Chapter 17

„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.

„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.

Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht mehr gestört werden kann. — Wohl mir — daß ich giftigen Insekten, als sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! — flüsterte es leise zu den Füßen der Leiche.

Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an — „Fühlst du das, mein Sohn? — Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“

Wir verstehen uns nicht — mein Vater, und können uns nicht verstehen! —

„Wie?“

Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, von der wir Beide noch weniger verstanden werden. — Mein Ehrenwort an dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!

„Damit begnüge ich mich — fürs erste.“

„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst mit dem Oberjägermeister vertiefte — und ich habe das höhnende Manöver Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch dieUeberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. Sie haben mich verstanden — denn uns beiden ist diese Metapher kein Räthsel.“

Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. — Das Räthsel selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.

Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, in den Besitz — der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten Herrschaften Wallersee und Tomsdorf — dahingegen bei Nichtachtung der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichterverzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn — das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. — Endlich hatte der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters — noch vor ihrer Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig machte — dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.

Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: — lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten — während andere denmit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn bedauerten.

„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd — „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“

„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich — „Du wirst Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater dir so bestimmen konnte.“

„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ —

Adelaide erblaßte. — Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? — Kennst du diese Julie La Valette? —

„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ —

Eines Labyrinths vielleicht — erfahrungslos, ohne Freund! — ich beschwöre dich — wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines beängsteten ahnenden Herzens!

„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! — Sie verliert bei mir, so sehr mich alles interessirt, was du sagst — weil ich dich, das einzige Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, innig liebe. — Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“

Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir nicht nach Kräften vergüten werde? —

„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“

Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe —

„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ —

Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. — Nur vergiß und verkenne nie deine Schwester!

„Es gilt, Adelaide! — Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. — Und nun, um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! — Die gutemater dolorosawürde mich mit ihren Thränenströmen inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“

Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem Zügel — wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung — welche ihn doch nach dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen — ihn noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! — ein Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt wurde. — Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und bewährt in männlicher hoher Tugend — deren väterliches Erbtheil ihm nicht entgangenzurückkehren werde. — „Auch der Verewigte vermogte nicht, dem Hange zu widerstehen — sich unter fernen Himmelsstrichen seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.

Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines Engels sprechenden Tochter. — Sie trocknete die mütterlichen Thränen der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, und segnete ihren Erstgebornen — welcher nun als Vaterwaise ihrer Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf Abgründe führe.


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