Chapter 17

».... mit Rücksicht auf die günstige Conduitebeurtheilung, welche »de Officier van Gezondheid«, Breitenstein, bis jetzt hatte, die in Colonne I mitgetheilteunrichtigeBehandlung von Sachen[106]als einen vereinzelten Irrthum in gutem Glauben angesehen habe« und dass »Seine Excellenz auf Grund dieses wünscht, die im Jahre 1887 gefällte Beurtheilung vorläufig aufrecht gehalten zu sehen ...«

».... mit Rücksicht auf die günstige Conduitebeurtheilung, welche »de Officier van Gezondheid«, Breitenstein, bis jetzt hatte, die in Colonne I mitgetheilteunrichtigeBehandlung von Sachen[106]als einen vereinzelten Irrthum in gutem Glauben angesehen habe« und dass »Seine Excellenz auf Grund dieses wünscht, die im Jahre 1887 gefällte Beurtheilung vorläufig aufrecht gehalten zu sehen ...«

Diese Mittheilung des Sanitätschefs war datirt vom 3. Juni 1889, wurdeeinen Monatspäter auf Urgenz des Landes-Commandirenden mir eingesendet und trug auch die Spurender Fälschung; Juni war verändert inJuli!!

Es geschieht selten, dass eine Conduitebeurtheilung von dem Armee-Commandanten gänzlich zu Gunsten der Reclamanten abgeändert wird, und wenn es geschieht, ist es ein Pyrrhussieg; denn seine Vorgesetzten sehen darin mit Recht eine Niederlage, welche sie in ihrer Existenz, d. h. in ihrer eigenen Beförderung bedroht und — nehmen Rache.

Dieser Bescheid des Sanitätschefs zeigt das militärische Leben in einem eigenthümlichen Lichte, und es drängt sich die Frage auf, ob diesem ein richtiger Standpunkt zu Grunde liege.

Das Vergehen, welches so stark war, dass ich »nicht würdig« und »nicht geeignet« war, befördert zu werden, wurde vom Armee-Commandanten als bestehend angenommen, und nur im Gnadenacte wurde mir die Strafe für dies Vergehen (??) erlassen, weil ich »in gutemGlauben geirrt hätte«, d. h. mit anderen Worten, dass der Landes-Sanitätschef nicht unrichtig mich beurtheilt hätte.Das Princip, welches dieser Aeusserung zu Grunde liegt, ist die Wahrung der Autorität des Chefs gegenüber seinen Untergeordneten.Wenn wir von Uebertreibungen absehen, ist dieses Princip im militärischen Leben ein richtiges und gesundes, es wird auch mit Recht bei allen Disciplinaruntersuchungen angewendet; in strittigen Fällen wird dem Höheren mehr geglaubt als dem Untergebenen; wird damit ein Missbrauch getrieben, so hat jeder Soldat das Recht, auch wegen einer auf dem Disciplinarwege aufgelegten Strafe zu reclamiren und die Entscheidung eines Kriegsgerichts anzurufen, welches jedoch als Jury das objective Beweisverfahren übt. Es ist auch dafür gesorgt, dass dieser Schritt nicht leichtsinnig unternommen werde. Entscheidet das Kriegsgericht (Krygsraad) zu Ungunsten des Reclamanten, so wird nicht nur die primäre Strafe ins Strafregister aufgenommen (die Strafe selbst muss ja nach dem Reglement abgebüsst sein, bevor er an das Kriegsgericht appelliren kann, nebstdem muss der Reclamant die ganze Zeit hindurch Casernenarrest halten), sondern er wird jedenfalls noch einmal gestraft, weil er durch seine leichtsinnige Reclamation bewiesen hat, nicht die seinem Chef schuldige Ehrfurcht zu besitzen. Officiere müssen nebstdem alle Kosten tragen, welche etwaigenfalls damit verbunden waren.

Das Princip ist, ich wiederhole es, ein richtiges, aber die Ausführung desselben lässt vieles zu wünschen übrig. Ich habe in dieser »Affaire« correct gehandelt, ich habe mit Ueberlegung gehandelt; ein praktischer Blick leitete meinen Entschluss, den Assistenzarzt ärztlich untersuchen zu wollen, da er sich »krank« meldete. Er fürchtete diese Untersuchung; wenn mir von Samarang geschrieben wurde, er habe ein Leiden des Dünn-, Dick- und Mastdarmes gehabt, so konnte ich nichts anderes darauf antworten, als: Bis zur Stunde der Abreise lebte er als ein gesunder Mensch, der sich nicht einmal in der Freude des Lebens beschränkte. Bei seiner Zurückkunft nachvier!Tagen lebte er wieder wie jeder andere gesunde Mensch; Furcht war also die Ursache seines Leidens.Darfes also geschehen, dass die Rachsucht seines Chefs jenen unglücklichen Glücklichen verfolgt, der in seinem Recurse an die höchste militärische Autorität rehabilitirt wird? Sollte in solchen Fällen nicht sofort die Pensionirung des Chefs erfolgen, welcher sich von seinen persönlichen Gefühlen der Antipathie hinreissen lässt,um aus unbegründeten, bei den Haaren herbeigezogenen Ursachen einem jungen Manne die Carrière abzuschneiden und die ganze Zukunft zu zerstören!

