8. Capitel.

8. Capitel.

Die Schiefertafel („Leitje“) — Die Wege der Fama — Lesegesellschaft — Ein humoristischer Landesgerichtsrath — Abreise von Ngawie — Ambarawa — Nepotismus in der Armee — In drei Tagen zweimal transferirt — Vorschuss auf den Gehalt — Die Provinz Bageléen — Essbare Vogelnester — In Tjilatjap — Polizeisoldaten — Beamte — Sehenswürdigkeiten von Tjilatjap — Officiere in Civilkleidung — Eingeborene Beamte — Gehalt eines Regimentsarztes — An Malaria erkrankt — Djocja — Der Tempel Prambánan — Die „Tausend Tempel“ — Wieder nach Ngawie — Spitalbehandlung der Officiere — Reibereien in kleinen Städten — Die Provinz Surakarta — Der Kaffeebaum — Ein Roman auf dem Vulcane „Lawu“.

Am 10. Januar 1890 wurde meine Transferirung nach Willem I beschlossen. Wie gewöhnlich erfuhr ich dies zunächst aus den telegraphischen Nachrichten in der »Locomotief«, der besten, täglich erscheinenden Zeitung von Indien. Ahnungslos sass ich Nachmittags um vier Uhr beim Thee, als mich ein »Leitje« = »Schiefertafel« des Platz-Commandanten davon verständigte. Es wird nämlich in Indien zum geselligen schriftlichen Verkehr kein Papier, sondern das »Leitje« gebraucht, welches aus einer doppelten Schiefertafel besteht. Auf die eine schreibt man seine kurze Mittheilung, und auf die zweite kann der Empfänger sofort die Antwort schreiben, weil sich der Griffel im hölzernen Rahmen befindet. Dies ist eine sehr einfache und praktische Correspondenz, welche voraussetzt, dass der Ueberbringer, der Bediente oder die Babu (Zofe), es nicht lesen können, und dass kein indiscreter Nachbar sie auffängt. Leider ist oft weder das Eine noch das Andere der Fall, und werden Privatgeheimnisse bekannt, ohne dass der Verräther eines solchen Geheimnisses geahnt wird.

Ein solcher Fall trug sich auf Atjeh im Jahre 188. zu. Der Gouverneur der Provinz, General v. T..., beschloss eines Tages, am anderen Morgen eine grosse Expedition gegen die Atschinesen ausrücken zu lassen, und besprach diese Angelegenheit mit den vier anwesenden Bataillons-Commandanten. Diese Expedition musste geheim gehalten werden, weil der Feind überfallen werden sollte. Am andern Morgen wurde um drei Uhr Alarm geblasen, und die vier Bataillons-Commandanten waren nach einer Viertelstunde an der Spitze ihrer Truppen. Da trat plötzlich ein Hauptmann zu dem Oberst-Lieutenant B. und frug ihn, wie spät er hoffe in Y. zu sein. »Wieso wissen Sie es, dass wir nach Y. marschiren?« »O, dies habe ich gestern im Club gehört.« »Was? Sie haben es gestern Abend im Club gehört, und wir vier Bataillons-Commandanten haben dem General v. Th.. das Wort gegeben, die Expedition geheim zu halten! Gehen Sie sofort zum General, ihm dieses zu melden; denn wenn Sie es schon gestern im Club gehört haben, dann wissen es auch schon die Atschinesen, und unsere Arbeit ist umsonst; ‚der Vogel ist sicher geflogen‘.«[121]Der General war entrüstet, als er von diesem Vorfall Rapport erhielt, liess die Truppen in die Caserne zurückgehen und befahl dem Oberst-Lieutenant B., eine strenge und genaue Untersuchung zu halten, von wem der Verrath ausgegangen sei. Alle Officiere, welche den Abend vorher im Club gewesen waren, wurden vernommen, und endlich fand man die Quelle des Verraths — bei dem Oberst-Lieutenant B., welcher seinem Adjutanten ein »Leitje« mit dem Befehle geschickt hatte, ihn den folgenden Morgen um 3 Uhr von der Wohnung abzuholen.

Abends um 7 Uhr kamen alle Officiere und bekannte Bürger zu mir, um mir zu meiner Transferirung zu »felicitiren«. Die Veranda meines Hauses hatte zwei ovale Tische, um welche Schaukelstühle und gewöhnliche Stühle standen; diese waren chinesisches Fabrikat und aus Djattiholz (Tectonia grandis) verfertigt. An der Mauer hingen zwei Oleographien nach Defregger, und dazwischen befanden sich einige kleine Etagèren für Blumentöpfe. Diese Etagèren waren von einem Javanen aus dem schweren und harten Djattiholz geschnitten; sie verriethen ebenso viel Kunstsinn als Geschmack und hätten jedem europäischen Holzkünstler Ruhm und viel Geld eingetragen; sie stellten zwei schnäbelnde Tauben dar, welche ein Brettchenauf dem Rücken trugen. Der Künstler war damals schon ein alter Mann, so dass er leider nur noch kurze Zeit für seine Kunst leben konnte.

Kein einziger der Besucher dachte daran, mir und meiner Frau etwas anderes als den Glückwunsch auszusprechen, endlich von diesem »Neste« befreit zu werden. Es ist wahr, dass Ngawie eine hohe mittlere Temperatur hatte; aber es hatte damals »ein gesundes Klima«. Es ist wahr, dass die Zahl der Europäer sehr klein war; die Garnison hatte 1 Major, 2 Capitäns und 4 bis 5 Lieutenants; von den Bürgern konnten mit uns auch nur 8 Familien verkehren, so dass der gesellschaftliche Verkehr sich auf 15 Familien beschränken musste; solche kleinen Garnisonen haben aber den Vortheil, dass ein gemüthlicher und geselliger Verkehr leicht zu Stande kommt.

Eine grosse Stadt bietet eine grosse Auswahl im Kreise der Bekannten, es giebt in Batavia, Samarang u. s. w. zahlreiche Musikvereine, es besteht eine Theatergesellschaft von Dilettanten, oder es kommen hin und wieder Opern- und Operettengesellschaften aus Europa und führen in mittelmässiger Qualität die letzten Novitäten (?) in einem dazu bestimmten Gebäude auf, es giebt wissenschaftliche Vereine, Museen, welche dem Amateur Sehenswerthes in Hülle und Fülle bieten. In den zahlreichen Geschäften können die Damen, wenn auch oft nur um hohe Preise, der Mode ihre unvermeidlichen Opfer bringen. Die grossen Entfernungen bieten nicht nur zahlreiche Spazierwege, sondern zwingen auch, eine Equipage zu halten, um damit auch täglich ausfahren zu können und sich den thatsächlich hohen Genuss zu gönnen, sich um 6 Uhr beim Scheiden der Sonne an dem sanften Zephyrwinde zu erfrischen, der dem in der Equipage Sitzenden die Schweisstropfen trocknet.

