Chapter 25

Es würde mich zu weit führen, von allen Speisen und Getränken, welche hier feilgeboten wurden, eine ausführliche Beschreibung zu bringen; ich muss mich begnügen, den Totaleindruck dieses romantischen Bildes anzudeuten. Um 6¼ Uhr brach so ziemlich unvermittelt die Finsterniss ein, und ein Meer von kleinen Lämpchen bedeckte das bunte Lager. Um 7 Uhr kamen alle Officiere in die Veranda des Bezirkshäuptlings zum Souper. Als rangältester Hauptmann sass ich neben dem Major X. und betheiligte mich an dem lebhaften Gespräche, welches so ziemlich zeitgemäss war. Ein junger Bramarbas behauptete nämlich, dass derjenige ein schlechter Officier sei, der nicht mit Freuden in den Krieg ziehe, und wäre es nur, um eine Gelegenheit zu finden, den militärischen Willemsorden 4. Classe verdienen zu können. Major X. glaubte diesem in jeder Hinsicht beistimmen zu müssen, und entrollte hierauf ein Bild seines Gemüthslebens von der Stunde an, in welcher er den Marschbefehl erhielt, bis auf den jetzigen Augenblick. Ganz rührend war die Schilderung von dem Momente, in welchem er von seinem in Europa weilenden Sohne brieflich Abschied nahm und ihn ermahnte, falls er im Kriege fallen sollte, eine Stütze seiner Mutter und seiner Schwestern zu werden. Sie gab mir aber auch Gelegenheit, dem jungen Bramarbas auf Grund meinerErfahrungen und Beobachtungen das Unnatürliche seines Ideenganges auseinanderzusetzen. Im Anfange der Debatte hatte dieser junge Lieutenant ein Wörtchen fallen lassen, welches dem unter den jungen Officieren landläufigen Glauben entsprach, dass der Militärarzt »eigentlich kein Officier sei«, weil er »nicht combattant« sei. Bei den älteren Officieren fand er damit keine Zustimmung, weil sie aus dem letzten Kriege in Lombok nur zu gut wussten, dass der Militärarzt alle Misèren und alles Elend des Kriegslebens wie jeder andere Officier mitgemacht habe, und dass von dem Militärarzt oft mehr als von jedem Andern gefordert werde; ich selbst hatte vor einigen Monaten Manöver mitgemacht, und musste neunmal den Truppen nachlaufen, weil neunmal Kranke sich gemeldet hatten, welchen ich Hülfe leisten musste; die Truppen blieben nicht stehen, und ich musste oft 10–15 Minuten lang in Laufschritt nacheilen; dazu kam noch, dass ich nicht wie jeder »Combattant« Monate oder Jahre lang vorher im Marschiren geübt und trainirt war. Last not least frug ich den jungen Marssohn, wozu denn mehr Muth gehöre, im Kampfe mit dem Feinde den Säbel zu schwingen, den Revolver abzuschiessen und im vollen Eifer und Feuer sein Leben zu vertheidigen, oder wie ich es z. B. in Atjeh gethan hatte, unter dem Feuer der Truppen ruhig und gelassen den Verwundeten die erste Hülfe zu leisten und mit Ueberlegung z. B. die Quelle der Blutung zu suchen, während die feindlichen Kugeln um mich flogen und sausten. Im weiteren Gespräche betonte ich, dass nach meiner Ansicht jeder nachdenkende Officier den Krieg verabscheuen könne und müsse. Der Krieg sei ein nothwendiges Uebel, und die Soldaten seienverpflichtet, in diesem schaurigen Spiele die erste Rolle zu spielen. Der Officier, welcher für dieses traurige Amt richtige Erkenntniss habe, sei ein denkender Mensch, und wenn er den Ausmarsch zu dieser Arbeit mit Wehmuth und Schmerz antrete, so sei er ein fühlender Officier, und nicht, wie der junge Held glaube, ein schlechter Officier. In Betreff der individuellen Seite charakterisirt die momentane Stimmung beim Ausmarsche das Temperament des betreffenden Officiers. Dem Einen winkt Ehre und Ruhm, dem Andern Krankheit, Wunden und Tod; der Eine ist darum weder ein Officier mit Leib und Seele, noch ist der Andere darum ein schlechter Officier. Der Eine denkt an Frau und Kind, und der Andere an — Nichts. Beide thun ihre Pflicht, vielleicht noch mehr als die Pflicht erfordert, und ich möchte auf zwei Thatsachen hinweisen, dass die Sorge um Frau und Kind den Muth nicht lähme, und dass der sorglose Blick in die Zukunft nicht immerden Muth erhöhe. Der Herr Y. möge nur das Verzeichniss der Officiere nachsehen und nachrechnen, wie viel der Decorirten verheiratet seien, und wie viel von ihnen das Joch der Ehe noch nicht tragen; er würde finden, dass die Sorge um Frau und Kind das Pflichtgefühl gewiss nicht einschränke, und zweitens möge er constatiren, ob mehr verheiratete oder mehr ledige Officiere — mich heute um ein Medicament zur Beruhigung des Bauches ersucht haben.

