Anders, andersartig und anders geartet
Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art, die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch besonders ausdrücken zu müssen, indem man das WortArtzu Hilfe nimmt. Bildungen wiegutartig,bösartigundgroßartigsind ja schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich von dem einfachengut,böseundgroßunterscheidet, wiewohl zwischen einembösenHund und einembösartigenHund, einergroßenAuffassung und einergroßartigenAuffassung ein recht geringer Unterschied ist. Aber schonfremdartigundverschiedenartigist doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung vonfremdundverschieden. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschenfremd– oder wenn man Gaslicht und elektrisches LichtverschiednesLicht nennt? Vollends unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodischeandersartigfüranders. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen, wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganzandreals die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., wasS. 370übereigenundeigenartiggesagt ist.)
Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen vonartig– es scheint das nochnicht schwülstig genug zu sein –, sondern hat das herrliche Partizipgearteterfunden und schreibt nun nicht bloß von eineranders geartetenZeit undanders geartetenVerhältnissen, sondern auch von einerso geartetenBegabung (statt von einersolchen), vonähnlich geartetenUnternehmungen (statt vonähnlichen) usw. Ist der heutige Sextaneranders geartetals der frühere? – man sah der Ausführung zwar mitanders gearteter, aber nicht geringerer Spannung entgegen – wären alle Deutschen Österreichsso geartetwie die Siebenbürger Sachsen – das Schöffengericht hat in einem ganzähnlich geartetenFalle auf Freisprechung erkannt (vgl.S. 408dengelagertenFall!) – mit der besondern Veranlassung war auch einebesonders gearteteZuhörerschaft gegeben – so spreizt man sich, und dabei ist man womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den Unterschied zwischenähnlichundähnlich geartetausgediftelt hat.
Vielleicht erleben wirs noch, daß auchanders geartetnicht mehr genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganzandersartig gearteteals diejenige, welche (!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten Willen nicht genudelt werden.