Chapter 19

Fig. 15. Eine Compagnie der »Legionen« des Sultans von Djocja.

Fig. 15. Eine Compagnie der »Legionen« des Sultans von Djocja.

Am andern Morgen stellte ich mich dem Assistent-Residenten vor und liess den Platz-Commandanten wissen, dass ich angekommen sei, um den Dienst von Herrn Dr. W. zu übernehmen. Beide Herren waren nämlich niedriger im Range als ich, und nach den gesetzlichen Bestimmungen ist es hinreichend, dass in einem solchen Falle der höhere Officier schriftlich davon Nachricht giebt. Weil der Dienst eines Oberarztes reglementär ganz derselbe wie der eines Regimentsarztes ist, so geschieht es sehr häufig, dass in kleinen Garnisonen der Platz-Commandant niedriger im Range oder Anciennität ist, als der zugetheilte Militärarzt. Aus einer falsch angebrachten Gemüthlichkeit lassen die Militärärzte in der Regel diesen Rangunterschied aus den Augen und halten sich z. B. mehr an die herrschende bürgerliche Gewohnheit, dass der zuletzt Angekommene bei den anwesenden Officieren sich zuerst vorstelle u. s. w. Dies ist die Hauptursache, dass die Officiere der »bewaffneten Corps« sich so oft über das antimilitärische Benehmen der Militärärzte lustig und davon manchmal Missbrauch machen. Es entstehen dadurch unangenehme Streitigkeiten, worunter auch der Gang des Dienstes leiden muss.

Der Platz-Commandant konnte nicht zu mir kommen, weil er am Fieber litt und an diesem Tage sich zur Abreise von Tjilatjap rüstete. Ich ging also zu ihm hin und besprach noch einige Fragen über die Abreise meines Vorgängers und über sein Haus, welches mir zur Miethe angeboten wurde. Dieses lag nämlich in jenem Theile der Stadt, in welchem sich die Casernen und Wohnungen der Officiere befanden, und welches wegen des dort herrschenden Malaria-Fiebers von der Garnison verlassen werden musste. Das Flüsschen (Kali) Osso trennte diese beiden üblicherweise so scharf auseinander gehaltenen Theile Tjilatjaps und zog hinter dem Hause des Lt. G. vorbei. Im Westen dieses Flüsschens lag, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das bürgerliche Tjilatjap. Einen überraschend schönen Anblick bietet die Stadt, wenn man des Morgens früh aus dem Hotel tritt und sich der Wohnung des Assistent-Residenten nähert; vor uns zieht in gerader Linie eine vielleicht mehr als 1½ Kilometer lange Strasse, begrenzt von hohen, mächtigen Kanariebäumen (canarie communis). Zur rechten Hand schliesst das Haus desClubs mit derNussa (= Insel) Kambangan im Hintergrunde diese schöne Allee ab; im Osten derselben liegt das Bureau und das Wohnhaus des Assistent-Residenten mit wunderschönenBlumenbeeten im Garten, und zur Seite desselben eröffnet sich die Aussicht über die schmale Wasserstrasse mit den wildromantischen Ufern der genannten Inseln im Süden. Das Rauschen der Brandung an der jenseitigen Küste erschüttert die Luft um so imposanter, als die schäumenden und strömenden Wogen nicht gesehen werden. Zur Linken zieht diese schöne Allee in beinahe geometrisch gerader Linie nach Norden und zeigt uns im Hintergrunde den Palast des Regenten mit seinem grossenAlang âlang (Schlossplatz). Auf der linken Seite führt eine kleine Strasse zum Bahnhof und eine zweite zum neuen Hafen, welcher in der Mündung des Flusses Donan liegt. Es ist ein Meisterstück des modernen Hafenbaues.

Die Schiffe liegen mit ihrem Bord an dem Rande der Quais, und die Waaren, welche in einem Waggon der Eisenbahn ankommen,könnenvon diesem direct durch einen Dampfkrahn in das Schiff geladen werden. Ich sage: können; denn es geschieht leider nicht. Dieser Hafen wurde ursprünglich angelegt, um die Producte des Landes, wie Kaffee, Zucker, Thee, Indigo u. s. w. aus Mittel-Java bequem und billig nach der See transportiren zu können; es wurde aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Zahlreiche Zuckerfabriken, Kaffeepflanzer u. s. w. arbeiten nicht mit eigenem Geld und haben grosse Vorschüsse von den diversen Banken, welche sich in Samarang (Nordküste) befinden. Diese Stadt hat jedoch keinen modernen Hafen; die Schiffe liegen vielleicht eine Stunde weit von der Küste entfernt. Der Transport der Waaren und der Personen von der Küste auf die Rhede geschieht durch Dampfbarcassen, welche direct oder indirect im Besitze dieser Banken sind. Diese geben also keine Vorschüsse, wenn nicht der Schuldner sich verpflichtet, seine Producte auf der Nordküste (in Samarang) einschiffen zu lassen. Dadurch wird natürlich das Erträgniss der Transportgesellschaften in seiner alten Höhe erhalten und — der schöne Hafen Tjilatjap wird wenig benutzt. Dazu kommt noch ein zweiter Uebelstand. Im Jahre 1890 sollte der letzte Theil der Eisenbahn gebaut werden, welcher die Nordküste zwischen Batavia via Tjilatjap und Surabaya mit der Südküste verbinden sollte; die Ministerien des Krieges, des Innern und der öffentlichen Bauten stritten sich über den Punkt; bei welchem der letzte Theil, welcher von Bandong kam, sich anschliessen sollte; die Wahl fiel auf Maos, zwei Stationen nördlich von Tjilatjap. Die beiden Züge von Bataviaund Surabaya treffen hier in Maos Abends um 6½ Uhr ein und fahren in der Nacht nicht weiter. Die Regierung hat also in Maos ein grosses Hotel gebaut und dessen Verwaltung u. s. w. einem Pächter übergeben; die Passagiere verbringen den Abend so gut es geht mit Spazierengehen rund um das Hotel und setzen am andern Tage die Reise fort. Zu einem Ausflug nach Tjilatjap ist keine Gelegenheit gegeben, und dieser schöne Hafen mit seiner reizenden Lage, mit den wundervollen Höhlen auf Nussa-Kambangan bleibt verschollen und unbeachtet von der grossen Menge der Reisenden, welche eine Reise von Batavia nach Surabaya lieber in einem Waggon zurücklegen, als sich vielleicht drei oder vier Tage lang auf einem Schiffe den Unbilden der Seekrankheit auszusetzen.

Wenn sich in Tjilatjap ein unternehmender Mann fände, die Sehenswürdigkeiten und Schätze der Umgebung dieser Stadt dem grossen Strome der Reisenden zu eröffnen, welche täglich um 6½ Uhr in Maos ankommen, würde es nicht geschehen, dass täglich Hunderte von Reisenden an Naturschönheiten vorbeiziehen, welche in Europa jährlich Tausende und Tausende von Touristen dahin locken würden, und die Stadt würde sich zu einem Emporium der Südküste Javas erheben. Die Tropfsteinhöhle der Insel Nussa-Kambangan und das Pfahldorf der Kindersee wird das Ziel des einen Tages, und die wildromantische Scenerie von Karang Bolang der Endpunkt eines zweiten Ausfluges sein. (Leider ist das Reisen in Indien theuer; eine Fahrt nach der Hauptstadt Banjumas kam auf 20 fl. zu stehen, wozu noch die Unkosten des Hotellebens gerechnet werden müssen.) Die ganze Provinz ist übrigens reich an Sehenswürdigkeiten. Das Dienggebirge (2045 Meter hoch) mit seinen ausgebrannten Vulcanen, mit seinen Solfataren (von Segarawedi), mit seiner Mofette (das Todtenthal Pakaraman[133]) entzücken das Herz eines jeden Touristen, und wenn wir ihre Beschreibung in dem Meisterwerke des Prof.Vethlesen, können wir nur bedauern, dass dies Wunderspiel der Natur jenseits der grossen Heereswege liegt,welche mit Eisenbahnen die grossen Städte Javas untereinander verbinden.

