Chapter 9

Charakter des Hochgebirges Awirr in SemiénCharakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.DerAtbaraentspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam, Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse) herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann derTakazziégelten, wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet über, wo er den Rojan auf- und den NamenSetitannimmt.[pg 50]Durch das Land der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließendeMarebbetrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der ägyptischen Provinz Taka den NamenChor el Gascherhält und jenseit Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt derBarka, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt. Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten zerfallen.Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus Guragué kommendeHawaschum das Land, allein er erreicht das Rothe Meer nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.Klimatische Verhältnisse.Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel desKlimas, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man sich denken kann,[pg 51]da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer fordert!In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß, folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000 und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten zu derselben Zeit − 3 bis − 6°; des Mittags + 3 bis 4°.Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten; im November, Dezember, Januar, Februar − 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10 bis 12°.Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12 bis 15°.Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis 23°.Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis 32°.Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich, wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, dieFlora des Landesin drei Abtheilungen zerlegen.Die Kola.Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie imAllgemeinenzur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein aussterben.[pg 52]Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen, oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem, schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend, gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich wuchert dieAkazieempor und nur an den günstigsten Stellen treten andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich dieTamarindenmit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; dieKigelienmit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; derBaobab(Adansonia digitata), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen geworden sind,[pg 53]und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen dieOelbäumewesentlich dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (T. indica) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten, sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (A. eburnea,planifronsu. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können. Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen als Futter.Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die papierrindigeBoswellia(B. papyrifera). Sie ist ein stattlicher Baum mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln. Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare Bernsteinfarbe annimmt.Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der graublätterige Uscher (Calotropis procera) überrascht durch seine ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hoheKronleuchter-Euphorbie(E. abessinica), derKolqual, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben beibehalten hat.[pg 54]Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-AntilopenBaobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 55]Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und MimosenLandschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 56]Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000 Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist dieSykomoresein Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar, dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes Gärtners zu spotten scheinen.Die Botaniker haben gezeigt, daßkryptogamische Pflanzenin vielen ihrer Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen, welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden von den Bäumen herabhängende Bartflechte (Parmelia) sind in Abessinien häufig; selten dagegen die Moose. Unter denFarrnkräuternfinden wir allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.DieWoina-Dekaoder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte besprochen werden sollen. DieWeinrebeanlangend, so fand Rüppell noch 1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte bei der Kirche von[pg 57]Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen Trauben (Woin saf) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab, keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin gehört zunächst derWanzabaum(Cordia abessinica), der das beliebteste Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der Armen, wenn Hungersnoth eintritt.DerKuaraf(Gunnera spec.), eine Artocarpee, gewinnt während der Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (Rumex arifolius), dessen fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs besonders hervorgehoben werden.Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und Kaffa die Urheimat desKaffeessein, wie denn auch der Name desselben mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das Lieblingsgetränk derMuhamedanerist, und auch in Amhara trinken die Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit[pg 58]vom Markte verdrängt. Der kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.DieLilien, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen WiesenCommelina africanaundTradescentiadas Auge, deren „Vogeleier“ genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den grünen WiesenObitus abessinicahervor, während unter den Spargeln der kletterndeAsparagus retrofractusErwähnung verdient, dessen in das Haar des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes Thier erfolgreich bekämpft hat.Orchideengiebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzendeEpidendrum capense. Aus der Gruppe derPisangesind die gemeine Banane (Musa paradisica) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. DiePalmenhaben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und Fächerpalme.Obitus abessinicaObitus abessinica. Nach Lejean.Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die Aristolochien, von denenA. bracteatagegen die Wunden vergifteter Pfeile angewandt wird.[pg 59]Reichlich auftretend bilden dieNadelhölzerden Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die Cederfichte, während weiter landeinwärts schöneDed-oderWachholderbäume(Juniperus excelsa) die Kirchen und Friedhöfe mit ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht. Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme[pg 60]ausgehen, sodaß etwa zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die Gruft gesenkt werden.Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung derFeigenarten, die in ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden. DerSchoala, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen, taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (Thlaspi bursa pastoris), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die Samen derPhytolacca abessinica(Septe oder Endott) dienen statt der Seife, und die getrockneten Blätter derCallanchoë vernawerden von Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (Rubus pinnatus), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (Rosa abessinica).Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (Capsicum frutescens) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (Solanum marginatum) benutzt man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (Atropa arborea) dient zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen Eigenschaften des Stechapfels (Datura[pg 61]Strammonium) sind den Zauberern und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee (Kannahia laniflora), die an den Ufern der meisten abessinischen Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume (Stapelia pulvinata) undCalotropis gigantea. Die erstere hat einen fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.Die Dekanimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein. Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu 12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß findet man denKussobaum(Brayera anthelmintica), der als Wahrzeichen des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern (TaeniaundStrongilus) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten; jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so berichtet wenigstens Isenberg.In Schoa wird unter Kusso dieHagenia abessinicaverstanden, die gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze verdient diestachelige Kugeldistel(Echinops horridus), die bis zu zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel (Echinops giganteus), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch längs[pg 62]den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen und der fiebervertreibendeCelastrus obscurus, diePrimula semiensis. Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können, vertreiben diebaumartigen Erikenoder Zachdi (Erica arborea), die bis zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet. Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von 12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, dieDschibarra(Rhynchopetalum montanum). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich paarweise die einzige Glanzdrossel (Oligomydrus tenuirostris), die in diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (Oreotragus saltatrix) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (Ibex Walia) und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, seltener der Leopard und ein Fuchs (Canis semiensis), der ausschließlich von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch Tauben (Columba albitorques) schwärmen in großen Flügen in diesen höchsten abessinischen Alpengegenden umher.Die Fauna Abessiniens.Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt bietet dem Beobachter dieThierweltAbessiniens dar. Nicht genügend erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; die höher[pg 63]stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. DieHeuschrecken, amharisch Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.

