2. Capitel.
Weltevreden[3]— Empfang beim Armee-Commandanten — Ein Corso auf dem Waterlooplatze — Gigerl und Modedame in Weltevreden — Der grösste Platz der Welt (?) — Malayisches Winken — Ein Handkuss — Ein Abenteuer auf hoher See — Dos à dos und Deeleman — Altstadt — Kunst und Wissenschaft in Indien — Wissenschaftliche Vereine in Batavia — Indische Hausirer — Jagd auf Rhinocerosse — Indische Masseuse.
In Indien steht man um sechs Uhr auf,« rief mir »Mutter Spandermann« ins Zimmer, »Schlafmütze, stehen Sie auf, es ist schon sieben Uhr.« Ich öffnete die Thüre, und eine frische, reine und duftreiche Luft erfüllte das Zimmer. Ein sonderbarer Anblick bot sich mir dar; auf beiden Seiten des Hofraumes befand sich eine Reihe von Zimmern, und zwischen je zwei Thüren stand ein Tischchen mit einem Arm- und einem Schaukelstuhle, auf denen die Gäste in ihrer Haustoilette sassen; zwischen je zwei Pfählen der Galerie war ein Strick gespannt, auf welchem die Leibwäsche zum Trocknen hing, selbst die geheimsten Toilettestücke der Damen waren hier ausgestellt. Der Bediente brachte mir ungefragt eine Schale Kaffee, welcher ziemlich schlecht war und doch ein angenehmes Gefühl der Wärme im Magen verursachte. Die meisten Herren gingen in ihrer Haustoilette[4]und mit der Cigarre im Munde auf und ab. Wie ich später hörte und sah, ist dieses eine allgemeine Gewohnheit als vorbereitende Maassregel, um »den Schlafkameraden weg zu bringen«. Zwischen 7½ bis 8 Uhr gingen die Herren angekleidet und die Damen in ihrer Haustoilette (Sarong und Kabaya) zur Frühstückstafel; ich wurde nur gefragt, ob ich beim Frühstück Thee oder wieder Kaffee gebrauchenwollte; neben meinem Teller standen zwei halbweich gekochte Eier, der Bediente brachte mir hintereinander Butterbrot, Beefsteak, Cervelatwurst und Käse, und ich folgte dem guten (?) Beispiele meines Nachbarn, von allen diesen Speisen ein bis zwei Stücke zu nehmen; der Magen ist ja ein elastischer Strumpf, er nahm ohne Widerstreben alles Dargebotene an. Zu meiner Rechten sass der Herr X., welcher zum Schluss noch einen halben Teller Nassi Koreng nahm, d. h. Reis gemischt mit klein geschnittenem Fleisch, Zwiebeln und Lombok.[5]Ich bekam einen gewaltigen Respect vor diesem Manne — es war ein Creole, d. h. ein Indier von europäischen Eltern geboren —, als er beifügte, dass dieses Frühstück keine Mahlzeit zu nennen sei und nur gewissermaassen den Magen für die Hauptmahlzeit vorbereiten müsse, welche er um 12½ Uhr einnehme; in Indien, fügte er hinzu, müsse (??) man sich kräftig nähren, um den Einfluss der erschlaffenden Wärme zu neutralisiren, und wenn er, was übrigens selten geschehe, Magenbeschwerden bekäme, lasse er sich einige Pisangs (Bananen) in dem Oel von Djarakblättern[6]backen; er könne mir dieses Laxans aus eigener Erfahrung wärmstens empfehlen, weil das Wunderöl dadurch seinen unangenehmen Geschmack und Geruch verliere.
Nach dem Frühstück ging ich in mein Zimmer mit der Absicht, die Eindrücke des ersten Tages aufzuschreiben. Mutter Spandermann jedoch erlaubte es nicht: »Jetzt ziehen Sie Ihre Uniform mit der Feldbinde an, nehmen eine Equipage, fahren zum Sanitätschef und melden sich, wie es sich für jeden Officier geziemt; die Equipage, welche ich Ihnen geben werde, behalten Sie bis zur »Reistafel«, und dann werden Sie Ihr Mittagsschläfchen halten. Dies thun alle Leute »in de Oost«, und Sie müssen es auch thun, sonst liegen Sie binnen Jahresfrist unter dem Klapperbaume (Palme) begraben.« Dieser kategorisch ausgesprochenen Marschordre wagte ich natürlich nicht zu widersprechen. Ich stieg also in den sofort herbeigerufenen Wagen, welcher um nichts besser als das Vehikel war, welches mich den vorigen Abend aus der alten Stadt in’s Hôtel gebracht hatte.
Zunächst kam ich auf die »Sluisbrücke« und sah zu meiner Rechten die alte Citadelle »Prinz Frederik«, welche jetzt nur zum Magazine benutzt wird, und kam sodann zu dem Bureau des Landes-Commandirenden,[7]zu dem Reichs-Arznei-Magazin, zu der katholischen Kirche und hatte zu meiner Linken den Waterlooplatz mit der unvermeidlichen Waterloosäule, und zu meiner Rechten das Bureau des Platz-Commandanten. Hier revidirte der Adjutant meine Marschordre und stellte mich seinem Chef vor. Von hier aus ging es weiter längs einiger hübscher Häuser in alt-griechischem Stile, welche von Stabsofficieren bewohnt waren, in den Spitalweg, in welchem sich das Arsenal, das grosse Militärhospital, das Seminar für die Doctor-djawa-Schule, einige Officierswohnungen und das »hohe Haus« für den Sanitätschef befinden, welcher den Rang eines Colonels[8]bekleidet. Im Militärhospital stellte ich mich dem Landessanitätschef der 1. Militär-Abtheilung und im »hohen Hause« dem Sanitätschef vor, welcher mir versprach, in einigen Tagen mir meinen ersten Standplatz mittheilen zu lassen. Wie der Empfang bei allen diesen Herren gewesen sei, berichten meine Reisebriefe mit keinem einzigen Wort; desto ausführlicher jedoch ist die Schilderung der Vorstellung beim Armee-Commandanten. In der Herzogs-Allee (Hertogslaan), welche die zwei grossen Plätze, Waterloo- und Königsplatz, verbindet, steht sein Bureau und sein »Haus«. — Im Stile unterscheidet es sich von den üblichen Wohnungen der Officiere nicht im mindesten; es ist nur grösser und hat im Innern grosse Empfangssäle. Am 11. November bekam ich vom Platz-Commandanten Befehl, den andern Tag in »Marsch tenue« um 9 Uhr in seinem Bureau mich einzufinden, um dem Armee-Commandanten vorgestellt zu werden; natürlich wurde nur den Neulingen diese Ehre zu Theil; die anderen Officiere, welche von ihrem Urlaub in Europa zurückgekehrt waren, nahmen an diesem Empfang nicht Theil.