Ngawie war dagegen eine kleine Garnison und hatte nur eine kleine Auswahl der gesellschaftsfähigen Menschen, während der Ort selbst nichts, gar nichts zur Abwechslung in dem täglichen monotonen Leben bot; die Menschen schliessen sich also mehr an und — manchmal entwickelt sich ein Freundschaftsverhältniss, das einen Ersatz für alle Vorzüge der Grossstadt bietet. Für jeden Fall jedoch wird man gezwungen, in »der Familie das Glück zu suchen«. Für die Zerstreuung wird durch die »Büchsen« gesorgt. Wo nur zehn Europäer wohnen, wird eine »Lesegesellschaft« errichtet, welche einen »Director« wählt. Durch einen monatlichen Beitrag von 4 bis 5 fl. wirdvon den 10 bis 15 Mitgliedern eine hinreichende Summe zusammengebracht, um auf die bedeutendsten und bekanntesten europäischen Wochenschriften in der holländischen, deutschen, französischen und englischen Sprache zu abonniren; man wird in jeder Lesegesellschaft ebenso gut die »Fliegenden Blätter« als die französische »L’Illustration« oder den englischen »Punch« finden. Die bedeutendsten Romane kommen sofort in die Hände des indischen Publicums, und nur wenn der »Director« der Lesegesellschaft die Wahl der Bücher dem Buchhändler überlässt, kommen Bücher »in die Büchsen«, welche für ein ganz anderes Publicum bestimmt sind, als für das in Indien, welches gewöhnt ist, die besten und neuesten Bücher zu lesen, auch wenn sie so theuer sind, dass der Einzelne sich bedenken würde, sie zu kaufen. Die Wahl der Bücher und Wochenschriften wird darum in der Regel den Mitgliedern überlassen; zu diesem Zwecke wird in dem Monat September an diese eine Liste aller möglichen Wochenschriften gesendet, und Jeder giebt an, von welcher er ein neues Abonnement wünscht. Der »Director« entscheidet hierauf im Verhältnisse zum Stande der Casse, was für das nächste Jahr bestellt werden müsse. Dieser hat aber noch eine zweite und eine dritte Quelle der Einnahmen. Zunächst haben viele Lesegesellschaften »Nachlesers«, d. h. Menschen, welche aus verschiedenen Ursachen sich begnügen, die Wochenschriften und Romane zu lesen, nachdem sie alle Mitglieder ausgelesen haben. Der Eine thut es, weil er als Nachleser nur 2 oder 1½ fl. monatlich zu bezahlen hat; ein Zweiter kann einfach nicht Mitglied werden, weil eine gewisse Zahl Mitglieder nicht überschritten werden darf. Um auf dem Laufenden der Ereignisse in Europa zu bleiben, wünscht natürlich jedes Mitglied bei Ankunft der Wochenschriften und Bücher sofort wenigstens von zwei oder drei derselben das Exemplar zu erhalten. Der Director sorgt also dafür, dass jede Woche Jeder der Mitglieder in seiner »Trommel« eine oder zwei Nummern der zuletzt erschienenen Zeitschriften erhält; diese »Trommeln« circuliren dann jede Wocheeinmal, und wenn 15 Mitglieder sind, bekommt jedes Mitglied die meisten Zeitschriften, wenn sie schon 15 Wochen alt sind; das ist natürlich selbst für Indien, wo man gewöhnt ist, erst in 4 bis 5 Wochen einen Brief aus Europa zu erhalten, eine veraltete Lectüre. Darum wird eine gewisse Anzahl der Mitglieder nicht überschritten, und jeder Candidat wird so lange »Nachleser«, bis er zum Mitgliede avanciren kann. Dann giebt esPflanzer oder Beamte oder selbst Officiere, welche sich allein auf abgelegenen Plätzen befinden und wegen grosser Entfernung nicht jede Woche eine »Trommel« erhalten können; sobald eine Transportgelegenheit besteht, schickt ihm der Director der Lesegesellschaft alle von den Mitgliedern gelesenen Bücher und Zeitschriften, welche er seinerseits wieder zurückschicken muss.

Fig. 14. Reichsinsignien, getragen von den Serimpis zu Djocja, nach Dr.Gronemann.

Fig. 14. Reichsinsignien, getragen von den Serimpis zu Djocja, nach Dr.Gronemann.

Da für jede Beschädigung eines Buches oder einer Wochenschrift Strafe bezahlt werden muss, so sind dieselben, trotzdem sie während 15 Wochen durch die Hände von 15 Familien gegangen sind, dennoch in einem so guten Zustande, dass sie mit oder ohne kleine Reparaturen wieder auf Auction gebracht werden können. Der Director hält nämlich am Ende des Jahres eine Versammlung der Mitglieder ab, um Bericht über den Stand der Casse und über die Wahl der Bücher für das nächste Jahr zu erstatten, eine Wahl des Directors und Cassirers vorzunehmen, und zum Schlusse wird bei einem Glas Bier oder einem Gläschen Genevre eine Auction der ausgelesenen Bücher und Zeitschriften gehalten. Der Ertrag fliesst in die Casse der Lesegesellschaft, und die »Illustrationen« wandern in die Kinderstube, um von den Kindern ausgeschnitten zu werden, oder in die Zimmer kleiner eingeborener Häuptlinge oder europäischer Beamten, oder werden von den Käufern an die Bibliothek des nächsten Spitales oder der nächsten Militär-Cantine verschenkt.

Diese »Lesegesellschaften« sind also für Indien geradezu ein bedeutender Factor der Volkserziehung, und Alt und Jung und Reich und Arm lesen in Indien viel mehr, als es ihre Standesgenossen in Europa thun.

Für mich und meine Frau war also der erste Aufenthalt in Ngawie keinesfalls bedauernswerth gewesen, und den Glückwünschen unserer Bekannten konnten wir das Bedauern entgegensetzen, Ngawie verlassen zumüssen, wo wir »gemüthliche und gesellige« Tage verbracht und gute und brave Menschen zu Freunden erworben hatten.

