Drittes Kapitel
„Streck dich nach vorn aus allen Kräften — im Zeitstrom, der vorüberrauscht — vorüberrauscht, vorüberrauscht — klapper, klapper — nun standen die Räder. Eine hohe Halle, ein Menschengetriebe, ein Sausen und Brausen von der großen Stadt her, ein einsamer Mann, der aus dem Wagen stieg und sich hineinwagte in den „Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Fest und still sah sein Gesicht aus. Nun galt es; es galt, Ernst dahinter zu setzen. Das wollte er auch und nichts anderes. Aber da fiel es ihm ein, daß ja doch sehr viel schöne Dinge, helle, lichte Wellen in diesem Zeitstrom seien. Darüber mußte er sich ja doch wohl freuen dürfen. Also Kopf hoch und die Arme gereckt: komm her, du reiches Leben.
Nun mußte zuerst eine Wohnung gesucht werden. Er hatte bisher immer in engen Gassen gewohnt; man denke an Frau Mollenkopfs Stube, und dann in Tübingen. Diesmal nun sollte es aber etwas anderes sein. Da geriet er in ein Prachtsgebäude, er mußte allen Mut zusammennehmen, um den Hausmeister zu fragen: Hier sei ein Zimmer mit gutem — vorzüglichem stand auf der Wohnungsliste — Klavier zu vermieten? und wohin er sich da begeben müsse? Der Hausmeister führte ihn in den dritten Stock. Frau Amtsgerichtssekretärswitwe Habermaas. Glänzende, polierte Treppen, dicke Läufer darauf, farbige Scheiben in den Treppenfenstern. Das Zimmer oben, das zu vermieten war — rote Plüschmöbel, große Öldrucke in breiten Goldrahmen, hohe Alabastervasen mit künstlichen Sträußen links und rechts von dem geschliffenen Spiegel, der diese Pracht widerstrahlte. Die Dame sehr majestätisch, dick, so um die vierzig herum, hatte lockig frisiertes Haar, eine Schmelzgarnitur auf der Brust, eine goldene Brille auf. „Ah, Musiker, angehender Künstler? Das trifft sich“ —. „Bitte, nein, so dürfen Sie nicht sagen.“ Aber es war nicht aufzuhalten, Georg mußte erfahren, daß die Dame „nahe daran“ gewesen sei, sich gleichfalls „dieser Laufbahn“ zu widmen. „Welcher Laufbahn?“ fragte Georg, aber sie sprach schon weiter. Ebensogut hätte er den Uracher Wasserfall aufhalten können. Das sei ausgezeichnet; der Herr könne versichert sein, daß sie — Verständnis und so weiter. Er wagte nicht, das Zimmer nicht zu nehmen, er nahm es. Aber es war ihm wind und weh darin. Als sie ging, wurde es besser. Er sah aus dem Fenster. Da unten wogte der Menschenstrom vorbei; es klingelte, tutete, schwirrte, es fuhr mit Wagen, Straßenbahnen, Rädern; eine Abteilung Militär ging vorbei, da, schräg hinüber über den Platz, da war ein Schilderhaus, ein Posten wurde abgelöst, weiter. Ein großer Brunnen ließ vielstrahlig seine Wasser springen, schön abgezirkelte Blumenbeete rings herum, Sonne lag darauf. Irgend etwas rauschte wie von ferne; das war aber wohl in seinem Kopf, — „im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“
Er wandte sich nach innen. Das Klavier war gut, das war die Hauptsache. Die Öldrucke hätte er gern von der Wand genommen, aber das wagte er doch nicht. Die Dame war so überaus imposant, so liebenswürdig sie auch war. Sie kam wieder und fragte nach seinen Wünschen. Dann: „werden Sie wohl Stunden geben? Singstunden? Nein? Ah, Sie studieren noch. Wäre es unbescheiden, zu fragen, was Sie —“, mit sechs Fragen hatte sie alles aus ihm heraus. Er war machtlos, er mußte es sagen, wonach sie fragte. Theologie studiert? und umgesattelt? was, um zu komponieren? — eine ehrfurchtsvolle Neigung des Kopfs und der Schultern, dann ein neckisches Lächeln: „Der Herr ist noch nicht verlobt, da kann man schon“ —. Er hätte sie hinauswerfen mögen, aber er sagte mit innerem Zähneknirschen: „Doch, ich bin, das heißt, beinah,“ er stotterte. Wieder das Lächeln; als verstehe sie alles von ferne. „Aha, und das hängt dann wohl mit dem Wechsel zusammen?“ Da stieg ihm der Grimm doch bis in den Hals. „Ich bin evangelisch,“ sagte er grob. „Bei uns können die Pfarrer heiraten. Sie sind wohl katholisch?“
Sie sah ihn wieder lächelnd an. „Der Herr hat eine Künstlernatur, das flammt leicht auf. O, ich verstehe.“
Wenn sie doch nur irgend etwas nicht verstanden hätte. Aber sie verstand alles. Es war zum davonlaufen. Und das tat er auch. Das war das erste, was sie nicht verstand, als er nach einem Monat umzog. Aber sie faßte sich. „So sind die Künstler. Immer Veränderung. Der Herr will in eine einfachere Gegend ziehen? Ah, ich verstehe, es ist wegen der Stille. Ja, still ist es hier, in der Mitte der Stadt, nicht. Das versteh’ ich so gut.“
Da konnte er ja ruhig gehen. Er hatte bereits eine neue Stube gefunden. Draußen lag sie, am Rand der Theresienwiese, vier Stock hoch, frei, still und mit einem weiten Blick über das Isartal hin, bis ans Gebirge. Einfache Möbel, aber sauber, einfache Leute.
