Vorwort.

Vorwort.

E. Ch.Barchewitzrechtfertigt in der Vorrede seiner „Ost-Indianischen Reise-Beschreibung“ („Erfurt, verlegts Joh. David Jungnicol 1751“) die Herausgabe seines Buches mit folgenden Worten:

... „Ich könnte aber viele Ursachen anführen, welche mich hierzu bewogen, wenn ich die engen Grenzen meiner kurzen Vorrede überschreiten wollte; gleichwohl habe ich die vornehmste nicht verschweigen sollen. Die erste ist, dass wir unterscheiden vornehme und gute Freunde, denen ich dann und wann in Conversation von meiner Reise Eines und das Andere erzählet, mir angelegen, das, was ich erfahren, nicht vor mich allein zu behalten, sondern dem Publico zu communiciren ...“

... „Ich könnte aber viele Ursachen anführen, welche mich hierzu bewogen, wenn ich die engen Grenzen meiner kurzen Vorrede überschreiten wollte; gleichwohl habe ich die vornehmste nicht verschweigen sollen. Die erste ist, dass wir unterscheiden vornehme und gute Freunde, denen ich dann und wann in Conversation von meiner Reise Eines und das Andere erzählet, mir angelegen, das, was ich erfahren, nicht vor mich allein zu behalten, sondern dem Publico zu communiciren ...“

Auch mir erging es so. Wenn ich einen Vortrag hielt über dieses oder jenes Thema, wie z. B. im Jahre 1885 über Borneo oder im Jahre 1898 über die Hygiene in den Tropen; wenn ich in einem kleinen Kreise in groben Zügen eine oder die andere den Tropen eigene Krankheitsform beschrieb, oder wenn ich diesen oder jenen Theil des täglichen Lebens im Lande des ewigen Sommers meinen Freunden entrollte, immer wurde ich dazu gedrängt, in irgend einer Weise meine Erlebnisse einem grösseren Publicum zugänglich zu machen. Wenn ich also dieser Aufforderung Folge leiste, so beabsichtige ich kein grosses gelehrtes Buch zu schreiben oder wie Barchewitz in seiner Vorrede sagt:

„An dem in diesen Bogen gebrauchten Stylo muss sich der geliebte Leser keineswegs ärgern, dass er nicht hochtrabend, sondern in einem ganz einfältigen und gemeinen deutschen Kleide aufziehet. Denn, gleichwie es einem Bürger oder Landmanne übel würde ausgelegt werden, wenn er in einem güldenen Stück einhergetreten kommen würde; so würde es auch mir fast billig verarget werden, wenn ich wider mein Naturell und Lebensart in Beschreibung der Geschichten meines Lebens, den galanten Schlesiers oder Sachsen ihre Wohlredenheit abborgen und in selbige meine Historie verstecken wolle.“

„An dem in diesen Bogen gebrauchten Stylo muss sich der geliebte Leser keineswegs ärgern, dass er nicht hochtrabend, sondern in einem ganz einfältigen und gemeinen deutschen Kleide aufziehet. Denn, gleichwie es einem Bürger oder Landmanne übel würde ausgelegt werden, wenn er in einem güldenen Stück einhergetreten kommen würde; so würde es auch mir fast billig verarget werden, wenn ich wider mein Naturell und Lebensart in Beschreibung der Geschichten meines Lebens, den galanten Schlesiers oder Sachsen ihre Wohlredenheit abborgen und in selbige meine Historie verstecken wolle.“

