Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Es ist eine alte Geschichte und schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte. Sie ist schon oft erzählt worden in vielen Sprachen, zu allerlei Zeiten. Sie ist die Geschichte vieler. Ja, sie geht durch die ganze Menschheit hindurch. Wer erlebt sie nicht mit? Nur die ganz Satten, ganz Heimischen wissen gar nichts davon zu sagen. Die andern alle sind irgendwie am Suchen und sind es ihr Leben lang und bis an den Tod.

Aber es sind doch immer noch einzelne, die Sonntagskinder, die Horchenden, von denen wir schon einmal geredet haben, denen vom Paradies her noch das Rauschen der vollen Lebenswellen in den Ohren klingt, die sind von einem Verlangen getrieben, sie wieder zu hören, ganz rein, ganz stark, — und die andern auch hineinhorchen zu lassen.

Still!

Es ist ein langer, schweigender Zug, der an unsern Augen vorübergeht.

Auch jener gehört dazu, der ahnend sagte: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Auch Er — ach er wie kein anderer, der seinen Glauben und seine Liebe durch eine Welt voll Enttäuschungen und Mißerfolge und Nichtverstehen hindurchtrug und dennoch in der letzten Stunde noch einem armen Menschen versprach, daß er jetzt dann gleich — heute noch — sagte er, mit ihm das Rauschen der Paradiesesströme hören werde.

Auch Jabal und Jubal, als sie zum erstenmal Pfeifen schnitten und versuchten, das, was sich nicht in Worte fassen ließ, den Menschen in Tönen zu sagen.

Auch alle Propheten und Dichter und Künstler und Priester aller Zeiten und Völker, so fern sie nur wahrhaftig das, was vom Ewigen in ihrer Seele lebendig wurde, — und nichts anderes — aufnahmen und ihm nachgingen, immer hinter ihrem Glauben und ihrer Hoffnung her, immer wieder in die Stille gehend und sich sammelnd, wenn ihnen die Melodie verloren ging, immer wieder den andern mitteilend, dass sie Gott in und hinter dem Leben vernahmen.

Auch jener alte Mann gehört zu ihnen, den Georg Ehrensperger am Abend eines Tages, an dem ihm allerlei Hoffnungen fehlgeschlagen hatten, in der kleinen, grauen Kapelle am Isarufer fand, von einer Schwäche befallen, und den er sorgsam nach Hause führte. Der hatte in seiner Stube, vier Treppen hoch in einer engen Gasse, achtundzwanzig Mal dasselbe Bild an der Wand, in Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen und in Aquarellfarben ausgeführt, einigemal sehr mangelhaft, einigemal besser, einmal in einer reifen warmen Schönheit. Es war ein Stückchen kahle Heide, an deren Rand ein kleiner Weiher lag, in dem sich eine Birke spiegelte. Ein armes, einfaches Stück Land, aber auf dem letzten Bild war alles, Heide, Weiher und Birke vom Lichte der scheidenden Sonne golden übergossen. Man sah den feurigen Ball nicht mehr, nur die Flut des segnenden Lichtes, das von ihm ausging. Kein Läublein schien sich an der Birke zu rühren, kein Wellchen in dem Weiher, kein Gräslein in der Heide; es war, als ob alles den Atem anhielte, um nicht durch eine Regung einen funkelnden Tropfen des goldenen Reichtums zu verlieren.

„Ich habe nichts sonst zu hinterlassen,“ sagte der alte Mann, als Georg still davor stand, „nichts als das, wenn ich davon gehe. Ich habe es hundertmal versucht, es schien mir ein Bild meines Lebens zu sein. Aber die Sonne hat mich doch gesegnet, einmal doch. Sie ist doch da, auch wenn man sie nicht sieht. Man muß nicht an ihr verzagen. Man kann sie nicht so malen, wie sie ist,“ er lächelte fein, „ich einmal nicht; — wir haben auch wohl keine Augen, um hineinzusehen — höchstens wenn sie sinkt, ganz zuletzt. Aber sie segnet uns doch.“

Und Georg wußte, daß ihm hinter dieser Sonne eine andere stand, der er nachging in Liebe und Verlangen, und daß er hoffte, irgend einmal rechte Augen dafür zu bekommen.