Charakter des Hochgebirges Awirr in SemiénCharakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.DerAtbaraentspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam, Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse) herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann derTakazziégelten, wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet über, wo er den Rojan auf- und den NamenSetitannimmt.[pg 50]Durch das Land der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließendeMarebbetrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der ägyptischen Provinz Taka den NamenChor el Gascherhält und jenseit Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt derBarka, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt. Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten zerfallen.Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus Guragué kommendeHawaschum das Land, allein er erreicht das Rothe Meer nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.Klimatische Verhältnisse.Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel desKlimas, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man sich denken kann,[pg 51]da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer fordert!In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß, folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000 und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten zu derselben Zeit − 3 bis − 6°; des Mittags + 3 bis 4°.Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten; im November, Dezember, Januar, Februar − 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10 bis 12°.Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12 bis 15°.Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis 23°.Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis 32°.Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich, wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, dieFlora des Landesin drei Abtheilungen zerlegen.Die Kola.Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie imAllgemeinenzur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein aussterben.[pg 52]Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen, oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem, schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend, gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich wuchert dieAkazieempor und nur an den günstigsten Stellen treten andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich dieTamarindenmit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; dieKigelienmit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; derBaobab(Adansonia digitata), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen geworden sind,[pg 53]und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen dieOelbäumewesentlich dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (T. indica) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten, sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (A. eburnea,planifronsu. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können. Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen als Futter.Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die papierrindigeBoswellia(B. papyrifera). Sie ist ein stattlicher Baum mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln. Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare Bernsteinfarbe annimmt.Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der graublätterige Uscher (Calotropis procera) überrascht durch seine ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hoheKronleuchter-Euphorbie(E. abessinica), derKolqual, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben beibehalten hat.[pg 54]Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-AntilopenBaobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 55]Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und MimosenLandschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 56]Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000 Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist dieSykomoresein Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar, dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes Gärtners zu spotten scheinen.Die Botaniker haben gezeigt, daßkryptogamische Pflanzenin vielen ihrer Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen, welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden von den Bäumen herabhängende Bartflechte (Parmelia) sind in Abessinien häufig; selten dagegen die Moose. Unter denFarrnkräuternfinden wir allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.DieWoina-Dekaoder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte besprochen werden sollen. DieWeinrebeanlangend, so fand Rüppell noch 1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte bei der Kirche von[pg 57]Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen Trauben (Woin saf) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab, keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin gehört zunächst derWanzabaum(Cordia abessinica), der das beliebteste Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der Armen, wenn Hungersnoth eintritt.DerKuaraf(Gunnera spec.), eine Artocarpee, gewinnt während der Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (Rumex arifolius), dessen fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs besonders hervorgehoben werden.Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und Kaffa die Urheimat desKaffeessein, wie denn auch der Name desselben mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das Lieblingsgetränk derMuhamedanerist, und auch in Amhara trinken die Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit[pg 58]vom Markte verdrängt. Der kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.DieLilien, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen WiesenCommelina africanaundTradescentiadas Auge, deren „Vogeleier“ genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den grünen WiesenObitus abessinicahervor, während unter den Spargeln der kletterndeAsparagus retrofractusErwähnung verdient, dessen in das Haar des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes Thier erfolgreich bekämpft hat.Orchideengiebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzendeEpidendrum capense. Aus der Gruppe derPisangesind die gemeine Banane (Musa paradisica) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. DiePalmenhaben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und Fächerpalme.Obitus abessinicaObitus abessinica. Nach Lejean.Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die Aristolochien, von denenA. bracteatagegen die Wunden vergifteter Pfeile angewandt wird.[pg 59]Reichlich auftretend bilden dieNadelhölzerden Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die Cederfichte, während weiter landeinwärts schöneDed-oderWachholderbäume(Juniperus excelsa) die Kirchen und Friedhöfe mit ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht. Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme[pg 60]ausgehen, sodaß etwa zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die Gruft gesenkt werden.Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung derFeigenarten, die in ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden. DerSchoala, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen, taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (Thlaspi bursa pastoris), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die Samen derPhytolacca abessinica(Septe oder Endott) dienen statt der Seife, und die getrockneten Blätter derCallanchoë vernawerden von Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (Rubus pinnatus), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (Rosa abessinica).Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (Capsicum frutescens) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (Solanum marginatum) benutzt man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (Atropa arborea) dient zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen Eigenschaften des Stechapfels (Datura[pg 61]Strammonium) sind den Zauberern und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee (Kannahia laniflora), die an den Ufern der meisten abessinischen Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume (Stapelia pulvinata) undCalotropis gigantea. Die erstere hat einen fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.Die Dekanimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein. Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu 12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß findet man denKussobaum(Brayera anthelmintica), der als Wahrzeichen des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern (TaeniaundStrongilus) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten; jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so berichtet wenigstens Isenberg.In Schoa wird unter Kusso dieHagenia abessinicaverstanden, die gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze verdient diestachelige Kugeldistel(Echinops horridus), die bis zu zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel (Echinops giganteus), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch längs[pg 62]den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen und der fiebervertreibendeCelastrus obscurus, diePrimula semiensis. Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können, vertreiben diebaumartigen Erikenoder Zachdi (Erica arborea), die bis zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet. Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von 12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, dieDschibarra(Rhynchopetalum montanum). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich paarweise die einzige Glanzdrossel (Oligomydrus tenuirostris), die in diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (Oreotragus saltatrix) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (Ibex Walia) und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, seltener der Leopard und ein Fuchs (Canis semiensis), der ausschließlich von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch Tauben (Columba albitorques) schwärmen in großen Flügen in diesen höchsten abessinischen Alpengegenden umher.Die Fauna Abessiniens.Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt bietet dem Beobachter dieThierweltAbessiniens dar. Nicht genügend erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; die höher[pg 63]stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. DieHeuschrecken, amharisch Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.

