Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

In der Ladenstube des Ehrenspergerhauses stand ein gelb angestrichener Eckkasten, und in dem Eckkasten lag eine alte braune Mappe. In der Mappe aber hob Vater Ehrensperger auf, was von Familienpapieren in seinen Händen war: Geburts-, Tauf-, Trau- und Todesscheine, seinen eigenen Meisterbrief und Franzens Gesellenbrief, als dieser ausgelernt hatte.

In dieser Mappe legte er auch, wenn die Zeit dazu kam, die halbjährlichen Zeugnisse, die Georg nach Hause brachte, und nach drei Jahren, von jenem Auszugstag an gerechnet, das Maturitätszeugnis, das er gleichfalls nach Hause brachte.

Glänzende Zeugnisse waren es nicht gerade. Der Rektor Cabisius, der sie jedesmal zu sehen bekam, ehe sie in der Mappe verschwanden, sah jedesmal das Blatt und dann den Knaben an, der vor ihm stand und — hätte vielleicht etwas gesagt, wenn nicht seine raschere Frau, die ihm über die Achsel in das Blatt hineingesehen hatte, ihm zuvorgekommen wäre. Er ließ sie ruhig gewähren; sie hatte immerhin ein mütterliches Recht an den jungen Menschen, und er kam zu seiner Zeit schon auch dran.

„Wenn du aber etwas Rechtes werden willst, so mußt du dich noch ganz anders dran halten, mein lieber Sohn. Denn sieh, du bist hie und da zerstreut, dann siehst du aus, als ob du auf etwas horchtest, das nicht da wäre. Man muß aber in der Gegenwart leben. Und dann hast du auch zu viel Nebenliebhabereien, und manchmal fehlt es am Willen bei dir. Ja, da fehlt’s manchmal. Ich kenne dich nun schon lange. Ich darf dir das wohl sagen.“

So sagte die Frau Rektorin, oder doch ähnlich und es war nicht nötig, daß sonst noch jemand viel sagte. Der Vater Ehrensperger tat es nicht und auch wir tun es nicht.

Wir halten uns lieber an einige Erlebnisse aus jenen Jahren, die Georg nicht schriftlich hatte und die nur in dem Stammbuch standen, das wir alle in uns tragen und in das sich von unserer ersten Kindheit an Menschen und Ereignisse eingetragen haben.

Menschen und Ereignisse kommen und gehen und füllen ihr Blatt in dem Buch unseres Lebens. Und wer will von allem sagen: Dies war bedeutsam und jenes war ohne Wirkung? So offen liegt Werden und Wachsen nicht vor uns, daß man von jedem Zoll sagen könnte: Das ist von jenem Sommertag und dies von jener Sturmnacht.

Einmal, da ging Georg Ehrensperger an einem Sonntagmorgen aus dem Haus und wußte nicht recht, wohin mit sich selbst.

Ernst Daxer, der ging regelmäßig zur Kirche, und wenn er es zu machen wußte, so kam er und holte den Wiblinger Schulkameraden auch dazu ab. Sonst gingen ihre Wege auseinander. Er wohnte in einer andern Stadtgegend und lebte in einem andersartigen Kreise und besuchte ein anderes Gymnasium. Er war in einem Haus und unter einer Obhut, da sich alles Gute, Fromme, Geordnete von selbst verstand, da an einem wohl umzäunten Weg Kirche, Bibelstunde, Jünglingsverein und Hausandacht zur Rechten und zur Linken lagen und gar nicht zu versäumen waren.

Man konnte ihn vorläufig weder loben noch tadeln, daß er das alles mitmachte; so wenig als man einen Bach loben oder tadeln kann, den man in ein tiefes Bett mit hohen Ufermauern geleitet hat und der nun glatt und sicher darin fortläuft.

Er war aber ein kindlicher, einfacher Mensch mit einem offenen Wesen, den man wohl gern haben konnte und der seiner Mutter niemals unnötige Sorgen machte. Auch verdarb er nicht, wie leider manche tun, an geistiger Überfütterung, noch auch daran, daß man seine ganze Jugend hindurch alle seine Schritte behütete und er nicht frei stehen konnte, als er ins Leben und in die Selbständigkeit hinauskam.

Er hatte seinen Vater sterben sehen, wie er mit bittern Sorgen rang und ein schwer errungenes Vertrauen faßte, und er hatte seiner Mutter herben, zähen Kampf mit der Not miterlebt. Vielleicht war das beides ein gutes Gegengewicht gegen das weiche, behagliche, selbstverständliche Christentum, das ihn hier umgab.

Nun also, in dieser Zeit, da sie noch beide Gymnasisten waren, trieb ihn ein starkes Heimatgefühl, immer wieder Georg Ehrensperger aufzusuchen.