Unter den Anwesenden befand sich auch der Landesgerichtsrath Mr. X..., welcher sich stets eines besonders guten Humors erfreute, und in dessen Gesellschaft die Langeweile sich niemals einstellte. Plötzlich erhob er sich von seinem Sessel und verlangte mit feierlicher und ernster Miene, das Wort an den scheidenden Kameraden richten zu können; in seiner Eigenschaft als »Präsident van den Landraad« müssten ihm alle Geheimnisse der Bewohner Ngawiesbekannt sein, und dank dieser Wissenschaft sei ihm zu Ohren gekommen, dass ein grosses Fass ungarischen Weines seit vierzehn Tagen in meiner Speisekammer ruhe und nur warte, von seinem köstlichen Inhalte befreit, d. h. in Flaschen abgezogen zu werden. »Wenn unser Aesculapius,« fuhr er fort, »Ngawie verlässt, dann dürfe dieses Fass, gefüllt mit feurigem Ungar-Wein, diesen Garnisonplatz nicht verlassen, es müsse in Ngawie bleiben, wo es durch seinen vierzehntägigen Aufenthalt Bürgerrecht erhalten habe und gewissermaassen Eigenthum der Stadt geworden sei. Wenn die anwesenden Officiere und Bürger das fluchwürdige Vorhaben des Hausherrn, den Wein nach Willem I mitnehmen zu wollen, ebenso entrüstet verurtheilen und verdammen würden, wie er es thue, dann sei er überzeugt, dass eine solche Fahnenflucht nicht werde stattfinden können. Er schlage also vor, das Haus des Dr. Breitenstein nicht zu verlassen, sondern aus der Cantine die Korkmaschine holen zu lassen und sofort mit vereinten Kräften ans Werk zu gehen, d. h. mit dem Abzapfen des Fasses Wein zu beginnen.« Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag von Allen angenommen — bis auf meine Frau.

Mit stummem, flehendem Blick sah sie bald mich, bald den Friedensstörer an, der ihr auf diese Weise plötzlich zehn Gäste zum Abendessen auf den Hals schaffen wollte. Herr X... verstand diesen stummen, jedoch vielsagenden Blick und fuhr in seiner Rede fort: »Meine Herren und Damen; blicken Sie jetzt in das Antlitz unserer hochverehrten Hausfrau; ist in diesen edlen Zügen nur ein kleines Winkelchen Platz für das schädlichste aller Laster, für den Geiz? Ich weiss es durch meine Spione, welche alle Geheimnisse von Ngawie verrathen, dass in der Speisekammer dieser Dame herrliche Conserven aufgespeichert liegen, und doch erbleicht sie bei dem Gedanken, uns bewirthen zu müssen; aus Geiz, nein, dieser edlen Seele sind alle Laster fremd, also auch das des Geizes. Aber meine Herren und Damen, mein scharfes Auge durchblickt nicht nur die Mauern der Speisekammer, sondern auch die des Herzens unserer Hausfrau. Dort, in der Speisekammer, sehe ich nämlich Büchsen mit Erbsen, Spargel, geräuchertem Lachs, Sardinen, condensirter Milch, Krebsen, amerikanischen Früchten, Erbsensuppe, Kalbsbries und geräucherten Heringen; hier in der Tiefe des Herzens sehe ich die Sorge der Ohnmacht, eine so ansehnliche Schaar hungriger und durstiger Gäste in würdiger Weise nach alter indischer Gastfreundschaftbewirthen zu können. Meine Herren und Damen! erleichtern wir aber auch die Sorge und Mühe unserer Gastfrau; es ist beinahe 8 Uhr; auf Jeden von uns wartet zu Hause eine Schüssel Suppe, ein Stück Beefsteak mit Erdäpfeln u. s. w.; lassen wir Boten nach allen Richtungen der schönen und grossen Stadt Ngawie geflügelten Fusses eilen, dass uns unser Abendessen hierher gesendet werde, und dem improvisirten Picknick folge dann die schöne und süsse Arbeit des Abzapfens.« So geschah es. Um 9 Uhr begann das improvisirte Souper, und um 10 Uhr die Arbeit. Die Bedienten, welche diese Arbeit schon früher einige Male gethan hatten, wurden suspendirt, an ihre Stelle traten die Gäste. Der Eine sass am Fussschemel, um die Flaschen zu füllen, der Zweite nahm sie ihm aus der Hand, ein Dritter brachte sie nach der Korkmaschine, ein Lieutenant tauchte sie in das flüssig gemachte Dammar (= Harz) u. s. w. Natürlich hatte Jeder sein Glas und benutzte jeden freien Augenblick, mit ihm zum Krahn zu gehen und sich »frisch vom Zapfen« den Labetrunk zu holen. Im Hause selbst spielte bald meine Frau, bald eine der geladenen Damen am Piano fröhliche Studentenlieder, und um 12 Uhr waren 450 Flaschen gefüllt und gelackt in der Speisekammer. Als das Fass leer war, wurde es von vier Herren auf die Schulter genommen und unter den Klängen des Trauermarsches von Chopin rund um das Haus getragen und im Garten begraben.

Am andern Morgen bekam der Platz-Commandant die officielle Mittheilung von meiner Transferirung. Dr. X... sollte mich ablösen, und nach Uebergabe des »Dienstes in seinem ganzen Umfange« sollte ich nach Ambarawa gehen und mich unter die Befehle des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid« von Willem I stellen. Da zu erwarten war, dass mein Nachfolger noch vierzehn Tage auf sich werde warten lassen, hatte ich genug Zeit, alle vorbereitenden Maassregeln für die Auction meiner Einrichtung treffen zu können. Ich konnte mit Sicherheit aufkeinengünstigen Erfolg meiner Auction rechnen, und besprach also mit dem Auctionator für diesen Fall, meine Einrichtungsstücke nicht à tout prix zu verkaufen. Für jedes einzelne Stück »limitirte« ich den niedrigsten Preis und besprach zu gleicher Zeit mit dem Stationschef die Miethe eines halben Waggons für meine Möbel und Koffer und eines Wagens für meine Equipage und für meine beiden Pferde. Endlich kam mein Nachfolger Dr. X., dem ich den Dienst sofort übergab, und ich bekamdann vier Tage frei, um meine »persönlichen Angelegenheiten regeln zu können«. Herr v. d. V... bot mir für die letzten Tage meines Aufenthaltes in Ngawie in liebenswürdiger Weise Gastfreundschaft in seinem Hause an und gab den Abend vor meiner Abreise mir zu Ehren ein Abschiedsfest. Am 24. Februar war die Auction, welche mich insofern befriedigte, als die grossen Stücke, wie Pianino, Kasten, Equipage und Pferde zwar keinen Abnehmer gefunden hatten, die kleineren Gegenstände aber, als Nippessachen, Service u. s. w. doch noch um 817,40 fl. verkauft wurden. Nach der Auction liess ich das Pianino und die übrigen Möbelstücke mit den Kisten auf drei Frachtwagen, welche mit Ochsen bespannt waren, laden und sie in der Nacht um 3 Uhr von Ngawie wegfahren. Als ich am andern Tage, den 25. Januar, um 7 Uhr nach Paron kam, war alles bereits in den Waggon geladen, und ich verliess Ngawie nach einem Aufenthalte von 16 Monaten in einer angenehmen Stimmung. Die Verdriesslichkeiten, welche ich im Dienste erfahren hatte, traten in den Hintergrund vor den vielen Beweisen der Freundschaft und Sympathie, deren ich mich erfreuen konnte. Für den Transport meiner Möbel, für mich, meine Frau und zwei Bediente bezahlte ich 210 fl. 97 Ct.[122]

