Wem Gott will rechte Gunst erweisen,Den schickt er in die weite Welt;Dem will er seine Wunder weisenIn Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Trägen, die zu Hause liegen, 5Erquicket nicht das Morgenrot;Sie wissen nur von Kinderwiegen,Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Die Bächlein von den Bergen springen,Die Lerchen schwirren hoch vor Lust, 10Was sollt' ich nicht mit ihnen singenAus voller Kehl' und frischer Brust?
Den lieben Gott lass' ich nur walten;Der Bächlein, Lerchen, Wald und FeldUnd Erd' und Himmel will erhalten 15Hat auch mein' Sach' aufs best' bestellt!
* * * * *
Wer hat dich, du schöner WaldAufgebaut so hoch da droben?Wohl den Meister will ich loben,So lang' noch mein' Stimm' erschallt.Lebe wohl, 5Lebe wohl, du schöner Wald!
Tief die Welt verworren schallt,Oben einsam Rehe grasen,Und wir ziehen fort und blasen,Daß es tausendfach verhallt: 10Lebe wohl,Lebe wohl, du schöner Wald!
Banner, der so kühle wallt!Unter deinen grünen WogenHast du treu uns auferzogen, 15Frommer Sagen Aufenthalt!Lebe wohl,Lebe wohl, du schöner Wald!
Was wir still gelobt im Wald,Wollen's draußen ehrlich halten, 20Ewig bleiben treu die Alten:Deutsch Panier, das rauschend wallt,Lebe wohl!Schirm dich Gott, du schöner Wald!
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Ich stehe in WaldesschattenWie an des Lebens Rand,Die Länder wie dämmernde Matten,Der Strom wie ein silbern Band.
Von fern nur schlagen die Glocken 5Über die Wälder herein,Ein Reh hebt den Kopf erschrockenUnd schlummert gleich wieder ein.
Der Wald aber rühret die WipfelIm Traum von der Felsenwand. 10Denn der Herr geht über die GipfelUnd segnet das stille Land.
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In der stillen Pracht,In allen frischen Büschen und BäumenFlüstert's wie TräumenDie ganze Nacht.Denn über den mondbeglänzten Ländern 5Mit langen weißen GewändernZiehen die schlankenWolkenfrau'n wie geheime Gedanken,Senden von den FelsenwändenHinab die behenden 10Frühlingsgesellen, die hellen Waldquellen,Die's unten bestellenAn die duft'gen Tiefen,Die gerne noch schliefen.Nun wiegen und neigen in ahnendem Schweigen 15Sich alle so eigenMit Ähren und Zweigen,Erzählen's den Winden,Die durch die blühenden LindenVorüber den grasenden Rehen 20Säuselnd über die Seen gehen,Daß die Niren verschlafen auftauchenUnd fragen,Was sie so lieblich hauchen—Wer mag es wohl sagen? 25
* * * * *
Bleib bei uns! Wir haben den Tanzplan im TalBedeckt mit Mondesglanze,Johanneswürmchen erleuchten den Saal,Die Heimchen spielen zum Tanze.
Die Freude, das schöne leichtgläubige Kind, 5Es wiegt sich in Abendwinden:Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,Da wirst du die schönste finden!
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Der Hirt bläst seine Weise,Von fern ein Schuß noch fällt,Die Wälder rauschen leiseUnd Ströme tief im Feld.
Nur hinter jenem Hügel 5Noch spielt der Abendschein—O hätt' ich, hätt' ich Flügel,Zu fliegen da hinein!
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Nacht ist wie ein stilles Meer,Lust und Leid und LiebesklagenKommen so verworren herIn dem linden Wellenschlagen.
Wünsche wie die Wolken sind, 5Schiffen durch die stillen Räume,Wer erkennt im lauen Wind,Ob's Gedanken oder Träume?—
Schließ' ich nun auch Herz und MundDie so gern den Sternen klagen: 10Leise doch im HerzensgrundBleibt das linde Wellenschlagen.
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Es schienen so golden die Sterne,Am Fenster ich einsam standUnd hörte aus weiter FerneEin Posthorn im stillen Land.Das Herz mir im Leib entbrennte, 5Da hab' ich mir heimlich gedacht:Ach, wer da mitreisen könnteIn der prächtigen Sommernacht!
Zwei junge Gesellen gingenVorüber am Bergeshang. 10Ich hörte im Wandern sie singenDie stille Gegend entlang:Von schwindelnden Felsenschlüften,Wo die Wälder rauschen so sacht,Von Quellen, die von den Klüften 15Sich stürzen in die Waldesnacht.
Sie sangen von Marmorbildern,Von Gärten, die überm GesteinIn dämmernden Lauben verwildern,Palästen im Mondenschein, 20Wo die Mädchen am Fenster lauschen,Wann der Lauten Klang erwacht,Und die Brunnen verschlafen rauschenIn der prächtigen Sommernacht.
