Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit wankte — das Resultat war Veränderung der Luft. — Das Concilium physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit wankte — das Resultat war Veränderung der Luft. — Das Concilium physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so weiten Reise — besonders in Länder, gegen die sieeinen unerklärbaren Widerwillen hegte — unterworfen haben, um den geliebten Alexis begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche ihr die zarte Knospe Adelaide — und die Freundschaft ihrer Fürstin gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!
Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie umdie Hälfte seines Herzens betrogen zu haben — die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß — die Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. — Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla — noch einmal drückte er sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche — und — dahin rollte er; Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in Alexis Arme.
„Gott im Himmel!“ — rief der Graf erschüttert — „was ist aus dir geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? — die herrlichste Blume dieses Edens“ — —
„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir verschmachtet, verblüht — und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte es Giulianen zum Vorwurf, daßsie ihn so geliebt, und dadurch ein Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! — „O nur zu wahr sprach dieser Paluzzo — rief er aus — deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ —
„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen Fehlern und Schwächen reinigen. — Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! — Sey treuer liebender Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. — Gott ist gerecht — aber auch barmherzig! er will den Tod desSünders nicht. — Er nehme dich und die Deinen — in seinen heiligen Schutz — und meine Seele — zu Gnaden — auf! — Jesus, Maria — erbarmet — euch meiner!!“ —
Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam für das Grab schmücken wollten.
„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! — in den Händen meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ — sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. — „Kennen Sie mich nicht mehr? fuhr sie fort — die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse Prospero — jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
Milder wurden Alexis Züge — „So wissen Sie, was ich verlohr, wem dieses Opfer fiel.“
„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“
„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“
„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“
Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten in deinen Armen auszuhauchen — schrieb Giuliane. — Eile, denn ich fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen Sieg. — Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, daß bald der Sand desStundenglases verronnen und mein Ziel da sey, so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter enthalten. Kraft und unbefangneRuhegebricht mir nur allzugewiß in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab sinken läßt. — Mein Lebewohl empfängst du noch — eine süße Ahndung sagt es mir — von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß erstirbt. — Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: —
Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit dem Tode ihreSchuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen sie.
Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses entlocken. — Seraphine trägt deine Züge — ein forschender Blick Ludmillens — dein Bewußtseyn! — Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme eines redlichen geliebten Mannes, oder — zeigt sich der Wille des Himmels in ihrerNeigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in den stillen Mauern des Klosters zu widmen — als Braut der Kirche zum Altar. — Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen Segen.
Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! — Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch auf ihren Bruder erstrecken! — Werde sein Retter, wie du es einst seiner Mutter wurdest. — Der feurige schwärmerische Knabe kämpft gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars — in dem er zu seiner Bestimmung vorbereitet werden soll — zu enge sind — — —
„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken, dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ — rief Alexis mit verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu ringen.