besitze, dulce et jucunde die Frauen vom unerwünschten Kindersegen befreien zu können. Im andern Falle jedoch wäre der Rest — Schweigen gewesen.
Dasselbe sehen wir bei jenen halbeuropäischen Frauen, welche sich mit der Behandlung der »Bauchkrankheiten« beschäftigen und selbst von Aerzten empfohlen werden. Die glücklichen Fälle werden an die grosse Glocke gehängt und die andern Fälle werden todtgeschwiegen. Selbst europäische Aerzte lassen sich von solchen Frauen behandeln, obwohl ihre Therapie auf die roheste Empirie basirt ist, und wie wir sehen werden, selbst aus der Quelle des gröbsten Aberglaubens schöpft! Im Jahre 1896 starb eine solche Matrone in Samarang und erhielt sogar ein Jahr später ein kleines Monument auf dem Friedhofe, nachdem ein Oberstabsarzt sogar ein Büchlein über ihre Therapie herausgegeben hatte!! Diese Damen haben absolut kein medicinisches Wissen; sie individualisiren gar nicht; alt oder jung, Mann oder Frau; erstes oder letztes Stadium der Erkrankung, Dysenterie oder Enteritis membranacea, primäre oder secundäre Erkrankung, Ursache oder Folge anderer Krankheiten, complicirt mit Fieber oder ohne Fieber; alles geht auf dieselbe Schablone. Die Dosirung ist auch sehr primitiv; ihre Kräuter werden »handvoll«, fingerspitzenvoll u. s. w. verabfolgt. Natürlich müssen diese Kräuter an einem bestimmten Tage und Stunde und bei gewissem Stande des Mondes u. s. w. gesammelt sein. Einige sind jedoch so »gewissenhaft«, dass sie ihre europäischen Patienten erst nach ihrem befreundeten Doctor schicken, um eine Diagnose stellen zu lassen; sie haben aber unabhängig von der Diagnose des Arztes dieselbe Behandlungsweise, welche ihnen — viel Geld einträgt.
Natürlich drängt sich die Frage auf, worauf denn ihr Erfolg basirt sei; Erfolg müssen sie ja haben, sonst müsste zuletzt ihre Unkunde deutlich zu Tage treten. Welche Therapie hat aber gar keinen Erfolg? Soll ich an jene zahlreichen Infectionskrankheiten erinnern, welche ohne jede Behandlung undtrotzjeder Behandlung der Heilung zugeführt werden, z. B. Blattern, Typhus, Scharlach u. s. w. u. s. f. Wenn nun in solchen Fällen Daun sedjuk[35]oder Mata udang (Cissus cinerea) dem Kranken gegeben werden und diese heilen, so haben wir dochkein Recht, die Therapie der Malayen zu bewundern und sie unserem Arzneischatz einzuverleiben. Eine Haematemesis in Folge eines Ulcus ventriculi heiltohnejede Medicin, wenn nur dem Magen die nöthige Ruhe gegönnt wird, die Bildung der Thrombus zu ermöglichen; noch vor wenigen Wochen stand ich vor diesem Falle, dass ein 18jähriges Mädchen grosse Mengen von Blut erbrach und ich dazu gerufen wurde; ich gab nichts als kalte Compressen auf den Magen. Die Blutung wiederholte sich nicht, und das Mädchen erfreut sich heute einer vollkommenen Gesundheit. In einem solchen Falle hätte eine Dukun von den Daun setjang (caesalpina doppan) ein Decoct gegeben, und wäre die Patientin geheilt, hätten die »inlandsche geneesmiddelen« das Aureol der Unfehlbarkeit gewiss erhalten. Hätte aber diese Patientin abermals eine Blutung bekommen, und wahrscheinlich mit ihrem Leben die Therapie der Dukun bezahlt, denn diese hätte sicher den Magen auch massirt, so hätte der Fatalismus sein tröstendes Wort gesprochen: Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben.