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In einem kühlen GrundeDa geht ein Mühlenrad,Mein' Liebste ist verschwunden.Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu' versprochen, 5Gab mir ein'n Ring dabei,Sie hat die Treu' gebrochen,Mein Ringlein sprang entzwei.
Ich möcht' als Spielmann reisenWeit in die Welt hinaus, 10Und singen meine Weisen,Und gehn von Haus zu Haus.
Ich möcht' als Reiter fliegenWohl in die blut'ge Schlacht,Um stille Feuer liegen 15Im Feld bei dunkler Nacht.
Hör ich das Mühlrad gehen:Ich weiß nicht, was ich will—Ich möcht' am liebsten sterben,Da wär's auf einmal still. 20
* * * * *
Im Osten graut's, der Nebel fällt,Wer weiß, wie bald sich's rühret!Doch schwer im Schlaf noch ruht die Welt,Von allem nichts verspüret.
Nur eine frühe Lerche steigt, 5Es hat ihr was geträumetVom Lichte, wenn noch alles schweigt,Das kaum die Höhen säumet.
* * * * *
[Illustration: Endymion, by Moritz von Schwind]
* * * * *
Ich wandre durch die stille Nacht,Da schleicht der Mond so heimlich sachtOft aus der dunklen Wolkenhülle,Und hin und her im TalErwacht die Nachtigall, 5Dann wieder alles grau und stille.
O wunderbarer Nachtgesang:Von fern im Land der Ströme Gang,Leis Schauern in den dunklen Bäumen—Wirrst die Gedanken mir, 10Mein irres Singen hierIst wie ein Rufen nur aus Träumen.
* * * * *
Es war, als hätt' der HimmelDie Erde still geküßt,Daß sie im BlütenschimmerVon ihm nun träumen müßt'.
Die Lust ging durch die Felder, 5Die Uhren wogten sacht,Es rauschten leis die Wälder,So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannteWeit ihre Flügel aus, 10Flog durch die stillen Lande,Als flöge sie nach Haus.
Aus der Jugendzeit, aus der JugendzeitKlingt ein Lied mir immerdar;O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,Was mein einst war!
Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang, 5Die den Herbst und Frühling bringt;Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlangDas jetzt noch klingt?
"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,Waren Kisten und Kasten schwer; 10Als ich wieder kam, als ich wieder kam,War alles leer."
O du Kindermund, o du Kindermund,Unbewußter Weisheit froh,Vogelsprachekund, vogelsprachekund 15Wie Salomo!
O du Heimatflur, o du Heimatflur,Laß zu deinem heil'gen RaumMich noch einmal nur, mich noch einmal nurEntfliehn im Traum! 20
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,War die Welt mir voll so sehr;Als ich wieder kam, als ich wieder kam,War alles leer.
Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt, 25Und der leere Kasten schwoll,Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert,Wird's nie mehr voll.
Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt,Dir zurück, wonach du weinst; 30Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singtIm Dorf wie einst:
"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,Waren Kisten und Kasten schwer;Als ich wieder kam, als ich wieder kam, 35War alles leer."
Nach Frankreich zogen zwei Grenadier',Die waren in Rußland gefangen.Und als sie kamen ins deutsche Quartier,Sie ließen die Köpfe hangen.
Da hörten sie beide die traurige Mär': 5Daß Frankreich verloren gegangen,Besiegt und zerschlagen das große Heer,—Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.
Da weinten zusammen die Grenadier'Wohl ob der kläglichen Kunde. 10Der eine sprach: Wie weh wird mir,Wie brennt meine alte Wunde!
Der andre sprach: Das Lied ist aus,Auch ich möcht' mit dir sterben,Doch hab' ich Weib und Kind zu Haus, 15Die ohne mich verderben.
Was schert mich Weib, was schert mich Kind!Ich trage weit beßres Verlangen;Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind,—Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! 20
Gewähr mir, Bruder, eine Bitt':Wenn ich jetzt sterben werde,So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,Begrab mich in Frankreichs Erde.
Das Ehrenkreuz am roten Band 25Sollst du aufs Herz mir legen;Die Flinte gib mir in die Hand,Und gürt mir um den Degen.
So will ich liegen und horchen still,Wie eine Schildwach', im Grabe, 30Bis einst ich höre KanonengebrüllUnd wiehernder Rosse Getrabe.
Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,Viel Schwerter klirren und blitzen;Dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab,— 35Den Kaiser, den Kaiser zu schützen!
* * * * *
47.
In mein gar zu dunkles LebenStrahlte einst ein süßes Bild;Nun das süße Bild erblichen,Bin ich gänzlich nachtumhüllt.