Die »Vorgalerie« war eine schmucklose Säulenhalle, welche, wie mir erzählt wurde, nur bei grossen Empfangsabenden von den zahlreichen Gästen benutzt wurde, um »frische Luft zu schöpfen«, wenn die Temperatur im grossen Empfangssaal zu warm wurde; wir wurden in einen kleinen Saal geführt und nach Rang und nach der Folgereihe der Liste, welche der Platzcommandant dem Adjutanten von Z. E.[9]überreichen sollte, aufgestellt. Da wir eine Viertelstunde warten mussten, hatte ich Zeit genug, um das Empfangszimmer etwas genauer zu besichtigen. Eine glatte weisse Wand, grosse Spiegel, einige »Wiener«(Thonet’sche) Stühle und Divans und ein polirter Tisch in der Mitte — das war alles.
Fig. 1. Ein malayisches Mädchen in seiner Haustoilette. (Dieses silberne Feigenblatt wird gegenwärtig nur selten von den Malayen auf Java, aber häufig auf den übrigen Inseln getragen.)
Fig. 1. Ein malayisches Mädchen in seiner Haustoilette. (Dieses silberne Feigenblatt wird gegenwärtig nur selten von den Malayen auf Java, aber häufig auf den übrigen Inseln getragen.)
Fig. 2. Zwei sundanesische Frauen bei der Bearbeitung der Cacaofrüchte.
Fig. 2. Zwei sundanesische Frauen bei der Bearbeitung der Cacaofrüchte.
Seit diesen 23 Jahren hat die europäische Mode die alte Einfachheit der indischen Wohnung verdrängt; gepolsterte Möbel, schwere Tapeten, Phantasiestühle und schwere Vorhänge herrschen in den Privatwohnungen der reichen Europäer ebenso wie in Holland. Ich habe seitdem das Innere dieses Hauses nicht mehr gesehen; ich weiss also nicht, ob auch der Armee-Commandant für sein kleines Empfangszimmer sich dieser Mode unterworfen hat. Damals jedoch imponirte es mir durch seine Einfachheit und noch mehr durch seine kalte, düstere, saubere Ausstattung; ebenso kalt und gemessen war die Begrüssung durch den Armee-Commandantenvan Neve. Nachdem ich auf diese Weise mich meiner »dienstlichen« Verpflichtungen entledigt hatte, fuhr ich in der Stadt herum, um einen Totaleindruck von ihr zu bekommen.
Zunächst fuhr ich zurück zum Waterlooplatz mit der Waterloosäule und dem Monumente von J. P.Koen(oe = u), welchem (als viertem General-Gouverneur) die Gründung Batavias[10]unrichtiger Weise zugeschrieben wird. Es ist ein grosser viereckiger Platz, welcher von drei Seiten mit Häusern umgeben ist; hier werden die Militär-Paraden abgehalten, und die Stabsmusik hält hier jeden Sonntag Nachmittag ein Concert im Freien. Diese Concerte waren damals das Rendez-vous der Haute volée, der jeunesse dorée und aller Babu’s mit ihren schutzbefohlenen Kindern. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, solchen Militär-Concerten unter freiem Himmel beiwohnen zu können. Es ist ein buntes Gewimmel und könnte, auf eine Bühne gebracht, ein schönes, farbenreiches Ballet darstellen. Zunächst erscheinen die diversen Babu’s mit europäischen, javanischen, chinesischen und malayischen (Fig. 1[11]) Kindern; sie selbst haben eine lange, bunte Kabaya, einen bunten Sarong, der mit einem gelben oder blauen, seidenen Bande oder einem silbernen oder vergoldeten Gürtel über den Hüften befestigt ist; sie sind braun in allen Schattirungen, haben dunkelschwarzes Haar, welches in einen Knoten am Scheitel geknüpft ist, mit einer langen, silbernen Nadel darin, das Ohrläppchen hat ein Loch, beinahe so gross wie ein Zehn-Hellerstück, die Augen sind schwarz, die Lippen hin und wieder von dem Sirihsaft roth gefärbt, die Zähne sind schwarz und abgefeilt, oder nach europäischer Mode weiss. Die Büste ist voll und der Gang etwaskokett, die Füsse sind klein, wohlgeformt und ohne Bekleidung, und die zierlichen, mit Ringen versehenen Hände schwingen wie das Pendel einer Uhr auf und ab.
Die jungen Marssöhne gesellen sich selten zu ihnen, es sei denn, dass sie geradezu Heiratspläne haben; denn die Staffage der Küche durch einen Soldaten ist nicht üblich. Der eingeborene Soldat, leicht an seiner Hautfarbe und blossen Füssen erkennbar, denkt gar nicht an das Flirten; er lauscht der Musik und steckt seine Cigarette an (aus den Blättern der Nipahpalme konisch zugedreht) und wirft hin und wieder einen Blick jener Schönen zu, welche sein Herz erobert hat, ohne vorläufig seiner Umgebung auch nur durch eine Miene den Sturm seiner Gefühle zu verrathen. Der europäische Soldat, der neben ihm steht, ist schon weniger schüchtern und zurückhaltend. Er wird seiner Bewunderung oder seinen Gefühlen gewiss Worte verleihen, wird sofort sich ihr nähern und sie vielleicht durch ein leises Lispeln jener zahlreichen »Panton« verrathen, welche die Liebenden einander zuflüstern. Bald erscheint das halbeuropäische Gigerl, und die »Nonna«; in schöner weisser Hose und Rock, mit tadellos glänzenden Lackschuhen und grossen Manschetten mit goldenen Knöpfen ist der »Sinju« sich seines Sieges bei den Frauen bewusst; er ist interessant, seine blendend weissen Zähne, sein rabenschwarzes Haar und seine glänzenden Augen, sein eleganter Bau und Wuchs lassen seine platte Nase und hervorstehenden Jochbeine und Oberkiefer ganz vergessen, und als echter Don Juan beginnt er sofort unter den anwesenden Nonnas die schönste sich auszusuchen. Diese sind schön, elegant und geradezu verführerisch. Schlank gebaut, haben sie eine schöne Büste und glänzende Augen und schwarze Haare, die kleinen zierlichen Füsse stecken in reich verzierten chinesischen Pantoffeln mit goldenen Absätzen und mit feinen Strümpfen. Ein golddurchwirkter seidener Sarong umschliesst ihre grossen Hüften, eine elegante kurze weisse Kabaya mit Spitzen besetzt verhüllt nur theilweise ihre schöne Büste, und zahlreiche Ringe, Ohrringe und Haarnadeln zieren Kopf und Hände und ein dunkelblauer oder dunkelrother Sonnenschirm schützt sie vor den Strahlen der scheidenden Sonne. — Zu Pferde erscheint bald ein junger Lieutenant oder ein reicher Chinese oder Araber; Equipagen auf Equipagen fahren vor mit europäischen, javanischen, chinesischen oder armenischen Damen,bleiben stehen, und bald umgiebt sie ein Schwarm junger Leute, und sie flirten und flirten, bis Cupido seine Köcher erschöpft hat.