Ja, er gehörte auch zu jenem stillen Zug, von dem wir sprachen. Und Georg Ehrensperger auch.

Sie wissen nichts von einander, oder doch nur selten. Sie gehen viel allein, in Armut und mit sehnlichen Herzen, und es gehört zu ihrer großen Hoffnung, daß irgendwann einmal das große, herbe Alleinsein aufhöre.

Alle guten Geister....

Da grüßen sie einander durch Länder, Zeiten und Ewigkeiten hindurch und sind dennoch eine Gemeinde untereinander. Es ist eine alte Geschichte und oft ist es auch eine leidvolle Geschichte, schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte.

Wenn er es in sich selber vernimmt und seine Finger sind schwer und seine Geige hat keine Saiten dafür.

Wenn die andern herumstehen und die Köpfe schütteln: Was ist das? Das ist wirres Zeug, dunkles. Ein Narr bist du.

***

Der Frühling und der Sommer war vergangen, es war Herbst geworden.

Daheim in Wiblingen lag die Sonne auf den reifenden Trauben in den Weinbergen und auf den Apfelbäumen droben am Berg in dem Obstgut, wo einst die Kinder miteinander Kirschen gebrochen hatten, und auf Lore Mautes breitrandigem Strohhut, unter dem ihr lachendes Gesicht hervorsah. Sie stand unter einem Rosenapfelbaum und hatte einige niedrige Zweige zu sich heruntergezogen und brach die reifen Früchte in einen Korb. Oben auf einer Leiter stand Franz und hatte einen Zwerchsack umhängen. Er war an der gleichen Beschäftigung. Heitere Reden flogen hinauf und hinunter, neckische Sonnenlichter tanzten in den Zweigen, im herbstlichen Duft und in glänzenden Farben lag die Landschaft da.

Es saß einer fern davon am Isarufer und sah in die ziehenden Wellen des Flusses, auf denen auch die Sonne lag und hatte doch ein anderes Bild vor Augen, das schützte er sich nach einer Weile mit der vorgehaltenen Hand, damit es ihm nicht vergehe. Darauf war mit freundlichen, warmen Farben die Heimat gemalt, das ganze Städtlein und die Berge und Felder ringsumher und die Häuser und die Menschen. Ach ja, die Menschen. Ihrer bedurfte er am meisten zu dieser Stunde. Dachten sie seiner? Einige waren, die wußten, was er jetzt, heute, vorhatte. Da stärkte er sich im Gedanken an ihr Dabeisein, an Lores vor allem. Sie ging es vor andern an, darum schuf er sich von ihr, was er in ihr suchte, treues und ernstes Gedenken.

Als es von einem nahen Kirchturm sechs Uhr schlug, stand er auf, mit stillem, gefaßtem Gesicht, obgleich es hinter seiner Stirn und in den Händen pochte und zuckte, und ging in die Stadt. Es war Zeit. Drinnen auf der Theresienwiese ging es laut und farbig zu. Es war ein Menschengewühl und ein Gelärme von schriller Karussellmusik, von Moritatensängern und Schießbudenausrufern. Das Oktoberfest hatte begonnen. Durch all das Gewühl hindurch ging Georg Ehrensperger seiner Wohnung zu. Wie es ihm plötzlich im Ohr klingelte, als wollte sich etwas anmelden von ferne her. Das war’s, der Lärm rief es in ihm wach, er hatte lang nicht an jenes hinterlassene Wort des alten Hollermann gedacht: „wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen. Und darf nicht fragen: ist es so den Leuten recht? Sonst lärmen ihm die Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte dazwischen.“

Ja, aber jetzt mußte er doch darnach fragen, jetzt, da sein Werk fertig dalag und nach Menschen begehrte, zu denen es reden könne. Es sollte ihm nicht gehen, wie jenem alten Musiklehrer, den er kannte. Der hatte ihm einst geschriebene Noten gezeigt, drei Schubladen voll, lauter eigene Kompositionen, die nie vor Menschenohren hatten klingen dürfen, weil sie ihm niemand abgenommen hatte. „Da steh’ ich manchmal davor,“ hatte er gesagt, „und höre, wie es da drinnen wimmert und klagt und heraus will. Noten sind doch lebendig, — lebendig begraben sind sie.“

Nein, so nicht, so sollte es ihm nicht gehen.