Wenn die Kinder sind im Dunkeln, 5Wird beklommen ihr Gemüt,Und um ihre Angst zu bannen,Singen sie ein lautes Lied.
Ich, ein tolles Kind, ich singeJetzo in der Dunkelheit; 10Klingt das Lied auch nicht ergötzlich,Hat's mich doch von Angst befreit.
* * * * *
48.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin;Ein Märchen ans alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, 5Und ruhig fließt der Rhein;Der Gipfel des Berges funkeltIm Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzetDort oben wunderbar, 10Ihr goldnes Geschmeide blitzet,Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme,Und singt ein Lied dabei;Das hat eine wundersame, 15Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen SchiffeErgreift es mit wildem Weh;Er schaut nicht die Felsenriffe,Er schaut nur hinauf in die Höh'. 20
Ich glaube, die Wellen verschlingenAm Ende Schiffer und Kahn;Und das hat mit ihrem SingenDie Lorelei getan.
* * * * *
49.
Du bist wie eine BlumeSo hold und schön und rein:Ich schau' dich an, und WehmutSchleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände 5Aufs Haupt dir legen sollt',Betend, daß Gott dich erhalteSo rein und schön und hold.
* * * * *
50.
Auf Flügeln des Gesanges,Herzliebchen, trag' ich dich fort,Fort nach den Fluren des Ganges,Dort weiß ich den schönsten Ort.
Dort liegt ein rotblühender Garten 5Im stillen Mondenschein;Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.
Die Veilchen kichern und kosen,Und schaun nach den Sternen empor; 10Heimlich erzählen die RosenSich duftende Märchen ins Ohr.
Es hüpfen herbei und lauschenDie frommen, klugen Gazell'n;Und in der Ferne rauschen 15Des heiligen Stromes Well'n.
Dort wollen wir niedersinkenUnter dem Palmenbaum,Und Liebe und Ruhe trinkenUnd träumen seligen Traum. 20
* * * * *
51.
Die Lotosblume ängstigtSich vor der Sonne Pracht,Und mit gesenktem HaupteErwartet sie träumend die Nacht.
Der Mond, der ist ihr Buhle, 5Er weckt sie mit seinem Licht,Und ihm entschleiert sie freundlichIhr frommes Blumengesicht.
Sie blüht und glüht und leuchtet,Und starret stumm in die Höh'; 10Sie duftet und weinet und zittertVor Liebe und Liebesweh.
* * * * *
52.
Ein Fichtenbaum steht einsamIm Norden auf kahler Höh'.Ihn schläfert; mit weißer DeckeUmhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einer Palme, 5Die fern im MorgenlandEinsam und schweigend trauertAuf brennender Felsenwand.
* * * * *
53.
Mein Liebchen, wir saßen beisammen,Traulich im leichten Kahn.Die Nacht war still, und wir schwammenAuf weiter Wasserbahn.
Die Geisterinsel, die schöne, 5Lag dämmrig im Mondenglanz;Dort klangen liebe Töne,Und wogte der Nebeltanz.
Dort klang es lieb und lieber,Und wogt' es hin und her; 10Wir aber schwammen vorüberTrostlos auf weitem Meer.
* * * * *
54.
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,Die hat einen ändern erwählt;Der andre liebt eine andre,Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger 5Den ersten besten Mann,Der ihr in den Weg gelaufen;Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte,Doch bleibt sie immer neu; 10Und wem sie just passieret,Dem bricht das Herz entzwei.
* * * * *
[Illustration: Das Schweigen im Walde, by Arnold Böcklin]
* * * * *
55.
Dämmernd liegt der SommerabendÜber Wald und grünen Wiesen;Goldner Mond im blauen HimmelStrahlt herunter, duftig labend.
An dem Bache zirpt die Grille, 5Und es regt sich in dem Wasser,Und der Wandrer hört ein PlätschernUnd ein Atmen in der Stille.
Dorten, an dem Bach alleineBadet sich die schöne Elfe; 10Arm und Nacken, weiß und lieblich,Schimmern in dem Mondenscheine.
* * * * *
56.
Es fällt ein Stern herunterAus seiner funkelnden Höh'!Das ist der Stern der Liebe,Den ich dort fallen seh'.
Es fallen vom Apfelbaume 5Der Blüten und Blätter vielEs kommen die neckenden LüfteUnd treiben damit ihr Spiel.
Es singt der Schwan im WeiherUnd rudert auf und ab, 10Und immer leiser singendTaucht er ins Flutengrab.
Es ist so still und dunkel!Verweht ist Blatt und Blüt',Der Stern ist knisternd zerstoben, 15Verklungen das Schwanenlied.
* * * * *
57.
Der Tod, das ist die kühle Nacht,Das Leben ist der schwüle Tag.Es dunkelt schon, mich schläfert,Der Tag hat mich müd' gemacht.