Die Cholera beschränkte sich im Jahre 1888 auf Samarang und Umgebung und kam nicht nach Ngawie. Ich hatte zwar vier Fälle, sie kamen jedoch in vielwöchentlichen Pausen vor und nur beiSäufern. Alle vier Patienten waren Gehülfen des Koches und bekamen für die Ablieferung der Abfälle der Küche an den chinesischen Schweinehändler von ihm täglich eine Flasche Sagueer[107]oder Arac. Solche vereinzelten Fälle sind in Indien häufig, weil die Cholera dort eben endemisch ist und eswahrscheinlichauch immer gewesen ist, wenn auchSemelinkbehauptet, dass vor dem Jahre 1817 die Cholera in Indien unbekannt gewesen sei. Die Beweise, welche dieser indische Oberstabsarzt in seinem Buche dafür bringt, gründen sich grösstentheils auf philologische Untersuchungen, auf welches Gebiet ich ihm nicht folgen kann. Mittheilungen bacteriologischer Art sind natürlich in diesem sonst fleissig bearbeiteten Buche nicht enthalten, und in der Zahl der Todesfälle einen Unterschied zu machen zwischen asiatischer Cholera und Cholera nostras hat doch gar keine wissenschaftliche Basis. Wenn also OberstabsarztSemmelinkauf philologische Gründe basirt behauptet, dass vor dem Jahre 1817 auch in Indien die epidemische Cholera asiatica nicht vorgekommen sei, und dass die Beschreibungen solcher Fälle an Malaria oder Vergiftungen mit Datura oder Arsenik u. s. w. erinnern, so kann dieser Behauptung nicht widersprochen werden; aber jeder unbefangene Leser wird z. B. im folgenden Satze, welcher auf einem Steine eines alten Tempels sich befand und einem Schüler Buddha’s zugeschrieben wurde, in erster Reihe an Cholera und nicht an Malaria denken. Dieser Satz lautet:[108]»Die blassen Lippen, das abgemagerte Gesicht, die hohlen Augen, der eingezogene Bauch, die zusammengezogenen und gekrümmten Extremitäten, wie wenn sie dem Feuer ausgesetzt gewesen wären, charakterisiren die Cholera, welche durch die boshaften Beschwörungen der Priester niedersteigt, um die braven Menschen zu verderben. Der dicke Athem bleibt an dem Gesichte des Kriegers hängen, seine Finger sind in verschiedener Weisezusammengezogen und verdreht, er stirbt in Krämpfen, als Schlachtopfer der Cholera von Siwa.«

Vielleicht wird ein Bacteriologe sich finden, der z. B. in den Gräbern verstorbener Hindus Cholerabacillen finden wird; denn ohne diesen Befund wird die BehauptungSemelink’s, dass die Cholera vor dem Jahre 1817 auch in Indien nicht vorgekommen sei, auf wissenschaftlicher Basis nicht widerlegt werden können; wenn aber im Jahre 1768 auf der Küste von Coromandel 60,000 Menschen einer Krankheit erlegen sind, welche die der Cholera eigenen Symptome hatte, ist es schwer, darin eine Malaria-Epidemie zu sehen, weil es gewiss noch niemals vorgekommen, dass die plötzlichen Todesfälle, veranlasst durch die Malaria und bekannt unter dem Namen Febris perniciosa, in so grosser Zahl vorkommen, als es in dem Charakter der Cholera-Epidemien gelegen ist.

Es drängt sich uns eine andere Frage auf, welche der Bacteriologe momentan vielleicht als steril zurückweisen wird; aber in Zukunft wird man auch unsere Ansicht reiflich in Erwägung ziehen müssen.

Vor dem Jahre 1885 war Atjeh (im Norden Sumatras) die Heimstätte zahlreicher und heimtückischer Malariaformen; in diesem Jahre brach eine fürchterliche Epidemie von Beri-beri aus, welche z. B. das Hülfs-Bataillon der Maduresen in drei Monaten Zeit decimirte!

Ich habe zu wiederholten Malen Malariaformen gesehen, die schwer von Lungenentzündung oder Typhus zu unterscheiden waren, ja noch mehr, ich habe, ich möchte fast sagen, eine ganze lange Entwicklungsreihe von typischer Malaria bis zu ausgesprochenem Bauchtyphus gesehen.

In beiden Fällen musste ich diese Krankheiten »Bruder und Schwester« nennen, d. h. verwandte Krankheitsformen auf miasmatischer Basis.

Sollten also auch nicht Cholera und Malaria miasmatische Krankheiten sein, welche wie Bruder und Schwester mit einander verwandt sind? Wenn ich das Bild der wenigen Fälle von Febris perniciosacholericavor Augen halte, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, und es vergleiche mit jenen der Cholerakrankheit, dann werde ich vielleicht mit dem deutschen Bilde, sie gleichen wie ein Ei dem andern, deutlicher meine Ansicht ausdrücken als mit dem holländischen »Bruder und Schwester«; aber mit beiden Bildern will ich die Verwandtschaft dieser beiden Krankheiten aussprechen und die Polymorphie der Bacterienals Krankheitserreger nur andeuten. Für die Systematik sind die Worte: Plasmodien und Cholerabacillus gewiss von hohem Werthe; in der Praxis wird uns das WortMiasmenin der Lehre der Malaria bessern Dienst leisten und in der Aetiologie derCholeraden Weg zu einer richtigen Prophylaxis zeigen.

Im Jahre 1817 hat also die Cholera ihre erste grosse Weltreise angetreten; sie dauerte sieben Jahre lang und hatte zu ihrer Ausbreitung auf den Inseln des indischen Archipels drei Jahre nöthig. Interessantes hierüber theilt der »Militär-Krankenrapport über Java und Madura« 1847 mit, und darum wird vielleicht ein Auszug von den Mittheilungen des Sanitätschefs Dr.W. Boschaus dieser Zeit nicht unerwünschte Beiträge zur Geschichte der Verbreitung der Cholera geben:

»Schon im vorigen Jahrhundert trat die Cholera bald sporadisch, bald epidemisch auf; immer aber verschwand sie bald, ohne viele Opfer zu heischen. Doch im Jahre 1817 trat sie als heftige Epidemie in Hindostan auf und raubte Hunderttausenden das Leben. Zuerst brach sie in der Umgebung von Calcutta aus und erreichte bald die Stadt, wo jede Woche 200 Menschen oder1⁄900der Bevölkerung daran starben, ohne dass man die Ursache oder den ersten Keim der Entwicklung entdecken konnte. Von dort pflanzte sie sich nach China fort und wüthete in den Hauptstädten Peking und Canton; weiterhin zog sie im Jahre 1818 nach Madras und nach der Südküste von Coromandel und erreichte am Ende dieses Jahres Ceylon. Weiter besuchte sie die Westküste von Vorderindien, den Golf von Persien, Cochinchina, Manila, Pulu (Insel) Pinang, Singapore, Malacca und im Jahre 1820 Mauritius und den Golf von Siam.«