Da stieg er seine Treppen hinauf. Emeritz kam ihm entgegen, als er die Tür aufschließen wollte. „Der alte Herr ist schon drin, der eine, der schon zweimal dagewesen ist.“ Sie sah wichtig und feierlich aus. Da atmete Georg auf. „Der alte Herr,“ das war der Lehrer, der sich so freundlich und verstehend um ihn angenommen hatte. Der half ihm, der so allein für sich hingegangen war, auch jetzt, daß einige Männer, Musiker von Fach, und einige Laien, die im Geruch standen, etwas rechtes zu verstehen, sich bereit fanden, einmal eine oder zwei Stunden daran zu rücken und sich das Werk des jungen Sonderlings, der so eigene Wege ging, vorspielen zu lassen, wenn auch nur im Klavierauszug. Man konnte doch sehen, ob etwas daran war. Denn einen Verleger dafür hatte er nicht gefunden, „bis jetzt noch nicht,“ hatte er nach Hause geschrieben.

Das sollte nun heute geschehen.

„Grüß Sie Gott.“ Der alte Herr schüttelte ihm die Hand.

„Lassen Sie sich nicht draus bringen, durch nichts. Das Leben ist ja doch noch mehr, als die Kunst.“

Georg mußte ihn scharf ansehen. Steckte etwa der Rektor Cabisius hinter ihm? So hätte der auch sagen können.

Aber da klingelte es schon, und wieder, und wieder. Die Stube füllte sich, man begrüßte sich, man tuschelte, räusperte, nahm Plätze ein. Dann war es Zeit, anzufangen.

Alle guten Geister ...

Die Herren hatten ein beschriebenes Blatt in der Hand, eine Einführung in das Ganze. Darüber steckten sie die Köpfe zusammen. Er hatte es selbst geschrieben zum besseren Verständnis.

Georg zwang sich, nicht mehr nach ihnen hinzusehen.

Dann fing er an. Dann breitete er alle die Zeugen seiner stillen Stunden, der frohen und der bösen, vor fremden, horchenden Ohren aus. All’ sein Ringen mit dem Innersten, das es gab, daß es einen Ausdruck finde, das zeigte er diesen Leuten. Eine Zeitlang ging es gut. Er hielt sich fest am Zügel: Nicht denken jetzt, nicht fragen. Aber dann lief doch ein Gedanke zu einem Spalt hinaus: Ob einer, auch nur einer, mit dem Herzen dabei ist? Und eben, als er das fragte, bekam sein einziger näherer Bekannter unter ihnen den Schlucken und schluckte ein paar mal laut hinaus, eh’ er Zeit fand, es zu unterdrücken. Es war ein nervöser Reizzustand bei dem Mann, das wußte Georg, er störte ihn oft. Aber warum kam es gerade jetzt? — Weiter — Aber der Spalt ließ sich nicht mehr schließen. Ein Unruhgeistchen um das andere schlüpfte herein und saß auf den Tasten oder rumorte in seinem Gemüte. Alle Fehler, die sein Werk hatte — und es hatte deren viele, wenn man es kritisch ansah, — die fielen ihm jetzt auf, mehr, immer mehr. Es war ihm, als ob er sie zählen müsse. Und in seinem Kopf klopfte etwas hart und hölzern den Takt dazu, tak — tak — tak.

Seine Lieblingspartieen kamen, da eine, dann wieder eine, dahin wollte er sich retten, wie auf selige Inseln. Einmal gelang es auch, da atmete er auf und wußte: das ist schön, da mögen sie sagen, was sie wollen. Aber dann mußte er wieder weiter schwimmen, und da hörte er hinter sich ein Stühlerücken und — hatte da nicht der Deckel einer Dose geschnappt? — Weiter. —

Aber er war nicht mehr der Geiger, der das schönste Lied suchte, er war es nicht mehr selbst, er selbst, wie während des Schaffens. Er saß daneben und spielte etwas fremdes, das sagte nicht das, was in ihm lebte, es war anders und er kannte es nicht mehr.