Das militärische Tjilatjap lag im Osten des Flüsschens Osso und war mit einer steinernen Brücke mit dem »Seestrand« verbunden, welcher von hier aus längs des Officierclubs nach der Mündung des Flusses Donan sich mehr als 1½ Kilometer weit erstreckte. Kam man über die Brücke, so hatte man zu seiner Rechten das grosse Lagerhaus, in welchem der Gouvernementskaffee aufgespeichert und von Zeit zu Zeit an den Agenten der »Handelsmaatschappij« abgeliefert wurde, weiterhin die Casernen und vis-à-vis das Militärspital und die Wohnungen der Officiere.

Das Militärspital war seit dem Verlassen der Garnison zu einem Marodensaal degradirt worden und bestand hauptsächlich (gegenüber dem Eingange) aus einer Apotheke, einem Bureau für den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« und einem Zimmer für kranke Soldaten oder Pradjurits. Bald zeigte sich jedoch die Unzulänglichkeit eines Marodensaales. Es wurde nämlich, wie schon erwähnt, der letzte Theil des Eisenbahnweges gebaut, welcher in einem grossen Bogen die zwei Städte der Nordküste, Batavia und Surabaya, mit dem Süden der Insel verbinden sollte. Zahlreich waren die Fälle, dass Arbeiter verunglückten und mir zur Behandlung gebracht wurden. Dies geschah auch von Seiten der Schiffe, welche das Material für den Bau der Eisenbahn u. s. w. in den Hafen brachten. In einen Marodensaal dürfen keine bürgerlichen Kranken aufgenommen werden. Die ersten Fälle brachten mich also in Verlegenheit, aus welcher mir jedoch der Assistent-Resident half; es waren arme Kulis; ich nahm sie in dem »Ziekenzaal« auf, und auf Befehl dieses Magistrates kamen sie in den Bestand des Spitals für Prostitués, welches einen halben Kilometer davon entfernt war. Sträflinge brachten ihnen die Kost, welche ihnen auf Rechnung dieses Spitals verabfolgt wurde, während die Krankenwäsche, Medicamente u. s. w. aus dem Bestands des Marodensaales geliefert wurden. Die Medicin konnte ich de jure verabfolgen. Ich musste eo ipso jeden Monat eine Rechnung für (an die arme Bevölkerung) abgelieferte Medicamente einreichen, welche dann mit dem Departement des Innern verrechnet wurde; im Uebrigen besprach ich diese Sache mit dem Platz-Commandanten, welcher im Interesse der Menschlichkeit keinen Einwand machte, um so weniger, als ich versprach,die Erhöhung des »Ziekenzaales« zu einem Spitale zu veranlassen, in welches, de jure, civile Patienten aufgenommen werden können.

Grössere Schwierigkeiten bereitete mir jedoch die Aufnahme zahlungsfähiger Bürger; diese mussten für ihre Verpflegung selbst sorgen, und mir erübrigte nur die ärztliche Hülfe. Als mir jedoch eines Tages vom Agenten der Schifffahrtsgesellschaft Nederland ein Kuli geschickt wurde, dem im Schiffsraum das Schienbein zertrümmert worden war, konnte und wollte ich die Verköstigung dieses Patienten nicht auf mich nehmen und vertraute sie dem »Mandur« des Spitals für Prostitués an, welcher den Betrag hierfür bei mir jede Woche eincassirte. Sobald als möglich leitete ich also die nöthigen Schritte ein, um aus dem Marodensaal ein Spital 6. Classe machen zu dürfen, und am 30. September kam der Bescheid von der Regierung zurück, welcher dieses erlaubte und gleichzeitig die Vermehrung des Dienstpersonals in Aussicht stellte. Denselben Abend aber kam auch der Landes-Commandirende an, um Inspection zu halten. Ich und der Platz-Commandant erwarteten ihn inGalatenuean der Station. Einige Stunden später kam der Tagesbefehl, »der General wünschte, dass wir in unserer »Tenue« blieben, als ob Seine Hochwohlgeboren nicht anwesend wäre«, und der Platz-Commandant fügte bei: alsogewöhnliche Tenue. Als Chef des Marodenzimmers wäre ich für die Reinlichkeit nur dieses einen Saales verantwortlich gewesen; als Chef des Spitals jedoch musste ich für die Reinlichkeit des ganzen, alten, halbverfallenen Gebäude-Complexes sorgen. Ich hatte aber noch nicht das nöthige Dienstpersonal. Um jedoch wenigstens den gröbsten Schmutz des alten, verlassenen, öden Spitalraumes wegschaffen zu lassen, verschaffte ich mir vier Kulis und liess sie um 6 Uhr früh unter Aufsicht eines Krankenwärters die Wege fegen u. s. w. Zur grösseren Sicherheit jedoch ging ich um 6 Uhr dahin und sorgte, dass unter meiner persönlichen Aufsicht so viel als möglich gereinigt werde. Im Eifer meiner Arbeit vergass ich die Zeit, und als es 8 Uhr schlug — stand der General mit dem Adjutanten und dem Platz-Commandanten vor der Thür, und ich war noch in Bürgerkleidung (!). Dafür bekam ich in die Conduiteliste: Militärisches Benehmen tadelnswerth und zeigt Mangel an Diensteifer, weil das Spital bei der Inspection des Landes-Commandirenden Spuren vonmangelhafter Aufsicht trug und er in Civilkleidung war, obwohl die Inspection angesagt war!!

Auch wurde ich dafür »unwürdig und ungeeignet« erklärt, einen höheren Rang zu bekleiden. Ja, wenn man einen Hund schlagen will, findet man immer einen Stock.

Das Reglement »über dasTragen von Civilkleidern von Officieren« gestattet den Officieren der Genie, den Militärärzten, den Zahlmeistern, sowie auch den Officieren des Stabes und allen Arten, welche nicht unmittelbar mit den Truppen in Beziehung stehen, bei ihren täglichen Arbeiten von der Civilkleidung Gebrauch zu machen. Diese Erlaubniss erstreckt sich jedoch nicht auf Inspection, es sei, dass das Gegentheil speciell erlaubt wurde. Ob ich in dem gegebenen Falle im Eifer des Dienstes die gesetzlichen Bestimmungen vergessen und dagegen gesündigt hatte, will ich unerörtert lassen. Aber vielfach wurde die Zweckmässigkeit dieser gesetzlichen Bestimmung in Frage gestellt, ja noch mehr, man trachtete diese Begünstigung (?) der Aerzte in den letzten Jahren direct oder indirect zu beschränken. Man glaubte nämlich, dass dem Militärarzt durch die Uniform ein gewisses Prestige gegeben werde, welches unerlässlich für seine oft schwierige Stellung sei. Dies ist nur theoretisch wahr und richtig. Factisch hängt dieses ganz und allein von der Individualität des Militärarztes ab, und zwar schon darum, weil höchstens in den ersten Wochen der Dienstzeit die Uniform einem Recruten imponirt; weiterhin gewiss nicht mehr; ich kenne einen Fall, dass einem Regimentsarzte das Wort Charlatan von einem Patienten zugerufen wurde, trotzdem er in Uniform war. Ein anderer Einwand ist juridischer Natur. Die Disciplin muss leiden, wenn dem Soldaten bei Uebertretung der Subordination die Ausrede gelassen wird, er hätte nicht gewusst, dass der Betreffende ein Officier sei, weil er nicht in Uniform war. Wenn es eineAusredeist, kann ja das Kriegsgericht in seinem Urtheil diesem Rechnung tragen. Auch der Truppenofficier geht in seinen dienstfreien Stunden in Civilkleidung. Es ist nur zu oft geschehen, dass Soldaten Officiere in Civilkleidung beleidigten. Da es leicht nachzuweisen war, dass der Uebelthäter diesen Officier als Officier gekannt hat, so wurde diese Ausrede nicht weiter berücksichtigt.