»Obwohl der Gouverneur von Pulu Pinang und der Prof.Reinwardtdiese Krankheit auf das bestimmteste fürnicht ansteckenderklärt hatten, glaubte doch unsere Regierung die Ansteckungsfähigkeit fürzweifelhafthalten zu müssen, und es wurde vorsichtshalber verordnet, dass von den Schiffen, welche aus oben genannten Gegenden kamen, Niemand ans Land gehen sollte, bevor eine ärztliche Commission untersucht hatte, ob sich keine verdächtigen Kranken oder Reconvalescenten an Bord befanden. Auch sollten die Residenten in Uebereinstimmung mit den Aerzten jene Maassregeln festsetzen, welche die localen Verhältnisse erfordern sollten. Zugleich wurde der Bericht des Gouverneurs von Malacca in den batavischen Zeitungen publicirt.«

»In einem Briefe vom 19. Januar 1820 berichtete der Resident von Batavia an die Regierung, dass die Brik Fanny, welche von Mauritius angekommen war, die Nachricht gebracht hatte, dass dort die Cholera ausgebrochen war und in drei Wochen 3000 Menschen dahingerafft hatte, dass dieses Schiff Quarantaine halten musste, welche Maassregel gebilligt wurde, ebenso als die Isolirung der Schiffe, welche die Strasse von Sunda passirten. Bald zeigte es sich, dass alle Vorsichtsmaassregeln vergebens genommen waren. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1821[109]brach die Cholera in Mittel-Java, und zwar in Samarang aus, ohne dass eine strenge Untersuchung constatiren konnte, von wo sie gekommen war und aus welcher Ursache sie sich entwickelt hatte ...«

»Die Schiffe, welche auf der Rhede von Samarang lagen, wurden genau untersucht; aber es meldete der MilitärarztBakker,[110]dass auf keinem der Schiffe eine Spur der Krankheit zu finden war, so dass ihr Entstehen auch hier ein Räthsel blieb. Aber sicher ist es, dass sie nicht über See eingebracht wurde, und dass zu Land kein Verkehr mit irgend einem der inficirten Orte bestand.[111]Unterdessen kamen auch einige Cholerafälle in Demak vor, welches im Osten von Samarang liegt ...«

Von 786 Javanen findet man in dem Staatsarchiv einen sehr genauen Rapport, welcher von einem eingeborenen Häuptling verfasst war. Aus diesem ist ersichtlich, dass gestorben waren

am

22.

April

3

Menschen

23.

6

24.

15

25.

53

26.

42

27.

85

28.

99

29.

87

30.

126

(NB. Abends Regen)

1.

Mai

77

2.

99

3.

94

Es starben binnen

1

Stunde

51

Menschen

2

Stunden

46

3

39

4

60

5

40

6

38

7

49

8

35

9

32

10

40

11

33

12

73

18

31

24

65

48–80

7

Die weiteren Mittheilungen des Sanitätschefs Dr.Boschwill ich unerwähnt lassen, weil sie nur der Spiegel der damaligen Rathlosigkeit sind, was die Aetiologie dieser Krankheit betrifft.

Wenn ich auch den statistischen Angaben aus dieser Zeit absolut keinen Werth beilege, und auch die Mittheilungen über die angeblich unternommenen »genauen« Untersuchungen geradezu bezweifle, so glaube ich doch, natürlich ohne weiteren Commentar, die mir zugänglichen Ziffern über die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels mittheilen zu sollen.

Von 1821 bis 1832 starben in der Armee an Cholera 559, 118, 200, 158, 147, 256, 183, 281, 330, 261, 115, 30 (das erste Halbjahr) = 2638, und 8487 waren erkrankt.

Dr.W. Boschtheilt weiter mit, dass vom Jahre 1832 an die Rapporte über die Cholera schweigen, so dass »man annehmen muss, dass die eigentliche Cholera nicht mehr vorgekommen ist«, und dennoch — sind unter der Statistik der in der Armee behandelten Krankheiten von der ersten Hälfte des Jahres 1847 24 Patienten mit 5 Todesfällen angegeben. Da dieser Summirrapport über »das erste halbe Jahr 1847« erst in 1850 erschien, so lässt sich dieser Widerspruch nicht anders erklären, als dass die sporadischen Fälle ausser Betracht blieben.

Wenn wir die weiteren Jahre, deren Berichte mir zugänglich sind, betrachten, so sehen wir, dass die Cholera in Indien endemisch ist.

Vom Jahre 1852 bis 1885[112]starben an Cholera in Java (und Madura) 3122 europäische, 189 afrikanische und 1138 eingeborene Soldaten.[113]

Vom Jahre 1891 bis 1895 kamen 185, 91, 41, 1, 1, zusammen 319 Todesfälle an Cholera vor, während im Jahre 1896 137 und im Jahre 1897 229 Bürger dieser Seuche erlagen.

Die Ziffern des Jahres 1891 bis 1895 sollten beweisen können, dass die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels nicht endemisch sei, sondern wie in Europa hin und wieder verschwindet und dann wieder entsteht und in der Form einer Epidemie Hunderte und Tausende hinwegrafft. Das Gegentheil ist richtig. Gerade die Thatsache, dass in den Jahren 1894 und 1895 nur vereinzelte Fälle in der Armee vorkamen und sich nicht ausbreiteten, gerade dies ist das Charakteristische einerendemischenKrankheit.

Warum jedoch solche vereinzelte Fällemanchmalund glücklicherweise nicht immer zu grossen Epidemien die Anläufe werden, dafür fehlt uns jedes Verständniss. Dies ist ja nicht allein mit der Cholera der Fall; es kommen ja in Europa isolirte Fälle von Pocken, Diphtheritis, Lungenentzündung, Dysenterie, Typhus und Scharlach vor, und in Indien geschieht dasselbe mit der Malaria, während im anderen Jahre diese Infections-Krankheiten epidemisch auftreten und sich rasch über grosse Strecken verbreiten. Will man sich mit der Erklärung begnügen, dass in dem einen Falle sich weiter keine dazudisponirtenMenschen fanden, in dem zweiten Falle sich jedoch zahlreich solche Individuen einstellten — auch recht: »Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein«; ich jedoch — bezweifle noch immer die Richtigkeit der herrschenden Infectionstheorie, obwohl der Commabacillus in den Defäcationen der meisten Cholerakranken gefunden wird.