Er erschien an manchem Sonntagmorgen in Frau Mollenkopfs Wohnung und half ihm, der sich leicht an Kleinigkeiten vergaß, in die Kleider und zum Haus hinaus und war glücklich, wenn er ihn mit sich hatte. Auch erfüllte es ihn mit einem fast väterlichen Stolz, wenn Georg mit seiner reinen, frischen Stimme das Lied mitsang, daß sich der und jener umwandte und nach dem Sänger hinsah. Sie probierten aber nach und nach fast sämtliche Kanzeln der Stadt, und taten sehr kritisch, weil sie später auch zu predigen gedachten und blieben schließlich an einem Pfarrer hängen, der einfach, frisch und natürlich vom Evangelium, als von einer frohen Botschaft, die im Leben richtig zu verwenden sei, sprach. Der stand im Geruch, ein wenig „frei“ zu sein. Also wählten sie das Schwere, daß man das später auch von ihnen sage, und beschlossen, gerade ein solcher zu werden, wie er.

Aber heute war Ernst Daxer nicht gekommen. Er war, soviel Georg wußte, mit seinem Jünglingsverein, der einen Posaunenchor hatte, zu irgend einem auswärtigen Jahresfest gefahren.

Und Georg hatte dem Kirchenläuten zugehört, wie es so voll und stark über die Stadt hinhallte, und es hatte ihm allerlei Gedanken aufgerührt, und erst, als es still wurde und von der St. Leonhardskirche die Orgel herübertönte, fiel es ihm bei, daß es nun zu spät sei. Also ging er aus dem Haus und ging ein wenig planlos durch die Straßen und kam bald an einem schönen, schlichten, vornehmen Gebäude vorbei, das hatte einen Mittelbau mit einem säulengetragenen Portal und zwei Seitenflügel und hatte einen Vorgarten, darin blühte es in den Beeten über und über von Monatsrosen. Das war alles so ruhig-schön, so festlich und feierlich schon von außen. „Museum der bildenden Künste“ stand über dem Portal in großen goldenen Lettern.

Da ging er hinein. Eine Vorhalle, breite Treppen führten rechts und links in die Höhe. Aber da unten stand eine Tür offen. Weiße Gestalten schimmerten, von hellem Licht übergossen, heraus in die Dämmerung der Vorhalle. Denen ging er nach. Er wußte sich nicht recht zu helfen. Es hatte ihm noch niemand Anweisung zum Anschauen gegeben. Es waren ihrer so viele, große, schweigende Menschengebilde. Er sah sie alle an, wie man fremde Wesen ansieht, sie wirkten alle auf ihn ein.

Er war der einzige lebende Mensch unter ihnen; sie bildeten eine Welt für sich. Es wurde ihm still und feierlich und ein wenig fremd zu Mute.

Da, als er sich sammeln wollte und die Augen auf einen Punkt zu richten gedachte, da fand er sich vor der riesigen, prachtvollen Jünglingsgestalt des jungen David. Es war nur ein Gipsabguß nach Michelangelos großem Werk. Aber was wußte Georg Ehrensperger von der reinen, großen Wirkung des edlen Marmors?

Hier stand er und versank ins Schauen.

Und das starke, kühne Gesicht des Sohnes Isai nahm vor ihm Leben an; es strafften sich die Sehnen der hohen Gestalt; es zuckte der Stein, den der Jüngling gegen den Riesen, den Verderber des Vaterlandes, schleudern wollte, in der rechten Hand.

Und hoch auf richtete sich der lang aufgeschossene Knabe, und seine Augen blitzten heller, je länger er davor stand, und er ballte die Hand zur Faust.

Taten tun, Großes erleben; starkes, reines Heldentum.

Wo waren die Zeiten, in denen es das alles gab? Was konnte man jetzt tun?

Studieren, hinter Büchern sitzen, dann ein Examen machen, dann ein Amt. Predigen, reden, wieder reden, lesen.

Und er stand Aug’ in Aug’ mit dem herrlichen Jüngling, und das Herz brannte ihm, und seine junge Seele schwoll, wie ein Bach im Frühling über die Ufer schwillt, und begehrte, Taten zu tun in der Heerschaar der Guten, Echten, Tapfern; irgend etwas Großes zu verrichten in der Sache der Menschheit.

Aber was?

Das Glockenzeichen erscholl und riß ihn aus seinen Gedanken. Der Schließer rasselte mit dem Schlüsselbund; die Galeriestunde war vorüber.

Da war er wieder auf der Straße, da wogten die Menschen um ihn her, sonntagsfroh, geputzt, und manche laut und lustig. Und der Abstand zwischen hier draußen und dort drinnen war groß.

Da schlug ein Kinderweinen an sein Ohr. An einem Laternenpfahl lehnte ein Bübchen, das weinte bitterlich. Es war ärmlich angezogen und hatte ein verschmiertes Gesicht und seine krummen Füßchen steckten in Schlappen, die ihm viel zu groß waren.

Ich weiß nicht, ob es davon kam, daß er aus der Kleinstadt war, wo alles Menschenwesen näher beieinander ist, oder wovon es kam; aber es war schlechterdings unmöglich, hier vorbeizugehen.

