1. Capitel.

1. Capitel.

Meine erste Seereise — Meeresleuchten — Seekrankheit — Amor auf dem Schiffe — Gepäcktag — Serenade auf dem Schiffe — Deckpassagiere — Die „tausend Inseln“ — Ankunft im alten Batavia — „Mutter“ Spandermann — Indische Hôtels.

Am 27. September 1876 schiffte ich mich als Oberarzt der holländisch-indischen Armee in Rotterdam ein. Gegenüber dem Yachtclub, in welchem sich heute das kleine, aber interessante coloniale Museum befindet, lag die »Friesland«,[1]welche mir, der echten Landratte, die vorher noch niemals das Meer gesehen hatte, durch ihre Grösse und als »Ostindienfahrer« gewaltig imponirte. Vor der Abfahrt wollte ein betrunkener Matrose nicht zu Schiff; als aber die Dampfpfeife ihren schrillen Ton pfiff, eilte er auf die Brücke, welche den Dampfer mit dem Lande verband. Aus hundert Kehlen der an Bord befindlichen Soldaten drang ein lautes Hurrah in die Lüfte, das letzte Tau fiel, und mit ihm fielen alle Hoffnungen, welche mich bis nun an Europa geknüpft hatten.

Eine gemischtere Gesellschaft als diejenige auf einem grossen Dampfer findet man am Continent gewiss selten oder niemals beisammen. Ein Oberlieutenant mit seiner jungen Frau (einer Berlinerin), 2 Ungarn, 1 Oesterreicher, 10 echte und ebensoviel unechte Malayinnen, Holländer, Franzosen, Engländer, 100 Soldaten aus aller Herren Ländern, ein Mädchen mit chinesischem Typus, ein hoher Beamter, dessen Frau eine echte Dajakerin (aus Borneo) war, waren die einzelnen Steine des kaleidoskopischen, ethnographischen Bildes auf der »Friesland«; und als ich mich den andern Tag an einen der Officiere mit derBitte um eine Ordonnanz wandte, frug er mich: »Was wollen Sie? Einen Holländer, Franzosen, Italiener, Deutschen, Türken, Afrikaner oder Aegypter?«

Um 9½ Uhr Abends verliessen wir die Mündung der Maas und kamen in die Nordsee; das Schiff schaukelte so, dass wir mit ausgespreizten Füssen stehen mussten, und beim Gehen schwankte ich wie ein Trunkener; die Stösse des Schiffes fühlte ich manchmal wie einen directen Stoss auf den Magen, und das Schreckbild der Seekrankheit stand, vorläufig nur in der Phantasie, in seiner ganzen Grösse vor mir; ich flüchtete in die Cajüte und warf mich in die Arme Morpheus, um am andern Morgen frisch und munter aufzustehen und mit gesundem Appetit das Frühstück, bestehend aus Eiern, Fleisch, Butterbrot und Kaffee, zu mir zu nehmen. Zum ersten Mal sah ich das Meeresleuchten, jenen hellblauen, glänzenden Krystall, der, umsäumt von einem klaren, silbernen und kreideweissen Saume, in einer Länge von vielleicht 2000–3000 Metern dem Hintertheile des Schiffes sich anschloss.