Über mein Bett erhebt sich ein Baum 5Drin singt die junge Nachtigall;Sie singt von lauter Liebe,Ich hör' es sogar im Traum.
* * * * *
58.
"Sag, wo ist dein schönes Liebchen,Das du einst so schön besungen,Als die zaubermächt'gen FlammenWunderbar dein Herz durchdrungen?"
Jene Flammen sind erloschen 5Und mein Herz ist kalt und trübe,Und dies Büchlein ist die UrneMit der Asche meiner Liebe.
* * * * *
Hoch am Himmel stand die SonneVon weißen Wolken umwogt,Das Meer war still,Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,Träumerisch sinnend—und, halb im Wachen 5Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,Den Heiland der Welt.Im wallend weißen GewandeWandelt' er riesengroßÜber Land und Meer; 10Es ragte sein Haupt in den Himmel,Die Hände streckte er segnendÜber Land und Meer;Und als ein Herz in der BrustTrug er die Sonne, 15Die rote, flammende Sonne;Und das rote, flammende SonnenherzGoß seine GnadenstrahlenUnd sein holdes, liebseliges Licht,Erleuchtend und wärmend 20Über Land und Meer.
Glockenklänge zogen feierlichHin und her, zogen wie Schwäne,An Rosenbändern, das gleitende Schiff,Und zogen es spielend ans grüne Ufer, 25Wo Menschen wohnen, in hochgetürmterRagender Stadt.
O Friedenswunder! Wie still die Stadt!Es ruhte das dumpfe GeräuschDer schwatzenden, schwülen Gewerbe, 30Und durch die reinen, hallenden StraßenWandelten Menschen, weißgekleidete,Palmzweig-tragende,Und wo sich zwei begegneten,Sah'n sie sich an, verständnisinnig, 35Und schauernd in Liebe und süßer EntsagungKüßten sie sich auf die Stirne.Und schauten hinaufNach des Heilands Sonnenherzen,Das freudig versöhnend sein rotes Blut 40Hinunterstrahlte.Und dreimalselig sprachen sie:"Gelobt sei Jesus Christ!"
* * * * *
60.
Leise zieht durch mein GemütLiebliches Geläute.Klinge, kleines Frühlingslied,Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus, 5Wo die Blumen sprießen.Wenn du eine Rose schaust,Sag, ich laß' sie grüßen.
* * * * *
61.
Es war ein alter König,Sein Herz war schwer, sein Haupt war grau;Der arme alte König,Er nahm eine junge Frau.
Es war ein schöner Page, 5Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn;Er trug die seidne SchleppeDer jungen Königin.
Kennst du das alte Liedchen?Es klingt so süß, es klingt so trüb'! 10Sie mußten beide sterben,Sie hatten sich viel zu lieb.
* * * * *
62.
Es ziehen die brausenden WellenWohl nach dem Strand;Sie schwellen und zerschellenWohl auf dem Sand.
Sie kommen groß und kräftig 5Ohn' Unterlaß;Sie werden endlich heftig—Was hilft uns das?
* * * * *
63.
Es ragt ins Meer der Runenstein,Da sitz' ich mit meinen Träumen.Es pfeift der Wind, die Möwen schrein,Die Wellen, die wandern und schäumen.
Ich habe geliebt manch schönes Kind 5Und manchen guten Gesellen—Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind,Es schäumen und wandern die Wellen.
* * * * *
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.Der EichenbaumWuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.Es war ein Traum.
Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch 5(Man glaubt es kaum,Wie gut es klang) das Wort: "Ich liebe dich!"Es war ein Traum.
* * * * *
Wo wird einst des WandermüdenLetzte Ruhestätte sein?Unter Palmen in dem Süden?Unter Linden an dem Rhein?
Werd' ich wo in einer Wüste 5Eingescharrt von fremder Hand?Oder ruh' ich an der KüsteEines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgebenGotteshimmel, dort wie hier, 10Und als Totenlampen schwebenNachts die Sterne über mir.
Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder; Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wieder!
Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrerGoten,Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.
Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben, 5Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.
Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf 10 dem Pferde.
Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,Daß die hohen Stromgewächse wüchsen ans dem Heldengrabe.
Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen:Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.
Und es sang ein Chor von Männern: "Schlaf in deinen 15Heldenehren!Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grabversehren!"
Sangen's, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere;Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!
* * * * *
67.
Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her,Doch irrst du, Freund, sobald du sagst, sie schwanke hin und her:Es wurzelt ja so fest ihr Fuß im tiefen Meeresgrund,Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her!
* * * * *
68.
Wie rafft' ich mich auf in der Nacht, in der Nacht,Und fühlte mich fürder gezogen,Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht,Durchwandelte sachtIn der Nacht, in der Nacht, 5Das Tor mit dem gotischen Bogen.
Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht,Ich lehnte mich über die Brücke,Tief unter mir nahm ich der Wogen in acht,Die wallten so sacht 10In der Nacht, in der Nacht,Doch wallte nicht eine zurücke.
Es drehte sich oben, unzählig entfacht,Melodischer Wandel der Sterne,Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht, 15Sie funkelten sachtIn der Nacht, in der Nacht,Durch täuschend entlegene Ferne.
Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht,Ich blickte hinunter aufs neue: 20O wehe, wie hast du die Tage verbracht,Nun stille du sachtIn der Nacht, in der Nacht,Im pochenden Herzen die Reue!
* * * * *
69.
Ich möchte, wann ich sterbe, wie die lichtenGestirne schnell und unbewußt erbleichen,Erliegen möcht' ich einst des Todes Streichen,Wie Sagen uns vom Pindaros berichten.
Ich will ja nicht im Leben oder Dichten 5Den großen Unerreichlichen erreichen,Ich möcht', o Freund, ihm nur im Tode gleichen;Doch höre nun die schönste der Geschichten!
Er saß im Schauspiel, vom Gesang beweget,Und hatte, der ermüdet war, die Wangen 10Auf seines Lieblings schönes Knie geleget:
Als nun der Chöre Melodien verklangen,Will wecken ihn, der ihn so sanft geheget,Doch zu den Göttern war er heimgegangen.
Weil' auf mir, du dunkles Auge,Übe deine ganze Macht,Ernste, milde, träumerische,Unergründlich süße Nacht!
Nimm mit deinem Zauberdunkel 5Diese Welt von hinnen mir,Daß du über meinem LebenEinsam schwebest für und für.
* * * * *
Auf dem Teich, dem regungslosen,Weilt des Mondes holder Glanz,Flechtend seine bleichen RosenIn des Schilfes grünen Kranz.
Hirsche wandeln dort am Hügel, 5Blicken in die Nacht empor;Manchmal regt sich das GeflügelTräumerisch im tiefen Rohr.
Weinend muß mein Blick sich senken;Durch die tiefste Seele geht 10Mir ein süßes DeingedenkenWie ein stilles Nachtgebet!
* * * * *
Ich trat in einen heilig düsternEichwald, da hört' ich leis' und lindEin Bächlein unter Blumen flüstern,Wie das Gebet von einem Kind;
Und mich ergriff ein süßes Grauen, 5Es rauscht' der Wald geheimnisvoll,Als möcht' er mir was anvertrauen,Das noch mein Herz nicht wissen soll;
Als möcht' er heimlich mir entdecken,Was Gottes Liebe sinnt und will: 10Doch schien er plötzlich zu erschreckenVor Gottes Näh'—und wurde still.
* * * * *
Lieblich war die Maiennacht,Silberwölklein flogen,Ob der holden FrühlingsprachtFreudig hingezogen.
Schlummernd lagen Wies' und Hain, 5Jeder Pfad verlassen;Niemand als der MondenscheinWachte auf der Straßen.
Leise nur das Lüftchen sprach,Und es zog gelinder 10Durch das stille SchlafgemachAll der Frühlingskinder.
Heimlich nur das Bächlein schlich,Denn der Blüten TräumeDufteten gar wonniglich 15Durch die stillen Räume.
Rauher war mein Postillion,Ließ die Geißel knallen,Uber Berg und Tal davonFrisch sein Horn erschallen. 20
Und von flinken Rossen vierScholl der Hufe Schlagen,Die durchs blühende RevierTrabten mit Behagen.
Wald und Flur im schnellen Zug 25Kaum gegrüßt—gemieden;Und vorbei, wie Traumesflug,Schwand der Dörfer Frieden.
Mitten in dem MaienglückLag ein Kirchhof innen, 30Der den raschen WanderblickHielt zu ernstem Sinnen.
Hingelehnt an BergesrandWar die bleiche Mauer,Und das Kreuzbild Gottes stand 35Hoch, in stummer Trauer.
Schwager ritt aus seiner BahnStiller jetzt und trüber;Und die Rosse hielt er an,Sah zum Kreuz hinüber: 40
"Halten muß hier Roß und Rad,Mag's Euch nicht gefährden;Drüben liegt mein KameradIn der kühlen Erden!
"Ein gar herzlieber Gesell! 45Herr, 's ist ewig schade!Keiner blies das Horn so hell,Wie mein Kamerade!
"Hier ich immer halten muß,Dem dort unterm Rasen 50Zum getreuen BrudergrußSein Leiblied zu blasen!"
Und dem Kirchhof sandt' er zuFrohe Wandersänge,Daß es in die Grabesruh' 55Seinem Bruder dränge.
Und des Hornes heller TonKlang vom Berge wieder,Ob der tote PostillionStimmt' in seine Lieder.— 60
Weiter ging's durch Feld und HagMit verhängtem Zügel;Lang mir noch im Ohre lagJener Klang vom Hügel.
