Chapter 24

Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht habe?

Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht habe?

Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen — erwiederte der bestürmte Kommissionair. — Karoline packt ihre Habseligkeiten, so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort gefällt, herzlich willkommen ist. — Die Comtesse verspricht dir viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen, Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten — alles dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht angestaunt worden. — Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für Euch angespannt.

O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre Reiseanstalten zu treffen.

Recht gern, sagte die Landräthin — es war längst mein Wunsch, die Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern — wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft missest.

Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. — Jetzt, liebes Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der Ritt hat mir Apetit gemacht.

Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden Lustreiseihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt Adelaide meiner? — das Herz drückte.

Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! — Ich bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! — Du hättest ein glückliches Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“

Warum aber verschmäht sie mich? — stotterte Julius — So ist sie schon versagt —

„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und — ich glaube, es verdient sie auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie dir mitzutheilenvermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt, daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß Schuld.“

Ja, wenn sie mich so charakterlos hält —

„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. — Adelaidens glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige Landmädchen. — Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden, und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends statuire, wo ich drein zu reden habe — so mußte ich doch versprechen, ihr Karolinen in die Schule zu geben.“

Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art gewinnen;doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.

„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? — So ganz unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“

O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas Schlimmern macht, als zu einem Narren —

„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“

Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?

„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in den ersten Paar Monathen.“

Ha, bravo,mon cher Oncle! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer Vermittelung — die Sachen stehen vortrefflich!

„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun — in diesem Augenblick würdest du mir verächtlich! — Ich glaube, der Pinsel unterfängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück bei der Gräfin zu beschuldigen.“

Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu begegnen.

Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit — fügte der Landrath noch zum Schluß hinzu. — Das weibliche Ehrgefühl kann auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des Mädchens zu kränken.

Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie nun mehrere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. —

Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war — so wie der junge Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte, als je die Dichter ihn besungen hatten — eben das war Adelaide für Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.

Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach Palästina unternehmen.

Hm! — ich zweifle. Herzen lassen sichnichts unterschieben — und dann — zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.

Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen Leute wußten wohl, was sie sagten. — Befiehlt die subtilere Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen, so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen, bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch bedauerte.

Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. — Nun, ich habe meine Sach’ Gott heimgestellt — singt auchein braves altes Lied — und ich habe meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt; besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns zu erhöhen. —

Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen — murmelte der Landrath, indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach Adelaidens Fenster warf — wenn er um eines solchen Mädchens willen nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.


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