Unterdessen hat die »Stabsmusik« ihr Programm beendet, es ist sechs Uhr geworden und der Schwarm ergiesst sich in die benachbarten Strassen.
Auf dem Waterlooplatz fällt das »grosse Haus« (= groote huis) auf, weil es ein Stock hoch ist und beinahe die ganze östliche Front des Platzes einnimmt. Es wurde Anfangs dieses Jahrhunderts vom MarschallDaendelserbaut und vom Burggrafendu Bus de Ghisigniesvollendet. Gegenwärtig beherbergt es den grössten Theil der Gouvernementsbureaux: die Rechnungskammer, das Kriegs-, Finanz- und Cultusministerium, die Landeskasse, das Steueramt u. s. w. Die Loge und das Militär-Casino schliessen sich zu beiden Seiten diesem grossen, aber nicht schönen Gebäude an; Officierswohnungen, die römische Kirche und die schon oben erwähnten Gebäude begrenzen den stattlichen, grossen Platz. Auf dem Kreuzwege, welcher auch zum Königsplatz führt, steht das unansehnliche Denkmal[12]fürBali.
Ich liess dann den Kutscher den Weg zum Königsplatz nehmen, den mir einige Reisegenossen als den grössten der Welt bezeichnet hatten. Soweit meine Erfahrung reicht, ist dies factisch der Fall; es ist ein grosses, grasbedecktes Feld in Trapezform, dessen Schenkel jeder ungefähr 1½ km lang ist, während die eine der Parallelen nur 1 km, und die zweite (die südliche) ebenfalls in 20 Minuten zu gehen ist. Ausser dem Vorzug, dass dieser Platz mehr als 1,000,000 ☐Meter gross ist, hat er gar keine schönen Eigenschaften; denn es ist nur eine grosse Grasfläche, welche an der Nordseite durch eine kleine Parkanlage (gegenüber dem Palaste des Generalgouverneurs) und einen schönen artesischen Brunnen unterbrochen wird. Bei meiner Rundfahrt konnte ich nicht einmal unterscheiden, ob an der gegenüberliegenden Seite ein Mann oder eine Frau gehe; die Gebäude, welche an und für sich niedrige Häuser ohne Stockwerk sind, werden ebensowenig deutlich gesehen, so dass selbst die Frage offen bleibt, ob die bedeutende Grösse dieses Platzes ein Vorzug genannt werden könne. Nebstdem ist er besonders arm an öffentlichen Gebäuden; die armenische Kirche, die Willems-Kirche, eine kleine Eisenbahnstation und auf der Westseite die Museen mit dem »Elefanten«, einem Geschenke des Königs vonSiam (aus dem Jahre 1870), sind die einzigen Gebäude, welche von dem gewöhnlichen altgriechischen Stile abweichen.
Ich beendete meine Rundfahrt; es war 11½ Uhr, und die Sonne war mir schon lästig geworden; ich hatte nämlich die Kappe des Mylord zurückgeschlagen, um eine freie Aussicht über alle Strassen und Häuser geniessen zu können. Ohne es natürlich zu ahnen, befand ich mich in der Nähe des Hotels und fuhr (auf der Nordseite des Königsplatzes) in den Hofraum des Hotels bis vor die Thüre meines Zimmers. Ich stieg aus, zog nicht nur meine dunkle Uniform, sondern auch meine Leibwäsche aus, welche von dem Schweiss geradezu durchtränkt war, und trat in Haustoilette, d. h. in Nachthose und Kabaya, in die Veranda. Mein Mylord stand noch vor der Thür, und auf dem Bocke sass der Kutscher mit unerschütterlicher Ruhe und Grandezza, ohne im Geringsten eine Ueberraschung ob meiner Toilette zu zeigen. Mutter Spandermann machte dieser stummen Pantomime zwischen uns Beiden ein Ende durch den Befehl, dass ich nach Tisch zu Hause bleiben und schlafen gehen müsse, und dass sie es nicht erlaube, dass ich in der Hitze der Mittagssonne wieder spazieren fahren und mir das Fieber auf den Leib holen wollte. Ganz bescheiden bemerkte ich, dass ich dies auch gar nicht beabsichtige und durch einen Wink dem Kutscher angedeutet habe, die Pferde in den Stall zu bringen. »Haben Sie ihm ein Trinkgeld gegeben?« »Nein!« »Und wie haben Sie ihm den Wink gegeben?« Ich wiederholte meine Handbewegung, ohne ihre Frage zu verstehen. Noch mehr überrascht war ich, als sich diese dicke Dame vor Lachen schüttelte und einmal um das andere Mal rief: »Orang-Baru, Orang-Baru.« Endlich kam die Wellenbewegung dieser Fleischmasse in Ruhe, und mit verständnissvollem Lächeln gegen den Kutscher theilte sie mir mit, dass diese Handbewegung, und zwar mit der Fläche nach unten, für den Malayen gerade das Zeichen sei, näher zu kommen oder zu bleiben, und zum Beweise dafür winkte sie in gleicher Weise einem fernstehenden Bedienten, herbeizueilen.