Die Behandlung der externen Krankheiten der Eingeborenen findet bei den Europäern nur in ganz seltenen Fällen Anwendung; die Andol-andol (von Mylabris rubripennis) oder Sasawi (sinapis alba) oder Daun gatel (Urticaria ovalifolia) haben zwar auch in der europäischen Pharmakopöa Aufnahme gefunden; auch werden bei Furunculosis und Phlegmonen häufig von halbeuropäischen Patienten Daun baba (Solanum nigrum) oder Daun bisol (Veronica cinerea) u. s. w. gebraucht; aber zu einer Operation eines Tumors, zu einer Luxation, zu einer Fractur, oder zu einer kosmetischen Operation u. s. w. wird immer von den europäischen Patienten, und häufig auch von den Eingeborenen, die Hülfe eines europäischen Arztes angerufen. Die Dukuns gehören aber unbedingt zur messerscheuen, arabischen Schule. Aber selbst auf dem Gebiete ihrer grössten Triumphe, und zwar in der Behandlung der »Bauchkrankheiten«, verdienen weder die Dukuns noch die »indischen Damen« Nachahmung oder sogar Bewunderung ihrer Kunst. Sehr oft wird als Vortheil der »inländischen« Behandlung die Regelung der Diät angegeben; ich will nicht davon sprechen, dass sie schablonenhaft bei jeder Bauchkrankheit, d. h. bei jeder Darmerkrankung, dieselbe ist; aber sie wird in den meisten Fällen nicht gehalten und kann nicht gehalten werden, weil der europäische Gaumen eben ein anderer ist als der eines Kuli; und dann hat die »Dame« ihren berechtigten (?) Vorwurf bei der Hand, dass der Patient trotz Monate langer Behandlung nicht gesund werden konnte, weil er sich nicht an ihre Vorschrift der Diät gehalten habe. Ich war im Jahre 189..zum Mittagmahl beim Sanitätschef in Batavia eingeladen, welcher an Spruw (Aphthae tropicae) litt. Auch er stand unter Behandlung einer solchen »indischen Dame«. Zum Getränk hatte er auf dem Tisch Reiswasser und zur Nahrung seit Wochen und Monaten Nassi tim, d. h. in Reis ohne Gewürze und ohne Fett gekochtes und eingedampftes Huhn und Deng-deng, d. h. getrocknetes Fleisch. Wer kann eine solche Nahrung für die Dauer aushalten!? Die Patienten sündigen also immer, und auch mein Gastherr pries die Zweckmässigkeit der »indischen« Diät und versicherte mir, dass er gewiss schon längst geheilt wäre; »aber das Fleisch ist schwach,« fügte er lächelnd hinzu. Leider hat die Diätregelung des Dr. Gelpke ihren Weg nach Indien nicht gefunden; sie hat nämlich Rechnung getragen mit den verwöhnten Gaumen der Europäer und war ebenso viel, wenn nicht mehr zweckmässig, als die der »indischen Damen«, und brachte genug Abwechslung in das Menu der Patienten. Die medicamentöse Behandlung dieser Damen ist dieselbe als die der Dukuns.
Jahrzehnte, oft noch mehr als ein Lebensalter dauert es, bis in Europa eine neue medicinische Schule in die grosse Menge gedrungen ist, und ebenso lange dauert es, bis sie wieder der neuesten gewichen ist. (Noch im Jahre 1875 ersuchte mich in Wien eine Dame um die Venaesection, welche sie jährlich im Frühling zur Reinigung ihres Blutes vornehmen liess.) Aber die Dukuns haben gar keine »Schule« angenommen. Durch Tradition lernen sie die Medicamente in kalte und warme eintheilen; bis auf einige (den Aerzten abgelauschte) ausgesprochene Krankheitsbilder, wie Cholera und Blattern, kennen sie keine Diagnostik und sprechen von kranker Kehle (Diphtheritis), von krankem Bauche (alle Krankheiten der Verdauungsorgane), oder von einzelnen Symptomen, wie sakit Kentjing bei Nieren- und Blasenkrankheiten, und wenden jene Medicinen an, welche bei Tradition für die symptomatische Behandlung bekannt sind. Ich würde nicht so viele Worte über diese Frauen verlieren, wenn nicht so viele hunderte und tausende arme Patienten in ihrem blinden Glauben an diese Heilkünstlerinnen Wochen und Monate lang sich mit ihrem Leiden herumschleppen würden, anstatt durch eine radicale Behandlung von ihren schmerzvollen Leiden befreien zu lassen.
Zum Theil sind die europäischen Aerzte durch ihre Denkfaulheit an diesen traurigen Verhältnissen schuld. Wenn ein hoher Militärarzt das oben erwähnte Tractätlein der verewigten Heilkünstlerin von Samarang (vielleicht war er der Verfasser desselben) einem gewesenen klinischen Assistenten (von Prof. T. in Utrecht) nicht nur zur Lectüreempfahl, sondern auch deren Befolgung mit dem ganzen Hochdruck seiner militärischen Stellung erzwingen wollte, wenn ein anderer Arzt die Behandlung »der indischen Damen« höher schätzt als die seiner Collegen, weil sie die »indischen« Medicinen für die »indischen« Krankheiten kennen, was der europäische Arzt unmöglich thun könne, oder wenn ein Anderer gegenüber seinen »indischen« Patienten aus schlecht angebrachter Höflichkeit der geäusserten Hymne nicht widerspricht oder theilweise »für gewisse Krankheiten« anerkennt, oder wenn ein Dritter sogar Compagnon der indischen Heilkünstlerin wird und, wie schon erwähnt, die Diagnosen zwar stellt, die Behandlung der Krankheit an die »Indische« überlässt; dann darf es Niemanden Wunder nehmen, dass der ärztliche Stand in Indien auch viel an dem Wuchern dieses Unkrautes Schuld hat. Horsfield sagt schon 1816 in seinem Resumé (Short account) der indischen Arzneimittel: Man kann von der Praxis der Inländer wenig lernen; sie gebrauchen die Medicin nur empirisch, ohne auf die Menge zu achten; ihr Mangel an medicinischer Wissenschaft macht sie ungeschickt, um die Wirkung einer Arznei auf den menschlichen Körper zu beurtheilen ... (Dr. van der Burg). Und nach 80 Jahren, nachdem wir einen bessern Einblick in das Wesen der Krankheit bekommen haben, nachdem selbst die Therapie zu den Wissenschaften gerechnet werden darf, giebt es noch Aerzte, welche eine Dukun stimmberechtigt unter den Therapeuten erklären!!!