Fig. 13. Ein javanischer Häuptling mit seiner Frau in Galakleidung.[114]

Fig. 13. Ein javanischer Häuptling mit seiner Frau in Galakleidung.[114]

Im Jahre 1882 obducirte ich mit einem Collegen (Dr.van Th...) in Batavia einen Soldaten, welcher ins Spital gebracht worden war. Wie üblich, machte der damit betraute Soldat die Section, und nur einige kleine Handgriffe, wie z. B. das Oeffnen der Herzhöhlen, nahmen wir vor. Wir machten die Diagnose: Cholera, und Dr.van Th...bekam — einen Choleraanfall,[115]während ich nur eine Exacerbation meines alten Nervenleidens erlitt. Ich bekam heftigen Stuhlgang und Beklemmung in der Herzgrube (Präcordialangst), ich wurde aufgeregt und gejagt, und wiederum raubte mir die Furcht vor der Cholera beinahe die ganze Nacht den Schlaf. Diese Erkrankung des Dr.van Th..., sowie die vier oben erwähnten Fälle der Krankenwärter, welche der Cholera erlagen, nachdem vier Tage hintereinander je ein Patient von der Rhede von Batavia ins Spital geschickt wurde, sind wohl genug Beweise, dass Cholera von Person auf Person übertragen werdenkönne, dass sie also eine Infectionskrankheit stricte dictu sei.

Auf welchem Wege geschieht die Infection durch den Commabacillus?Grossi,CattamundTizzonihaben auf Fliegen diese Bacterien gefunden; auch auf den Mosquitos Indiens sollen sie gefunden worden sein. Für jeden Fall ist diese Quelle der Infection eine ganz geringe, weil auf den Küsten zur Zeit der Cholera-Epidemie Tausende und Tausende 10–20 Mal, und zwar jeden Abend gestochen werden, ohne die Cholera zu bekommen, und andererseits diese Krankheit in Gebirgsgegenden eine verheerende Verbreitung genommen hat, ohne dass Mosquitos oder Fliegen vorgekommen wären.

Virchowfand in dem Magen von Choleraleichen noch in Verdauung begriffene Speisereste, wenn die Krankheit nur 1–2 Stunden gedauert hatte; der saure Magensaft der Thiere vernichtet die Commabacillen, und darum gelingt es nur ausnahmsweise, Thiere durch Fütterung von Reinculturen dieser Bacterien an Cholera erkranken zu lassen, und man muss zu diesem Zwecke erst die Säure des Magens abstumpfen. Es müssen also mit den Speisen selbst in den vonVirchowangegebenen Fällen die Bacillen eingeführt worden sein, und thatsächlich ist zu allen Zeiten die Nahrung als Vehikel des Choleragiftes angesehen worden; so z. B. sahTytlerden Gebrauch von verdorbenem Reis als die Ursache des Entstehens der Cholera an; noch heute werden unreife Früchte, und von einigen Aerzten sogar auch solche, welche ganz reif sind, als die Keimträger der Cholera angesehen. Als im October 1896 in Atjeh sieben Fälle von Cholera vorkamen, wurde auf Vorschlag des Landes-Sanitätschefs der Verkauf von allen Früchten auf dem Markte verboten. Auf allen Speisen können zufällig Commabacillen vorkommen. Warum werden dann nicht alle Speisen verboten?

Natürlich musste man auch an das Trinkwasser als Vehikel des Choleragiftes denken, und das Nutzwasser des Bades und der Küche u. s. w. können in grösserer oder kleinerer Anzahl die Cholerabacterien enthalten.

Wenn wir absehen von den wenigen Städten in Indien, in welchen artesisches Wasser gebraucht wird, ist ja die Quelle des Trinkwassers und des Nutzwassers selten eine reine. Nachvon Pettenkoferund Anderen sind der alluviale Boden und die tertiäre Formation aussergewöhnlich günstig zur Entwicklung des Commabacillus; die ganze Nordküste Javas ist ja angespültes Land; das Grundwasser derselben ist überfüllt von faulenden Stoffen, und der Lehmboden ist ein schlechter Filter. Darum ist Surabaya mit Recht eine ungesunde Stadt zu nennen.

Wenn wir absehen von den Pantjorans im Gebirge, welche reines Quellwasser führen, so ist das Wasser, welches der »kleine Mann« gebraucht, beinahe eine Reincultur von allen möglichen Bacterien und somit auch des Commabacillus. Er gebraucht das Wasser der Sümpfe und der Strassenriolen zum Mischen mit der Milch, zum Trinken, zum Kochen seines Reises, zum Baden, zum Mundspülen, zum Waschen seines Geschirrs und zum Besprengen des Gemüses und der Früchte, welche er auf den Markt bringt, um ihnen ein frisches Aussehen zu geben.

Aber auch die Entleerungen der Menschen und Thiere befördern die Verbreitung einer Cholera-Epidemie. In der Regel befinden sich die Aborte im Garten neben dem Badezimmer, und die Abfuhr beider mündet in eine Senkgrube, welche die verdünnten Fäces dem Boden mittheilt und das Grundwasser verpestet.

Dass die Cholera endemisch in Indien sei, lässt sich kaum bestreiten, ohne dass wir die undeutliche Definition dieses Kunstausdruckes, welche im Jahre 1876 von der indischen Regierung den Beamten zur Richtschnur gegeben wurde, zur Basis dieser Behauptung nehmen.

