Haben und besitzen
Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und aus bloßer Neigung zur Breite durch ein längeres ersetzt, zeigt am besten der heutige Mißbrauch vonbesitzenfürhaben. Auch er ist, wie der Mißbrauch des Zeitwortsbedingen(vgl.S. 398), zu völliger Verrücktheit ausgeartet.
Die Grundbedeutung vonhabenisthalten,in der Hand haben. Aus ihr hat sich dann leicht die des Eigentums, des Besitzes entwickelt, wie sie deutlich inHabevorliegt. Aber damit ist die Anwendung des Wortes nicht erschöpft: mithabenläßt sich fast jeder denkbare Zusammenhang, jedes denkbare Verhältnis zwischen zwei Dingen ausdrücken.Besitzendagegen bedeutet ursprünglichauf etwas sitzen. Das erste,was der Mensch „besaß“, war unzweifelhaft der Grund und Boden, auf dem er saß. Noch im siebzehnten Jahrhundert „besaß“ der Richter die Bank, der Reiter das Pferd, die brütende Henne die Eier. Vom Grund und Boden ist das Wort dann auf andre Dinge übertragen worden, die unser Eigentum sind, vor allem auf das Haus, das auf dem Grund und Boden errichtet ist – auch dieses „besitzt“ man noch im eigentlichen Sinne des Wortes, man sitzt darin, man ist Insasse des Hauses –, dann auch auf alle fahrende Habe, auf allen Hausrat und endlich auf das liebe Geld. Damit ist aber die sinngemäße Anwendung des Wortes erschöpft.
Bedenklich ist es schon, Kinder als Besitztum der Eltern zu bezeichnen: erbesaßvierKinder, zwei Söhne und zwei Töchter. ElternhabenKinder, aber siebesitzensie nicht. Dasselbe gilt von dem Verhältnis des Herrn zum Diener, des Herrschers zu den Untertanen, des Freundes zum Freunde. Es ist abgeschmackt, zu schreiben: er hatte viele sympathische Züge, und dochbesaßer keinenFreund. Wer die Abgeschmacktheit nicht fühlen sollte, der kehre sich die Verhältnisse um; wenn Eltern Kinder, ein Herrscher Untertanen „besitzt“, dann „besitzen“ auch Kinder Eltern und Untertanen einen Herrscher. In der Tat schrickt man auch vor solchem Unsinn schon nicht mehr zurück; man schreibt: erbesaß Eltern, die töricht genug gewesen waren, in seinen Kinderjahren die Keime der Genußsucht in seinem Herzen zu pflegen – Tycho Brahebesaßauch entfernteVerwandtein Schweden – wirbesitzenin unsrer Verwandtschaft einen berühmtenAstronomen– Preußenbesitztin den Hohenzollern einHerrschergeschlecht, um das es jedes andre Land beneiden kann. Ist das richtig, dann kann man schließlich auch einen Onkel, einen Großvater, einen Gönner, einen Widersacher „besitzen“, eine Stadt kann einen Bürgermeister, eine Kompagnie einen Hauptmann „besitzen“.[171]
Ebenso bedenklich ist es, einen Teil unsers eignen Selbst, also entweder den Körper oder den Geist odereinen Teil des Körpers als unser Besitztum zu bezeichnen und zu schreiben: erbesaßeinen kräftigen, wohlgebautenKörper– siebesaßeine feine, schmale, wohlgepflegteHand(in Romanen sehr beliebt!) – ein Kind, das ganz normal entwickelt ist, aber leider keineAugen besitzt– ich habe dir treu gedient, ohne daß du einAugedafürbesaßest– erbesaßeinOhrfür den Pulsschlag der Zeit – die Soldaten möchten bedenken, daß die Schwarzen auch einHerz besäßen. Derselbe Fall ist es, wenn Bestandteile einer Sache als Besitztum der Sache bezeichnet werden, z. B.: die Peterskirchebesitzteine Menge kleinerTürmchen– der Turmbesitztauf jeder Seite eineUhr– das StückbesitztfünfAkte– das Werkbesitztüber 100Abbildungen– die spanisch-maurischen FayencenbesaßeneineZinnglasur– das Buschweidenröschenbesitzteinen unterirdischen wurzelartigenStengel– diese SchaftstiefelbesitzenDoppelsohlen, oben von Leder, unten von Blech – wir reden von Fensterscheiben, die doch meist vierEcken besitzen.