Was gibt’s, Bürschlein? sagte er und besah sich den Jammer.

Das Bübchen hielt mit Schluchzen inne und sah mit großen Augen auf. Es hatte sich verlaufen und war sich dessen mit Schrecken bewußt geworden, und war sich so unmenschlich verloren vorgekommen. Wie ein Sternlein, das die Milchstraße verlassen hat und sich nun im Weltall nicht mehr zurechtfindet.

Aber der junge Herr hier, der eine rote Mütze trug und sich zu ihm niederbeugte, der hatte so etwas in seinem Gesicht, das einem neuen Mut machen konnte.

Da fuhr sich das Bübchen mit dem Ärmel über das tränennasse Gesicht, schob eine schmutzige, kleine Hand in die große, und setzte sein krummes Beinwerk in Bewegung.

„Ich weiß nicht, wo meine Mutter ist,“ sagte der kleine Kerl, „zeig’ mir’s.“ Es war ungemein selbstverständlich. Es gab gar keine Frage mehr.

Ja, so hatte es Georg Ehrensperger freilich nicht gemeint. Er sah sich einen Augenblick um. Die Leute hatten heute so viel Zeit; sie fingen schon an, stehen zu bleiben und zuzusehen.

„Ich weiß nicht, wo deine Mutter ist,“ sagte er; die kleine Hand fallen zu lassen, das wagte er aber nicht.

„Nicht?“ Der kleine Bube sah ungläubig aus. „Du bist doch so groß.“

Es war nichts anderes zu machen, sie gingen mitsammen durch die Straßen.

Da war es nun Georg Ehrenspergers erste Heldentat, einem kleinen, schmutzigen Bübchen den Weg nach Hause zu zeigen.

An der beschützenden Hand wuchs dem kleinen Kerl der Mut. „Dort hinein geht’s, das ist die Straße,“ sagte er plötzlich und strebte mit Macht voran. Es war in dem Gäßchengewinkel, das um die Markthalle her ist. Und dann schrie er plötzlich auf. „Mutter,“ schrie er entzückt und lief auf eine Frau zu, die mit angstvoll spähendem Gesicht auf eine Hausstaffel herausgetreten war. Er sah sich nicht mehr um. Er lag fest in ihren Armen und sie schalt und liebkoste ihn.

So, nun konnte Georg Ehrensperger gleichfalls nach Hause gehen. Er drehte noch einmal den Kopf; da trug eben die Mutter ihr Bübchen ins Haus. Wie es kam, wußte er selbst nicht, aber auf einmal war er mitten drin, zu pfeifen: Und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden, stirbt ein braver Reitersmann.

***

Einen eigentlichen Freund und Weggenossen hatte Georg Ehrensperger damals nicht, wie schon gesagt. Er ging so für sich hin, nahm am Leben der Schule und an den jungen Leuten teil, wie der Tag es mit sich brachte und lebte im übrigen sein eigenes Leben für sich allein. Er gewann aber im zweiten Jahr, das er in Stuttgart verlebte, eine heimliche Liebe, die füllte für kurze Zeit sein einsames Herz, das ja dennoch nach Anschluß verlangte, mit einem Reichtum, den die andern nicht ahnten.

Es war aber nicht die Liebe zu einer Frau, sondern zu einem Lehrer, der lange krank gewesen und nun wieder gekommen war.

Als Georg ihn das erste Mal auf dem Katheder sah, mußte er in seinem Gedächtnis nachsuchen, wo er dieses schmale, ernste Gesicht mit den dunkeln, ruhig betrachtenden Augen unter einer hohen, furchendurchzogenen Stirn schon gesehen habe, und es fiel ihm das alte Bild eines Magisters ein, das in der Sakristei der Wiblinger Stadtkirche hing. Ja, das war es. Georg war beim Konfirmandenunterricht ihm gegenüber gesessen und die Augen hatten ihn immer im Bann gehalten. Da war es ihm, als ob er den Mann kenne, der lebendig hier vor ihm stand. Und als der Lehrer anfing zu sprechen, da kannte er auch seine Stimme. Aber er wußte nicht, woher.

An diesem Tag aber fing Georgs heimliches Glück und Unglück an. Denn diese Liebe trug alles in sich, was zu einer rechten, heimlichen Liebe gehört: Begeisterung, Sicherheit, da sie einem niemand streitig machen kann, der sie nicht ahnt, Wonne des Genießens und Schmerz des Entbehrens.

Der Lehrer gab Stunden in Literatur, Kunstgeschichte und Weltgeschichte und war ein Mann, der in seinen Gegenständen lebte und sie herzlich und eindringlich in andere Gemüter zu übertragen wußte. Sein Ton blieb immer schlicht und gelassen und verstieg sich nur in Augenblicken besonderer Gehobenheit zu einer Wärme, die sich dann den Hörenden mitteilen mußte. Wenn dieser Mann ein Stück aus dem Nibelungenlied vorlas, oder wenn er über die Akropolis sprach, oder was es sei, dann bekam alles Leben, echtes, wahrhaftiges Leben.