Sie lautet folgendermaassen: ... »zu erklären, dass eine Krankheit dannepidemischgenannt werden müsse, wenn sie den Stand aller Krankheiten, wie er in gewöhnlichen Verhältnissen sich zeigt, überschreitet, dass aber eine Krankheit dannendemischzu nennen sei, wenn sie sich zwar beschränkt auf den Ort, wo sie entsteht, aber gleichzeitig eine grosse Zahl Menschen angreift.«

Ich habe in Indien nur eine einzige Choleraleiche seciren sehen; ich kann daher darüber nichts mittheilen, ob unter dem Einflusse des Tropenklimas die Befunde der Choleraleichen andere als in Europa seien. Was die Symptome dieser Krankheit betrifft, so will ich sie unbesprochen lassen, weil sie dieselben wie in den gemässigten Zonen sind. Ob mehr Europäer oder mehr Eingeborene der Cholera zum Opfer fallen, ist deutlich aus den Militär-Krankenrapporten ersichtlich. Ich habe vor mir die Rapporte von den Jahren 1878 bis 1885 und 1891 bis 1895, also über 13 Jahre, und während jeder Epidemie erlagen bedeutend mehr Europäer als Eingeborene dieser Seuche; auch die Zahl der sporadischen Fälle spricht zu Gunsten der Eingeborenen.[116]

Europäer.

Eingeborene.

38

19

5

4

7

2

410

150

262

72

326

128

80

15

69

35

190

89

91

34

40

23

2

1

Die Behandlung der Cholera richtet sich in Indien nach den jeweilig herrschenden Ansichten in Europa. So hat z. B. Dr.J. Gronemann, gewesener Leibarzt des Kaisers von Djocja, mit sehr viel Eifer auf Grund der herrschenden Lehre der Bacteriologie die Creoline empfohlen. Sein grosser Sanguinismus über den Werth dieses Heilmittels hat nicht nur die indische Presse, sondern auch die von Holland ergriffen, und als im Jahre 1897 die Cholera wieder in Surabaya epidemisch auftrat, wurde eine Commission dahin geschickt, welche unter persönlicher Leitung dieses alten Mannes die Creoline einer wissenschaftlichen Untersuchung und Probe bei Cholerakranken unterziehen sollte. Als endlich nach vielen Schreibereien diese Commission zusammengestellt und mit Dr.Gronemannin Surabaya angekommen war, wurden die Cholerafälle mit jedem Tage weniger, so dass sie wegen Mangels an Material unverrichteter Sache nach Hause gehen mussten. Dr.Gronemannist kein Charlatan — ich kenne ihn persönlich — sondern ein therapeutischer Optimist; in »de Locomotief« vom 5. November1896 empfahl er den Gebrauch (gereinigter) Früchte zur Cholerazeit, und schliesst mit folgenden Worten:

»Nun noch folgende nicht unwichtige Mittheilung: Ein sehr bekannter und renommirter Doctor-djawa wurde nach einem abseits gelegenen Ort gesendet, wo in wenigen Tagen 40 Eingeborene an Cholera (oder an einer der Cholera ähnlichen Krankheit) krank geworden und (Alle) gestorben waren. Er fand dort 10 neue — nach den Symptomen zu urtheilen — an echter Cholera erkrankte Javanen. Eine bacteriologische Untersuchung, welche allein ausmachen konnte, ob die Krankheit wirklich die asiatische Cholera oder die Cholera nostras war, konnte nicht gehalten werden. Aber beide Krankheitsformen, welche miteinander nahe verwandt sind und unter derselben Erscheinung zum Tode führen, werden durch Commabacillen verursacht, welche in den Darmcanal eindringen, dort fortwuchern, untereinander sich nur wenig unterscheiden, und auf gleiche Weise schnell und sicher durch Creoline getödtet werden.«

»Der »Doctor-djawa« gab Allen Creoline nach meiner Methode, welche seit mehr denn sieben Jahren von ihm angewandt wird. Von diesen 10 Patienten starben noch 4, und 6 von ihnen blieben am Leben.«

»Hierauf liess eralleKampongbewohner dieselbe Medicin alsProphylacticumgebrauchen, indem er ihnen weismachte, dass es Wasser von Rum sei, welches die Teufel austreiben konnte, welche diese Krankheit verursachten und ... kein einziger wurde wieder von der Krankheit ergriffen.« »Practica est multiplex.«

Ob seitdem diese Therapie der Cholera in die grosse Menge der indischen Bevölkerung gedrungen sei, ist mir nicht bekannt; aber bis nun wurde beim Ausbruch einer Cholera-Epidemie von der Regierung bis in die kleinsten und abgelegensten Dörfer der »Choleratrank von Bleeker« in hunderten und tausenden von Flaschen geschickt, weil die Eingeborenen diese »Obat sakit parut« sehr gern nahmen.

Rp.Olei cajeputi p. II.Olei menthae piperit. p. III.Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.Vini opii aromatici p. XV.M. D. S. Cholera-Essenz;

Rp.Olei cajeputi p. II.Olei menthae piperit. p. III.Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.Vini opii aromatici p. XV.M. D. S. Cholera-Essenz;

Rp.Olei cajeputi p. II.Olei menthae piperit. p. III.Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.Vini opii aromatici p. XV.M. D. S. Cholera-Essenz;

Rp.Olei cajeputi p. II.

Rp.

Olei cajeputi p. II.

Olei menthae piperit. p. III.

Olei menthae piperit. p. III.

Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.

Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.

Vini opii aromatici p. XV.

Vini opii aromatici p. XV.

M. D. S. Cholera-Essenz;

M. D. S. Cholera-Essenz;

davon 2 Esslöffel auf 1 Weinflasche (= 750 Gramm) filtrirtes Wasser und davon jede ¼ oder ½ Stunde 1 Esslöffel zu nehmen.

DieProphylaxisder Cholera fällt mit der gegen die Malaria zusammen, weil beide nicht nur theoretisch in die Klasse der miasmatischen Krankheiten gehören, sondern auch factisch gleichzeitig vorkommen. Da auch die dritte Geissel der Tropen, die Beri-Beri, eine rein miasmatische Krankheit ist, so müssen alle prophylaktischen Maassregeln des Staates gegen das Entstehen und Ausbreiten der einen Krankheit auch den übrigen miasmatischen Krankheiten (worunter wir auch in den Tropen den Typhus und die Dysenterie rechnen) zu Statten kommen. Um also nicht in Wiederholungen zu verfallen, wird in dem weiteren Capitel, welches die übrigen Krankheiten besprechen wird, die staatliche Prophylaxis derselben nur angedeutet werden.