In der Regel wird dasselbe bei dem Militärarzte der Fall sein. Der Delinquent ist in den meisten Fällen in Behandlungdieses Militärarztes gewesen und kennt ihn. Die mala fides ist also bewiesen, und das Kriegsgericht ist in seinem Urtheile nicht eingeschränkt. In den Tropen ist es warm, und man transpirirt sehr stark; der Uniformrock ist also geradezu hinderlich. Ich sah oft junge Militärärzte, welche aus leicht begreiflicher Ursache gern die Uniform tragen, im Eifer ihres Dienstes den Uniformrock ausziehen, wenn er sie in einem gegebenen Augenblicke hinderte, und man sah dann ein vom Schweisse durchtränktes Hemd, welcher Anblick gewiss ebenso unästhetisch als unangenehm war. Die Bewegung in der Civilkleidung, und besonders im Jaquet, ist freier und auch bequemer, weil der Arzt in einem solchen genug Taschen hat, um die unentbehrlichen Instrumente, als: Stethoskop, Hammer und Pravazische Spritze und auch seine Cigarrentasche, Sacktuch und event. das Receptbuch, stets bei der Hand zu haben. Es war also bis vor wenigen Jahren Usus, dass die Militarärzte in weisser Hose und schwarzem Jacket ihren Dienst verrichteten. Mit den Fortschritten der Bacteriologie begann vor ungefähr drei Jahren ein Sturm gegen den Gebrauch des schwarzen Rockes, als den Träger aller pathogenen Bacterien und als den Vermittler aller ansteckenden Krankheiten. Ob dies, in dieser Allgemeinheit ausgesprochen, richtig sei oder nicht, will ich dahin gestellt sein lassen; aber Thatsache ist, dass in allen Operationszimmern und in allen Abtheilungen für ansteckende Krankheiten Kittel zur Verfügung des Arztes stehen, so dass eine solche Gefahr nicht zu bestehen braucht. Im Jahre 1894 wurde eine neue Uniform in der Armee eingeführt, und den Officieren für die »kleinen Dienste« weisser Uniformrock, Hose und Helmhut gegeben; den Militärärzten wurde durch sanften Druck anheim gestellt, von der gesetzlichen Begünstigung, den Spitaldienst in Civilkleidern versehen zu können, keinen Gebrauch zu machen, weil mit der Einführung der weissen Uniform jede Ursache dazu genommen sei, ja noch mehr, die weissen Kleider seien für den Militärarzt geradezu die angezeigte und einzige praktische Kleidung, weil sie gewaschen werden könne. Dies ist gewiss unrichtig und falsch; denn zahlreich sind die Gefahren, welche den weissen Röcken eines Arztes drohen. Beim Ausspritzen der Ohren, beim Touchiren der Kehle, beim Reinigen eines Auges u. s. w. kommen Flecken von Lapis, Jodtinctur u. s. w. in den Rock. Der Krankenkittel oder die grosse Schürze sollen ihn vor diesen Schädigungen seines Rockes schützen, und dennoch — hatte ich z. B. keine einzigeweisse Hose, welche nicht schon nach wenigen Wochen von Jodtinctur, Tinte u. s. w. gezeichnet war. Dieselbe Gefahr droht dem Rock. Reinlichkeit und tadellose Kleider sind aber unvermeidlich mit der Idee Uniform verbunden, und wenn ich auch manchen Officier kannte, der nach drei Tagen ebenso nette und sauber weisse Hosen hatte, als ich nach drei Stunden, so sah ich selten einen Arzt ohne Flecken auf seiner weissen Hose. Nebstdem geschieht es häufig, dass die Menschen unter den weissen Kleidern kein Flanellleibchen und keine Unterhosen tragen. Geradezu widerlich ist der Anblick eines solchen Rockes, welcher durch den Schweiss gezeichnet ist, und geradezu gefährlich kann eine solche Kleidung werden, wenn ein kalter Wind die durchnässten Kleider auf dem Körper zum raschen Verdunsten bringt.

Das gesellschaftliche Leben in Tjilatjap beschränkte sich auf den Verkehr mit einigen Beamten, dem Platz-Commandanten und einigen Handelsleuten. Zu den ersteren gehörten der Assistent-Resident und der Chef-Ingenieur der Eisenbahn.

Der Assistent-Resident C... war ein Halbeuropäer. Da er seinen Beruf mit voller Gewissenhaftigkeit erfüllte und oft Anlass nahm, mit mir darüber zu sprechen, bekam ich einen Einblick in den Wirkungskreis der Verwaltungsbeamten. Ich finde die Stellung eines solchen geradezu ideal; er ist ein Patriarch stricte dictu. Patriarchalisch ist ja überhaupt die indische Regierung, und der Resident der Provinz Banjumas ist gewissermaassen der Oberpatriarch über die 1,213,792[134]Einwohner, welche diese Provinz zählt; wenn ich mir jedoch eine Vergleichung mit der militärischen Organisation erlauben darf, so ist der Resident der Bataillons-Commandant und der Assistent-Resident der Commandant der Compagnie. Dieser letztere ist also mehr im Contact mit dem kleinen Mann; er lernt die Leiden und Freuden seiner Unterthanen aus erster Quelle kennen, und das Wohl und Wehe der ganzen Bevölkerung findet in ihm einen Beschützer, wenn er seine Stellung richtig erfasst. Nominell steht der kleine Mann unter der Herrschaft des eingeborenen Fürsten, welcher Beamter der holländischen Regierung ist.Dieses weiss er und fühlt es täglich. Es ist ihm aber auch bekannt, dass jener »der jüngere Bruder ist«, dem der europäische Beamte als älterer und erfahrener Bruder in allen Verwaltungs-Angelegenheiten rathend zur Seite stehen muss. Der Tact, mit welchem der Assistent-Resident dieses Princip in Anwendung bringt, ermöglicht ihm, ein Wohlthäter seines Bezirkes zu sein, denn in jedem der eingeborenen Fürsten sitzt noch immer der alte Tyrann, der den »kleinen Mann« als recht- und schutzloses Wesen betrachtet. Trotzdem sieht dieser in dem Regenten den angestammten rechtmässigen Herrscher, dessen Antlitz er nicht einmal würdig ist zu sehen, und nur sehr selten wird er es wagen, sich über ihn zu beklagen. Dieses Gefühl der Anhänglichkeit an den angestammten Herrn wird natürlich genährt von den Fürsten, trotzdem sie Beamte mit sehr hohem Gehalt sind, und von der Geistlichkeit. Diese sehen sich als Verkünder des reinen Gottesglaubens im Gegensatz zu den Kafirs, und sind also per se die Bundesgenossen der Häuptlinge. Von der Autorität der eingeborenen Fürsten gegenüber dem Gros der Bevölkerung zieht Holland den grössten Nutzen; es ist dadurch im Stande, mit einer Armee von ungefähr 15,000 europäischen Soldaten nicht nur die 25,000,000 Seelen Javas, sondern auch den ganzen indischen Archipel zu beherrschen. Dies ist der punctum saliens der indischen Regierungsweisheit, die Autorität der Fürsten nicht zu untergraben, und andererseits den kleinen Mann gegen die Willkür und Despotismus seiner Häuptlinge zu beschützen; dazu gehört Tact und zwar sehr viel Tact von Seiten des Assistent-Residenten. Dass im Ganzen und Grossen die Mehrzahl dieser Beamten diese Routine besitzt, und dass das Regierungsprincip ein richtiges sei, dafür spricht der Erfolg. Indien ist in diesem Jahrhundert ein blühender Staat geworden, und die Sicherheit der Person ist — grösser als in Europa.

Fig. 16. Eine Hängebrücke aus Bambus bei Bandjar im Serajo-Thal (Bezirk Bandjarnegara).

Fig. 16. Eine Hängebrücke aus Bambus bei Bandjar im Serajo-Thal (Bezirk Bandjarnegara).