Dann schien der blaue Himmel Griechenlands auf den weißen Marmor, dann rauschten die deutschen Eichen zu den Heldentaten der alten Recken, dann schwollen die Herzen der jungen Deutschen. Dann schwoll vor allen Georg Ehrenspergers Herz in einer hellen und warmen Begeisterung.

Aber dabei blieb es nicht. Er, der die Begeisterung entfachte, war selber so ein Held. Er war ernst und gütig, und es war kein Zweifel, daß er auch tapfer, treu und stark war wie nur einer. Er verstand sie alle, die Helden des Geistes und des Arms, darum stand er über allen. So schien es dem Knaben. Und es war nur schade, daß der Lehrer es nicht wußte, daß er so etwas Großes sei. Er wäre vielleicht manchmal mutiger nach seiner Wohnung zurückgekehrt, wenn er das helle Feuer in seines Schülers Herzen gesehen hätte. Aber er sah es nicht. Georg Ehrensperger verbarg es sorgfältig. Nur zu gut verbarg er es.

Aber eines Tages bekam er etwas davon zu sehen. Einmal und dann nicht wieder.

Es war an einem warmen Nachmittag, der sich schon dem Abend zuneigte. Sie hatten beide, ohne daß einer vom andern wußte, die steile Höhe erstiegen, die gleich hinter der Stadt ansteigt und die vom Walde bekrönt ist, und hatten beide etwas in den Wald hineingetragen, das in der ruhevollen Stille hier oben ausklingen und verebben mußte; der Jüngere eine herzklopfende Unrast, die ihm heut nachmittag der Eichendorff und der Lehrer miteinander geschaffen hatten, der eine als Dichter, der andere als Rezitator.

Und der Ältere eine Niederlage, die ihm seine schulmüden Nerven und ein paar ausgelassene Schlingel miteinander bereitet hatten. Er war heftig geworden und hatte das Buch mit hartem Nachdruck zugemacht als ein Besiegter, nicht als ein Sieger.

Nun lag die Stadt unter ihnen. Der Sonnenschein lag still darüber; es war Sommer. Hier oben rührte sich nichts. Kaum daß ein Lüftchen durch die Baumkronen hinging, oder eine Eidechse mit leisem Rascheln durchs Gebüsch schlüpfte. Auf einem schmalen, grün bewachsenen Fußsteig ging Georg Ehrensperger dahin. Gleich daneben führte die weiße Straße durch eine Birkenallee. Dort ging der Lehrer. Er trug den Hut in der Hand und ließ sich den heißen Kopf verlüften, und hie und da blieb er stehen und atmete tief auf. Er war hier zu Hause, es brauchte nicht lang, bis die stillen Geister des Waldes ihr sänftigendes Werk an ihm getan hatten. Da freute ihn wieder der wilde Rosenstrauch am Wege, und der Ameisenhaufen, und das leise Spiel der Birkenblätter über ihm.

„Die armen Kerle,“ sagte er und gedachte seiner jungen Leute; „es sind so baumstarke Burschen unter ihnen; was wollen die von der Poesie? Sich recken und vertoben möchten sie. Etwas schaffen mit ihren Gliedern.“ Er sah an seiner eigenen, schmalen Gestalt hinunter. Er hatte freilich keinen Überschuß an Körperkräften. Er lächelte, es war etwas Befreites darin. „Es möchten doch zehn Fromme in Sodom sein, oder fünf.“ Er ließ die Gesichter seiner Schüler an sich vorübergehen. „Ganz umsonst — ein Schlag ins Wasser — nein, das ist es doch nicht, was ich tue. — Der? Oder der? Der Ehrensperger, das ist ein besonderes Kraut. Dumm ist er nicht, aber zerstreut. Daß ich den nicht anzufassen verstehe. Aber was ist das?“ Da schallte eine helle Knabenstimme durch die Büsche. Es war von einem, der sich ganz allein dünkte. Was war das? Das hatte er heut vorgetragen. Da schoß ihm eine lichte Freude durchs Herz. Er stand still. Da drinnen schritt der lange, blasse Junge, der ihm soeben so stark nachzudenken gegeben hatte. Er hatte die Mütze tief im Nacken und sein Gesicht strahlte von heller Begeisterung.

„Laß die Ketten mich zerschlagen;Frei zum schönen GottesstreitDeine hellen Waffen tragen,Gib zur Kraft die Freudigkeit!“

„Laß die Ketten mich zerschlagen;Frei zum schönen GottesstreitDeine hellen Waffen tragen,Gib zur Kraft die Freudigkeit!“

„Laß die Ketten mich zerschlagen;Frei zum schönen GottesstreitDeine hellen Waffen tragen,Gib zur Kraft die Freudigkeit!“

Wie es darin klirrte von „hellen Waffen“, wie es sich reckte von Freiheitsverlangen, alles war frisch und stark und aufgerichtet darin. Das war der Träumer? Jetzt hatte er ein waches Gesicht. Alle guten Geister wohnten darin. Und der Lehrer wußte mit einemmal: „Der da gehört zu deiner Gemeinde.“ Das war nichts kleines. Er wollte ihn aber vorübergehen lassen, still und ohne ihn zu stören.

