Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, durch eine geheimeTreppe dem obern Stockwerk, und durch eine Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. — Einige hundert Schritt von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.
Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, durch eine geheimeTreppe dem obern Stockwerk, und durch eine Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. — Einige hundert Schritt von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.
Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende so vielals möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. —
Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den Frevel sich hörbar schüttelten.
„Ha! verruchter Dieb!“ — schnaufte der sich fassende Sakristaner — „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“
Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu Boden.
Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nurfür eine Nachläßigkeit des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. — Doch hielt er es für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens sicherte. — Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.
Der Raub war bereits vollbracht — Furcht jagte ihn hinter und zwischen die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt ihres Räubers zertrümmert lagen.
Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke flog, wollte er ihr denVorsprung ins freie Feld abgewinnen. — Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.
Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. — Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. — Keine Klage körperlicher Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.
Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen zu können, das sie fühlbardrückte; die abentheuerliche Geschichte ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.