Wie viel jedoch ohne Wissen und Willen der Regierung gegen das Regierungsprincip der europäischen Beamten gesündigt wird, lässt sich schwer beurtheilen; viel ist es nicht, weil vom »Beamten zur Verfügung« bis zum Residenten Jeder seine Spione hat; aber es kommt manchmal vor, dass die Politik des Strausses die Richtschnur eines Beamten ist, weil er sich dadurch viel Arbeit und »Susah«[135]erspart. Wenn z. B. der Resident in einen Bezirk zumBesuche kommt und einige Tage bei dem Regenten wohnt, der ungefähr 12,000 Gulden jährlichen Gehalt hat, so wird dieser Häuptling die Hühner für seinen Gast von dem kleinen Mann ohne Bezahlung verlangen, weil doch auch dieser »hoch erfreut über die Ehre des hohen Besuches sein müsse«, und wenn der Gemüsegarten des »Wedono«[136]vom Unkraut gereinigt werden muss, so müssen die Bewohner der umliegenden Dörfer dieses thun, weil sonst der Assistent über die Unreinlichkeit des Dorfes unzufrieden wäre. Wenn der Regent eine Scheuer für seinen reifen Reis bauen will, die vielleicht 10 fl. kosten würde, könne er unmöglich das Anerbieten (?) der Dorfbewohner zurückweisen, welche ihm damit eine Aufmerksamkeit oder Ueberraschung bereiten wollen, und wenn hundert Kulis seinen Acker bepflügen wollen, weil sie gerade an diesem Tage keine andere Arbeit hätten, warum sollte er es nicht annehmen statt sie müssig herumgehen und vielleicht Diebstahl oder Mord verüben zu lassen!? (Solche Herrschergelüste haben in früheren Jahren auch die europäischen Beamten gehabt; die Journalistik deckte jedoch diese Uebelstände schonungslos auf, und sie verschwanden nach und nach.) Wo solche Erpressungen stattfinden, kennt sie in den meisten Fällen der Controlor oder der Assistent-Resident; aber sie wollen sie oft nicht sehen, weil sie nicht immer — der Stütze der Regierung resp. des Residenten sicher sind. Wenn nämlich die Regierung nicht freie Verfügung über eine genügende Truppenmacht hat und fürchten muss, ein energisches Auftreten nicht mit einer oder zwei Compagnien Soldaten unterstützen zu können, dann will sie von kleinen Missbräuchen der Amtsgewalt von Seiten eines einheimischen Fürsten nichts wissen, und wenn der Assistent-Resident einen solchen Wink nicht verstehen will, so wird er einfach transferirt, und der schuldige Regent bekommt einen fürchterlichen Verweis. Die Transferirung des Beamten jedoch ist für den Nachfolger des Assistent-Residenten ein deutlicher Befehl, durch die Finger zu sehen, und für den Regenten der deutlichste Beweis, in seinem Thun und Lassen von den ewigen Rathschlägen seines »älteren Bruders« sich nicht beirren zu lassen.Zu groben despotischen Ausschreitungender Fürsten kommt es gegenwärtig auf Javanicht mehr, und bei kleinen Tyrannengelüsten schliesst die indische Regierung so lange die Augen, bis sie dieMacht hat, energisch gegen sie auftreten zu können. Leider ist sie diesbezüglich vom Abgeordnetenhaus in Holland abhängig, und bevor der Schuster und Schneider in dieser »Kammer« das nöthige Geld zur Errichtung einiger neuen Bataillone Soldaten bewilligt, muss die Noth sehr hoch gestiegen sein. Wenn auch nämlich der General-Gouverneur (mit einem jährlichen Gehalt von 120,000 fl. und neuer Einrichtung des Palastes in Buitenzorg) als Vertreter des Königs von Holland gegenüber den eingeborenen Fürsten das Recht über Krieg und Frieden hat und zugleich Oberbefehlshaber der Armee und der Marine ist, so untersteht er doch der Oberaufsicht des Ministers der Colonien, und dieser ist wiederum der Majorität des Abgeordnetenhauses für dessen ganzes Thun und Lassen in den Colonien verantwortlich; dieses Verhältniss veranlasste also die in Indien landläufige Phrase: Ueber das Schicksal von Millionen Javanen entscheidet der Greisler (Kruidenier) in Holland.

Der erwähnte Oberingenieur, welcher den Bau der Eisenbahn zwischen Tjilatjap und Bandong leitete, ist seit dieser Zeit gestorben; er war ein tüchtiger Ingenieur, ein Ehrenmann und hat mich zu grossem Danke verpflichtet. Er hat mir nämlich in liebenswürdiger Weise staatliche Anerkennung, und zwar in klingender Münze verschafft. Die Einkünfte eines Regimentsarztes sind in Indien nicht schlecht; aber ich hatte durch die Erkrankung meiner Frau ausserordentliche Ausgaben, und somit waren ausserordentliche Einnahmen mehr als erwünscht. Der Normal-Monatsgehalt eines Regimentsarztes ist nämlich 400 fl.; nach 8jähriger ununterbrochener Dienstzeit bekommt er die erste Zulage von 25 fl. monatlich, nach 12jähriger Dienstzeit weitere 50 fl. und nach 4 Jahren wieder 25 fl. Erhöhung; nebstdem bezieht er als Zulagen monatlich: 30 fl. für Pferdefourage, 50 fl. für civile Dienste und freie Wohnung oder 60 bis 100 fl. Quartiergeld, je nachdem er sich in einer grösseren oder kleineren Garnison befindet. Für einen ledigen Regimentsarzt, der standesgemäss leben will, ist dieser Gehalt mehr als hinreichend; denn er kann gewiss jeden Monat wenigstens 100 bis 200 fl. ersparen. Ein verheirateter Regimentsarzt kann, wenn er auch zwei bis drei Kinder hat, ohne Sorgen davon leben, und selbst bei einer grösseren Zahl von Kindern braucht er keine Schulden zu machen, wenn er einen bescheidenen Haushalt führt, d. h. keine Equipage hält, wenig Conserven gebraucht, keine feinen Weine trinkt und eventuelldie Kleider seiner Frau aus Europa kommen lässt. Wohnt er in einem Orte, wo kein zweiter Arzt ist, dann wird allerdings in den meisten Fällen eine Equipage nöthig sein. Die Unkosten einer solchen sind jedoch nicht hoch, vielleicht 20 bis 30 fl. pro Monat, und werden natürlich durch die Privatpraxis reichlich aufgewogen.

Auch ich hatte eine kleine Privatpraxis in Tjilatjap, obwohl mein Vorgänger sich dieser Gunst des Schicksals nicht erfreuen konnte. Ich schreibe dies der Thatsache zu, dass ich die Bestimmungen der Armenpraxis nicht engherzig auffasste. Wie schon früher erwähnt, haben die Armen und die europäischen Beamten mit einem Gehalte unter 150 fl. pro Monat Recht auf freie ärztliche Behandlung und Medicamente. Nach einer Rücksprache mit dem Assistent-Residenten war es mir ganz überlassen, diese gesetzlichen Bestimmungen so weit als möglich auszudehnen, und thatsächlich fand diesbezüglich niemals eine Controle statt. Am Ende eines jeden Monats reichte ich die Rechnung für Medicamente ein, welche für das Frauenhospital und »die arme Bevölkerung« abgeliefert wurde, und diese ging zur »Regulirung« den dienstlichen Weg vom Kriegs-Departement zu dem des Innern. Für die Praxis aurea galten ähnliche Bestimmungen. Ich musste am Ende eines jeden Monats eine Liste der Arzneien und etwaiger Instrumente anfertigen, welche ich an Privatpersonen verabfolgt hatte, und der Betrag dafür, nach dem officiellen Preis-Courant berechnet, wurde um 20% erhöht von dem Zahlmeister der Garnison bei dem nächsten Monatsgehalt eingesetzt. Im Grossen und Ganzen ist dies ein Vorgang, der einerseits an die Rechtlichkeit des Arztes appellirt, andererseits die Nonchalance desselben unberücksichtigt lässt. Häufig geschieht es, dass der Arzt am Ende des Monats pour acquit de conscience aus dem Gedächtnisse zwei Listen anfertigt, wie es ihm eben einfällt; zu einer regelmässigen Buchführung hat er weder die Zeit noch die Musse, und vielleicht auch nicht die Geschicklichkeit; je kleiner die Liste ist, die er anlegt, desto besser; denn die Verrechnung von 10 Gramm Soda z. B., von dem das Kilo 17 Cts. kostet, oder von 0·15 Gramm Morphium ist eine langweilige Arbeit. Nebstdem werden diese Rechnungen in Batavia controlirt, und wenn nur ½ Ct. unrichtig ist, kommt die Rechnung zurück, und bei Wiederholung derselben schwebt das Damoklesschwert der »oberflächlichen und nachlässigen Administration« über dem Haupte des Schuldigen. Ich kann nur auf diese ungesunden Verhältnisse hinweisen, ohne etwas Besseres dafür mittheilenzu können; vielleicht ist Jemand anders diesbezüglich glücklicher.