Bald erhob sich jedoch ein Wind, graue Wolken zogen immer schneller und schneller vom Horizont zum Zenith, geschäftig eilten die Matrosen auf dem Deck hin und her; im Raume brachten die Kellner alles Zerbrechliche in Sicherheit. Das Schiff »rollte« von rechts nach links, dann »stampfte« es wiederum, indem das Vordertheil von einer Welle erhoben und dann wieder in die Tiefe des Wellenthals gezogen wurde; dann stampfte und rollte es wieder zu gleicher Zeit, und schwankend vom Steuer zum Backbord erhob es seinen Kopf über den nächsten Wellenberg, um sich im nächsten Moment, getrieben vom Sturm und Dampf, in das Wellenthal zu stürzen. Ich selbst sass mit den übrigen Reisegefährten im Speisesalon und hörte theilnahmslos das Gespräch über das Entstehen der Seekrankheit an: dass dies Schaukeln eine Blutleere im Gehirn erzeuge, wodurch das Erbrechen entstehe; dass, wie ein Anderer behauptete, das Zerren des Magens durch die darin befindlichen rollenden Speisereste die Nerven reize und dadurch im Gehirn Kleinmuth und trostlose Stimmung erzeuge, und es daher unrichtig sei, den Magen gefüllt zu erhalten, und viel besser, ihn durch ein Gläschen Cognac zu beruhigen; ein Dritter wiederum verwarf den Alcohol, weil er die Nerven noch mehr reize, als es ohnehin schon durch das Stampfen und Rollen des Schiffes geschehe; ein Vierter rieth mir, bei den ersten Erscheinungen der Seekrankheit zu Bett zu gehen und das Kopfpolster wegzuwerfen, weil bei der horizontalen Lage das Blut in reichlichem Maasse dasGehirn durchströmen und die Anämie (Blutarmuth) beseitigen könne. Meine Theilnahmslosigkeit steigerte sich während und nach diesem Gespräche noch mehr; »Sie werden ja fürchterlich blass!« rief mir die Berlinerin zu; zugleich fühlte ich einen kalten Schweiss auf der Stirn, der Magen zog sich krampfhaft zusammen; — der Schnitt eines Messers konnte nicht schmerzhafter sein —, ich eilte zur Thür und brachte dem Neptun mein erstes Opfer; ich stieg hinauf aufs Zwischendeck, setzte mich in der Nähe der Maschine auf einen Stuhl und starrte willenlos über den Bord des Schiffes in die graue, schwarze, schäumende See und fluchte dem Schicksal, welches mich unter fremde Menschen in die weite fremde Welt warf, die theilnahmslos mit dem Fremdling den Kampf ums Dasein theilt, da tönte es plötzlich wie himmlische Musik aus dem Munde der Berlinerin zu meinen Ohren: »Bitte, nehmen Sie doch ein Glas Wasser.« Keine barmherzige Schwester hat jemals einen innigeren Dank erhalten, als diese junge Frau, welche mit dem Glas Wasser in der Hand das erste herzliche und theilnahmsvolle Wort in dieser kleinmüthigen und gedrückten Stimmung zu mir sprach. Als ich in den Salon zurückkam, stürmten die Rathschläge der erfahrenen Reisenden in Unzahl auf mich ein: der Eine rieth mir ein Stück Zwieback in Brandy, der Andere in Cognac getaucht zu nehmen, der Dritte empfahl mir ein Gläschen Advocaat (d. i. Brandy, Eier und Zucker), ein Anderer bot mir ein Gläschen Portwein an u. s. w. Der Wille aller dieser hilfsbereiten Menschen war gut; aber mit dem ersten Opfer stellte sich Neptunus nicht zufrieden, und jede Wiederholung war um so schmerzhafter, je leerer der Magen war, so dass ich unwillkürlich, und ohne den wohlgemeinten Rath meiner Reisegenossen abzuwarten, Speisen zu mir nahm, um diesen Theil der Seekrankheit weniger schmerzhaft zu machen.

Ich hatte zwar genug Leidensgenossen, aber ich dachte nicht einmal daran, Beobachtungen an ihnen zu machen, z. B. über den Zustand des Herzens, des Pulses, der Athmung, des Urinirens u. s. w., denn ich war zu krank, zu indolent, zu gleichgiltig und zu apathisch, um für irgend etwas Interesse zu haben. Frauen, Männer, Knaben und Mädchen — nur nicht Säuglinge, sind zeitweilig das Opfer der Seekrankheit. Weil Säuglinge davon befreit sind und Erwachsene auch bei intensivem Schaukeln dieselben Krankheitserscheinungen zeigen, kann die Seekrankheit mit mehr oder weniger Recht unter die acuten Psychosen, wie der Schwindel oder Rausch, gerechnet werden, und zwar als »Folge von mangelndem Orientirungsvermögen im Raume« (Eichhorst).Dieses würde auch die Thatsache erklären, dass selbst vom Wetter und Sturm abgehärtete Seeleute hin und wieder seekrank werden und andrerseits zarte Frauen davon verschont bleiben.

Die Berlinerin, meine barmherzige Schwester, blieb während des Sturmes, den wir damals hatten, von der Seekrankheit verschont, und während der ganzen Reise, die damals 42 Tage dauerte, war sie keinen einzigen Tag unwohl, und wie sie mir nach Jahren später erzählte, hatte sie vielleicht zehn grosse oder kleine Seereisen gemacht, ohne auch nur einen einzigen Augenblick von diesem unheimlichen Gaste heimgesucht zu werden. Andrerseits habe ich Damen gekannt, welche in der Furcht, seekrank zu werden, beim Anfang der Seereise sich niederlegten und die ganze Reise hindurch das Bett nicht verliessen. Aber auch dieses blieb ohne Erfolg; bei ruhiger See erfreuten sie sich einer ziemlichen Gesundheit, um jedoch bei einigermaassen hohem Wellenschlag um so mehr dem tückischen Neptunus opfern zu müssen.