Die Hausfrau fand er, als er kam, in dem Gemüsekeller, von dessen Ertrag sie lebte, umgeben und umhangen von Rot- und Weißkraut, Zwiebel- und Knoblauchkränzen, Rettichen, Tomaten und allerhand Rüben. Da saß sie, rund, rot und frisch glänzend, wie eine Schnecke in einem Salatboschen und strickte an einem Strumpf. Viele Worte verlor sie nicht. „Emerenz,“ sagte sie und drehte den Kopf ein wenig, „Emerenz, zeig dem Herrn den Weg. Er hat das Zimmer gemietet.“ Da fand es sich, daß noch ein lebendes Wesen in dem Raum war, sozusagen ein junges Schnecklein, das in einer andern Falte des Salatboschens gesessen war.
Es war ein schmales, schlankes, bräunliches Ding von vielleicht elf Jahren, hatte das Ende eines schwarzen Zopfs im Munde und ergriff einen Schlüsselbund. Mit diesem rasselte sie einladend.
Dann stiegen sie mitsammen hinauf.
Als sie oben waren, steckte der Schneider, der auf dem gleichen Boden wohnte, den Kopf heraus. „Na, Emeritz, vermietet?“ Sie lachte vergnügt. Sie war nicht im mindesten scheu. Das Zimmer war zwei Monate leer gestanden und daran hatten ihre Freunde, die Schneidersleute, teilgenommen. Das war eine Sache von Wichtigkeit. Der neue Herr war hier nicht so beklommen, wie bei Frau Habermaas. „Emeritz, sagen Sie?“ „Ja.“ Der Schneider lachte. „Ist sie nicht grad so ’n Vögelchen? Ich streu’ den Emeritzen den ganzen Winter Futter hinaus, da kommen sie immer an mein Fenster. Aber ich sag’ sie ist auch so. Sie ist so leicht und flink und hüpft so und hat so schwarze Augen, alles wie ein Emeritz. Ha ha.“ Dann schlug er die Tür zu, machte sie aber gleich nochmals auf: „Wünsch’ gute Angewöhnung.“ Ja, das kam dem neuen Herrn selbst so vor, als ob er sich gut angewöhnen würde. Emerenz war schon drin. Sie ging auf knarrenden Stiefelsohlen, deren Musik ihr offenbar Vergnügen zu machen schien, hin und her, tat rasch und leicht die kleinen Dienste, die der Einzug verlangte. Dann nahm sie den gläsernen Wasserkrug und ging, ihn zu füllen. Krach, flog die Stubentür und dann die Glastür zu. „Das,“ dachte der neue Herr, „muß ich ihr abgewöhnen.“ So, schon wieder erzieherisch? Er mußte lachen, als es ihm einfiel. „Ich hätte Schulmeister werden sollen.“ „Ja, das kannst du ja noch. Du kannst ja nun Musiklehrer werden,“ sagte sein Inneres. Aber da schüttelte er sich. Sein eigener Musiklehrer fiel ihm ein, ein ganz feiner, vornehmer Musiker; der war zerschunden und verbraucht vom Stundengeben. Immer wieder von vorne an, Tonleitern und Fingerübungen. „Nein, das könnte ich nicht.“ Das sagte er laut. Er wußte ja, was er wollte, zuerst und vor allem komponieren. Damit hatte er ja schon begonnen. Aber ob es damit allein ging? — „Ach, zum Donnerwetter, muß denn immer irgend ein Zweifel sein?“ Da ging er ans Klavier und öffnete es. Noten hatte er noch nicht da, aber das tat nichts. Er mußte sich nur ein wenig Luft machen und mitten in den breiten Akkorden, die er versuchsweise anschlug, kam ihm eine kleine, hüpfende Melodie zwischen die Finger. Er mußte lachen. Das war Emeritz. Er beschloß, sie auch so zu nennen, der Name gefiel ihm. War sie nicht mehr da? Doch, da stand sie, mitten in der Stube, und horchte. „Hör einmal. Weißt du, wer das ist? Das bist du.“ Da riß sie die Augen mächtig auf. „Ich? bin ich denn im Klavier drin?“ „Ja, du, da ist die ganze Welt drin, die will ich nach und nach herausholen.“ Ha ha. Der neue Herr, das war ein „gspassiger“. „Ist denn die Mutter auch drin? und der Schneider? holen S’ den auch einmal heraus.“