Aber auch auf die Behandlung der Patienten wandte ich das Reglement der Armenpraxis im weitesten Sinne an.

Alle Arbeiter, Tagschreiber und Aufseher der Eisenbahnwerke behandelte ich gratis, obschon sie keine Armen und keine Beamten waren. Sie waren keine »Armen«, weil sie durch einen Erwerb die Bedürfnisse des Lebens deckten, und sie waren keine Beamten, weil sie nur per Tag angenommen und auch jeden Tag entlassen werden konnten. Dies war das Hauptmotiv für mich, diese ephemeren Existenzen gratis zu behandeln. Der Oberingenieur C. scheint jedoch anders darüber gedacht zu haben, denn im Juli bekam ich unerwartet den Erlass der Regierung, dass mir für die Behandlung des Personals, welches beim Bau der Eisenbahnlinie Tjilatjap-Bandong beschäftigt war, eine monatliche Zulage von 100 fl. gegeben werde, und einen Monat später kam ein zweiter Erlass, dass diese Zulage begonnen habe von dem Tage meiner Ankunft in Tjilatjap!! Diese Freigebigkeit ist geradezu auffallend gewesen, weil die indische Regierung gegenüber ihren Beamten und Officieren schon seit ungefähr zehn Jahren die Sparsamkeit in recht unangenehmer Weise anwendet, so z. B. giebt sie dem neueintretenden Apotheker keine Zulage für Pferdefourage, die Zahl der Beamten wird verkleinert u. s. w.

Niemand wandelt ungestraft unter den Palmen, und Jedermann bekommt in Tjilatjap sein Fieber. In früheren Zeiten war dieser Ort selbst ein bevorzugter Verbannungsplatz der Fürsten von Solo und Djocja. Missliebige Fürsten wurden von diesen beiden Potentaten am liebsten nach Tjilatjap in Verbannung gesendet, weil sie ohne Dolch und ohne Gift am schnellsten und am sichersten für ewige Zeiten von dort verschwanden. Heute ist es damit nicht so arg bestellt. Der Regent z. B. war ein kräftiger, junger Mann, der während meines einjährigen Aufenthaltes mich nur einmal consultirte und nur dreimal Antipyrin gegen seine Fieberanfälle holen liess.

Ich selbst glaubte von jeher immun gegen Malaria zu sein, nachdem ich 1877 eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, welche mir zwei Tage lang das Bewusstsein geraubt hatte. Nach dieser Zeithabe ich beinahe jedes Jahr nur einmal einen Fieberanfall von 38 bis 40° mit Schüttelfrost gehabt, der ohne Medicamente verschwand und nicht wieder zurückkam. Was jedesmal dieser isolirte Fieberanfall bedeutete, weiss ich heute ebenso wenig als damals. Ich hielt mich also gegen das Gift der Malaria gefeit und lebte unbesorgt in Tjilatjap.

Ich hatte schon die Durchschnittsdauer aller früheren Collegen überschritten und war schon sieben Monate in Tjilatjap, ohne einen Fieberanfall bekommen zu haben; ich war gewöhnt, wie ich soeben erwähnt habe, jedes Jahr einmal, und gewöhnlich unter dem Schiffsbade, einen Schüttelfrost zu bekommen mit einer Achsel-Temperatur von ungefähr 39° C.; auch diese ephemeren Erscheinungen hatten sich noch nicht eingestellt; ich fühlte mich jedoch nicht wohl; ich verlor den Appetit, vertrug aber das Essen ganz gut; ich wurde leicht müde, ich musste wiederholt und selbst in Gesellschaft gähnen, oft überfiel mich ein Frösteln, ohne dass die Körpertemperatur 37° C. überstieg; die Cigarre schmeckte mir wie immer, aber gegen 11 Uhr bekam ich Brechreiz, welcher ausserordentlich schmerzhaft war. Der Magen war nämlich leer, seine peristaltischen Bewegungen konnten also keinen Inhalt zu Tage bringen; ich hatte dabei das Gefühl, als ob ein Dutzend Rasirmesser durch die Magenwände schnitten. Mir fehlte für diese Erscheinungen das richtige Verständniss; wenn ich auch an eine chronische Malariavergiftung dachte, so schloss ich sie dennoch aus, weil ich sie für unmöglich hielt, ohne dass eine acute Attaque vorausgegangen wäre. Ich schrieb also alles dem »Klima« zu. Aber nur zu bald sollte ich erfahren, dass es eben auch eine primäre »chronische Malaria« gebe, und dass ich ein Opfer derselben sei.

Eines Tages erhielt ich von dem Assistent-Residenten die officielle Einladung, mit ihm das Gefängniss zu inspiciren, um etwaige hygienische Mängel zu constatiren, und zwar sollte dies um 8 Uhr früh stattfinden. Ich hatte meine erste Wohnung im Osten des Flüsschens Osso verlassen, weil sie sich in einem öden, verlassenen Viertel befand, und ein Haus an der grossen, schönen Strasse bezogen, welches die Wohnung des Regenten mit dem Hause des Officiersclubs verband. Der Assistent-Resident kam, um mich mit seiner Equipage abzuholen, und nach Ablauf der Inspection ersuchte ich ihn, en passant bei und mit mir das Frühstück einzunehmen. Bei dieser Gelegenheit stellte sich ganz unvermittelt und so unerwartet Erbrechen ein, dassdie Eruption längs der rechten Seite meines Gastes ihren Weg nahm und ihn beschmutzte. Hierauf hatte ich 40° C. Körpertemperatur und zum ersten Male das ausgesprochene Bild eines acuten Malariafiebers.

Jetzt freilich hatte ich den Beweis, dass es eine primäre chronische Malaria gäbe.

Meine Frau hat jedoch viel später als ich das Entrée de campagne bezahlt; während ich Ende des Jahres 1877, also nach einem Aufenthalte von 13 Monaten, in den Tropen die erste nicht unbedeutende Erkrankung mitgemacht hatte, blieb meine Frau vier Jahre lang vollkommen gesund; ja noch mehr; während sie vor ihrer Abreise von Holland 55 Kilo wog, kam sie nach halbjähriger Anwesenheit auf das stattliche Gewicht von 73 Kilo und behielt seitdem immer circa 70 Kilo; bis auf eine kleine Attaque von Masern blieb sie auch vollkommen gesund. Ich schrieb diese rasche und grosse Gewichtszunahme dem bequemen Leben in Indien zu. In Holland bewohnt jede Familie ein ganzes Haus mit zwei, oft drei Stockwerken. Indien hat bis auf nur wenige Ausnahmen nur Wohnhäuser ohne Stockwerke. Da nebstdem in Holland, besonders in grossen Städten, der Baugrund theuer ist, so werden die Häuser hoch, und zwar auf kleiner Basis gebaut. Die Wohnräume vertheilen sich also auf zwei oder drei Stockwerke, und die Hausfrau muss gewiss zehn bis zwanzig Mal des Tages die Treppen auf- und absteigen. Dabei sind diese Stiegen oft unglaublich steil. Das Treppensteigen erfordert aber noch mehr Anstrengung der Muskulatur und des Herzens als das Bergsteigen, es ist also eine bedeutende Arbeit, welche auf Kosten des Gesammtorganismus geleistet werden muss. Diese Consumption des Körperfettes kennen die Frauen in Indien nicht, und darum ist es verständlich, wie Prof.Geernachwies, dass die mittlere Lebensdauer der holländischen Damen in Indien grösser als in Holland ist. Ich möchte aber bezweifeln, ob diese Sparung der Kräfte vor allem die Ursache ist, dass die Frauen seltener an Fieber erkranken als die Männer. Diese Thatsache ist zwar nicht allgemein anerkannt; aber wenn ich mein Kranken-Journal zu Rathe ziehe, muss meine Erfahrung dieselbe Thatsache constatiren; nebstdem ist a priori das Gegentheil nur schwer zu verstehen und zu erklären. In allen Ständen der Gesellschaft setzt sich ja der Mann den Schädlichkeiten des Tropenklimas mehr und viel häufiger aus als die Frau, und ob wir nun nach Prof.Kochdie Mosquitos beschuldigen,die Träger des Malariagiftes zu sein, oder ob wir das Trinkwasser, und besonders die eingeathmete Luft die Malariaplasmodien in unseren Körper einführen lassen, immer ist der Mann durch seine Beschäftigung und durch seine Lebensweise mehr als die Frau den Gefahren der Infection exponirt.