Die Reise ging mit der Eisenbahn zunächst nach Solo auf der Staatsbahn; hier musste ich umsteigen, weil die Privatbahn Samarang-Fürstenländer schmalspurig ist, und musste das Gepäck mit meinen Pferden zurücklassen; der Kutscher erhielt den Befehl, bei den Pferden zu bleiben und das Ueberladen derselben auf die andere Linie zu leiten. Eine halbe Stunde später setzte ich meine Reise fort bis Kedong-Djati, wo eine Zweigbahn mich nach Ambarawa mit dem Fort Willem I brachte. Hier kam ich um 6 Uhr Abends an und fand zu meiner Ueberraschung Dr. K., meinen Landsmann und Studiengenossen, welcher bereits im Jahre 1874 nach Indien gegangen war, als meinen künftigen Chef vor.

Obwohl ich mich nur zwei Tage und drei Nächte in Ambarawa aufhielt, weil, wie wir sofort sehen werden, ich schon am 28., also drei (!!) Tage später nach Tjilatjap transferirt wurde, so glaube ich doch einiges über diesen Ort und seine Festung Willem I mittheilen zu müssen.

Ambarawa und das genannte Fort liegen 476 Meter hoch auf dem Fusse des Ungarang (2048 Meter absoluter Höhe) und grenzenim Süden an den grossen Sumpf (Rawa Peníng), welcher, wie der ganze Thalkessel von Ambarawa, einem vulcanischen Einsturze sein Entstehen verdankte; das von dem umgebenden Berge strömende Wasser ergiesst sich in den Sumpf, um weiter als Fluss Tuntang, mit dem Fluss Demak vereint, der Javasee zuzuströmen. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, von Magelang aus per Wagen nach Ambarawa zu fahren, und immer war ich entzückt von dem schönen Panorama, welches sich um das Thal von Ambarawa nach allen Seiten ausbreitete; zahlreiche Dessas (Dörfer) umgeben den Rand des Sumpfes und die anliegenden Berghügel, die Sawahfelder in aller ihrer Farbenpracht, vom sanften Grün des jungen Reises bis zum Dunkelgelb des alten Reisstrohes. Zahlreiche Gemüsefelder und Fruchtbäume umsäumen die Peripherie des Sumpfes, welcher durch passende Ableitung des Wassers theilweise urbar gemacht war. Im Süden erheben der Telamaja (1883 Meter hoch) und derMerbabu (3116 Meter hoch) stolz ihre Häupter, und bei reiner Abendluft sieht man im Hintergrunde aus dem Merapi (2866 Meter hoch) den Rauch zum Himmel steigen.

Ambarawa selbst besteht aus den vier Ortschaften Pandjang, Ambarawa, Losari und Kupang, während das Fort Willem I 1½ Kilometer im Süden dieser Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes liegt. Nebst den Eingeborenen befinden sich dort einige hundert Chinesen, einige Araber, Mooren und Bengalesen. Auf dem Berge Ungarang befindet sich ein Sanatorium, vielleicht in dem schönsten Theile Javas gelegen.Vethgiebt seiner Bewunderung über dieses schöne Panorama mit folgenden Worten Ausdruck:

»Dieser Bergrücken (sc. Kendil), welcher nicht mehr als 1½ km Luftlinie von Ambarawa entfernt ist und sich 300–350 Meter über das Thal erhebt, bietet eine Aussicht, welche unter die schönsten gerechnet werden kann, die Java zu geniessen giebt. Das reich bevölkerte Ambarawa, das Lager und die Festung sieht man zu seinen Füssen liegen, und wenn man dahinter den Blick über das Thal schweifen lässt, sieht man dieses wie ein Schachbrett in Fächer vertheilt. Hier wird ein Feld von Karbouwen für die neue Ernte gepflügt, dort prangt ein anderes im lichten Grün der jungen Reishalme; hier ist ein drittes in das dunkle Kleid von altem Reis gehüllt, und ein viertes ist gelb gefärbt von den Aehren, welche unter der Last der Reife ihr Haupt neigen. Kleine Wälder von Fruchtbäumen, welche die zu Dörfern vereinigten Wohnungen derEingeborenen verbergen, liegen wie Inseln zerstreut dazwischen. Blickt man weiter hinein in den Thalkessel, dann sieht man ein grosses, weites, graues Feld, neben grossen Wasserpfützen, welches weder Acker noch Haine führt. Es ist der Sumpf, welcher durch seine todte Kahlheit ebenso sehr absticht bei der weniger reich bevölkerten und bebauten Gegend, welche sich an der anderen Seite ausbreitet, als bei jener, welche sie von Ambarawa scheidet. Aber was besonders dieses Panorama so ergreifend macht, das sind die grossen Bergprofile, welche jenseits den Thalkessel begrenzen: Im Vordergrund der Kelir, Wiragama und Telamaja, und fern im Süden der breite Scheitel des stolzen Merbabu.«