Da holte er den auch. Er war ein großer, starker Mann, mit einem Körper wie ein Schmied, aber mit einer weichen, hohen Stimme und einem Schelmengesicht, grauem Haar und Stoppelbart. — Sieh, da schritt er über die Tasten, schweren Schrittes und stolperte ein wenig, — „ist sie nicht wie ein Vögelchen?“ sagte er. Emeritz war außer sich vor Vergnügen. Das konnte lustig werden. Wupp, war sie draußen, knallte die Tür zu, dann hörte Georg sie drüben. Der Schneider wohnte Wand an Wand mit ihm. Sie redete eifrig. Dann kamen verschiedene Schritte, schwere und leichte. Und als es klopfte — herein — da stand Emeritz und lud mit einer Handbewegung ein. „Das gibt ein Gaudi,“ sagte ihr Gesicht. Da stand der Schneider und zwei Buben drängten sich neben ihm in der Türöffnung, und hinter ihnen sah ein dünnes, spitzes Gesicht hervor. Was? Die Spitalbäbel von Wiblingen? Nein, doch nicht. Aber so ähnlich. Jungfer Roggenbart, die Patin der Buben; sie hielt ein zerrissenes Hemd in der Hand und hatte den Fingerhut auf. Sie war am Flicken.
Na? Georg war doch etwas überrascht. Fing das so an? Das war doch ein wenig —. Aber da sah er, wen der Schneider in den Armen hielt. Ein Bübchen, so um sechs oder acht Jahre herum, blaß und elend, der Kopf lag an des Vaters Brust und die Augen, — weitoffen und glanzlos — er war blind.
„Ach, verzeihens, aber die Emeritz, ha ha, sie hat gesagt, — es ist aber doch gar zu keck, — der Herr, der hole uns alle aus dem Klavier heraus. Ha ha. Da hab’ ich gedacht — der Bub, der Theodor, das ist sein Leben, wenn er Musik hört. Er ist mein Jüngster und das Weib ist gestorben.“
Ja, natürlich durften sie hereinkommen. Sie sollten nur alle Platz nehmen, das sei dann die Einweihungsfeier. Da kamen sie, Jungfer Roggenbart machte tausend Komplimente, schließlich aber saß sie auf einem Stuhl und versuchte sich noch dünner zu machen, so, dachte sie, nehme sie wenig Platz weg.
Aber dem Herrn war es nun plötzlich nicht mehr um eine Spielerei zu tun. Das blinde Kind, und dann die kleine Gemeinde, die da so selbstverständlich saß, war das ein Zeichen, daß er nun dennoch den Geringen, Armen dienen solle, er mochte tun, was er wollte? Es schien ihm plötzlich so. Den Kindern an Jahren und den Kindern am Gemüt. Wie hatte er, damals im Wald, zu Lore gesagt? „Auch die Kunst hat ein Priestertum. Auch sie vermittelt das Göttliche an die Menschen.“ — O du Pfarrer, hatte Lore gesagt.
Da nickte er ihnen rasch zu, warm und freundlich, und spielte ihnen vor, was ihm einfiel, eine Haydnsonate, und dachte nicht, daß sie das am Ende nicht verstehen könnten. Als er sich einmal flüchtig umsah, sah er in andächtige Gesichter und spürte einen guten Geist des Aufhorchens, der belebte ihn sehr und er nahm mit ihnen die kinderreinen Töne in sich hinein.
Sie sagten nichts, als er geendet hatte, aber er sah, daß ein feiertägiges Gefühl in ihnen war und daß das blinde Kind ein feines Rot auf dem Gesicht hatte, das ging spielend auf und ab und bis unter das blonde Haar. War es etwa nichts, ein solches Rot der Freude in ein solches Gesicht zu bringen? Ja, das konnte er fühlen: dies war ein guter Anfang. Möchte er nur immer so offene Zuhörerschaft haben, auch wenn er etwas Eigenes zu geben hatte.
