Chapter 10

Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. „Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür entgegen — Excellenz haben gewonnen Spiel. — Aber wie die Karten gestern lagen, hätten Sie es verloren.“

Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. „Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür entgegen — Excellenz haben gewonnen Spiel. — Aber wie die Karten gestern lagen, hätten Sie es verloren.“

„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr nicht haben ziehen wollen?“ —

„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche Klerisey regaliren und beschwichtigen.“

„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner übrigen Betgenossen an?“

„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“

„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“

„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen, denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun — mit dem Schein frommen Eifers läßt sich — muß sich die übrige heilige Brüderschaft abspeisen lassen. — Ein massiv silberner Antonius von Padua, anderthalb Fuß hoch — mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig — die Bestellung kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist unser.“

„Meinen heißesten Dank dem heiligenFriedenstifter Antonius! — denn wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ — —

„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug; nahm Signora Prospero das Wort — o möchte er auch diesem lieblichen Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ —

Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf. Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“

Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen Träumerei.

„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser — „hier ist wohl eine Schlafstätte für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ —

„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir aufgethan — Giuliane in den Glanz einer Verklärten! — wahrlich, Prospero! — säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“

Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.

„Die — die Nachtluft — Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem Entsetzen — „die übermäßige Betrübniß — hat Ihr Bewußtseyn, Ihre gesunden Sinne umnebelt. — Heilige Mutter Gottes! — glaube mir Zynthio — Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“

„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn lächelnd Alexis. — Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen freilich nicht anders verständlich machen konnte.“

Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen bestimmt sind — in meiner Verwahrung?“ —

„Nach ihrem Ableben erst, Madame! — Bis dahin würdigen Sie das Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst ein desto heiligeres Kleinod seyn.“

„Nicht also, Herr Graf! — und verzeihen Sie, auch nichts weniger als rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken. Seraphine ist“ — —

„Graf Wallersee’s Tochter — nahm imponirend der General das Wort, — dieseDiamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“

„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen? — Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. — Solche Attribute des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ —

„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. — Jedoch diese Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück. — Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von einemportugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige in Vorrath haben.“

„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des Schleichhandels bedienen?“ —

„Warum nicht, Signora? — giftigen Insekten wird man nie unverfälschten Honig auftischen. — Weg mit jener kleinen neidischen Brut; schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. — Morgen trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu feiern!“ —

„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier in Kummer verwandeln. — Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ —

„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. — Doch an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt — den die der arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. — Ich werde es machen wie die Schulknaben, welche — mit einem verklagenden Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“

Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt fast überallbei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim — im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum Gegenstand.

„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen zitternd — ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim mich öfters führte.“

„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem Vertrauen lieben.“

„Meine Schwester? — ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher Zynthio! — oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine. Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein, es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! — Nun ist’s eben so gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“

„Sie hört gern Musik.“

„Die Engel lieben auch Musik — Adelaide wird nicht hassen was diese lieben.“

„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd vervollkommnen. — Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die ihrige.“

„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner Guitarre.“

„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“

„Das Letztere, Signor! — Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten, zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit, das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ — frug Alexis.

„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“

„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, oder euch wieder trennen könnte.“

„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! — Ich habe schon etlicheMal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn — genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte sie sehr freundlich — es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden besitze, darfst du sie Schwester nennen. — Und dies Traumbild verläßt mich nimmer.“

„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr — und dies würde ihnen weh thun.“

„Weh? — ich Adelaiden und der Gräfinweh thun? — dafür bewahre mich St. Franzesko.“

Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings anbot, war ihm daher sehr willkommen.


Back to IndexNext