Chapter 11

Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten hatte — versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende machte.

Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten hatte — versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende machte.

Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.

„Herr Graf,“ begann der Mann — „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“

„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch machen zu dürfen.“

„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt. Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser,mit Thränen angelegen, Sie bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“

„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! — aber kurz zur Sache; wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? — Worinnen bedürften Sie die Hülfe eines Menschenfreundes?“ —

„Ich für mich in nichts, Herr Graf! — Aber dieser Bube hier, dem könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus Düsseldorf gebürtig.“

„Eine Waise?“ —

„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“

„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“

„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater — dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier inElend, und ich erbte seinen Sohn, diesen Buben hier.“

„Aha! — Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu den Großeltern schaffen?“ —

„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“

„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil für ihn, wenn er“ — —

„Lassen wir das dahin gestellt seyn. — Oder hätten Sie Lust sich mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher machen.“

„Er gefällt mir, und — Zynthio, möchtest du ihn wohl zum Reisegefährten? — wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ —

„Si, Signore!“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen Brust und Händemit Küssen überströmte. — „Bravo, Amico! du gehst mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester Adelaiden“ —

„Holla! einen Engel? — begann der alte Schweitzer — das klingt wohl tröstlich für meinen Georg; — aber wird dieser Engel auch ihm ein Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ —

„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen Umständen, wieder.“

„Nun dann — mit Erlaubniß Herr Graf! — Georg bitte den jungen Herrn, daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“ —

Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.

„Jetzt will ich von der Leber weg reden.Der Bube soll seine Mutter nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. — Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und — einen Kopf, Herr! — einen Kopf! — Länder hätte er damit regieren, Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz manchen — Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes unterliegen kann. — Sie war die einzige Tochter des Inspektors von der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. — Den schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, und die Eltern waren’s zufrieden, weil erbei der Herrschaft in Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm der Bube Georg geboren wurde — da merkte er bereits, daß Madam sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und — als er einst nach achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen — seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah — da wurde es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielter dem zitternden Baron unter die Nase. — Schießen Sie, oder ich schieße. — Der Baron drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß — und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. — Rellmann, auf diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums seiner Jesabell zu versehen. — So lange der Kummer seine Gesundheit nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. — Was Christenpflicht mitsich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum Garnaufspulen zu brauchen.“

„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.

„Hm! — sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen? Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über mein Bett hängt. — Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen — huch! wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ —

„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen tüchtigen Oberförster — und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“ — —

„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“

„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“

„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch nicht aus meinem letzten Willen.“

Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs zweiter Pflegevater wird — das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann — eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“

„Dann, Herr Graf! — dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute Menschen erfüllt.“

Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.

„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn, so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten. Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden bist.“


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