Fußnoten:[1]Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.[2]Einige Wörter, wieAuge,Bettu. a., werden in der Einzahl stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte Deklination zusammen.[3]Mit Ausnahme vonFriedeundGedanke, die im Mittelhochdeutschen (vride,gedanc) zur starken Deklination gehörten.[4]Auch der NominativFelsennebenFelsist auf diese Weise entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an, daher ist gegen die Dativ- und AkkusativformFels(Vom Felszum Meer) nichts einzuwenden.[5]Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte, richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie beiBraten,Hopfen,Kuchen,Rücken,Schinkenu. a., die im Mittelhochdeutschen nochbrate,hopfeusw. hießen.[6]Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsensrauschtund dem Imperfektumrauscht’(Das Wasserrauscht’, das Wasser schwoll), oder zwischen der EinzahlBergund der MehrzahlBerg’(überBerg’und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei gutem Vorlesen sogar – hören![7]Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloßSchwarzundSchützwurden dekliniertSchwarzens,Schwarzen,Schützens,Schützen, weshalb man aus dencasus obliquinie entnehmen kann, ob sich der MannSchwarzoderSchwarzenannte; auch vonChrist,Weck,Frank,Fritschbildete manChristens,Christen,Weckens,Wecken,Frankens,Franken,Fritschens,Fritschen(Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung derMonogrammatum“ meist unter dem falschen NamenChristen, Wecks Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen NamenWeckenaufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich:von Christen,von Wecken. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie derMencke, aus der Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihrecasus obliquiso irre geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß; deutsch schrieben sie sichMencke, aber latinisiertMenckenius. Aber auch bei solchen Genitiven aufensrichtet der Apostroph oft Unheil an. AnStieglitzensHof am Markt in Leipzig steht über dem Eingang in goldner Schrift:Stieglitzen’sHof – als ob der ErbauerStieglitzengeheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: HansSachsen’sDichtungen![8]Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man nichtHeinrichs 8.,Ludwigs XIV.? Auch in andern Fällen werden die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht das12. Armeekorps, warum immer dasXII. Armeekorps? Fast alle unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie schreiben: imXVIII. Jahrhundert. Eigentlich sollte man im Druck überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B. statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.[9]Daher schreibt man auch auf Büchertiteln:Von PfarrerHansjakob,von Prof.A. Schneider (stattvon demProfessor), wo bloß der Titel gemeint ist.[10]Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das WortHerrzu setzen: derHerr Reichskanzler, derHerr Erste(!) Staatsanwalt, derHerr Bürgermeister, derHerr Stadtverordnete, derHerr Vorsitzende, derHerr Direktor, derHerr Lehrer(dieHerren Lehrersind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen), derHerr Königliche Oberförster, derHerr Organist, derHerr Hilfsgeistliche, sogar derHerr Aufseher, derHerr Expedient, dieHerren Beamtenusw. Wenn dasHerrdurchaus zur Erhöhung der Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen: derAbgeordnete Herr Götz, derOrganist Herr Schneider, derHilfsgeistliche Herr Richterusw. Fühlt man denn aber nicht, daßder Reichskanzler,der Bürgermeisterundder Direktorviel vornehmere Leute sind als derHerr Reichskanzler, derHerr Bürgermeisterund derHerr Direktor? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten Kandidaten alsHerrenaufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind wohl dieHerren Mitglieder. Wie heißt denn davon die Einzahl?derHerr Mitglied? oderdasHerr Mitglied?[11]Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet: das Haus, dasPeter von Dubins(Peters von Düben) oder dasNickel von Pirnes(Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.[12]In München und in Wienfahrtman inWägen! DieNägel, dieGärtenu. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im sechzehnten Jahrhundert noch hieß:die Nagel,die Garten.[13]Ausgenommen sind nurMutterundTochter, die zur starken, undBauer,VetterundGevatter, die zur gemischten Deklination gehören. In der Sprache der Technik aber, woMuttermehrfach im übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich dieMuttern(dieSchraubenmuttern).[14]Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute:die Bret,die Fach, nichtdie Bretter,die Fächer.[15]Als dieSchlösseraufkamen, müssen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde, wenn jemand vonRössernreden wollte.[16]Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß die Hüte drin nicht gedrückt werden.[17]Auch beiLohnsind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich: aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack. Dienstmädchen verlangenhohes Lohn, Gesellenhöheres MacherlohnoderArbeitslohn; aber jede gute Tat hatihrenschönstenLohnin sich selbst.[18]Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt (das Bruder,das Offizier,das Kutscher), sondern auch der ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und Ladenmädchen:das Firma,das Fasson,das Etikett,das Offert,das Makulatur! Das neueste istdas Meter, das die Handlungsdiener und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe plötzlich als Neutrum behandeln![19]Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle zurückgehen.[20]Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet:zwei MandelnEier,drei EllenBand,sechs FlaschenWein,zehn KlafternHolz,vier Wochenalt.[21]Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten Druck sagt:Sechs Blattsind stockfleckig, so ist das natürlich falsch.[22]Genau genommen wird freilich auch nichtvereiteln,veränderngesprochen, sondernvereitln, verändrn, l und r werden gleichsam vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Ausspracheeln,ern, nichtlen,ren. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme aufenhierher, wierechen,zeichen,orden,offen,eben,eigen,regen(vgl.Rechenschaft,Eigentum,Offenbarung). Die Infinitive können da natürlich nurrechnen,ordnen,eignenlauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemeinzeichnet,zeichnete,öffnete,gerechnet,geordnet,geeignetschreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch überall schöner:zeichent,gerechent,geordent,geeigent. Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt – er mag sich nur richtig beobachten –:es regent, esregente, es hatgeregent(genau genommen freilich auch hier wiederregnt,geregnt, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie gedruckt“ redet, sagt:ausgezeichnet!Net, womöglichnett! Man muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um dasnetherauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften brauchten nur einmal die vernünftigen Formenzeichent,öffent,zeichente,öffente,gezeichent,geöffenteine Reihe von Jahren beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. Inatmen(Stammatem) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden müssen, weilatemnniemand sprechen kann; füratmethört man aber im Volksmunde auch oft genugatent, wie denn auch schon in der ältern SpracheAtennebenAtemerscheint, (und wie auchbodem,gadem,besem,busemzuBoden,Gaden,Besen,Busengeworden sind).[23]Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus gemacht, die gar niemand spricht (anderen,unseren). Die Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm das selbstverständliche.[24]Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert: nachgepflogner reifenBeratschlagung; Lessing: auseigner sorgfältigenLesung.[25]Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und sagte:Verein der Berliner Künstler. Es brauchten doch deshalb nicht alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.[26]Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wirdon boardmit dem Akkusativ verbunden (to go on board a ship–on board Her Majesty’s ship Albert). Aber was geht das uns an?[27]Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt undGottes Vatergüte(stattder Vatergüte Gottes).[28]Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt keinleicht verdaulicheresMehl als Rademanns Kindermehl.[29]Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative auffaßte (meinwieklein) und nun aufs neue deklinierte, die besitzanzeigenden Eigenschaftswörtermein,dein,sein,unser,euer,ihrentstanden. Früher nahm man an, daß auch in den Anfangsworten desVaterunsersdasunserder nachgestellte Genitiv vonwirsei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach dem lateinischenPater noster), das in der ältern Sprache auch nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung:atta unsar).[30]Genitiv und Dativ vonEure Majestät,Eure Exzellenzheißen natürlichEurer Majestät,Eurer Exzellenz. Völliger Unsinn aber ist, was man darnach gebildet hat:Eurer Hochwohlgeboren![31]Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in Leipzig: der Gasthofzum drei Schwanen, der Rißzum Schlachthöfen. Man meinte natürlichzund. i.zu den, getraute sich das aber nicht zu schreiben.[32]Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zuzweenundzwo, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt:zweenwar männlich,zwoweiblich,zweisächlich.[33]Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.[34]Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, zurückführen.[35]Das Niederdeutsche hat auchjuggebildet vonjagen. Doch wird ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchtejagtevon der Jagd,jugvon schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte,jugder Bengel um die Ecke.[36]Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag beigetragen, die sie beide sehr lieben.[37]Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig machte. Es begann mit der Strophe:Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?Wer war der Kühne, der zuerst siewug?Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.[38]Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtigfragtund fragte gelernt haben, in der Schule das dummefrugin die Arbeiten hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.[39]Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger Buchbinder sagen: das Buch wird bloßgeheftet, dagegen die Leipziger Schneider: der Ärmel ist erstgehoften.[40]Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ichhab gehuppt.[41]Beibrauchendarf natürlichzubeim Infinitiv nicht fehlen. Das hättest du ja nichtsagen brauchen– ist Gassendeutsch.[42]Ebenso beibleibenundhaben: er istsitzen geblieben(eigentlich:sitzend) – ichhabetausend Mark auf dem Hausestehen(eigentlich:stehend) – hat keiner einen Bleistifteinstecken? (eigentlich:einsteckend). In der ältern Zeit schrieb man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchengebrauchen ist(stattgebrauchend) – wirsindeuch dafürdanken(stattdankend).[43]Apothekerund, was man im Volke auch hören kann,Bibliothekerist anders entstanden, es ist verstümmelt ausapothecariusundbiliothecarius.Attentäterwurde anfangs nur als schlechter Witz gebildet (es hätte auchTätergenügt); aber törichte Zeitungschreiber haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.[44]Kreidezeichnung,HöhepunktundBlütezeithaben wir ja schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet:Kreidenstrich,Höhenpunkt,Blütenzeit.[45]Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetztLiebfraumilchlesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür schmuggelt man dann dasenin denNiersteinerein und nennt ihn – höchst verdächtig! –Nierensteiner(Nierstein ist nach dem Kaiser Nero genannt).Visitekarte,Manschetteknopf,Toiletteseifesoll vielleichtVisittkarte,Manschettknopf,Toilettseifegesprochen werden – gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?[46]Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden dieParthenmühlealsPardemölvor. Im Harz spricht man allgemein und wohl schon lange vomBodetalund vomIlsetal.[47]Ähnlich verhält sichs mit dem neuen ModewortAnhaltspunkt. Früher sagte man: ich finde keinenAnhaltepunkt, d. h. keinen Punkt, wo ich mich anhalten könnte (vgl.Siedepunkt,Gefrierpunkt). Daneben hatte man in demselben Sinne das SubstantivAnhalt; man sagte: dafür fehlt es mir an jedemAnhalt. Aus beiden aber nun einenAnhaltspunktzu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu denAnhaltepunktenauf den Eisenbahnen. Als obAnhaltepunktnicht ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo mansich anhält, wie die, wo mananhält![48]In Leipzig hält man sich einKindermädchen, auch wenn man nur ein Kind hat, in Wien eineKindsmagd, auch wenn mansechsKinder hat.[49]Wofür man in Süddeutschland auchWartsaal,Singstundesagt, wie nebenBindemittelauchBindfadensteht.SchreibpapierundSchreibpultspricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen; man hört immer nur:Schreipapier. Darum ist wohlSchreibepapiervorzuziehen.[50]Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.[51]Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen nicht.[52]Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben nur wenige das s nicht:liebreich,liebevoll,liebeglühend,liebetrunken,liebedienerisch,Liebedienerei, einige wohl deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.[53]Wie man auch das Haus eines Mannes, derPlankhieß, dasPlänkische Hausnannte, die Mühle in dem DorfeWahrendieWährische Mühle.[54]Daneben freilich auch schon vomManesse-Kodex! Es wird immer besser. Vielleicht wird nächstens auch noch derFarnesische Herkulesin einenFarnese’schenverwandelt, und derBorghesischeFechter in einenBorghese’schen.[55]Auch die guten Pfefferkuchen, dieAachner Printen, sollen früher in Aachen selbstAacher Printengeheißen haben. In vielen ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner, Meißner, Posner usw. Aber die gutenGießerhätten sich keineGießener Neuesten Nachrichtenaufnötigen zu lassen brauchen.