Da sah Georg plötzlich auf ihn. Gerade durch einen Ausschnitt in dem Buschwerk, das da am Grabenrand stand. Gerade in die ruhigen, dunkeln Augen des Wiblinger Magisterbilds hinein, das da in einem Rahmen von grünen Zweigen auftauchte. Das Bild war aber lebendig und nickte ihm zu.

Da wurde er dunkelrot. Ob der Lehrer wohl alles gehört hatte?

„Grüß Gott, Ehrensperger. Auch da oben?“

„Grüß Gott, Herr Professor. Ja.“

„Wir könnten aber miteinander gehen, wenn wir doch denselben Weg haben. Wohin gehen Sie, Ehrensperger?“

„Ich? O, nirgends.“ Es fiel ihm absolut keine andere Antwort ein. In seinen Phantasien, da wußte er immer bedeutende Dinge zu sagen. Aber dies war Wirklichkeit.

„Nirgends? Dahin geh’ ich auch. Da gehen wir zusammen. Nur so durch den Wald.“

Da kam der Lehrer auf den Fußsteig herein, weil Georg nicht zu ihm herauskam. Und dann schritten sie selbzweit dahin.

Innen jubilierte die heimliche Liebe. Außen ging ein sehr gesetzter junger Mann neben seinem Lehrer her. Wer nun zuerst etwas sagte? Und was? Die allergrößten Gedanken schwirrten durch den Kopf des Beglückten.

Da trug er die innere Bewegung nicht mehr und um sich Luft zu machen, riß er einen stattlichen, hellgrünen Zweig von einem Haselbusch und schlug sich damit aufs Knie, daß die Blätter flogen.

Der Lehrer blieb stehen, sah den Haselbusch an und dann den Zweig.

„Setz’ ihn wieder dran,“ sagte er lächelnd, „wenn du kannst.“

Er dachte nicht daran, daß er du sagte. Dies war so ein junges, rasches Gemüt und er mußte es liebhaben.

Dem Jungen stieg eine schnelle Blutwelle bis unters Haar.

Er besah den Zweig; es hing ein Tröpflein Saft daran wie ein Blutstropfen. Und er besah den Mann; er hatte ihn im Verdacht, daß er der Rektor Cabisius sei in einer Verkleidung. Der hätte auch so sagen können.

„Ich tu’s nicht mehr,“ sagte er. Nein, er konnte den Zweig nicht mehr dransetzen, er blieb abgerissen. Das Herz schlug ihm darüber. Daran hatte er noch nie gedacht. Und auf Größeres kamen sie nicht miteinander. Sie erlebten gar nichts. Sie gingen nur so miteinander durch den Wald und besahen sich die Galläpfel an den Eichenzweigen und ein Heer von kleinen, purpurnen Blattläusen, die an einem Rosenstrauch saßen und fraßen. Eine große, gelbe Kröte sahen sie über den Weg tappen in plumpen Sätzen, und dachten sich aus, bei wem sie auf Besuch gewesen sei, und sie horchten auch auf die Stimmen der Waldstille. Derer waren mancherlei.

Als sie aber an eine Kolonie von Pilzen kamen, die beieinander in einem vermodernden Baumstrunk standen, da hielt Georg Ehrensperger die Haselgerte zurück, die schon in seiner Hand zuckte, um ihnen allesamt die Köpfe abzuschlagen. Sie standen da so zierlich und fein und lebten ihr kurzes Leben, und war jeder wieder ein bißchen anders, als der andere. Und als sie beide näher hinsahen, da lebte der ganze Baumstrunk. Ameisen schleppten ihre Lasten und Käfer kletterten an den Pilzen empor. Sie wußten wahrscheinlich schon zu welchem Zweck; das ging die Menschen nichts an. Und das war alles, was die beiden miteinander erlebten.

Der Lehrer wohnte auf der Höhe und der Schüler im Tal, und als sie sich trennten, hatten sie gar nicht viel Interessantes miteinander geredet. Es war merkwürdig, daß sie einander dennoch so bekannt vorkamen, ja, daß jeder für sich gesonnen war, das heutige zufällige Begegnen mit Willen zu wiederholen.

Da konnten sie ja dann nachholen, was sie etwa heut versäumt hatten. Da konnte Georg Ehrensperger noch einen Anlauf nehmen und sagen, daß er gesonnen sei, Eichendorffs Lieder in Musik zu setzen, und daß ihn der Gedanke daran in den Wald herauf getrieben habe, und daß ihm das nicht so schwer vorkomme.