***
Sie gaben ihm viel damit, daß sie von ihm nahmen.
Wenn ein schwerer, reicher Mensch seine Fülle mit sich herumträgt: Gedanken und einen Widerhall von der großen Weltharmonie, dann kann ihm nichts Besseres widerfahren, als daß eine hungrige Menschenseele — oder ihrer etliche — sich, bereit und herzlich willig zum Empfangen, vor ihn hinstellt: Nun tu dich auf und laß regnen, denn ich bin ein dürres Land, das des Segens bedarf.
O, wer von uns fordert, der gibt uns überschwenglich viel. Gemeinschaft gibt er uns, und Teil an der Menschheit, deren Glied wir sind, und Teil am Leben, dessen Kind wir sind. Das alles geben sie ihm, der vergeblich versuchte, mit Seinesgleichen Verkehr, verstehenden Umgang zu pflegen.
Nach den Besten unter denen, die mit ihm desselben Weges gingen, verlangte es ihn je und je. Aber es war wohl seine Art so, sein Schicksal oder wie man das nennt: er konnte sich gerade ihnen nicht aufschließen.
Er hatte gedacht in das gelobte Land der Gleichstehenden, Gleichempfindenden zu kommen, als er nach München ging. Da spukte noch das Bild herum, das ihm Hollermann einst gezeichnet hatte: ein aufgetanes Tor, durch das sie alle schritten, bärtige Männer und Jünglinge. Und alle, alle machten Musik. Den ganzen Tag nichts anderes.
Ja, Musik. Aber er war in seinem Leben noch nicht so allein gewesen, als gerade unter ihnen. Das lag wohl an ihm selbst. Aber darum war es doch so.
Er nahm ein paarmal einen Anlauf.
Einmal, im Winter, fing er an, sich, schüchtern zuerst, dann nach und nach mutiger, an einen Lehrer anzuschließen. Der war ein feiner Musiker und ein feiner, verstehender Mensch, der ermutigte ihn und lockte allerlei Zutrauliches und allerlei von dem, was ihn schaffend bewegte, aus ihm heraus. Zweimal besuchte ihn Georg; das dritte Mal wurde er abgewiesen. Der Professor lag krank: überreizte Nerven. Dann reiste er ab, irgendwo nach dem Süden für längere Zeit. Da war Georg wieder allein.
Einmal faßte er sich ein Herz und lud drei Mitstudierende in sein Zimmer ein. Emeritz machte die Hausfrau und trug das kalte Nachtessen auf. Nachher saß sie auf einem Schemel und hörte zu. Ihr Herr spielte wunderschön, sie wußte, daß er das selber gemacht habe, was er spielte. Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte nur einen eingeladen, oder wenigstens nicht den großen, rotbärtigen Schweizer dazu, der mit gekreuzten Armen am Fenster stand und so merkwürdig lächelte. Aber gerade zu dem hatte er so einen besonderen Zug. Er fühlte aber wohl seinen Blick auf sich ruhen, so überlegen oder wie es war. Denn er verwirrte sich, fing an, zu hasten, um fertig zu werden, spielte schließlich so seelenlos, sprang dann auf: Ich bin nicht in der Stimmung, es geht nicht. Dann, unter dem Zwang der ruhig-verwunderten Blicke des Schweizers nahm er sich zusammen und spielte zu Ende.
Nachher, als sie fort waren, — sie hatten noch heftig gestritten — saß Georg am Tisch und sah stumm vor sich hin. Emeritz ging hin und her, räumte ab, blieb wieder wartend stehen. Dann sagte sie: „Heut hab’ ich was gesehen, was Feines.“
„So? Was denn?“ Er sagte es gleichgültig.
„Halt eine Prinzessin in einem rotseidenen Kleid, wissens, drüben in dem Wachsfigurenkabinet. Sie kniet am Boden und ein Räuber steht vor ihr und will sie totschlagen. Sie sieht dem Fräulein Lore gleich, bloß daß das Fräulein Lore lacht und die Prinzessin lacht nicht.“
Das hätte ein andermal gezogen. Sie führten hie und da Gespräche über Lore, deren Bild auf einer braunen Holzkonsole stand, Freude und Lebenslust in den Augen, Sonne in dem ganzen Gesicht.
Heut sah er nur flüchtig auf. Wie konnte man so strahlend aussehen?
Also das war nichts gewesen.