Das Fort selbst wurde im Jahre 1833 von dem Generalvan den Boschals Mittelpunkt der Vertheidigung von Java hier angelegt, weil sich hier der grosse Weg vom Norden nach dem Süden in zwei Arme theilt und somit von den Kanonen des Forts bestrichen werden kann, und weil das Terrain eventuell unter Wasser gesetzt werden kann. Nun, die Vertheidigungsfähigkeit dieser zwei Strassen durch das Fort Willem I wird heutzutage von Niemandem mehr anerkannt, und ein europäischer Feind würde mit zwei Mörsern und zwei Gebirgskanonen, welche sich auf dem Telamaja oder Kelir befinden würden, bald das Feuer aus dem Fort zum Schweigen bringen.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind ist schon seit Jahrzehnten die ununterbrochene Sorge der Regierung, und die stets wechselnden Armee-Commandanten brachten zwar auch stets neue Ansichten, aber das Endresultat ist gleich Null; denn das Anlegen von starken Centren in den drei Militär-Abtheilungen von Java im Innern des Landes, von wo aus im gegebenen Falle die Truppen nach allen Richtungen der Windrose dirigirt werden können, ist alles, was bis jetzt geschehen ist. Der heuer ernannte General-Gouverneur von Indien ist ein Militär, und zwar der GeneralRozeboom, welcher, wie mitgetheilt wird, in Holland durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Festungsbauten eine Autorität ist; wenn auch während seiner Regierungszeit,[123]welche für fünf Jahre festgestellt ist und verlängert werden kann, der Wechsel des Armee-Commandanten vielleicht derselbe wie früher sein wird, so kann diese Lebensfrage in Indien ernstlich in Angriff genommen werden. Im Laufe der letzten Jahre hat das Armee-Commando sich nurmit der »Reorganisation« der Armee[124]beschäftigt und die Rolle eines Despoten sich angeeignet, wobei natürlich ein Missbrauch dieser absoluten Gewalt nicht ausgeschlossen blieb. Der neue General-Gouverneur kann also die Frage der Vertheidigung Javas selbst in die Hand nehmen und hin und wieder den Herrschergelüsten des Armee-Commandanten mit seiner Autorität entgegentreten; unter den früheren Armee-Commandanten war es bekannt, dass sie keine andere Sorge hatten und kannten, als missliebige Personen zu entfernen und ihren Freunden ein schnelles Avancement zu besorgen, unter dem passenden Vorwande: Junge Kräfte und junges Blut in die höheren Rangstufen zu bringen. Natürlich trat die Regierung in Holland dieser Verschwendung entgegen, welche oft ein bitteres Unrecht gegen die davon Betroffenen involvirte. Aber sie fanden einen Ausweg; was die Oberregierung in Holland officiell verweigerte, erreichten sie durch »hinausekeln«. Dazu sollte manchmal das ärztliche Corps Handlangerdienste leisten. Ich sass beinahe fünf Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und hatte als ältester (nach dem Chef) das Referat auszuarbeiten. Dessen kann ich mich jedoch rühmen: ich habe mich immer objectiv gehalten, und wenn auch z. B. in den Zuschriften des Armee-Commandanten mitgetheilt wurde, »dass natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu erwarten sei, dass Hauptmann X. in Zukunft gesund bleiben werde« u. s. w., und wenn auch der Chef der Commission diesen Wink mit demZaunpfahl verstehen wollte, so liess ich mich dadurch in meinem Referat nicht beirren. Da ich auf dieses widerliche Bild nicht mehr zurückkommen werde, so will ich an dieser Stelle den Nepotismus in der indischen Armee skizziren, ohne jedoch in Details zu verfallen. Der Regimentsarzt X. ist verwandt und befreundet mit dem Armee-Commandanten und möchte gern schnell Stabsarzt werden, ohne solche aussergewöhnlichen Leistungen aufweisen zu können, welche ein aussertourliches Avancement[125]rechtfertigen könnten. Capitän Y. möchte gern sobald als möglich den Dienst als Major verlassen, um mit einer Pension von 2800 fl. in patria in der Kraft seines Lebens noch eine Civilstellung annehmen zu können. Die Vordermänner stehen ihnen im Wege, es wird also das Leid direct oder indirect dem hohen Freund und Gönner geklagt. Dieser spricht natürlich gegenüberden Chefs dieser Vordermänner das Bedauern aus, dass seine gute Absicht in Holland aus falschen Sparsamkeitsrücksichten nicht gewürdigt wurde, und dass also altersschwache[126]Männer ohne Energie den goldenen Kragen bekämen. Dieser versteht den Wink und beginnt zu »suchen«.

»Wer einen Hund schlagen will, findet immer einen Stock«, und ich sah oft die unwürdigsten Mittel anwenden, um ein solches Hinderniss aus dem Wege zu räumen. Nepotismus und Protection kommen leider überall vor; aber in einer kleinen Armee machen sie sich mehr als in einer grossen fühlbar und kommen schneller zum Bewusstsein aller Officiere; es entwickelt sich dadurch auch ein Servilismus, der geradezu lähmend auf den ganzen Dienst wirken muss. Es ist zu hoffen, dass das Princip der strengen Anciennität, welche das Gesetz vorschreibt, nicht wieder auf so schändliche Weise umgangen wird, als es unter den früheren Armee-Commandanten geschah. Doch genug von diesen Uebelständen in der indischen Armee.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind resp. Amerika ist also die Hauptsorge des neuen General-Gouverneurs; so wenig es mir möglich ist, mich mit dieser Sache zu beschäftigen, so glaube ich auf einen Factor hinweisen zu müssen, der früher als Axioma galt, heute aber gewiss an Bedeutung verloren hat. Dieses Axioma lautet: Die beste Vertheidigung Javas ist — sein Klima; ein europäischer Feind, der auf Java landet, würde schon in den ersten Tagen ⅓ seiner Bemannung durch Fieber, Dysenterie oder Cholera verlieren. Dieseswarwahr, hat aber heute seine Richtigkeit verloren; die Lehren der Hygiene sind Gemeingut geworden, und die Verluste einer fremden Macht würden nicht viel grösser sein als die der indischen Armee. Sie würde, um nur ein Beispiel anzuführen, für gutes Trinkwasser sorgen, und die Morbidität der Truppen würde ebenso klein bleiben wie sich die Mortalität nur um geringes steigern würde.

Das Fort Willem I wird gewiss in dem zukünftigen Vertheidigungsplane eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. als Depot für Kriegsmaterial, wie das benachbarte Banju-Biru, welches jetzt die Hauptstation für die Feld- und Berg-Artillerie ist.

Bei meiner Ankunft wurde mir eine Wohnung ausserhalb des Forts angewiesen, und zwar im sogenannten »Campement«; d. h. dieBureaux und die Wohnungen der Officiere, welche im Fort selbst keinen Platz hatten, befanden sich vor der ersten Zugbrücke, und zwar in der Nähe des grossen Postweges, welcher bei Samarang beginnt und beiBaven sich in zwei Arme theilt. An der Ecke des »Campements« befand sich das »Windhaus«, welches mir zugewiesen wurde, und ich ersuchte »die Genie«, solche Veränderungen des Hauses vorzunehmen, dass es von dem Zuge nicht belästigt würde. Durch Abschliessen einiger Fenster sollte dies geschehen, und so verliess ich am 28. das Hotel, um meine neue Wohnung zu beziehen; meine Möbel, Kisten und Koffer waren am 27. Abends angekommen, und ich hatte drei Lastwagen gemiethet, welche sie vom Bahnhofe direct ins Haus bringen sollten. Alles war in gutem Zustande angekommen; meine zwei Sandelwood-Pferde begrüssten mich mit lautem Wiehern, und so zog ich an der Spitze der kleinen Karawane zum »Windhause«. Als ich mich diesem näherte, sah ich zu meinem Schrecken Dr. K., mit einem Telegramm in der Hand, mit meiner Frau sprechen, welche laut schluchzend und weinend mir entgegen lief: »Wieder transferirt, und zwar nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde von Java, wo sich nicht einmal Soldaten befinden, von wo die Garnison verlegt werden musste, weil das Fieber, die Malaria sie mordete, wo selbst die Vertheidigungskanonen der Küste verlassen werden mussten, dahin müssen wir gehen.« Dr. K. konnte nichts anderes thun als ich, und zwar mit den Schultern zucken und sagen: es muss sein. Verblüfft sahen mich die Führer der Frachtwagen an, als ich ihnen zurief: »Kombâli« (= zurück); ebenfalls die Schultern zuckend, liessen sie die Ochsen umkehren und die Lasten wieder zum Bahnhofe bringen. Glücklicherweise war der Zug schon um 6 Uhr Morgens nach Solo abgegangen; sonst hätte ich noch denselben Tag abreisen müssen, mit oder ohne Reisegepäck, denn es war eine Eildepesche, und als ich den andern Tag Abends in Tjilatjap ankam und sofort in die Wohnung des Regimentsarztes W... eilte, in der Voraussetzung, ihn schwer krank oder vielleicht schon sterbend zu finden, war er nicht zu Hause!! Als ich ihn endlich in der Infirmerie fand, kam er mir mit den Worten entgegen: »Was kommen Sie hier thun?!!«

