Chapter 18

Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin in dem rosigsten Kolorit erschuf. — Die Abwesenheit des Erbprinzen, welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin verdient zu machen — hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer Tochter. — Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. — Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.

Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin in dem rosigsten Kolorit erschuf. — Die Abwesenheit des Erbprinzen, welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin verdient zu machen — hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer Tochter. — Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. — Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.

Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher Tyrannen — ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung bringt — jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähetsank die allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender Tageslast hienieden statt findet.

Es wird ja nur die Hüllein Grabes Nacht versenkt,und Seligkeit die Fülledem bessern Seyn geschenkt.Drum weinet nicht, ihr Lieben!dem Geist ist wohlgeschehn.Hört auf, Euch zu betrüben,bald winkt uns Wiedersehn!

Es wird ja nur die Hüllein Grabes Nacht versenkt,und Seligkeit die Fülledem bessern Seyn geschenkt.Drum weinet nicht, ihr Lieben!dem Geist ist wohlgeschehn.Hört auf, Euch zu betrüben,bald winkt uns Wiedersehn!

Es wird ja nur die Hüllein Grabes Nacht versenkt,und Seligkeit die Fülledem bessern Seyn geschenkt.Drum weinet nicht, ihr Lieben!dem Geist ist wohlgeschehn.Hört auf, Euch zu betrüben,bald winkt uns Wiedersehn!

Es wird ja nur die Hülle

in Grabes Nacht versenkt,

und Seligkeit die Fülle

dem bessern Seyn geschenkt.

Drum weinet nicht, ihr Lieben!

dem Geist ist wohlgeschehn.

Hört auf, Euch zu betrüben,

bald winkt uns Wiedersehn!

— sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.

„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen geweihte Ruhekammer demgroßen Tage entgegen schlummern durfte. Der Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“

Versteh ich recht? — fragte mit einem brennenden von gleichem Verlangen belebten Blick Adelaide.

„Und du begleitest mich?“

Zu den Lebendigen und Todten! — Aber wie? —

„Heut noch, um Mitternacht. — Wir finden die Gruft erleuchtet, den Sarg geöffnet, und — — man beobachtet uns — nur dies noch: das Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der Vertraute unsrer Todtenfeier.“

Und wir — allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles gefaßt — was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln könnte?

„An deiner Seite — auf alles.“

Wo treffen wir uns?

„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier zu bitten. — Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte Ohren flüstere“ —

Sorge nicht, traute Schwärmerin! — die Wallfarth ist mir selbst zu heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.

Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. — Gute Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum Schlafzimmer. — Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit lagen.

„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp, das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn in diese Stimmung versetzt habe — „die Nacht ist kühl, aber schön. Der Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“

Ich trage Ihnen die Guitarre nach — fiel Georg, gleichfalls vom Reiz des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden Zynthio ins Wort.

„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten, und das Pförtchen herunter gelassen fanden.

„Auch die Kapelle ist offen.“

Der Schein brennender Kerzen —

„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“

— Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!

„Wäre es möglich?“

Ob wir vordringen?

„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ —

Unsere Damen schliefen ja wohl —

„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“

Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde Ihrer Guitarre.

Zynthio gab das empfohlne Signal.

„Zynthio! Zynthio!“ — rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? — oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ — Und bleich, athemlos stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.

„Halte den Bösewicht auf“ — schrie derihr nachspringende Zynthio dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.

Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.


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