Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, — säuselte Adelaidens Stimme, dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich — O, ich weiß wohl, du könntest auch nicht! — Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dirauch wieder werden. — Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, — daß du mich in der letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! — denn noch ist mein Tagewerk nicht vollendet. — Zynthio, hast du die Papiere gelesen, welche ich dir diese Nacht übergab? — Es geschah nicht mehr in der Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, — säuselte Adelaidens Stimme, dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich — O, ich weiß wohl, du könntest auch nicht! — Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dirauch wieder werden. — Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, — daß du mich in der letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! — denn noch ist mein Tagewerk nicht vollendet. — Zynthio, hast du die Papiere gelesen, welche ich dir diese Nacht übergab? — Es geschah nicht mehr in der Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
Ich habe sie gelesen.
So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! — Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren Monaten dazu — und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. — Hätte ich lebensollen — diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. — In der Disposition über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. — Dein Erbtheil, das ich einstweilen verwaltete — —
Mein Erbtheil? — Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es nicht bedurft.
Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem Schreibpult finden wird, dazu ernannt. —
Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können —
Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und deines Versprechens!
Wohl, wohl!
— Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. — Der Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu vereiteln. — Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner Mutter nicht vergiftet haben wollte — auch wirst du in dem Aufsatz der nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas von dieser Begebenheit — auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf seine Knie.
Und Seraphine? fiel Adelaide ein. —Erfülle erst die Pflichten des Bruders, werde erst Gatte und Vater!
Zynthio schauderte. — Das Letztere nimmermehr! — Verhältnisse dieser Art haben keinen Reiz für mich.
Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht zum seelenkranken Weichling machen. — Mein Andenken wird dir werth, ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! — ich werde Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen — einst sehen wir uns alle wieder.
Adelaide! — O Gott! Gott! — gieb mir Fassung! —
Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele sich ausgesprochen hat! — manches habe ich dir noch zu sagen. — Bist du gefaßt? —
Rede! rede! — ich höre den Worten eines Engels!
Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! —
Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!
Ich verlobte mich einem Manne — die Braut des Grabes schien ihren Weg verfehlen zu wollen! — Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward ich zur Verrätherin! — der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! — Liebe konnte ich keinem mehr geben! —
O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. — Sie liebten, liebten den edelsten der Menschen —
Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! — Aber er ist Fürst. Ich habe gekämpft und den Sieg errungen.
Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken, sammelte sie die Trophäen. —
Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen! — DieBeharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. — Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters — so schwor er. — Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand sich durch den Aufzug beleidigt! — Der Fürst verzweifelte, Verdruß, Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! — Schon schwebte der Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! — Das Uebrige weißt du — die gute Absicht entschuldige die Mittel! — Wem gehören diese Klagetöne? —
Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen vermochte.
Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende. — Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! — Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker bebende Hände. — Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!
Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!
Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein Wohlwollen für meine Mündel. — Georg näher! Warum so finster? Gönne mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!
Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.
Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher. Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchtedoch gern von dir verstanden werden. — Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! — Georg, du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. — Du erinnertest dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten Pflegevaters — er lebt noch — Wie würde er sich freuen, dich als den Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du — sobald ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo — Ihn ruft eine wichtige Angelegenheit nach Italien — und Trennung von ihm — würde dir — doch schwerfallen — Ha! Gott sey Dank! — ich habe vollendet! — Finster wird’s — vor meinen Augen! — Wehe! — wohl! — Wo seyd Ihr? — die Kraft — verläßt — mich — ah! —
Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: Adelaide! — Vergebens! sie hörte nichts mehr! — Georg hob sie mit convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder zurück — Adelaide war nicht mehr! —