Ich gab dem Kutscher ¼ Gulden Trinkgeld und hatte dafür eine doppelte Lection bekommen und zwar: wie man den malayischen Bedienten winke, und dass das Trinkgeld als ein Symptom der Civilisation auch nach Indien seinen Weg gefunden habe.
Auch für die weitere Eintheilung des Tages sorgte Mutter Spandermann: »Um 12½ Uhr wird die Glocke für die Reistafel geläutet; Sie kommen in weissen Kleidern zu Tisch; der Bediente, welcher Ihr Zimmer aufräumt, wird bei der Table d’hôte hinter Ihrem Sessel stehenund Ihnen alle Schüsseln zureichen, welche Sie als Orang-Baru essen dürfen und müssen; ich sage auchmüssen, weil Sie sich an die indische Küche gewöhnen müssen; wer weiss, wie lange es noch dauert, dass Sie in einer grossen Stadt bleiben werden; sobald als möglich werden Sie auf die Aussenbesitzungen gesendet, und es bleibt dann die Frage offen, ob Sie essen werdenkönnen, was Sie wünschen, oder ob Sie alles essen werdenmüssen, weil Sie keine Wahl haben werden. Doch à propos; heute ist Empfangsabend beim Sanitätschef; um 6½ Uhr ziehen Sie sich Frack und weisse Handschuhe an, nehmen wiederum einen »Wagen« und fahren nach Parapatan, wo der Sanitätschef Sie seiner Frau und allen übrigen Damen vorstellen wird. Machen Sie mir ja keine Schande, und machen Sie allen jungen Damen gut den Hof, sonst sind Sie verloren; denn in die Conduitliste wird von Ihnen wie von jedem Officier aufgenommen, ob er sich in feiner Gesellschaft gut bewegen könne.«
»Ich bin aber der holländischen Sprache noch viel zu wenig mächtig, um in Damengesellschaft mich »gut bewegen zu können«; ist es vielleicht nicht besser, wenn ich deshalb zu Hause bleibe?«
»Nein, nein, Sie gehen heute dahin; ich habe jetzt keine Zeit, weiter mit Ihnen darüber zu sprechen; Sie gehen! Adieu!«
Aber sie ging nicht, und auf einmal fing sie wieder so zu lachen an, dass ihre grosse Fleischmasse wieder in fürchterliche Wellenbewegungen gerieth, und endlich hörte ich sie brummen: »Ein Mof, ein Mof.«[13]»Nun ja,« rief ich, »ich bin ein Mof, was soll aber das Lachen bedeuten?«
»Hören Sie! Voriges Jahr wohnte bei mir Dr. X., der auch ein Mof ist, und dem ich befahl, zum Empfangsabend des Armee-Commandanten zu gehen. Was denken Sie, was dieser Mof that, als er bei dem grossen Empfange des Generals B. dessen Frau vorgestellt wurde? Nein, ich sage es Ihnen nicht, rathen Sie, so viel kann ich Ihnen nur sagen, dass die Fächer aller Damen sofort vor die Augen gehalten wurden, und ein Kichern und ein Lächeln wie ein kleiner Sturm durch den Saal sich fortpflanzte, bis endlich eine der Damen selbst vom Sessel aufsprang, um in der Vorhalle ihrer vom Lachen erschütterten Leber Luft zu machen. Sie errathen es nicht? Nun, so will ich es Ihnen sagen: Er küsste Mevrouw B. die Hand! Das thut man bei Euch in Mofrica, aber nicht in Holland und nicht bei uns in Indien.Das darf man nicht in Gesellschaft thun, das darf man nur im Geheimen und verstohlen thun, wenn man allein ist, das ist eine Liebeserklärung, nein, das ist keine Liebeserklärung mehr, das ist schon der erste Act des Liebens selbst, der zweite Act ist das Küssen des Mundes.«
»Und der dritte Act?« frug ich.
»Sie Schalk!« (ondeugd) rief sie und wackelte weiter.
Natürlich folgte ich als gehorsamer Orang-baru (Neuling) allen ihren Anweisungen und, da der Empfang der Familie des Sanitätschefs und der übrigen »hohen« Herren und Damen auf mich einen günstigen Eindruck gemacht hatte, schloss ich den zweiten Tag meines Aufenthaltes in Indien befriedigt in den Armen von Morpheus.
Der dritte Tag brachte mir ein Abenteuer, dem ich damals mehr Gewicht beilegte, als ich es heute thun würde, indem mein Tagebuch davon als von einer Lebensgefahr erzählt, der ich mit grosser Noth entronnen war.
Einer meiner Reisegenossen ging mit der »Friesland« nach Surabaya, von wo aus er das Endziel seiner Reise im Innern des Landes erreichen sollte. Da ich durch keine dienstlichen Angelegenheiten verhindert war, wollte ich ihn aufs Schiff begleiten, um noch einmal — und zwar zum letzten Male — die Stätte zu sehen, auf welcher ich 42 Tage lang mit Sehnsucht den Tag erwartete, an welchem ich die grosse Seereise überstanden hatte und eine neue Carrière anfangen sollte. Nebstdem konnte ich auch den nördlichen Theil der Neustadt und die Altstadt besichtigen, welche am Tage der Ankunft wegen vorgerückter Abendstunde nur in flüchtigen Umrissen sich gezeigt hatten.
Vor dem Hôtel lagen damals die Rails der Tramway, welche bis zur Douane in der alten Stadt führten. Heute ist es eine Dampftramway mit ziemlich netten Waggons; damals waren es alte schmutzige Kasten, welche von drei kleinen mageren Pferden gezogen wurden. Mitleid musste jeder mit diesen drei »Katzen« haben, welche bei »jeder Halt« die grösste Mühe hatten, diese grossen gefüllten Kästen in Bewegung zu bringen.
