Chapter 26

Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des Karpfengeschlechts ausschüttet — sollte das nicht meine Adelaide seyn? — dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.

Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des Karpfengeschlechts ausschüttet — sollte das nicht meine Adelaide seyn? — dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.

„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer Basthut verbarg.

Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums. Verlegenheit und Entschuldigung von einer, — Bestürzungstammelndes: Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug, doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und leichterer Erklärung.

„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog — „ich verlange vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf meine Rechnung empfangen hat.“

Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von seinen Armen umschlungen fühlte.

„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust — er muß mich gewaltig gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht, nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen — ich glaube, sein Kuß wäre süßer!“

Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebtenSchwester in der Jasminlaube saß. — Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte, ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht, welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir, und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit — der Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück Brod verdienen und ruhig essen läßt.

Sophie ist vermählt — sagte Adelaide — einer Bedingung wärest du also enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte; und der Majorats-Herr darf hoffen — —

Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich auch kein Majorats-Herr.

So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! — Soll ich die mir anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? — In weniger denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.

Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.

O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich dem Vaterlande wiedergegeben. — Sophie hat anders gewählt, deine Verbindlichkeit ist gehoben. — Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist außerdem gesorgt; — und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.

Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem Munde zur Wahrheit werden — in Rücksicht des Wählens und meiner Neigung war ich niemals glücklich.

Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für diese Behauptung? —

Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. — Bendheim findet also keine Erhörung? — und zwar mit Recht! Der Wicht verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn, sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt war. — Italien scheint ein Donnerwort zu seyn,mit dem er die Ruhe der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.

Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.

In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone schwebt über deinen Locken —

Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.

Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich — Karoline von Elfen dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey —

Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte — fiel Adelaide schalkhaft ein.

Familienbündniß — vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden sollte. — Liebt sie ihn?

Es war ihre erste Liebe.

Der Glückliche!

Warum? — Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind nicht allemal die stärksten.

Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? —

Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.

Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen; öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer honetten Männerseele.

Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.

Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.

Karoline ist keine Julie.

Aber schön, blühender noch, als es jenewar, und — bereits das Eigenthum eines Andern.

Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht mehr behagen. —

Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet, die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es entschieden, daß Fräulein von Elfen — wofern ungetheilte zärtliche Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer Verbindung mit ihn sey — sie nie dessen Gattin werden könnte.


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