Nach Erhalt des Telegrammes ging ich nach Haus, beruhigte meine Frau so viel ich konnte und ging, mich beim Platz-Commandanten abzumelden. Unterwegs fiel mir aber ein, dass so eine Reise nach Tjilatjap wieder Geld und zwar sehr viel Geld kosten würde.Bei seiner Transferirung muss nämlich der Officier alles selbst bezahlen und reicht später seine »Declaration« ein, welche jedoch niemals sofort beglichen, sondern der»Rekenkamer« zur Revision vorgelegt wird. Der Officier kann jedoch 80% Vorschuss auf den Betrag seiner eingereichten Rechnung erhalten. Für die Reise von Ngawie nach Ambarawa hatte ich meine »Declaration« noch nicht eingereicht, von dem Ertrage meiner Auction hatte ich noch keinen Wechsel erhalten; ich war also court d’argent für meine Reise nach Tjilatjap, welche gewiss 300 fl. kosten würde. Ich ging also zum »Bezahlmeister« der Garnison und ersuchte ihn um einen Vorschuss auf meinen Gehalt. Der Zahlmeister, der niemals um einen Witz oder um ein scherzhaftes Wort verlegen war, richtete sich bei meinem Ansuchen stolz auf, sah mich mit drohenden Blicken an und rief entrüstet aus: »Was! ein reicher Doctor, der nicht einmal Kinder hat, verlangt Vorschuss auf seinen Gehalt! Das ist reiner Wucher! Sie wollen noch mehr Geld in die Sparbank bringen; Sie wollen noch immer Zinsen auf Zinsen auf Ihr Vermögen häufen! Das ist Schande!«

»Ja, das ist Schande,« erwiderte ich in demselben Tone der Entrüstung; »aber wessen? Da werde ich aus der Mitte Javas nach dem Norden der Insel transferirt, und drei Tage später wieder vom Norden nach dem Süden; der Regierung kostet dieses 219 fl. und mich über 300 fl.! Will also die Regierung durch uns Officiere die Unkosten der Eisenbahnen decken! Nehmen Sie jetzt an, dass ich 6 bis 8 Kinder hätte, wie viel würde ich dann verlieren? Finden Sie es also ein Unrecht, dass die Regierung dafür eine kleine Entschädigung bietet? Ich bekomme nach Recht und Gesetz, weil ich verheiratet bin, von vier Monaten, im anderen Falle von drei Monaten Gehalt einen Vorschuss, den ich nach drei Monaten in Raten von ¼ meines Gehaltes abzuzahlen anfangen muss; die 1700 fl., welche ich jetzt von Ihnen erhalte, tragen im günstigsten Falle 65 fl. Interessen (zu 4% gerechnet). Ist dieser Betrag nicht so klein, dass es eine Schande ist, darüber ein Wort, zu verlieren? Setzen Sie jedoch den Fall, dass ich 6 oder 8 Kinder hätte; würde es für mich nicht geradezu ein Unglück sein, in drei Tagen zweimal transferirt zu werden? Ich würde den Verlust nicht verschmerzen können und Schulden machen müssen.«

Diese häufigen Transferirungen sind auch die Schuld, dass sehr viele Officiere erst im Range vom Major aus ihren Schulden gegenüber der Regierung herausgekommen sind, da sie ihre alte Schuld,welche in 19 Monaten und von ledigen Officieren in 15 Monaten abbezahlt sein muss, noch nicht getilgt hatten, wieder transferirt wurden und dabei zunächst die alte Schuld abtragen mussten.

In früheren Jahren gab die Regierung jedem Arzte, und wenn ich mich nicht irre, jedem Officier, der darum das Ansuchen stellte, auch für den Ankauf von zwei Reitpferden 400 fl. Vorschuss, welcher Betrag (ebenfalls rentelos) in 20 Monaten abgezahlt sein musste. Da sich nach und nach der Missbrauch eingestellt, dass von den dazu berechtigten Officieren dieser Vorschuss genommen wurde, ohne dass sie sich factisch zwei Pferde kauften, wie z. B. in Garnisonen, wo sie sie nicht gebrauchen konnten, so hat die Regierung im Jahre 1888 damit ein Ende gemacht, indem sie diesen Vorschuss nur für den Fall bewilligte, als der Kauf der Pferde factisch geschah; zu diesem Zwecke wurde in allen Garnisonen eine Controlliste der Officiers-Pferde angelegt.