Auch meine Frau blieb, wie oben angedeutet wurde, vom Fieber nicht verschont. Sie hatte aber keinen Frostanfall im Anfange der Krankheit, wie es beim schulgerechten Fall geschieht, sondern wurde kurzathmig, bekam Hustenreiz und wurde müde; sie fühlte sich wie geschlagen, wurde blass im Gesicht, bekam Kopfschmerzen, der Puls erreichte die Zahl 120, die Respiration stieg auf 30 bis 40, die Temperatur auf 39°, und manchmal stellte sich Diarrhöe ein. [Auch Dr.van der Burg[137]theilt mit, dass in Holländisch-Indien der Fieberanfall sehr oft ohne Kältestadium verlaufe.] Wenn der Puls kräftig war, gab ich in diesem Stadium 1 Gramm Antipyrin, und war er minder voll, liess ich das Antipyrin mit einem Gläschen Cognac oder Portwein nehmen. Nach wenigen Stunden war die Temperatur auf 37·8 oder 38° gesunken, und es trat ein gewisses Wohlbefinden ein, welches die Patientin veranlasste, das Bett zu verlassen. Dies dauerte einige Tage hindurch, und manchmal trat mit dem Sinken der Temperatur eine starke Transpiration ein. Erst als nach dem Fieberanfalle die Körpertemperatur auf 36·6° gefallen war, wusste ich aus Erfahrung bei vielen hundert anderen Patienten, dass der Anfall des Malariafiebers sein Ende erreicht hatte. Vier Monate dauerte das fieberfreie Intervall meiner Frau. Anfangs December kam der Resident mit seiner Frau von Banjumas, um persönlich mit den europäischen Familien Tjilatjaps Bekanntschaft zu machen. Es folgten natürlich Feste auf Feste zu Ehren der hohen Gäste; besonders interessant war der Ausflug nach den Tropfsteinhöhlen der Insel Kambangan und nach den Pfahlbauten in der Kindersee. Am 6. December war ein Ball im Casino, an dem auch meine Frau theilnahm. Aber schon nach dem ersten Tanze bekam sie einen so heftigen Frostanfall, dass wir den Ballsaal verlassen mussten. Im Uebrigen war der Zustand meiner Frau derselbe als vor vier Monaten, und zwar die am häufigsten vorkommende Form von Malaria. Nur wurde diesmal die Dauer bedeutend abgekürzt; die Frau des Residenten O. hatte beim Abschied aus dem Ballsaale ihre Gastfreundschaft angeboten, für den Fall,als meine Frau Tjilatjap sollte verlassen müssen. Diese Dame kannte uns erst wenige Tage, und dennoch folgte sie der Regung ihres guten Herzens, welche ihre Rasse charakterisirt, meiner Frau für unbestimmt lange Zeit Gastfreundschaft anzubieten, »weil ihr Haus im Gebirge lag und gewiss eine sehr geeignete Stätte war, einen Malariapatienten von dem Fieber zu befreien«.

Fig. 17. Der Tempel bei Prambánan.

Fig. 17. Der Tempel bei Prambánan.

Frau Resident O. war nämlich eine Halbeuropäerin, welche, wie allgemein behauptet wird, die Tugenden und Fehler der beiden Rassen, der Europäer und der Malayen, in sich vereinigen. Gewisse Europäer, welche in der Beschränktheit ihrer Erfahrungen sich gerne auf die Präponderanz ihrer Rasse stützen, um mit Geringschätzung von den indischen Nonnas und Sinjus zu sprechen, könnten und müssten noch vieles[138]von jenen Halbeuropäern lernen, welche ich z. B. in Tjilatjap kennen gelernt habe, um ihnen an Herzensgüte gleich zu kommen.

Nachdem das Fieber meiner Frau zwei Tage angehalten hatte, entschloss ich mich, von der angebotenen Gastfreundschaft der Frau O. Gebrauch zu machen und brachte die Patientin nach Banjumas. Zu diesem Zwecke ersuchte ich den Stationschef zu Maos, einen Wagen nach Banjumas für mich zu miethen, welchen der Hotelier L. zu diesem Zwecke in dieser Station bereit hielt; es war ein alter Landauer, welcher mit vier javanischen Pferden bespannt war. Das Geschirr war alt und schmutzig, aber mit Windesschnelle flogen die kleinen Pferde über den Weg, ob es bergab oder bergauf ging. Mit bewunderungswürdiger Sicherheit leitete der Kutscher die Pferde. Als wir uns bei Glambong dem Serajothal (Fig. 16) näherten, lag zu unserer Linken ein hundert Meter tiefer Abgrund, der Weg krümmte sich beinahe zu einem Winkel von 90°, mit unerschütterlicher Ruhe trieb der javanische Kutscher die Pferde über den Bergrücken, während wir uns krampfhaft an die Wände des Wagens fest hielten, weil wir fürchteten, aus dem Wagen in die Tiefe des Abhanges geschleudert zu werden. Endlich erreichten wir die Hauptstadt der Provinz, welche sich über eine ungeheure Fläche ausbreitet. Oft sind tausend Meter zwischen zwei Häusern, so dass Jeder eine Equipage halten muss, um nur mit seinem Nachbar verkehren zu können. Die einzige Sehenswürdigkeit ist das Haus des Residenten, obwohl es sich in seiner Bauart gar nicht von allenübrigen Häusern unterschied; es war im alt-griechischen Stile gebaut mit vorderer und hinterer Säulenhalle. Zu seiner Rechten befand sich der Pavillon für die Gäste, welcher auch meiner Frau angewiesen wurde. Es waren fünf Gastzimmer, von denen eins meine Frau bezog. Die Babu schlief vor dem Bette auf dem Boden, und vor dem Pavillon stand die ganze Nacht die Polizeiwache.

Bewunderungswürdig war der feine Tact, mit welchem Frau O. ihre Rechte und Pflichten als Gastgeberin gegenüber ihren Gästen erfüllte; unter dem Vorwande, im Allgemeinen meine diätetische Behandlung der Malariakranken hören zu wollen, suchte sie alle Gewohnheiten und Lieblingsspeisen meiner Frau zu erfahren, und, was noch mehr Tact verrieth, sie beschäftigte sich mit meiner Frau nach meiner Abreise gerade so viel, dass diese sich weder langweilte, noch durch das »zu viel« belästigt fühlte.

Die Flucht aus dem Malariaherde und der Aufenthalt in Banjumas ermöglichten eine schnelle Heilung meiner Frau. Schon nach zehn Tagen konnte sie ihre Gastgeberin verlassen und hatte bis zu dem heutigen Tage keine Attaque von dem Malariafieber mehr, weil sie, wieichbehaupte, seit dieser Zeit immer gekochtes Wasser getrunken hat oder weil sie, wie Prof.Kochbehauptete, immun geworden war, trotzdem sie noch Jahre lang in Städten wohnte, in welchen die Mosquitos geradezu Orgien feierten. Auf mich setzten sich diese Thierchen nur so selten, dass ich glaubte, gegen Mosquitostiche immun zu sein; überall, wo ich es thun konnte, schlief ich mit offenem Mosquitonetze und — bekam einen zweiten Anfall von acuter Malaria, so dass ich endlich um ärztliche Hülfe resp. um Ablösung von Tjilatjap ersuchen musste. Am 19. Januar 1891 kam Dr. X. mich untersuchen, und am 20. Januar sass ich um 6 Uhr Morgens in der Eisenbahn, um in Djocja von dem Fieber befreit zu werden. Ich hatte kaum die zweite Station Kroja erreicht, als ich die Wohlthat der Flucht aus einem Fieberherde kennen lernte und fühlte. Ein herrliches Wohlbefinden bemächtigte sich meiner, obzwar die Gegend zwischen Maos und Krojanoch nicht sumpffreiist, und das Fieber verliess mich wie mit einem Zauberschlage.