Hilf mir, guter Geist, — bleib bei mir! Bleib da drin, in diesen Tönen, wie du drin warest, als ich sie schuf. Wo bist du? — Jemand stand auf und ging, jemand trat ans Fenster und öffnete einen Flügel, da gellte wie ein Hohnschrei die Jahrmarktsmusik herein. Darauf wurde er freilich wieder geschlossen, aber der Schrei blieb hier drinnen.

Er wußte, daß er bis zum Ende spielen mußte. Sie saßen doch nun einmal da, und er saß auch da, und die Noten standen auf dem Papier. Aber er wußte auch, daß dann irgend etwas sonst noch zu Ende sei. Was? Nicht denken jetzt, fertig machen.

Und plötzlich spürte er wieder so ein Summen und Klingen im Ohr, wie vorhin auf der Straße. Und er wußte, daß da drüben, Wand an Wand mit ihm, die kleine Gemeinde der Hausfreunde sei und liebend horchte, mit dem Herzen, nicht nur mit den Ohren, — und dann taten sich die Wände auf, und weiterhin auf der Welt waren noch mehr solche Menschen, und — ja und Gertrud Cabisius sah ihn an, ganz wie einst und horchte auch. Da schwanden die Ängste, die fast körperlich gewesen waren, und die Männer hinter ihm. Wie im Traum spielte er weiter und merkte nicht viel davon, daß es allmählich unruhig wurde in der Stube, und daß jemand neben ihn trat, um zu sehen, ob es noch nicht bald aus sei, und daß eine fette Stimme etwas von absolutem Mystizismus sagte, und daß der Inhaber dieser fetten Stimme ging, eh’ es aus war.

Er ging hinter seinem Lied her und es war ihm, als ob sich, wenn nun der Schluß kam und die Saiten sprangen und der Geiger starb, die vollen Chöre von drüben herüber hören lassen müßten, von daher, wo es „bessere Geigen“ gab.

Aber es geschah nichts so Wunderbares.

Es geschah ein Stühlerücken und Aufstehen und er selbst merkte, daß er auch aufstand und daß einiges zu ihm gesagt wurde, und daß ihm jemand ein Glas Wasser einschenkte und hinhielt. Da trank er und kam in die Welt zurück, und sie schenkte ihm auch einen Becher ein, der war gefüllt mit einiger zögernden Anerkennung dessen, was „immerhin musikalisch“ daran sei, und ein wenig Hoffnung, daß „bei tüchtigem Studium schon noch etwas herauskomme“, und mit viel lächelnder Gleichgiltigkeit. Da wußte er und war plötzlich wach geworden, — es war ein scharfes, wehtuendes Wachsein, — daß er zu denen gehöre, die das hohe Lied des Lebens, das in ihnen erklingt, nicht singen können, nicht so, daß es in den Menschen widerhallt. Da sprang auch in ihm eine Saite. „Die wird nie wieder ganz.“ Das wußte er. Einmal bekam er einen guten Händedruck. Der war von dem „alten Herrn“. Aber es brauste so wunderlich in Georgs Ohren, er hörte nicht recht, was gesagt wurde. „Ich komme morgen wieder, ich habe Ihnen allerlei zu sagen.“ Dann ging der alte Herr zögernd fort. Er stieg allein hinter den andern drein die Treppe hinunter; das Herz war ihm voll. Das war doch echte Musik gewesen, dennoch, obgleich er, der sie geschaffen hatte, wohl nie zu den Meistern zählen würde, die die Welt anerkennt. Er wollte es ihm sagen, morgen. Als Georg sich nach einiger Zeit umsah, war er allein.

Nicht ganz allein. Emeritz stand an der Tür und machte fragende Augen. „Ob Sie nicht zum Theodor kommen könnten?“ Aber sie fragte umsonst. Er rührte sich nicht. Er saß da, wie einer, der nun nicht mehr weiter kann und auch nicht will und nicht weiß.