Das Abhärtungssystem hat die besten Erfolge; mit jeder weiteren Seefahrt war ich weniger diesen Unbilden ausgesetzt, und auf meiner letzten Seereise schmeckte mir (bis auf einen einzigen Tag) immer die Cigarre. Jede medicamentöse Behandlung dieser Krankheit hat mich bis jetzt im Stich gelassen. Morphium, Cocain, Antipyrin und Phenacetin sind ebenso unwirksam als Chloral u. s. w. Die von dieser Krankheit Heimgesuchten befinden sich am besten in der Mitte des Schiffes, und zwar womöglich zu Bett. Zur Erleichterung des Vomirens müssen sie die Appetitlosigkeit überwinden und etwas zu sich nehmen, und wäre es nur ein Stückchen Biscuit, eine Limonade oder ein Gläschen Advocaat. Das einzige wirksame Mittel bleibt — das feste Land. Gegenwärtig wird diesem Factor Rechnung getragen. Während auf meiner ersten Seereise, von Rotterdam bis Port Said, das Schiff in keinem Hafen landete, und wir von Aden bis Padang (Sumatra) nichts als Himmel und Wasser sahen, ist die jetzige Reise auch diesbezüglich viel günstiger. Der atlantische Ocean wird nur ausnahmsweise zur Reise von und nach Holland benutzt; man schifft sich in Genua oder Marseille ein oder verlässt in einer dieser Hafenstädte das Schiff. Auf meiner letzten Reise von Samarang (Java) nach Europa benutzte ich einen Dampfer der Messageries maritimes und machte in Batavia, Singapore, Colombo, Djibuti, Port Said und Marseille Halt, so dass wir niemals länger als 6 Tage ununterbrochen auf dem Schiffe blieben, und jedes Mal beim Landen in einem Hafen die unglücklichen seekranken Schiffsgenossen Zeit hatten, sich vollkommen von ihren Leiden zuerholen. Leider giebt es einzelne Fälle, in welchen nicht einmal diese radicale Cur einen Erfolg hat. Im Jahre 1883 fuhr ich öfters mit einer kleinen Dampfbarcasse längs der Ostküste Sumatras, und sehr oft geschah es, dass ich noch auf dem Lande schwindlig war und es Stunden lang blieb; dies ist jedoch eine Ausnahme. Die Regel ist, dass beim Einlaufen in den Hafen die Seekrankheit ein Ende nimmt, und dass ein kurzer Aufenthalt auf dem Lande hinreichend ist, dem Seekranken vollkommene Euphorie (Wohlbefinden) zu bringen.

Den 29. September erreichten wir Southampton und fuhren sofort nach London, um am 30. Abends um 9 Uhr uns wieder einzuschiffen. Es war das erste Mal, dass ich dieses moderne Babylon gesehen habe; der Aufenthalt dauerte nur 1½ Tag, so dass ich nur einen oberflächlichen und zugleich ungünstigen Eindruck von diesem Labyrinth von Strassen erhielt.