Fig. 28. Ein Javane bei der Hausarbeit, d. h. ohne den Kris (Dolch), welchen er in der Oeffentlichkeit immer trägt, und zwar am Rücken, wie esFig. 13zeigt.

Fig. 28. Ein Javane bei der Hausarbeit, d. h. ohne den Kris (Dolch), welchen er in der Oeffentlichkeit immer trägt, und zwar am Rücken, wie esFig. 13zeigt.

Nach der Tafel ersuchte uns Major X., bald zu Bett zu gehen, weil der Aufbruch der Truppen um fünf Uhr stattfinden werde und wir uns daher von dem letzten Marsche gut erholt haben müssten. Als ich darüber einen verwunderten und fragenden Blick auf ihn warf, fügte der Major hinzu, dass es in den Tropen rathsam sei, die Truppen wegen der herrschenden kühlen Temperatur in den ersten Morgenstunden marschiren zu lassen; ich war jedoch anderer Ansicht. Während die anderen Officiere uns verliessen, machte ich ihn aufmerksam, dass der ganze Weg bis Ambaráwa von unzähligen Sawahfeldern umgeben sei, dass wir uns also in einem künstlichen Sumpf befänden, und dass gerade in den frühen Stunden des Morgens die bacterientödtenden Strahlen der Sonne fehlten, dass also gerade durch den Marsch die Soldaten den schädlichen Miasmen dieser Felder ausgesetzt seien; hierzu komme noch, dass die meisten Soldaten nicht früher in den Schlaf fallen würden, als sie seit Jahren gewöhnt seien; wenn um fünf Uhr abmarschirt würde, müssten sie schon um vier Uhr aufstehen, und könnten sich dann von den Strapazen des vorigen Tages nicht erholt haben. Im Ernstfalle kennt man nur ein Ziel: den Sieg, und die Gesetze der Hygiene müssten schweigen; aber in Friedenszeiten sei es geradezu Pflicht, so weit als möglich die Kräfte der Soldaten zu schonen, um jederzeit für den Ernstfall ungeschwächt die Mannschaften ihrem Ziele entgegenführen zu können. Major X. gab darauf keine Antwort — aber erst um 5 Uhr wurde Reveille geblasen, und um 6 Uhr war Alles zum Abmarsch bereit.

Medóno hat eine absolute Höhe von 598 Metern, und Pingit, die Grenzstation zwischen den Provinzen Kedú und Samarang, ist 686 Meter hoch. Diese 91 Meter mussten wir ersteigen, um dann in diesem Djambu-Gebirge immer bergab bis Djambu (492 Meter) und 4 Kilometer weiter bis Ambaráwa (498 Meter) nur unbedeutende Erhöhungen des Bodens überwinden zu müssen. Ich nahm also gerne den Vorschlag des »Kwartiermeesters« an, ein Dos-à-dos zu miethen, um dulce et jucunde den letzten Theil unseres Marsches zurücklegen zu können. Das vorgespanntePferd war jedoch öfters ganz anderer Ansicht und blieb stehen oder drängte den Wagen nach rückwärts. Sofort kamen aber einige Kulis vom Train und zwangen den Gaul, anständig mit ihnen Schritt zu halten. Auf der Spitze des Berges kam uns ein deutscher Pflanzer entgegen und lud die Officiere ein, bei ihm Halt zu machen und sich durch ein Gläschen Champagner zum weiteren Marsch zu stärken. Major X. glaubte jedoch dieser wohlgemeinten Einladung kein Gehör geben zu sollen, und um circa 12 Uhr kamen wir in Djambu an, wo uns eine Commission von Bürgern aus Ambaráwa begrüsste. Zu dieser gehörte der brave Dr. P., welcher mich sofort in Beschlag nahm und zur »Reistafel« einlud. Er war in seiner Equipage und wollte mich überreden, mit dieser in die Stadt zu fahren. Ich blieb jedoch bei der Truppe, und dieser brave College war nun gezwungen, mit mir 4 Kilometer zu Fuss zurückzulegen. Die Stadt war zu unserem Empfange geschmückt, und Abends war in dem Clubgebäude des Forts Willem I ein Festabend.

