Drittes Buch
Wenn nur die Menschen mehr darauf ausgingen, die Freude zu suchen.
Sie vermissen sie, sie rufen nach ihr. Daß sie von ihr verkürzt seien, sagen sie klagend.
Aber sie machen sich nicht auf, voll guten, mutigen Willens, sie zu finden.
Und die Freude ist überall und will sich finden lassen. Denn sie liebt die Menschen.
Nur ist ihr Gewand schlicht, und ihre Augen sind ernst, und ihre Hände zeugen von Mühe und Arbeit. Da schrecken manche, denen sie ans Herz treten will, zurück und machen erstaunt die Augen auf: Du bist es? So siehst du aus? Ach, entschuldige, dich habe ich nicht gemeint. Ich — ich hätte gern etwas mehr Geld, oder etwas mehr Behagen, oder ein Haus im Grünen, oder einen hübschen Titel. Oder ein großes, sonniges Glück, oder ein machtvolles Können. Siehst du, das nenne ich Freude. Wer aber bist du?
Und die Freude zieht weiter. In dieser Sprache kann sie nicht mitreden. Sie stammt aus einem ganz anderen Lande und bringt nichts, als sich selbst. Aber es geht ihr nicht bei allen so. Manche nehmen sie auf, denen teilt sie das Geheimnis des Frohseins in sich selbst, denen zeigt sie das Leben, das nicht von Zufälligkeiten abhängt.
Kennt ihr Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist? Die durch das dürre Land gehen und machen sich daselbst Brunnen? Wenn ihr sie kennet, so geht zu ihnen hin, denn es ist gut bei ihnen zu sein. Sie haben die Bitterkeit und das Alleinsein und den Neid und was der dunklen Geister mehr sind, nicht über sich herrschen lassen. Sie haben selbst geblutet und verstehen die andern. Sie haben neue Quellen des Lebens entdeckt und bieten die Schale mit dem frischen Trunk den andern: Nun trinket auch ihr. Seht ihr’s? Man bleibt nicht liegen. Das Leben ist an sich ein Frohgeschenk, auf, laßt uns hindurchschreiten, denn es wird lichter, nicht dunkler.
Ja, solches haben die Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist. Solches lehrt sie die Himmelsbotin in langen, dunklen Tagen und Nächten und führt sie an der Hand ins weite, große Leben hinein.
Kennt ihr sie? Laßt euch nicht davon abschrecken, daß ihre Züge oft eine Schrift tragen von viel überstandenen Schmerzen, und daß manche von ihnen nicht viel Leichtes, Lustiges zu sagen wissen. Wenn es euch schwer dünkt, zu leben, dann geht zu ihnen. Dann seht ihr in leuchtende Augen, und fühlet linde Hände und höret liebreichen Trost von einer Stimme, die ist wie einer Mutter Stimme.
***
Es war eine Zeit, da glaubte Gertrud Cabisius nicht mehr an die Freude. Sie hatte sich weit aufgetan und hatte sie empfangen wollen, da war das Leid gekommen. Nun wußte sie nicht, was das Leben von ihr wollte. Sie war so ganz ungeteilt nach einer Richtung hin gegangen. Nun sollte sie umwenden und wußte nicht, wohin? Es war leer, wohin sie blickte. Es stand in den Büchern, die sie aufschlug, es tönte aus den Liedern, die die Jugend sang, es stand auf Weg und Steg geschrieben, — daß es anders sei, als vordem. Ja, anders, aber wie sollte das werden?
Es war aber ein guter, tüchtiger Kern in ihr. Der bewahrte sie vor allzu großer Selbstbejammerung. Da biß sie die Zähne übereinander und versuchte, ihre Arbeit zu tun, wie sonst. Es traf sich, daß das junge Dienstmädchen krank wurde und oben in der Kammer lag, und es traf sich, daß der Rektor Cabisius ein Starleiden bekam und nicht mehr selber lesen konnte. Lauter Trost, lauter Tagesaufgaben, nicht für die Zukunft, nichts Großes, Weites, nur für die Stunde, für jetzt. Und Gertrud kniete auf den Steinfliesen des Küchenbodens, und fegte ihn sauber, und kochte Krankensuppen für das Mädchen, das ungeduldig und stöhnend in seiner Kammer lag und sich selbst bejammerte und sich nach heimatlichem Kraut und Speck sehnte. Und sie band die Küchenschürze ab und kam zu dem alten Herrn ins Zimmer: „Soll ich dir vorlesen, Großvater?“
Da las sie ihm viel und lange vor, und er wählte große, ausweitende Stoffe, die aus alter Zeit zu uns herüberreden von Glück und Not und Kampf der Menschen.