„Der Theodor hat eine Mundharfen ’kriegt,“ setzte Emeritz wieder an. „Er hat gern blasen wollen, so arg gern. Er kann sie aber nicht halten, seine Händ zittern so. Jetzt weint er und hat doch keine Augen. Armer Tropf du, hat der Schneider zu ihm gesagt.“
Da stand er auf und holte das Büblein herüber. So tat er hie und da. Er gab ihm ein Lied und lehrte es zuhören und freute sich, wenn er das lichte Rot der Freude entstehen sah und es störte ihn nicht, wenn ein paarmal die Tür knarrte und noch eins hereinkam. Er, der die reiche Welt hatte ans Herz nehmen wollen, war froh, wenn er ein paar Menschen fand, die er an der Hand nehmen und sie an den „Zeitstrom, der vorüberrauscht“ führen konnte: „Da, hört ihrs? nun horchet mit mir hinein.“ Und obgleich sie nichts von der Kunst wußten oder verstanden, empfingen sie doch eine Ahnung von dem großen Rauschen, das unter der Oberfläche hingeht. Das war ja auch etwas.
***
Frühling, kurz nach Ostern. Er war in einer Hauptprobe gewesen, Bach, ein Orgelstück, dann eine Kantate: „Liebster Gott, wann werd’ ich sterben.“ Er war voll davon. Den Klavierauszug trug er unter dem Arm. Als er an der Glastür war, zögerte er. Dann machte er die Tür zu der Schneiderswohnung auf. „Willst du etwas hören, Theodor?“ Das wollte er immer, das war keine Frage. Aber da war auch der Vater und die drei andern Buben und da war Jungfer Roggenbart, die saß und flickte Strümpfe. — Heut sei der Mutter Todestag, sie seien alle in der Kirche gewesen. „Ja, dann kommt nur alle mit herüber.“
Das paßte denn auch vorzüglich für heute. Nicht der Text allein — er sang ihn — die ganze Musik handelte von Sterben und Auferstehen. Aber doch mehr vom Auferstehen. Da lagen die Gräber um die Kirche her, Orgelton kam heraus, aber hier draußen war es auch lebendig. Vögel sangen in den knospenden Zweigen, ein Wind wehte hindurch, es war sicher ein Tag gemeint, wie heute, um Ostern herum. Das lag alles in der Musik, das spürten sie, sie hätten es nicht sagen können. Das lag darin, daß das Leben über den Tod siege. Es war etwas Festliches; es war wie in der Kirche und doch wieder nicht. Es gehörte ihnen so zu eigen, es schwebte nicht in Weihrauchwolken hoch oben, es war hier in der Stube. Es war ihr eigener Herr, der es spielte. Ja, so weit waren sie schon gediehen, daß sie Beschlag auf ihn legten in aller Bescheidenheit und Stille, ohne daß er es wußte.
Im Vertrauen und untereinander gesagt, es kam ihnen ein schönes, festliches Leben vor, das er führte. Wenn er nicht so gut und freundlich gewesen wäre, sie hätten es ihm kaum gegönnt. Sie mußten alle tüchtig arbeiten; er aber, wenn er morgens aus dem Haus ging, hatte er Notenhefte unter dem Arm und wenn er heimkam, machte er auch Musik. Saß er aber still über seinen Büchern, so wußten sie, daß sie ja auch davon handelten, und — ja, manchmal las er in dicken Notenbüchern, wie andere Leute im Gebetbuch. Emerenz wußte es, die war ja am meisten um ihn. So eigentlich geschafft war das nicht. Aber wie gesagt, sie hielten doch viel auf ihn. Abends war er viel aus. Da hörte er wohl auch Musik? Dann, wenn er heimkam, ging er oft noch lang in seiner Stube hin und her, hin und her, das konstatierten sie von rechts und links. Aber warum er es tat, das wußten sie nicht.
Jungfer Roggenbart saß und hatte die Hände gefaltet, denn nun ging das ganze in einen Choral aus. Da ging draußen die Vortür. Emerenz drehte rasch den Kopf. War sie denn nicht geschlossen? Nein; da wurden Männertritte hörbar, jemand räusperte sich, putzte die Füße ab, dann klopfte es. Natürlich, der Herr hörte nichts, er sang und spielte aus Leibeskräften. Der Schneider übernahm es „Herein“ zu rufen und alle hoben erwartungsvoll die Köpfe. Aber als die Tür aufging, da brach ihr Herr auch das Spiel ab, kurz und rasch. „Fritz Hornstein, du, — Mensch, — da steht er auf einmal.“ Er hatte eine Reisetasche umhängen und hatte den großen Filzhut in der Hand. Er sah so kurzsichtig auf die Leute, die Brillengläser waren überlaufen, als er ins Zimmer trat; er nahm die Brille ab und putzte sie. Dann, als er wieder sehen konnte, lachte er mit Mund und Augen. „Du hältst also hier bereits Konzerte? Das geht schnell voran, muß ich sagen. Oder — oder habe ich eine andere Versammlung gestört? Ja, jetzt seh’ ich’s: Du hast es nicht ertragen können, daß du der Theologie den Abschied gabst und fängst nun hier auf eigene Faust an — —,“ „ach laß doch, Fritz. Ich habe diesen Leuten etwas vorgespielt, das ist alles. Es sind gute Leute, feine, sie sind fast wie bei uns daheim.“
Das war ein hohes Lob, das sah Fritz Hornstein ein.