[56]Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht haben.[57]Freilich sind Formen wieJenaerundGeraerauch nicht besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache beliebten Adjektivbildungen aufaisch:Grimmaisch,Tauchaisch,Bornaisch,Pirnaisch. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die StädteGrimme,Tauche,Borne,Pirneund so auch nur die AdjektivbildungenGrimmisch,Tauchisch,Bornisch,Pirnisch, und es wäre zu wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen. Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten. Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?[58]Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte Verbindungen, wie: eineoffne Frage, einzweifelhaftes Lob, einfrommer Wunsch,blinder Lärm, auseinanderreißt, das Prädikat zum Subjekt macht und schreibt:die Frage, ob das Werk fortgesetzt werden sollte, war lange Zeiteine offne–dieses Lobist dochein sehr zweifelhaftes–dieser Wunschwird wohl ewigein frommer(!) bleiben –der Lärmwar zum Glück nurein blinder(!).[59]Vgl. einSchock frischeEier – einDutzend neueHemden – eineFlasche guterWein – mitein paar gutenFreunden – mit einbißchen fremdländischemSprachflitter.[60]Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen gründlich erörterte![61]Nur in Süddeutschland und Österreich wirdwelcherauch gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch – da grassiert es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“welcher. In Mittel- und Norddeutschland aber spricht es niemand.[62]Umwelcherzu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden, daß sie es – sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.[63]Wenn man nichtder deroderdie dieschreiben dürfte, dann dürfte man auch nicht schreiben:an andrer Stelle,ein einzigesmal,bei beiden Gelegenheiten,mit mitleidiger Miene. Sehr oft entsteht übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung: ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beidenderoderdieoderdasgehört, wird verschoben und erst beim Verbum nachgebracht:alleÄnderungen,die dieSchulesichhat gefallen lassen – die Grundsätze, andie dieRevisionsichgebunden hat – die Aufgaben,die diewirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeitunsstellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen,die sich dieSchule hat gefallen lassen.[64]Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist ganz dem Lateinischen nachgeahmt.[65]Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender:eineder größtenSchwierigkeitenfür das Verständnis unsrer Vorzeit,diemeist gar nicht gewürdigtwird. Hier muß eswirdheißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich aufeine; der Sinn ist: und zwareine,diemeist gar nicht gewürdigt wird.[66]Habewäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den dialektischen Konjunktiv des Präsens haben:ich häbe,wir häben,sie häbenund daher den Konjunktivich habe,wir haben,sie haben, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich alshäbeverstehen und vielleicht auch so – aussprechen. Die mögen dann nichts davon wissen,habedurchhättezu ersetzen, und behaupten, sie könntenhättenur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und Norddeutschland fühlen eben anders.[67]Im Konjunktiv Futuri vonwerdenzuwürdenauszuweichen ist freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dannwürdenals Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit von Abgeordneten entsendenwerden. In solchen Fällen kann man sich aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die Wählerschaft entsendenwerde.[68]Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch den – Indikativ des Imperfekts auszudrücken: wenn ich Geldhatte,kamich. Das klingt aber der Angabe einer wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (jedesmal,wennich Geldhatte,kamich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache besser vermeidet.[69]Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ichnicht wüßte–nichtdaß es dem Vater an trefflichen Eigenschaftengefehlt hätte.[70]In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn dahin – durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; – mir ist,als obich längst gestorbenbin(!) – undziehe(!) selig mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die Lippen. – Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt werden, z. B. hörten wir ein Geräusch,wie wennin regelmäßigen Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brettfällt, d. h. wie man es hört,wennein Wassertropfenfällt(Schiller im Taucher:wie wennWasser mit Feuersich mengt). Hier ist selbstverständlich der Indikativ am Platze.[71]In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloßezuausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mitum zuist die jüngere.
Fußnoten:
[1]Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.
[1]Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.
[2]Einige Wörter, wieAuge,Bettu. a., werden in der Einzahl stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte Deklination zusammen.
[2]Einige Wörter, wieAuge,Bettu. a., werden in der Einzahl stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte Deklination zusammen.
[3]Mit Ausnahme vonFriedeundGedanke, die im Mittelhochdeutschen (vride,gedanc) zur starken Deklination gehörten.
[3]Mit Ausnahme vonFriedeundGedanke, die im Mittelhochdeutschen (vride,gedanc) zur starken Deklination gehörten.
[4]Auch der NominativFelsennebenFelsist auf diese Weise entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an, daher ist gegen die Dativ- und AkkusativformFels(Vom Felszum Meer) nichts einzuwenden.
[4]Auch der NominativFelsennebenFelsist auf diese Weise entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an, daher ist gegen die Dativ- und AkkusativformFels(Vom Felszum Meer) nichts einzuwenden.
[5]Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte, richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie beiBraten,Hopfen,Kuchen,Rücken,Schinkenu. a., die im Mittelhochdeutschen nochbrate,hopfeusw. hießen.
[5]Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte, richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie beiBraten,Hopfen,Kuchen,Rücken,Schinkenu. a., die im Mittelhochdeutschen nochbrate,hopfeusw. hießen.
[6]Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsensrauschtund dem Imperfektumrauscht’(Das Wasserrauscht’, das Wasser schwoll), oder zwischen der EinzahlBergund der MehrzahlBerg’(überBerg’und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei gutem Vorlesen sogar – hören!
[6]Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsensrauschtund dem Imperfektumrauscht’(Das Wasserrauscht’, das Wasser schwoll), oder zwischen der EinzahlBergund der MehrzahlBerg’(überBerg’und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei gutem Vorlesen sogar – hören!