Charakter des Hochgebirges Awirr in SemiénCharakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.DerAtbaraentspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam, Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse) herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann derTakazziégelten, wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet über, wo er den Rojan auf- und den NamenSetitannimmt.[pg 50]Durch das Land der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließendeMarebbetrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der ägyptischen Provinz Taka den NamenChor el Gascherhält und jenseit Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt derBarka, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt. Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten zerfallen.Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus Guragué kommendeHawaschum das Land, allein er erreicht das Rothe Meer nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.Klimatische Verhältnisse.Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel desKlimas, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man sich denken kann,[pg 51]da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer fordert!In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß, folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000 und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten zu derselben Zeit − 3 bis − 6°; des Mittags + 3 bis 4°.Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten; im November, Dezember, Januar, Februar − 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10 bis 12°.Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12 bis 15°.Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis 23°.Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis 32°.Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich, wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, dieFlora des Landesin drei Abtheilungen zerlegen.Die Kola.Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie imAllgemeinenzur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein aussterben.[pg 52]Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen, oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem, schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend, gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich wuchert dieAkazieempor und nur an den günstigsten Stellen treten andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich dieTamarindenmit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; dieKigelienmit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; derBaobab(Adansonia digitata), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen geworden sind,[pg 53]und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen dieOelbäumewesentlich dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (T. indica) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten, sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (A. eburnea,planifronsu. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können. Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen als Futter.Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die papierrindigeBoswellia(B. papyrifera). Sie ist ein stattlicher Baum mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln. Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare Bernsteinfarbe annimmt.Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der graublätterige Uscher (Calotropis procera) überrascht durch seine ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hoheKronleuchter-Euphorbie(E. abessinica), derKolqual, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben beibehalten hat.[pg 54]Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-AntilopenBaobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 55]Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und MimosenLandschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.[pg 56]Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000 Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist dieSykomoresein Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar, dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes Gärtners zu spotten scheinen.Die Botaniker haben gezeigt, daßkryptogamische Pflanzenin vielen ihrer Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen, welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden von den Bäumen herabhängende Bartflechte (Parmelia) sind in Abessinien häufig; selten dagegen die Moose. Unter denFarrnkräuternfinden wir allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.DieWoina-Dekaoder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte besprochen werden sollen. DieWeinrebeanlangend, so fand Rüppell noch 1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte bei der Kirche von[pg 57]Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen Trauben (Woin saf) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab, keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin gehört zunächst derWanzabaum(Cordia abessinica), der das beliebteste Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der Armen, wenn Hungersnoth eintritt.DerKuaraf(Gunnera spec.), eine Artocarpee, gewinnt während der Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (Rumex arifolius), dessen fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs besonders hervorgehoben werden.Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und Kaffa die Urheimat desKaffeessein, wie denn auch der Name desselben mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das Lieblingsgetränk derMuhamedanerist, und auch in Amhara trinken die Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit[pg 58]vom Markte verdrängt. Der kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.DieLilien, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen WiesenCommelina africanaundTradescentiadas Auge, deren „Vogeleier“ genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den grünen WiesenObitus abessinicahervor, während unter den Spargeln der kletterndeAsparagus retrofractusErwähnung verdient, dessen in das Haar des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes Thier erfolgreich bekämpft hat.Orchideengiebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzendeEpidendrum capense. Aus der Gruppe derPisangesind die gemeine Banane (Musa paradisica) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. DiePalmenhaben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und Fächerpalme.Obitus abessinicaObitus abessinica. Nach Lejean.Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die Aristolochien, von denenA. bracteatagegen die Wunden vergifteter Pfeile angewandt wird.[pg 59]Reichlich auftretend bilden dieNadelhölzerden Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die Cederfichte, während weiter landeinwärts schöneDed-oderWachholderbäume(Juniperus excelsa) die Kirchen und Friedhöfe mit ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht. Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme[pg 60]ausgehen, sodaß etwa zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die Gruft gesenkt werden.Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung derFeigenarten, die in ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden. DerSchoala, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen, taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (Thlaspi bursa pastoris), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die Samen derPhytolacca abessinica(Septe oder Endott) dienen statt der Seife, und die getrockneten Blätter derCallanchoë vernawerden von Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (Rubus pinnatus), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (Rosa abessinica).Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (Capsicum frutescens) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (Solanum marginatum) benutzt man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (Atropa arborea) dient zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen Eigenschaften des Stechapfels (Datura[pg 61]Strammonium) sind den Zauberern und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee (Kannahia laniflora), die an den Ufern der meisten abessinischen Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume (Stapelia pulvinata) undCalotropis gigantea. Die erstere hat einen fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.Die Dekanimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein. Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu 12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß findet man denKussobaum(Brayera anthelmintica), der als Wahrzeichen des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern (TaeniaundStrongilus) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten; jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so berichtet wenigstens Isenberg.In Schoa wird unter Kusso dieHagenia abessinicaverstanden, die gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze verdient diestachelige Kugeldistel(Echinops horridus), die bis zu zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel (Echinops giganteus), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch längs[pg 62]den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen und der fiebervertreibendeCelastrus obscurus, diePrimula semiensis. Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können, vertreiben diebaumartigen Erikenoder Zachdi (Erica arborea), die bis zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet. Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von 12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, dieDschibarra(Rhynchopetalum montanum). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich paarweise die einzige Glanzdrossel (Oligomydrus tenuirostris), die in diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (Oreotragus saltatrix) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (Ibex Walia) und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, seltener der Leopard und ein Fuchs (Canis semiensis), der ausschließlich von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch Tauben (Columba albitorques) schwärmen in großen Flügen in diesen höchsten abessinischen Alpengegenden umher.Die Fauna Abessiniens.Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt bietet dem Beobachter dieThierweltAbessiniens dar. Nicht genügend erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; die höher[pg 63]stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. DieHeuschrecken, amharisch Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.