Am andern Morgen brachte uns die Eisenbahn nach Semárang, wo wir sofort nach dem Hafen gingen. Hier war der Resident mit zahlreichen Damen und Herren anwesend, um uns bei einem Glase Champagner Glück zu unserer Reise und zu unseren künftigen Heldenthaten zu wünschen. Der Landes-Sanitätschef hatte natürlich (?) für mich kein einziges herzliches Wort und beschäftigte sich nur mit den »gleich hoch stehenden« Stabsofficieren, und das Benehmen dieses Mannes mir gegenüber sollte demonstrativ sein: Weil ich mit »meinem Commandanten« in Ngawie eine Meinungsdifferenz[207]gehabt hatte, musste er, der als mein Chef mein gutes Recht einer selbständigen Ansicht hätte vertheidigen sollen, urbi et orbi zeigen, dass ich auch ihm eine persona ingrata geworden sei. Ob das Prestige des militärärztlichen Dienstes dabei gewonnen hat?? — —

Ich wurde angewiesen, mich auf jenem Schiff einzuschiffen, welches die Cavallerie mit den Mauleseln überführen sollte. Ich konnte also noch einige Stunden auf das Einschiffen der Pferde und Maulesel warten. Endlich war das letzte dieser störrischen und widerspenstigen Thiere an Bord, und ein lauter Pfiff der Dampfpfeife erinnerte mich und die dienstfreien Officiere, das Schiff zu besteigen. In Atjeh angelangt, wurde mir mitgetheilt, dass meine Transferirung eine zeitliche gewesen wäre, und so kehrte ich mit dem nächsten Schiffe nach Java zurück undkam am 13. Mai, nach einer Abwesenheit von 20 Tagen, in Magelang wieder an.

Zu Hause angekommen, erwartete mich ein kleiner häuslicher Krieg. Mein Diener Ali hatte im Jahre 1894 einen Officier nach Lombok begleitet und war bei dem Ueberfalle von Mataram in die Hände der Feinde gefallen. Wenige Tage danach kam er zurück und wurde auf Befehl des Commandanten sofort nach Java zurückgeschickt, weil der mehr oder weniger begründete Verdacht auf ihm ruhte, dass er von dem Feinde zurückgeschickt worden sei, um Spionendienste zu leisten. Mir wurde dieses von Niemandem erzählt, als ich ihn in meinen Dienst nahm. Mein früherer Bedienter, ein Javane (Fig. 28), mit dem poetischen Namen Djojo, welcher fünf Jahre bei mir gedient hatte, erklärte mir nämlich eines Tages, er müsste mich verlassen, weil ihn sein Dienst bei mir langweile. Gegen dieses Argument wusste oder wollte ich nichts einwenden und gab ihm den Abschied. Es that mir leid, ihn entlassen zu müssen, denn er war eine treue und ehrliche Seele. Im Allgemeinen sind ja die malayischen Bedienten die besten der ganzen Welt, wenn man sie nicht schimpft oder schlägt. Sie sind ruhig und gelassen, betrinken sich niemals und werden nie den Abstand zwischen sich und ihrem Herrn vergessen. Wenn vielfach über die malayischen Bedienten geklagt wird, so geschieht es immer nur von Menschen, welche überhaupt keinen Tact haben. Vielfach wird auch behauptet, man müsste der malayischen oder javanischen Sprache vollkommen mächtig sein, um den Bedienten Respect einzuflössen. Dies ist nicht richtig. Ein solcher Bedienter kennt genau seine Position, und es entspricht dem Charakter, den Sitten und Gebräuchen seiner Nation, den höheren Rang immer und überall zu respectiren; schon die Sprache der Javanen documentirt dies aufs deutlichste. Sie unterscheidet sich je nach dem Range[208]des Sprechenden in die Ngoko-Sprache und Kromo-Sprache. In dieser spricht der an Rang oder Jahren Höhere gegen den Untergebenen, welcher seinerseits immer nur in der Ngoko[209]-Sprache gegen seinen Vorgesetzten antworten darf; auch die reiche Literatur der Javanen unterscheidet diese zweiSprachen.[210]Wenn man der javanischen Sprache mächtig ist, muss man also gegen seine Bedienten nur die Ngoko-Sprache gebrauchen, sonst glaubt er, dass man ihn höhnen will; merkt er jedoch, dass sie nur mangelhaft gesprochen wird, so wird er gewiss die grösste Toleranz zeigen. Ich selbst hatte dieses bei meiner Ankunft in Java erfahren; ich ersuchte meinen Bedienten um ein Streichhölzchen und gebrauchte das malayische Wort ajer = Wasser; ohne mich irgend den lapsus linguae fühlen zu lassen, brachte er mir das gewünschte Streichhölzchen. Zwei Jahre später kam der Sultan von Kutei (Ostküste von Borneo) zu mir; ich fragte ihn, wie es seinem »Weibe« gehe, indem ich das Wort parám-puwan gebrauchte; mit keiner Miene deutete er die Betise an, die in diesem Worte lag. Später brachte er das Gespräch auf râtu = Königin, ich musste ihn fragen, was das Wort râtu bedeutete, und in den gelassensten Worten antwortete er: Râtu heisst die Frau des Sultans oder Königs. Ich entschuldigte mich wegen meines lapsus linguae, was er jedoch als überflüssig zurückwies. Ein Pendant zu diesem Falle erfuhr ein junger Beamter, welcher zum ersten Male den Regenten seines Bezirkes beim Empfange des Residenten sprach. Er sprach ihn mit lu = »du« an;[210]lächelnd wandte sich der Regent, welcher ein sehr gebildeter Mann war, gegen den Residenten und sagte in correcter und feiner holländischer Sprache: »Die jungen Herren machen in Delft[211]bedeutende Fortschritte; vor einigen Jahren kam ein junger Beamter zu mir und sprach mich mit Kôwe,[212]und Herr X. spricht mich jetzt mit lu an.«