[7]Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloßSchwarzundSchützwurden dekliniertSchwarzens,Schwarzen,Schützens,Schützen, weshalb man aus dencasus obliquinie entnehmen kann, ob sich der MannSchwarzoderSchwarzenannte; auch vonChrist,Weck,Frank,Fritschbildete manChristens,Christen,Weckens,Wecken,Frankens,Franken,Fritschens,Fritschen(Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung derMonogrammatum“ meist unter dem falschen NamenChristen, Wecks Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen NamenWeckenaufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich:von Christen,von Wecken. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie derMencke, aus der Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihrecasus obliquiso irre geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß; deutsch schrieben sie sichMencke, aber latinisiertMenckenius. Aber auch bei solchen Genitiven aufensrichtet der Apostroph oft Unheil an. AnStieglitzensHof am Markt in Leipzig steht über dem Eingang in goldner Schrift:Stieglitzen’sHof – als ob der ErbauerStieglitzengeheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: HansSachsen’sDichtungen!
[7]Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloßSchwarzundSchützwurden dekliniertSchwarzens,Schwarzen,Schützens,Schützen, weshalb man aus dencasus obliquinie entnehmen kann, ob sich der MannSchwarzoderSchwarzenannte; auch vonChrist,Weck,Frank,Fritschbildete manChristens,Christen,Weckens,Wecken,Frankens,Franken,Fritschens,Fritschen(Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung derMonogrammatum“ meist unter dem falschen NamenChristen, Wecks Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen NamenWeckenaufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich:von Christen,von Wecken. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie derMencke, aus der Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihrecasus obliquiso irre geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß; deutsch schrieben sie sichMencke, aber latinisiertMenckenius. Aber auch bei solchen Genitiven aufensrichtet der Apostroph oft Unheil an. AnStieglitzensHof am Markt in Leipzig steht über dem Eingang in goldner Schrift:Stieglitzen’sHof – als ob der ErbauerStieglitzengeheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: HansSachsen’sDichtungen!
[8]Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man nichtHeinrichs 8.,Ludwigs XIV.? Auch in andern Fällen werden die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht das12. Armeekorps, warum immer dasXII. Armeekorps? Fast alle unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie schreiben: imXVIII. Jahrhundert. Eigentlich sollte man im Druck überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B. statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.
[8]Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man nichtHeinrichs 8.,Ludwigs XIV.? Auch in andern Fällen werden die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht das12. Armeekorps, warum immer dasXII. Armeekorps? Fast alle unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie schreiben: imXVIII. Jahrhundert. Eigentlich sollte man im Druck überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B. statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.
[9]Daher schreibt man auch auf Büchertiteln:Von PfarrerHansjakob,von Prof.A. Schneider (stattvon demProfessor), wo bloß der Titel gemeint ist.
[9]Daher schreibt man auch auf Büchertiteln:Von PfarrerHansjakob,von Prof.A. Schneider (stattvon demProfessor), wo bloß der Titel gemeint ist.
[10]Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das WortHerrzu setzen: derHerr Reichskanzler, derHerr Erste(!) Staatsanwalt, derHerr Bürgermeister, derHerr Stadtverordnete, derHerr Vorsitzende, derHerr Direktor, derHerr Lehrer(dieHerren Lehrersind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen), derHerr Königliche Oberförster, derHerr Organist, derHerr Hilfsgeistliche, sogar derHerr Aufseher, derHerr Expedient, dieHerren Beamtenusw. Wenn dasHerrdurchaus zur Erhöhung der Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen: derAbgeordnete Herr Götz, derOrganist Herr Schneider, derHilfsgeistliche Herr Richterusw. Fühlt man denn aber nicht, daßder Reichskanzler,der Bürgermeisterundder Direktorviel vornehmere Leute sind als derHerr Reichskanzler, derHerr Bürgermeisterund derHerr Direktor? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten Kandidaten alsHerrenaufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind wohl dieHerren Mitglieder. Wie heißt denn davon die Einzahl?derHerr Mitglied? oderdasHerr Mitglied?
[10]Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das WortHerrzu setzen: derHerr Reichskanzler, derHerr Erste(!) Staatsanwalt, derHerr Bürgermeister, derHerr Stadtverordnete, derHerr Vorsitzende, derHerr Direktor, derHerr Lehrer(dieHerren Lehrersind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen), derHerr Königliche Oberförster, derHerr Organist, derHerr Hilfsgeistliche, sogar derHerr Aufseher, derHerr Expedient, dieHerren Beamtenusw. Wenn dasHerrdurchaus zur Erhöhung der Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen: derAbgeordnete Herr Götz, derOrganist Herr Schneider, derHilfsgeistliche Herr Richterusw. Fühlt man denn aber nicht, daßder Reichskanzler,der Bürgermeisterundder Direktorviel vornehmere Leute sind als derHerr Reichskanzler, derHerr Bürgermeisterund derHerr Direktor? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten Kandidaten alsHerrenaufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind wohl dieHerren Mitglieder. Wie heißt denn davon die Einzahl?derHerr Mitglied? oderdasHerr Mitglied?
[11]Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet: das Haus, dasPeter von Dubins(Peters von Düben) oder dasNickel von Pirnes(Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.
[11]Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet: das Haus, dasPeter von Dubins(Peters von Düben) oder dasNickel von Pirnes(Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.
[12]In München und in Wienfahrtman inWägen! DieNägel, dieGärtenu. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im sechzehnten Jahrhundert noch hieß:die Nagel,die Garten.
[12]In München und in Wienfahrtman inWägen! DieNägel, dieGärtenu. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im sechzehnten Jahrhundert noch hieß:die Nagel,die Garten.
[13]Ausgenommen sind nurMutterundTochter, die zur starken, undBauer,VetterundGevatter, die zur gemischten Deklination gehören. In der Sprache der Technik aber, woMuttermehrfach im übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich dieMuttern(dieSchraubenmuttern).
[13]Ausgenommen sind nurMutterundTochter, die zur starken, undBauer,VetterundGevatter, die zur gemischten Deklination gehören. In der Sprache der Technik aber, woMuttermehrfach im übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich dieMuttern(dieSchraubenmuttern).
[14]Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute:die Bret,die Fach, nichtdie Bretter,die Fächer.
[14]Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute:die Bret,die Fach, nichtdie Bretter,die Fächer.
[15]Als dieSchlösseraufkamen, müssen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde, wenn jemand vonRössernreden wollte.