Charakter des Hochgebirges Awirr in SemiénCharakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.

Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.

DerAtbaraentspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam, Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse) herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.

Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.

Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann derTakazziégelten, wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet über, wo er den Rojan auf- und den NamenSetitannimmt.[pg 50]Durch das Land der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließendeMarebbetrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der ägyptischen Provinz Taka den NamenChor el Gascherhält und jenseit Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.

Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt derBarka, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt. Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten zerfallen.

Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus Guragué kommendeHawaschum das Land, allein er erreicht das Rothe Meer nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.

Klimatische Verhältnisse.Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel desKlimas, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man sich denken kann,[pg 51]da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer fordert!

In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß, folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000 und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten zu derselben Zeit − 3 bis − 6°; des Mittags + 3 bis 4°.

Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten; im November, Dezember, Januar, Februar − 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.

Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10 bis 12°.

Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12 bis 15°.

Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis 23°.

Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis 32°.

Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich, wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, dieFlora des Landesin drei Abtheilungen zerlegen.

Die Kola.Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie imAllgemeinenzur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein aussterben.[pg 52]Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)

Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen, oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem, schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.

Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend, gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich wuchert dieAkazieempor und nur an den günstigsten Stellen treten andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich dieTamarindenmit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; dieKigelienmit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; derBaobab(Adansonia digitata), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen geworden sind,[pg 53]und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen dieOelbäumewesentlich dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (T. indica) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten, sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (A. eburnea,planifronsu. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können. Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen als Futter.

Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die papierrindigeBoswellia(B. papyrifera). Sie ist ein stattlicher Baum mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln. Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare Bernsteinfarbe annimmt.

Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der graublätterige Uscher (Calotropis procera) überrascht durch seine ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.

Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hoheKronleuchter-Euphorbie(E. abessinica), derKolqual, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben beibehalten hat.

Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-AntilopenBaobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und MimosenLandschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000 Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist dieSykomoresein Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar, dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes Gärtners zu spotten scheinen.