Dr. X., welcher nach Tjilatjap kam, hat mir, ohne es zu wissen und auch nur zu ahnen, einige bittere Stunden der Angst und Furcht bereitet. Im Jahre 1888 verliess ich nämlich Sumatra mit dem geheimen Auftrage, auf meiner Reise in A. zu landen,wo Dr. X. in Garnison lag. Obschon es feste Regel war, dass aus dieser Garnison die Officiere nach drei Monaten abgelöst wurden, weil sie noch ärger als Tjilatjap von der Malaria heimgesucht war, so hatte Dr. X. schon nach vierzehntägigem Aufenthalt um Transferirung ersucht mit der Mittheilung, dass er von der Malaria bereits seit acht Tagen inficirt sei. Ich sollte also Dr. X. untersuchen und je nach dem Befunde ihn evacuiren und einen anderen jungen Oberarzt, welcher mir mitgegeben wurde, den Dienst übernehmen oder im anderen Falle den zweiten Oberarzt mit dem nächsten Schiffe nach der Hauptstadt zurückkehren lassen. Dr. X. klagte mir sein Leid, dass er jeden Tag das Fieber bekomme und zwar in den Morgenstunden. Ich nahm die Temperatur auf und fand 37·2°; ich untersuchte seine Milz und Leber, sie waren nicht vergrössert; ich sah mich also zur Erklärung gezwungen, dass keine dringende Ursache vorhanden sei, ihn sofort zu evacuiren, und befahl also dem mitgekommenen Oberarzt B., mit dem nächsten Schiffe nach K. zurückzukehren. 2½ Jahre später kam nun derselbe Dr. X. nach Tjilatjap mit demselben Auftrag, d. h. mir ärztliche Hülfe zu leisten, mich, wenn es nöthig sein sollte, zu evacuiren und den Dienst in diesem verrufenen Orte zu übernehmen, oder aber mich weiter in Tjilatjap verbleiben zu lassen. Zu seiner Ehre sei es jedoch gesagt, dass er sofort meine Evacuation beschloss und den Dienst übernahm; am folgenden Morgen verliess ich diesen stärksten Malariaherd von ganz Java nach einem Aufenthalt von einem Jahre.

In Djocja[139]wiederholten sich weder bei mir noch bei meiner Frau die Fieberanfälle; es besitzt ein herrliches Klima und wird mit Recht von den Aerzten als Luftcurort für Malariapatienten gepriesen; es liegt 113 Meter hoch und ist lange nicht so feucht als z. B. das in der Nähe gelegene Magelang; dadurch transpirirt man besser, die Transpiration verdampft schneller und besser; man ermüdet nicht so leicht; weil nebstdem die Luft-Temperatur niedriger ist, so geht auch die Secretion der Nieren leichter von Statten; gerne und sogar mit Vorliebe machte ich vor der »Rysttafel« um die Mittagsstunde einen Spaziergang, was z. B. in Batavia oder Samarang geradezu undenkbar ist. Ich wohnte nämlich imHotel Tugu, welches sich in der Nähe des Bahnhofes befindet; von hier aus ging links eine grosse und breite Strasse, nur von Chinesen bewohnt, zu dem Platze, auf welchem sich einerseits das Fort, andererseits das Residenzgebäude und im Hintergrunde der Kraton befanden. Nur zu häufig wird man bei seinem Spaziergange durch die Stadt an die herrschende Regierungsform erinnert. In kleineren Provinzialhauptstädten, wie z. B. Madiun oder Banjumas, sieht manhin und wiederhinter dem Residenten den »Kanarienvogel« mit dem goldenen Pajong (Sonnenschirm) oder hinter dem Regenten einen Pajong tragen, welcher halb weiss und halb grün mit vergoldeten Streifen und Spitze ist; in Djocja jedoch wird der Pajong, der für jeden der hundert Würdenträger seine bestimmten Farben hat, sogar über die Schale Früchte gehalten, welche z. B. der Kronprinz dem Commandanten der Leibgarde zum Geschenke schickt; natürlich ist auch die Grösse des Gefolges bei jeder Gelegenheit nach den strengen Gesetzen der Etiquette berechnet; in diesem Falle begleiteten fünf Mann den Bedienten, welcher die Früchte trug.

Das Sultanat Djocja besitzt nämlich wie das Kaiserthum von Surakarta eine dreifache Regierung, und da sie einander so ziemlich ähnlich sind, wird die Beschreibung einer der beiden hinreichen, um ein Bild beider Staaten geben zu können. Beide haben nur den Schein der Selbständigkeit, auch wenn sie den Eingeborenen gegenüber kein Mittel unbenutzt lassen, ihre ganze Macht und Herrlichkeit zur Schau zu tragen; so z. B. geschah es bei einem öffentlichen Empfange, bei welchem der Kaiser von Solo und der Resident auf gleichen Thronsesseln sassen, dass unter die Füsse des Thronsessels des Kaisers kleine Stückchen Holz geschoben wurden, wodurch dieser höher als der europäische Beamte sass. Beide Reiche haben zusammen nicht mehr als 169 ☐Meilen und doch noch vier Fürsten, d. h. zwei Kaiser mit je einem unabhängigen Prinzen, und führen alle vier einen fürstlichen Hofhalt. Wie wenig sie regierende Fürsten stricte dictu sind, möge Folgendes illustriren: Die Reichsverweser der beiden Staaten werden vom Gouverneur-General ernannt und beziehen von dem holländischen Staat ihren Gehalt. Die Thronfolge wird nur mit Wissen und Zustimmung der holländischen Regierung festgestellt. Die Regierung über die Europäer und »fremden Orientalen«, als Araber, Chinesen u. s. w. geschieht durch den Residenten. Dieser hat die Aufsicht über die Polizei, Rechtspflege,Steuern der ganzen Provinz. Die Wälder und Vogelnester sowie das Opiummonopol gehören dem holländischen Staate. Das Land darf nur unter jenen Bedingungen an Europäer verpachtet werden, welche das Departement des Innern für ganz Indien festgestellt hat. Das Strafrecht ist das für ganz Indien giltige. Die unabhängigen Prinzen sind nebstdem Officiere der indischen Armee à la suite. Der Prinz Mangku Negara Sohir[140]von Solo ist ein Colonel und erhielt früher einen Gehalt von 36,720 Gulden jährlich und 53,000 Gulden Subvention für den Unterhalt seiner Truppen, während Prinz Paku-Alam von Djocja als Lieutenantcolonel im Ganzen nur 51,000 fl. erhielt. — Die Leibgarden beider Kaiser stehen unter einem europäischen Officier und gehören ebenfalls zur indischen Armee. Der Susuhunan von Solo erhält als Entschädigung für den Abstand der oben angedeuteten Hoheitsrechte und Staatseinkünfte eine Apanage von 805,318 fl., und der Sultan von Djocja 471,600 fl. Das sind freilich hohe Summen, welche die holländische Regierung für die Souveränität über diesen kleinen Theil von Java bezahlt. Den holländischen Chauvinisten sind diese zwei Scheinpotentaten mit ihren zwei Gegenfürsten ein Dorn im Auge, weil sie die letzten Antipoden ihrer unbeschränkten Herrschaft über Java sind. Es sei ein Anachronismus, am Ende des 19. Jahrhunderts solche Despoten mit rein mittelalterlicher Regierungsform der europäischen Civilisation entgegentreten zu sehen. Das sind natürlich Phrasen. Ein ungarischer Stuhlrichter erlaubt sich, wenn nicht mehr, so doch gewiss ebenso viel Willkür gegen die Bürger seines Stuhlrichteramts als der Kaiser von Djocja. Es ist ja eine Scheinregierung, und den Forderungen der modernen Rechtspflege, der Sicherheit von Personen und Eigenthum wird durch die europäischen Beamten Rechnung getragen. Es ist eine Geldfrage und nichts anderes. Holland aber hat sich zur Bezahlung dieser Summe verpflichtet, und so lange diese Potentaten ihren Verpflichtungen nachkommen, kann und darf es der Erfüllung seiner Pflichten sich nicht entziehen. Ja noch mehr, der ganze Hofhalt dieser beiden Fürsten, die öffentlichen Staatsfeste (gárebegs), das prunkvolle Auftreten in der Oeffentlichkeit ist einerseits ein unschuldiges Vergnügen dieser kleinen Potentaten, und andererseits erhöht dies die Machtstellung der holländischen Regierung nicht nur den Eingeborenen, sondern auch Holland und vielleicht ganz Europa gegenüber.

