„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der Jagdchaise gelangt worden.
„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der Jagdchaise gelangt worden.
„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken dürfen — so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ — erwiederte Alexis —
„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. — Wie?“ —
Alexis, welcher die betonten Wie’s? — Sr. Durchlaucht schon aus Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? — Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren — wann und wo ich mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr ein.“
„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ — „Wie nun so jeder seine Ansicht der Dinge hat“ — warf Alexis dem mit gespitzten Ohr ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, seinCouteau de Chassein der Scheide.
„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr seht in mir den Freiwerber — um die liebenswürdige Adelaide für den jungen Graf Bendheim.“
„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. — Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen hierüber bekannt zu machen.“
„Wohl! — Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet sonstkein Hinderniß gegen diese Heirath — so verlobt man die jungen Leute, oder — um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten — nicht zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich — indem er ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der auswärtigen Affairen Posseß. —Eh bien mon General!— wie gefällt Ihnen die Idee?“ —
„Als Idee betrachtet — fürstlich und lachend.“
„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. — Wir wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das Zeichen zumRendez vousaufdem Jagdschlosse geben, damit die Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“
„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache — ich wiederhole es noch einmal — wenigstens unter den nächsten anderthalb Jahren nicht kommen.“
„Wallersee! — Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber — doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. — Und warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. — Zwar ist mir die alte Animosität unter Euch Herren bekannt.“ — —
„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich selbst zu wenden.“
„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und Absicht.“ — —
„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“
„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“
„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch dieselben — und was die Hauptbedingung ist — sind alsdann die Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn erwacht — in Gottes Namen dann.“
„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? — Wie?“ —
„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“
„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“
„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ — —
„Liegen, meine ich — ziemlich klar am Tage.“
„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“
„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“
„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. — Aber die Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr der Fürsten zu leiten — wie der verheerende Wurm in den Kelch der königlichsten Blume. — Beweise müssen uns wenigstens die Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“
„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist die Losung in der Region liebender Wesen.“
„Der Erbprinz und meine Tochter?“ —
„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen — zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je herrschender und distinkter sie wird — nicht führen.“
„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“
„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? — Daß sie schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“
„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen — ja durch so genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen — Haß, oder was noch schlimmer ist — kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“
„Lieber Graf! — Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“
„Unstreitig, unstreitig!! — Sie soll mitArgusaugen der väterlichen Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe und benutze.“
„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! — wir bleiben die Alten — nicht wahr?“ —
„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ —
Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere Respektsversicherung verbittenden: Basta! — brach der Herzog das Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ — das Signal zum neuenAngriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.