Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

„Horch, — still, Nössel, ich glaube, — ja, wahrhaftig, es ist so. Hast du’s auch gehört?“

Meister Nössel hatte es auch gehört. Er nickte eifrig mit dem grauen Kopf und hielt ihn dann horchend vor.

„Da, noch einmal.“

Dann ging ein zufriedenes Leuchten über seine Runzeln. Er stand vor dem Rektor Cabisius. Der hatte einen grünen Schild über den Augen; man konnte nicht sehen, welchen Ausdruck sie hatten; aber der Mund lächelte, weich und froh. „Daß ich das jetzt grad so mitangehört habe,“ sagte Meister Nössel. „Das freut mich. Das hätte die Judith auch gefreut, wenn sie noch da wär. Ja, die Judith.

Ich hab’ so gedacht: trägst den Schlafrock noch herauf vor Dunkelwerden. Er hat ein ganz neues Ärmelfutter, Rektor, und da, das Loch von der Pfeife, das hineingebrannte, das hab’ ich unterlegt und gestopft. Und da hab’ ich gedacht: redst ein Stückchen mit dem Rektor, er sitzt da so allein. Da macht mir die Gertrud das Haus auf, mit ihrem ernsthaften Gesicht. Nein, sag nichts, Rektor, ich weiß schon, es ist ihr ein Hagelwetter über ihr Feld gegangen. So etwas merkt man. Was hat unsereiner denn noch für eine Freude, als das bißchen Jugend, das um einen herum ist? — Ja, und sie guckt jetzt immer an einem vorbei, die Straße herunter, als ob etwas kommen müßte und käm doch nicht. So auch heut. Aber dann hat sie sich gleich einen Ruck gegeben und mich freundlich angesehen. — Daß du wieder froh wärest, hab’ ich gesagt. Aber gesagt hab’ ich nichts.

Und jetzt das.“

„Setz dich doch, Nössel. Was stehst du da vor mir? Das hab’ ich immer gewußt, daß sie sich wieder herausreißt. Sie ist ein gesegnetes Kind. Aber wenn man’s dann zum erstenmal wieder merkt, daß es aufwärts geht. Es ist so still gewesen im Haus, die Zeit daher.“

Und dann schwiegen sie beide.

Da kam es noch einmal. Aus dem Nebenzimmer kam es, und tönte unter schwatzende Kinderstimmen hinein. Ein kurzes, helles Mädchenlachen.

Das mochte andern Leuten nichts so besonderes sein; aber die beiden Greise horchten andächtig darnach hin.

Es war ja Gertrud, die gelacht hatte.

Wie auf den ersten Frühlingsgesang der ersten Lerche, so horchten sie darauf.

„Sie hat die Kinder von den Turmwartsleuten bei sich,“ sagte der Rektor.

„Die Frau ist krank, seit der Geburt des Jüngsten, da holt sie sich die größeren Kinder, so oft sie kann. Und sie lernt und spielt mit ihnen, und flickt ihnen die Strümpfe und die Kittel.

Aber das alles hat sie seither so ernsthaft getan, sogar das Spielen; es kam alles wie aus einem tiefen Brunnen heraus. Es war nur, um etwas zu tun, nur um sich den Tag zu füllen.

Und jetzt hat sie gelacht. Es ist ein Gottessegen.“

Draußen ging der kurze Tag in die Dämmerung über. Es war ein absonderliches Wetter für den Anfang Dezember. Grauweiße, schwere Wolken hingen am Himmel, es konnten Schneewolken sein. Aber dabei strich ein lauer Wind durch die Gassen, und wenn er stillstand, dann war die Luft schwül, wie vor einem Gewitter.

Nun kam Gertrud herein. Ein pfeifender Windstoß fuhr mit ihr in die Stube und draußen schlug das Gangfenster klirrend zu. „Ich will die Kinder fortbringen,“ sagte sie.