Was die politische Seite dieser Frage betrifft, so sind ja die Gegenfürsten in beiden Reichen eine ausgezeichnete Erfindung der holländischen Principien: Divide et impera. Die ganze Vergangenheit, die ganze Geschichte des grossen Reiches Matarams sind ja Bürgschaft genug, dass die letzten Glieder dieses mächtigen Fürstenhauses niemals vereint gegen Holland auftreten werden; ja noch mehr, wenn die Eifersucht der zahlreichen Fürsten untereinander nicht immer und immer ein gemeinsames Auftreten gegen Holland unmöglich gemacht hätte, würde niemals eine europäische Macht dort festen Fuss gefasst haben. Die Deutschen in Afrika, die Franzosen in Tonking, die Engländer in Indien u. s. w. hätten überhaupt keine Colonien gründen können, wenn die Eingeborenen mit vereinten Kräften den Eroberern entgegengetreten wären. Nicht die Macht der europäischen Civilisation und nicht die Ueberlegenheit der europäischen Waffen haben Europas Colonien im fernen Osten gegründet, es war die Uneinigkeit der Eingeborenen und ihrer Fürsten, welche eine Ansiedlung der Eroberer ermöglicht hat.

Wenn also jemals einer der beiden Kaiser die Abhängigkeit von Holland lästig finden sollte, lauert schon sein Gegenfürst auf die Nachfolge in der Herrschaft, welche ihm durch die Hülfe Hollands sicher zu Theil werden würde. Sollte einer dieser sogenannten unabhängigen[141]Fürsten jedoch mit seinem Confrater gemeinsame Sache gegen Holland machen wollen, so würde er unbedingt den Kürzeren ziehen, denn er ist der Stossballen zwischen dem Souverän und seinem Vasallen, und er ist sich dessen bewusst.

Die Stadt Djocja mit 58,267 Einwohnern (worunter 1826 Europäer und 3478 Chinesen sind) hat aber noch aus anderen Ursachen ein eigenthümliches Gepräge. Die Beamten und Officiere spielen dort keine dominirende Rolle, sie sind ja häufigen Transferirungen unterworfen. Tonangebend sind in Djocja die »Landherren«, weil sie, wenn auch nicht in der Stadt selbst ihre Fabriken und Wohnungen haben, doch ihre freie Zeit im Club oder bei Freunden in der Stadt zubringen. Wenn auch die »fetten Jahre« schon vorüber sind, in denen der Zucker mit 16 fl. per Pikol bezahlt wurde, und sie sich begnügen müssen, wenn sie 8 fl. dafürbekommen, so ist z. B. das Spiel um hohe Preise im Club an der Tagesordnung. Ein Pikol Kaffee für »das Capitaal« beim l’hombre war selbst eine lange Zeit ein gewöhnlicher Preis. Nebstdem pflanzen die Europäer Indigo. Diese drei Producte werden nach Europa exportirt. Für den einheimischen Markt werden Reis, Tabak, Mais, Pfeffer und Kapok gepflanzt.[142]An der Südküste befinden sich die Höhlen für die essbaren Nester der Schwalbe (hirundo esculenta) und 8 Kilometer von Pleret entfernt liegt der alte Kirchhof von Imagiri, bewachsen mit Nelken-[143]und Mesuenbäumen, zu dem 360 Stufen emporführen. Ein kleiner Teich, zwei Vorhöfe mit Mauern und mit den Gräbern zahlreicher Fürsten (Pángérans) und zweier Frauen des Sultans Agung, mit grossen Martavanen (Töpfen) mit heiligem Reinigungswasser für die Füsse umgeben das letzte Grab, welches mit Zimmt- und Nelkenbäumen beschattet ist. Hier soll Sultan Agung selbst den ewigen Schlaf ruhen.

Am Seestrand liegt eine schöne Grotte, welche in der ganzen Geschichte des Mataramschen Reiches eine grosse Rolle gespielt hat und noch heute spielt; denn noch vor einigen Jahren flüchtete der Kronprinz von Djocja nach der Grotte der Ratu Lara Kidul — dies ist nämlich ihr Name —, um sich hier mit Fasten und Beten zum Kampfe gegen die Kafirs vorzubereiten. Die Regierung schickte einfach eine Schwadron Cavallerie dahin und störte ihn so sanft als möglich in seinen ascetischen Betrachtungen. Da ich sie selbst nicht gesehen habe, will ich die vonVethgegebenen Beschreibungen folgen lassen, obwohl er niemals auf Java gewesen ist und sie also auch nicht aus Autopsie kennt.

»Die Grotte ist schief, unregelmässig gezackt, 15′ lang, 7′ breit und nirgends mehr als 10′ hoch. Aber von ihrem Gewölbe hängen zahlreiche blau-weisse, aus concentrischen Schichten geformte Stalaktiten in der Form von Eiskegeln, Orgelpfeifen oder kleinen Pyramidenherab. Die Wände der Grotte haben die Form von Säulen, welche durch tiefe Furchen von einander getrennt sind; von ihren Spitzen und Zähnen am Gewölbe tröpfelt immerwährend das Wasser, so dass ein natürliches Tropf- und Regenbad entsteht, welchem sie den Namen Karang trètès = Tropfhöhle verdankt. Das kalkhaltende Wasser sammelt sich in kleinen Bächen und fliesst sanft murmelnd nach aussen. An dem Eingang der Grotte wachsen Farnkräuter und Moose, welche von unten incrustirt sind, so dass sie oben noch wachsen und grün sind, während sie auf der Basis zu einer Steinmasse verkalkt sind.«

Das Dolce far niente der Italiener hat sein Pendant in dem »Klima schiessen« in Indien, in dem »Stündchen der Dämmerung« der Holländer und in dem procul negotiis der Römer. Entrückt allen Sorgen des täglichen Lebens giebt man sich der vollkommenen Ausspannung des Geistes hin, ohne zu denken, ohne zu träumen und nur zu fühlen, und zwar dem Genuss der Kühle der frühen Morgenstunde oder dem sanften Zephyrwehen einer kühlen Abendluft. Dies ist das »Klima schiessen« der Indier. — Besonders in Djocja war es ein herrliches Gefühl, nach dem Abendessen, welches im Hotel um 9 Uhr beendigt war, in der »Vorgalerie« in einem Schaukelstuhle zu sitzen und — nichts zu denken, nicht zu träumen und sich ganz dem Genuss der Tropennacht hinzugeben. Die Temperatur war in der Regel ungefähr 20° C., der Himmel unbedeckt; die Oriongruppe, das südliche Kreuz und die Venus strahlten in schillerndem Lichte, und nur selten wurde die Ruhe durch einen vorbeifahrenden Wagen gestört. Des Morgens ist ein »Klima schiessen« weniger angenehm. Zum richtigen »Klima schiessen« gehört ja die indische Haustoilette, Nachthose, Kabaya (Leibchen) und Pantoffeln, welche den Körper nirgends beengen; dazu ist es aber in Djocja zu kühl; man muss sich Bewegung machen, um die kühle Morgenluft von 17° C. angenehm zu finden, oder man muss sich »kleiden«. In Djocja sind allerdings die Etiquettenregeln hinsichtlich der Toilette nicht strenge; die Stadt ist ja durch und durch »indisch«, d. h. die Mehrzahl der Europäer ist entweder in Indien geboren oder ist von gemischter Rasse. Wenn sich auch die Männer so ziemlich der europäischen Mode anschliessen, so entziehen sich doch die »indischen Damen« so viel als möglich dem Scepter der Mode Europas und bleiben so viel als möglich, d. h. oft Tage,Wochen, wenn nicht Monate lang in der indischen Toilette: Sarong, Kabaya, Kutang[144]und Pantoffeln. Sie huldigen dabei ebenso viel der Eitelkeit als auch der Bequemlichkeit. Man sieht also in Djocja nach 6 Uhr früh die meisten Europäer, nachdem sie ihre Schale warmen Kaffee zu sich genommen haben, in indischer Toilette in den Strassen spazieren gehen und zwischen 7 oder 7½ Uhr nach Hause zum Frühstück eilen; um 8 Uhr beginnt das Business.


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