Neben den Rails lag ein Trottoir, und daran schloss sich das tiefe Bett des Tjiligon, welcher stets ein (von Lehmerde) gelb gefärbtes Wasser führt; der Stadttheil an seinem rechten Ufer heisst Nordwyk (y = ei), während das Javahotel, das Hotel der Nederlanden, das Justiz-Ministerium und das des Innern, die Bureaux des Palastes des General-Gouverneurs (dessen südliche Front bis auf den Königsplatz reicht) und die »Harmonie« (Civil-Casino) in Ryswyk liegen. Längsdieser Gebäude ging die Tramway, welche durch die Vorstadt Molenvliet nach der Altstadt führte. Bei der Douane fand ich den Herrn L., welcher mit einigen Freunden auf mich wartete, um gemeinsam in einem Kahn auf dem »Canal« die Fahrt nach der Rhede anzutreten. Der Herr L. war der malayischen Sprache mächtig genug, um mit dem Steuermann des Nachens den Preis von 3,50 fl. für die Hin- und Rückreise zu bedingen.
Sofort nach unserer Ankunft wurde der Anker aus der Tiefe gezogen, die Dampfpfeife gab das Signal zur Abreise, und ich verliess die »Friesland«, die, wie schon erwähnt, im Jahre 1878 mit Mann und Maus unterging.
Der Dampfer war kaum in Bewegung, als der Steuermann des Nachens die Bezahlung des Preises von mir verlangte; ich zog arglos meine Börse heraus und wollte ihm die bedungenen 3,50 fl. bezahlen; er aber schüttelte das Haupt und zeigte mir die fünf Finger seiner Hand; ich steckte ruhig die Börse ein und wies gebieterisch mit der Hand nach der Küste. Ebenso ruhig legten aber die Ruderer auf einen Wink des Steuermanns die langen Ruder nieder. Es war ein kritischer Augenblick; ich wusste damals noch nichts von den Malayen als berüchtigten Seeräubern, welche sie früher waren; aber ich fühlte das Schaukeln des Kahnes und die Haifische haben sich auf der Rhede Batavias schon manchen in’s Wasser Gefallenen in die Tiefe gezogen. Wir waren von der Küste zu weit entfernt, um von den Krokodilen aufgefressen zu werden; aber die Küste und das »Wachtschiff« waren so weit entfernt, dass mein Hilferuf nicht hätte gehört werden können. Endlich wies ich wieder, wie ein gewaltiger Feldherr, mit der Hand nach der Küste, der Steuermann hob wieder seine fünf Finger in die Höhe, und ich nickte bejahend mit dem Kopfe. Nach einer Stunde fuhr ich bei der Douane ein und erzählte einem Beamten diesen Vorfall, während ich ihn ersuchte, eine 10 fl. Note mir zu wechseln. Dieser rief den Steuermann zu sich, hielt ihm eine Strafrede, ersuchte mich auf das Nachdrücklichste, nicht mehr als den bedungenen Preis von 3.50 fl. zu bezahlen, und eine tüchtige Ohrfeige machte dem Gespräche mit dem Steuermann ein Ende.
Darauf nahm ich mir ein Dos à dos, um in der Altstadt oder, wie sie in Batavia üblicher Weise genannt wird, in der »Stad« eine Rundfahrt zu machen; diese kleinen Wagen, eine verschlechterte Ausgabe der englischen Dogcart, sind für Batavia geradezu typisch und haben sich dort so eingebürgert, dass sie selbst durch die »Deeleman’s Kar« nicht verdrängt wurden. Beide werden in der Regel nur von einemPferde gezogen und ruhen nur auf zwei Rädern; während in der ersteren der Passagier mit dem Rücken gegen den Kutscher sitzt, macht der Sitz im »Deeleman Kar« einen rechten Winkel zu dem des Kutschers. Das Dos à dos ist ein offener Wagen, d. h. es hat ein Zeltdach, welches bei Regen durch Vorhänge geschlossen werden kann, während der »Deeleman« ein viereckiger Kasten ist. In beiden sitzt man jedoch so unbequem als möglich, und der »Deeleman« hat ausserdem noch eine niedrige Einsteigtreppe.
Die Rundfahrt durch die »Stad« bot wenig Neues, Interessantes oder Sehenswerthes. Wenn nicht hin und wieder eine Palme oder ein Pisangbaum uns an die Tropenwelt erinnerte, wenn nicht »unsere braunen Brüder« oder Chinesen durch die Strassen in grosser Zahl ihre Arbeit besorgten, z. B. mit grossen, halbmondförmigen Stöcken ihre Lasten trügen oder Eis zum Verkauf anböten, so würde man glauben, eine alte, verfallene Hafenstadt Europas vor sich zu haben mit zahlreichen Kanälen, welche mit Kähnen und Nachen bedeckt sind; die schmuck- und prunklosen, meistens einstöckigen Häuser sind alle in europäischem Stil gebaut und grössten Theils im Dienst des »Mercur«. Wenn ich von dem Rathhaus mit den Bureaux des Residenten, der Polizei, dem Standesamt u. s. w., von dem Justizpalast (venia sit dicto!), von den grossen Magazinen, der Douane, dem meteorologischen Observatorium, dem Postamt, den Spitälern für Eingeborene und für Chinesen und zwei europäischen Apotheken absehe, fiel mir nur die ungeheure Zahl von Handelsfirmen[14]auf. Es war 12 Uhr geworden; ich entliess das Dos à dos und fuhr mit der Eisenbahn von der Station »Stadhuis« bis zu der von Nordwyk, in deren Nähe sich das Java-Hotel befand.
Programmgemäss sass ich nach meinem Mittagsschläfchen (bis 4 Uhr) in der »Vorgalerie« bei einer Schale Thee und einem Glas Eiswasser, las die Briefe und Zeitungen, welche zum ersten Male Nachricht aus der fernen Heimath brachten, als Mutter Spandermann sich einstellte, um mir wieder einen Vortrag über »das Leben in de Oost« zu halten; sie wählte diesmal das Thema: Kunst. Nachdem sie sich erkundigt hatte, warum ich nicht den Abend vorher die »Comedie« besucht, und nur mitleidvoll den Kopf geschüttelt hatte, als sie hörte, dass ich mich mehr für die Kunst der Eingeborenen und der Chinesenals für die der Europäer interessire, weil mir diese voraussichtlich nichts Neues bieten könnten, da überfiel mich plötzlich eine Eruption eines Zornesanfalles, den ich von der gutmüthigen alten Frau nicht erwartet hätte.
