Richtigstellen und klarlegen
Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mitbedingen, diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mitstellenundlegen, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind. Stellen und legen – dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehrbefriedigt, sondernzufriedengestellt, nichts mehrvollendet,berichtigt,gesichert,geklärt, sondern alles wirdfertiggestellt,richtiggestellt,sichergestellt,klargestellt,klargelegt,festgelegtusw. Der Nervenarzt spricht sogar vonRuhigstellungdes Gehirns, statt vonBeruhigung. Oder soll das Gehirn in dem Sinneruhig gestelltwerden, wie die Suppewarmund der Weinkalt gestelltwird?
Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Beirichtigstellensoll man wohl nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich, kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was sollfertigstellensein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts andres bedeuten, als eine Sache so lange hin und her rücken, so lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie – steht. Das will man aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach fürfertigmachen,beendigenodervollendengebraucht; von einem Romanmanuskript, einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal oder einemStraßenpflaster heißt es: es istfertiggestellt.[168]Ganz törichte Wörter sindklarlegenundklarstellen. Klar kann in sinnlicher Bedeutung nur von der Luft und von Flüssigkeiten gebraucht werden.[169]Wie soll man die auf eine feste Unterlagelegenoderstellen? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nachfreistellenundbloßstellen,freilegen,bloßlegenundlahmlegen. Gerade diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sindsiegebildet! Wie anschaulich wird gesagt: den Domfreilegen(nämlich durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schadenbloßlegen– unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite legt, bis der verletzte Knochenbloßliegt, oder: einen in seiner Tätigkeitlahmlegen– denn wer gelähmt ist, der ist ja zumLiegenverurteilt! Besser istfestlegengebildet; man redet z. B. davon, daß die Ostertagefestgelegtwerden sollen. Bisher hatten wir nurfeststellenundfestsetzen, aber beides drückt doch das nicht recht aus, was man sagen will: etwas bewegliches gleichsam aufschrauben, daß es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft vonfestlegensucht. Das Neueste ist –leerstellenundoffenstellen. Ein Leipziger Baubeamter schreibt: den Bewohnern ist schon gekündigt; sowie die Gebäudeleergestelltsein werden, sollen siezum Abbruch gebracht(!) werden. Und ein Zeitungschreiber berichtet: Fabrikbesitzer haben Gärten für ihre Arbeiter geschaffen, aber auch für die übrigen Bewohneroffen gestellt. Natürlich, die guten Wörterräumenundöffnensind den Leuten nicht eingefallen; aber sie haben einmal davon gehört, daß ein Hausleer stehtund ein Gartenoffen steht, da muß man sie doch auchleer stellenundoffen stellenkönnen. Und so wird die Stellerei wohl fröhlich weitergehen.