Die Regierung jedoch hat eine viel grössere Schätzung der europäischen Doctoren an den Tag gelegt, indem sie eine Schule für javanische Aerzte errichtete, welche die Fortschritte der europäischen medicinischen Wissenschaft in die grosse Menge des indischen Archipels einführen sollen. Vor ungefähr 50 Jahren wurde in Batavia ein Seminarium für die Söhne von Häuptlingen errichtet, welche nach Absolvirung der Volksschule sich dem Studium der Medicin widmen wollten. Ich hatte Gelegenheit, solche »Doctor Djawas« aus der damaligen Schule kennen zu lernen, welche nur theilweise den Erwartungen der Regierung entsprechen konnten, den Segen einer medicinischen Wissenschaft auch den Eingeborenen zu Theil werden zu lassen. Die Unterrichtssprache war damals nämlich die malayische. Die »Professoren« dieser Anstalt konnten jedoch kaum eine gut malayisch geschriebene Zeile lesen oder schreiben, sondern sprachen nur das gewöhnliche Casernenmalayisch. Anderseits ist die malayische Sprache durch ihre Armuth gar nicht geschickt, als Unterrichtssprache einer höheren Wissenschaft zu dienen. Es geschah daher das Unvermeidliche,dass diese Doctoren-Djawa aus damaliger Zeit niemals eine medicinische Idee erfasst, verstanden oder aufgenommen haben und einfache Receptschreiber waren, und in chirurgischen Fällen etwas mehr leisten konnten, als ein Krankenwärter. Seitdem jedoch die Unterrichtssprache holländisch geworden ist, kommt ein ganz brauchbarer Schlag von javanischen Aerzten in die Praxis. Es lässt sich darüber streiten, wie viel von der medicinischen Wissenschaft diesen Aerzten geboten werden soll, und ob das »zu viel« vielleicht mehr schaden könnte als das zu wenig.
Ich sass 188.. bei einer mikroskopischen Arbeit, und der Doctor Djawa folgte ihr mit Interesse. Endlich frug ich ihn, ob er auch wisse, was ich unter dem Mikroskop suche. Jawohl, Mynheer, antwortete er, Teichmannische Hämin-Krystalle. So sehr mich diese Antwort anfangs überraschte, so sehr fand ich sie später in Uebereinstimmung mit seinem übrigen medicinischen Wissen.
Wenn es nur der Regierung, oder vielmehr den Lehrern dieser Schule auch gelänge, diesen jungen Menschen auch Pflichtgefühl einzuprägen oder Begeisterung für die Wissenschaft, oder aber für das heilige Ziel dieser Wissenschaft, für die Idee, der leidenden Menschheitzu helfen! Derselbe »Doctor Djawa« wurde von mir betraut mit der Behandlung der kranken Prostituées. Die neu zugewachsenen Personen untersuchte ich mit ihm, besprach mit ihm die Behandlung und überliess ihm dann das Weitere. Unerwartet kam ich eines Tages in das Spital, und mein Assistent sass im Bureau, seine Cigarette zu rauchen, und überliess die Behandlung der Patienten der Krankenwärterin. Im Jahre 1881 war eine verheerende Fieberepidemie im Süden des westlichen Java. Als ich dahin von der Regierung geschickt wurde und Kampong für Kampong besuchte, fand ich bei den Häuptlingen Flaschen mit verschimmelten Chininpillen, welche sie beim Doctor Djawa des Bezirkes geholt hatten, der aber seinen Kampong niemals verliess. Wie gesagt also, es fehlt ihnen der nöthige Ernst und das Pflichtgefühl, so dass sie bis auf wenige Ausnahmen nicht mit einer selbständigen Stellung betraut werden und nur unter Aufsicht und Controle ihre Arbeit verrichten können. Die Doctor Djawa müssen also die Vermittler sein zwischen der europäischen medicinischen Wissenschaft und dem abergläubischen unwissenschaftlichen und oft betrügerischen Treiben der Dukuns.
In früheren Zeiten bestand auch eine Hebammenschule, welche jedoch schon nach kurzem Bestand aufgehoben wurde.