Dieselbe erstreckt sich natürlich auf alle bekannten Quellen der Miasmen und muss — Erreichbares anstreben, denn, wer das Höchste anstrebt, wird das Hohe erreichen.

Dazu gehören: Sümpfe, Reisfelder, Irrigation, Wasser, Abfuhr von Fäcalien und Abattoirs.

Sümpfekommen nicht allein auf der Küste, sondern auch im Gebirge vor, wo sie vulcanischen Ursprungs sind; darum sind auch nicht alle Berg-Garnisonen frei von Malaria-Epidemien. Ein sprechendes Beispiel hierfür ist z. B. die Stadt Ambarawa mit dem Fort Willem I. Ausgedehnte Sümpfe (rawah) kommen auf Java in grosser Anzahl vor; der berüchtigtste ist im Süden Javas bei Tjilatjap, wo ich im Jahre 1890 in Garnison lag und von der Malaria stark heimgesucht wurde. Dazu kommen die zahlreichen nassenReisfelder(sawah), welche wie ein Mosaikbild die ganze Oberfläche Javas mit Farbennuancen vom Hellgelb bis zum Dunkelgrün bedecken.

Das Austrocknen der Sümpfe und die Beseitigung der nassen Reisfelder wäre sicher eine radicale Maassregel; aber — beide sind unausführbar. Im Jahre 1747 musste in Nordbrabant bei Steinbergen ein solches Unternehmen unterbrochen und das Land wieder unter Wasser gesetzt werden, weil die damit entstandene Exacerbation der Malaria-Epidemie Tausende hinweggerafft hatte. Wie viel Opfer haben der Bau des Hafens Tandjong Priok bei Batavia und von Tjilatjap gekostet, weil die Arbeit in Sümpfen stattfinden musste. Die Sümpfe auf Java sind zu gross, um vorläufig nur daran denken zu lassen, sie gleichzeitig und in kurzer Zeit trocken legen zu lassen. So viel Geld und so viel Menschenleben würde dieses kosten, dass »de remedie erger dan de kwaal« = das Heilmittel ärger als die Calamität wäre. Wir haben ja noch andere Mittel, um den schädlichen Einfluss der Sümpfezu beseitigen oder wenigstens zu verkleinern. Wir können sie sehr leicht zu Seen verändern, welche immer mit einer hohen Wasserschicht bedeckt sind. An Wasser ist wahrhaftig auf den Inseln des indischen Archipels kein Mangel; so z. B. hatte Tjilatjap im October 1889 einen Regenfall von 1111 mm, und der geringste Wasserfall war im Januar, in welchem Monat 9 Regentage mit 152 mm sich einstellten; im ganzen Jahre waren mehr als 4 Meter Regen gefallen.[117]Das Eindämmen dieser zahlreichen Sümpfe und Umwandeln derselben zu Seen erfordern keine grossen Summen Geldes und gewiss nur wenig Menschenleben, so dass diese radicale Cur ins Reich des Möglichen und Erreichbaren versetzt werden kann.

Ein palliatives Mittel ist die theilweise Drainage der Sümpfe in der Nähe von Dörfern und Städten durch Graben von Riolen um jedes Haus, welche, zweckmässig untereinander verbunden, nicht nur das Regenwasser, sondern auch das Grundwasser in grössere Canäle leiten und einem Flusse zuführen würden.Soykasagt nämlich: Es lassen sich die Beziehungen der Malaria zum Boden in folgenden Factoren zusammenfassen: 1. in der physikalischen und geographischen Beschaffenheit des Bodens, 2. in der Durchfeuchtung desselben, und 3. in dem Gehalte an organischen Stoffen. Den ersten Factor »die physikalische und geographische Beschaffenheit des Bodens« müssen wir natürlich bei so grossen Strecken, wie sie auf Java vorkommen, ausser Betracht lassen; wir können vielleicht den Garten eines Hauses oder seinen Untergrund oder vielleicht den Boden eines ganzen Dorfes in seiner Beschaffenheit verändern, z. B. mit Sand oder einem Gemenge von Kalk und Sand oder mit dem sogenannten Concrete pavement gegen das Eindringen von Luft, Wärme und Feuchtigkeit schützen; aberunmöglichkann von einer Regierung verlangt werden, dieses auf Strecken von Millionen von Hectaren anzuwenden.

Auch die Durchfeuchtung solcher ausgestreckter grosser Ländereien radical zu beseitigen, ist zu theuer; sie kann vermindert werden durch gute Canalisirung der Städte oder durch Anbau von Pflanzen, welche dem Boden viel Wasser entziehen, wie Eucalyptus, Sonnenblumen, Acacia tomentosa u. s. w.

Wenn aber durch Erdbeben oder durch vulcanische Ausbrüchesolche tief liegende Erdschichten aufgewühlt und auf der Oberfläche aufgeworfen werden, welche mit irgend einer Wasserquelle in Verbindung standen oder noch stehen, dann sind in der Regel diese neu entstandenen Sümpfe oder Pfützen von so relativ unbedeutender Ausdehnung, dass der Staat einschreiten kann, um das Entstehen einer neuen Quelle für miasmatische Krankheiten zu verhüten, sei es durch die Anlage eines Dammes, welcher den neuen Sumpf zu einem Teiche oder See umwandelt, oder durch Drainage oder andere Wasserwege, welche den Sumpf entwässern. Die nassen Reisfelder (sawah), welche ebenfalls eine reiche Quelle von miasmatischen Krankheiten sind, werden von der Bevölkerung lieber als die trockenen angelegt, weil das Erträgniss derselben reichlicher als die der Ladang (trockenen Reisfelder) ist, und verdienen darum an dieser Stelle einige Worte der Besprechung.