„Es zieht ein Wetter herauf. Merkwürdig ist das: Morgen ist der zweite Advent, und heute streiten sich Sommer und Winter in der Luft.“

„Geh’ nur.“ Meister Nössel saß neben dem Rektor und beide hatten sich eine Pfeife angezündet. „Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder kommst. Was können wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh’ nur.“

Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben über die kurzgeschorenen Köpfe gezogen und trabten, die Hände in den Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heißt das, der Älteste und der Jüngste taten so. Der Älteste war ein kräftiger, untersetzter Bub, der schon den Bücherranzen auf dem Rücken trug und seine Stumpfnase keck in die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen über alles und jedes und der Jüngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas krummen Füßen herunter, sah stolz zu ihm auf und mühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Der mittlere von den Brüdern ging dicht neben der Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bübchen mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. „Ich weiß nicht, wie ich zu dem komme, ich weiß gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,“ pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. „Er gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er hätte müssen ein Mädchen werden, als Bub ist er völlig aus der Art geschlagen.“

Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter Zeit besonders gewachsen.

„Komm, Leonhard,“ sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand in die ihrige. „Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hängen sie herunter, schier um den Turm herum.“

„Wohin fliegen sie?“, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die Patin auch nicht sagen. „Wir steigen schnell hinauf, von droben aus sieht man’s besser, weit fliegen sie jedenfalls, über die Berge hin, vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim wollen zu ihrer Mutter.“

„Komm.“ Nun strebte Leonhard selber vorwärts, den Brüdern nach, die schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hörte ihre Stiefel dröhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen, lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und da zu ihr hin und strich über ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein paar mal zu: „Du bist mein gutes Büble.“ Dann war sein Herzlein voller Glück. Das war früher nicht vorgekommen.

Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hölzernen Treppchen. „Leise,“ sagte er, „es ist am besten, ihr geht gleich oben hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat’s heute schwer gehabt und will jetzt schlafen. Das Kleine schläft auch.“ Da erblickte er Gertrud, die hinter den Kindern drein kam. Sie sah, daß er Kopf und Schultern ein wenig schlaff und müde trug und daß sein Gesicht sorgenvoll aussah.

Er nickte ihr zu, ernst und trübe. „Es ist ein Kreuz, es will gar nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich muß jetzt zum Läuten gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen hingelegt.“

Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tür war nur angelehnt: „Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute Nacht sagen. Herein, ihr Buben.“

Sie traten ans Bett und waren überfroh, daß sie noch hinein durften, und daß die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte. Sie wußten nicht, daß dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie zu ihnen sagte, ein Stück Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen. Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.

„Sie haben schon gegessen,“ sagte Gertrud. „Reisbrei mit Zucker und Zimt,“ sagte Ernst, der Älteste und verzog das Gesicht in der Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter ähnlich sehen ließ. „So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr’s? Das Kleine schläft schon.“

Sie legte sich müde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das konnten sie nicht verhindern, daß es dennoch polterte, besonders, als sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie schliefen, alle drei.

Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rüttelte an den zwei kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich über dem Boden angebracht waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren durch, nahm so recht die Backen voll, huh —, als Gertrud die Tür öffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein: hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran gefunden; es war ein prächtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit über den Glocken. Aber nun; würde es die Schwälbchen nicht fortwehen heut Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen guckten heraus. Der Große und der Kleine lagen beieinander in einem großen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. „Still, der Vater läutet.“ Da rührte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.