„Ja, dann laß dich nicht stören. Da ist noch ein Sitzplatz, ich höre zu.“ Aber es war gerade aus. Der Schneider nahm sein Büblein auf den Arm, und Jungfer Roggenbart knixte und dann bekam Fritz Hornstein von allen einen Händedruck, eh’ sie gingen. Zuletzt stand noch Emeritz da und machte fragende Augen. Sollte sie das Nachtessen nun dennoch bringen? Es stand schon in der Küche bereit, Tee pflegte Georg sich selbst zu machen.
„Komm her, Emeritz. Siehst du, Fritz, das ist ein verzauberter Vogel, den hab’ ich mir eingefangen, er trägt mir alles, was ich brauche, im Schnabel herbei. Es ist ein Emeritz. Sieht man’s nicht an den Augen?“ Emeritz lachte. Der Gast auch. „Ja, und am Gezwitscher, da kann man’s auch merken.“ „Sie leiht mir ihre Ohren, so oft ich’s brauche; sie kann kritisieren. Mit einem einzigen Seufzer kann sie alles sagen, was sie ausdrücken will, wenn sie mir zugehört hat, je nachdem es ein bedauerlicher, entzückter oder unzufriedener Seufzer ist. — Bring Wein, Emeritz. Ich habe ein paar Flaschen Remstäler, sie haben ihn von daheim geschickt.“ Dann waren die Freunde allein.
„Also so betreibst du deine Studien? Volkskonzerte?“
„Nein, jetzt sei ernsthaft, du. Ich freue mich, daß du da bist. Bist du für länger hier?“
„Für fünf Tage, dies ist der dritte. Ich habe, um es gleich zu sagen, eine kleine Erbschaft gemacht, siebenundvierzig Mark, nachdem die Sporteln abgezogen sind. Nun bin ich daran, sie sofort wieder hinauszubringen. Die Mühe ist nicht so groß, es ist bald geschehen.“
Ja, das wollte Georg Ehrensperger gern glauben. Siebenundvierzig Mark, — er wußte, wie das Geld hier in München davonlief, obgleich er nicht großartig lebte.
„Nein, das ist so: Ich bin Vikar bei einem uralten Pfarrherrn mitten im Schwarzwald, drei Filialdörfer und jedes zwei Stunden vom andern entfernt. — Nicht ganz zwei Stunden, — aber doch, man sieht und hört da nichts von der Welt. Man gibt und gibt aus, den ganzen Winter lang — Unterricht, Krankenbesuche — schließlich war ich so ausgebeutelt wie ein leerer Mehlsack und ging ganz trübselig einher. Vorigen Herbst noch in Tübingen und nun so. Da regt und rührt sich nichts Geistiges. Von was kann man mit den Leuten reden? Und dann, mein alter Herr. Mensch, wie lang ist das her, seit er jung war. Da hatte der aber eine Idee.
‚Sie sollten ein bißchen hinaus, Herr Vikar,‘ sagte er. ‚Nur ein paar Tage. Etwas sehen und hören. Sie werden mir sonst mauderig.‘ Ich — Käfig auf und hinaus. Der alte Herr war einst auch hier in München, als er noch jung war. Er taute plötzlich auf, als er darauf zu reden kam. Alles lag in wohlverschlossenen Schubladen in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Nun zog er eine um die andere auf. Ich sage dir, er wurde ganz jung. Ich freue mich geradezu, bis ich es ihm wieder erzählen kann, was ich nun sehe. Ich glaube fast — im Vertrauen gesagt — man bildet sich das so ein bißchen ein, daß unsereiner mit den Alten nichts anzufangen wisse. Schließlich waren sie doch auch einmal jung, nicht?“ Aber Georg Ehrensperger hatte noch nie gemeint, daß mit den Alten nichts anzufangen sei. Davor war der Rektor Cabisius gewesen, und — und die andern alle. Er war eher ein solcher, der mit den Jungen nichts anzufangen wußte.