Der Morgen des 1. October war heiter und hell; ich befand mich wohl, ich wagte es sogar, eine Cigarre anzuzünden; doch schon um 8 Uhr umwölkte sich der Himmel, ein starker Wind schaukelte das Schiff; im Schiffsraum war die Luft drückend schwül, und so setzte ich mich mit meinem gut geschlossenen Winterrock im Zwischendeck in der Nähe der Maschine nieder und ergab mich wieder dem ganzen Trübsinn, die Heimath verlassen zu haben, um einer ungewissen, unruhigen und gefahrdrohenden Zukunft entgegenzugehen. Wenn auch der Rücken durch die Nähe des Dampfkessels erwärmt ward, so fröstelte es mich doch, und ängstlich prüfte ich meinen Puls, ob er die Nähe des Fiebers, des Typhus oder ähnlicher Unbilden schon verrathe. So ging es bis zum 4. October, als in der Nähe Oportos Jupiter pluvius uns verliess und heller Sonnenschein alle Passagiere auf das Oberdeck rief, welches mit einem Zelte uns vor Sonnenschein und vor Regen hinreichenden Schutz gewährte. An diesem Tage war es das erste Mal, dass ich in vollen Zügen den Reiz einer Seereise genoss. Während ich früher mich vergebens bemühte, die ganze Zeit des Diners und Soupers am Tisch zu bleiben und in der Regel schon nach dem zweiten Gange hinauf aufs Deck eilen musste, um nicht in dem Speisesalon die stürmischen und schmerzhaften Bewegungen meines Magens zu demonstriren, konnte ich mich an diesem Tage ungehindert dem vollen Genuss der Tafelfreuden hingeben; dem bunten Leben und Treiben einer Schiffsgesellschaft konnte ich mich ungestört widmen und mit voller Brust in den Chor der Officiere einstimmen, welche mit Vorliebe deutsche Studentenlieder sangen. Auch Amor, der kleine Schalk, schlüpfte hinund wieder zwischen die jungen Damen und Herren, ohne dass es ihm jedoch gelungen wäre, ein festes und dauerndes Band zwischen zwei jungen Leuten zu knüpfen. Er hatte zwar tüchtige Bundesgenossen, einige junge Frauen, welche bekanntlich die eifrigsten Ehevermittler sind; aber diesmal, d. h. auf dieser Seereise, hatte Amor nicht einen einzigen Erfolg aufzuweisen. Es war z. B. auf dem Schiffe das Fräulein X., welches zu ihrem Schwager, einem bekannten Arzte auf Java, reiste. Bald hatten die jungen Frauen herausgefunden, dass ich sobald als möglich heiraten müsste, weil ein lediger Arzt in Indien niemals eine Privatpraxis erlangen könne, und weil das Leben eines unverheirateten Mannes in Indien »ein Hundeleben« sei und Fräulein X. alle Tugenden in sich vereinige, welche jemals ein weibliches Geschöpf gehabt habe u. s. w. Damit begnügten sich jedoch diese eifrigen Heiratsvermittler nicht. So viel als möglich musste ich dieser jungen Dame Gesellschaft leisten, und als auch dadurch mein Herz verschlossen blieb und die Eiskruste nicht aufthauen wollte, erzählten sie mir, welche Bewunderung diese junge Dame meinem Stande, meinem Geiste und allem bot, was mir gehörte. Ich will nur noch kurz mittheilen, dass auf der Rhede von Batavia alle Passagiere sich gegenseitig Glück wünschten, die grosse Seereise glücklich überstanden zu haben, und dass mir bei dieser Gelegenheit Fräulein X. mit spottendem Tone eine glückliche Zukunft als alter Junggeselle wünschte.

Am 5. October passirten wir Cap St. Vincent; spanischer Himmel wölbte sich über uns, die Sonne sandte heisse Strahlen auf uns, das Meer war glatt, und ruhig glitt der Dampfer über dessen sanfte Wellen. Zu unserer Linken ragen hohe Felsen bis in die Wolken und eine grosse Festung zwischen den Bäumen hervor. In demselben Augenblicke gehen auf unserm Schiff einzelne Flaggen in die Höhe, ein Wachthaus am Ufer antwortet in gleicher Weise, und eine halbe Stunde später weiss der Rotterdamer Lloyd, dass sein Dampfer »Friesland« Cap St. Vincent glücklich passirt habe und »alles wohl an Bord« sei.

Hier hatten wir den ersten Bagagetag, d. h. zum ersten Male durften wir im Schiffsraume nach unseren Koffern sehen, um etwa nothwendig gewordene Ergänzung unserer Wäsche vornehmen zu können; die französische Schifffahrtsgesellschaft ist in dieser Hinsicht freigebiger; ein Theil des Schiffsraumes war für das grosse Gepäck der Reisenden reservirt, und jeden Tag konnte man zu seinen Koffern gelangen; diese waren nämlich auf Schragen schön geordnet, und immerwährend stand ein Matrose bereit, unsere Koffer aus der Unzahl derübrigen herauszusuchen; auf den holländischen Dampfern kann dieses nur jede Woche einmal geschehen. Als ich zum ersten Male meine Koffer revidirte, erschrak ich über die Verheerung, welche das Seewasser angerichtet hatte. Beim Reinigen des Schiffes war das Seewasser in diese Räume und in die Koffer gedrungen; eine Dame weinte und schluchzte, als sie sah, dass in den Seidenkleidern, welche in einem grossen Korbe sich befanden, das Wasser grosse schmutzig-gelbe Flecke zurückgelassen hatte; späterhin, d. h. bei meiner späteren Seereise, waren die Koffer, welche Bücher, Kleider und Instrumente enthielten, mit Zinkblech inwendig bekleidet und nur die Wäsche blieb unbeschützt; der Koffer wird ja durch solche Bekleidung zu schwer und erfordert bei den Fahrten auf der Eisenbahn oder beim Transport durch Kuli zu hohe Fracht.