Ich will nur erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt habe als Arzt und als Mensch, und ich will, wo es sein muss, flüchtig den Kothurn der Wissenschaft besteigen; denn ich schreibe für Aerzte und für Laien.[1]Europa sprengt seine Fesseln und breitet seine Arme nach dem fernen Westen und Osten der Welt aus. Zahlreiche Aerzte gehen nach dem Congo, zu den Tabakpflanzern auf Sumatra u. s. w., um dort ihr Glück zu suchen. Sie finden dort andere Menschen, andere Sitten und Gebräuche, ein ander Klima, eine ganz andere Volksnahrung, sie finden Manches, von dem sie früher nichts gehört und nichts gelesen haben. Als ich vor 22 Jahren an der Westküste Sumatra’s in Padang zum ersten Male indischen Boden betrat, bot mir ein Hausirer eine Ananas zum Kauf an. Ich nahm sie auf das Schiff mit, ein Schiffsgenosse liess sie für mich schälen, während er mir ihren Saftreichthum und ihr Aroma in überschwänglichen Worten pries, und schon wollte ich einen Bissen zum Munde führen, als ein alter College, der von seiner Urlaubsreise zurückgekehrt war, mir warnend zurief: „Des Morgens (= Vormittagsstunden) darf man keine Ananas essen, sonst bekommt man die Cholera.“ Kurze Zeit darnach sass ich mit einem Obristlieutenant in der Veranda seines Hauses; wir philosophirten, wie er es nannte, und er behauptete, was ich späterhin noch vielfach zu hören bekam, dass Gott jedem Lande seine Krankheiten, aber auch die Arzneien für diese Krankheiten gegeben habe, und dass daher für die Behandlung der „indischen“ Krankheiten der europäische Arzt nicht die geeignete Person sei, sondern jene Damen, welche in der Behandlung der „indischen“ Krankheiten (Dysenterie, Aphthae tropicae u. s. w.) grossartige Erfolge hätten, weil sie sich nur der Arzneien des Landes bedienten, und dass selbst der Sanitätschef sichbei ihnen Raths erhole u. s. w. Wie rath- und hilflos stand ich gegenüber diesen — Phrasen! Nun Dieses und Solches mehr werde ich in diesem Buche mittheilen, ich werde erzählen, wie ich solche Fragen damals beantwortete, oder wie ich sie heute beantworten würde; ich werde damit kein Lehrbuch schreiben für den Arzt, der zum ersten Male das Land der Tropen betritt, sondern ihn nur aufmerksam machen auf die neuen Verhältnisse, denen er entgegentritt, und ihm auf diese Weise die Gelegenheit geben, zu manchen Fragen Stellung zu nehmen und über manche Fragen nachzudenken, welche ihm aus Unkenntniss der Verhältnisse, um mich eines banalen Ausdrucks zu bedienen, nicht einmal im Traume einfallen.

Der Laie wird mit mir eine Reise in das Land machen, welches sich „wie ein Gürtel aus Smaragd um den Gleicher schlingt“ (Multatuli); ich werde ihn in die Hütte des Kopfjägers begleiten, welcher im Herzen Borneos in grossen Hütten aus Bambus sein leichtsinniges Leben führt; ich werde ihm das Leben und Lieben der javanischen Frau in kurzer Skizze zeichnen; ich werde ihm die Feste der Palembanger (Sumatra) beschreiben u. s. w.; dann werde ich ihn in das Familienleben der europäischen und halbeuropäischen Bewohner dieser Inseln blicken lassen, und ich werde ihm einärztlicher Führersein, wenn er als Tourist die Tiger des südlichen Java oder die Orang-Utangs Borneos fangen oder erlegen will, oder wenn er die „Tausend Tempel“ Javas zu bewundern beabsichtigt, oder für die Producte der heimathlichen Industrie im fernen Osten ein Absatzgebiet aufsuchen will.

Schon manches Werk wurde in diesem Genre geschrieben, aber nicht, so weit mir wenigstens bekannt ist, in deutscher Sprache. In Holland erschien jedoch vor 16 Jahren ein solches Buch unter dem Namen „De geneesheer (Arzt) in Nederlandsche Indië“ von Dr. C. L. van der Burg, welches mir so manche vergnügte Stunde bereitet, und aus welchem ich Vieles gelernt habe, obzwar ich damals schon 6 Jahre in den Tropen gelebt hatte. Dieses ist ein systematisch geschriebenes Buch, welches scharf abgegrenzte Theile der Tropenhygiene und der Ethnographie behandelt.

Ich habe mir ein weiteres Ziel gesetzt und auch eine andere Form dafür gewählt.

In 3 Theilen[2], genannt nach den 3 Inseln Borneo, Java und Sumatra, auf welchen ich viele Jahre gelebt habe, werden meine Erlebnisse und meine Beobachtungen, wie sie in meinen alten Reisebriefen auf einander folgen, mitgetheilt werden,nachdemdie Schlacke derersten oberflächlichenEindrücke durch die Kritik der Beobachtungvieler Jahrebeseitigt werden konnte.

Wenn diese 3 Bücher auch nach dem fernen „heiligen Java“ und Borneo den Weg finden, dann rufe ich ihnen wehmüthig die Worte des römischen Dichters nach:

Heu mihi quod dominonon licet ire tuo.

Heu mihi quod dominonon licet ire tuo.

Heu mihi quod dominonon licet ire tuo.

Heu mihi quod domino

non licet ire tuo.

Karlsbad, im April 1899.Dr. H. Breitenstein.


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