So tief sitzt der Respect gegenüber dem Vorgesetzten in dem Volkscharakter der Javanen, dass es immer dem Herrn zuzuschreiben ist, wenn sein Bedienter sich eines unziemlichen Wortes oder einer unpassenden Bewegung schuldig macht. Natürlich giebt es auch unter den malayischen Dienstboten mauvais sujets — gerade wie in Europa, — aber es lässt sich nicht leugnen, dass gute und brave Dienstboten sich immer bei jenen Herren melden, welche ihre Bedienten gut behandeln, d. h. bei etwaigen Nachlässigkeiten nicht schimpfen oder selbst schlagen.

Ich will gern noch einmal über die Dienstboten[213]sprechen, weil ich es geradezu für ein Unglück halte, wenn in einem Hause aller 14 Tage ein Wechsel der Bedienten stattfindet. Es ist richtig, dass der malayische Bediente streng auf die Arbeitstheilung hält, und dass z. B. die Köchin nicht die Arbeit des Gärtners verrichten will. Dort aber, wo die Verhältnisse es nicht erlauben, mehrere Bediente zu halten, verrichtet auch der malayische Dienstbote alles, was man von ihm fordert. Es ist wahr, dass der malayische Dienstbote naschhaft ist, aber dagegen giebt es ja ein gutes Hülfemittel; entweder sei man nicht zu sparsam und gebe ihm ebenso gut Kaffee und Thee, als man es in Europa thun muss, oder man schliesse es ab. Es ist wahr, dass der malayische Dienstbote mit der Wahrheit auf gespanntem Fusse steht; mit der grössten Ruhe wird er z. B. auf die Frage, wer dieses oder jenes zerbrochen habe, zur Antwort geben: Sie, mein Herr! Lässt man sich durch diese Unverfrorenheit zu einer leidenschaftlichen Antwort hinreissen, wird er keine Antwort geben, sondern weggehen und, bei seinen Kameraden angelangt, seiner Freude Ausdruck verleihen, dem Herrn einen solchen Streich gespielt zu haben. Zu dieser Gewohnheit gehört auch das »indische Taubsein«; der betreffende Dienstbote sitzt in der Nähe hockend und starrt in die blaue Luft, er wird gerufen, er giebt keine Antwort. Nur zu oft lässt sich die europäische Dame hinreissen und eilt fluchend und schimpfend zu ihm hin und erhält die einfache Antwort: »Ich habe es nicht gehört.« Dies ist ein Symptom des Unwillens, und dafür giebt es nur ein Heilmittel: Stante pede den Abschied zu geben. Im Jahre 1883 war ich in einem abgelegenen Fort in Sumatra in Garnison. Ich war sehr leidend und konnte mich in Folge meines Rheumatismus manchmal kaum bewegen. Eines Tages rief ich meinen Bedienten, der mich hören musste; er kam nicht; so schlecht es ging, erhob ich mich von meinem Lehnstuhl und schleppte mich nach hinten, wo mein Bedienter hockte und mit einem wesenlosen Ausdruck seinen Blick in dem unendlichen Weltenraum schweifen liess. Natürlich behauptete er, meinen Ruf nicht gehört zu haben. Ich liess ihn zum Fenster treten, schaute in sein Ohr und erklärte einfach: Ja, dies ist richtig, du bist taub, einen tauben Bedienten kann ich nicht gebrauchen, du kannst mich sofort verlassen. Das Fort lag an der Grenze des feindlichen Landes Atjeh, es war daher keine Möglichkeit, einen andern Dienstboten zu erhalten, und darum gab er mir kurz dieAntwort: Baik tuwan = gut, mein Herr! Als ich ihn aber kurz darauf ins Spital schickte, einen »Handlanger« kommen liess und diesen zu meiner »Ordonnanz« ernannte, da hatte ich das Heft in den Händen; er setzte sich zu meinen Füssen nieder, faltete die Hände, neigte den Kopf und sprach sein minta ámpon = ich flehe um Verzeihung; er war seit dieser Zeit niemals mehr »indisch taub«. Nur die Ruhe imponirt den malayischen Dienstboten. Meine Frau kam mir oft mit Klagen über die Nachlässigkeit u. s. w. meines Dienstboten, ich rieth ihr in der Regel, Geduld zu haben und zu controliren und wiederum zu controliren. Hatte dieses keinen Erfolg, so liess ich ihn zu mir auf »das Bureau« kommen und theilte ihm mit, dass es mir unbegreiflich sei, dass meine Frau so oft Anlass zu Tadel über seine Arbeiten hätte, und machte ihn darauf aufmerksam, dass dies das Thun und Lassen einesschlechtenBedienten sei.