Der Mond schuf an diesem Tage auf den Wogen des Meeres so herrliche Krystalle, so silberglänzende Streifen zogen hinter dem Schiffe zum fernen Horizont, dass ich stillvergnügt in die plätschernden Wellen und träumend nach dem bestirnten Himmel blickte. Da erklangen heimathliche Klänge aus kräftigen Kehlen zu meinen Ohren: »Zu Mantua in Banden der treue Hofer war«; ich entriss mich dem Zauber der Nymphen, welche mir aus der Tiefe des Meeres so manches süsse Wort des Trostes und der Hoffnung zugeflüstert hatten — die Seekrankheit war ja vorüber — und ich eilte auf das Vorderdeck. Da waren deutsche und holländische Soldaten, welche deutsche Volkslieder sangen, während abwechselnd ihre französischen und belgischen Kameraden ihr »Adieu ma belle France« mit ihrem »Allons, enfants de la patrie« dem Zephyrwinde anvertrauten, welcher sie der Heimath bringen und dort berichten sollte, dass sie auch in weiter Ferne treue Söhne ihres Vaterlandes bleiben würden. Wie viele von ihnen weilen heute noch unter den Lebenden? Wie viele von meinen Reisegenossen der 1. Klasse schlummern schon unter den Palmen ihren ewigen Schlaf, und wie wenigen war das Schicksal ebenso günstig als mir, ebenso hold als mir, nach 23 Jahren jenen eine Thräne der Erinnerung weihen zu können?

Unterdessen erhob sich am westlichen Horizont ein Wolke und stieg immer höher und höher, bis sie als ein dichter Schleier den Mond verhüllte und das silberweisse Glänzen und Leuchten des »Saugwassers« erlöschen und in das dunkelblau (coeruleus) der anderen Wellen übergehen liess.

Der Gesang der Soldaten verstummte, ein lauter Applaus der Umstehenden belohnte sie für diese Serenade auf hoher See, und wir stiegen hinab in das Zwischendeck, um unsere Cajüten aufzusuchen.

Bei den Reisen mit Segelschiffen galt es als eine Empfehlung für den Segler, eine »milchgebende Kuh und einen diplomirten Doctor« an Bord zu haben, und der holländische Volkswitz veränderte es in einen »milchgebenden Doctor und diplomirte Kuh«. Auf der »Friesland« erfreuten wir uns des Besitzes von drei milchgebenden Kühen und von fünf diplomirten Aerzten; der Schiffsarzt war ein College vom alten Schlage, dem die moderne Untersuchungsmethode noch nicht geläufig war, und der daher seinen ersten Patienten mit Lungenentzündung für einen rheumatisch Erkrankten erklärte; der Patient starb, und weinend folgte der Arzt dem Leichenzuge und klagte mir sein Leid, dass es in seiner langen Praxis der erste Fall sei, dass er auf hoher See einen Patienten verloren habe, dernuran Rheumatismus der Brustmuskeln gelitten hätte.

Interessanter und viel romantischer war das Vorderdeck, welches für die Passagiere der 2. und 3. Klasse und für das Schlachtvieh bestimmt war. Im Zwischendeck befanden sich drei grosse Milchkühe, ein Dutzend Schweine, zwei Dutzend Gänse, die Rettungsboote waren mit Fleisch von Rindern, Kälbern und Hammeln gefüllt, und eine grosse Zahl Hühner und Enten füllten die langen Käfige auf beiden Seiten des Zwischendeckes; heute haben die grossen Indienfahrer grosse Kühlräume für alle Sorten von Fleisch, Gemüse u. s. w. und führen lebendes Vieh nur so weit mit, als die Bequemlichkeit der Deckpassagiere darunter nicht leidet; damals jedoch bargen sich zwischen den festgebundenen Rindern und den Gänseställen die Soldaten; dort hatte ein Schuhmacher seinen Dreifuss aufgestellt, hier übte ein französischer Korporal sein altes Metier und rasirte gegen eine Entschädigung nicht nur seine Kameraden, sondern auch die Passagiere der 1. Klasse; malayische Bediente und javanische Babu’s, welche zur Begleitung und Aufsicht europäischer Kinder nach Europa gegangen waren und auf der Rückreise nach der Heimath dieselben Dienste leisteten, suchten mit Vorliebe den vorderen Theil des Schiffes auf, um vielleicht einen oder den anderen der Unterofficiere oder der Soldaten in’s Joch der Ehe zu spannen, und nur zu oft hörten wir die klagenden, schmelzenden Töne eines malayischen Liebesliedes, welches den Orang-Baru an die braune, plattnasige Schöne fesseln sollte.

