Bedingen
Wie unter den Hauptwörtern das WortGesichtspunkt, so ist unter den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetztbedingen.[167]Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärtbedingendurchaushalten,bestimmen,ausnehmen. Im Sandersschen Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt:verpflichten,festsetzen,ausmachen,beschränken, von etwasabhängig machen, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt: eine Sachebedingtdie andre, oder passiv: eine Sacheistoderwirddurch die andrebedingt; das Aktivum erklärt Sanders hier durchnotwendig machen,erheischen,erfordern, das Passivum durchabhängig seinvon etwas.
Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn, in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische Vorbildungbedingt(voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt, notwendig macht) – der große Aufwand, den die Aufführung dieser Operbedingt(ebenso) – die angegebnen Preisebedingendie Abnahme des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) – die Ausgaben für Saalmiete, Beleuchtung und Annoncenbedingeneinen Berg von Kosten (verursachen) – unsre ganzen Zeitverhältnissebedingenden zurückgegangnen Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an) – die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die Verhältnisse zu berühren, die diese Lagebedingen(schaffen, hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) – der Sand- und Lehmbodenbedingteine besondre Flora (ebenso) – dieses Korsettbedingteleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) – der humanistische Charakter des akademischen Studiumsbedingtdas ganze Wesen unsrer Universitäten (ist von Einfluß auf) – bei Lessingbedingtestets die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) – Tatsache ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfallsbedingen(herbeiführen) – die Stellung der Türen in den Wändenbedingtwesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab) – nur körperliches Leiden (Laokoongruppe!)bedingteine so gewaltsame Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) – dieser Zweckbedingtsowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes (aus ihm erklären sich) usw.
Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder des Sees und der dadurchbedingteReichtum malerischer Wirkungen (geschaffne) – diese durch die Lage EnglandsbedingteGunst des Glückes (ebenso) – durch die Verkehrserleichterungen ist ein Rückgang des Kommissionsgeschäftsbedingtworden (bewirkt worden, herbeigeführt worden) – die durch die GroßstadtbedingteVermehrung der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) – rascher Fortschritt wird durch zahlreiche Mitarbeiterbedingt(entsteht) – der Ausfall der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung liegende Verhältnissebedingt(hängt ab von) – die Zulassung zur Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergradesbedingt(hing ab von) – der Erfolg des Mittels war durch die Zuverlässigkeit der Leutebedingt(ebenso) – die Überholung Leipzigs durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnissebedingt(ist die Folge) – diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei Jahren gemachte Erfahrungbedingt(war entstanden, war dieFolge) – Glück wird durch Leistungsfähigkeitbedingt(entsteht) – die Gefahr für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und Besitzlosigkeitbedingt(liegt in, beruht auf, entsteht aus) – die durch den ReichtumbedingtenLebensgenüsse (ermöglichten) usw.
Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes. Die einen gebrauchenbedingenin dem Sinne von:zur Voraussetzung haben.A bedingt B– das heißt:A hat B zur Voraussetzung, A hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, Averlangtalso,erheischt,erfordertB. Das ist die vernünftige und berechtigte Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das WortBedingung. Die Aufführung der Operbedingtgroßen Aufwand – das versteht jedermann; es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung.
Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne vonbewirkenund den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (schaffen,erzeugen,hervorbringen,hervorrufen,verursachen,zur Folge haben). AbedingtB – das heißt dann: Aist die Ursachevon B. Bwirddurch Abedingtheißt: Bist die Folgevon A. Wie dieser Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich, es ist schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu dem der Hervorbringung soll werden können.
Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der passivischen Anwendung des Wortes. Bwirddurch Abedingt– das heißt nicht bloß: Bwirddurch Abewirkt, sondern B wirdnur(!) durch Abewirkt, es kann durch nichts andres entstehen als durch A, also mit andern Worten: BhatAzur Voraussetzung. Und da wären wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt. Denn wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt: A hat B zur Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit dem Satze ausgedrücktwerden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagtbedingenoderbedingt werden, so ist das doch die vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt. Geschrieben wird: Glückwirddurch Leistungsfähigkeitbedingt– die Zulassung zur Fakultätwurdedurch den Magistergradbedingt, also aktiv ausgedrückt: LeistungsfähigkeitbedingtGlück – der Magistergradbedingtedie Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber: Glückbedingt(d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit – die Zulassung zur Fakultätbedingte(d. h. war nicht zu erlangen ohne) den Magistergrad.
Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen Gebrauch vonbedingenetwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung davon hat, daß zwei Dinge in irgendeinem ursächlichen Zusammenhange stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen Zusammenhang klarzumachen, so sagt er: das eine Dingbedingtdas andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ober sagt: KraftbedingtWärme oder: WärmebedingtKraft, ist ganz gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken.
Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es vor fünfzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen solchen Reichtum! – Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen, verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesembedingenzuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens.