Chapter 30

Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die Gäste das Abschiednehmen vergessen, und — nicht wie man zu sagen pflegt in den Tag — sondern in die Nacht hineinleben und jubeln lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz der Tafel. Köche waren verschrieben worden — wiewohl unter vierzig der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen durften, denen Adelaide einst huldigte. — Alles lebendige Wesen der Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.

Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die Gäste das Abschiednehmen vergessen, und — nicht wie man zu sagen pflegt in den Tag — sondern in die Nacht hineinleben und jubeln lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz der Tafel. Köche waren verschrieben worden — wiewohl unter vierzig der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen durften, denen Adelaide einst huldigte. — Alles lebendige Wesen der Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.

Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten Tafel beschäftigten Gatten — daß heut vor einem Jahre er gewaltig über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwacheVäter, er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.

Länger halte ich es auch wirklich nicht aus — sagte von Sorge ergriffen der Landrath. — Ich reite ihnen entgegen, die schon anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! — es muß etwas vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich um zwölf Uhr einzustellen. — Sieh, was ist das? Julius sprengt in den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist todtenblaß — Großer Gott! —

Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! — schrie dieser. Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach; fort, fort — Ihre Jagdkalesche — was die Pferde laufen können!

Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen Gästen. —

O, Gott sey Dank! —

Aber warum? — Wer? — Wo sind die Andern? —

Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide — starke Ohnmachten befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.

In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof vorbei. Halt, Schwager! — rief der Landrath, du kannst einen Dukaten verdienen. —

Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die Postchaise — Julius war schon wieder vorausgesprengt — und schrie dem Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! —

In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.

Nicht wahr — fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide — nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? — O, das ist ein verzagter Ritter! — ich glaube eine Aderlaß zöge ihm selbst eine Ohnmacht zu.

Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen, wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. — Was meinen Sie, Doktor?

Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen? — Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß wir an Ort und Stelle, und — zur Tafel kommen.

So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte. Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie, munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.

Karoline, welche seit einigen Wochenwieder in das väterliche Haus zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen — bebte erschrocken zurück, als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich täuschest du nicht!“

Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte diese.

„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest deinen Kräften zu viel.“

Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! — Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr leicht und wohl.

Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr vonElfen! rief sie aus — als jene berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde — wo ist Ihr Glaube an Mutter Natur geblieben? — Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?

Das war heut ein Jahr. — O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig, darum wollten wir ihn in Freude verleben!

So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! — Ich behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack findet, bedarf keiner weitern Arznei.

Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt hatte.

Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen, das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse — endlich die variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen waren — nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede stehen müßten.

Was meint ihr, Doktor? — Was haltet ihr von dem Zustand der jungen Gräfin? —

Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.

Freund Camillo! — Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge deslieben Mädchens. Sie verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen — Sagen Sie aufrichtig: was steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer über schien sie sich völlig restituirt zu haben.

Sie schien es — seufzte Zynthio.

Was sagen eure Consulenten?

Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte aufgegeben.

Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu — aber wenn das Uebel nicht zu heben war —

Verzeihen Sie, fragte der Dokter — welches Uebel? —

O, sagte Zynthio — die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. —

Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber nicht fassen könne — eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach sich gezogen hätte. Sie würde — so schloß er seinen Bericht — ruhig wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch gründete. — Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! — So beherrscht ihr edler Feuergeist — indem er sich der Vollkommenheit eines Seraphs schon gleich geschwungen hat — diesen schwachen — durch die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper —

Und wird ihn aufreiben? wie? — fragte stürmisch der Landrath.

Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. —Wenn es darauf ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete doch ihre Wahl —

Ich — hoffe nichts mehr! — preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.

Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. — Wenn die Gräfin denn nie von einer Leidenschaft überrascht wird — warf er ihm ein, so bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.

Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio — nur nicht jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.

Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren undVernunft gewählt hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.

Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen, und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der Comtesse — von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft, den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen Grundsätzen beruhenden Richter seyn.

Doktor! — so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles anatomirt — so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem Mädchen sind. Behaltet Eurepsychologische und philosophische Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen, verlösche wie ein Licht?

Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? —

Sie schreibt, sie ordnet viel.

Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?

Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der Nacht ihrem Schreibpult.

Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.

Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart wünschen, vernachläßigen.

Was sie zu ordnen hat, eilt nicht — polterte noch immer Vater Elfen — Ich kann es mir so ungefähr denken.

Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem Tage — behauptet die Rastlose — alles in’s Reine gebracht haben zu müssen.

Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst von dem Tage an.

Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr Vermögen zu schalten.

Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen dermahlen die Gräfin? — fragte der Doktor. — Nun das wäre wenigstens keine Trauer verkündende Anordnung.

Ich weiß es nicht! — erwiederte Zynthio mit Achselzucken.

Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten einen Rath — ob es der dem Arzt Ueberantwortetenanstehe, dem Herrn des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme, ihr diese Lust zu versagen? —

Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der Aufgefoderte — da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! — Aufgepasst, Neffe! — Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. —

Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden zu haben, und fürchte — man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen, wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen wollte.

Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.

Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im Tanzsaal — nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.


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