Und der Lehrer konnte ihm dann mitteilen, daß auf diesen Gedanken schon einige Zeit vorher auch rechte Leute gekommen seien und daß sie ihn auch ausgeführt haben, aber daß es ihm ja unbenommen sei, sein Heil auch noch daran zu versuchen.

Und es war nur schade, daß jetzt die Sommervakanz kam und daß nach derselben auf des Professors Katheder ein anderer Mann stand. Und daß Georg Ehrensperger alles, was sich während der langen Wochen in ihm angesammelt hatte, samt seiner heimlichen Liebe, die nur einen Sonnentag erlebt hatte, auf den Pragfriedhof tragen mußte, wenn er es an den Mann bringen wollte.

Er brach aber einen Strauß von grünen Zweigen, und brach jedes Zweiglein mit Bedacht und es reute ihn nicht; den trug er dort hinaus.

***

Einmal, das war an einem Werktag, da war ein außergewöhnlicher freier Nachmittag. Cannstatter Volksfest. Die Stadt war wie ausgeleert. Es schien, als ob alle Menschen dort unten auf dem Festplatz seien; niemand auf den Straßen, niemand an den Fenstern. Frau Mollenkopf war auch fort; sie war mit einer Nachbarin gegangen. Es mußte schon etwas so überwältigendes sein, wie das Cannstatter Volksfest, wenn sie am Werktag frei machte.

„Aber,“ hatte die Nachbarin gesagt: „am Volksfest schaffen? Das kommt mir vor, wie eine Sünd’. Einmal der Brauch ist’s nicht.“

Ja, und gegen den Brauch wollte Frau Mollenkopf nicht angehen. Da zog sie ihr zweitbestes Kleid an und zog mit der Nachbarin aus. Georg Ehrensperger war auch dort drunten gewesen; gestern gegen Abend. Die ganze Klasse war dort gewesen und er mit. Karussell, Schießbuden, Wachsfigurenkabinette, Moritatensänger, neues Sauerkraut und warme Würstchen, neuer Wein.

Er hatte genug von gestern.

Nun saß er am Klavier und übte. Er wollte den ganzen Nachmittag dazu benützen. Er mußte vorwärts kommen, es ging viel zu langsam für seinen Geschmack. Das war nicht nur so, wie zu Haus in Wiblingen unter der Bettdecke, wo es mühelos gegangen war. Hier, in der Wirklichkeit, da gab es Fingerübungen, fünfzig mal dieselbe, und dann zur Abwechselung Tonleitern.

„Sie haben etwas spät angefangen,“ sagte der Lehrer tröstlich, „das kommt noch; nur Übung, Übung.“

Ja, da saß er denn und übte. Aber ob er es jemals dazu bringen würde, so zu spielen, wie sein Lehrer?

Er zog während der Schulstunden an den Fingern, daß sie knackten. Das sollte ja gut für die Gelenkigkeit sein.

Nein, das war wohl nicht möglich, daß er je so weit kam. Zuweilen, da konnte es ihn förmlich rütteln. „Ich will aber,“ sagte er zu sich selbst und zu Ernst Daxer, der immer bereit war, ihn anzuhören. Und dann konnte sich Frau Mollenkopf segnen, wenn er im Gymnasium war, und segnen, wann er in seiner Stube saß und zu lernen hatte. Denn im Übrigen gab es keine Rettung, weder für ihre Ohren, noch für ihr altes Klavier.

Es war ein Klimperkasten; aber da war nun nichts zu machen, Georg fand, es sei immerhin besser als gar keins.

Wenn nur das Denken nicht wäre.

Es wäre ein solch schöner, ungestörter Nachmittag gewesen.

Aber nun fiel ihm ein: ob er wohl später, wenn er das alles in den Fingern hatte, und wenn er einmal ein rechtes Klavier besaß, ob er dann alles das, was ihm so eigenes durch den Kopf ging, spielen konnte? Nicht nur so ein bißchen verlegen in der Dämmerung — nein, recht wie es sein mußte? Am Ende gar niederschreiben? Aber dazu mußte man noch ganz andere Dinge lernen, soviel wußte er nun auch von der Sache.

Während dieses Nachdenkens lagen die Hände ruhig auf den Tasten. Dann erschrak er und spielte weiter. Es war eine dumme Geschichte, das war nicht zu leugnen: er hätte das alles schon lang lernen sollen, dann wäre er jetzt weiter. Eine einfache Wahrheit; aber nun war es so, wie es war. — Der Milchwagen da unten; die Blechkanne stießen beim Fahren aneinander; im Dreivierteltakt, dachte er. Aber eine davon, die ratterte immer dazwischen, ratatat—ta. Es war unausstehlich. So, nun war es vorbei.