»Ja, ja, ich weiss schon, Sie sind auch so ein Totok, so ein grüner Europäer, der alles besser weiss und kann, als wir Alle in ganz Indien. Sie glauben, dass wir Hottentotten sind, dass hier alles schlecht und dass alles in Indien ordinär sei. Sie sind auch so ein Weltverbesserer, der in Europa kaum der Schulbank entwachsen ist, nichts zum Fressen hatte, und der kaum in Indien festen Fuss gefasst hat und schon uns alten, erfahrenen Eingesessenen Lectionen und weise Lehren geben will. Haben Sie soeben das »Gebet einer Jungfrau« auf dem Piano spielen gehört? Ja? es hat Ihnen gefallen! Das glaube ich auch. Wer hat es gespielt? Sie, Orang-baru, Sie, Totok? Nicht wahr, nein! Es war meine Tochter Anna, welche, Gott sei Dank, noch niemals das Land der Frösche, das kalte, neblige, flache Holland gesehen hat. Wo hat meine Tochter Anna so schön, so reizend, so gefühlvoll gelernt, das »Gebet einer Jungfrau« in das Herz eines jeden verstockten Cölibatärs dringen zu lassen? Hier in Batavia hat sie es gelernt. Sie ist, d. h. ich bin Mitglied der »Aurora«; sie geht zu jeder Aufführung des »Apollo« und der »Eendracht«, und jeden Sonntag nehme ich einen Wagen und fahre zum Concert der »Stabsmusik« auf dem Waterlooplatz. Ist dieses vielleicht keine schöne Musik? Haben Sie schon irgendwo auf der ganzen Welt »an der schönen blauen Donau« reizender und schöner spielen gehört, als hier unter der Leitung des berühmten Capellmeisters D.? So! Haben Sie hier von der europäischen Kunst nichts Neues zu erwarten? Fragen Sie Ihren Nachbar, den Capitän der »Friesland«, das ist ein sehr gebildeter und viel gereister Mann; er ist gestern in »de Comedie« gewesen, fragen Sie ihn, ob in Wien, in ganz Mofrica oder in Paris Aida[15]eine schönere Ausstattung hatte, als gestern unser Decorationsmaler Kingsbergen geboten hat? Ja, ich weiss es, dass »man« in Holland uns für Schlaraffen hält, die nichts anderes thun, als »Reistafel« essen, Genevre saufen, den ganzen Tag im Faulenzer sitzen und zwei- bis dreimal des Tages sich zu »siramen«. Glauben Sie dieses auch heute noch, obwohl Sie sehen, dass ich den ganzen Tag auf den Beinen bin, und factisch nicht einmal Zeit habe, die illustrirte Zeitung meiner »Trommel« anzusehen. Wenn Sie es in Mofrica undin Amsterdam dann so heiss haben, z. B. im Monat August, sehen Sie, hier auf dem Thermometer sind 87° Fahrenheit, und wissen Sie, wohin jetzt meine Anna geht? Sie geht in die Turnschule! Ja, trotz dieser Wärme geht sie turnen; sehen Sie, und in diesem ekelhaften Lande der Frösche nennen sie uns faul, müssig und genusssüchtig.« Endlich kam Ruhe in diesen Sturm, und es gelang mir, der alten Matrone zu versichern, dass ich immer mit Genuss nach den Klängen des »Gebetes einer Jungfrau« gelauscht habe, und dass es mich freue, in Batavia so viel Sinn und Liebe für Kunst und Wissenschaft zu finden. Das Wort »Wissenschaft« entfesselte aufs Neue den Strom ihrer Beredtsamkeit: »Noch keine 8000 Europäer zählt Batavia, d. h. nicht die Stadt Batavia, sondern die ganze Provinz Batavia hat noch keine 8000 Europäer, und darunter sind auch die Sinju und Nona begriffen, welche »inlandsch Blut« in sich haben und oft gar nichts Europäisches in und an sich haben, und wie viel wissenschaftliche Vereine finden Sie in Batavia? Nennen Sie mir eine einzige Stadt in Mofrica oder in Holland, welche kaum 8000 Einwohner zählt und einen »Verein für Kunst und Wissenschaft«, ein königliches Institut für Sprachen, Land- und Völkerkunde, und einen naturkundigen Verein, und die Gesellschaft für Industrie und Landbau, und einen ärztlichen Verein, und einen Verein der Juristen, der Ingenieure, und ein Afrika-Comité hat. Dann haben wir die Mission der christlich-reformirten Kirche, den Verein für innere und äussere Mission, den Verein zur Beförderung und Verbreitung christlich-malayischer Lectüre. Wir haben auch zwei Ruderclubs, zwei Turnvereine, einen Schiessclub; nun, sagen Sie mir einmal, Sie weiser Europäer, welche Stadt in Europa, die noch keine 8000 Einwohner zählt, hat so viele Vereine für Kunst und Wissenschaft? Sie glauben vielleicht gar nicht, dass Batavia so wenig Europäer hat, weil es so gross ist; nun ja, Batavia ist gross und hat seine 80,000 Einwohner, darunter sind aber 20,000 Chinesen, und ich weiss nicht wie viele Eingeborene; ich weiss nur aus dem Regierungsalmanach, dass die Residentschaft Batavia 900,000 Einwohner hat mit 8000 Europäern, 837,000 Javanen, 71,000 Chinesen, 1200 Arabern und 500 »fremden Orientalen«; wie viel davon auf die Stadt Batavia entfällt, kann ich Ihnen nicht sagen;[16]dass aber die Wyken (Stadttheile) der Europäer so gross sind, trotzdem nur wenige Europäer hier leben, hat seine guten Ursachen. Wie Sie sehen, hat jedes Haus einen Garten, auch wenn er oft kaum grösser ist, als ein Waringinbaum für seine Luftwurzeln Platz nöthig hat.«
Endlich hatte Mutter Spandermann ihren Sermon beendigt, und stolz wie eine Fregatte segelte sie weiter, befriedigt von dem Bewusstsein, einem »Baar« die Wahrheit gesagt zu haben.