Am 6. October kamen wir in das mittelländische Meer, und am 13. October 2 Uhr Nachts fuhren wir in den Hafen von Port Said. Die ganze Fahrt durch dieses grosse Wasserbecken war vom schönsten Wetter begünstigt gewesen. Schwacher Wellenschlag, manchmal kaum fühlbares Schaukeln des Schiffes, hellblauer Himmel über unserem Haupte und sanfte Temperatur bei Tage wechselten mit kühlen Abenden; und wenn der Himmel mit seinen Millionen Sternen in seiner ganzen Pracht über uns sich wölbte, wenn die Mondesstrahlen in den Fluthen sich spiegelten, das Schiff ruhig über die See glitt, und funkensprühende Wellen, mit hellblauem, krystallgleichem Schweife, bis an den Horizont rollten, dann war alles Weh und Leid vergessen, und in der Wahl zwischen Schiff und Schienenweg — giebt es keine Wahl.

Dennoch begrüssten wir den schönen Leuchtthurm von Damiette als den Vorboten von Port Said: wir sollten ja bald wieder festen Boden unter unsere Füsse bekommen.

Ich bin viermal in Port Said gewesen, und jedesmal ergötzte ich mich an dem bunten Bilde des Orientes, und es kostet mich Mühe, jene Blätter meines Tagebuches zu überschlagen, welche sich mit meinem damaligen Aufenthalte in Port Said und Ismailia, mit Kairo und Alexandrien, welche ich im Jahre 1884 besuchte, und mit Suez, Djibuti und Aden beschäftigen, denn alle bieten in ihrer Art dem Europäer viel Interessantes und Sehenswerthes.

Indien ist ja aber das Ziel meiner Arbeit.

Am 6. November liefen wir in den Hafen von Padang (Westküste von Sumatra) ein, nachdem wir lange vierzehn Tage nur Wasser und Himmel gesehen hatten, fuhren durch die Sundastrasse und liessen die Insel Krakatau zu unserer Linken, die nichts anderes als ein dichtbewaldeter Vulcan von einigen hundert Fuss Höhe war, der 160 Jahre sich ruhig verhalten hatte, bis er im Jahre 1883 durch seinen Ausbruch die Westküste Javas und die Südküste Sumatras so schwer heimsuchte, dass mehr als 20000 Menschen ihr Leben einbüssten.

Am 8. November, Nachmittags um 5½ Uhr, also nach einer Reise von 42 Tagen fuhren wir durch die »tausend Inseln«[2]in den Hafen des alten Batavia ein. Von diesen zahlreichen Inseln führen viele den Namen holländischer Städte, als: Leiden, Amsterdam, Hoorn, Enkhuizen, Edam, Alkmaar, Rotterdam, Schiedam, Haarlem, Monnikendamu. s. w., welche die Eingeborenen nicht acceptirt haben, und von welchen diese noch immer die ursprüngliche Benennung gebrauchen. So heisst Leiden Pulu njamuk (Mosquitos-Insel), Amsterdam = P. ontong djawa gegenüber dem gleichnamigen Vorgebirge (Javas Glücks-Insel), Hoorn = P. ajer = Wasserinsel, Rotterdam heisst P. ôbi besar = Insel der grossen Knollen u. s. w.

Die Sonne war noch nicht untergegangen, als der Anker im Hafen in die Tiefe des Meeres fiel. Es war jedoch nicht zu erwarten, dass vor Einbruch der Nacht alle Passagiere und ihr Gepäck ausgeschifft sein konnten; der Capitän beschloss also, nur die Briefe an den Wall zu senden und den Passagieren die Wahl zu lassen, nur mit ihrem Handgepäck das Schiff zu verlassen und am andern Morgen das grosse Gepäck abholen zu lassen, oder noch diese eine Nacht seine Gäste zu bleiben und den andern Morgen mit dem grossen und kleinen Gepäck nach Batavia zu fahren. Ich entschloss mich zu Ersterem; eine kleine Dampfbarcasse nahm die Postsäcke auf und gestattete mir und einigen Reisegenossen, die Fahrt durch den Canal noch diesen Abend anzutreten.

