Chapter 31

Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling konnte sie ausrufen:

Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling konnte sie ausrufen:

Steig empor, o Morgenroth, und rötheMit purpurnem Kusse Hain und Feld,Säusle nieder Abendroth und flöteSanft in Schlummer die erstorbne Welt.Morgen — ach! du röthestEine Todtenflur,Ach! und du, o Abendroth! umflötestMeinen langen Schlummer nur.

Steig empor, o Morgenroth, und rötheMit purpurnem Kusse Hain und Feld,Säusle nieder Abendroth und flöteSanft in Schlummer die erstorbne Welt.Morgen — ach! du röthestEine Todtenflur,Ach! und du, o Abendroth! umflötestMeinen langen Schlummer nur.

Steig empor, o Morgenroth, und rötheMit purpurnem Kusse Hain und Feld,Säusle nieder Abendroth und flöteSanft in Schlummer die erstorbne Welt.Morgen — ach! du röthestEine Todtenflur,Ach! und du, o Abendroth! umflötestMeinen langen Schlummer nur.

Steig empor, o Morgenroth, und röthe

Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,

Säusle nieder Abendroth und flöte

Sanft in Schlummer die erstorbne Welt.

Morgen — ach! du röthest

Eine Todtenflur,

Ach! und du, o Abendroth! umflötest

Meinen langen Schlummer nur.

Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen —

Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! — sagte sie, und bat das Anspannen zu bestellen.

Kind! ich begleite dich — versicherte bedächtig die Generalin. Ich hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.

O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr zärtlich die dankbare Tochter.

Ueberraschen werden wir sie freilich — meinte die Mutter — Theodor ritt schon diesen Morgen hinüber — melden konnte er uns nicht, denn er wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch — denn jetzt müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. — Zwei, drei Stündchen sind bald verstrichen! — ermahnte die Besorgte noch,und trippelte, sich zu der Ausfarth anzuschicken.

Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm schmeichelnd die liebliche Freundin zu — Sieh, wenn du fein vernünftig seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse — daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache machen, und mit euch herumkutschiren werde! —

O Gott! — Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! — Ja, Adelaide! — längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! — Sie haben mich ja Resignation gelehrt! —

Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! — Wüßtest du, wie glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit eine Last — ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen erfüllen mußt! — Bald, baldsprechen wir deutlicher hierüber. O Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben — Ich sage dir: dein Lohn wird in deiner Liebe zu mir liegen — denn du wirst erfahren, daß der Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!

Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? —

Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! — Sey mir das, was ich einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an dich — wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! —

Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! — Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!

Gott Lob! wir sind einig. — Man kommt, nichts mehr von meiner nahen freundlichen Aussicht! — nicht alle sehen mit unsern Augen.

Georg kam zu melden, daß vorgefahrensey. Die Generalin folgte ihm reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und Handschuh.

Maman! bat Adelaide — lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! — Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von ihrem Musikmeister Signor Camillo. — Sie erlauben doch?

Wie du fragen kannst! —

Betty hüpfte für Freuden. — „Daß du mir aber auch den weißen Rosenstock pflegst! — ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. — Mein Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“

Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen Vorgeschmack ihres Schlummers imGrabe. — Sie fuhren durch eine Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. — So dachte sich der sie anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath zu wenden, wohin er — sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick ergriffen; begeistert rief sie aus:

Erscheinet mir einst so mein Engel,Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;So winke mir der Todesengel,und freudig werd’ ich mit ihm gehn.

Erscheinet mir einst so mein Engel,Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;So winke mir der Todesengel,und freudig werd’ ich mit ihm gehn.

Erscheinet mir einst so mein Engel,Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;So winke mir der Todesengel,und freudig werd’ ich mit ihm gehn.

Erscheinet mir einst so mein Engel,

Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;

So winke mir der Todesengel,

und freudig werd’ ich mit ihm gehn.

Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den Bruderkuß. — Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn! —

Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im ruhigern Gleise geblieben seyn!“ — klagte die Holde.

Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. — Wie Gott will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!

Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen wollten — daß ich ihr gute Nacht wünsche.

Sie schnürt ihr Bündel — antwortete der Landrath — und geht mit nach Wallersee.

Die Freude dank ich dir, Theodor!

Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.

Ja wahrlich — nahm der Erste wiederdas Wort — wer könnte sich jetzt freuen: — Gutes, liebes Kind! — werden Sie dieses Haus, wo wir alle Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? — und wann? — Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar nicht mehr von Ihnen trennen. — Aber das können wir Alten nicht; Nun, wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; — Nachricht von Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.

Will man mich denn hier nicht wiedersehen? — scherzte Adelaide, ihre Wehmuth ziemlich mühsam verbergend — Es wird Ihnen nicht gelingen; ich dränge mich ein — und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich als Geist.

Als Geist! — wiederholte tief bewegt Vater Elfen — als er die langsam dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so langsam in das Zimmer zurückschlich.

Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! — klagte weinend dessen Gattin.

Uns nicht erleben lassen? — Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich für die Zukunft an sein Güte glauben würde — denn um dessen gesunden Verstand steht es dann so und so! —


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