Die Botaniker haben gezeigt, daßkryptogamische Pflanzenin vielen ihrer Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen, welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden von den Bäumen herabhängende Bartflechte (Parmelia) sind in Abessinien häufig; selten dagegen die Moose. Unter denFarrnkräuternfinden wir allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.

DieWoina-Dekaoder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte besprochen werden sollen. DieWeinrebeanlangend, so fand Rüppell noch 1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte bei der Kirche von[pg 57]Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen Trauben (Woin saf) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.

Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab, keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin gehört zunächst derWanzabaum(Cordia abessinica), der das beliebteste Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der Armen, wenn Hungersnoth eintritt.

DerKuaraf(Gunnera spec.), eine Artocarpee, gewinnt während der Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (Rumex arifolius), dessen fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs besonders hervorgehoben werden.

Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und Kaffa die Urheimat desKaffeessein, wie denn auch der Name desselben mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das Lieblingsgetränk derMuhamedanerist, und auch in Amhara trinken die Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit[pg 58]vom Markte verdrängt. Der kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.

DieLilien, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen WiesenCommelina africanaundTradescentiadas Auge, deren „Vogeleier“ genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den grünen WiesenObitus abessinicahervor, während unter den Spargeln der kletterndeAsparagus retrofractusErwähnung verdient, dessen in das Haar des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes Thier erfolgreich bekämpft hat.

Orchideengiebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzendeEpidendrum capense. Aus der Gruppe derPisangesind die gemeine Banane (Musa paradisica) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. DiePalmenhaben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und Fächerpalme.

Obitus abessinicaObitus abessinica. Nach Lejean.

Obitus abessinica. Nach Lejean.

Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die Aristolochien, von denenA. bracteatagegen die Wunden vergifteter Pfeile angewandt wird.[pg 59]Reichlich auftretend bilden dieNadelhölzerden Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die Cederfichte, während weiter landeinwärts schöneDed-oderWachholderbäume(Juniperus excelsa) die Kirchen und Friedhöfe mit ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht. Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme[pg 60]ausgehen, sodaß etwa zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die Gruft gesenkt werden.

Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung derFeigenarten, die in ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden. DerSchoala, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen, taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.

Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (Thlaspi bursa pastoris), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die Samen derPhytolacca abessinica(Septe oder Endott) dienen statt der Seife, und die getrockneten Blätter derCallanchoë vernawerden von Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.

Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (Rubus pinnatus), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (Rosa abessinica).

Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (Capsicum frutescens) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (Solanum marginatum) benutzt man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (Atropa arborea) dient zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen Eigenschaften des Stechapfels (Datura[pg 61]Strammonium) sind den Zauberern und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee (Kannahia laniflora), die an den Ufern der meisten abessinischen Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.

Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume (Stapelia pulvinata) undCalotropis gigantea. Die erstere hat einen fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.

Die Dekanimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein. Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu 12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß findet man denKussobaum(Brayera anthelmintica), der als Wahrzeichen des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern (TaeniaundStrongilus) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten; jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so berichtet wenigstens Isenberg.

In Schoa wird unter Kusso dieHagenia abessinicaverstanden, die gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze verdient diestachelige Kugeldistel(Echinops horridus), die bis zu zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel (Echinops giganteus), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.

Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch längs[pg 62]den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen und der fiebervertreibendeCelastrus obscurus, diePrimula semiensis. Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können, vertreiben diebaumartigen Erikenoder Zachdi (Erica arborea), die bis zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet. Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von 12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, dieDschibarra(Rhynchopetalum montanum). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich paarweise die einzige Glanzdrossel (Oligomydrus tenuirostris), die in diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (Oreotragus saltatrix) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (Ibex Walia) und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, seltener der Leopard und ein Fuchs (Canis semiensis), der ausschließlich von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch Tauben (Columba albitorques) schwärmen in großen Flügen in diesen höchsten abessinischen Alpengegenden umher.

Die Fauna Abessiniens.Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt bietet dem Beobachter dieThierweltAbessiniens dar. Nicht genügend erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; die höher[pg 63]stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. DieHeuschrecken, amharisch Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.


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