Der Reis ist die Volksnahrung des ganzen Archipels und somit auch Javas, und da nebstdem der Reisbau einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Gesundheit Javas (sowie der übrigen Inseln) nimmt, so glaube ich hier einiges über die Cultur, Eintheilung u. s. w. desselben anführen zu müssen, wenn es auch etwas seitwärts von der Frage der Prophylaxis der Cholera liegt.

Ungefähr 80 Sorten des Reises soll es geben; darunter sind die bekanntesten Kelán (Oryza glutinosa), Oryza sativa (Páddi),[118]Páddi rawa (Oryza montana), Páddi tipar (Oryza praecox).

Nach der Farbe des gestampften Reises spricht man von weissem, rothem und schwarzem Reis. Beinahe ausschliesslich wird der weisse Reis von den besser situirten Eingeborenen und Europäern gegessen; der rothe ist viel billiger und wird am häufigsten in den Gefängnissen verabfolgt, obzwar der weisseund nicht der rotheReis nach den letzten Untersuchungen das Entstehen der Beri-beri veranlassen soll (??); der bras itam (der schwarze Reis) wird nur im Nothfalle vom Menschen gegessen, weil er einen unangenehmen adstringirenden Geschmack hat.

Im ersten Theile Seite 70 habe ich bereits von dem hohen Nährwerthe des Reises gesprochen und auch seine Bedeutung als Volksnahrung der Eingeborenen hervorgehoben. Ich kann alsosofort auf die Verhältnisse hinweisen, wodurch die nassen Reisfelder zu einer reichlichen Quelle der Malaria und anderer miasmatischer Krankheiten werden.

Es ist ein kleines Feld, welches von dem benachbarten durch einen schmalen Wall (galengan) getrennt ist. Die Felder liegen entweder in der Ebene oder auf den Abhängen der Berge, auf welchen sie dann wie breite Stufen den Berg bedecken. In beiden Fällen ist in sinnreicher und kunstvoller Weise gesorgt, dass die Bewässerung der einzelnen Reisfelder zu jeder Zeit und nach Belieben stattfinden könne. Zu diesem Zweck wird einfach ein Loch in den Galengan gebohrt, und wenn der Zufluss nicht mehr erwünscht ist, wird es wieder verstopft.[119]Das Feld hat eine verschieden hohe Schicht Humus, welche durch ihren Reichthum an organischen Stoffen durch die herrschende hohe Temperatur und die Feuchtigkeit geradezu eine Reincultur für zahlreiche Mikroorganismen und besonders für Miasmen ist.

Die Aussaat geschieht nur in einem kleinen Theil des Feldes, welches zu diesem Zwecke unter Wasser gesetzt wird. Hat der Reis eine Höhe von 40 bis 50 Centimeter erreicht, wird der übrige Theil unter Wasser gesetzt, und wenn die Erdschicht genug weich geworden ist, werden die jungen Sprösslinge in gemessener Entfernung in den Grund gesetzt, und das Feld bleibt mit einer niederen Wasserschicht bedeckt. Sobald der Reis reif ist, wird das Wasser abgelassen und der Schnitt findet auf dem ausgetrockneten Felde statt. Dies geschieht dreimal in zwei Jahren, und dann bleibt das Feld brach liegen, oder wird, was häufiger geschieht, ein »zweites Gewächs« gepflanzt, wie z. B. Leguminosen, indische Knollenfrüchte oderDjagong (Mais). Zum Zwecke des neuen Reisbaues wird das Feld wieder unter Wasser gesetzt und mit dem Büffel gepflügt.

In Italien und Frankreich, in den englischen wie in den französischen Colonien wurde vielfach diese Frage ventilirt, d. h. ob der Bau der nassen Reisfelder Gefahren für die Volksgesundheit bringe, oder ob diese Gefahren nur auf theoretischer Basis entstanden seien und auf derselben Grundlage von Geschlecht zu Geschlecht irrthümlicherweise sich überliefern.

Mit mehr oder weniger Recht kann für Java der Einwand gemacht werden, dass auf dieser Insel trotz der Anwesenheit derSawahfelder die Bevölkerung in diesem Jahrhundert so bedeutend zugenommen habe, dass überhaupt keine Volkskrankheit von Bedeutung auf Java herrschen könne.

Die Mortalität allein kann aber hierin nicht das entscheidende Wort sprechen. Die Morbidität und das Allgemeinbefinden sind ja auch Factoren, die in dieser Frage mitzusprechen haben.

In Tjilatjap, der ärgsten Fieberhöhle von Java, wohnte eine europäische Familie im Jahre 1891 seit 27 Jahren, eine zweite Familie seit 12 Jahren u. s. w., ohne durch die dort herrschende Malaria zu leiden, auch wenn diese zu der heftigsten Epidemie exacerbirte, der Tausende und abermal Tausende erlagen; diese zwei Familien haben ebenso wie Tausend andere der Eingeborenen eine gewisse Immunität erworben, die ja, folgert Prof.Koch, regelmässig mit dem Ueberstehen einer Infection verbunden sein soll.

Wenn man also behaupten will, dass der Sawahbau nicht schädlich sei, weil die Bevölkerung trotz desselben mit jedem Jahre wachse, so müsste man auch behaupten, dass die Sümpfe ungefährlich seien, und dass die Malaria eine unschädliche Krankheit sei, weil trotz derselben die Bevölkerung an Zahl zunehme; ja noch mehr; die grossen Sümpfe bei Tjilatjap werden von dem Kindermeer begrenzt, welches, wie ich mich persönlich überzeugt habe, seinen Namen mit Recht verdient: Eine Unzahl von Kindern umschwärmte uns, als ich und eine Gesellschaft den Kampong aufsuchte, welcher sich auf zwei Meter hohen Pfählen über der Sumpffläche des Dorfes erhob.

Entscheidend für die Schädlichkeiten der Sawahfelder ist allein die Frage: Kommen in der Nähe derselben zahlreiche Fieberfälle vor, welche aufhören, wenn die Sawahfelder aufgelassen werden? Dies ist thatsächlich der Fall, und seit dem Jahre 1875[120]wurde die Richtigkeit dieser Thatsache und Schlussforderung in zahlreichen Fällen nachgewiesen. Die Sawahfelder sind also eine reichliche Quelle für die Malaria; sie müssen also entweder abgeschafft oder unschädlich gemacht werden.

