Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.
Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.
In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!
Wer? — fuhr der Gedankenlose auf.
Graf Bendheim, Excellenz —
Ha, des Teufels Allervortrefflichster! — er und seine ganze Raçe.
Die Jagd versammelt sich.
Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der Vernichtung zu hetzen.
Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.
Darf ich das? — O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten. — Ist meine Schwester noch von der Parthie? —
Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro Durchlaucht satteln zu lassen.
Oeffne die Thüren.
Harry gab das Signal — Die Flügel sprangen auf, das versammelte Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben. Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen.„Durchlaucht, der Fürst haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.
Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst unterrichtet — war die Antwort.
Die Aerzte geben Hoffnung —
Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht vereitelt werden mögte!
Wie? den Bösen könnte es — meine ich unmaaßgeblich — wohl schwerlich Ernst seyn! —
Doch, doch! Herr Oberjägermeister! — der Fromme wünscht um des Guten selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde — — doch zur Tagesordnung. —
Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen Thronfolgers! — Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? — Die Bösen? — geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? — —
Haben sich heuchelnd um den Stamm,der über ihren Schurkensinn erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen verstanden — Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen, Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für — den guten Fürsten gewidmete Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und — fürstlich zu belohnen! — Was giebt’s?
Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt, drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. — Morgenroth glühte auf ihren Wangen, außerordentliche Lebhaftigkeit erhöheten den Glanz der dunkelblauen Augen, und — indem sie die blonden Locken mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte, rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und — spottete nicht mehr.
Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen, meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr blinzelnden Reihen der Höflinge. — Guten Morgen, mein Louis! lispelte sie an der Brust ihrer Bruders.
So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den geschäftigen Händen der Zofen? — bewillkommte liebkosend der Prinz die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.
„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“
Was hielt dich wach?
„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein bester Sekretair bin ich selbst.“
Depeschen der Großherzogin?
„Herzensergießungen nach Wallersee.“
Dann mißbrauchst du dein Herz.
„Nein, Louis! nein. — Mit deiner Erlaubniß,mon frère! — Meine Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“
Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.
„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.
Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu stolz, sich rechtfertigen zu wollen?
Sie ist zu groß — —
Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!
Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! — Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?
Der Prinz lachte bitter.
Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas großes! —
Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an, das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt — eines Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr anbetete. — O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen sich zu einem Gott erhoben fühlte! — Doch, vergolten soll ihr werden — ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen, vor denensie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! — Geduld, wir sprechen uns.
Um Gottes willen! was wolltest du?
Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ. Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer zu begleiten. — Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung seyn? — Ich halte mich an die erste Verabredung. — Im Sarge, sagte sie. — Hahaha! — Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken, Schauspielerin! — Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim soll seine Freude an meiner Mordlust haben!