Glaubte ich jedoch Symptome von Unwillen zu sehen, da kannte ich kein anderes Mittel als den Abschied. War es nöthig, so deutete ich es an und drohte ihm damit, sobald er sich wieder Aehnliches zu Schulden kommen liess, und führte meine Drohung im gegebenen Falle immer aus. Dieses wussten meine Bedienten, und ich hatte nur sehr selten Ursache, sie zu wechseln, obzwar Alle immer einen gewissen Betrag des Lohnes in Vorschuss hatten. Sie erhielten nämlich 8 bis 15 fl. pro Monat Gehalt; 8 fl. erhielt der Gärtner und 15 fl. der Kutscher, der »Hausbediente«, die Köchin und die Babu (Zofe) erhielten 10 fl. monatlichen Gehalt; nebstdem erhielt Jeder 3 fl. für die Kost; die Ueberreste meiner Mahlzeiten vertheilte die Köchin nach ihrem Belieben, und wenn zu dem Reste von Thee oder Kaffee auch manchmal ein bischen Zucker »nach hinten« ging und meine Frau darüber klagte, gab ich ihr den Rath, durch die Finger zu sehen oder den Zucker hinter Schloss und Riegel zu setzen. Dieser Gehalt war in Magelang der landesübliche; ebenso üblich ist es, dass die Dienstboten immer von ihrem Herrn einen Vorschuss haben. Sofort beim Eintritt ersuchen sie um einen Vorschuss von 1–3 Monaten; in ihrer dienstfreien Zeit ist ja alles verpfändet worden, was sie besassen. Der Kris = Dolch der javanischen Bedienten, der Ohrschmuck (= anting-anting) der Köchin, der schöne Sarong der Babu ruhen in der chinesischen Pfandleihanstalt und müssen ausgelöst werden, damit sie im Dienst des Herrn anständig gekleidet gehen können. Späterhin giebt es zahlreiche Anlässe, um wieder und wieder einen Vorschuss zu verlangen. Aber wie ich schon erwähnt habe, dieser Vorschuss war für mich niemalsein Hinderniss, meinen Bedienten den Abschied zu geben, obwohl es ihnen ganz gut bekannt war, dass damit nur eine civilgerichtliche Forderung verbunden war, welche wahrscheinlich niemals hätte eingebracht werden können. Wenn ich mich nicht irre, ist dies erst seit ungefähr zwölf Jahren der Fall. Vor dieser Zeit wurden diese Forderungen strafgerichtlich als Missbrauch des Vertrauens verfolgt und bestraft, und als die Regierung diese Maassregel als unbillig aufhob, erhoben die Handelsleute und alle möglichen Parteien einen lauten Protest dagegen. Die Regierung liess sich dadurch nicht beirren, auch den Eingeborenen diesen Rechtsschutz zu gewähren und — es geht ganz gut. Ich selbst habe z. B. keinen Cent auf diese Weise verloren. Als ich im Jahre 1886 in Batavia vor meiner Reise nach Ngawie eine Babu aufnahm, gab ich ihr 15 fl. Vorschuss. Sie kam aber nicht den Tag vor meiner Abreise in den Dienst. Ich ging zu dem Schout = Revierinspector und theilte ihm den Vorfall mit. Der Hotelbediente, welcher mir diese Babu empfohlen hatte, kannte ihren Namen und Wohnort, und am folgenden Tage hatte ich mein Geld zurück. Sie selbst erklärte, von ihrem Manne keine Bewilligung zur Abreise erhalten zu haben. Andere sind vielleicht weniger glücklich als ich gewesen und haben bei ihren Bedienten einige Gulden verloren. Ich muss es aber wiederholen, dass eine gute und tactvolle Behandlung der Bedienten auch in Java das einzige Mittel sei, um von den kleinen Nadelstichen des Lebens verschont zu bleiben, welche der ewige Wechsel der Dienstboten unvermeidlicher Weise mit sich bringt.