Nach dem ganz richtigen Principe der Holländer, die Eingeborenen so viel als möglich in ihren Sitten und Gebräuchen zulassen, könnte das Abschaffen der Sawahfelder nur eine Frage der Zeit sein, d. h. man könnte durch Belehrungen und durch andere Mittel der Ueberredung die Javanen von der Schädlichkeit der Sawahfelder überzeugen, und es würde bei dem Conservatismus der Javanen der Regierung zunächst gelingen müssen, den Vortheilen des Baues trockener Reisfelder Anerkennung zu verschaffen und erst die folgende Generation ihn in die Praxis einführen zu lassen.

Wenn jedoch, was mir nicht bekannt ist, das Erträgniss der Sawahfelder um so viel das der Ladangs überragen sollte, dass dadurch das Interesse des Volkes leiden sollte, dann kann man sich mit palliativen Mitteln behelfen. Die Regierung kann ja verbieten, dass in einem Umkreise von 250 Metern, welcher die öffentlichen Gebäude und eventuell die Wohnstätte der Europäer und selbst die Kampongs umziehen würde, kein nasses Reisfeld angelegt wird; es ist zwar richtig, dass ein Streifen Land von 250 Meter Breite und vielleicht von 1 bis 2 Kilometer Länge ein respectables Vermögen repräsentirt; aber mit diesem Vorschlag ist ja noch nicht gesagt, dass dieser Streifen darum auch unbebaut bleiben müsse; im Gegentheile, er müsste mit Garten-Anlagen versehen, mit Fruchtbäumen als:Djerug, Mangistan, Advocaat, Duku,Langsat, Kanaris, Tamarinda, Durian, Nangka u. s. w. bepflanzt werden, um das Ueberstreichen der Miasmen zu verhüten.

Die Wasserbesorgungbleibt für Indien immer eine schwierige Frage, weil selbst artesische Brunnen nicht immer tadelfreies Wasser liefern; sie wird weiter unten ausführlicher besprochen werden.

Die Abfuhr der Fäcalienist in Java sowie auf allen Inseln des indischen Archipels noch sehr primitiv. Als das Ideal derselben gilt strömendes Wasser, über welchem sich der Abort befindet. Ein grosser wasserreicher Strom erfüllt vielleicht (??) diesbezüglich alle Anforderungen der modernen Hygiene. Solche kommen jedoch wenig auf Java vor und können übrigens nur einer kleinen Anzahl von Wohnungen hierin gute Dienste leisten; in der Regel durchziehen Riolen die Stadt, welche zu wenig Wasser haben, um in ausgiebiger Weise die deponirten Fäces in den benachbarten Strom zu bringen. Sehr häufig besitzen die Häuser Senkgruben, welche alle Jahr einmal geleert werden. Natürlich durchdringt der flüssigeInhalt den Boden und erreicht oft genug den Brunnen. In den grossen Anstalten, Spitälern, Casernen und Gefängnissen ist das Tonnensystem in Gebrauch; täglich werden von Sträflingen die vollen Tonnen in den nahen Fluss (stromabwärts) entleert und gereinigt. Die Eingeborenen gebrauchen für ihre Bedürfnisse am liebsten den Fluss, auch wenn er selbst 2–300 Meter vom Hause entfernt ist; im andern Falle haben sie im Garten eine Senkgrube, welche mit Brettern gedeckt ist.

In den Deckel ist eine Oeffnung geschnitten, so dass der Eingeborene seine Kunst im Hocken (Djongkok M.) auch bei dieser Gelegenheit üben kann. Selbst wenn er als Bedienter bei seinem Herrn oder in einem Hotel einen Sitzplatz findet, wird er nur darauf hockend oder stehend davon Gebrauch machen. Aus hygienischen und Reinlichkeits-Gründen wäre dieses Jedermann zu empfehlen, obwohl damit andere Unannehmlichkeiten verbunden wären. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, hockend einige Minuten auf einem Brette stehen zu können oder zu wollen.

Die Abfuhr der Fäcalien spielt in der Ausbreitung gewisser epidemischer Krankheiten, wie z. B. der Cholera, des Typhus, der Dysenterie u. s. w. eine grosse Rolle. Ich würde jedoch die Grenzen dieses Buches zu weit überschreiten, wenn ich die Mittel besprechen wollte, welche Java von dem schädlichen Einfluss dieser mangelhaften Canalisirung der Städte befreien können.

Von den aufSeite 197angeführten Factoren, welche in der Aetiologie der Cholera eine Rolle spielen, werden dieAbattoirsin Java am meisten stiefmütterlich behandelt. Das Thier wird in einer Schoppe aus Bambus geschlachtet, das Blut wird von dem chinesischen und europäischen Schlächter in grossen Töpfen aufgefangen und in der Küche verwendet, während der Eingeborene es in die Riolen abfliessen lässt. Die andern Abfälle werden in die nächste Senkgrube geworfen. Die Haut der Rinder und die Hörner werden zu Industriezwecken verwendet, und Niemand kümmert sich darum, ob die übrigen Abfälle durch das Faulen in der freien Luft, in oder ausserhalb der Senkgruben die Luft verpesten oder in der trockenen Zeit austrocknen, oder ob sie von den »Gladakkers« = herrenlosen Hunden des nächsten Kampongs verzehrt werden.

Die individuelle Prophylaxis der Cholera richtet sich in Java nach den jeweiligen in Europa herrschenden Ansichten; bald wirdSalzsäure, bald Brandy in das Trinkwasser gegeben, bald wird nur gekochtes, bald gar kein Trinkwasser getrunken, bald werden gar keine Früchte und bald nur saure Früchte gegessen — auch gegen diese endemische Krankheit Javas erwartet man von Europa nicht nur die Mittel der Behandlung, sondern auch die der Prophylaxis.


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