Aber er schüttelte leise den Kopf: „Noch ist ihr Wesen nicht dabei,“ wenn des blinden Ödipus dunkles und schweres Schicksal und Antigones Kindesliebe und ihre stille, gelassene Todbereitschaft keinen hellen, hohen Klang in die Mädchenstimme brachten, wenn alle die starken, großzügigen Gestalten wie Schatten durch das Zimmer glitten.
Er ermahnte sie nicht, er war ganz unberedt dem still getragenen Kummer seines Kindes gegenüber; er wartete nur. Wie man auf den Frühling wartet und weiß: er muß doch kommen, so wartete er darauf, daß in den tiefernsten Augen und auf den blassen, verstummten Lippen ein neues Leben erscheine.
„Du wirst sie zur Freude führen, ich kann es nicht,“ sagte er, und wußte, wen er damit meinte.
***
Gertrud war lange nicht mehr zu ihrer lahmen Freundin gekommen. Was konnte sie jetzt in das leere, stille Leben hineintragen, sie, die selbst nichts hatte?
Auch regte sich in ihr die Angst vor dem Gleichartigen in ihrem Schicksal. Sollte sie in Zukunft ebensowenig zu erwarten haben, als Veronika? Es war ihr, als müsse sich in dem stillen Mädchen ein kleines Triumphgefühl regen: Siehst du, dir ergeht es nicht viel anders als mir.
Aber eines Abends, als es dämmern wollte und alles so grau und leer aussah, und das Mädchen wieder in der Küche hantierte und der Großvater einen Besuch bei sich drinnen hatte, da, als Gertrud sich hin und her besonnen hatte: Will ich, will ich nicht? Da schlug sie dennoch wieder den Weg nach der Heinersgasse ein und nach der niedrigen Stube, in der Veronika am Fenster saß, seit sie sich denken konnte.
***
Befand man sich hier auch „im Zeitstrom, der vorüberrauscht“? Oder war der einfache, schier ärmliche Raum, der Veronikas ganze Jugend gesehen hatte, ausgenommen von dem Wellenschlag des Lebens, ein trockenes Bachbett ohne rinnende Wasser? Es war ein und jeden Tag dasselbe: Ein mühsames Aufstehen und Sichschleppen bis zu dem Fensterplatz, ein mühsames Regen der Hände und ein mangelhaftes Gelingen der Flickarbeit, die sie förderten. Anderes bekam Veronika nicht leicht zu tun. Ihre Mutter hatte Kundenhäuser zum Waschen und Putzen, da brachte sie die zerrissenen Röcke und Hemden der Dienstmädchen oder die Schürzen und Blusen der Knechte zum Flicken mit heim.
Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mädchens. Jetzt ruhten ihre Hände. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weiße Gesicht mit den dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen, sondern ein wenig zögernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl und fing nach einer Weile ein gleichgültiges Gespräch an. Aber sie verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und ließ sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Schoß.
Die legte ihre Hände still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte darüber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte leise: „frag mich nicht. Ich sag dir’s, wenn ich kann. Nicht jetzt.“
Nein, Veronika fragte nicht.
Aber sie wußte, daß nun die Stunde für sie gekommen sei, nach der ihr wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Händen faßte und einander so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur für mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den andern und nicht nur empfangend, nehmendundgebend begehrte ihr reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.
Ihrer Mutter, das wußte sie, war sie eine Last. Eine geduldig getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem müdgeschafften Weib, wenn es spät abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun auch noch die Tochter versorgen zu müssen? Was aber das Mädchen zu geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafür war sie wohl zu stumpf geworden in den harten Arbeitsjahren.