Der oben angedeutete häusliche Krieg nahm folgenden Verlauf: Sofort nach meiner Ankunft von Atjeh liess sich mein Kutscher durch die Babu bei mir anmelden mit den Worten: »Minta bitjâra sama tuwan« = er wünsche den Herrn zu sprechen. Ich fürchtete im ersten Augenblick, etwas von einer Krankheit oder anderem Unglück meiner Pferde zu hören, aber wie überrascht war ich, als er mir einfach mittheilte, dass sein Sohn ein Hühnerei vor meinem Hause eingegraben gefunden habe. Mein Hühnerstall stand im hinteren Theile des Gartens. In der Meinung, dass er das Eigenthumsrecht des Eies für sich resp. für seine Henne reclamiren wolle, sagte ich ganz kurz, um mich nicht wegen eines Eies, das in Magelang zwei Cent kostete, in eine Debatte einzulassen, er möge es behalten. Zu meiner Ueberraschung sagte er nicht das übliche »trimah-kassih« (= ich danke), sondern warf einen Blick der Verwunderung auf mich, schickte sich zum Weggehen an und stotterte endlich die Worte heraus: »Vielleicht weissder Herr nicht, was dieses bedeutet.« Jetzt war es meine Sache, verwundert zu sein. Ich bekannte diesbezüglich meine Unwissenheit und erfuhr nun, dass Jemand mich behexen wolle; das Ei sei vor dem Hause eingegraben worden mit der Zauberformel, dass das Faulen des Eies auch den Bewohner des Hauses treffen möge; er wisse zwar nicht, ob ich die Zielscheibe dieses Bannfluches sei; sehr gut könne auch er einen Feind haben, der ihm dieses grosse Unglück wünsche, aber er halte es für seine Pflicht, mir dieses mitzutheilen; das Ei sei noch frisch, das Unheil könne also über mich noch keine Gewalt haben; aber ich möge auf meiner Hut sein, weil nicht immer wie diesmal ein günstiger Zufall das Faulen des Eies verhüten könne; sein Sohn habe es zufällig gesehen, dass Ali, mein Bedienter, dieses Ei eingegraben hätte. Mir war alles unverständlich, warum sollte Ali mich verhexen wollen, und warum wollte mich der Kutscher vor dieser Verwünschung und Bezauberung beschützen. Den Schlüssel zu diesem Räthsel gab mir meine Frau, indem sie mir mittheilte, dass sie während meiner Abwesenheit wiederholt Streitigkeiten zwischen den Bedienten bemerkt zu haben glaube. Bei näherer Untersuchung zeigte es sich, dass alle übrigen Dienstboten Ali hassten, weil er ein »Spion der Feinde« gewesen sei. Getreu meinem Principe, dem Aberglauben meiner Bedienten keinen Werth beizulegen, ohne ihn darum zu verspotten, liess ich beide Bediente zu mir auf das Bureau kommen und theilte ihnen mit, dass ich mich nicht in ihren Zwist mischen wolle, dass ich sie aber erinnere, den Frieden in meinem Hause nicht weiter zu stören, und dass sie Beide am Ende des Monats meinen Dienst verlassen müssten. Der Kutscher war der grosse Intriguant; durch die nähere Untersuchung kam heraus, dass nicht Ali das Ei vor dem Hause eingegraben hatte, sondern dass es der Kutscher gethan hatte, und dass er hierauf sein Söhnlein das Ei suchen und finden liess, und dass also Ali nicht den Plan geschmiedet hatte, den bösen Zauber und Fluch auf mein unschuldiges Haupt zu laden. Der Frieden hielt nicht an. Ich sah selbst den Gärtner sich mit einem Kris auf den »Spion Ali« stürzen, und nur durch meine persönliche Intervention wurde ein Mord verhindert. Noch vor Ende dieses Monats verliess Ali meinen Dienst, und der Frieden war im Hinterhause hergestellt.