„Und du,“ fuhr der Gast fort, „seit ich nun hier so herumstreife, geht mir’s sonderbar. In all’ dem Gewimmel und Getriebe seh’ ich mein stilles Dörflein vor mir. Ganz anders als vorher. Als ob mir hier erst die Augen aufgingen, — wie es so daliegt in seiner Wälderstille. Und alles ist so einfach und so lebendig. Wie aus dem Boden gewachsen. Und dann, meine Konfirmanden, es sind helle, aufgeweckte Kinder darunter. Heut, vor mehr als einem Bild, dachte ich, — ich war in beiden Pinakotheken, — da möchtest du deine jungen Leute hinführen. So gänzlich unverbildet wie sie sind. Da merkte ich an mir, daß doch etwas herüber und hinüber geht zwischen ihnen und mir. Ich habe nicht für mich allein genossen; immer fiel mir jemand ein, dem ich dies und jenes erzählen wolle, wann ich heimkomme.
Jetzt sag: Bin ich doch schon verbauert? Oder was ist es? Denn ich glaube, ich freue mich ja wahrhaftig wieder auf mein kleines Nest, so sehr ich alles genieße.“
„Verbauert? Du? Beneiden könnt’ ich dich. Ich, wenn ich dabei geblieben wäre, — eine kleine Landgemeinde, nichts anderes. Ich sage dir, das sogenannte geistige Leben in den Städten, na — ich kann wohl nicht so mitreden; ich bin immer meine eigenen Wege gegangen.“
„Das bist du. Aber nun von dir, Joseph, Träumerseele. Erzähl’ mir von dir, was du schaffst, lebst, liebst. Erzähl’ mit von deinem Schatz, deiner Gertrud. Ich freue mich, daß sie zu dir gehört. Ich weiß nicht, ob ich sie einem andern gönnen möchte. Am Hausweihfest, da hatte ich meine Freude an ihr. Ich dachte: der Ehrensperger, der ist ein Glückskerl. Das geht so sicher neben ihm her, und wenn er hie und da — du nimmst mir das nicht übel — davonläuft und nach farbigen Schmetterlingen hascht — dann ist es immer für ihn da, wenn er zurückkommt. So hat’s nicht jeder.
Mensch, was machst du für ein Gesicht? Hast du eine Erscheinung? Was ist mit dir?“
Gradaus sah Georg Ehrensperger und seine Augen weiteten sich.
War ein Blitz vor ihm niedergefahren? War er bisher blind gewesen? Gertrud — Gertrud? War sie nicht seine Schwester? Nicht sein bester Kamerad? War es möglich, daß sie —? Ach nein, das war es nicht. Oder? Sie war nicht mehr die Alte und er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht. War es das? Um Gottes willen. Er atmete hastig auf. Nein — doch? „Nein.“
Das sagte er laut. Er zwang sich zum Lachen. Er lachte hart und kurz auf.
„Diesmal hast du doch nicht recht gesehen, Alter. Gertrud und ich sind wie Geschwister. Sie ist — wir sind nichts weniger als verliebt ineinander. Ha—ha. Und kurz — ich bin — ich dachte, du hättest das gemerkt, mit Lore Maute verlobt, so gut wie verlobt. Ja, eigentlich kann man wohl so sagen. Ich sage es dir, es ist ja natürlich noch in weitem Feld.“
„Was?“ — Der Gast war unsäglich verblüfft. Er konnte es nicht gleich verbergen. Lore? Er kannte sie, das heißt, so flüchtig. Er hatte schon mit ihr getanzt und gelegentlich ein wenig gescherzt. Lore? Ja, aber dann —. Er konnte es nicht lassen, er pfiff leise zwischen den Zähnen.
„Nun, dann verzeih’,“ sagte er trocken. „Das habe ich freilich nicht gewußt.“ Und sonst sagte er nichts.
Da fing Georg Ehrensperger an, eifrig von seinem Leben und von seinen Studien zu erzählen. So still er vorher gewesen war, so lebhaft wurde er nun. Als sollte weder ein Wort noch ein Gedanke mehr dazwischen fallen.
„Das heißt geschafft,“ sagte er, „kann ich dir sagen. Vom Morgen bis zum Abend. Üben, üben, üben. Dann Tonsatz, Kompositionslehre — Selbststudium, so viel dazwischen Platz hat. Abends Konzerte, Opern. Aber es geht mir anders damit, als ich dachte. Mensch, es kann nichts Neues mehr geben. Es ist alles schon da. Größer, gewaltiger, als es noch einer sagen kann. Manchmal ist es mir, als ob das alles, was ich in mir selber hatte, in graue Fernen entschwände. Wo ist es? Was war es nur? Und was bin ich selbst? Ein Zwerg bin ich, der vor lauter Riesen steht.
