„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen allergnädigsten Versucher — den ich nicht erkennen mag — gegen Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten entgegen.
„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen allergnädigsten Versucher — den ich nicht erkennen mag — gegen Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten entgegen.
Alter ehrlicher Paul! — Mir wolltest du den Einlaß versagen? — antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis zum Auge lüftete.
„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung — „unser junger Herr? — das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“
So, so! — noch immer die alte Jagd? — murmelte Theodor — Recht, Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten,mach’ deinen Waffen Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest — hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.
„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte pfiffig der Hellebardenträger — „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“
Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.
„Das Gott erbarm!“
Was krächzt der alte Rabe? — Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für mich nicht zu Hause? —
„O ja, aber der Papa — die arme Excellenz stöhnt und sieht dem Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannteNachtlampe dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“
O, meine weissagende Seele! —
„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute brave Excellenz ist gefaßt; aber — die Ueberraschung rathe ich doch ab.“
Meinst du? —
„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken weichen darf.“
Und meine Mutter? —
„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“
Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.
Theodor! du Schmerzenssohn! — Ein guter Engel führe dich her! — Der Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. — In der Hand des sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage — eile, daß die Segensschaale den Ausschlag gebe! — Adelaiden verdankst du, daß es damit noch nicht zu spät ist. —
Ich weiß alles. — Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? — Ich kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.
„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du — bis auf ein sehr geringes Pflichttheil enterbt.“
Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. —
Der Fluch des Vaters! —
„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ —
„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ —
Was kann ich thun?
„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn dankst, mit stiller Ergebung — wär es auch nicht Gehorsam, doch Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“
Und dann — —? —
„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“
Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.
„Er schläft? — Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? — O, Adelaide! gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ — bat die trostbedürftige Mutter.
Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! — Fassung, liebe Mutter! oder — erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. — Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu vollenden. — Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.
Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.
„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit — sagte Theodor — ein Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“
Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist — sondern auch mir im Buche der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu muthiger Resignation erhebt! —
Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, dessen Anwesenheit ihm gemeldet — solle kommen. — Auf ihre beiden Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor standen zu den Füßen des Bettes.
„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General — „ehre deine Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stundedeines Todes wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“
Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust hob sich schwer athmend — Mein Vater! rief er gepreßt — so scheiden Sie von mir? — O vernichten Sie mich! —
„Mein Sohn! — ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht erzürnter Vater! dies dein Segen — verdiene ihn. — Adelaide, wir Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. — Auf Wiedersehen!“
Auf Wiedersehen, mein Vater! — tönte wie Geisterstimme Adelaidens Antwort.
„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! — in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick sey Dank für deine frommeLiebe! — dort erst wirst du begreifen, welch ein großer Schuldner ich dir war — aber auch verzeihen! — Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. — Also nur gute Nacht! — an der Brust der treuen Gattin schläft es sich sanft ein. — Gute Nacht, Zynthio — gute Nacht, all ihr Freunde! — Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. — So — so — gute Nacht!“ —