Magelang wird mit Recht der »Garten von Java« genannt, und alle Reize der Tropenwelt sind dieser von fünf Bergriesen eingeschlossenenProvinz verschwenderisch zu Theil geworden. Selbst ein ewig brummender, ewig qualmender und rauchender Vulcan erhebt im Osten sein stolzes Haupt und ist ein stolzer und erhabener Hintergrund dieses reizenden Panoramas. Der Merapi ist von Wolken umhüllt, und stets steigt eine grosse Rauchsäule zur Himmelshöhe, aber auch oft wälzt er grosse Feuermassen über seinen kahlen Scheitel. Es ist mir nicht bekannt, wie oft dieses in früheren Jahrhunderten geschehen ist. Verheerend müssen seine Ausbrüche gewesen sein, wenn wir das Terrain auf Abhängen und weit hinein in die drei Provinzen betrachten, über welche sich sein kahles Haupt erhebt. Gewaltige erratische Blöcke bedecken die Provinzen Kedú, Solo und Djocja. Auch der grosse Buru-Budur soll nur aus Steinen erbaut sein, welche in früheren Jahrtausenden in den Tiefen des Merapi geweilt hatten. Im Januar des Jahres 1894 fand die letzte[214]Eruption statt; ein sanfter Zephyr wehte über Magelang; der Himmel glänzte in seiner Sternenpracht; die majestätische Ruhe der Tropennacht wurde nur durch das Quaken der Frösche und das Zirpen der Grillen gestört. Ich ging mit einem Obersten über den Schlossplatz spazieren, als ein unwillkürlicher und zufälliger Blick nach dem Osten des Horizontes eine ungeheure feurige Schlange traf, welche sich von dem Gipfel des Merapi in der Richtung nach Muntilan, also halbwegs zwischen Djocja und unserer Stadt, hinabwälzte. Gleichzeitig fiel ein feiner Aschenregen, der in wenigen Minuten unsere Kleider mit einer äusserst feinen und dünnen Schicht bedeckte. Die Zeitungen hatten allerdings schon einige Tage vorher von einer erhöhten Thätigkeit des Merapi gesprochen. Da jedoch bei Tage der Anblick des Vulcans mit seiner variablen Rauchsäule keine bedeutende Veränderung zeigte, so wurde dieser Notiz weiter keine Beachtung geschenkt, und erst dieser unerwartete Anblick einer riesigen, feurigen Schlange, welche sich in zahlreichen Krümmungen über seinen Abhang mit unermüdlicher Dauer gegen den kleinen Vorberg wälzte, nöthigte uns, immer und wieder den Blick auf ihn zu richten. Tage und Wochen lang dauerte dieser Strom der feurigen Masse, und in dunklen Nächten war die Rauchsäule von einem feurigen Kern erfüllt, welcher jedoch nicht intensiv genug war, um auch das umliegende Terrain zu beleuchten.

Die Beschreibungen, welche der deutsche GelehrteJunghuhn[215]von diesem Vulcan bringt, haben, so weit sie die Spitze des Berges betreffen, durch den Ausbruch im Jahre 1872 keinen Werth mehr; der ganze Eruptionskegel ist verschwunden; er ist theilweise hinabgestürzt und hat am Fusse des Berges so manches Dorf zerschmettert, oder er ist in die Tiefen des Vulcans gestürzt, wo, laut Mittheilungen des Dr.Gronemann, der abgebröckelte Kraterrand auf einem grossen Felsen schwebend gehalten wird und der Zeit harrt, durch einen hinreichend starken Lavastrom mit hinausgeschleudert zu werden. Einige Ingenieure wollten sich von Djocja aus der Stätte des Feuerstromes nähern; sie gelangten nicht weiter als bis zur kleinen Ringmauer, welche sich einige hundert Meter am Fusse des Berges hinzieht. Aus den Spalten des Bodens drangen ihnen heisse Dämpfe entgegen, und tiefer und tiefer sanken die Füsse ihrer Pferde in die aufgelagerte Aschenschicht, so dass ein weiteres Vordringen unmöglich wurde.