Eine grosse Fläche lag vor uns; zu unserer Rechten waren Sümpfe, in welchen mein Reisegenosse, Baron Holzschuh, ein Krokodil zu sehen glaubte. Dieser Mann, mit dem ich acht Jahre später wieder die Reise nach Europa machte, war s. Z. der Begleiter unserer Landsmännin Ida Pfeiffer und hatte mir so manche interessante Details über das Leben dieser muthigen Frau mitgetheilt. Der Hafen-Canal hat seit Vollendung des neuen Hafens Tanjong Priok seine frühere Bedeutung verloren. Langsam fuhren wir durch diesen schmalen Canal, auf welchem bequem zwei Nachen nebeneinander fahren konnten, bis wir an den »kleinen Boom« = die Douane kamen. Die Zollbeamten begnügten sich mit meiner Mittheilung, dass ich keinen Revolver oder eine andere Schusswaffe zu verzollen hatte, und weiter ging die Reise. Unterdessen hatten die malayischen Langfinger meinen Militärmantel annectirt. Ich habe zwar späterhin oft Jahre lang kein Bedürfniss nach demselben gefühlt, aber im ersten Augenblicke dieser Entdeckung gab ich natürlich meinem Aerger durch die auf dem Schiffe üblichen Scheltworte: »malayisches Diebsgesindel« u. s. w. Ausdruck. Hier standen auch zahlreiche Wagen mit einem oder zwei Pferden, um uns in die Stadt zu bringen. Es waren alte, schmutzige, von Europäern abgedankte Equipagen, welche je von zwei kleinen alten und schmutzigen Pferden gezogen wurden. Lange überlegten es sich diese zwei Pferde,welche nicht höher als 115 Centimeter waren, ob sie überhaupt verpflichtet wären, den grossen Wagen mit den zwei Insassen zu ziehen. Der Kutscher, mit seinem farbigen Hemd, ohne Schuhe und Strümpfe, aber mit einem Strohhut auf dem Kopfe, der die Form einer kleinen Futterschwinge hatte, schnalzte mit der Zunge, stiess einen undefinirbaren Laut aus, sprang vom Bock, schwang die Peitsche über ihre Rücken, die kleinen Pferdchen blieben aber ruhig stehen und drehten manchmal ihren Kopf nach uns, offenbar mit der Frage auf den Lippen, was wir denn von ihnen wollten.

Als aber endlich zwei Kameraden des Kutschers zu Hilfe eilten, d. h. je ein Pferd bei der Stange fassten und zogen, und ein Dritter hinten den Wagen vorwärts stiess, da endlich erwachte in ihnen das Bewusstsein ihrer Pflicht; sie zogen an, und im rasenden Galopp ging es vorwärts, wobei der Kutscher ihnen mit der langen Peitsche eine fürchterliche Züchtigung gab. Wir waren im alten Batavia, zu welcher Stadt im Jahre 1614 vom General-Gouverneur Pieter Both der erste Grundstein mit dem Namen »Fort Nassau« gelegt wurde; es ist eine alte Stadt mit ein- bis zweistöckigen Häusern und zahlreichen Canälen, welche heute nur mehr die diversen Comptoirs und Bureaux der Europäer enthält, während ihre Wohnungen und Detailgeschäfte in dem südlich gelegenen Weltevreden sich befinden; dreiviertel Stunden fuhr ich durch die mit Gas erleuchteten Strassen; ein herrlicher Duft erfüllte die Luft, mit Wohlbehagen sog ich sie in grossen Zügen ein, und um 7½ Uhr kamen wir in das Hôtel »Java«, wo uns »Mutter Spandermann« leutselig empfing und sofort zur Table d’hôte führte. Diese gute Frau führte mit Recht den Namen »Mutter«, denn mit mütterlicher Fürsorge nahm sie sich jedes »Orang baru« (Neuling) an und führte ihn in die Geheimnisse des täglichen Lebens in Java ein und sparte niemals ihre Ermahnungen, wenn man z. B. des Vormittags eine Frucht ass oder zu früh sein Schiffsbad nahm. Es hat auch lange gedauert, bis nach ihrem Tode das Hôtel unter der Leitung der Brüder Garreau sein altes Renommé wieder erhielt.