[15]Als dieSchlösseraufkamen, müssen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde, wenn jemand vonRössernreden wollte.
[16]Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß die Hüte drin nicht gedrückt werden.
[16]Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß die Hüte drin nicht gedrückt werden.
[17]Auch beiLohnsind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich: aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack. Dienstmädchen verlangenhohes Lohn, Gesellenhöheres MacherlohnoderArbeitslohn; aber jede gute Tat hatihrenschönstenLohnin sich selbst.
[17]Auch beiLohnsind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich: aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack. Dienstmädchen verlangenhohes Lohn, Gesellenhöheres MacherlohnoderArbeitslohn; aber jede gute Tat hatihrenschönstenLohnin sich selbst.
[18]Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt (das Bruder,das Offizier,das Kutscher), sondern auch der ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und Ladenmädchen:das Firma,das Fasson,das Etikett,das Offert,das Makulatur! Das neueste istdas Meter, das die Handlungsdiener und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe plötzlich als Neutrum behandeln!
[18]Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt (das Bruder,das Offizier,das Kutscher), sondern auch der ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und Ladenmädchen:das Firma,das Fasson,das Etikett,das Offert,das Makulatur! Das neueste istdas Meter, das die Handlungsdiener und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe plötzlich als Neutrum behandeln!
[19]Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle zurückgehen.
[19]Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle zurückgehen.
[20]Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet:zwei MandelnEier,drei EllenBand,sechs FlaschenWein,zehn KlafternHolz,vier Wochenalt.
[20]Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet:zwei MandelnEier,drei EllenBand,sechs FlaschenWein,zehn KlafternHolz,vier Wochenalt.
[21]Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten Druck sagt:Sechs Blattsind stockfleckig, so ist das natürlich falsch.
[21]Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten Druck sagt:Sechs Blattsind stockfleckig, so ist das natürlich falsch.
[22]Genau genommen wird freilich auch nichtvereiteln,veränderngesprochen, sondernvereitln, verändrn, l und r werden gleichsam vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Ausspracheeln,ern, nichtlen,ren. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme aufenhierher, wierechen,zeichen,orden,offen,eben,eigen,regen(vgl.Rechenschaft,Eigentum,Offenbarung). Die Infinitive können da natürlich nurrechnen,ordnen,eignenlauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemeinzeichnet,zeichnete,öffnete,gerechnet,geordnet,geeignetschreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch überall schöner:zeichent,gerechent,geordent,geeigent. Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt – er mag sich nur richtig beobachten –:es regent, esregente, es hatgeregent(genau genommen freilich auch hier wiederregnt,geregnt, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie gedruckt“ redet, sagt:ausgezeichnet!Net, womöglichnett! Man muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um dasnetherauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften brauchten nur einmal die vernünftigen Formenzeichent,öffent,zeichente,öffente,gezeichent,geöffenteine Reihe von Jahren beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. Inatmen(Stammatem) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden müssen, weilatemnniemand sprechen kann; füratmethört man aber im Volksmunde auch oft genugatent, wie denn auch schon in der ältern SpracheAtennebenAtemerscheint, (und wie auchbodem,gadem,besem,busemzuBoden,Gaden,Besen,Busengeworden sind).
[22]Genau genommen wird freilich auch nichtvereiteln,veränderngesprochen, sondernvereitln, verändrn, l und r werden gleichsam vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Ausspracheeln,ern, nichtlen,ren. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme aufenhierher, wierechen,zeichen,orden,offen,eben,eigen,regen(vgl.Rechenschaft,Eigentum,Offenbarung). Die Infinitive können da natürlich nurrechnen,ordnen,eignenlauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemeinzeichnet,zeichnete,öffnete,gerechnet,geordnet,geeignetschreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch überall schöner:zeichent,gerechent,geordent,geeigent. Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt – er mag sich nur richtig beobachten –:es regent, esregente, es hatgeregent(genau genommen freilich auch hier wiederregnt,geregnt, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie gedruckt“ redet, sagt:ausgezeichnet!Net, womöglichnett! Man muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um dasnetherauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften brauchten nur einmal die vernünftigen Formenzeichent,öffent,zeichente,öffente,gezeichent,geöffenteine Reihe von Jahren beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. Inatmen(Stammatem) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden müssen, weilatemnniemand sprechen kann; füratmethört man aber im Volksmunde auch oft genugatent, wie denn auch schon in der ältern SpracheAtennebenAtemerscheint, (und wie auchbodem,gadem,besem,busemzuBoden,Gaden,Besen,Busengeworden sind).
[23]Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus gemacht, die gar niemand spricht (anderen,unseren). Die Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm das selbstverständliche.
[23]Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus gemacht, die gar niemand spricht (anderen,unseren). Die Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm das selbstverständliche.
[24]Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert: nachgepflogner reifenBeratschlagung; Lessing: auseigner sorgfältigenLesung.
[24]Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert: nachgepflogner reifenBeratschlagung; Lessing: auseigner sorgfältigenLesung.
[25]Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und sagte:Verein der Berliner Künstler. Es brauchten doch deshalb nicht alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.
[25]Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und sagte:Verein der Berliner Künstler. Es brauchten doch deshalb nicht alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.
[26]Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wirdon boardmit dem Akkusativ verbunden (to go on board a ship–on board Her Majesty’s ship Albert). Aber was geht das uns an?
[26]Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wirdon boardmit dem Akkusativ verbunden (to go on board a ship–on board Her Majesty’s ship Albert). Aber was geht das uns an?
[27]Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt undGottes Vatergüte(stattder Vatergüte Gottes).
[27]Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt undGottes Vatergüte(stattder Vatergüte Gottes).
[28]Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt keinleicht verdaulicheresMehl als Rademanns Kindermehl.
[28]Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt keinleicht verdaulicheresMehl als Rademanns Kindermehl.
[29]Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative auffaßte (meinwieklein) und nun aufs neue deklinierte, die besitzanzeigenden Eigenschaftswörtermein,dein,sein,unser,euer,ihrentstanden. Früher nahm man an, daß auch in den Anfangsworten desVaterunsersdasunserder nachgestellte Genitiv vonwirsei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach dem lateinischenPater noster), das in der ältern Sprache auch nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung:atta unsar).