Er konnte wohl auch eine Pause machen, das Übungsstück war nicht so überaus anziehend. Ja, um es recht zu sagen, er hatte es plötzlich dicksatt. Er nahm es und warf es mit Wucht auf den Klavierdeckel, da rutschte es weiter und fiel zu Boden. Von dort mußte es Georg später wieder aufheben, das war alles, was damit erreicht war.

Obwohl gar nichts besonderes auf der Straße zu sehen war? Nein, nach vorn heraus nicht. Aber vielleicht im Hof? Es konnte ja ausnahmsweise sein. Ja, da stand ein kleiner, buckliger Mann und spaltete Holz. Georg kannte ihn vom Sehen, er wohnte im Hinterhaus und ging als Holzspälter auf Taglohn und hatte eine große, starke Frau. Sonntags, da gingen die beiden schon des morgens mit den Gesangbüchern aus dem Haus; also wohl in die Kirche. Der Mann trug dann immer einen langen, schwarzen Rock; es sah eigentlich drollig aus: die kleine, gebückte Gestalt, und die langen Rockschöße, die fast auf dem Boden hingen.

Georg hatte plötzlich Lust, den Mann ein bißchen kennen zu lernen. Es war sicher besser, ein wenig mit dem Spielen auszusetzen. Es ging nachher um so frischer voran. Als er so weit war in seinen Gedanken, ließ er eins der Handtücher, die zum Trocknen aus dem Fenstersims ausgebreitet waren, in den Hof hinunterfallen. Ja, es muß gestanden werden, daß er es tat. Er hätte ja ruhig hinuntergehen können und ein Gespräch anknüpfen. Aber so war Georg Ehrensperger nun eben nicht beschaffen. So hätte es Gertrud Cabisius gemacht; daran dacht er im Hinabgehen. Denn nun mußte er das Handtuch wieder holen.

Der kleine Mann drehte sich um und sah auf, als er die Tür hinter sich knarren hörte. Da stand der lange, schmale, junge Mensch vor ihm. „Ich — es ist mir etwas“ — nein, nun mochte er doch nicht lügen. Er bückte sich und hob das Tuch auf. Aber der Holzspälter war nicht schwerfällig. Er hatte gleichfalls Lust zu einem kleinen Schwatz. Er hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an beiden Seiten von einem schmalen, dunklen Bart eingerahmt war. Das Kinn war glatt rasiert. Auf dem Kopf prangte eine mächtige Glatze. „So?,“ sagte er, „nicht auf dem Volksfest, junger Herr, hm?“ „Nein,“ sagte Georg, und, da ihn beim Anblick des kleinen Mannes ein heimatlich-behagliches Gefühl überkam, so wuchs ihm der Mut, hinzuzusetzen: „Und Sie, Sie sind ja auch nicht dort.“

„Ha, ha,“ lachte der Holzspälter und trennte mit einem mächtigen Hieb ein Stück Holz in zwei Teile, „das wär ja schön. Ich da unten! Nein, wissen Sie, alles was recht ist, ich kann Holz spalten, wie einer. Aber so extra gewachsen bin ich nicht, daß ich mich grad auf dem Volksfest zeigen möchte. Ha, ha,“ er lachte wieder, es schien ihm ein erheiternder Gedanke zu sein, daß er dort drunten seinem Vergnügen nachgehen könnte, er!

„Meine Frau ist hingegangen,“ fuhr er fort, „natürlich. Wissen Sie,“ nun reckte er sich aber doch ein wenig und legte die geballte Faust auf die Brust, „bei mir, da tät es sich auch wegen des Standes nicht recht schicken, daß ich zu so was ginge.“

Georg machte große Augen. Wegen des Standes?

„Ja,“ sagte der Mann, „das sieht man mir nicht an, wenn ich Holz spalte; ich bin so ein bißchen geistlich, wenn man so sagen will. Kirchlicher Beamter. An der Hoforgel; Orgeltreter in der Schloßkirche.“ Sein Gesicht drückte plötzlich etwas wie Würde aus; es war ihm vollständig ernst mit dem Stand. „Man muß immer wissen, was sich schickt,“ sagte er.

Da kamen sie denn unversehens in ein dauerhaftes Gespräch. Es fiel Georg Ehrensperger nicht ein, zu lachen. Er interessierte sich für die Orgel, er fand es viel schöner, selbst etwas damit zu tun zu haben, als nur zuzuhören. Und er gestand, Orgelspielen, das gehöre zum Höchsten; wenn er heimkomme nach Wiblingen, in der großen Vakanz, dann wolle er es versuchen; er bekomme schon den Schlüssel, das wisse er. Der Hoforgeltreter staunte. Das war ein kühner Gedanke; ihm, das mußte er gestehen, war es immer unbegreiflich, wie man es so weit bringen könne. Mit Händen und Füßen zu spielen, das war doch schon eine Leistung. „Aber freilich,“ nun lachte er wieder, „ich hab’s in der Musik auch nicht weit gebracht. Alles, was recht ist. Auf einem Kamm blasen, das kann ich, und das Orgeltreten, das versteh’ ich, wie einer. Aber mein Sohn, der!“ Er schüttelte den Kopf, als ob ihm jeder Ausdruck fehle, zu sagen, was sein Sohn für einer sei. „Der ist bei den Posaunenbläsern auf dem Stiftskirchenturm. Alle Achtung.“

Ja, das war so das richtige Thema für die beiden.