Da wetterte sie in ohnmächtigem Grimm und Mitleid die Stubentür und dann die Gangtür zu, und polterte die Treppen hinunter; essolltepoltern, sie wollte es so. Und schwang dabei die Schultasche, die sie in der Hand hatte, daß die Schiefertafel am Treppengeländer verkrachte. Aber mochte sie doch verkrachen, es gab noch mehr Verkrachtes in der Welt. Sie hatte deutlich gehört, was die Herren beim hinuntergehen zueinander sagten; es war viel Spöttisches darunter gewesen, und sie hatte es sofort den Schneidersleuten erzählt und wollte es jetzt der Mutter erzählen.

Aber sie wußte nicht, daß er, dem ihr grimmiges Mitleid galt, droben in Hast und Eile eine Reisetasche packte und nach dem Fahrplan sah. Es war ihn plötzlich angekommen, heimzugehen. Was sollte er noch hier? In seiner Kammer neben dem Taubenschlag wollte er sich besinnen, was nun aus seinem Leben zu machen sei. Und er wollte sich von Liebe umfangen und trösten lassen, und am Glauben der Liebe wollte er wieder an sich selbst glauben lernen.

***

Als der alte Herr am andern Tag wieder kam, um sich mit Georg zu besprechen, da saßen Theodor und Emeritz schluchzend beisammen. Er sei fort, sagten sie, in aller Frühe sei er abgereist, und ob er wieder komme, das wisse kein Mensch. Hier liege auch ein Brief an ihn, den müsse man ihm nachschicken nach Wiblingen. Und dann schmiegten sie sich von neuem aneinander, um ihre Betrübnis besser tragen zu können. Lorens Bild aber lächelte noch von seinem Eckbrett herunter. Das hatte er zurückgelassen? Er war ja zu ihr selbst gegangen.

***

Es war eine Zeitlang, wohl drei Monate, nachher. Ein stilles Zimmer, grün gestrichene Wände mit wenig Schmuck daran. Beim letzten Schein der sinkenden Sonne saß einer und schrieb.

„Weißt du noch, Gertrud, das Märchen von dem Fuhrmann, der „noch nicht arm genug“ war? Zuerst fiel ihm sein Pferd, dann sein Hund, dann seine Frau, dann sein Haus, dann er selbst. Nun, ich selbst lebe noch. Und vielleicht bin ich jetzt auch arm genug. Denn mehr als mich selbst — und was für ein Ich — habe ich nicht mehr. Es lebt aber irgendwo in mir etwas wie eine tiefe, schauerliche Freude, dochzuleben und dazusein. Das muß für den Anfang genügen. Es muß ja auch denen, die um mich herum sind, genügen, zu leben. Denn viel mehr als das Leben selbst haben sie, die nicht einmal das Licht sehen können, nicht.

Ich will aber versuchen, dir alles der Reihe nach zu erzählen, du bist es wert, du Getreue. Es ist nur nicht leicht, und du mußt verzeihen, wenn hie und da eine Blase aufsteigt und zerplatzt, ich habe hie und da noch einen bittern Geschmack in mir. Es wird ein langer Brief werden.

Also das hast du erfahren, ich schrieb es mit drei Worten deinem Großvater, und du, die du sein Auge bist, hast es ihm wohl vorgelesen: Es war nichts mit dem Lied, das ich singen wollte. Davon zu reden nützt ja nichts. Du weißt, wie es von Anfang an war: als ich mich von der Theologie abwandte, weil sie mir zu groß und zu schwer war, da mußte ich erfahren, daß etwas von ihr meinem Wesen gemäß sei und meine tiefste Neigung besitze. Als ich vor der Kanzel floh, weil ich der Meinung war, daß man den Glauben nicht lehren könne, das Innerste im Menschen, das allem Zugang der Menschen verborgen sei, — da merkte ich erst, daß ich dennoch einen Zug dazu hatte, ihnen zu predigen, wenn man so sagen will. Ich wollte ihnen etwas bringen, ein Aufhorchen auf das, was die Stille redet, einen Glauben an das Innerliche, Unsichtbare, das erst das eigentliche Leben ist, und daran, daß die Sehnsucht nach dem Ewigen Recht behalte.

Und weil mich Worte dazu so unvermögend und arm dünkten, wollte ich versuchen, es in Tönen zu sagen.