[29]Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative auffaßte (meinwieklein) und nun aufs neue deklinierte, die besitzanzeigenden Eigenschaftswörtermein,dein,sein,unser,euer,ihrentstanden. Früher nahm man an, daß auch in den Anfangsworten desVaterunsersdasunserder nachgestellte Genitiv vonwirsei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach dem lateinischenPater noster), das in der ältern Sprache auch nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung:atta unsar).
[30]Genitiv und Dativ vonEure Majestät,Eure Exzellenzheißen natürlichEurer Majestät,Eurer Exzellenz. Völliger Unsinn aber ist, was man darnach gebildet hat:Eurer Hochwohlgeboren!
[30]Genitiv und Dativ vonEure Majestät,Eure Exzellenzheißen natürlichEurer Majestät,Eurer Exzellenz. Völliger Unsinn aber ist, was man darnach gebildet hat:Eurer Hochwohlgeboren!
[31]Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in Leipzig: der Gasthofzum drei Schwanen, der Rißzum Schlachthöfen. Man meinte natürlichzund. i.zu den, getraute sich das aber nicht zu schreiben.
[31]Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in Leipzig: der Gasthofzum drei Schwanen, der Rißzum Schlachthöfen. Man meinte natürlichzund. i.zu den, getraute sich das aber nicht zu schreiben.
[32]Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zuzweenundzwo, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt:zweenwar männlich,zwoweiblich,zweisächlich.
[32]Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zuzweenundzwo, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt:zweenwar männlich,zwoweiblich,zweisächlich.
[33]Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.
[33]Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.
[34]Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, zurückführen.
[34]Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, zurückführen.
[35]Das Niederdeutsche hat auchjuggebildet vonjagen. Doch wird ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchtejagtevon der Jagd,jugvon schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte,jugder Bengel um die Ecke.
[35]Das Niederdeutsche hat auchjuggebildet vonjagen. Doch wird ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchtejagtevon der Jagd,jugvon schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte,jugder Bengel um die Ecke.
[36]Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag beigetragen, die sie beide sehr lieben.
[36]Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag beigetragen, die sie beide sehr lieben.
[37]Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig machte. Es begann mit der Strophe:Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?Wer war der Kühne, der zuerst siewug?Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.
[37]Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig machte. Es begann mit der Strophe:
Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?Wer war der Kühne, der zuerst siewug?Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.
Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?Wer war der Kühne, der zuerst siewug?Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.
Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?Wer war der Kühne, der zuerst siewug?Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.
Ichfrugmich manchmal in den letzten Tagen:
Woher stammt wohl die edle Form: erfrug?
Wer war der Kühne, der zuerst siewug?
Sofrugich mich, so hab ich michgefragen.
Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.
[38]Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtigfragtund fragte gelernt haben, in der Schule das dummefrugin die Arbeiten hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.
[38]Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtigfragtund fragte gelernt haben, in der Schule das dummefrugin die Arbeiten hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.
[39]Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger Buchbinder sagen: das Buch wird bloßgeheftet, dagegen die Leipziger Schneider: der Ärmel ist erstgehoften.
[39]Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger Buchbinder sagen: das Buch wird bloßgeheftet, dagegen die Leipziger Schneider: der Ärmel ist erstgehoften.
[40]Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ichhab gehuppt.
[40]Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ichhab gehuppt.
[41]Beibrauchendarf natürlichzubeim Infinitiv nicht fehlen. Das hättest du ja nichtsagen brauchen– ist Gassendeutsch.
[41]Beibrauchendarf natürlichzubeim Infinitiv nicht fehlen. Das hättest du ja nichtsagen brauchen– ist Gassendeutsch.
[42]Ebenso beibleibenundhaben: er istsitzen geblieben(eigentlich:sitzend) – ichhabetausend Mark auf dem Hausestehen(eigentlich:stehend) – hat keiner einen Bleistifteinstecken? (eigentlich:einsteckend). In der ältern Zeit schrieb man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchengebrauchen ist(stattgebrauchend) – wirsindeuch dafürdanken(stattdankend).
[42]Ebenso beibleibenundhaben: er istsitzen geblieben(eigentlich:sitzend) – ichhabetausend Mark auf dem Hausestehen(eigentlich:stehend) – hat keiner einen Bleistifteinstecken? (eigentlich:einsteckend). In der ältern Zeit schrieb man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchengebrauchen ist(stattgebrauchend) – wirsindeuch dafürdanken(stattdankend).
[43]Apothekerund, was man im Volke auch hören kann,Bibliothekerist anders entstanden, es ist verstümmelt ausapothecariusundbiliothecarius.Attentäterwurde anfangs nur als schlechter Witz gebildet (es hätte auchTätergenügt); aber törichte Zeitungschreiber haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.
[43]Apothekerund, was man im Volke auch hören kann,Bibliothekerist anders entstanden, es ist verstümmelt ausapothecariusundbiliothecarius.Attentäterwurde anfangs nur als schlechter Witz gebildet (es hätte auchTätergenügt); aber törichte Zeitungschreiber haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.
[44]Kreidezeichnung,HöhepunktundBlütezeithaben wir ja schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet:Kreidenstrich,Höhenpunkt,Blütenzeit.
[44]Kreidezeichnung,HöhepunktundBlütezeithaben wir ja schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet:Kreidenstrich,Höhenpunkt,Blütenzeit.
[45]Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetztLiebfraumilchlesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür schmuggelt man dann dasenin denNiersteinerein und nennt ihn – höchst verdächtig! –Nierensteiner(Nierstein ist nach dem Kaiser Nero genannt).Visitekarte,Manschetteknopf,Toiletteseifesoll vielleichtVisittkarte,Manschettknopf,Toilettseifegesprochen werden – gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?