Unterdessen hatte sich eine Reihe von Hausirern auf der Erde niedergelassen, und kaum hatte die Wirthin mich verlassen, als sie alle auf mich einstürmten. Dieser Ueberfall überraschte mich nicht, weil ich in Port Said von den Geldwechslern und Eseltreibern dasselbe erfahren hatte; zwei Chinesen, ein Javane, ein Malaye und Klingalese zeigten mir ihre Waaren und priesen mir dieselben in malayischer Sprache an. Der eine Chinese merkte jedoch bald, dass ich von dem Kauderwelsch nichts verstünde und fing in französischer Sprache das Loblied seiner Kabayen an, während der Klingalese englisch zu radebrechen anfing. Ich entschloss mich zu dem Kaufe von 6 Kabayen und 6 Nachthosen, für welche der eine Chinese 60 fl. verlangte; ich bot ihm 16 fl. und — erhielt sie. Bei einem zweiten Chinesen ging es mir noch schlechter oder noch besser, wie man es eben nennen will. Er bot mir zwei ägyptische Vasen, aus Elfenbein geschnitzt, an und verlangte dafür 80 fl.; da ich sie nicht zu kaufen beabsichtigte und von ihm befreit zu werden wünschte, bot ich dafür 80 bidji’s (= 10 Cts.-Stücke). Erst schwur er hoch und theuer, dass sie ihm selbst 40 fl. kosteten, und fing an, seinen Kram einzupacken; schon glaubte ich von ihm erlöst zu sein, als er die Holzschachtel nahm und mir mit den Worten anbot: »Ich habe heute noch kein Geschäft gemacht; ich habe noch keine Hand voll Reis heute kaufen können; ich weiss auch, dass Sie ein grosser Herr sind, also nehmen Sie sie um 8 fl.! — Natürlich stellte es sich nachträglich heraus, dass die Vasen nicht aus Elfenbein, sondern aus getrocknetem und gepresstem präparirten Reis bestanden.
Interessant war die Bekanntschaft mit meinem Zimmernachbar. Es war der Herr van S.., welcher kurz nachher ein Buch über die »Jagd auf Java« schrieb; er hatte auch den berühmten RhinocerosjägerDarling gekannt, welcher vor ungefähr 43 Jahren auf Java lebte. Herr van S.. hat mir so manches interessante Jagdabenteuer erzählt, das aber wenig Jägerlatein enthielt. Da ich niemals ein Rhinoceros im Freien gesehen, noch weniger geschossen habe, will ich Herrn van S.. für die Richtigkeit seiner Mittheilungen verantwortlich sein lassen. Die Jagd auf Rhinocerosse sei gewiss sehr gefährlich, wenn man, wie s. Z. der bekannte JägerPhilippo, schwer gebaut ist und sich auf sein Pferd nicht verlassen könne. HerrPhilippohabe nämlich an einer Jagd auf Rhinocerosse sich betheiligen wollen. Zwölf Mann hoch zogen sie im Süden Javas, und zwar in der Preangerregentschaft, in der Nähe der Küste auf ein grosses Alang-Alang-Feld, in welchem sich nach Mittheilungen der benachbarten Kampongbewohner ein Rhinoceros befände. Sie theilten sich in zwei Gruppen von sechs Mann; die eine Gruppe blieb am Anfang des Feldes stehen. Die andere Hälfte, bei welcherPhilippo(wie alle anderen zu Pferde) sich befand, ritt auf einem schmalen Pfade an das entgegengesetzte Ende des Feldes. Auf den kleinen Pferden gelang es ihnen leicht, durch das Alang-Alang-Feld ihren Kameraden an jener Seite des Feldes entgegenzureiten. Kaum waren sie jedoch ungefähr 50 Meter in das Gebüsch eingedrungen, als sie eine schilfrohrfreie Fläche sahen, auf welcher ein Rhinoceros aus einer Pfütze Wasser trank. Das plumpe Thier wurde durch das Geräusch der Reiter aufmerksam, unterbrach seinen Morgentrank, drehte langsam den Kopf nach den Friedensstörern und schaute sie gelassen, ruhig und neugierig an. Der HerrPhilippohatte zwar sein Gewehr mit seiner goldenen Spitzkugel bei sich, womit er schon so manches Rhinoceros getödtet hatte; diesmal wollte er sich jedoch streng an die Gebräuche der Eingeborenen halten und als Erster mit dem grossen Messer (parang) die Wade des Ungeheuers spalten. Er gab dem Pferde die Sporen, in wenigen Secunden war er dem Waldriesen nahe, schon schwang er das Schwert zum Schlage gegen dessen rechtes Hinterbein, als das Pferd mit der schweren Last des Reiters zusammensank und den Reiter in die Pfütze warf. Schwerfällig und langsam drehte sich das Rhinoceros nach der Seite des Pferdes, ohne dem verunglückten Jäger auch nur ein Haar zu krümmen. In demselben Augenblick kam jedoch ein zweiter Reiter und schwang mit Erfolg sein Schwert gegen die Wade des Thieres; es stürzte zusammen und wurde hierauf leicht die Beute der Jäger.Philippowar mit dem Schrecken davongekommen. Man zog ihn aus dem kleinen Sumpfe, während das plumpe, schwerfällige Thier sichvergeblich anstrengte, aufzustehen und auf seine Feinde einzustürmen. Unterdessen waren auch die übrigen Jäger herbeigeeilt, und ein Schuss in die Mitte der Stirne machte sofort dem Leben des Thieres ein Ende.
Auch erzählte mir der Herr van S.., dass die Kugeln aus den Vorderladern in der Regel die Haut des Rhinoceros nicht durchdringen und zur Scheibe abgeplattet herabfallen, dass das Thier jedoch zwei schwache Punkte habe, den einen in der Mitte der Stirne und den zweiten unter dem Blatte über dem Herzen, und dass der HerrPhilippostets eine lange, goldene Patrone von 10 cm für die Jagd auf Rhinocerosse mitnehme, um durch das grosse Gewicht der Kugel sicher eine penetrirende Wunde zu erzielen. Da er ein geübtes Auge hatte und seines Schusses sicher war, habe er niemals die goldene Kugel verloren; er habe sie immer in dem getödteten Thiere wieder gefunden, weil sie nicht mehr im Stande war, zum zweiten Male die Haut des Thieres zu durchbohren.