Unzählig aber sind nun die Fälle, wo gar äußere oder innere Eigenschaften einer Person oder Sache, Zustände, Empfindungen, Geistestätigkeiten und ähnliches unsinnigerweise als Besitztum der Person oder Sache hingestellt werden. Da schreibt man z. B: dieser Orden wird auch an solche Leute verliehen, die keinenHofrang besitzen– erbesaßeine auskömmlicheStellung– Herr R.besaßdamals einEngagementin Leipzig – so wenig wird man begriffen, wenn man dieEigenschaftendes Künstlersbesitzt– K.besitztdazu weder das reife, ruhigeUrteil, noch die nötigeSachlichkeit, ja auch die nötigeWahrheitsliebe– unsre Judenbesitzennicht dieFeinheitder Empfindung, vor dieser deutlichen Ablehnung zurückzutreten – einige Tanzweisen der nordischen Völkerbesitzenmit denen der alten Deutschen großeÄhnlichkeit– der hochgeehrte Rat wolle dieGüte besitzen, unser Gesuch wohlwollend in Erwägung zu ziehen – das moderne Theaterbesitzteinen ganz bestimmtenCharakter– entscheidend ist die Frage, ob die bedeutendern KünstlerdieseKennzeichendes Klassizismusbesitzenoder nicht – dieBedeutung, die in der Entwicklung Englands die normannische Eroberungbesitzt– die Reise des Kaisers nach London scheint eine politischeBedeutungzubesitzen– fast alle englischen Offizierebesitzen Spitznamen– beide Bautenbesitzeneinen langgestreckten, rechteckigenGrundriß– diese epochemachende CamerabesitztfolgendeEinrichtung– der Mannbesitztdie stattlicheGrößevon 2,26 Metern – die PassagebesitzteineLängevon dreiundvierzig Metern – die Zigarrebesitzteinen schönen, angenehmenBrand– dieser FleischextraktbesitztdenWohlgeschmackdes frischen Fleisches – diese Sprachenbesaßennur dieStellungvon Mundarten – man muß sich bewußt bleiben, daß diese Unterscheidung keinen theoretischen, sondern nur einen praktischenWert besitzt– der Name dieses Künstlersbesitztfür uns alle einen vertrautenKlang– das GeniebesitzteineVerwandtschaftmit dem Wahnsinn – priesterlicher Gesang kann nicht dieTöne besitzen, aus denen das leise Erzittern des frommen Herzens spricht – für die moderne RevolutionbesitzenDichter und Denker kaum eine geringereBedeutungals die Männer der Tat – manbesitztin Preußen vollesVerständnisfür den sächsischen Standpunkt – wirbesitzenan einer Vermehrung der Streitkräfte unsrer Nachbarn nicht das geringsteInteresse– die Landstreicher zerfallen (!) in solche, deren Streben darauf gerichtet ist, bald wieder Arbeit zu finden, und solche, die diesesStrebennichtbesitzen– die meisten Menschenbesitzenden sehnlichenWunsch, möglichst lange zu leben – die BehördenbesaßenkeineAhnungvon den ihnen obliegenden Pflichten – wer mit dem Volksleben nicht die geringste persönlicheFühlung besitzt– erbesaßdie moralischeÜberzeugungvon ihrer Unschuld – er hatte die Kühnheit, eine eigneMeinungzubesitzen(warum nicht auch: erbesaßdieKühnheit?) – zu dem praktischen Blick seiner Mutterbesaßer unbedingtesVertrauen– die Neuberinbesaßjedenfalls mehrBegeisterungfür die Kunst als Pollini – jeder Preuße,der dieBefähigungzu den Gemeindewahlenbesitzt– die Erdebesitzt Raumgenug für den Wettkampf der zwei germanischen Völker (Schiller:Raumfür allehatdie Erde!) – Leute, die gern Konjekturen machen,besitzenhier ein ergiebigesArbeitsfeld– wirbesitzenhier einen zuverlässigenAusgangspunkt– nun erstbesaßendie Künstler denMalgrund, auf dem sie bequem arbeiten konnten – da er keine Beweise vorgebracht hat, muß man annehmen, daß er keineBeweise besaß– gegen die Diphtheritisbesitzendie Naturärzte eineBehandlungvon ausgezeichnetem Heilerfolg – der Entschlafnebesitztein vollesAnrechtdarauf, daß wir ihn durch Worte dankbarer Erinnerung ehren – die Fortbildungsschüler müssen noch eine Menge Dinge lernen, in denen sie schonÜbung besitzensollten – das Konsistorium wird hoffentlich dieKonsequenz besitzen(so konsequent sein!), ebenfalls aus dem Amte zu scheiden – es traten Persönlichkeiten auf, die zum Klagen nicht den geringstenGrund besaßen. In Leipzig kann man sogar schon auf der Straße hören: Nee, so ’neFrechheetzubesitzen!