[45]Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetztLiebfraumilchlesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür schmuggelt man dann dasenin denNiersteinerein und nennt ihn – höchst verdächtig! –Nierensteiner(Nierstein ist nach dem Kaiser Nero genannt).Visitekarte,Manschetteknopf,Toiletteseifesoll vielleichtVisittkarte,Manschettknopf,Toilettseifegesprochen werden – gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?
[46]Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden dieParthenmühlealsPardemölvor. Im Harz spricht man allgemein und wohl schon lange vomBodetalund vomIlsetal.
[46]Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden dieParthenmühlealsPardemölvor. Im Harz spricht man allgemein und wohl schon lange vomBodetalund vomIlsetal.
[47]Ähnlich verhält sichs mit dem neuen ModewortAnhaltspunkt. Früher sagte man: ich finde keinenAnhaltepunkt, d. h. keinen Punkt, wo ich mich anhalten könnte (vgl.Siedepunkt,Gefrierpunkt). Daneben hatte man in demselben Sinne das SubstantivAnhalt; man sagte: dafür fehlt es mir an jedemAnhalt. Aus beiden aber nun einenAnhaltspunktzu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu denAnhaltepunktenauf den Eisenbahnen. Als obAnhaltepunktnicht ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo mansich anhält, wie die, wo mananhält!
[47]Ähnlich verhält sichs mit dem neuen ModewortAnhaltspunkt. Früher sagte man: ich finde keinenAnhaltepunkt, d. h. keinen Punkt, wo ich mich anhalten könnte (vgl.Siedepunkt,Gefrierpunkt). Daneben hatte man in demselben Sinne das SubstantivAnhalt; man sagte: dafür fehlt es mir an jedemAnhalt. Aus beiden aber nun einenAnhaltspunktzu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu denAnhaltepunktenauf den Eisenbahnen. Als obAnhaltepunktnicht ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo mansich anhält, wie die, wo mananhält!
[48]In Leipzig hält man sich einKindermädchen, auch wenn man nur ein Kind hat, in Wien eineKindsmagd, auch wenn mansechsKinder hat.
[48]In Leipzig hält man sich einKindermädchen, auch wenn man nur ein Kind hat, in Wien eineKindsmagd, auch wenn mansechsKinder hat.
[49]Wofür man in Süddeutschland auchWartsaal,Singstundesagt, wie nebenBindemittelauchBindfadensteht.SchreibpapierundSchreibpultspricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen; man hört immer nur:Schreipapier. Darum ist wohlSchreibepapiervorzuziehen.
[49]Wofür man in Süddeutschland auchWartsaal,Singstundesagt, wie nebenBindemittelauchBindfadensteht.SchreibpapierundSchreibpultspricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen; man hört immer nur:Schreipapier. Darum ist wohlSchreibepapiervorzuziehen.
[50]Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.
[50]Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.
[51]Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen nicht.
[51]Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen nicht.
[52]Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben nur wenige das s nicht:liebreich,liebevoll,liebeglühend,liebetrunken,liebedienerisch,Liebedienerei, einige wohl deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.
[52]Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben nur wenige das s nicht:liebreich,liebevoll,liebeglühend,liebetrunken,liebedienerisch,Liebedienerei, einige wohl deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.
[53]Wie man auch das Haus eines Mannes, derPlankhieß, dasPlänkische Hausnannte, die Mühle in dem DorfeWahrendieWährische Mühle.
[53]Wie man auch das Haus eines Mannes, derPlankhieß, dasPlänkische Hausnannte, die Mühle in dem DorfeWahrendieWährische Mühle.
[54]Daneben freilich auch schon vomManesse-Kodex! Es wird immer besser. Vielleicht wird nächstens auch noch derFarnesische Herkulesin einenFarnese’schenverwandelt, und derBorghesischeFechter in einenBorghese’schen.
[54]Daneben freilich auch schon vomManesse-Kodex! Es wird immer besser. Vielleicht wird nächstens auch noch derFarnesische Herkulesin einenFarnese’schenverwandelt, und derBorghesischeFechter in einenBorghese’schen.
[55]Auch die guten Pfefferkuchen, dieAachner Printen, sollen früher in Aachen selbstAacher Printengeheißen haben. In vielen ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner, Meißner, Posner usw. Aber die gutenGießerhätten sich keineGießener Neuesten Nachrichtenaufnötigen zu lassen brauchen.
[55]Auch die guten Pfefferkuchen, dieAachner Printen, sollen früher in Aachen selbstAacher Printengeheißen haben. In vielen ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner, Meißner, Posner usw. Aber die gutenGießerhätten sich keineGießener Neuesten Nachrichtenaufnötigen zu lassen brauchen.
[56]Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht haben.
[56]Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht haben.
[57]Freilich sind Formen wieJenaerundGeraerauch nicht besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache beliebten Adjektivbildungen aufaisch:Grimmaisch,Tauchaisch,Bornaisch,Pirnaisch. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die StädteGrimme,Tauche,Borne,Pirneund so auch nur die AdjektivbildungenGrimmisch,Tauchisch,Bornisch,Pirnisch, und es wäre zu wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen. Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten. Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?
[57]Freilich sind Formen wieJenaerundGeraerauch nicht besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache beliebten Adjektivbildungen aufaisch:Grimmaisch,Tauchaisch,Bornaisch,Pirnaisch. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die StädteGrimme,Tauche,Borne,Pirneund so auch nur die AdjektivbildungenGrimmisch,Tauchisch,Bornisch,Pirnisch, und es wäre zu wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen. Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten. Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?
[58]Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte Verbindungen, wie: eineoffne Frage, einzweifelhaftes Lob, einfrommer Wunsch,blinder Lärm, auseinanderreißt, das Prädikat zum Subjekt macht und schreibt:die Frage, ob das Werk fortgesetzt werden sollte, war lange Zeiteine offne–dieses Lobist dochein sehr zweifelhaftes–dieser Wunschwird wohl ewigein frommer(!) bleiben –der Lärmwar zum Glück nurein blinder(!).