Mir ist nicht bekannt, was mit der Haut und dem Skelette der getödteten Waldriesen in Java geschieht. Ihr Horn wird jedoch vielfach zu therapeutischen Diensten verwendet. In die Höhle des Horns wird Wasser gegossen und in der freien Luft eine ganze Nacht stehen gelassen. Dieses Wasser wird bei erschöpfenden Krankheiten den Patienten als Roborans gegeben. Geschabt (Rasura cornu rhinocerotis) wurde es in früherer Zeit von den europäischen Aerzten als »schmerzstillende und stärkende« Arznei vorgeschrieben. Die Chinesen wenden es bei Blutbrechen an. Am häufigsten werden Scheiben des Horns, welche in Essig aufbewahrt werden, gegen Schlangenbisse angewendet. Auch die Milchzähne dieser Thiere spielen als Amulette gegen Fieber eine grosse Rolle im Arzneischatz der Javanen; prophylaktisch verhüten sie, auf der Brust getragen, das Entstehen des Fiebers, und zu therapeutischen Zwecken wird der Rücken und die Brust der Patienten damit gerieben, bis braune Striemen die Haut bedecken.
Während Herr van S.. über die Jagd auf Rhinocerosse und Bantengs (wilde Büffel) sprach, hatte sich eine malayische Frau mit ihrem Grusse tabéh tuwan auf die Flur der Veranda der »Vorgalerie« niedergelassen, ohne übrigens ein weiteres Wort zu sprechen. Jedermann liebt es in Indien, gegenüber den »Neulingen« den Mentor zu spielen, und so ging mein Nachbar auf ein anderes Thema in einer wohlgeordneten Rede über, als er meinen fragenden Blick sich auf diese neue Erscheinung richten sah. »Das ist eine »tukangpidjit«, und zwar die berühmteste von ganz Batavia,« belehrte er mich und fasste die kleine Hand dieser Frau und zeigte sie mir; »»pidjit« heisst massiren, und das Wort tukang, welches Sie bei jedem Handwerk und Gewerbe nennen hören werden, bezeichnet eben den Handwerker; so heisst tukang pérag (Silber) der Silberschmied, tukang mendjâhit (nähen) Schneider, tukang mendjâhit buku der Buchbinder, tukang snâpang der Gewehrmacher und tukang ôbat der Apotheker u. s. w. — tukang pidjit ist also ein Masseur oder eine Masseuse. Diese kleine Hand überrascht Sie, das Werkzeug einer kräftigen Masseuse zu sein; aber ich sage Ihnen, kein europäischer Masseur, und hätte er die Hand eines Goliath, kann so kräftig als diese kleine Hand massiren; sie massirt aber gar nicht mit der Hand, sondern nur mit den Fingern, und darin liegt eben ihre Kunst und ihre Kraft; wenn ich Doctor wäre, ich würde die Muskeln der Finger einer solchen Masseuse untersuchen, ich bin überzeugt, dass sie doppelt so stark entwickelt sind, als die des grössten Europäers. Ihre Kunst besteht in pidjit, urut und krok.[17]Krok ist keine Kunst. Wenn Jemand Muskelschmerzen hat oder im Fieber liegt, welches den Patienten trotz aller inneren Arzneien nicht verlassen will, nimmt die tukang pidjit eine Kupfermünze oder ein Stück von dem Horne eines Rhinoceros und reibt damit grosse Striemen auf der Haut des Rückens und der Brust. Schwieriger ist schon das Urut. Diese Frau — selten thun es Männer — nimmt Cocos- oder Kaju-putih-Oel, bestreicht damit ihre Hand und reibt dann die Muskeln mit grösserem oder kleinerem Druck. Pidjit jedoch — ist die Kunst aller Künste. Wenn ich erschöpft von der Jagd nach Hause komme, oder wenn ich meine zehn Stunden in der Zuckerfabrik hin- und hergegangen bin, oder wenn ich Stunden lang im Zuckerrohrfelde die erkrankten Halme herausgesucht habe, dann bin ich Abends so müde, dass ich nicht in Schlaf fallen kann, bevor nicht die tukang pidjit mich »gepidjit« hat. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich jeden Tag um zehn Uhr mich dieser Operation unterwerfen muss, will ich nicht Stunden lang auf den Schlaf warten. Heute jedoch will ich bei meinem Freunde soupiren und darnach ein paar Stunden l’hômbre spielen; dies ist die Ursache, dass diese Künstlerin schon jetzt um fünf Uhr mich unter die Hände nehmen muss. Adieu.«
Das »pidjit« ist ein Kneten aller Muskeln, welche zwischen die Finger gefasst werden können, und ein Massiren der Hautmuskeln und jener dünnen Muskeln, welche auf einer harten Unterlage ruhen, wie z. B. auf der Stirn. So schmerzhaft dieses Kneten und Reiben des ganzen Körpers sein kann, ein so angenehmes Gefühl sind die Folgen dieser Operation; unter den Erklärungen für das angenehme Gefühl dieser Volkssitte scheint jene die plausibelste zu sein, welche annimmt, dass mit dieser Operation die Ermüdungsproducte sofort in den Blutstrom gebracht werden, und dass die Muskeln daher von einem Ballast sofort und für jeden Fall früher befreit werden, als es durch die Ruhe allein möglich wäre. Da das Schlusstableau jeder Massage dieser Frauen eine forcirte passive Bewegung aller grossen und kleinen Gelenke ist, so werden auch pathologische Zustände, so z. B. chronische Entzündungen, rheumatische Schwellungen oder Ablagerungen der Gicht günstig durch das »pidjit« dieser Frauen beeinflusst. Ob sie aber im Stande seien, kleine unbedeutende Affectionen der Sehnen, Nerven und Muskeln, welche der Diagnose des geübten europäischen Masseurs sich entziehen, und welche sie mit dem allgemeinen Ausdruck urat sala = unrichtige Ader bezeichnen, factisch und richtig zu erkennen, muss bezweifelt werden und fordert noch die Bestätigung auf wissenschaftlicher Basis. Ebenso viel oder wenig muss bezweifelt werden, ob die Kunst des »pidjit« in der Hand der Dukuns so Hervorragendes leiste, als im Allgemeinen angenommen wird. Zweifellos steht jedoch, wie wir in Band I: »Borneo« sahen, ihre Geschicklichkeit fest, eine Frau nach Belieben steril zu machen, und zwar temporär, um ihr zum erwünschten Zeitpunkt die Fruchtbarkeit wieder zurückgeben zu können.
Fig. 3. Die Hauptstrasse im chinesischen Viertel zu Buitenzorg.
Fig. 3. Die Hauptstrasse im chinesischen Viertel zu Buitenzorg.