Einmal hatte Veronika Worte für das gefunden, was ihr Leid und ihre schwere Fülle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als sie es mit den ungefügen Fingern mühsam niederschrieb, fühlte sie sich einigermaßen erleichtert. Hier ist es:
„Quillt im Wald ein tiefverborgner BronnenRieselnd kommen seine klaren, hellen,Aus dem Felsgestein entsprungnen WellenZwischen Moos und Farren hingeronnen.Keiner weiß es, und die Wasser quillenImmer fort aus nie erschöpften Gründen.Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden,Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,Landwärts trägt er eine leise Klage:Und so rinn und rinn ich alle Tage;Will denn keiner meine Fluten suchen?So ein Born aus ungeseh’nen MeerenFüllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande,Und ich trag’ sein Wallen durch die Lande.Leise fragt’s: wem soll die Flut gehören?“
„Quillt im Wald ein tiefverborgner BronnenRieselnd kommen seine klaren, hellen,Aus dem Felsgestein entsprungnen WellenZwischen Moos und Farren hingeronnen.Keiner weiß es, und die Wasser quillenImmer fort aus nie erschöpften Gründen.Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden,Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,Landwärts trägt er eine leise Klage:Und so rinn und rinn ich alle Tage;Will denn keiner meine Fluten suchen?So ein Born aus ungeseh’nen MeerenFüllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande,Und ich trag’ sein Wallen durch die Lande.Leise fragt’s: wem soll die Flut gehören?“
„Quillt im Wald ein tiefverborgner BronnenRieselnd kommen seine klaren, hellen,Aus dem Felsgestein entsprungnen WellenZwischen Moos und Farren hingeronnen.
Keiner weiß es, und die Wasser quillenImmer fort aus nie erschöpften Gründen.Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden,Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.
Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,Landwärts trägt er eine leise Klage:Und so rinn und rinn ich alle Tage;Will denn keiner meine Fluten suchen?
So ein Born aus ungeseh’nen MeerenFüllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande,Und ich trag’ sein Wallen durch die Lande.Leise fragt’s: wem soll die Flut gehören?“
Das Lied hatte sie damals nach langem Zögern und Besinnen Gertrud gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wußte, wem ihre Flut gehöre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als damals.
„Sag, Veronika, wie erträgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in dir, daß du aufspringen möchtest, und irgendwo eintreten, in irgend eine Lücke, die sonst niemand — ach, Veronika.“
Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wände an zu reden von der großen Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich, die sich nach dem Lichte streckt?
Es war vollends dunkel geworden. Aber draußen stapfte der Laternenanzünder über das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schräg gegenüber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.
„Doch,“ sagte Veronika, „es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie früher.“
Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: „Ich möchte es dir recht sagen können, Gertrud. Es ist das erste Mal, daß ich davon rede. Ich sage es dir auch nur, weil — weil“ — sie suchte nach einem Wort.
„Weil ich dich brauche,“ sagte Gertrud.
Ein warmer Schein glitt über des lahmen Mädchens Gesicht.
Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund hören wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet hätte. Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas für Gertrud haben? O wie gern wollte sie es ihr geben.
„Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr. Und ich saß hier und nähte und war so allein. So würde es wohl das ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, daß der Doktor sagte, ich könne gut alt werden. Draußen gingen die Menschen vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja, da brannte es freilich. Wenn ich doch stürbe, dachte ich. Denn ich lebe ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flüchtete mich in die Bücher und suchte mich zu vergessen. Aber überall stand da vom Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer schwerer fiel es auf mich hinein, daß ich vergessen sei, nutzlos und allein. Wenn es doch nur ein Ende hätte.
Da trugen sie eines Tags den alten Höpfner hier vorbei, weißt du? Den Kleiderhändler in dem grünen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit einiger Zeit war er schwermütig, kein Mensch wußte, warum. „Es lohnt sich wahrhaftig nicht der Mühe, alt zu werden,“ soll er öfters gesagt haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weißt es. Aber als sie ihn auf der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen Augen, da fuhr es mir wie ein heißer Schreck ins Herz: das Leben ist an sich etwas Großes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht wegwerfen wie etwas Wertloses. Man muß suchen, dahinter zu kommen. Es muß etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. Laß mich nicht so am Rand des Todes hingehen, lebendig tot.
Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte ich mich ins Bett und schloß die Augen und rings um mich war es dunkel, und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum über.
Da stand ich auf einem hohen Berg und wußte, ohne zu sehen, daß rings um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter ihnen, denn sie gehörten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue Dämmerung und ringsum eine weite, weite Öde und ich stand und sah da hinein.
Da wurde ich gewahr, daß dicht vor mir ein Abgrund aufgähnte, tief und schrecklich. Von drüben aber, über dem Abgrund, rief es mich, laut und lauter: komm. Und ich wußte, hier waren die Menschen, drüben aber die große Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen, nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte kühl da herüber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das mich rief, das wurde immer riesiger, immer mächtiger und zog mich, und es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schloß ich die Augen und wagte den Sprung.“
Sie schwieg. „Und dann?“ fragte Gertrud.
„Und dann? — es ist so schwer zu sagen. Ich weiß nicht, was zu mir geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte, das, was mich erfüllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das starke, hohe Gefühl davon, daß ich mit Gott allein gewesen sei, und daß das so bleiben müsse, innen, ganz innen in mir. Daß das Leben an sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hängt von nichts Äußerem ab, es ist ganz für sich. Es ist das Allergrößte. Aber es ist schwer zu sagen.“
Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzählt hatte, aber Gertrud hob den Kopf: „Weiter.“
„Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich möchte zu ihnen gehören. Das liegt wohl so in uns, das müssen wir verlangen. Als du vorhin sagtest: „Ich brauche dich,“ da war ich froh; es war mir, als habe ich seit Jahren darauf gewartet, daß das ein Mensch sage. Wir dürfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist nicht gut für uns. Auch hängen wir mit den andern zusammen und sie mit uns. Aber weißt du, ganz innen, da — ach, du weißt es selbst, da muß man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhängt. Es ist wie im Märchen vom Marienkind. Weißt du noch? Du hast es mir erzählt. Es durfte alle Himmelstüren aufmachen, nur die zwölfte nicht, dort saß die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. — Die zwölfte Kammer, die müssen wir für uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in Lieb und nicht in Leid. Sie mögen sich in die elf andern teilen. Du, Gertrud, ich glaube, man muß allein gewesen sein, eh’ man recht mit den andern gehen kann.“
***
Durch die nächtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.
Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saßen die Menschen nun beisammen. Mütter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe, Väter verließen das Tagewerk ihrer Hände und traten in den Kreis der ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewölk; da und dort leuchtete ein Stern auf, ja, wenn man näher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als ob die Gedanken leise bäten: verscheuch’ uns nicht, geh sachte, wir müssen uns erst besinnen.
So war das? „In die zwölfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in Liebe oder Leid. Sie müssen sich mit den elf anderen begnügen.“
Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze Haus übergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwölfte Kammer geführt und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr für sich behalten?
Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem, und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besaß sich selbst nicht mehr. Er beklagte sich darüber, daß sie anders geworden sei; er verstand sie nicht. Gott Lob daß er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun einander fern und fremd. Gott wußte es.
Wußte er es?
Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwölfte Kammer. Sie mußte sie wieder für sich bekommen, sie mußte ja leben, sie wollte es auch. Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht versäumen; auch nicht vertrauern.
Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen, die in der großen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezögert, den großen Sprung zu wagen, über den klaffenden Riß hinüber? Ja, aber nun wollte sie nicht länger zögern. Sie wollte versuchen, ernst und ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag. Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.
O Georg. Sie mußte ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch. Das konnte sie ja nicht anders.
Gott wußte es.
„Großvater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht böse. Ach, du und böse! Viel zu gut bist du für mich. Ganz im Dunkeln sitzest du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib’ ich den Abend vollends bei dir.“
Er hörte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.
„Es ist gut, daß du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weißt, ich kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen; Anne, — ich meine deine Großmutter, und die andern alle. Aber nun freue ich mich, daß du da bist, Kind. Komm da her, so — es ist ein Trost, dich da zu haben.“
Wares das? Es tat wohl, so etwas zu hören.