* * * * *
Drei Reiter nach verlorner Schlacht,Wie reiten sie so sacht, so sacht!
Aus tiefen Wunden quillt das Blut,Es spürt das Roß die warme Flut.
Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum, 5Und spült hinunter Staub und Schaum.
Die Rosse schreiten sanft und weich,Sonst flöß' das Blut zu rasch, zu reich.
Die Reiter reiten dicht gesellt,Und einer sich am andern hält. 10
Sie sehn sich traurig ins Gesicht,Und einer um den andern spricht:
"Mir blüht daheim die schönste Maid,Drum tut mein früher Tod mir leid."
"Hab' Haus und Hof und grünen Wald, 15Und sterben muß ich hier so bald!"
"Den Blick hab' ich in Gottes Welt,Sonst nichts, doch schwer mir's Sterben fällt."
Und lauernd auf den TodesrittZiehn durch die Luft drei Geier mit. 20
Sie teilen kreischend unter sich:"Den speisest du, den du, den ich".
* * * * *
Mein liebes Mütterlein war verreist,Und kehrte nicht heim, und lag in der Grube;Da war ich allein und recht verwaist.Und traurig trat ich in ihre Stube.
Ihr Schrank stand offen, ich fand ihn noch heut', 5Wie sie, abreisend, ihn eilig gelassen.Wie alles man durcheinander streutWenn vor der Tür die Pferde schon passen.
Ein aufgeschlagnes Gebetbuch lagBei mancher Rechnung, von ihr geschrieben; 10Von ihrem Frühstück am ScheidetagWar noch ein Stücklein Kuchen geblieben.
Ich las das aufgeschlagne Gebet,Es war: wie eine Mutter um SegenFür ihre Kinder zum Himmel fleht; 15Mir pochte das Herz in bangen Schlägen.
Ich las ihre Schrift, und ich verbißNicht länger meine gerechten Schmerzen,Ich las die Zahlen, und ich zerrißDie Freudenrechnung in meinem Herzen. 20
Zusammen sucht' ich den Speiserest,Das kleinste Krümlein, den letzten Splitter,Und hätt' es mir auch den Hals gepreßt,Ich aß vom Kuchen und weinte bitter.
* * * * *
Müde schleichen hier die Bäche,Nicht ein Lüftchen hörst du wallen,Die entfärbten Blätter fallenStill zu Grund', vor Altersschwäche.
Krähen, kaum die Schwingen regend, 5Streichen langsam; dort am HügelLäßt die Windmühl' ruhn die Flügel;Ach, wie schläfrig ist die Gegend!
Lenz und Sommer sind verflogen;Dort das Hüttlein, ob es trutze, 10Blickt nicht aus, die StrohkapuzeTief ins Aug' herabgezogen.
Schlummernd, oder träge sinnend,Ruht der Hirt bei seinen Schafen,Die Natur, Herbstnebel spinnend, 15Scheint am Rocken eingeschlafen.
* * * * *
Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,Die Disteln sind so regungslos zu schauen,So starr, als wären sie aus Stein gehauen,Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.
Und Erd' und Himmel haben keine Scheide, 5In eins gefallen sind die nebelgrauen,Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,Und mein und dein vergessen traurig beide.
Nun plötzlich wankt die Distel hin und wieder,Und heftig rauschend bricht der Regen nieder, 10Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.
Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,Er hört die windgepeitschte Distel sausen,Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.
* * * * *
Rings ein Verstummen, ein Entfärben:Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;Ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise, 5Die Zeit der Liebe ist verklungen,Die Vögel haben ausgesungen,Und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden,Aus dem Verfall des Laubes tauchen 10Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,Die Blätter fallen stets, die müden.
In dieses Waldes leisem RauschenIst mir, als hör' ich Kunde wehen,Daß alles Sterben und Vergehen 15Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.
Gelassen stieg die Nacht ans Land,Lehnt träumend an der Berge Wand;Ihr Auge sieht die goldne Wage nunDer Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.Und kecker rauschen die Quellen hervor, 5Sie singen der Mutter, der Nacht, ins OhrVom Tage,Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied—Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; 10Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,Der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch.Doch immer behalten die Quellen das Wort,Es singen die Wasser im Schlafe noch fortVom Tage, 15Vom heute gewesenen Tage.
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Im Nebel ruhet noch die Welt,Noch träumen Wald und Wiesen:Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,Den blauen Himmel unverstellt,Herbstkräftig die gedämpfte Welt 5In warmem Golde fließen.
* * * * *
[Illustration: Flora, die Blumen weckend, by Arnold Böcklin]
* * * * *
Frühling läßt sein blaues BandWieder flattern durch die Lüfte;Süße, wohlbekannte DüfteStreifen ahnungsvoll das Land.Veilchen träumen schon, 5Wollen balde kommen.—Horch, von fern ein leiser Harfenton!Frühling, ja du bist's!Dich hab' ich vernommen!