Nachdem ich meinen Vorschuss erhalten hatte, ging ich zunächst nach dem Bahnhof, um zu sehen, ob mein Gepäck und besonders, ob meine Pferde wieder ohne Schaden in den Waggon gebracht worden waren. Da diese feurigen Temperamentes waren, gab ich ihnen auf die Reise keinen Reis mit, sondern befahl dem Kutscher, welcher sie begleitete, jeden Tag 2 Pikol frisches Gras zu kaufen = 125 Kilo, wofür ich ihn 20 Ct. verrechnen liess. Es war ja die Regenzeit, und in diesem Monat kann man einen Pikol Gras selbst um 6 Ct. = 6 Kreuzer = 10 Pfennige bekommen; in der trockenen Zeit steigt der Preis oft bis auf 15–20 Cts., weil es dann oft weit her, z. B. von den Ufern eines Flusses oder aus schattigen Wäldern geholt werden muss. Ganz trocken ist das Gras in Java allerdings niemals, weil der Feuchtigkeitsgehalt der Luft immer ein hoher ist, und dies ist auch die Ursache, dassgrosse Lauffeuer selten in Indien vorkommen. Am andern Morgen, den 28. Januar, ging ich also um 6 Uhr früh wieder auf die Reise, um 1 Uhr kam ich in Djocja an, wo mich der Resident erwartete, dessen Frau eine Schulkameradin meiner Frau war, und lud mich ein, eine Nacht bei ihm zu logiren. Ich nahm es nicht an, weil mich das Eiltelegramm des Landes-Sanitätschefs das Aergste für den Gesundheitszustand des dortigen Arztes befürchten liess. Es war glühend heiss, das Thermometer zeigte im Schatten 35° C.; in der Restauration des Bahnhofes hatten wir ein ziemlich gutes Beefsteak mit Erdäpfeln gegessen und eine Flasche Rheinwein geleert, so dass wir gerade nichtleichten Muthes wieder die Reise fortsetzten. Bei dieser hohen Wärme ist in Indien das Fahren auf der Eisenbahn ja unerträglich. Ich hoffte eine Erleichterung zu finden, wenn ich für mich und meine Frau Karten I. Classe nehmen würde, um dadurch ein Coupé für uns Beide allein erhalten und mich des Rockes und der Schuhe entledigen zu können; aber wer kann unsern Schreck schildern, als unmittelbar vor Abgang des Zuges ein Herr sich zu uns gesellte, der, wie er mir später erzählte, dieselbe Absicht gehegt hatte. Dieser brave Mann ist seitdem gestorben. Ich kann also heute ruhig gestehen, dass wir Beide alle Flüche und Qualen der Hölle auf seinen Kopf erwünschten, natürlich nur im Flüsterton. Endlich um 6¼ Uhr Abends kamen wir in Tjilatjap an und mein Vorgänger — erfreute sich der besten Gesundheit!!

Bei meiner Transferirung von Ambarawa hatte ich die Provinzen Samarang, Surakarta, Djocjacorta, Bageléen und Banjumas durchzogen. Die ersten drei und die letzte Provinz werden uns weiterhin noch viel beschäftigen, und darum will ich an dieser Stelle nur mit wenigen Zeilen der Provinz Bageléen gedenken, weil ich einerseits sie nur per Eisenbahn durcheilt habe und sie andererseits nicht viel Sehens- und Mittheilenswerthes enthält.

Vor dem grossen Kriege von Java in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Bageléen (und Banjumas) ein Theil des westlichen Mantja[127]-negara,[128]und seine Fürsten waren Vasallen des Sultans von Solo. Hier in Bageléen, welches jetzt nicht nur die dichtbevölkertste Landschaft von Java, sondern vielleicht von der ganzen Erde ist [es wohnen ja mehr als 20,000 Menschen auf einer Quadratmeile,[129]und es besitzt bei einer Grösse von 62,07 ☐Meilen einen Ort (Purworedjo) mit 20,000 Seelen, 202 Kampongs mit 1000–5000, 679 Dessas mit 5–1000, 1327 mit 200–500, und 442 Dörfer bis 200 Seelen], wüthete früher der Despotismus seiner Fürsten mit allen seinen Qualen und Leiden für den kleinen Mann, und manmuss oft die lebhafte Phantasie bewundern, mit welcher diese kleinen Despoten Steuern zu erfinden wussten. Es wurde eine Steuer für wohlgefüllte Waden erhoben, die Einäugigen mussten Steuern für die Blinden bezahlen, bei jeder Klage wegen Diebstahls musste ein gewisser Betrag erlegt werden, für die Wachthütten auf den Reisfeldern, welchenichtgebaut wurden, für das Wiegen des Reises, welcher als Zehnt eingeliefert werden musste, war ein Zoll festgesetzt, obzwar der Reis niemals gewogen wurde, für das Zählen der Reisfelder, was niemals geschah, für das Recht, den Tanzmädchen zuschauen zukönnen, ob man es ausübte oder nicht, wurde eine Steuer erhoben, kurz, unter 34 (!!) verschiedenen Namen wurde der kleine Mann in seinem Erträgniss des Bodens gekürzt. Im Jahre 1830 kam es endlich unter die directe Verwaltung der holländischen Regierung; sofort wurden 24 dieser diversen Steuern abgeschafft, und die üppige Tropenflora im Verein mit der humanen europäischen Regierung schufen aus den öden, unbebauten, brachliegenden Feldern eine reich bevölkerte und reich bebaute Provinz mit einer glücklichen und zufriedenen Bevölkerung.

Der Name dieser Provinz stammt aus dem altjavanischenPageléen = penis und von der Linggasäule, welche sich bei Purworedjo, und zwar bei dem Dorfe Bageléen befindet und noch heutzutage von der Bevölkerung angebetet wird. Ueberhaupt findet man ja in Süd-Java viele Spuren des Siva-Dienstes.

Eine andere Sehenswürdigkeit ist der ausgehöhlte Felsen Karang bólang, welcher sich 181 Meter hoch über die See an der Südküste erhebt und sich wie ein Dom über die Fläche des Meeres wölbt, als Heimath von Tausenden und abermal Tausenden von Schwalben, deren essbare Nester unter dem Namen sarong burung ein starker und verbreiteter Handelsartikel geworden sind. Im Jahre 1871 wurde das Erträgniss dieser Höhle auf 25 Jahre für den Betrag von 37,100 fl. pro Jahr verpachtet. NachFriedmannsollen jährlich 500,000 Stück gewonnen werden.[130]

Die Hauptstadt Purworedjo mit dem Garnisonplatz Kedong Kebo und mit dem Gunung Wangi (8 Kilom. entfernt) = Berg des herrlichen Duftes,[131]die Grotte vom Berge Lawang und Tebasanmit den zahlreichen Ueberresten des Siva-Dienstes, die Umgebung von Kabumen mit ihren warmen Quellen, Gombong mit seiner Cadettenschule und der Grotte Ragadana mit schönen Stalaktiten sowie zahlreiche Alterthümer kann ich nur andeuten, aber nicht beschreiben, weil ich niemals Gelegenheit hatte, aus Autopsie sie kennen zu lernen.

Die Provinz Banjumas, in welcher Tjilatjap liegt, habe ich nach vielen Richtungen hin durchzogen, und zwar entweder in dienstlichen Angelegenheiten oder zu meinem Vergnügen. Am häufigsten kam ich nach Babakan, wo sich längs des Meeresstrandes die Schiessstätte der Artillerie der zwei militärischen Abtheilungen Javas befindet. Nach der Hauptstadt Banjumas kam ich im Ganzen nur viermal. Das erste Mal hatte den Zweck, mich dem Residenten (Statthalter) der Provinz vorzustellen, weil dieser in civilen Angelegenheiten gewissermaassen mein Chef war.