[58]Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte Verbindungen, wie: eineoffne Frage, einzweifelhaftes Lob, einfrommer Wunsch,blinder Lärm, auseinanderreißt, das Prädikat zum Subjekt macht und schreibt:die Frage, ob das Werk fortgesetzt werden sollte, war lange Zeiteine offne–dieses Lobist dochein sehr zweifelhaftes–dieser Wunschwird wohl ewigein frommer(!) bleiben –der Lärmwar zum Glück nurein blinder(!).
[59]Vgl. einSchock frischeEier – einDutzend neueHemden – eineFlasche guterWein – mitein paar gutenFreunden – mit einbißchen fremdländischemSprachflitter.
[59]Vgl. einSchock frischeEier – einDutzend neueHemden – eineFlasche guterWein – mitein paar gutenFreunden – mit einbißchen fremdländischemSprachflitter.
[60]Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen gründlich erörterte!
[60]Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen gründlich erörterte!
[61]Nur in Süddeutschland und Österreich wirdwelcherauch gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch – da grassiert es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“welcher. In Mittel- und Norddeutschland aber spricht es niemand.
[61]Nur in Süddeutschland und Österreich wirdwelcherauch gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch – da grassiert es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“welcher. In Mittel- und Norddeutschland aber spricht es niemand.
[62]Umwelcherzu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden, daß sie es – sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.
[62]Umwelcherzu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden, daß sie es – sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.
[63]Wenn man nichtder deroderdie dieschreiben dürfte, dann dürfte man auch nicht schreiben:an andrer Stelle,ein einzigesmal,bei beiden Gelegenheiten,mit mitleidiger Miene. Sehr oft entsteht übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung: ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beidenderoderdieoderdasgehört, wird verschoben und erst beim Verbum nachgebracht:alleÄnderungen,die dieSchulesichhat gefallen lassen – die Grundsätze, andie dieRevisionsichgebunden hat – die Aufgaben,die diewirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeitunsstellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen,die sich dieSchule hat gefallen lassen.
[63]Wenn man nichtder deroderdie dieschreiben dürfte, dann dürfte man auch nicht schreiben:an andrer Stelle,ein einzigesmal,bei beiden Gelegenheiten,mit mitleidiger Miene. Sehr oft entsteht übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung: ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beidenderoderdieoderdasgehört, wird verschoben und erst beim Verbum nachgebracht:alleÄnderungen,die dieSchulesichhat gefallen lassen – die Grundsätze, andie dieRevisionsichgebunden hat – die Aufgaben,die diewirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeitunsstellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen,die sich dieSchule hat gefallen lassen.
[64]Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist ganz dem Lateinischen nachgeahmt.
[64]Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist ganz dem Lateinischen nachgeahmt.
[65]Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender:eineder größtenSchwierigkeitenfür das Verständnis unsrer Vorzeit,diemeist gar nicht gewürdigtwird. Hier muß eswirdheißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich aufeine; der Sinn ist: und zwareine,diemeist gar nicht gewürdigt wird.
[65]Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender:eineder größtenSchwierigkeitenfür das Verständnis unsrer Vorzeit,diemeist gar nicht gewürdigtwird. Hier muß eswirdheißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich aufeine; der Sinn ist: und zwareine,diemeist gar nicht gewürdigt wird.
[66]Habewäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den dialektischen Konjunktiv des Präsens haben:ich häbe,wir häben,sie häbenund daher den Konjunktivich habe,wir haben,sie haben, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich alshäbeverstehen und vielleicht auch so – aussprechen. Die mögen dann nichts davon wissen,habedurchhättezu ersetzen, und behaupten, sie könntenhättenur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und Norddeutschland fühlen eben anders.
[66]Habewäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den dialektischen Konjunktiv des Präsens haben:ich häbe,wir häben,sie häbenund daher den Konjunktivich habe,wir haben,sie haben, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich alshäbeverstehen und vielleicht auch so – aussprechen. Die mögen dann nichts davon wissen,habedurchhättezu ersetzen, und behaupten, sie könntenhättenur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und Norddeutschland fühlen eben anders.
[67]Im Konjunktiv Futuri vonwerdenzuwürdenauszuweichen ist freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dannwürdenals Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit von Abgeordneten entsendenwerden. In solchen Fällen kann man sich aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die Wählerschaft entsendenwerde.
[67]Im Konjunktiv Futuri vonwerdenzuwürdenauszuweichen ist freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dannwürdenals Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit von Abgeordneten entsendenwerden. In solchen Fällen kann man sich aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die Wählerschaft entsendenwerde.
[68]Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch den – Indikativ des Imperfekts auszudrücken: wenn ich Geldhatte,kamich. Das klingt aber der Angabe einer wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (jedesmal,wennich Geldhatte,kamich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache besser vermeidet.
[68]Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch den – Indikativ des Imperfekts auszudrücken: wenn ich Geldhatte,kamich. Das klingt aber der Angabe einer wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (jedesmal,wennich Geldhatte,kamich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache besser vermeidet.
[69]Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ichnicht wüßte–nichtdaß es dem Vater an trefflichen Eigenschaftengefehlt hätte.
[69]Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ichnicht wüßte–nichtdaß es dem Vater an trefflichen Eigenschaftengefehlt hätte.
[70]In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn dahin – durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; – mir ist,als obich längst gestorbenbin(!) – undziehe(!) selig mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die Lippen. – Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt werden, z. B. hörten wir ein Geräusch,wie wennin regelmäßigen Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brettfällt, d. h. wie man es hört,wennein Wassertropfenfällt(Schiller im Taucher:wie wennWasser mit Feuersich mengt). Hier ist selbstverständlich der Indikativ am Platze.
[70]In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn dahin – durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; – mir ist,als obich längst gestorbenbin(!) – undziehe(!) selig mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die Lippen. – Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt werden, z. B. hörten wir ein Geräusch,wie wennin regelmäßigen Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brettfällt, d. h. wie man es hört,wennein Wassertropfenfällt(Schiller im Taucher:wie wennWasser mit Feuersich mengt). Hier ist selbstverständlich der Indikativ am Platze.
[71]In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloßezuausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mitum zuist die jüngere.
[71]In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloßezuausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mitum zuist die jüngere.