Sehr oft hatte ich Gelegenheit, dieses »Arcadien Javas« zu sehen und zu bewundern; ich wurde nämlich einige Male zu dem Vater eines meiner Patienten, Li Tiow Poo, welcher in Temanggoeng wohnte, gerufen und ging eines Tages mit einem Agenten der Lebensversicherungs-Anstalt »New York« am 25. December 1894 nach Páraan. Es fehlt mir an Worten, in würdiger Weise die schönen Landschaftsbilder zu beschreiben, welche in langer Reihe vor meinen Augen vorbeizogen, und ich muss es einer fähigeren Feder überlassen; denn ich kann nur mit dürren und mageren Worten den kürzesten Weg beschreiben, welchen ich nehmen musste, um in einem Tage auf dieser Route hin und zurück zu reisen. Bis Setjáng war der Weg eben; hier wechselte ich die vier Pferde und verliess die grosse Heerstrasse, um linksab, d. h. westlich, einem kleinen Wege zu folgen, der sich am Fusse des Sumbing über Berg und Thal in zahlreichen Windungen hinschlängelt. Bei Kranggan ist eine grosse und schöne Brücke über den Progofluss, und mit schaudererregender Geschwindigkeit zogen die Pferde unsern schweren Reisewagen hinab in das Thal des Flusses; und mit genau berechneter Sicherheit erreichten sie die Brücke. Reich bedeckt ist der Sumbing bis zu einer Höhe von 900–1000 Metern mit Sawahfeldern, weiter sah ich europäische Gemüse, Erdbeeren, Kraut, Tabak u. s. w. angepflanzt; der Gipfel des Berges ist jedoch kahl. Der dichte Urwald des Merapi fehlt hier; der Raubbau hat diesen Berg, so wie den Sindara, seinenNachbar, entwaldet, ohne rechtzeitig für einen Nachwuchs zu sorgen, und beide Berge sind über der Höhe von 1250 Metern wasserarm; kein Bächlein, kein Bergstrom stürzt sich in die Tiefe; nur das »Himmelwasser« befeuchtet den fruchtbaren Boden dieser beiden ruhenden und vielleicht ganz ausgestorbenen Vulcane. Auffallend waren nebstdem zahlreiche Hügel, welche in den Sawahfeldern zerstreut lagen und mit Gras bedeckt waren; es waren offenbar erratische Blöcke und zwar von stattlicher Höhe (10–30 Meter!), in historischer Zeit vielleicht aus dem Sumbing herausgeschleudert; man sieht sogar in der Kratermauer eine Oeffnung, aus welcher sie herstammen. WieJunghuhnerzählt, sind es nach der javanischen Sagenwelt Reishaufen, welche von einem erzürnten Gotte in einen Stein verwandelt wurden.

In Temanggoeng bekamen wir neue Pferde; zwei Wege führen von hier aus nach Páraan, dem Ziele unserer Reise; der eine zieht in einem grossen Bogen (11 km lang) durch das Dorf Kedú, nach welchem die ganze Provinz den Namen erhielt, und der andere (7½ km lang) führt direct am Fusse des Berges dahin. Der Kampong ist ein langgestrecktes Dorf und beinahe ausschliesslich von Chinesen bewohnt; sie sollen sehr reich sein und dieses besonders dem Bau des Tabaks verdanken. Wir stiegen bei Lie Tiauw Piek ab, welcher ein mit Reichthum und chinesischer Eleganz ausgestattetes Haus bewohnte. Nachdem wir mit Bami,[216]Kimlo[216]und einer reichlichen Reistafel mit Bier, Wein und Apollinariswasser unsern knurrenden Magen befriedigt hatten, kamen die fünf Candidaten für die Lebensversicherung zur Untersuchung, und schon drohte die Sonne unter dem Horizonte zu verschwinden, als wir unsere Rückreise antraten. Freilich hatten unsere Pferde gar keine Lust, Páraan zu verlassen; unter lautem Schreien halfen die Chinesen den Wagen vorausschieben, um die Pferde an ihre Pflicht zu erinnern, sie blieben ruhig stehen. Ein Kuli fasste das eine Pferd bei der Stange und zog es vorwärts; als Antwort darauf schlug das Pferd mit dem rechten Hinterfusse aus und brach die Stange, an welcher die Zugriemen befestigt waren. Sofort wurde ein Stück Bambus an der Axe befestigt, die Pferde gaben ihren Widerstand auf, und in brausendem Galopp verliessen wir das Dorf. Um 10½ Uhr kamen wir in Magelang an, und unvergesslich bleibt mir diese Reise; ein schöneres und lieblicheres Bild, als diese Reise mir bot, habe ich niemals gesehen.


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