Nachdem ich zu meiner Ueberraschung meinen Vorgänger nicht nur beim besten Befinden getroffen, sondern auch von ihm vernommen hatte, dass er schon seit einigen Wochen einer relativ günstigen Gesundheit sich erfreue, ging ich nach Hause ins Hotel, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und hierauf trockene Leibwäsche anzuziehen. Das Hotel wurde von Frau X... geleitet, während ihr Mann gleichzeitig Schiffshändler und Kaufmann war; er hatte im Hotel einen Laden, in dem man einfach Alles zu kaufen bekam; es war ein »Tôko«, wie sie überall in Indien gefunden werden. Abgesehen von einigen Modistengeschäften in den grossen Städten, wie Batavia u. s. w., kennt der Detailhandel in Indien keine Specialitäten. In einem Tôko findet man Papier, Bücher, Gewehre, Conserven, Leinwand, Schuhe, Hüte, Lampen, Gläser, Porzellanwaaren, Petroleum, Käse, Butter, Thee, Kaffee u. s. w.

Natürlich hatte sich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, dass ein neuer Arzt angekommen sei, und Jeder beeilte sich, diesen zu Gesicht zu bekommen. Jeder hatte also diesen Abend in diesem Tôko etwas zu kaufen; der Eine eine Kiste Cigarren, der Andere eine Schachtel Maschinenzwirn und der Dritte bestellte eine Kiste Apollinaris-Wasser u. s. w.

Die Wirthin, eine schöne und stattliche Nonna,[132]sass unterdessenbei uns in der Veranda und theilte uns von Jedem, der in den Kaufladen trat, alles Wissenswerthe mit; unglaublich schienen mir die Mittheilungen über den Herrn D...: »37 Jahre befindet er sich schon in Tjilatjap und ist nur gesund, wenn er hier ist; jedes Jahr geht er auf die Reise, und kaum hat er Tjilatjap hinter sich, so beginnt er sich unwohl zu fühlen und bekommt das Fieber. Dasselbe ist der Fall mit dem Herrn K..., der schon 17 Jahre hier wohnt und, wie Sie soeben sahen, sich eines sehr gesunden Aussehens erfreut; er hat eine schöne Tochter, welche hier geboren ist, und ebenso wie die zwei Töchter des Herrn D... nur hin und wieder ein paar Tage lang Fieber haben; sie nehmen 20 Chininpillen und bleiben dann wieder für viele Monate von den Fieberanfällen verschont.« Dies waren sehr ermuthigende Worte, besonders für meine Frau, welche sich früher in den Gedanken eingelebt hatte, niemals dieses »verwünschte Fiebernest« bewohnen zu müssen, weil im Jahre 1887 die Garnison aus Gesundheitsrücksichten eingezogen worden war. Die Regierung schickt jedoch seit dieser Zeit immer einen Militärarzt dahin, weil sich kein Civilarzt bis jetzt dort angesiedelt hat. Die Zahl der Europäer in Tjilatjap und seiner Umgebung und die der Chinesen ist nämlich zu klein, um einen Civilarzt zu veranlassen, für ein Erträgniss, das kaum die Bedürfnisse des täglichen Lebens decken würde, Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Garnison war zwar aufgehoben, aber die zahlreichen militären Gebäude bestanden noch; auch die Küsten-Batterien, welche den Eingang in den Canal beherrschten, waren noch nicht entfernt und bedurften einiger Soldaten zur Bewachung; diese wenigen Soldaten standen unter dem Befehl eines Oberlieutenants »der Genie«. Uebrigens vertraten 80 Mann Pradjurits die bewaffnete Macht; das sind nach europäischen Begriffen Polizeisoldaten, welche den Verwaltungsbeamten zur Seite stehen und in erster Reihe den Bewachungsdienst in den Gefängnissen und den Transport der Sträflinge zu besorgen haben. Ihre militärische Ausbildung erhalten sie von einem europäischen Officierstellvertreter, und im Uebrigen unterstehen sie in allem und jedem dem Assistent-Residenten. Nur findet über ihre militärische Ausbildung eine jährliche Inspection von Seiten des jeweiligen Adjutanten des Landes-Commandirenden statt. Dies ist natürlich eine im Princip ganz verfehlte Organisation, wenn der Assistent-Resident es nicht gelernt hat, ein Commando über 80 Mann zu führen. Ich will zwar zugeben,dass, wenn in ernstlichen Fällen der Beamte die Hülfe des Militärs anruft, wie es z. B. bei einer Meuterei afrikanischer Matrosen im Hafen geschah, dieses höchstens ein Beweis für geringes Vertrauen zu dem Muthe dieser Polizeisoldaten sei; aber es ist geschehen, dass der Instructeur von Dorf zu Dorf gehen und jeden einzelnen Mann aufsuchen und überreden musste, sich rechtzeitig auf dem Platz der Inspection einzufinden, und dass demungeachtet der Inspecteur zur angesagten Stunde nicht die ganze Mannschaft anwesend fand, sondern Alle einzeln wie verirrte Schafe erschienen.

Wenn diese Polizeisoldaten in Casernen wohnten und ihren Instructeuren auch in jeder Hinsicht, also auch in disciplinaren Vergehen untergeordnet wären, d. h. mit anderen und wenigen Worten, wenn sie Gensdarmen wären, wie sie in zahlreichen europäischen Staaten bestehen, dann würden sie nicht nur bessere Dienste leisten, sondern auch einemdringenden Bedürfnisseentsprechen. Der antimilitärische Geist der Holländer macht sich auch in dieser Hinsicht in unangenehmer und fühlbarer Weise geltend. Der Assistent-Resident X..., der damals in Tjilatjap residirte, war gewiss ein Ehrenmann, er war als Beamter gewiss, so weit ich urtheilen kann, seinen Aufgaben vollkommen gewachsen und lebte nur für seinen Dienst; und doch waren die Pradjurits damals eine Caricatur von dem, was sie sein sollten; sie machten von der Zwitterstellung ihres Instructeurs Missbrauch, und dieser selbst — war froh, jeder Verantwortlichkeit enthoben zu sein. Wenn jedoch der Instructeur auch das Recht des Strafens hätte, und wenn sie in Casernen wohnten, welche ebenfalls ein militärisches Reglement hätten, und wenn alle Befehle des Beamten durch die Hände des Instructeurs gingen, dann hätte auch Indien ein Corps von Gensdarmen, welches nach vielen Seiten hin erspriessliche Dienste leisten könnte; denn die Polizisten der grossen Städte und des flachen Landes sind nichts anderes als persönliche Bediente des Beamten und erfreuen sich gar keines Ansehens und gar keiner Autorität. — Die Uniform der Pradjurits ist die des Militärs aus den siebziger Jahren; dunkelblaue Kleider aus Serge mit einem Kopftuche unter dem Käppi; dieses ist nach der Weise der Javanen um den Kopf geschlungen. Die Bewaffnung ist dieselbe wie die der Armee; sie haben Hinterlader und Bajonette.


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