Chapter 34

Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; — „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals die Verblichene geflehet. — Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen besetzten Drapperie. Auf weißenmarmornen, mit Zypressen umwundnen Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte — und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! — Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher heut am achtzehnten November seineaufgeblühten Erstlinge zum Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie — zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!

Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; — „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals die Verblichene geflehet. — Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen besetzten Drapperie. Auf weißenmarmornen, mit Zypressen umwundnen Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte — und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! — Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher heut am achtzehnten November seineaufgeblühten Erstlinge zum Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie — zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!

Wann soll sie beigesetzt werden? — fragte der Doktor.

Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.

In Gottes Namen dann — heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. — Man will den Sarg auf die Bühne haben.

Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. — Ha! bahret nur auf,rief er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten — aber, mich laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! — Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.

Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der Trauer. — Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. — Völliger Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu gelangen. — Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen wollende Mutter zu vergessen.

Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. — Zynthio, in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt ereignen könnte. — Georg lehnte eben so sprachlos an eine der Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.

Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem Sinnenschlummer.

Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt, der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut weinend über die entschlafene Jugendfreundin.

So konnte das Verhängniß meiner spotten? — Ha, im Sarge! — Allweise Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr machen, um dich zu verherrlichen! — sagte bitter Mathildens Begleiter, der Erbprinz.

So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? — klagte Mathilde — o du Stolze! — mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; — nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! — Zynthio, Zynthio! warum ließest du sie sterben? —

Sterben? — Konnte sie etwas bessers thun? — unterbrach sie in grollender Verzweiflung der Prinz. — Heirathen oder sterben, das sind so die gewöhnlichen Kunstgriffe — den Verschmähten am sichersten das Herz zu zerreißen! —

Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den Uebrigen hinweg. Prinz! — sagte er ihm leise — diese Nacht um zwei Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist — habe ich Ihnen nur wenigeWorte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.

Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem Fürstenthume! — Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! — ihn konnte sie lieben —

Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. — Ja, sie liebte, aber nicht diesen. In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der Menschen — aber — er ist Fürst! —

Camillo! — spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? —

Es sind die Worte der Verklärten: — ich habe gekämpft und den Sieg errungen —

Ah, so — und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten Schäfers! —

An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindungvollziehen zu müssen. — Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! — zweifeln Sie noch? —

An meiner Vernichtung? — nein. — Sie haben ihren Zweck erreicht.

Noch nicht. — Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer, ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! — Ihn den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören. Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die Verewigte achtete.

Zynthio! — gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding! Sie liebte mich! — Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. — Adelaide! — Adelaide! —

Adelaide! — wiederholten die Klagetöne Mathildens —

Adelaide? — fragte Julius wie aus einem Traume erwachend — welcher bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte.— Ja, diese Adelaide antwortet nicht mehr! —

Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand. Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. — Ihr seyd mein! an ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie meine Freuden!

Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während er ihr die blutbefleckte Rose reichte.

Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.

Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe sich dem mit Blut besprengten Bunde!

Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen hat! — sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand Mathildens.

Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache Bewegung erschütterte den leblosen Körper —

Was war das? — Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig? fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die Bundesverschwornen. — Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.

Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst hat die Seele den Körper verlassen. Die Veränderung der Liniamente, das Ausspannen des Körpers — jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war — ein Scheintod.


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