Georg Ehrensperger saß auf der Holzbeige und der Alte, er hieß Knupfer, auf dem Haublock.

„Wenn einer will,“ sagte er, „wenn einer weiß, was er will. Der? der hat’s wohl gewußt. Jawohl, junger Herr. Alles was recht ist.

Ich hab’ ihn zu einem Schreiner in die Lehr’ getan. Aber immer gepfiffen und gesungen, und immer Musik im Kopf. Hat alle Pfennig zusammengespart, wissen Sie, hat allemal Trinkgelder bekommen, wenn er die toten Leut hat müssen helfen in die Särge legen. Ja, und da ist beim Vorkäufer da drüben ein Piston feil gewesen, ein altes Ding, aber noch gut. Das hat er gekauft, als er die Hälfte des Geldes beieinander hatte; die andere Hälfte hat er nach und nach bezahlt. Der Vorkäufer, der kann auch rein alles, der hat ihm die Griffe gezeigt. Und da ging’s an. Aber, o je, als der Bub in seiner Kammer hat blasen wollen, da ist der Meister gekommen, der Schreiner. Hat einen Kopf gehabt, so rot wie, wie —“ er sah sich vergeblich nach einem Vergleich für die Röte von des Meisters Kopf um, es gab nichts so rotes — und hat gesagt — und hat geschrieen: ‚Still, auf der Stell’, und daß ich das nimmer hör. Meine Frau sitzt drunten und hat die Händ’ vor den Ohren. Meinst du, ich woll’ deinethalb um den Hausfrieden kommen?‘

Denn, junger Herr, die Frau Meisterin, die hat das Heft in der Hand gehabt und der Meister, der hat so tun müssen, wie sie wollte.

Und als er gesehen hat, wie dem Buben alles verhagelt war, und daß ihm das Wasser in die Augen geschossen ist, da — er ist so unrecht nicht gewesen —, da hat er gesagt: ‚Wenn du’s einmal kannst, dann darfst du blasen, sauber und glatt, dann hat meine Frau — dann haben wir nichts dagegen. Aber vorher nicht.‘

Alles was recht ist, junger Herr. Es tut nicht schön, — obgleich ich nicht viel davon verstehe, — wenn einer ein Blasinstrument an den Mund setzt, das er noch nicht zu blasen gelernt hat.

Aber das muß ich doch sagen, wenn er sich nicht üben darf, dann lernt er’s auch nicht. Also, so war’s bei meinem Buben.

Aber, das hab’ ich schon einmal gesagt und sag’s noch einmal: wenn einer weiß, was er will. Da hat der Bub ein ganzes Jahr lang jeden Abend in den Kleiderkasten hineingeblasen, kein Mensch hat’s gehört, und hat sich geübt. Und als das Jahr herum war, da hat er eines Abends das Fenster aufgemacht und hat über die Gasse hin geblasen: „Wie schön leucht’t uns der Morgenstern,“ und hat zu keinem Menschen etwas gesagt. Und am andern Morgen sagt der Meister beim Kaffee: „Wilhelm, wenn du’s so könntest, wie der, der gestern Abend geblasen hat in der Nachbarschaft, dann hätt’ kein Mensch etwas dagegen. Siehst du? Der kann’s.“ Da hat mein Wilhelm ein Schelmengesicht gemacht und gesagt: „Meister, das bin ich gewesen.“

Ja, und von da an, sehen Sie, junger Herr, da ist er über das Gröbste hinüber gewesen. Und jetzt? hab’ ich’s schon gesagt? jetzt ist er bei den Stadtzinkenisten auf dem Stiftskirchenturm. Ja, und so weit kann’s der Mensch bringen, wenn er sich übt in der Geduld und wenn er das Schenie dazu hat.“

Da glitt Georg Ehrensperger von seinem hohen Sitz herunter und sagte, daß er nun wieder ins Haus müsse und gab dem Alten die Hand.

Und es war eine Pause von einer halben Stunde gewesen, und der Nachmittag lag noch ebenso still über der Altstadt, und das Notenheft lag noch auf dem Boden, ganz wie vorher.

Aber nun hob er es auf und machte sich dahinter und tat, wie Knupfers Wilhelm, er übte sich in Geduld, und als Frau Mollenkopf nach Hause kam, da übte er auch sie in der Geduld, und es ging ihm wie allen, die auf mühseligen und eintönigen Wegen an ein ersehntes, schönes Ziel gelangen müssen: er kam, einen Schritt um den andern, — um noch einmal mit dem Hoforgeltreter Knupfer zu reden „über das Gröbste hinaus“.


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