* * * * *
Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,Dort gehet schon der Tag herfürAn meinem Kammerfenster.Es wühlet mein verstörter SinnNoch zwischen Zweifeln her und hin 5Und schaffet Nachtgespenster.—Ängste, quäleDich nicht länger, meine Seele!Freu dich! schon sind da und dortenMorgenglocken wach geworden. 10
* * * * *
Sehet ihr am FensterleinDort die rote Mütze wieder?Nicht geheuer muß es sein,Denn er geht schon auf und nieder.Und auf einmal welch Gewühle 5Bei der Brücke, nach dem Feld!Horch! das Feuerglöcklein gellt:Hinterm Berg,Hinterm BergBrennt es in der Mühle. 10
Schaut! da sprengt er wütend schierDurch das Tor, der Feuerreiter,Auf dem rippendürren Tier,Als auf einer Feuerleiter.Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle 15Rennt er schon und ist am Ort!Drüben schallt es fort und fort:Hinterm Berg,Hinterm BergBrennt es in der Mühle. 20
Der so oft den roten HahnMeilenweit von fern gerochenMit des heil'gen Kreuzes SpanFreventlich die Glut besprochen—Weh! dir grinst vom Dachgestühle 25Dort der Feind im Höllenschein.Gnade Gott der Seele dein!Hinterm Berg,Hinterm BergRast er in der Mühle. 30
Keine Stunde hielt es an,Bis die Mühle borst in Trümmer;Doch den kecken ReitersmannSah man von der Stunde nimmer.Volk und Wagen im Gewühle 35Kehren heim von all dem GrausAuch das Glöcklein klinget aus:Hinterm Berg,Hinterm BergBrennt's— 40
Nach der Zeit ein Müller fandEin Gerippe samt der MützenAufrecht an der KellerwandAuf der beinern Mähre sitzen.Feuerreiter, wie so kühle 45Reitest du in deinem Grab!Husch! da fällt's in Asche ab.Ruhe wohl,Ruhe wohlDrunten in der Mühle! 50
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Früh, wann die Hähne krähn,Eh' die Sternlein verschwinden,Muß ich am Herde stehn,Muß Feuer zünden.
Schön ist der Flammen Schein, 5Es springen die Funken;Ich schaue so drein,In Leid versunken.
Plötzlich da kommt es mir,Treuloser Knabe, 10Daß ich die Nacht von dirGeträumet habe.
Träne auf Träne dannStürzet hernieder:So kommt der Tag heran— 15O ging' er wieder!
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"Lebe wohl!"—Du fühlest nicht,Was es heißt, dies Wort der Schmerzen;Mit getrostem AngesichtSagtest du's und leichtem Herzen.
Lebe wohl!—Ach, tausendmal 5Hab' ich mir es vorgesprochen,Und in nimmersatter QualMir das Herz damit gebrochen!
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Wie heißt König Ringangs Töchterlein?Rohtraut, Schön-Rohtraut.Was tut sie denn den ganzen Tag,Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?Tut fischen und jagen. 5O daß ich doch ihr Jäger wär'!Fischen und Jagen freute mich sehr.—Schweig stille, mein Herze!
Und über eine kleine Weil',Rohtraut, Schön-Rohtraut, 10So dient der Knab' auf Ringangs SchloßIn Jägertracht und hat ein Roß,Mit Rohtraut zu jagen.O daß ich doch ein Königssohn wär'!Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr.— 15Schweig stille, mein Herze!
Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,Da lacht Schön-Rohtraut:"Was siehst mich an so wunniglich?Wenn du das Herz hast, küsse mich!" 20Ach, erschrak der Knabe!Doch denket er: Mir ist's vergunnt,Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.—Schweig stille, mein Herze!
Darauf sie ritten schweigend heim, 25Rohtraut, Schön-Rohtraut;Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:Und würdst du heute Kaiserin,Mich sollt's nicht kränken!Ihr tausend Blätter im Walde, wißt! 30Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt—Schweig stille, mein Herze!
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Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,Die Decke des nun fast vergeßnen Lustgemachs.Auf deiner weißen Marmorschale, deren RandDer Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, 5Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.Wie reizend alles! lachend und ein sanfter GeistDes Ernstes doch ergossen um die ganze Form:Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. 10
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Herr, schicke, was du willt,Ein Liebes oder Leides!Ich bin vergnügt, daß beidesAus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden 5Und wollest mit LeidenMich nicht überschütten!Doch in der MittenLiegt holdes Bescheiden.
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Ein Tännlein grünet wo,Wer weiß? im Walde,Ein Rosenstrauch, wer sagt,In welchem Garten?Sie sind erlesen schon— 5Denk' es, o Seele!—Auf deinem Grab zu wurzelnUnd zu wachsen.