Der Sturm brauste durch die Lüfte, er sang und pfiff und orgelte und riß die Wollen herum, daß sie angstvoll flogen, flogen wie scheue, gejagte Vögel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte ihren ganz eigenen, starken Ton in dem großen Konzert, das über das Städtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die über einem ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie anders läutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an ihrem Zuhören? „Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen schreien.“ Hieß so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang? Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal sicherlich. Gertrud fühlte es, o das war gut, das war besser als alles Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit den Bubenköpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie sofort wieder hervor. „Es hat geblitzt.“ Ja, das hatte es. Nun kam auch schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren. Nun war er über ihren Häuptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn nicht mehr aufhören? War das eine Stimme. Riesenhaft überschrie sie den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe. In der Kammer war es dunkel geworden, schon während des Läutens. Aber nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich gegen die Wände, und zogen sich wieder zurück, und kamen wieder, hell — dunkel — hell — dunkel. Und darüber die machtvolle Stimme, vor der der Sturm zu schweigen schien.

„Dote, komm zu mir.“ Leonhard saß mit großen, angstvollen Augen in seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme um ihren Hals: „Bleib da, bleib bei mir.“

Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie kniete an dem Bettchen nieder: „So, du kleiner Kerl, komm.“ Da sahen sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein und der blonde Kopf wühlte sich nur fester in die beschützenden Arme hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.

Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne Tropfen, wie schwere, zornige Tränen. Als ob die ganze Natur, wie ein gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fuß aufstampfe und das Weinen verbisse.

„Dote, du, hör, ist es wahr, daß der liebe Gott zornig ist und zankt, wenn es donnert? Ich — ich fürchte mich ein bißchen.“ „Ich auch,“ das kam aus dem großen Bett, in dem die beiden andern Brüder einander fest umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zärtlichkeit. Unter der Decke hervor kam es, kläglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie sich über den Kopf gezogen hatten.

Dann noch einmal: „Fürchtest du dich auch, Dote? Du?“

Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim nächsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.

„Nein, ich fürchte mich nicht. Es ist nirgends etwas zu fürchten. Zornig? ach nein, das ist er nicht. Er muß nur so laut reden, daß die Leute auf ihn horchen sollen; sie vergessen ihn sonst und sind selber so laut. Er ist stärker als alles und größer als alles. Aber man vergißt es so oft.“

Vergaß sie, daß sie zu den Kindern redete? Sie dachte an ihre eigene Furcht und Not. Aber sie war ja auch ein Kind, nur daß ihr die Furcht, die atemraubende, große, ein wenig vergangen war.

„Und mit dem hellen Licht, das er in die Nacht hineinwirft mit seiner Hand, — es fährt durch die ganze Welt, schneller als Wind und Wolken, viel schneller, — da, habt ihr’s gesehen? — damit leuchtet er in alles Dunkle hinein und grüßt uns: Nun seid still. Das bin ich. Ich kenne euch alle, ich weiß von euch allen. — Seht ihr? So ist das. Da ist nichts zu fürchten.“

Da waren sie zufrieden. Das durfte der liebe Gott wohl. Er leuchtete stark in die Kammer herein; eigentlich tat man am besten, die Augen zuzumachen. Dote Gertrud war ja da, die konnte über alles Auskunft geben, was die drei Entenmänner betraf. Ernst, Leonhard und Gotthilf hießen sie, und drunten war noch ein kleiner Bruder namens Johann, den die Mutter immer Hanselmann nannte. Der liebe Gott würde aber wohl den rechten Namen wissen wollen. Auch redete er nun schon ein wenig leiser. Es war aber dennoch gut, den Kopf noch eine Weile unter der Decke zu lassen. Was mochte es sein, daß er so laut in die Welt hinein rief? „Dote Gertrud!“ Aber sie gab keine Antwort mehr. Sie hatte selber zu horchen. Sie strich leise mit der Hand über das blonde Haar, das an ihrer Brust lag, aber ihre Augen sahen in die Weite. Wer will die Gedanken anhalten, die mit den Wolken fliegen, über die Berge hin, ins weite Land hinaus? Suchten sie einen, der dort war, etwa in der Richtung der Tannengruppe auf dem Bühel, die jetzt eben in hellem Lichte stand, nur weit, weit dahinter? Was mochte er jetzt tun? Wie mochte es ihm ergehen? Es trieb ihr etwas unruhig das Herz um. Er hatte dieser Tage geschrieben, an den Großvater und sie miteinander; er vermißte sie, bat um Briefe, es ging kein froher Ton durch sein Schreiben hindurch.