Ein Recht auf eine Sache kann gewiß unter Umständen als eine Art wertvollen Besitztums aufgefaßt werden. Dasselbe gilt von Kenntnissen und Fertigkeiten. Aber das meinen doch die gar nicht, die gedankenlos so etwas hinschreiben, wie daß der Entschlafne (!) ein Anrecht auf dankbare Erinnerung „besitze“.Habenkann auch ein Entschlafner noch alles mögliche,besitzenkann er schlechterdings nichts mehr. Aber auch der Lebende kann alle die andern schönen Dinge, wie Begeisterung, Streben, Interesse, Verständnis, Vertrauen, Kühnheit, „Frechheet“, wohl haben, aber nicht besitzen.Güte habenist ja nur eine verbreiternde Umschreibung vongut sein,Ähnlichkeit habeneine Umschreibung vonähnlich sein. Das sind aber Eigenschaften, keine Besitztümer.
Vollends lächerlich ist es, wenn Eigenschaften oder Zustände, die einen Schaden oder Mangel bilden, als Besitztümer bezeichnet werden. Und doch wird auch geschrieben: dasLeiden, daser besaß, war eine Blasenfistel– beim Verhör stellte sich heraus, daß er eine tiefeWundeam Jochbein sowie eineSchußwundeoberhalb der Herzgegendbesaß. Ja sogar Schulden werden als Besitztum hingestellt: das Reich und die Einzelstaatenbesitzengegenwärtig etwas über zehn MilliardenStaatsschulden. Nettes Besitztum!
Aber auch das bloße Dasein, Vorhandensein, Bestehen einer Sache an irgendeinem Orte, in einem bestimmten örtlichen Umkreis oder sonstigen Bereich läßt sich wohl mithabenausdrücken, aber nicht mitbesitzen. In Leipzigsindsechs Bahnhöfe, oder: in Leipziggibt essechs Bahnhöfe – dafür kann man auch sagen: Leipzighatsechs Bahnhöfe. Aber zu schreiben: LeipzigbesitztsechsBahnhöfe– ist Unsinn. Leipzig besitzt eine Anzahl Waldungen, Rittergüter, auch öffentliche Gebäude, aber seine sechs Bahnhöfehates nur. Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, wenn die Angabe des Ortes wegfällt und nur gesagt werden soll, daß eine Sache überhaupt da sei. Anstatt: es ist das die ältesteNachricht, die es hierübergibt– kann man auch sagen: es ist das die ältesteNachricht, die wir hierüberhaben, wir, nämlich alle, die sich mit der Sache beschäftigen. Welch törichtes Gespreiz aber, dafür zu schreiben: es ist das die ältesteNachricht, die wir darüberbesitzen– Weltrichs Buch ist die beste wissenschaftlicheBiographieSchillers, die wirbesitzen– Minors Kommentar bedeutet (!) das Beste, was wir bis jetzt über den Faustbesitzen.
Die Neigung,besitzenzu schreiben, wohabengemeint ist, ist freilich nicht von heute und gestern, sie findet sich schon im achtzehnten Jahrhundert. Man denke nur an die Worte des Schülers im Faust:
Denn was man schwarz auf weißbesitzt,Kann man getrost nach Hause tragen,
Denn was man schwarz auf weißbesitzt,Kann man getrost nach Hause tragen,
Denn was man schwarz auf weißbesitzt,Kann man getrost nach Hause tragen,
Denn was man schwarz auf weißbesitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen,
oder an den Goethischen Spruch:
Wer Wissenschaft und Kunstbesitzt,Hatauch Religion;Wer jene beiden nichtbesitzt,DerhabeReligion.
Wer Wissenschaft und Kunstbesitzt,Hatauch Religion;Wer jene beiden nichtbesitzt,DerhabeReligion.
Wer Wissenschaft und Kunstbesitzt,Hatauch Religion;Wer jene beiden nichtbesitzt,DerhabeReligion.
Wer Wissenschaft und Kunstbesitzt,
Hatauch Religion;
Wer jene beiden nichtbesitzt,
DerhabeReligion.
Sieht man sich aber die Stellen, wo so geschrieben ist, näher an, so sieht man, daß es meist mit Absicht geschehen ist, weil eben die Sache, um die sichs handelt, als eine Art von Besitztum hingestellt werden soll, oder es ist der Abwechslung, des Reims, des Rhythmus wegen geschehen.[172]Zur gedankenlosen Mode ist es erst in unsrer Zeit ausgeartet. Nun hat es aber auch so um sich gegriffen, daß man auf alles gefaßt sein muß. Es ist gar nicht undenkbar, daß wir noch dahin kommen, daß einer auch Recht oder Unrecht, Glück oder Unglückbesitzt, eine Pflicht oder Verpflichtungbesitzt, Zeit zu einer Arbeit, Lust zu einer Reisebesitzt, Hunger oder Durstbesitzt, schlechte Launebesitzt, das Scharlachfieberbesitzt, einen Flohbesitztusw.