Zwei schwarze Rößlein weidenAuf der Wiese, 10Sie kehren heim zur StadtIn muntern Sprüngen.Sie werden schrittweis gehnMit deiner Leiche,Vielleicht, vielleicht noch eh' 15An ihren HufenDas Eisen los wird,Das ich blitzen sehe.
Quellende, schwellende Nacht,Voll von Lichtern und SternenIn den ewigen Fernen,Sage, was ist da erwacht?
Herz in der Brust wird beengt, 5Steigendes, neigendes Leben,Riesenhaft fühle ich's weben,Welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis,Wie dem Kinde die Amme, 10Und um die dürftige FlammeZiehst du den schützenden Kreis.
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Die Mutter lag im Totenschrein,Zum letztenmal geschmückt;Da spielt das kleine Kind herein,Das staunend sie erblickt.
Die Blumenkron' im blonden Haar 5Gefällt ihm gar zu sehr,Die Busenblumen, bunt und klar,Zum Strauß gereiht, noch mehr.
Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:"Du liebe Mutter, gib 10Mir eine Blum' aus deinem Strauß,Ich hab' dich auch so lieb."
Und als die Mntter es nicht tut,Da denkt das Kind für sich:"Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, 15So tut sie's sicherlich."
Schleicht fort, so leis' es immer kann,Und schließt die Türe sachtUnd lauscht von Zeit zu Zeit daran,Ob Mutter noch nicht wacht. 20
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Wenn ich mich abends entkleide,Gemachsam, Stück für Stück,So tragen die müden GedankenMich vorwärts oder zurück.
Ich denke der alten Tage, 5Da zog die Mutter mich aus;Sie legte mich still in die Wiege,Die Winde brausten ums Haus.
Ich denke der letzten Stunde,Da werden's die Nachbarn tun; 10Sie senken mich still in die Erde,Da werd' ich lange ruhn.
Schließt nun der Schlaf mein Auge,Wie träum' ich oftmals das:Es wäre eins von beidem, 15Nur wüßt' ich selber nicht, was.
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Die du, über die Sterne weg,Mit der geleerten SchaleAusschwebst, um sie am ew'gen BornEilig wieder zu füllen:Einmal schwenke sie noch, o Glück, 5Einmal, lächelnde Göttin!Sieh, ein einziger Tropfen hängtNoch verloren am Rande,Und der einzige Tropfen genügt,Eine himmlische Seele, 10Die hier unten in Schmerz erstarrt,Wieder in Wonne zu lösen.Ach! sie weint dir süßeren Dank,Als die anderen alle,Die du glücklich und reich gemacht; 15Laß ihn fallen, den Tropfen!
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Friedlich bekämpfenNacht sich und Tag.Wie das zu dämpfen,Wie das zu lösen vermag!
Der mich bedrückte, 5Schläfst du schon, Schmerz?Was mich beglückte,Sage, was war's doch, mein Herz?
Freude wie Kummer,Fühl' ich, zerrann, 10Aber den SchlummerFührten sie leise heran.
Und im Entschweben,Immer empor,Kommt mir das Leben 15Ganz wie ein Schlummerlied vor.
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Wir träumten von einanderUnd sind davon erwacht,Wir leben, um uns zu lieben,Und sinken zurück in Nacht.
Du tratst aus meinem Traume, 5Aus deinem trat ich hervor,Wir sterben, wenn sich einesIm andern ganz verlor.
Auf einer Lilie zitternZwei Tropfen, rein und rund, 10Zerfließen in eins und rollenHinab in des Kelches Grund.
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Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,Sie war, als ob sie bluten könne, rot;Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:"So weit im Leben ist zu nah' am Tod."
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, 5Nur leise strich ein weißer Schmetterling;Doch ob auch kaum die Luft sein FlügelschlagBewegte, sie empfand es und verging.
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Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!Die Luft ist still, als atmete man kaum.Und dennoch fallen, raschelnd, fern und nah,Die schönsten Früchte ab von jedem Banm.
O stört sie nicht, die Feier der Natur! 5Dies ist die Lese, die sie selber hält,Denn heute löst sich von den Zweigen nur,Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
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[Illustration: VITA SOMNIUM BREVE, by Arnold Böcklin]
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So wie die Sonne untergeht,Gibt's einen letzten Baum,Der wie in Morgenflammen stehtAm fernsten Himmelsraum.
Es ist ein Baum und weiter nichts,^ 5Doch denkt man in der NachtDes letzten wunderbaren Lichts,So wird auch sein gedacht.
Auf gleiche Weise denk' ich dein,Nun mich die Jugend läßt, 10Du hältst mir ihren letzten ScheinFür alle Zeiten fest.