Gertrud konnte den Brief fast auswendig. Es stand auch von Lore darin. „Habt sie lieb um meinetwillen. Gertrud, du, besonders du. Du bist immer meine Schwester gewesen, mein ganz guter Kamerad. Bleib es uns beiden. Du bleibst es doch? Ich — ach es ist von weitem schwer zu sagen, ich wollte, ich könnte einen Abend bei euch sitzen. Auf der Truhe, auf meinem alten Platz.“

Ach, wie sollte sie das machen? Wie konnte sie ihm eine Schwester sein? Das war sie nicht. Nein, sie hatte Lore nicht lieb, sie konnte sich nicht helfen. Kam es nun wieder? Hob der Schmerz aufs neue sein Haupt?

Hilflos sahen ihre Augen in das Blitzen und Wettern und Toben hinein.

„Ich will ja. Ich will wollen. Es ist, als ob ich in Nesseln griffe, so weh tut das. Aber worum er mich bittet, das muß ich tun. Ich — ich will es versuchen. — — —“

„Du Starker, Gewaltiger, Großer, nein, ich will mich nicht vor dir fürchten, so hart du hereingreifst in mein Leben. Was willst du aus mir machen? Du mußt es wissen.“

Wie die Wolken flogen vor seiner Hand, wie er allem auf den Grund leuchtete mit seinem Blitz, wie sein Sturmwind alles Schwüle, Schlaffe, Weichliche hinausfegte!

„Und hältst doch die Welt an deinem Herzen. Das mußt du, aus dir selbst heraus mußt du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir an dich. Du mußt uns Leben schaffen, denn du riefst uns.“

Schwächer rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing es an zu regnen und hörte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war, als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Tränen abtrocknete, und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun laß sie schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf, drüben am Horizont; es war, als würde das Licht weiter getragen, um nun in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drängten sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht: Nun schließt getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und wachen.

Tiefe, lange Atemzüge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer zurück und wurde gewahr, daß Leonhard schwer in ihrem Arm lag und die Augen geschlossen hatte und schlief, und daß die beiden Brüder, drüben in dem großen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte sich nicht rühren. Wie warm und traut war es, die Ärmchen um den Hals zu fühlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. „Bleib bei mir,“ das kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf auf dem Kissen und schlief weiter.

„Es ist doch schön, wenn jemand ‚bleib bei mir‘ sagt, und wenn es auch nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, daß ich mich um die Kinder, — ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den Großvater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will für ihn — für Georg will ich —“

Da dröhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. „Still, sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es vorüber.“

„Ich wollte längst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud; sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische, heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.“

„Sie trägt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es; das hat sie auch jetzt noch. Sie weiß, daß es uns nicht ziemt, Ihm Vorschriften zu machen, wenn wir’s uns auch freilich manchmal anders wünschen, als es kommt. Ich wußte nicht, was an ihr ist, ich weiß es erst, seit sie krank ist.“

Er ließ den Kopf sinken. „Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut abend. Das ist so ungewöhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es muß noch mehr kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?“

„Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich sagte, es sei nichts zu fürchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit? Ich glaube nicht, daß etwas zur Unzeit über uns kommen kann. Wenn wir das sicher wüßten, dann bedeutete alles etwas Gutes.“ Er mußte sie ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines Lämpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.

„Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schön kann man sie nicht heißen,“ — Konrad Entenmann, Flickschuster und Nachtwächer, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung über die menschliche Schönheit, — „das nicht, aber es ist etwas an ihr. Ich weiß aber nicht, was es ist.“

Er wußte nicht, daß die Freude an ihr Herz getreten war und es leise angerührt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen, unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten Sonnenstrahlen darein geflogen sind.


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