Als ich noch ein halbwüchsiger Bub war, dann ein Student, da war es mir, als ob ich Erd’ und Himmel in mir trüge und es alles klingen lassen könne. Dann fand ich Lore — und sie mich. Da war alles Jubel und Reigen. Nun muß ich mich da hindurchbeißen, durch all’ das Fremde, und dann versuchen, ob mir noch etwas Eigenes bleibt. Aber,“ er straffte sich unwillkürlich, „das will ich auch.“
Er sah flüchtig nach dem Nebentisch hinüber. Dort lag eine dicke Mappe. Sprach sie nicht laut davon, daß er es tat?
Sein verschwiegenstes Schaffen war darin, aller Jubel und alle Angst und alle auffahrende Ungeduld, alle Hoffnung und alles Streben.
Dort lag die Mappe und rührte sich nicht. Nein, er wollte lieber nichts von ihr erzählen.
„Das will ich auch,“ sagte er nochmals, wie um sich selber zu vergewissern.
„Sie sagen alle: ohne ernstes Studium geht es nicht, ohne Lehrer auch nicht. Also. Obgleich es mir oft ist, als ob es mich arm mache und leer. Denn das ist ja nicht meines, was ich treibe, das ist das der andern. Dann geh’ ich einen Tag lang fort, hinaus, auf den Starnbergersee, nach Nymphenburg, in den Wald, irgendwo, wo ich mich auf mich selbst besinnen kann. Dann hör’ ich es wieder von weitem.“
Er sprach unruhig, erregt, so, als ob unten in seiner Seele ein starker Wellenschlag wäre. Es wetterleuchtete in seinen Zügen von Glück und Not.
Und Fritz Hornstein sah ihn an und mußte ihn liebhaben trotz seiner Enttäuschung mit Gertrud Cabisius.
Einen Augenblick überlegte er auch, ob er nun nicht die Einladung des Rektors annehmen solle, ihn und die Enkelin einmal zu besuchen. Nun konnte er ja ruhig hingehen, er kam dort niemand ins Gehege. Aber dann schüttelte er den Kopf: „das ist keine von denen, die den Gegenstand vertauschen.“
***
Als die Freunde auseinandergingen, war es spät in der Nacht. Sie waren schließlich im Dunkeln gesessen.
Nun, als er allein war, zündete Georg die Lampe an und holte ein kleines Bündel Briefe hervor. Nur ein kleines. Sie waren von Gertrud und sie hatte nur selten geschrieben. Lorens Briefe lagen daneben; viele kleine, leichte Blätter, oft nur halb beschrieben, hellfarbiges Papier, ein schwacher Duft von Maiglöckchenessenz kam ihm entgegen. Zwischen den zierlichen und oft ein wenig hüpfenden Buchstaben sah ihm ihr helles, lachendes Gesicht heraus.
Gertruds Briefe, ihre festen, weißen Bogen mit den klaren, geraden Schriftzügen, lagen so schlicht dabei.
Warum konnten sie nur nicht mehr miteinander gehen wie in der Kinderzeit, alle drei? Da stieß er die Schublade zu, daß die Lampe klirrte und setzte sich an den Tisch, um zu lesen.
Und wie er las, ein Blatt ums andere, da war es ihm, als ob er Gertrud von weitem sähe, wie sie abschiednehmend grüßte und mit der Hand winkte: nun ist es alles aus und vorbei.
Er versuchte, es nicht zu glauben, was Fritz Hornstein gemeint hatte.
Es waren ja so herzlich einfache Briefe. Sie fragten nach seinem Leben und Schaffen, zart und ohne zu drängen. Dann erzählten sie vom Rektor Cabisius, daß er nun fast blind geworden sei, aber aus seiner reichen, inneren Welt heraus so viel sonniges, liebreiches Leben spende, und dann einiges von Gertrud selbst. Das heißt von dem, was sie arbeitete und las und ein weniges von dem, was sie drüber dachte und von dem sie meinte, daß es ihn beschäftigen könne. Und immer etwas, das ihm Mut machen sollte.
Aber wenn er die Briefe zum zweitenmal las, dann war es ihm, als ob jeder Satz etwas verhalte, etwas Unausgesprochenes. Als ob die rechte Hand geschrieben und die linke vorsichtig eine wunde Stelle beschützt hätte, die keine Berührung vertrage. Da senkte sich eine schwere, bittere Traurigkeit auf ihn. Er hörte die Betglocke auf dem Wiblinger Kirchenturm und sah die Lichter hinter den Scheiben brennen und wußte, daß er nach Hause mußte und konnte doch nicht.
Bitterlich kam da das Heimweh über ihn.