Meiner eigenen Sehnsucht und ihrer wollte ich damit nachgehen. Nun, du weißt es, ich bin beides nicht, kein Priester und kein Künstler. Ichwolltees nur sein. Anderesindes, das ist der Unterschied.

Aber genug davon. Ich war noch nicht ganz arm. Ich hatte ja noch meine Liebe. Das war Schmerz und Trost zugleich. Schmerz, weil ich ihr noch kein Haus bauen konnte, — ich wollte jetzt mit ihr beraten, wie es zu machen sei, und wollte ihr auch die Freiheit anbieten; aber mein Herz lachte: das nimmt sie nicht an. — Und Trost, weil ich von jemand sagen konnte: meine Heimat du.

Daß ichdirdas erzähle, Gertrud. Aber ich habe sonst keinen Menschen und du hast von Kind auf zu mir gehört.

Ich bin zu spät gekommen. Sie hatte so lang gewartet, als sie konnte. Als ich kam, saß sie an der Nähmaschine und nähte rot- und weißgestreifte Hemden für Franz, und Franz bog eben ihren schönen Kopf zurück, daß er in seinen beiden bloßen Armen lag und sie hatten ein Lachen des Glücks in ihren Gesichtern. Zu lachen, Gertrud, hatte sie nicht viel bei mir, und sie lacht so gern und ist so schön, wann sie lacht. Ich hoffte, es später auch noch zu lernen. Aber es hatte zu lang gedauert. Da ging ich leise von der Tür zurück, die war offen gewesen, und stieg in meine Kammer hinauf. Weißt du, Gertrud, meine Kammer unter dem Dach. Später kam Lore nach. Der Lehrling hatte mich hinaufgehen sehen und es ihr gesagt.

Ich darf ihr nicht zürnen, Gertrud. Sie konnte nicht anders. Franz, der ist ja mein Bruder, der hätte eigentlich —, nun, es hat wohl so sein müssen. Was ist eine Liebe, die keinen Boden hat, keinen rechten, natürlichen Nährboden? Er aber ist Bäcker, Weinwirt und Hausbesitzer und — ich darf nicht bitter sein, ein heiterer, nüchterner Mensch, der keinen vergeblichen Träumen nachgeht. Nur, ich habe sie sehr geliebt, und eine Seite ihres Wesens, die ich kenne, die hätte doch wohl zu mir gepaßt.

Zu dir konnte ich damals nicht gehen, Gertrud, das verzeihst du mir. Es zog mich mit Gewalt zu dir, und du hättest mich aufgenommen. Aber ich konnte doch nicht.

Eins noch aus jenen Tagen: ich kann so gar nicht durchfahren. Ich hätte, wär’ ich ein ganzer Mann gewesen, sogleich wieder gehen sollen, irgendwo hin. Ich gehörte ja doch nicht in dieses Haus. Aber sie kamen herauf und setzten mir auseinander, wie es gegangen sei, ganz verständlich, es war gar nichts dawider zu sagen, und Lore bat mich tausendmal, zu sagen, daß es so besser sei auch für mich. Ich glaube, ich habe sogar so etwas gesagt. Da blieb ich drei Tage. Ich war auch so stumpf und müde. In dieser Zeit schickten sie mir einen Brief von Fritz Hornstein nach, der fragte mich, ob ich „noch nicht genug von der Freiheit“ hätte. „Denn du gehörst ja doch zu uns und in ein Amt gehörst du auch.“ — So? In ein Amt? In was für eins? Ich mochte nicht weiterlesen. Wie ein verlorenes Paradies stand das Ideal meiner Jugend — du kennst es, — vor mir. Sollte es jetzt gut genug sein für einen verlaufenen Musikanten?

Es schüttelte mich. Ich war ja ärmer als je. Was hatte so einer, wie ich, zu geben?

Aber schließlich las ich doch weiter. Falls es dir mit dem Neuschaffen nicht so klappt — verzeih’, daß ich das für möglich halte, aber es kommt ja vor und ich meine, in deinem letzten Brief so etwas gelesen zu haben —“ (ach ja, ich meine es auch), „ich wüßte dir einen Posten, dem ich dich gönnen möchte, wenn er dir auch nicht lang genügen wird. Es wird von einer Blindenanstalt ein Musiklehrer, der auch sonst einige Stunden, am liebsten Religion und Weltgeschichte, und etwa Literatur zu geben hätte, gesucht.