Nach dem Nachtmahl machte ich eine kleine Spazierfahrt durch die Stadt und kehrte zurück, um mein Bett aufzusuchen. Das Zimmer war sehr primitiv eingerichtet, wie im Allgemeinen in Indien die Hôtels sehr wenig Sorgfalt auf die Möbel verwenden. Mein Zimmer hatte kein Fenster, sondern über der Thür nur ein grosses Luftloch mit eisernen Stäben; der Boden bestand aus Ziegeln, auf welchen vor dem Bette eine kleine Matte lag, ein einfacher Kasten, ein Waschtischund ein kleiner viereckiger Tisch, auf welchem ich den Inhalt meiner Tasche deponirte, standen in dem Zimmer; an den weissen Wänden hingen nebstdem zwei alte, vom Wetter gebräunte und vom Alter gelb gewordene Kupferstiche, und zur Beleuchtung diente — eine kleine Oellampe, welche die ganze Nacht brannte. Der Totaleindruck war der einer Zelle eines Gefängnisses, weil es nebst den ordinären Möbeln durch Mangel an Raum sich auszeichnete. Die erste Nacht, welche ich auf Java verbrachte, war geradezu unangenehm. Ein Gekko hatte sich über der Thüre am Luftloche niedergelassen; beinahe jede halbe Stunde ertönte sein lautes Gek—ko, Gekko 6–7 mal hintereinander, und klang in das laute Brummen einer zersprungenen Basssaite aus, Grillen und Frösche accompagnirten den Gekko, und unglücklicher Weise hatte ich das Mosquitonetz nicht gut geschlossen, als ich mich zu Bette legte. Das Summen und Brummen der Mosquitos nahm kein Ende, und hin und wieder tönte dazwischen das Heulen eines Gladakkers, jener herrenlosen Hunde, welche Abends in die Hôtels kommen, um Abfälle der Tafel zu suchen. Bei dem matten Schein des mit Oel gefüllten Lämpchens sah ich zahlreiche Eidechsen auf den Mauern auf die Mosquitos und Larongs Jagd machen, hin und wieder steckte der Gekko seinen grossen Kopf in’s Zimmer hinein, als ob er mit seinen schönen schwarzen Augen den Fremdling erforschen wollte; dazu kam eine fürchterliche Transpiration; die Nacht war warm und die Luft in meinem Zimmer von der feuchten Mauer dumpf und beengend, und bald lag ich gebadet in meinem Schweisse. Endlich stieg ich aus dem Bette und ging hinaus in die schmale Veranda; hier stand neben der Thür ein ordinäres Tischchen und ein grosser Lehnstuhl, von dessen beiden Seiten »Füsse« hinaus und nach vorn geschoben werden konnten; obwohl auf dem Tischchen eine Lampe stand, machte ich doch keinen Gebrauch von derselben; der tropische Himmel und Vollmond erleuchteten hinreichend den kleinen Hofraum vor mir, und zum ersten Male ergötzte ich mich — nicht an der Pracht des südlichen Kreuzes und der so herrlich scheinenden Venus — an nichts dachte ich, nichts sah ich, nichts fühlte ich — ich ergötzte mich am »Klimaschiessen«. Ein wohlthuendes Gefühl ist es, die Füsse nicht herabhängen, sondern auf den Füssen des Lehnstuhles ungefähr 10 bis 15 cm über dem Niveau des Beckens ruhen zu lassen.Spiegelerklärt das wohlthuende Gefühl dieser Lage dadurch, dass die Füsse ½ Meter der Erdelectricität, welche unterm Aequator eine sehr hohe Spannung hätte, entrückt seien. Ich halte jedoch diese Erklärung für eine gesuchteund möchte auf Grund so mancher Beobachtungen und Erfahrungen die Ursache in mir selbst suchen; das Blut der Venen geht nämlich in der horizontalen Lage leichter zum Herzen zurück, und das der Arterien leichter zur Peripherie des Körpers, weil das Gewicht der doppelten Blutsäule ausfällt; denn auch in Europa ist die horizontale Lage eine angenehmere, als das Stehen oder Sitzen.

Ein sanftes Zephyrwehen liess den Schweiss des Körpers verdampfen, und so sass ich in dem tiefen Lehnstuhle, entrückt allen bösen Gedanken, und die Mosquitos umschwirrten mich und brummten und summten unerbittlich ihr leises Lied in meine Ohren; glücklicher Weise verschonten sie mich mit ihren Stichen, und als ich mir eine Manilla-Cigarre anzündete, blies ich mit den Rauchwolken diese lästigen Gäste von mir weg. Endlich forderte die Natur ihr Recht; die Augen wurden schwer, es fröstelte mich, und schliesslich entschloss ich mich wieder, zu Bett zu gehen. Schon glaubte ich einschlafen zu können, als ein Angstgefühl sich meiner bemächtigte, ein kalter Angstschweiss auf meine Stirne trat und mich aus dem Bette jagte; ich eilte zur kleinen Nachtlampe, sah meine Nägel blau, und Krämpfe der Därme erpressten mir den Angstschrei: die Cholera. Doch auch dieses Gespenst meiner erregten Phantasie ging vorüber, und ein gesunder Schlaf beendigte die erste Nacht meines Aufenthaltes in Indien.


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