Seit ich das weiß, muß ich immer an dich denken, wie ich dich unter dem Häuflein armer Leute antraf, damals in München. Du magst machen, was du willst, du gehörst dennoch zu uns. Im übrigen wirf mir getrost einige Grobheiten an den Kopf, falls es dir nicht paßt.“

Jetzt bin ich da, Gertrud, und merke erst, wie arg zerbrochen. Ich will aber versuchen, zu leben und nun dennoch —.“

Als Georg Ehrensperger, Musiklehrer und Vikar der Blindenanstalt, droben in seiner einsamen Stube im dritten Stock soweit geschrieben hatte, legte er die Feder weg und es flutete in heißen Wellen über ihn hin, daß er nicht wußte,waserdennochwollte, und er ließ den Kopf tief auf die Brust herabsinken und saß mutlos da.

Da ging die Tür geräuschlos auf und ein Zögling des Hauses, ein blasser, feiner Jüngling mit lichtlosen Augen stand da und sagte: „Ich habe geklopft, aber Sie haben es nicht gehört. Es ist Besuch für Sie da.“

Besuch?

Feste, wohlbekannte Tritte auf dem Gang, eine liebe Stimme.

„Georg.“ Da trat sie, der er soeben sein Herz ausgeschüttet hatte, herein zu ihm und nahm ihn bei der Hand. „Grüß Gott.“

Er konnte nicht gleich reden. „Gertrud.“ Das war alles. Es war auch nicht nötig, mehr zu sagen, er schickte sie nicht fort, das merkte sie dennoch.

„Da, lies, das ist für dich,“ sagte er.

Aber sie wußte ja alles. Ahnte er denn nicht, wie sie mit ihm fortgelebt hatte?

„Wie kommst du hierher, Gertrud? Wie hast du mich gefunden?“

Eine tiefe Röte überzog ihr ernstes Gesicht. Sie kämpfte einen Augenblick mit der Versuchung, ihm zu sagen, daß sie ein Kind im Hause besucht und nicht habe versäumen wollen, ihn auch —. Weg damit. „Ich bin nur zu dir gekommen.“ Das Herz schlug ihr bis an den Hals, aber sie sagte es dennoch. „Ich mußte, ich habe immer zu dir gehört, Georg. Ich habe so lang gezögert, ich hatte — ach, das ist ja gleich. Da bin ich.“

Da zum erstenmal seit — ach seit langer Zeit, überkam ihn eine Bewegung, die warm und weich und schmerzvoll zugleich war und die heiße Tropfen in seine Augen trieb und auf seine Hände fallen ließ. Er dachte nicht daran, sie zu verbergen. „Du bist — mein guter Kamerad,“ wollte er sagen, aber es ging nicht, er schüttelte den Kopf. Da sagte sie es selbst. „Das will ich jetzt auch sein.“

Er mußte sie ansehen. Er hatte sie ja lang nicht gesehen.

Es war eine ernste, reife Schönheit in ihrem Gesicht und Wesen; sie sah älter aus, als ihre Jahre es wollten, aber so sicher und aufgerichtet und auf irgend eine Art froh, von innen heraus. Nun saß sie neben ihm.

Sie las seinen Brief, damit er nicht reden mußte. Dann legte sie ihn zurück auf den Tisch.

„Und nun dennoch?“ fragte sie leise mit den letzten Worten des Briefs.

Da schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich meinte, dennoch irgend einen Teil an den Menschen haben. Aber ich weiß nicht, welchen. Ich habe ihnen nichts zu geben. Ich habe nur einen starken Zug zu ihnen, das ist alles. Ach, Gertrud, es geht ein Riß durch mein Leben hindurch. Der läßt sich vielleicht notdürftig flicken, mehr nicht. So viel Mißratenes, so viel verlorene Zeit, vergebliches Streben, unklares Wollen, — ach, es ist nicht aufzuzählen. Und dann auf einmal gar nichts mehr zu haben, nichts, Gertrud. Weg ist alles Schöne, auf das man hoffte, weg wie ein Traum.“

„Das verstehe ich besser, als du denkst,“ sagte sie, und verbarg ihm ihre Augen nicht.

„Man glaubte ein Ziel zu haben, einen eigenen, bestimmten Inhalt für sein Leben, und auf einmal steht man da und hat ganz leere Hände.“

Das mußte sie erlebt haben, das spürte man, und Georg wußte nun, daß auch das wahr sei, was er sich hie und da auszureden versucht hatte, daß er ihr, an die er nicht in einer solchen Liebe gedacht hatte, das Leid des Lebens gebracht hatte. Das kam auch noch hinzu, er senkte den Kopf noch ein wenig tiefer.

„Aber das wird wohl so sein müssen. Die den Armen etwas bringen wollen, eine Liebe oder eine Botschaft, die müssen selber arm gewesen sein. Wie könnten sie sonst die andern verstehen? Warte du nur, es geht dir nichts Gutes ganz verloren, du mußt es nur zuerst wagen, ohne alles dazustehen, ganz allein und ohne Besitz.“

Sie zögerte, ob sie das auch noch sagen solle, was ihr von unten heraufstieg und auf den Lippen lag, dann fuhr sie leiser fort, wie man von einem schönen Geheimnis redet: „Es bekommt alles ein anderes Gesicht für einen von da an. Alles, auch Er, du weißt, wen ich meine. Von dem ihr so oft so zaghaft redet — ich meine, ihr Theologen, weil ihr nicht recht wisset, wo ihr ihn unterbringen sollt. Von da an, wo man sich wundert, daß er die Armen selig preist. Gerade die, die es in sich selber — im Geist, sagt er, — sind. Er muß es auch gewesen sein, sonst könnte er es nicht tun. Dann wüßte er es nicht. Da tritt er einem ganz nah, ganz nah. Alles versteht man anders von da an. Da geht ein neuer Weg in die Welt hinaus, zu den andern. Man versteht sie, wenn sie schwer an sich tragen und hat sie lieb. Das spüren sie. Das schließt sie auf. Ach — fang’ nur an — sagen ist nichts, erleben, das ist alles.“

Er sah sie immer an, solang sie sprach. Er trank das alles in sich hinein, wie man frisches Wasser trinkt.

Nun war sie wahrhaftig wieder auf seinen Weg gekommen, wie damals auf der Landstraße, als er verstört und erschrocken bei dem invaliden Drehorgelmann stand, und wieder faßte sie seine Hand und sagte: „Komm, wir gehen nach Hause.“

Wie war sie ernst und stark, wie war sie gesund und frisch.

Unten läutete eine Glocke, das war für ihn das Zeichen zu einer Stunde.

„Geh’ mit, ich will dir alles zeigen, die Menschen, die großen und die kleinen, und das ganze Haus. Es ist mir heimatlicher, wenn du alles gesehen hast.“

Und sie durchwanderte mit ihm das Haus, und hörte zu, wie er einen blinden Knaben im Orgelspiel unterwies, und saß mit gefalteten Händen dabei, als er nachher eine ernste, schöne Musik ertönen ließ, die ihr fremd war und sie doch vertraut anmutete. Die war aus seiner eigenen Seele geflossen, das wußte sie, und wußte auch, daß er neu aufstehen und das Leben angreifen werde, ja, daß er es im Grunde schon getan habe.

Da ging eine große Freude durch ihr ganzes Wesen hindurch, viel größer, als in jener Nacht, da sie zu erkennen glaubte, daß sie beide, Georg Ehrensperger und Gertrud Cabisius für einander geschaffen seien.

„B’hüet Gott.“ Sie reichte ihm die Hand, da eben die Blinden in langen Reihen mit stillen Tritten in den Saal kamen, und die Abendandacht beginnen sollte. Er konnte sie nicht zur Bahn geleiten.

„Bleib nur. Du weißt, ich mußte kommen. Gelt, du verstehst es. Ich bin deine Schwester, das bleib’ ich. Du hast es immer gewußt, ich nicht immer.“

Da ging sie hin. Er sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand.

Dann atmete er hoch auf. Untergehen? Nein.


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